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FAKTEN – QUELLEN – ZUSAMMENHÄNGE

Wissen – Glauben – Zweifeln
Naturwissenschaft und Religion – Theologie (auch jüdische Überlieferung) – Religionskritik – Kreationismus – Evolution – Kosmologie – Chaosforschung …

zusammenstellung: joachim krause, hauptstr. 46, 08393 schönberg, tel. 03764-3140

 

 

(Ergänzungen:
A) eine weitere Sammlung von Quellen und Zitaten zum Themenbereich „Naturwissenschaft – Philosophie – Religion“ wurde im Zusammenhang mit einer Schulbuchstudie angelegt – bitte HIER klicken http://www.krause-schoenberg.de/SB30A_schulbuchanalyse_zitatensammlung.htm
B) Zitate von bekannten Naturwissenschaftlern zum Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft finden Sie in der Sammlung „Wenn Naturwissenschaftler von Gott reden …“ bitte HIER klicken http://www.krause-schoenberg.de/SB17_nwler_und_gott.htm

C) Eine ausführliche Sammlung von Zitaten von Charles Darwin aus seinen Büchern und Briefen finden Sie HIER: http://www.krause-schoenberg.de/SB22_zitate_darwin.htm

D) Eine Sammlung von Zitaten von Ernst Haeckel aus seinen Büchern „Die Lebenswunder“ und „Die Welträthsel“ finden Sie HIER: http://www.krause-schoenberg.de/SB37_haeckel_zitate.htm

 

 

 

begonnen: Anfang 2005 (wenige ältere „Funde“ am Anfang der einzelnen Kapitel)
abgeschlossen mit Stand von Januar 2018

die neuesten Eintragungen finden Sie jeweils am Ende der einzelnen Themenbereiche farbig gekennzeichnet

 

 

(Die folgende Materialsammlung können Sie auch als PDF-Datei downloaden)

 

 

Einzelbereiche hier direkt anklicken:

·         Naturwissenschaft allgemein, Wissen, Erkenntnis

·        Biologie

·        Evolution

·        Physik

·        Kosmologie

·        Chaosforschung

·        Risikoforschung

·        christliche Theologie

·        jüdische Theologie; Judentum

·        Islam

·        zum Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft

·         Kreationismus, Intelligent Design

·         Religiosität, Religionen, (andere) Religionen

·         glaubenskritisch: Zweifler, Atheisten, Agnostiker, Unitarier

·        Eugen Drewermann: Schöpfungstheologie (Zitate aus 3 Büchern)


Naturwissenschaft allgemein, Wissen, Erkenntnis

 

 

·         Unsere Intuition (unser „ratiomorpher Apparat“) ist auf eine Welt der mittleren Dimensionen, auf den Mesokosmos geprägt. Welt der mittleren Dimensionen: mittlerer Entfernungen und Zeiten, kleine Geschwindigkeiten und Kräfte, geringe Komplexität;
Naturgesetze sind (Beschreibungen von) Regelmäßigkeiten im Verhalten realer Systeme.;
manche Naturgesetze inzwischen als nur näherungsweise oder eingeschränkt gültig erkannt (Galileis Fallgesetze, Keplers Planetengesetze, Newtons Gravitationsgesetz);
In gewissem Sinne gehören alle Naturgesetze, die wir kennen, zu den Randbedingungen eben dieses Kosmos.;
Zufallsprozesse (warum der Mond bei einer Mondfinsternis die Sonne genau abdeckt, warum ein Kind die Augenfarbe der Mutter, aber die Haarfarbe vom Vater hat, warum ein freies Neutron jetzt zerfällt);
1875 fragt ein Abiturient den Physikprofessor Jolly in München, ob er Physik studieren solle, Jolly rät ab: dort gebe es nichts wesentlich Neues mehr zu entdecken, der junge Mann studiert doch Physik und wird zum Urheber der wohl größten Revolution, welche die Physik je erlebt hat, der Quantenmechanik, er heißt Max Planck;
Die Kosmologie ist ein Teil unserer Kultur wie die Musik – und macht wie sie Spaß (Kippenhahn);
(Gerhard Vollmer: Wieso können wir die Welt erkennen?, Hirzel Stuttgart 2003, S.21, 149, 151, 162, 173f, 284, 295)

·         alle Wissenschaft ist fehlbar, vorläufig, hypothetisch;
notwendige Kriterien zur Beurteilung von Theorien: Zirkelfreiheit, Widerspruchsfreiheit, Erklärungswert, Prüfbarkeit, Testerfolg; wünschbar darüber hinaus: Einfachheit, Anschaulichkeit, Breite, Tiefe, Lückenlosigkeit, Präzision, Axiomatisierbarkeit, Anwendbarkeit ...; siehe ausführlicher auch S. 101;
alle diese Kriterien reichen nicht aus, die einst erträumte Sicherheit wissenschaftlicher Erkenntnis wiederherzustellen, sie können aber doch dazu dienen, wissenschaftliche Hypothesen als zulässig und bewährt, sogar als zuverlässig oder vertrauenswürdig auszuzeichnen;
Selbst ein so gut bewährter, bisher nie widerlegter und in die gesamte Naturwissenschaft eingebundener Satz wie der Energiesatz könnte sich eines Tages doch als falsch erweisen. Auch Behauptungen über Unmögliches stehen deshalb grundsätzlich unter dem Vorbehalt möglichen Irrtums.;
Biologie liefert keine moralischen Normen. Falsch wäre es, alle Forschung verbieten zu wollen, weil deren Ergebnisse möglicherweise einmal missbraucht werden könnten. Es lässt sich ganz klar und knapp sagen, was dabei von der Wissenschaft übrig bliebe: nichts. Auch Mathematik wird angewandt, und selbst die vermeintlich so unschuldigen Primzahlen finden in Codierungssystemen praktische und sogar militärische Verwendung... Aus Fakten (der Erfahrungswissenschaften) lassen sich Normen nicht gewinnen ... naturalistischer Fehlschluss: allein aus der Tatsache, dass ein Verhalten sich in der Evolution herausgebildet und somit bewährt hat, folgt beispielsweise noch nicht, dass es gut oder richtig wäre. Das Natürliche ist nicht automatisch auch schon das Richtige.;
der Vermutungscharakter allen Tatsachenwissens, auch der wissenschaftlichen Erkenntnis;
Wirklichkeitserkenntnis ist eine adäquate (innere) Rekonstruktion und Identifikation äußerer Objekte.;
Die realen Objekte werden – durch Licht, Schallwellen, chemische Substanzen, Wärmestrahlung oder Gravitationsfelder –projiziert auf unsere Sinnesorgane, die meist auf der Körperoberfläche liegen. Auch technische Geräte, Beobachtungs- und Messinstrumente, Fernrohre, Mikrophone, Thermometer, Kompass oder Geigerzähler, dienen lediglich der Verbreiterung dieses Projektions-„Schirmes“, der Übersetzung von Projektionssignalen in solche, die unser natürlicher Apparat verarbeiten kann.;
Unser Gehirn ist freilich nicht als Erkenntnisorgan, sondern als Überlebensorgan entstanden.;
(Gerhard Vollmer: Biophilosophie, Reclam Stuttgart, 1995, S.38, 53, 55, 100, 108, 111, 128)

·         Naturwissenschaften sind trotz einer Menge gesicherter Messdaten nicht im Besitz eines kompletten Wissens über die Entstehung und Entwicklung des Universums. Es klaffen noch gewaltige Lücken. Die Erkenntnisse über unseren Kosmos finden ihren Niederschlag vielmehr in einer Vielzahl von Hypothesen und Theorien, welche die Abläufe möglichst genau zu beschreiben versuchen. Allerdings unterliegen diese Theorien strengen Kriterien:
- ihre Aussagen müssen den fundamentalen Gesetzen des Mikro- und Makrokosmos, der Teilchenphysik, der Quantenphysik und der allgemeinen Relativitätstheorie genügen
- sie müssen das gegenwärtige Erscheinungsbild des uns zugänglichen Universums im Einklang mit den Beobachtungs- und Messergebnissen der Astronomen qualitativ und quantitativ eindeutig erklären lassen;
eine Theorie verliert sofort ihre Gültigkeit, sobald sich aufgrund neuer Erkenntnisse oder Messergebnisse einer ihrer Prozesse als falsch erweist
(Lesch/Müller: Big Bang zweiter Akt – Auf den Spuren des Lebens im All, Bertelsmann München 2003, S.91)

·         Manche der vorgebrachten Ansichten sind höchst spekulativer Art und einige werden sich sicherlich als irrig erweisen; aber ich habe in allen Fällen die Gründe angeführt, welche mich mehr zu der einen oder der anderen Ansicht veranlassten. .... unrichtige Ansichten, die einigermaßen von Beweisen unterstützt werden, können nur wenig schaden, denn jedermann findet ein heilsames Vergnügen darin, ihre Unrichtigkeit zu erproben. Und ist dies geschehen, so wird dadurch der Weg zum Irrtume verlegt und oft auch gleichzeitig ein Weg zur Wahrheit geöffnet;
(Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die Zuchtwahl in geschlechtlicher Beziehung, Reclam Leipzig o.J., Bd. II - S.409)

·         Grundprobleme der Menschheit – noch immer ungelöst:
Wie entstand das Universum?
Woher kommt das Leben?
Was ist Bewusstsein?
(GEO 9/1999 S.144)

·         Einstein: „Naturgesetze sind freie Erfindungen des menschlichen Geistes.“;
Sie müssen sich aber bewähren, treffende Vorhersagen machen und Beobachtungen erklären.
(bdw 12/2003 S.47)

·         ... Forschungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, die in den letzten Jahrhunderten so bedeutsame Ergebnisse erbracht und damit einen echten Fortschritt der gesamten Menschheit gefördert haben
(Fides et ratio, Enzyklika von Papst Johannes Paul II. vom 14.9.1998, Bonn, S.30)

·         dass es in der Regel nicht die Beobachtungen sind, die sich in der Entwicklung der Wissenschaften als falsch erweisen, sondern fast immer nur die hinzugefügte Erklärung;
eine für sich allein stehende Theorie läuft eher Gefahr, widerlegt zu werden; Theorien gewinnen nur mit und innerhalb von Theorien bestimmte Grade von Gewissheit (System der irdischen Mechanik und Gravitation von Galilei und Newton); meist werden (isolierte, nicht in Systeme eingebundene) „Mikrotheorien“ entwickelt, um den eigenen Beobachtungen den Status von Wissenschaftlichkeit anzudichten;
Theorie von allem? von unserem Erfahrungsbereich (mittlere Dimensionen) aus zwei Theoriegebäude - zum Kosmos und zu den Quanten, die sich bisher nicht zusammenführen lassen;
gibt es ewige Gesetze, die (schon) immer wirken, oder treten sie erst auf bestimmten Stufen der Entwicklung in die Wirklichkeit ein (physikalische früher als biologische)?
(Rupert Riedl: Zufall, Chaos, Sinn; Kreuz Stuttgart 2000, S.174ff.)

·         Naturgesetze sind nicht zeitlos gültig, gebunden an die Existenz bestimmter Bedingungen, es gibt kein Naturgesetz ohne Anwendungsbereich,
(Dürr HP u.a.: Gott, der Mensch und die Wissenschaft, Augsburg 1997, S.51,)

·         erinnern uns Wissenschaftler immer wieder daran, dass das „Gesetz“ von Ursache und Wirkung ein „Glaubensartikel“ ist;
Naturwissenschaft: nicht letzte Wahrheiten, Suche nach tieferem Verständnis der Natur, kein Urteil, sondern „Standardmodell“ als von den meisten Experten derzeit akzeptierter Sachstand, approximative Theorien (funktionieren in manchen Bereichen zufriedenstellend), effektive Theorien (damit kann man ganz gut arbeiten);
Werner Heisenberg: „Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur“;
Religion, Kunst, Philosophie, Musik, Dichtung, Literatur;
die Künste und die Geisteswissenschaften haben die Grenzen der menschlichen Erfahrung erweitert und uns Einsichten und Erklärungen vermittelt, denen unverkennbar Wahrheit anhaftet, sie befassen sich mit dem Unerklärlichen, Abseitigen, Nichteinordenbaren, Unvorhersehbaren, Sinnlosen, Einmaligen, Einzigartigen, Wunderbaren, Absurden und Irrationalen;
Hawkings Theorien: er selbst bezeichnet es nicht einmal als Theorie, nur als Vorschlag; es ist ein spektakuläres, wildes Phantasiegebilde
(Kitty Ferguson: Gott und die Gesetze des Universums, Econ Düsseldorf 2002, S.29,47,67,120,169)

·         Die Naturwissenschaften spiegeln nicht die Natur, sie zeigen nicht das, was sichtbar ist. Sie erklären etwas, das wir sehen (wie ein Apfel fällt) durch etwas, was wir nicht sehen (Schwerkraft der Erde); Die Naturwissenschaftler bringen im Bereich des Sichtbaren Fenster an, um uns die Möglichkeit zu geben, die Natur in diesem Rahmen zu durchschauen.
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003, S.17)

·         Bacon: Wissen ist Macht – dialektisch: Ich kann mir die Natur unterwerfen, wenn ich mich zuvor der Natur unterwerfe (Subjekt von subicere = unterwerfen);
der Naturwissenschaftler muss sich (oft) den sinnlichen (augenscheinlichen) Zugang zur Welt untersagen, die Weltbeschreibung ist dann aber nicht mehr sinn-voll; Spaltung zwischen der sinnlichen und der begrifflichen Erkenntnis: ich sehe zwar, wie sich die Sonne dreht, weiß aber, dass sich die Erde dreht, und zwar um sich und um die Sonne; die Drehung der Erde um die Sonne nachzuweisen, wurde erst Mitte des 19. Jh. möglich  (anderer Ort am Himmel zu verschiedenen Jahreszeiten messbar);
wird die materiell gegebene Wirklichkeit durch vier Qualitäten charakterisiert, die als Raum, Zeit, Energie und Masse bekannt sind, hängen eng zusammen (Einstein), entspringen dem Urknall; Altertum und Alchemisten sahen die Realität durch vier Elemente bestimmt: Feuer, Wasser, Luft und Erde, die als Zustandsformen einer Ursubstanz gedacht wurden (prima materia);
Umwertung der wissenschaftlichen Werte um 1900 (165):
vor 1900                 nach 1900                    Beispiel
------------------------------------------------------------------------
Objektivität             Subjektivität                 Bahn eines Elektrons
Eindeutigkeit          Doppeldeutigkeit          Natur des Lichtes
Stetigkeit               Unstetigkeit                  Quantum der Wirkung
Anschaulichkeit      Unanschaulichkeit         Spin eines Elektrons
Bestimmtheit          Unbestimmtheit Ort eines Photons;
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003, S.36,53,58,96)

·         Prinzip des Aktualismus (in der Geologie): Wissenschaftler gehen davon aus, dass bestimmte geologische Prozesse seit jeher von den gleichen chemischen und physikalischen Gesetzen gesteuert werden (z.B. Ähnlichkeiten in der Ablagerung von Sandstein) (167)
wissenschaftliche Methode: fünf Schritte:
1. Beobachtung
2. Hypothesenbildung
3. Experiment
4. Schlussfolgerung und Theorienbildung
5. Veröffentlichung der Ergebnisse (530)
(Detlev Ganten u.a.: Leben., Natur, Wissenschaft; Eichborn Ffm. 2003)

·         Eine Theorie ist eine Menge von systematisch geordneten Aussagen über einen Bereich der Wirklichkeit, die sowohl erklärende (explikative) als auch voraussagende (prognostische) Funktion hat.
Eine wissenschaftliche Theorie zeichnet sich dadurch aus, dass sie, mindestens im Prinzip, widerlegbar ist. Sie muss ein Falsifikationskriterium enthalten, oder ein solches muss aus ihr ableitbar sein. (7)
Die Qualität einer Theorie bemisst sich nicht nur nach dem Falsifikationskriterium, auch nicht ausschließlich nach dem Grad der Bewährtheit (wie vielen Widerlegungsversuchen sie standgehalten hat), sondern auch nach
- dem Erklärungsgehalt: wie viele schon bekannte Tatsachen sie in sich aufnehmen kann
- der Plausibilität: mit wie vielen bewährten bzw. allgemein akzeptierten Theorien sie kongruent ist und
- der Parsimonität: „Sparsamkeit“, d.h. wie viele Zusatzannahmen sie erforderlich macht. (9)
Die Erforschung der Geschichte ist der Versuch einer Rekonstruktion von einmaligen Ereignissen, die sich in der Vergangenheit abgespielt haben. Für solche Rekonstruktionsarbeit gibt es keine echte Testbarkeit. Evolutionslehre sowie Geschichtsforschung haben nach Poppers Definition von Wissenschaft als Metaphysik zu gelten. (11)
Eine Theorie wird nicht durch das Aufzeigen von Erklärungslücken, sondern nur durch das Aufzeigen von Widersprüchen widerlegt (19)
(Deutsches Inst. f. Fernstudien Uni Tübingen, Fernstudium Naturwissenschaften, Evolution der Pflanzen- und Tierwelt, 3. Theoretische Grundlagen, 1986)

·         Ohne die Maxwellschen Gleichungen der Elektrodynamik hätten wir weder Radio- noch Röntgengeräte, ohne Albert Einsteins Relativitätstheorie weder GPS noch Satelliten-Wetterbilder, und ohne die Schrödinger- und Dirac-Gleichung in der Quantenmechanik weder CD-Spieler noch Kernspin- und Positronen-Emissions-Tomografie zur Diagnose von Erkrankungen und zur Abbildung von Hirnaktivitäten. ...
Mit Hilfe von Naturgesetzen beschreiben, erklären, prognostizieren und verändern wir die Welt äußerst erfolgreich. ...
Mindestens das Folgende können Naturgesetze leisten – und darin liegt auch ein Erfolgsgeheimnis der modernen Naturwissenschaft:
- allgemeine Anwendbarkeit durch den hohen Informationsgehalt als Allaussagen (im Gegensatz zu umständlichen, situationsspezifischen Einzelaussagen mit unzähligen Ausnahmen)
- sparsame, redundanzfreie Beschreibung von Erfahrungen
- Systematisierung von Beobachtungen
- Erklärung von Erscheinungen
- Prognose künftiger Entwicklungen
- Verständnis unseres Lebensraums (Weltorientierung)
- Einbettung in Theorien, die allesamt die zuvor angeführten Punkte ebenfalls erfüllen ...

(bdw 12/03 S.40)

·         naturalistischer Fehlschluss: bei dem zu Unrecht aus der Tatsache, dass etwas natürlich sei, abgeleitet wird, dass es auch (moralisch) legitim sei (91)
(Detlev Ganten u.a.: Leben., Natur, Wissenschaft; Eichborn Ffm. 2003)

·         Komplementarität (von completum = das Ganze): besagt allgemein, dass ein Phänomen (etwa das Licht) umfassend und in ganzer Fülle nur durch zwei Aspekte verstanden werden kann, die sowohl zusammengehören als auch widersprüchlich sind, für jede Erscheinung gibt es Erklärungen, die gegensätzlich sind und trotzdem gleichberechtigt, die komplementären Theorien einer Sache sind jeweils richtig, aber keine von ihnen allein erfasst die Wahrheit, das können sie nur gemeinsam;
die Eigenschaften von Elektronen bzw. Photonen bleiben solange unbestimmt, bis jemand nach ihnen fragt und das entsprechende Experiment macht (182)
Unbestimmtheitsrelation (nicht: Unschärferelation aus der Rückübersetzung von uncertainty): bei der Ortsmessung von Teilchen müssen Photonen zur Beobachtung benutzt werden, die stoßen das Teilchen an einen anderen Ort bzw. es hat eine andere Geschwindigkeit als vorher (182);
Leben: Vermehrung, Stoffwechsel betreiben, auf Umwelt reagieren (274)
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003, S.179)

·         Metaphysik war zunächst eine werktechnische Bezeichnung für jene Schriften des Aristoteles, die man „hinter die Physik“ reihte, und wurde zur Bezeichnung jener philosophischen Disziplin, die nach den uns grundlegend erscheinenden Dingen „jenseits“ des uns physisch zugänglichen fragt: nach Sein und Nichts, Werden und Vergehen, Wesen und Wirklichkeit, Wahrheit und Wert, Natur, Seele, Geist und Gott;
Bertalanffy hat darauf aufmerksam gemacht, dass erst mit der Vielzelligkeit der Tod in die Welt gekommen ist, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst und mit dem Besitz die Sorge;
Wissenschaft: fachlich ist sie durch Forschung, Lehre und Literatur methodisch gewonnenes und geordnetes Wissen; mit dem Wunsch verbunden, das Erkannte und Geordnete auf Erklärungen zurückzuführen;
Vereinbarung, die Ergebnisse offen zu legen
(Rupert Riedl: Zufall, Chaos, Sinn; Kreuz Stuttgart 2000, S.16,24,168)

·         Die klassische Formulierung der These von der Wertfreiheit der Wissenschaft geht auf Max Weber zurück: „Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur, was er kann“.;
Kosmos: „Schmuck“, etwas, das hergestellt war, das jemand gemacht haben musste;
die Ordnung der Welt kann auf Gott hin deuten, sie ist dafür offen;
Methode der Naturwissenschaft: Beobachter strikt vom Objekt trennen, Vorgänge unter genau definierten Bedingungen beliebig oft wiederholen, mathematische Formulierung der Gesetze, nachprüfbare Prognosen
(Dürr HP u.a.: Gott, der Mensch und die Wissenschaft, Augsburg 1997, S.26,34,41)

·         Dreiphasenregel: dass neue Einsichten zunächst totgeschwiegen, dann bis aufs Messer bekämpft und schließlich für selbstverständlich genommen werden
(Rupert Riedl: Zufall, Chaos, Sinn; Kreuz Stuttgart 2000, S.173)

·         (16) Im Mittelalter fragte man vor allem final: Wozu ist ein Ding da? In der Neuzeit fragt man vor allem kausal: Warum ist ein Ding so, wie es ist? Wie ist es beschaffen, woraus besteht es, und welchen Gesetzen gehorcht es? Will man wissen, was alles ist, muss man wissen, wie alles geworden ist.;
(28f) von Heisenberg formuliertes Gesetz der Unschärfe- oder Unbestimmtheitsrelation. Wenn man weiß, wo ein Elektron ist (Ort), kann man nicht wissen, was es tut (Impuls) ... Ort und Impuls eines Teilchens können nicht gleichzeitig gemessen werden, da die Messung verschwimmt und daher „unscharf“ wird. Die aufregende Entdeckung: Hier gibt es keine physikalische Gewissheit, sondern nur statistische Wahrscheinlichkeit. Die Konsequenz: Wenn es unmöglich ist, den gegenwärtigen Zustand eines Objekts genau (im klassischen Sinn) zu messen, lässt sich auch seine Zukunft nicht exakt voraussagen. Der Zufall ist so ein mit der Quantentheorie notwendig verbundenes Element, das auch durch genauere Beobachtungen nicht eliminiert werden kann.
Aus diesem Grund führte Einstein, wiewohl er ihr schon 1905 mit seiner genialen Lichtquantumhypothese vorgearbeitet hatte, einen hartnäckigen Kampf gegen die Quantentheorie: „Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, dass das doch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt.“;
(38f) Im Juli 2004 jedoch erklärt Hawking ... dass durch Fluktuationen am Rande eines Schwarzen Loches doch Informationen austreten könne. ... Zudem revidierte er die von ihm drei Jahrzehnte lang vertretene Auffassung, das angebliche Verschwinden von Materie und Energie in den Schwarzen Löchern sei mit Paralleluniversen neben unserem Universum zu erklären. Nein, die massiven Strudel, die sich beim Zerfall von Sternen bilden, schickten die von ihnen angesaugte Energie und Materie keinesfalls in ein Paralleluniversum. Alles bleibe in unserem Universum und überdauere in gequetschter Form die Auflösung der Schwarzen Löcher. „Es gibt kein Babyuniversum, wie ich einst dachte.“;
(43) Schon 1935 hatte Karl Popper in seinem einflussreichen Buch „Logik der Forschung“ scharfsinnig die Spielregeln der Gewinnung naturwissenschaftlicher Hypothesen und Theorien analysiert und die Grenzen der induktiven Methode in den empirischen Wissenschaften aufgezeigt. Seine Frage: Wie kommt eigentliche ein Forscher von einzelnen Erfahrungssätzen zu einem Theoriesystem? Wie kommt es überhaupt zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen? Poppers verblüffende Antwort: Gerade nicht durch Verifikation, Bewahrheitung, sondern Falsifikation, Widerlegung. ...
auch die meisten naturwissenschaftlichen Sätze sind empirisch nicht verifizierbar ...
“Auch die Naturgesetze sind auf elementare Erfahrungssätze logisch nicht rückführbar.“;
(44) Das alte Wissenschaftsideal, das absolut gesicherte Wissen, hat sich als Idol erwiesen, oder positiv gesagt: Jeder wissenschaftliche Satz ist vorläufig; er kann sich bewähren – aber jede Bewährung ist relativ.;
(49) Es gibt selbst für einfache Gegenstände wie Tisch oder Fahrrad nicht nur eine, die physikalische, sondern mehrere Erklärungsebenen (auch die funktionale z.B.);
... Diskussion um eine „Theorie für alles“, die, genau besehen, nur eine Theorie für alles Physikalische ist und wenig für das Verständnis Shakespeares, Händels oder auch Newtons beiträgt.;
(50) Bei aller Vielschichtigkeit der Wirklichkeit wird man die verschiedenen Wirklichkeitsschichten nie zu schlechthin verschiedenen Wirklichkeiten erklären dürfen. Bei aller Vieldimensionalität der Wirklichkeit wird man in den verschiedenen Dimensionen die Einheit nicht übersehen dürfen ....
(daher Dualismus kritisch zu sehen);
(51) Ob Physiker oder Philosoph .... jeder Mensch hat es mit mehr als der Vernunft zu tun: mit Wollen und Fühlen, Phantasie und Gemüt, Emotionen und Passionen, die nicht einfach auf Vernunft reduziert werden können.;
(52) Wissenschaftlicher Fortschritt ist längst nicht immer humaner Fortschritt.;
(92) Mikro- wie Makrokosmos lassen sich letztlich nur mit Bildern, Chiffren, Vergleichen, mit Modellen und mathematischen Formeln umschreiben. ...
Der Wirklichkeitsmodus der Kernbausteine, der Protonen und Neutronen, und erst recht der Quarks, ihrer Ups and Downs, ist völlig ungeklärt. Die mit ihnen verbundenen „Flavors“ („Geschmäcker“) oder „“Farben“ waren „in erster Linie spaßhaft gemeint“ (so der „Erfinder“ der Quarks Murray Gellmann), doch dienen „sie zugleich als eine Art Metapher“.;
(148) „de-finieren“ heißt „ab-grenzen“
(Hans Küng: Der Anfang aller Dinge, Naturwissenschaft und Religion, München 2005)

·         (450ff) Unter einer reproduzierbaren (oder objektiven) Aussage versteht man eine Feststellung, die wiederholt in unabhängiger Weise und von verschiedenen Personen getroffen werden kann. Um zu ihr zu gelangen, muss die strenge Gültigkeit der Logik vorausgesetzt werden. Dazu werden folgende Forderungen erhoben:
Unabhängigkeit vom jeweiligen Beobachter,
Unabhängigkeit von Übereinkünften,
Unabhängigkeit von Glaubens- und Wertvorstellungen und von einer Ideologie.
Diese Forderungen können letztlich nicht begründet, sondern nur plausibel gemacht werden; sie sind die „Spielregeln“ der Naturwissenschaft. ...
Eine weitere wichtige „Spielregel“ (Grundannahme, Postulat) für die Naturwissenschaften ist das Kausalitätsprinzip: Jeder Wirkung muss eine Ursache zugrunde liegen und gleiche Ursachen rufen unter gleichen Bedingungen gleiche Wirkungen hervor. ...
+ Beobachten
+ Vergleichen
+ Experimentieren (vorher Arbeitshypothese);
Eine Hypothese ist normalerweise ein (Gedanken-) Modell, das man sich von der Wirklichkeit macht. ...
Eine Hypothese muss geprüft (Übereinstimmung des Modells mit der Wirklichkeit) und, falls nötig, weiter verfeinert werden. Dazu werden aus der H. Vorhersagen abgeleitet, die experimentell nachprüfbar sind. ...
Je nach Ausgang des Experiments wird die Hypothese bestätigt oder als falsch erkannt (falsifiziert). Eine einzige objektive Aussage. die mit der Hypothese unverträglich ist, führt zu deren Ablehnung. Dagegen kann eine H. nie endgültig verifiziert werden (d.h. ihre Wahrheit erwiesen werden); durch jede Bestätigung wird ihre Richtigkeit nur wahrscheinlicher ... Eine vielfach bestätigte H. hat sich bewährt. ...
Da Hypothesen nie verifiziert werden können, folgt daraus der hypothetische Charakter aller naturwissenschaftlichen Erkenntnis. ...
Erlaubt eine durch Beobachtung, Experiment und logische Verknüpfung der bekannt gewordenen Einzeltatsachen Schritt um Schritt ausgebaute Hypothese die widerspruchsfreie Einfügung vieler objektiver Aussagen und ist diese vielfach bestätigt, so erhält sie den Rang einer Theorie. ...
Durch fortgesetzte Fehlerkorrektur hoffen wir, uns der Wahrheit zu nähern. Wir wissen aber nicht, ab wann eine Hypothese als hinreichend bewährt angesehen werden darf, um Theorie genannt zu werden. Theorien sind nie endgültig, sondern immer nur richtig nach dem augenblicklichen Stand des Wissens. ...
Bewährte Theorien werden durch neue in der Regel nicht völlig umgestürzt, sondern behalten in eingeschränktem Rahmen (als Spezialfall) ihre Gültigkeit (Beispiel: die Newtonsche Physik geht in der umfassenderen Relativitätstheorie auf JK). ...
Die auf den verschiedenen Gebieten aufgestellten Theorien versucht die Wissenschaft zu einer Einheit, dem naturwissenschaftlichen Weltbild, zusammenzufassen. Dieses Weltbild kann nur ein Teilbild der Welt sein, weil durch die Methode der Naturwissenschaften nichtobjektive Aussagen (Glaube, Wertvorstellungen, Ideologie) ausgeschlossen sind. Außerdem kann es nur ein vorläufiges Bild sein, denn es gibt stets ungelöste Fragen, und alle Theorien werden ständiger Kritik unterzogen.;
(456) Die Evolutionstheorie kann zu folgenden Fragen führen:
- Was ist der Sinn der Evolution?
- Warum hat die Evolution zum Menschen geführt, einem Wesen mit Geist, d.h. mit der Fähigkeit zum Nachdenken und vernünftigem Handeln?
- Was steckt hinter dem, was die Naturwissenschaft als „Zufall“ beschreibt?
Solche Fragen lassen sich mit den Methoden der Naturwissenschaft nicht lösen. Antworten darauf sind dem persönlichen Glauben überlassen.;
Willensfreiheit und Sinn des Seins vermag die Biologie nicht zu deuten.;
(457) Biologie und Ethik
Das Prinzip „Verhelfe möglichst vielen Menschen zum größtmöglichen Glück“ (Nützlichkeitsprinzip) wird als utilitaristisches Prinzip bezeichnet.;
Eine andere Grundregel, von der ausgegangen werden kann, ist das kategorische Prinzip (Kant): „Handle stets so, dass deine Prinzipien Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnten und dass du Menschen (auch dich selbst) stets zugleich als Zweck und niemals nur als Mittel brauchst.“
Max Weber:
Verantwortungsethik: Vorhersehbare Folgen einer Handlung sind abzuschätzen und müssen verantwortet werden. Konkrete Handlungsweisen stehen im Zusammenhang mit der Erfahrung, dem gewonnenen Wissen, und sind veränderbar.
Gesinnungsethik: Entscheidend sind die ethischen Prinzipien, die nach ihrer Akzeptanz vom Einzelnen nicht mehr hinterfragt werden müssen. Verantwortung besteht allein vor dem Gewissen, das diese Prinzipien für sich anerkannt hat.;
Die Biologie kann bei der Diskussion moralischer Probleme nur darlegen, was aus naturwissenschaftlicher Sicht der Fall ist. Die Begründung von Normen ist Sache der Ethik.
(Linder Biologie, Lehrbuch für die Oberstufe, 21. Auflage, Metzler, Schroedel Verlag Hannover, 1998)

·         (143) Dass es trotzdem noch Lücken (in der Evolutionstheorie JK) gibt und wahrscheinlich immer geben wird, ist kein Beweis gegen ihre Richtigkeit. Nur wenn eine Theorie gefunden wird, die die Erscheinungen der lebenden Welt auf andere Weise und besser als die Evolutionstheorie erklärt, wird die Abstammungslehre überholt sein.;
(146) Eine fundierte, lückenlose Argumentation dagegen (in der Evolutionstheorie JK) ist aber mit gewissen Schwierigkeiten verbunden: Die Evolutionstheorie beruht zu einem großen Teil auch auf den Voraussetzungen, die die Geologie liefert, denn die Fossilien finden sich in geologischen Schichten, und die Datierungsmethoden, die die Zeittafel der Evolution bestimmen, sind Datierungsmethoden der Geologen. Diese Verfahren beruhen aber auf der Annahme, dass die Naturgesetze, die heute wirksam sind, schon vor langer Zeit wirksam waren. Das Prinzip wird als Aktualismus oder Aktualitätsprinzip bezeichnet und geht auf den englischen Geologen Charles Lyell zurück, der damit zu Darwins Zeiten die Geologie in neue Bahnen lenkte. Für uns ist dieses Prinzip heute selbstverständlich. Es ist aber ... nicht beweisbar. Der Aktualismus ist ein AXIOM, d.h. ein Satz, der zwar als unmittelbar einsichtig gilt, aber nicht beweisbar ist.;
Eine Theorie wird dann widerlegt, wenn alle Erscheinungen, die sie zu erklären versucht, durch eine andere Theorie besser erklärt werden.
(Hoff/Miram: Materialien für den Sekundarbereich II, Biologie, Evolution, Schroedel Verlag Hannover 1993)

·         (221) In der Kosmologie ist „ein Berg von Theorien auf einem Maulwurfshügel aus Befunden aufgebaut“ (Carr)
(Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem, Goldmann München 2004)

·         (14) Wenn überhaupt, dann kommen bei der Betrachtung der Lebensvorgänge weniger deterministische Gesetze in Betracht, wie sie Kepler und Newton aufgestellt haben. Die überwiegende Mehrzahl der natürlichen Abläufe orientiert sich an Wahrscheinlichkeiten. Sowohl der grundlegende evolutionäre Gedanke à la Darwin als auch die praktischen Vererbungsregeln à la Mendel sind statistischer Natur voller Zufälligkeiten und somit alles andere als festlegend oder bestimmend. ...
Im Leben laufen keine Moleküle auf präzise geordneten und genau berechenbaren Bahnen umher, wie es die Planeten am Himmel tun. ...
(19) dass menschliches Leben durch Attribute wie „einzigartig“ und „unnachahmlich“ charakterisiert werden kann, und gerade davon handeln die Naturwissenschaften in ihrer traditionellen Form nicht. Sie kümmern sich vor allem um Regelmäßigkeiten und wiederholbare Beobachtungen ...
(438) Menschen bestehen zwar aus Molekülen, Zellen und komplexer werdenden Gebilden, aber die Formen und Möglichkeiten, die sie zuletzt zeigen, können nicht allein aus den (naturwissenschaftlichen JK) Gesetzen erklärt werden.  ...
die Entstehung des Menschen ist ein dualer – dialogischer – Vorgang wie die Bildung des Menschen, die auf zwei Weisen ins Visier genommen werden kann – als biologische Entwicklung und als Aneignung von Wissen, was man die Bildung von Menschen nennen könnte.
Lebewesen und ihre Fähigkeiten lassen sich nur im Hin und Her der Ebenen – konsequent komplementär und dadurch dialogisch – verstehen, aus denen sich die reale Welt aufbaut bzw. aufbauen lässt. und je höher man steigt, desto wichtiger wird – neben der Kausalität – das historische Moment.;
(439) Als die frühen Vertreter der exakten Wissenschaften im frühen 17. Jh. ihr Ziel formulierten, mit Wissen Macht über die Natur zu gewinnen, bedeutete dies zugleich, dass sich die Menschen den Naturgesetzen unterwerfen (subiacere) mussten, um sie nutzen zu können.;
(448) Menschen haben sich vor allem als Subjekte entwickelt. Diese stolze Bezeichnung mit der ursprünglichen Bedeutung des Unterwerfens weist auf die wesentliche Tatsache hin, dass wir nicht tun können, was uns beliebt und vielmehr von den Dingen um uns herum in dem Sinne abhängen, dass sie mit zu unserer Bildung (Evolution) beigetragen haben.
(Ernst Peter Fischer: Die Bildung des Menschen -  was die Naturwissenschaften über uns wissen; Ullstein Berlin 2006)

·         (30) Man schätzt die Zahl der heute lebenden Arten auf zwei Millionen. Etwa hundertmal so viele, also rund 200 Millionen, sind bereits wieder ausgestorben. Alle Arten unterscheiden sich voneinander in mehreren Merkmalen. Es gibt also so unglaublich viele Merkmale bei Organismen, dass eine vollständige phylogenetische Erklärung über Doppelfunktionen nicht für alle Merkmale erhofft werden kann. In diesem Sinne wird die Evolutionsbiologie immer unvollständig und lückenhaft bleiben.
(36) Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses seien für den Physiker die Naturgesetze, für den Biologen dagegen die individuellen Randbedingungen. Was den Physiker an einem Doppelsternsystem interessiert, ist das, was es mit anderen Doppelsternsystemen oder mit anderen gravitativ gebundenen Systemen gemeinsam hat. Den Biologen dagegen interessiert an seinen Forschungsobjekten gerade das Besondere, Individuelle, Einmalige; für ihn ist das Typische, das Auffällige, das „Spezifische“ einer biologischen Spezies nicht das, was sie mit anderen Arten verbindet, sondern das, was sie von allen Arten unterscheidet.
(Gerhard Vollmer: Die Unvollständigkeit der Evolutionstheorie, in: Kanitscheider, B. (Hrsg.): Moderne Naturphilosophie, Würzburg 1984)

·         (49) die prinzipielle naturwissenschaftliche Frage-, Antwort- und Präzisionsoffenheit
(Ulrich Lüke: Das Säugetier von Gottes Gnaden, Evolution-Bewusstsein-Freiheit, Herder Freiburg  2006)

·         mit sehr seltenen Phänomenen, etwa den Kugelblitzen, haben die Naturwissenschaftler ihre liebe Not. Und für genuine Einzelerscheinungen – zum Beispiel für meinen  Traum gestern Nacht – sind sie schlicht nicht zuständig. Ihre Domäne liegt dort, wo sich etwas unter gleichen Bedingungen immer und immer wieder einstellt oder bei vielen gleichartigen Objekten – Tieren, Sternen oder Elementarteilchen – immer wieder auftritt.
Dem Ordnen dieser nackten Beobachtungstatsachen zu Regelmäßigkeiten folgt dann das Ordnen der Regelmäßigkeiten zu Theorien und Naturgesetzen.. ... Ein Phänomenkomplex, der einem Naturgesetz zugeordnet – moderner formuliert: durch eine fundamentale wissenschaftliche Theorie erklärt werden kann – ist sozusagen maximal aufgeräumt.;
die Frage, ob es viele Universen gibt, wird sich schwerlich im Rahmen einer Wissenschaft beantworten lassen, die noch irgendeinen Wert auf empirische Überprüfung ihrer theoretischen Modelle legt. Physiker, die es dennoch versuchen, müssen sich sagen lassen, dass das, was sie da tun, keine Naturwissenschaft ist, sondern (bestenfalls) Naturphilosophie ... ehrlicherweise darauf verzichten, solchen Überlegungen, und seien sie in mathematische Formalismen gekleidet, den Anschein höherer Rationalität zu geben;
Unser naturwissenschaftliches Weltbild muss daher immer unvollständig bleiben – eben weil es ein naturwissenschaftliches ist.
(VW Magazin Stadtansichten ORDNUNG S.22)

·         Kant: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“
(Spiegel 20/06 S.185)

·         (8) EP Fischer:
zu jeder Zeit kennt das aktuelle Wissen Grenzen, gegen die es gezielt anrennt, ohne angeben zu können, ob sie – als „boundery“ – zu überwinden, oder – als „limit“ – nur zu konstatieren sind;
Beschränkungen heute zusätzlich: ethische und ökonomische Grenzen;
zu teure Geräte in der Hochenergiephysik: wenn es Theorien gibt, die sich nicht mehr experimentell überprüfen lassen, verschwindet die Möglichkeit, sie „wissenschaftlich“ zu bewerten;
(Spektrum der Wissenschaft Dossier „Grenzen des Wissens“, 2002)

·         (68) Thomas Henry Huxley (1825 – 1895): „Die Tragödie der Wissenschaft – das Erschlagen einer schönen Hypothese durch eine hässliche Tatsache.“
(121) Mendel: Gene als „Atome der Vererbung“; vielleicht war die wissenschaftliche Welt wirklich erst ab 1900 dafür reif, sich eine Welt vorzustellen, die aus getrennten (diskreten) Teilen aufgebaut war – Quantenhypothese Planck
(Ludwig Schultz, Hermann-Friedrich Wagner (Hrsg.): Die Welt hinter den Dingen, WILEY-VCH Weinheim, 2006)

·         (45) der Astrologe Cardano ahnt, dass seine Art, die Methoden offenzulegen, für die Wissenschaft nicht unbedingt nützlich sein müsse, denn „was jedermann weiß, büßt eben deswegen in unseren Augen an Wert ein, auch wenn es an sich wohl sehr kostbar ist. Das ist der Grund, weshalb die Priester ihre Zeremonien gern im dunklen lassen: Wenn sie nicht mit dem Schleier des Geheimnisses umhüllt wären, würde man sie für wertlos halten“.
(99) Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“
(106) Mathematik war, als Gauss studierte, 1795 in Göttingen noch in die philosophische Fakultät eingegliedert;
(212) Quantenphysik: Im Innersten der Welt sind keine Wirklichkeiten, sondern nur Möglichkeiten, und sie nehmen erst dann ihre aktuelle Form an, wenn von außen ein Eingriff – eine Beobachtung – erfolgt.
(223) Max Planck: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben, und dass die heranwachsende Generation von vorneherein mit der Wahrheit vertraut gemacht wird.“
(Ernst Peter Fischer: Leonardo, Heisenberg & Co., Piper TB München 2004)

·         (Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis)

„Anfang, Ursprung“

Die Frage nach dem Anfang und Ursprung ist natürlich keine wissenschaftliche Frage. Zwar sind viele Menschen fasziniert von den vier großen Fragen nach dem Ursprung des Universums, des Lebens, des Menschen und des Bewusstseins, doch diese Faszination beruht eher auf den religiösen Konnotationen dieser Fragen als auf einem Interesse an den Antworten, die unsere Wissenschaften darauf geben. Denn, genau gesagt, geben die Wissenschaften darauf keine Antwort. Und das hat seine Gründe. Jede dieser Entitäten – das Universum, das Leben, der Mensch, das Bewusstsein – existiert als solche auf der Ebene ihrer Entstehung nur im Rahmen der philosophischen oder religiösen Fragestellung, aber nicht im Zusammenhang einer wissenschaftlichen Realität …
Wer vom Ursprung des Universums spricht, der meint, dass es eine Zeit gab, da das Universum seinen Anfang nahm. Dieser Ausdruck setzt voraus, dass die Zeit außerhalb des UNIVERSUMS existiert, dass es eine absolute, gleichsam göttliche Zeit gibt. Die Physik lehrt uns aber, dass Raum, Zeit und Materie untrennbar miteinander verbunden sind … Für Physiker hat es deshalb gar keinen Sinn, von einem Anfang oder Ursprung des Universums im zeitlichen Sinne zu sprechen; sie vermögen nur die Veränderungen des bereits existierenden Universums zu beschreiben. Ein zeitlicher „Nullpunkt“ ist nur eine Konvention, die aus Gründen der leichteren mathematischen Behandlung eingeführt wird.
Die wissenschaftliche Erforschung des Ursprungs des Lebens konzentriert sich auf die Bedingungen, die dessen Entstehung ermöglicht haben. Da Leben durch die Fähigkeit definiert ist, sich zu reproduzieren, durch eine Fähigkeit also, die das Leben bereits voraussetzt, können wir uns aus dem darin enthaltenen circulus vitiosus nur befreien, indem wir uns den physikalischen und chemischen Eigenschaften der Grundbausteine des Lebens zuwenden. Stehen am Anfang des Lebens einfache Moleküle? Ist die Biologie letztlich auf die Chemie zurückzuführen? Falls man diese Frage bejaht, verlagert sich die Frage nach dem Ursprung des Lebens in ein anderes Fachgebiet, die Chemie. Aber hat der Begriff des Lebens dann überhaupt noch einen Sinn?
Die beiden letzten Ursprungsfragen betreffen das Wesen des Menschen ...
Wollen wir die Frage nach der Entstehung des Menschen im Rahmen der Evolution beantworten (an welchem Punkt der Entwicklung löste er sich von der Abstammungslinie unserer nahen Verwandten, der großen Primaten?), müssen wir wissen, aufgrund welchen Kriteriums wir wirklich von einem Menschen sprechen können.
Die Frage nach dem Ursprung des Bewusstseins wiederum (ab welchem Punkt der individuellen Entwicklung besitzt ein menschliches Wesen ein Bewusstsein, das seine Menschlichkeit ausmacht und ihm seine Einzigartigkeit verleiht?) hat nur dann Sinn, wenn wir genau angeben können, was „Bewusstsein“ bedeutet. …
Die Naturwissenschaft ist in ihrem Element, wenn es darum geht, Veränderungen zu analysieren und zu verstehen; die Frage nach der Entstehung von Dingen aus dem Nichts, der creatio ex nihilo, bildet dagegen eine Grenze, jenseits derer die Wissenschaft keine Antworten zu geben vermag.

Schöpfung“
… Selbst wenn die Modelle der Kosmologie für die fernste Vergangenheit des Universums einen Zustand vorsehen, der sich durch solch eine Dichte und so außergewöhnliche Eigenschaften auszeichnete, dass man ihn mit dem aus der Mathematik übernommenen Begriff der SINGULARITÄT bezeichnet, spricht doch nichts dafür, diesen Zeitpunkt, jenseits dessen die uns vertraute Zeitvorstellung keine Geltung mehr besitzt, mit einer Entstehung aus dem Nichts gleichzusetzen. Auch die Singularität ist kein Schöpfungsvorgang. Den Gebrauch dieses Begriffs müssen wir den Metaphysikern und Theologen überlassen und die Wissenschaft bescheiden, aber auch erfreut auf den Bereich der Transformationen beschränken, über die im Übrigen noch nicht das letzte Wort gesagt ist.

„Hypothese, Theorie“
… Die großen Umwälzungen in der Geschichte der Wissenschaft zwingen die Forscher, sehr vorsichtig mit dem Begriff der Wahrheit umzugehen. Da der Aufbau der Welt sich ihnen nicht a priori erschließt, müssen sie eingestehen, dass der wissenschaftliche Diskurs über die Welt bestenfalls eine theoretische Erklärung liefert, die für den Augenblick Geltung beansprucht, aber jederzeit durch neue Beobachtungen und EXPERIMENTE widerlegt werden kann.
Auch wenn eine Theorie ... ein allgemeines Weltbild darstellt, in dessen Rahmen wissenschaftliche Methoden Anwendung finden, handelt es sich dennoch um eine Hypothese, die man in den Rang einer Theorie erhoben hat, weil sie so umfassend ist und so viele Fachgebiete sich in ihrem Rahmen bewegen können. Zu diesen umfassenden Theorien gehören etwa die Darwinsche Evolutionstheorie, die Theorie des expandierenden Universums und das Standardmodell der Quantenphysik ...

„Singularitäten in der Astrophysik“
Von einer Singularität spricht man in der Astrophysik wie allgemein in der Physik, wenn in der mathematischen Formel, die die Realität darstellen soll, Größen (wie Dichte, Ladung, Druck, Temperatur usw.) auftreten, die an einem Punkt im RAUM oder in der ZEIT unendliche Werte annehmen. Diesen mathematischen Ergebnissen kann keine physikalische Realität entsprechen, denn in der Physik kennt man nur messbare, das heißt endliche Größen. Die Singularität verweist daher auf eine mangelhafte Übereinstimmung zwischen Theorie und Wirklichkeit und kann gerade deshalb äußerst fruchtbar sein, denn sie bezeichnet eine Stelle, an der die Theorie mangelhaft und die mathematische Darstellung allzu summarisch gegenüber der Realität ist. …
(in Modellen zur Beschreibung des Kosmos gibt es Zustände) … dass die Dichte von Materie und Energie unendlich groß wird; solch ein Zustand hat im Universum keinen physikalischen Sinn und kann im Universum nicht real eintreten. Es handelt sich um eine Singularität; sie gehört für den Mathematiker nicht zur RAUM-ZEIT, der alle übrigen Zustände angehören …

„unmöglich“
Auch wenn manche gern sagen, nichts sei unmöglich, kennt man in den Wissenschaften doch mancherlei Unmögliches, und sei es nur dadurch bedingt, dass jede Wissenschaft ihren Gegenstandsbereich präzise abgrenzen muss. Da Wissenschaften niemals die Gesamtheit des Wissens über die Gesamtheit aller Objekte in sich vereinigen, bestimmen sie durch die Abgrenzung ihres Gegenstandbereiches stets auch jenen Bereich, über den sie mit ihren Methoden unmöglich etwas auszusagen vermögen. Hierzu gehören z.B. alle Fragen, die den Ursprung der Dinge betreffen.

„Widerlegbarkeit“
Oft besteht die Tendenz, das wissenschaftliche Vorgehen über die „Verifizierbarkeit“ seiner Schlussfolgerungen zu definieren. So bezeichnet man jede Information als wissenschaftlich, die durch Beobachtung und Experiment bestätigt wird. Implizit bedeutet diese Sichtweise, dass der wissenschaftliche Diskurs die Wirklichkeit der uns umgebenden Welt so objektiv und passiv wie möglich beschreibt.
Diese Vorstellung lehnte Karl Popper ab, da für ihn keine wissenschaftliche Erkenntnis existiert, in der sich die REALITÄT der Welt lediglich widerspiegelt. Tatsächlich ist jede wissenschaftliche Erkenntnis eine von unserem Verstand aufgestellte Hypothese, die wir vielfältigen Prüfungen unterziehen, damit die Außenwelt sie widerlegt oder bestätigt. Sagt die Natur „ja“, so ist es meist lediglich ein „vielleicht ja“. Sagt sie dagegen „nein“ – widerlegt sie also die Hypothese -, so geschieht dies kategorisch.

(Besteht eine Theorie einen Test nicht, mag ihr Erklärungspotenzial noch so groß sein – sie muss aufgegeben werden – bdw 12/03 S.48).
(Thesaurus der exakten Wissenschaften, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt/Main, 2001)

·         Galilei sagte, man müsse die Naturwissenschaft auf Dinge beschränken, die sich mit „Sinneserfahrungen und den erforderlichen Demonstrationen“ nachweisen ließen.
(Stillman Drake: Galilei, Herder Spektrum Meisterdenker, Freiburg o.J. ISBN 3-926642-38-6, S.72)

·         (1) monistische Erkenntnistheorie ... als die beiden einzigen sicheren Wege hatte ich „Erfahrung und Denken – oder Empirie und Spekulation“ bezeichnet und dabei betont, dass diese beiden gleichberechtigten Erkenntnismethoden sich gegenseitig ergänzen, dass sie allein durch die Vernunft uns zur Wahrheit führen. Dagegen hatte ich zwei andere, vielbetretene Wege, die angeblich direkt zur tieferen Erkenntnis leiten, nämlich „Gemüt und Offenbarung“, als irreführend zurückgewiesen; beide widerstreiten der „reinen Vernunft“, indem sie den Glauben an Wunder verlangen.;
(2ff) Gustav Kirchhoff (Entdecker der Spektralanalyse): „Die Aufgabe der Wissenschaft ist, die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen zu beschreiben, und zwar vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben.“. Diese Weisung hat nur dann einen Sinn, wenn man dem Begriffe „Beschreibung“ eine ganz andere Bedeutung unterlegt, als üblich ist, d.h. wenn die „vollständige Beschreibung“ zugleich eine Erklärung enthält. Denn alle wahre Wissenschaft geht seit Jahrtausenden nicht auf einfache Kenntnis durch Beschreibung der einzelnen Tatsachen, sondern auf deren Erklärung durch die bewirkenden Ursachen. Freilich bleibt deren Erkenntnis immer mehr oder weniger unvollkommen oder selbst hypothetisch ...;
Das Streben nach möglichster Genauigkeit und Objektivität der Beobachtung lässt vielfach den wichtigen Anteil übersehen, den die subjektive Geistestätigkeit des Beobachters an ihrem Ergebnis hat; das Urteilen und Denken seines Gehirns wird gering geschätzt gegenüber der Schärfe und Klarheit seines Auges. Vielfach ist das Mittel der Erkenntnis zum Zweck geworden. Bei der Widergabe des Beobachteten wird häufig die objektive Photographie, die alle Teile des Bildes gleichmäßig wiedergibt, höher geschätzt als die subjektive Zeichnung, die nur das Wesentliche hervorhebt und das Unwesentliche fortlässt; und doch ist in vielen Fällen ... die letztere viel wichtiger und richtiger als die erstere. ...
In dem modernen Kampfe um die Deszendenztheorie ist nicht selten der Versuch unternommen worden, die Entstehung neuer Arten experimentell zu beweisen oder zu widerlegen. Dabei wurde ganz vergessen, dass der Begriff der Art oder Spezies nur relativ ist und dass kein Naturforscher eine befriedigende absolute Definition dieses Begriffes geben kann. Nicht minder verkehrt ist es, das Experiment auf historische Probleme anwenden zu wollen, wo alle Vorbedingungen für sein Gelingen fehlen. ... Die Sicherheit der Erkenntnis, die wir empirisch durch Beobachtung und Experiment gewinnen, ist direkt nur möglich in der Gegenwart. Dagegen sind wir bei der Erforschung der Vergangenheit auf andere Methoden der Erkenntnis angewiesen, die minder zuverlässig und zugänglich sind, auf Geschichte und Tradition. ...
Trotzdem bleiben hier stets unzählige Pforten des Irrtums offen, da diese Urkunden meist unvollständig sind, und da ihre subjektive Deutung oft ebenso zweifelhaft ist wie ihr objektiver Wahrheitsgehalt.
(156) die Unmöglichkeit, historische Ereignisse überhaupt „exakt“ zu begründen
(5ff) Kant behauptete bekanntlich, dass bloß ein Teil unserer Erkenntnisse empirisch sei und a posteriori, d.h. durch Erfahrung, gewonnen werde, dass dagegen ein anderer Teil der Erkenntnis (z.B. die mathematischen Lehrsätze) a priori, d.h. durch das Schlussvermögen der „Reinen Vernunft“, unabhängig von aller Erfahrung entstehe. Dieser Irrtum führte dann weiter zu der Behauptung, dass die Anfangsgründe der Naturwissenschaft metaphysisch seien und dass der Mensch mittelst der angeborenen „Anschauungsformen: Raum und Zeit“ zwar einen Teil der Erscheinungen zu erkennen, das dahinter steckenden „Ding an sich“ aber nicht zu begreifen vermöge. ... Kants kritischer „Erkenntnistheorie“ fehlten die physiologischen und phylogenetischen Grundlagen, die erst 60 Jahre nach seinem Tode durch Darwins Reform der Entwicklungslehre ... gewonnen wurden. Er betrachtete die Seele des Menschen mit ihren angeborenen Eigenschaften der Vernunft als ein fertig gegebenes Wesen und fragte gar nicht nach ihrer historischen Herkunft ... er dachte nicht daran, dass diese Seele sich phylogenetisch aus der Seele der nächstverwandten Säugetiere entwickelt haben könne. Die wunderbare Fähigkeit zu Erkenntnissen a priori ist aber ursprünglich entstanden durch Vererbung von Gehirnstrukturen, die bei den Vertebraten- Ahnen des Menschen langsam und stufenweise (durch Anpassung an synthetische Verknüpfung von Erfahrungen, von Erkenntnissen a posteriori) erworben wurden. Auch die absolut sicheren Erkenntnisse der Mathematik und Physik, die Kant für synthetische Urteile a priori erklärt, sind ursprünglich durch die phyletische Entwicklung der Urteilskraft entstanden und auf stetig wiederholte Erfahrungen und darauf gegründete Schlüsse a posteriori zurückzuführen.;
(21) Als um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Physiologie sich selbständig zu gestalten begann, erklärte sie die Eigentümlichkeiten des organischen Lebens durch die Annahme einer besonderen Lebenskraft (vis vitalis);
(22) Die Deszendenztheorie von Lamarck (1809) wurde ebenso totgeschwiegen wie sein fundamentaler Grundsatz: „Das Leben ist nur ein verwickeltes physikalisches Problem.“;
(23) Unter „Wunder“ versteht man im gewöhnlichen Sprachgebrauch sehr verschiedene Vorstellungen. Wir nennen eine Erscheinung wunderbar, wenn wir sie nicht erklären und ihre Ursachen nicht begreifen können. Wir nennen aber ein Naturobjekt oder ein Kunstwerk wunderschön oder wundervoll, wenn es außerordentlich schön oder großartig ist, wenn es die gewohnten Grenzen unseres Vorstellungskreises überschreitet. Nicht in diesem übertragenen relativen Begriff sprechen wir hier vom Wunder, sondern in dem absoluten Sinne, in welchem eine Erscheinung die Grenzen der Naturgesetze überschreitet und für die menschliche Vernunft überhaupt unerklärbar ist.;
(28) In der Philosophie blieb (im Mittelalter) ganz überwiegend die Autorität des Aristoteles; sie wurde von der herrschenden christlichen Kirche ihren Zwecken dienstbar gemacht.;
(35) eine „Beseelung“ der Atome ist nach meiner Überzeugung eine notwendige Annahme für die Erklärung der einfachsten physikalischen und chemischen Prozesse (z.B. Massenanziehung, chemische Wahlverwandtschaft JK);
(36ff) Naturalismus; Monismus
In dem streng monistischen Sinne von Spinoza fallen für uns die Begriffe von Gott und Natur zusammen (Deus sive Natura). Ob es jenseits der Natur ein Gebiet des „Übernatürlichen“ oder eine „Geisterreich“ gibt, wissen wir nicht.
(37) Kunst und Wissenschaft ... unsere Einbildungskraft strebt nach der Produktion einheitlicher (geschlossener? JK) Gebilde, und wenn sie  ... auf Lücken stößt, so sucht sie diese durch Neubildungen zu auszufüllen. Solche selbständige, die Lücken der Vorstellungskreise ergänzende Produkte ... nennen wir Hypothesen, wenn sie mit den erfahrungsmäßig festgestellten Tatsachen logisch vereinbar sind, dagegen Mythen, wenn sie diesen Tatsachen widersprechen;
(39) Naturwissenschaft ... betrachtet ihre Objekte ... als wirklich existierende Dinge, deren Eigenschaften uns durch unsere Sinne ... und unsere Denkorgane ... bis zu einem gewissen Grade erkennbar sind. Dabei sind wir uns kritisch bewusst, dass beiderlei Erkenntnisorgane – also auch die durch sie gewonnene Erkenntnis selbst – unvollkommen sind und dass vielleicht noch ganz andere Eigenschaften der Organismen existieren, die uns unzugänglich sind.;
(Ernst Haeckel: Die Lebenswunder, Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1906)

·         (11) die jetzt größtenteils bewiesenen „kosmologischen Lehrsätze“:
1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und unbegrenzt.
(120) das Wissen (Kenntnis der Außenwelt JK) bleibt immer lückenhaft und unbefriedigend, wenn nicht die Phantasie die ungenügende Kombinationskraft des erkennenden Verstandes ergänzt und... entfernt liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft. Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die wahrgenommenen Tatsachen erklären und das „Kausalitäts-Bedürfnis der Vernunft befriedigen.“ Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als „Glauben“ bezeichnen ... Indessen dürfen in der Wissenschaft nur solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen Erkenntnis-Vermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen widersprechen. ...
Die Erklärung einer größeren Reihe von zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache nennen wir Theorie. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese, ist der Glaube (im wissenschaftlichen Sinne!) unentbehrlich; denn auch hier ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen lässt. Die Theorie kann daher immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit betrachtet werden; es muss zugestanden werden, dass sie später durch eine andere, besser begründete Theorie verdrängt werden kann.
(Ernst Haeckel: Die Welträtsel, Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1899)

·         (16) Naturwissenschaftliche Forschung ist ein Weg zur Erkenntnis. Sie erwächst aus unserer Neugier für uns selbst, für die Welt und für das Universum.;
(18) Max Perutz, Nobelpreisträger: „Eine Entdeckung ist wie sich gleichzeitig zu verlieben und nach einem anstrengenden Aufstieg den Gipfel des Berges zu erreichen, sie ist eine Ekstase, die nicht durch Drogen hervorgerufen wird, sondern durch die Offenbarung einer Facette der Natur, die noch nie zuvor jemandem zuteil geworden ist.“;
Die Naturwissenschaft sucht nach natürlichen Ursachen für natürliche Phänomene. Dadurch ist sie auf die Untersuchung von Strukturen und Prozessen beschränkt, die sich direkt oder indirekt beobachten und messen lassen, wobei oft technische Geräte wie z.B. Mikroskope unsere Sinne erweitern. ... Es lässt sich naturwissenschaftlich weder widerlegen noch nachweisen, ob übernatürliche Wesen wie Engel, Götter oder Geister für Unwetter, Regenbögen, Krankheiten und Heilungsprozesse verantwortlich sind; solche Erklärungen liegen jenseits der Grenzen der Naturwissenschaft.;
Aus empirischen Forschungen lassen sich mitunter weit reichende allgemeine Schlussfolgerungen ziehen; eine solche Art von Logik bezeichnet man als Induktion.;
(19) Hypothesen sind vorläufige Antworten auf eine Frage – also versuchsweise Erklärungen. In der Regel handelt es sich dabei um mehr als bloße Vermutungen. (Beispiel: Taschenlampe leuchtet nicht; Hypothese: Batterie ist leer);
(22) Verglichen mit einer Hypothese hat eine wissenschaftliche Theorie eine viel größere Reichweite; eine umfassende Erklärung, die durch zahlreiche Beweise (Befunde JK) gestützt wird; im alltäglichen Gebrauch setzen wir den Begriff THEORIE eher mit Spekulationen oder Hypothesen gleich;
Naturwissenschaftliche Theorien sind natürlich nicht die einzige Möglichkeit, Erkenntnisse über die Natur zu erlangen. ... Naturwissenschaft und Religion sind zwei grundverschiedene Ansätze, sich mit Naturphänomenen zu befassen. Die Kunst ist wieder eine andere Möglichkeit ... Das Lehrbuch Biologie beschreibt das Leben aus rein naturwissenschaftlicher Sicht ...;
Forschungsergebnisse sind nutzlos, solange sie nicht mit einer größeren Gruppe von Fachkollegen geteilt werden. Nur wer publiziert, kann eine Resonanz auf seine Ergebnisse bekommen ... Beharren auf Nachweisen, Kontrollexperimenten und unabhängiger Bestätigung ...
Naturwissenschaftler ziehen alle Behauptungen zunächst einmal in Zweifel.;
Naturwissenschaft beruht auf Beobachtungen und Messungen, die von anderen bestätigt werden können, und ihre Ideen (Hypothesen und Theorien) müssen sich durch wiederholbare Beobachtungen und Experimente überprüfen lassen.;
(23) Erkenntnisse auf naturwissenschaftlicher Basis haben stets einen vorläufigen Status, im Gegensatz zu religiösen Dogmen. ...; Naturwissenschaftler lassen Theorien nicht zum Dogma aufsteigen (520)
Normalerweise gilt in den Naturwissenschaften etwas nicht mehr als „wahr“, sobald ein klarer Befund dagegen spricht.;
(Neil A. Campbell / Jane B. Reece: Biologie, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg Berlin, 6. Auflage, 2003)

·         Kosmosforscher Alexander Vilenkin;
unser beobachtbares Universum ist nur ein winziger Teil eines viel größeren Uni- oder Multiversums: Und anderswo müssen die physikalischen Bedingungen keineswegs mit denen bei uns identisch sein. So könnten die Werte mancher Naturkonstanten variieren
(bdw 11/2007 S.54ff)

·         Die moderne Physik hat mit der Entdeckung der Quantenmechanik dem Zufall einen neuen Platz eingeräumt – sie entdeckte den „reinen“ Zufall: nicht die Beschränktheit des Wissenschaftlers, sondern die grundsätzliche Unbestimmbarkeit bestimmter Vorgänge steckte plötzlich hinter dem Zufall. Ob Licht nun Teilchen oder Welle sei, das wurde eine Frage der Betrachtung. Der Zerfall eines radioaktiven Atoms? Unmöglich zu sagen, wann er stattfindet. Statistische Aussagen ersetzen klare Ergebnisse. Für einen Deterministen wie Albert Einstein war das unerträglich : „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der Alte nicht würfelt.“;
Die Welt jedenfalls ist vor 100 Jahren wieder offener geworden, so scheint es, und das verdanken wir dem Zufall.;
Physikprofessor Peter Hägele: Der reine Zufall der Physik sei keine Wissenslücke, sondern eine Erkenntnisgrenze. Was dahinter liege, sei offen für Deutungen, die wissenschaftlich nicht verifizierbar sind. Und eine davon ist der Glaube an Gott.
(chrismon 9/06 S.46)

·         (9) Mit Blick auf den Träger des Wissens, nämlich den menschlichen Geist, können alle Wissenschaften als Geisteswissenschaften angesehen werden; mit Blick auf ihre Gegenstände aber befassen sich alle Wissenschaften mit der Natur.;
(12) „Nur was zu etwas gut ist, lässt sich auch missbrauchen.“ (Montaigne, Essais II,6)
(15ff; Beitrag des Präsidenten der Leibniz-Gesellschaft und des Generalsekretärs der Leibniz-Gemeinschaft:)
Das Ziel wissenschaftlichen Strebens ist Erkenntnisgewinn und –bewahrung, es geht darum, die Antwort auf eine bestimmte Frage zu finden. Soll nun, spezieller formuliert, die Lösung eines auf die menschliche Existenz bezogenen Problems gefunden werden, so müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Die sind erstens Kenntnisse der Methoden des Faches und deren Anwendung (etwa Analyse- bzw. Messmethoden in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, kritisches Quellenstudium und regelgeleitete Auslegung in den historischen Wissenschaften sowie Quer- und Längsschnittstudien in den Sozialwissenschaften.;
Blaise Pascal (17.Jh.): „Wir können nur über die Vorfahren hinausschauen, weil wir auf ihren Schultern stehen.“;
Isaac Newton: Sein und Wissen ist ein uferloses Meer. Je weiter wir vordringen, umso unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens ein.;
Während die Betrachtung einzelner Gegenstände von Wissenschaft zur Herausbildung von Fächern bzw. Disziplinen führte, also beispielsweise der Geschichte (Vergangenheit), der Medizin (der kranke oder verletzte Mensch), der Biologie (Tiere und Pflanzen) oder der Theologie (Gott und der Mensch), hat der Ansatz der methodischen Herangehensweise die Einteilung der Wissenschaften in Naturwissenschaften (Außenperspektive, auf Beobachtung beruhend mit Beschreibung, Versuch und Beweis) und Geisteswissenschaften (Innenperspektive, auf Empathie beruhend mit Beschreibung und Interpretation) zur Folge. So galt die Naturwissenschaft als die beschreibende und erklärende Wissenschaft, während die Geisteswissenschaft als die verstehende und interpretierende Wissenschaft (Hermeneutik) definiert wurde. Interessant ist an dieser Stelle anzumerken, dass im angelsächsischen Kulturkreis nur die Naturwissenschaften als science anerkannt sind, während die – im deutschen Sprachraum so bezeichneten Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften als humanities firmieren.;
In der aktuellen Diskussion heißt es, dass die Natur- und Technikwissenschaften Verfügungswissen generieren (was mit dem Begriff Verstand markiert wird), während die Geisteswissenschaften danach Orientierungswissen bereitstellen (gekennzeichnet mit dem Begriff Vernunft).;
Die Naturwissenschaften stellen – zumindest im eigenen Verständnis – mit ihrer kritisch-empirisch-rationalen Methode die Erkenntnis der natürlichen (im Sinne von Natur) Lebenswelt des Menschen in den Mittelpunkt – nach Aristoteles der Welt, die nicht vom Menschen gemacht wurde. Wer demnach keine anderen Quellen von Erkenntnis im Sinn von Wissenschaft gelten lässt, für den gibt es zu den Naturwissenschaften keine Alternative – wahr ist, was beweisbar ist!;
Es besteht Einigkeit darüber, dass die Biologie die Frage „Was ist der Mensch?“ nicht in einem umfassenden Sinn beantworten kann. Sie kann seine Einzelteile (im Sinne von Bauteilen) definieren und deren Zusammenwirken erklären, mehr jedoch nicht.
(Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zu „Das Parlament“, 46/2007: „Geisteswissenschaften“)

·         Ideologie als politisch relevante Weltanschauung, als eine Art Gattungsname für divergierende politische Entwürfe, Welt- und Geschichtsdeutungen; unter einer freiheitlichen und liberalen Verfassung manifestieren sich ideologische Differenzen in philosophischer, religiöser und weltanschaulicher Pluralität; Lehrmeinungen, Lehrsätze, Doktrinen;
Die methodische Objektivität impliziert, dass keine außerwissenschaftlichen Kräfte, Meinungen und Wertungen die Grundsätze des wissenschaftlichen Forschens und die Ergebnisse beeinflussen dürfen. Der Wissenschaftler hat sich, solange er forscht oder lehrt, von ideologischen und weltanschaulichen (besonders parteipolitischen) Vorgaben gänzlich freizuhalten;
Wenn ein wissenschaftliches Gutachten, ein wissenschaftliches Buch, eine wissenschaftliche Vorlesung, eine wissenschaftliche Expertise die Parteizugehörigkeit des Wissenschaftlers erkennen lässt, hat der Betreffende seinen Platz im Kreis der Wissenschaft verlassen. Gewiss kann der Wissenschaftler absichtlich und überlegt aus diesem Kreis heraustreten, indem er sich politisch äußert, aber er muss dies klar markieren und deutlich erkennen lassen, wann er als Homo politicus auf politische Zustimmung zielt und wann er als Homo investigans Sachverhalte oder Interpretationen wissenschaftlich begründen kann.;
Fall Galilei: was die Repräsentanten der Kirche … gegen Galilei aufbrachte, war vermutlich nicht in erster Linie das von Galilei propagierte kopernikanische Weltbild, sondern die Abkehr vom Aristotelismus (hatte ein spekulatives Weltbild von imponierender Geschlossenheit konstruiert), der Umstand, dass Galilei mehr an die „Macht des Experiments“ glaubte als an Autoritäten;
Den Fall Galilei fassen wir auf als einen Konflikt zwischen dem Anspruch der Wissenschaft und dem Anspruch kirchlicher Doktrin. Es handelt sich nicht um einen Konflikt zwischen dem wissenschaftlichen Ethos und dem Gottesglauben. Als Naturforscher sind wir Repräsentanten einer bestimmten Weltsicht. Das wissenschaftliche Weltbild unserer Zeit ist gottlos – aber es ist nicht antitheistisch. Die besonnene Antwort von Laplace, der auf die provokative Frage Napoleons nach seinem Verhältnis zu Gott antwortete: „Sire, je n`avais pas besoin de cette hypothèse“ (ich brauche diese Hypothese nicht JK), spiegelt keine Hybris, sondern die methodische Sorgfalt, die Disziplin im Denken eines Naturforschers wider – daran hat sich seit Laplace nichts geändert;
Konflikt zwischen Biologie und dialektischem Materialismus in der Sowjetunion in den 1930er Jahren; es lag vor allem am Anspruch des dialektischen Materialismus, im strengen Sinn Wissenschaft, unfehlbare Wissenschaft zu sein und somit entscheidend und autoritativ in Sachfragen der Naturforschung eingreifen zu können; Vor 1935 hielten sich auch die sowjetischen Biologen an die bereits klassischen Vorstellungen: Genbegriff, Mendel-Genetik, Chromosomentheorie der Vererbung, Theorie der Mutation, Rekombination und Selektion als Grundlage der Populationsgenetik, Neodarwinismus als Erklärung der Evolution. … Lyssenko leugnete die Existenz von Genen und erklärte kurzerhand die bereits klassischen Theorien der Genetik und der Evolution für „idealistisch“, „bürgerlich“ und „metaphysisch“. … Im Prinzip stellten sich Lyssenko und seine Anhänger auf den Standpunkt, dass sich unter dem Einfluss der Umwelt die genetische Substanz ständig ändere, und zwar derart, dass die Umweltfaktoren die Richtung der Änderung direkt bestimmten. Derlei Vorstellungen („unvermittelte Vererbung“, „Vererbung erworbener Eigenschaften“) waren zwar wissenschaftlich längst geprüft und widerlegt; sie kamen aber den Theoretikern des dialektischen Materialismus entgegen … im August 1948 wurde der „Lyssenkoismus“ schließlich zur einzigen auf der Grundlage des Diamat beruhenden Biologie erklärt. Im Protokoll der betreffenden Sitzung heißt es: „Wir Vertreter der sowjeti­schen Biologie behaupten, dass die Vererbung von Ei­genschaften, die Pflanzen und Tiere in ihrem Entwicklungspro­zess erwer­ben, möglich und notwendig ist. Damit steht jedem Biologen der Weg offen, die Natur der pflanzlichen und tierischen Organismen zu lenken, sie durch die Lenkung der Lebensbedingungen … in der für die Pra­xis erforderlichen Richtung zu verändern.“
(Hans Mohr, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Zeitung „Das Parlament“, B15/1992 S.10ff)

·         „Wir verdanken unseren Wohlstand der Entscheidung, Wissenschaft zu betreiben.“ (Ernst Peter Fischer, Wissenschaftshistoriker)
(bdw 11/2008 S.10)

·         Theorie
Theo-ria
heißt auf griechisch Gottes-Anschauung
(Wolf Krötke: Erschaffen und erforscht, Mensch und Universum in Theologie und Naturwissenschaft, Wichern-Verlag Berlin, 2002, S. 39)

·         Achim Weiß, Max-Planck-Inst. für Astrophysik:
(F) Manche Astrophysiker behaupten, es gäbe Paralleluniversen oder Quantenkosmen, wofür jeder Beweis fehlt. Wo ist der Unterschied?
(A) Der Unterschied besteht darin, dass das Hypothesen sind, die sich aufgrund von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben können. Die daran arbeitenden Wissenschaftler belegen ihre Annahmen wissenschaftlich und wären sofort bereit, diese zu verändern, wenn ihnen Kollegen Fehler oder einen Widerspruch nachweisen würden.
(bild der wissenschaft 1-2010 S.48ff)

·         Stephen Hawking und Leonhard Mlodinow in dem Buch „Der große Entwurf“:
“Unsere Wahrnehmung – und damit die Beobachtungen, auf die sich unsere Theorien stützen – ist nicht unmittelbar, sondern wird durch eine Art Linse geprägt, die Deutungsstrukturen unseres Gehirns.“ …;
vier Qualitätsmerkmale für (naturwissenschaftliche) Modelle:
“1. Eleganz: Ein Modell sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher.
2. Sparsamkeit: Ein Modell sollte nur wenige willkürliche Elemente enthalten, die sich gezielt an die Beobachtungen anpassen lassen.
3. Erklärungskraft: Ein Modell sollte mit den Daten und Beobachtungen übereinstimmen und sie verständlich machen.
4. Vorhersagefähigkeit: Ein Modell sollte künftige Beobachtungen detailliert voraussagen können.;
Die ursprüngliche Hoffnung der Physiker, eine einzige Theorie zu entwickeln, die die scheinbaren Gesetze unseres Universums als die einzige mögliche Konsequenz einiger einfacher Annahmen erklärt, muss vielleicht aufgegeben werden“, räumt H. ein.
(bild der wissenschaft 11-2010 S.49)

·         Interview mit Physiknobelpreisträger Hänsch;
Was halten Sie von populistischen physikalischen Schlagworten wie Quantenteleportation oder Paralleluniversen?
Manchmal sind solche Schlagwörter peinlich, doch zumindest bringen sie die Physik ins Gespräch. Bei der Quantenteleportation handelt es sich um ein interessantes beobachtbares Phänomen, das allerdings gar nichts mit der Teleportation á la Raumschiff Enterprise zu tun hat. Andere Schlagwörter, z.B. Paralleluniversen, beschreiben Spekulationen. Ich als Experimentalphysiker nehme nur Theorien ernst, die man durch Experimente überprüfen kann. Natürlich darf man spekulieren. Doch das ist dann nicht mehr als Sciens-Fiction.
(bild der wissenschaft 2-2011 S.43)

·         (34) Und selbst ein so kritischer Denker wie der österreichisch-britische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper kommt nicht darum herum, an der Basis seines „kritischen Rationalismus“ zumindest die Vernünftigkeit der Vernunft vorauszusetzen, wie er ausdrücklich sagt: einen „Glauben an die Vernunft“.
(Hans Küng: Was ich glaube, Piper, München, 2009)

·         (S.16) Wissenschaft besteht – unter anderem – in dem Versuch, etwas, das man sieht, durch etwas anderes zu erklären, das man nicht sieht. Wir sehen Sonne, Mond und Sterne und deuten ihr Zusammenhängen und individuelles Bewegen durch Konstruktionen und Kräfte, die wir nicht sehen

(S.141ff.) Karl Popper: … „Die Natur, die wir mit ihrer Ordnung erkennen, ist das Resultat einer ordnenden und assimilierenden Tätigkeit unseres Geistes.“
Kant selbst hat das so ausgedrückt: „Der Verstand schöpft seine Gesetze … nicht aus der Natur, sondern schreibt sie ihr vor.“
Mit anderen Worten …: Das Universum, das wir erkennen, ist unsere eigene Hervorbringung; es wird von den menschlichen Denkmöglichkeiten geprägt. Der Kosmos ist die Schöpfung von Menschen (und nicht die eines anderen Wesens).

(S.295) … wer im 20. Jahrhundert so knapp wie möglich sagen sollte, was derjenige macht, der sich naturwissenschaftlich betätigt. Die Antwort könnte lauten: Er versucht die Welt – oder die Natur – ohne Rückgriff auf höhere Mächte oder Wunder unter der erschwerten Bedingung des Experiments zu erklären

(Ernst Peter Fischer: Die kosmische Hintertreppe, nymphenburger München, 2009)

·         „Die Wissenschaft versucht, allgemeine Regeln aufzustellen, die den gegenseitigen Zusammenhang der Dinge und Ereignisse in Raum und Zeit bestimmen. Für diese Regeln, beziehungsweise Naturgesetze wird allgemeine und ausnahmslose Gültigkeit gefordert – nicht bewiesen."
(Albert Einstein: Aus meinen späten Jahren. DVA Stuttgart 1979. S. 44)

·         „Höchste Aufgabe des Physikers ist also das Aufsuchen jener allgemeinsten elementaren Gesetze, aus denen durch reine Deduktion das Weltbild zu gewinnen ist. Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition."
(Albert Einstein: Ansprache am 26. April 1918 in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft anlässlich des sechzigsten Geburtstages von Max Planck, in: Ausgewählte Texte, herausgegeben von Hans Christian Meiser. Goldmann Verlag München 1986. Seite 75)

·         "Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit."
(Albert Einstein: Festvortrag vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin über Geometrie und Erfahrung am 27. Januar 1921, zitiert in: "Mein Weltbild", hgg. v. Carl Seelig, 1991, S. 196ff.)

·         „Ich lehne es ab, über Dinge zu spekulieren, die ich nicht testen kann. Das macht das Wesen des Forschers aus.“
Brian P. Schmidt, Astronom und Nobelpreisträger für Physik
(bild der wissenschaft 5-2013 DS.12)

·         Wilfried Hinsch: Glaube und Legitimität in liberalen Demokratien;
Die Charakterisierung wissenschaftlicher Tätigkeit als ein „nach Inhalt und Form … ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit“ des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 1979;
Im Sinne eines ernsthaften und planmäßigen Erkenntnisstrebens müssen Wissenschaftler angeben können, welche Erkenntnisziele sie verfolgen, auf welche Erkenntnisquellen sie sich stützen und durch welche Methoden sie sich der Wahrheit ihrer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Erkenntnisse vergewissern. Darüber hinaus setzt Wissenschaftlichkeit zweifellos ein Mindestmaß an methodischer Rationalität und Kohärenz der Ergebnisse voraus.;
(Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft „Religion und Moderne“, 10.7.2013, S.10ff. http://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/162404/religion-und-moderne)

·         Vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei geboren. Durch ihn erlangten die Naturwissenschaften ihre Deutungshoheit. Aber was fangen wir heute mit diesem Kulturgut an?;
Heutzutage dürfen Naturwissenschaftler schon froh sein, wenn ihre Entdeckungen einmal nicht im Zusammenhang mit einer Katastrophe Erwähnung finden oder als Grundlage düster-dystopischer Zukunftsvisionen herhalten müssen. Dabei würden ohne Quantenphysik keine Smartphones funktionieren, ohne organische Chemie keine Autos fahren und ohne moderne Medikamente immer noch Pest und Cholera drohen. Wir brauchen die Naturwissenschaften als Grundlage für unseren Lebensstil – aber eigentlich wollen wir nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Als notwendiger Bestandteil der Allgemeinbildung gelten sie schon lange nicht mehr.;
Bereits 1959 hatte der englische Physiker und Romanautor Charles Percy Snow die These aufgestellt, Natur- und Geisteswissenschaften hätten sich wie zwei einander fremd gewordene Kulturen voneinander entfernt, eine Kommunikation zwischen beiden sei nicht mehr möglich. Leider hatte er damit recht. Vier Jahrzehnte später griff Dietrich Schwanitz Snows These in seinem vielbeachteten Kompendium Bildung auf, dem vielleicht einflussreichsten jüngeren Bildungskanon deutscher Sprache. Darin präsentierte der Anglist und Autor auf 500 Seiten die Summe dessen, was man nach seinem Dafürhalten heutzutage wissen sollte, um als gebildet zu gelten. Von den Anfängen der abendländischen Kultur in Griechenland über die europäische Literatur-, Musik- und Ideengeschichte bis hin zur aktuellen Geschlechterdebatte wurde dort alles erwähnt, was sich als Thema für den gehobenen Partyplausch eignet.
Die Naturwissenschaften gehörten nicht dazu. Sie tauchten bei Schwanitz nur im letzten Kapitel auf, unter der Überschrift: Was man nicht wissen sollte. Sogar in Liebesbeziehungen, so Schwanitz, stelle die Grenze zwischen den beiden Kulturen ein unüberwindbares Hindernis dar, wie er am fiktiven Beispiel der jungen Germanistin und Kunsthistorikerin Sabine erläutert: Dieser erscheint nach Studienaufenthalten in Paris und Florenz ihr langjähriger Freund, der Maschinenbauer Torsten, wie ein geistiger Neandertaler.
Aktuellster Beleg für die ungebrochene Lebendigkeit dieses einseitigen Bildungsideals ist die Zusammensetzung des Deutschen Ethikrates, dessen Aufgabe es ist, die Bundesregierung in all jenen Fragen zu beraten, bei denen es – vereinfacht gesagt – zu einem Konflikt zwischen Moral und Machbarkeit kommt. In dieser durchaus hochkarätig besetzten Kommission finden sich ausschließlich Vertreter ebenjener Fächer, die bereits Goethes Faust mit "heißem Bemühn" (wenn auch ohne durchschlagenden Erfolg) studiert hatte: Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie. Einen Dr. rer. nat. sucht man dort vergeblich, obwohl die diskutierten Konflikte ihre Ursache oftmals im naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt haben. Offenbar ist man in diesem Gremium aber der Meinung, dass ethische Fragen nicht Sache der Naturwissenschaften sind, jedenfalls sofern diese die Medizin nicht berühren, und ihre Vertreter zu deren Klärung nichts beitragen können.
Wahr ist natürlich, dass die Liste der naturwissenschaftlich-technischen Debakel in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bedrückend lang ist: Contergan, Seveso, Challenger, Fukushima ... – die Aufzählung ließe sich mühelos fortsetzen. Hatte sich Galilei vor 400 Jahren im Namen der Rationalität noch mit der Kirche angelegt, ist Rationalität inzwischen zum Schimpfwort geworden, zum Synonym für kalt, engstirnig, unmenschlich. Stattdessen sind religiöse Begriffe und Anschauungen wieder auf dem Vormarsch – und das nicht nur in finsteren Gottesstaaten. Auch wir geben das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit von Kindern zugunsten von religiösen Ritualen im Eilverfahren auf, debattieren aber endlos und voller moralischer Inbrunst über gesetzliche Regelungen zum Schutz von embryonalen Stammzellen vor dem Zugriff der Wissenschaft – ein kaum noch zu überbietendes Missverhältnis.
(Die Zeit 13.2.14 S.43 - http://www.zeit.de/2014/08/galileo-galilei-naturwissenschaften )

·         Zeit für einen neuen Eid
Ärzte entscheiden nicht immer nach dem Wohl der Patienten, sondern häufiger nach ökonomischen Kriterien. Dagegen gibt es ein Rezept. …

Vorschlag für einen neuen Ärzte-Eid (Auszug)
Ich gelobe, während der Ausübung meiner ärztlichen Tätigkeit folgende Berufspflichten nach meiner Kraft und Fähigkeit zu respektieren und ihnen gemäß zu handeln:
Ich stelle die Sorge um die Behandlung meiner Patienten und deren Interessen immer voran, wende jeden Schaden von ihnen ab und füge ihnen auch keinen solchen zu.
Ich betrachte das Wohl meiner Patienten als vorrangig, respektiere ihre Rechte und helfe ihnen, informierte Entscheidungen zu treffen.
Ich betreibe eine Medizin mit Augenmaß und empfehle oder ergreife keine Maßnahmen, die nicht medizinisch indiziert sind.
Ich instrumentalisiere meine Patienten weder zu Karriere-noch zu anderen Zwecken und sehe von allen Maßnahmen ab, die nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Linderung ihrer Beschwerden, der Heilung ihrer Krankheit oder der Verhütung einer Erkrankung stehen.
Ich mute meinen Patienten nichts zu, was ich auch meinen liebsten Nächsten oder mir selbst nicht zumuten würde.
Ich begegne meinen Patienten ebenso wie meinen Kolleginnen und Kollegen immer mit Freundlichkeit und Respekt. Ich bin zu ihnen ehrlich und wahrhaftig.
Ich fördere die Gesundheitskompetenz meiner Patientinnen und Patienten.
Ich nehme mir für das Gespräch und für die menschliche Begegnung mit den Patienten (und mit ihren Angehörigen) die erforderliche Zeit und spreche mit ihnen auf eine verständliche und angemessene Weise.
Ich respektiere und wahre grundsätzlich die Willensäußerungen meiner Patienten.
Ich setze die mir zur Verfügung stehenden Ressourcen wirtschaftlich, transparent und gerecht ein.
Ich nehme für die Zuweisung und Überweisung von Patienten keine geldwerten Leistungen entgegen.
Ich gehe keinen Vertrag ein, der mich zu Leistungsmengen, zu nicht indizierten Leistungen oder zu Leistungsunterlassungen nötigt.
Ausgearbeitet von der Arbeitsgruppe (Eidkommission) des schweizerischen Instituts Dialog Ethik, einer Non-Profit-Organisation in Zürich

(Die Zeit 12.11.15 S.39 - http://www.zeit.de/2015/46/aerzte-medizin-oekonomie-hippokratischer-eid-patienten/komplettansicht )

·         Hat Einstein gesagt, die menschliche Dummheit sei unendlich?
Das vollständige – angebliche – Zitat
lautet: "Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." Ein schönes Bonmot. Doch stammt es wirklich aus dem Mund des genialen Wissenschaftlers?
Es ist schwierig, zu beweisen, dass jemand etwas nicht gesagt hat. Nun ist gerade ein Buch der falschen Zitate erschienen (Martin Rasper: "No sports" hat Churchill nie gesagt). Der Autor zitiert darin auch mehrmals aus dieser Kolumne – nun revanchiere ich mich und stütze mich auf seine Recherchen. Rasper hat unter anderem die Lektorin Alice Calaprice befragt, die Einsteins gesammelte Zitate herausgegeben hat. Sie glaubt: Es stammt eher nicht von ihm.
Und dann fand Rasper den Urheber des Zitats: den Psychiater Fritz Perls, Begründer der Gestalttherapie. In seinem Buch Das Ich, der Hunger und die Aggression schrieb Perls, dass eine "gierige, ungeduldige Haltung" verantwortlich sei für die "übermäßige Dummheit auf der Welt" – ein Schelm, wer das auf die aktuelle Weltlage anwendet. Ein "großer Astronom" habe gesagt: "'Zwei Dinge sind, soweit wir wissen, unendlich – das Weltall und die menschliche Dummheit.' Heute wissen wir, dass diese Aussage nicht ganz richtig ist. Einstein hat bewiesen, dass das Weltall begrenzt ist."
Man sieht, da nimmt ein Aphorismus Gestalt an! Zwar wird Einstein hier noch nicht mit dem "großen Astronomen" gleichgesetzt. Das macht Perls dann 20 Jahre später – da berichtet er von einem Nachmittag, den er mit dem Nobelpreisträger verbrachte, und legt Einstein das Zitat, wie wir es heute kennen, in den Mund. Die plausibelste Erklärung, laut Rasper: Die Geschichte müsse sich im Hirn des Psychiaters "nach und nach zurechtgerüttelt" haben.

·         Kulturhistoriker Michael Butter über den Siegeszug von Verschwörungstheorien
SPIEGEL: Gibt es eigentlich so etwas wie einen Urknall der Verschwörungstheorie?
Butter: Eine These ist, dass Verschwörungstheorien das Sinndefizit auffüllen, das die Aufklärung geschaffen hat. Also eine Reaktion auf die Entzauberung der Welt sind. Im 18. Jahrhundert schwand der Glaube an den göttlichen Schöpfungsplan, wo alles letztlich Sinn ergibt, auch wenn er sich dem Einzelnen nicht immer erschließt. Also muss da jemand anderes sein, der lenkend in die Welt eingreift. An die Stelle Gottes traten die Verschwörer.
SPIEGEL: Heute kann man bisweilen den Eindruck gewinnen, die Aufklärung würde gerade wieder abgewickelt.
Butter: Das liegt auch daran, dass Verschwörungstheorien durch die neuen Medien viel sichtbarer geworden sind. Vor 30 Jahren mussten Sie viel Zeit und Arbeit investieren, wenn Sie eine alternative Erklärung für die Mondlandung finden wollten. Heute reicht eine einfache Google-Suche, schon wissen Sie alles über Angela Merkels jüdische Wurzeln oder die 13 mächtigen Familien, die die Weltregieren. Da findet jeder eine Gemeinschaft, die er sonst womöglich vergebens sucht.
(Spiegel 9-2017 S.42)

·         Wissenschaft: Bis zum Besserwissen
Wissenschaftliches Wissen ist per Definition vorläufiges Wissen, unter dem Vorbehalt des späteren Besserwissens. …
Doch die Veränderung des wissenschaftlichen Weltbildes heißt eben nicht, dass Erkenntnisse beliebig und lediglich Moden und Mächten unterworfen wären – so wie es manche Kritiker der Wissenschaft im Verbund mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern heute gern behaupten. Denn es gibt zwischen wissenschaftlicher Skepsis und Beliebigkeit einen grundlegenden Unterschied, den Einstein einmal so ausdrückte: »Es lässt sich schwersagen, was Wahrheit ist, aber manchmal ist es so einfach, eine Lüge aufzudecken“.
Wissenschaft ist dadurch charakterisiert, dass sie selbst alles daran setzt, ihre Grenzen zu verschieben, ihre Sinne zu schärfen und zu erweitern. …
Dabei geht es nicht nur um einzelne Ergebnisse. Wenn Erkenntnisse und Fakten aus politischem Interesse infrage gestellt werden, muss man offenbar immer wieder daran erinnern, was die Aufgabe der Wissenschaft ist: kollektiv die Beschränkung unserer Biologie (Auffassungsgabe, Erinnerungsvermögen, Langsamkeit) und unserer Psychologie (Vorurteile, magisches Denken) zu transzendieren. Dazu hat sich die Wissenschaft selbst Regeln gegeben und jahrhundertelang an ihrem Kodex geschrieben. Zwar ist der moderne Forschungsbetrieb weit davon entfernt, perfekt zu sein. Dennoch gilt für ihn Ähnliches wie für die Demokratie, die bekanntlich von allen schlechten Staatsformen noch die beste ist. …
Dass Wissenschaft die Wahrheit nicht gepachtet hat, sollte kein Grund zur Resignation sein. Immer hin liefert sie die beste Methode, sich ihr anzunähern. Und vielleicht haben wir sogar am meisten gewonnen, wenn uns deutlich wird, wo die Grenzen unseres eigenen Horizonts verlaufen.
(Die Zeit 4.5.17 S.31ff.)




Biologie

 

 

12.2.05

·         Sinne des Menschen:
Die „psychologischen“ Räume – Sehraum, Tastraum, Hörraum – werden natürlich durch die Sinnesorgane vermittelt.
[Schmecken, Riechen = Chemie; Temperatursinn = Haut JK];
man vergisst gern jene Sinne, die uns über Lage und Bewegungszustand unseres eigenen Körpers informieren: Gleichgewichts- und Drehsinn, vermittelt durch das Labyrinth im Innenohr, und die Tiefensensibilisierung oder Eigenwahrnehmung, die uns über Gliederstellung und Muskelspannung auf dem Laufenden hält ... Auch der Schmerzsinn beruht auf eigenen Rezeptoren, die ungleichmäßig über den Körper verteilt sind, sodass wir kein eigenes Organ dafür benennen können.;
(Gerhard Vollmer: Wieso können wir die Welt erkennen?, Hirzel Stuttgart 2003, S.204)

·         Leben ist ein sich selbst organisierendes Nichtgleichgewichtssystem, das mit seiner Umgebung Energie und Stoffe austauscht.;
Wodurch definiert sich belebte Materie?
- durch ihren speziellen chemischen Aufbau bzw. ihre stoffliche Zusammensetzung
- durch Wachstum, Differenzierung und eine Erhöhung des Ordnungsgrades
- durch einen Stoff- und Energiewechsel
- durch eine zelluläre Organisation
- durch Individualität
- durch Reizbarkeit und Reaktionsfähigkeit
- durch die Fähigkeit zur Anpassung (Regulationsfähigkeit)
- durch das Vermögen, sich fortzupflanzen bzw. sich identisch zu reproduzieren
- durch einen steten Formenwandel im Laufe einer länger währenden Evolution;
Energie kommt primär vom Heimatstern, wird dann in chemische Energie in den Molekülen gespeichert, um endlich im Lebewesen als Bewegung und Wärme wieder freigesetzt zu werden; Fähigkeit, zu kommunizieren, das Leben muss auf seine Umgebung reagieren können, und dafür müssen Sensoren vorhanden sein;
(Lesch/Müller: Big Bang zweiter Akt – Auf den Spuren des Lebens im All, Bertelsmann München 2003, S. 225; 56, 55)

·         Die moderne Biologie ist das Werk von Physikern und Chemikern, und sie denken vornehmlich an Moleküle und ihre Strukturen
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003, S.236)

·         Vermehrung von e. coli: Teilung aller 20 Minuten: nach ½ Tag 68 Mrd.;  nach 1 ½  Tagen Erdoberfläche 2 Meter hoch bedeckt (97)
einen Menschen in einen Zell-Sortierer geben: 10% menschliche Zellen und 90% Bakterienzellen (die viel kleiner sind als menschliche), menschlicher Kot zu 30-50% bakterielle Biomasse (99,105)
Samen sind Pflanzen-Embryonen, fruchtbar: Buche 2 Jahre, Mohn 10 Jahre, Löwenzahn 68, Kartoffel 200, Hahnenfuß 600 Jahre (114)
Photosynthese: 1 m2 Blattoberfläche bildet in 1 Std. etwa 1 Gramm Zucker (115)
(Detlev Ganten u.a.: Leben., Natur, Wissenschaft; Eichborn Ffm. 2003)

·         (14) Wenn überhaupt, dann kommen bei der Betrachtung der Lebensvorgänge weniger deterministische Gesetze in Betracht, wie sie Kepler und Newton aufgestellt haben. Die überwiegende Mehrzahl der natürlichen Abläufe orientiert sich an Wahrscheinlichkeiten. Sowohl der grundlegende evolutionäre Gedanke à la Darwin als auch die praktischen Vererbungsregeln à la Mendel sind statistischer Natur voller Zufälligkeiten und somit alles andere als festlegend oder bestimmend. ...
Im Leben laufen keine Moleküle auf präzise geordneten und genau berechenbaren Bahnen umher, wie es die Planeten am Himmel tun. ...
(374ff) (menschliche) Zellen, die im Labor in Kulturen gezüchtet werden, teilen sich nicht beliebig of, hören nach etwa 50 Runden damit auf, der materielle Grund dafür steckt in den Endstücken der Chromosomen, den Telomeren, sie werden von Teilung zu Teilung kürzer, sodass sich sagen lässt, in der Länge der Telomere steckt das Gedächtnis der Zelle (Auskunft über Zahl der durchgeführten Teilungen);
embryonale und krebsartig entartete Zellen: „unsterblich“ (unbegrenzt teilbar), weil das Enzym Telomerase die Länge der Chromosomenendstücken (immer) wieder herstellt;
Theorien des Alterns:
a) die natürliche Evolution selektiert keine Gene, die sich erst spät im Leben (nach der Fortpflanzungsphase) auswirken (best. Krankheiten, Krebs JK);
b) die Verkalkung der Knochen, die in jungen Jahren vorteilhaft ist, wirkt sich später negativ aus;
c) das somatische Gewebe ist für die normale Lebensdauer in der Wildnis ausgelegt; (Lebens- JK) Energie muss aufgeteilt werden zwischen Fortpflanzungserfolg und eigenem Überleben
(Ernst Peter Fischer: Die Bildung des Menschen -  was die Naturwissenschaften über uns wissen; Ullstein Berlin 2006)

·         (36) Bakterien, die sich am Erdmagnetfeld orientieren; enthalten Ketten winziger Nano-Partikel aus Magnetit (Fe3O4), die ihnen als Kompass dienen; fixieren nach ihrem Absterben das Magnetfeld; damit kann Geschichte des Erdmagnetfeldes studiert werden
(Ludwig Schultz, Hermann-Friedrich Wagner (Hrsg.): Die Welt hinter den Dingen, WILEY-VCH Weinheim, 2006)

·         (278) man meinte in der Biologie lange, die Zahl der menschlichen Chromosomen sei 48, erst in den 1960er Jahren richtig 46 ermittelt
(Ernst Peter Fischer: Leonardo, Heisenberg & Co., Piper TB München 2004)

·         auf jede Körperzelle im menschlichen Körper kommen rechnerisch zehn Mikroben; in einem Milliliter Darminhalt tummeln sich 1 Billion Lebewesen; manche stellen Vitamine her, andere regeln Teile der Verdauung; im Gegenzug erhalten sie Nahrung und einen warmen Brutplatz; mindestens 2000 Bakteriensorten;
wir tragen an die 2 Kilogramm Bakterien mit uns herum; sie bilden ein Organ, das schwerer ist als unser Gehirn;
der Mensch ist gar kein Individuum, er ist ein Mischwesen, das nur existieren kann, wenn die unterschiedlichen Lebensformen auf ihm kooperieren;
die Bakterien „erbt“ der Mensch zum überwältigenden Teil von seiner Mutter; Kaiserschnittkinder haben eine andere Besiedlungsstruktur;
(Spiegel 21/2007)

·         Arten auf der Erde: Schätzungen von 5 Millionen bis 100 Millionen;
Was ist eine ART?
- wenn sich zwei Tiere oder Pflanzen miteinander paaren können
- der Nachwuchs muss selbst fruchtbar sein (nicht bei Pferd/Esel)
- Paarung erfolgt auch unter natürlichen Bedingungen (nicht bei Löwe/Tiger)
(Ökotest 7/07 S.101f)

·         Reinhart Hüttl, Vorstandsvorsitzender des Geoforschungszentrums GFZ in Potsdam:
Was war die wichtigste neue Erkenntnis der vergangenen Jahre? – Vielleicht die Entdeckung von neuen Lebensformen durch Geobiologen kilometertief unter unseren Füßen in völlig unwirtlicher Umgebung. An Orten ohne Sonne und ohne Sauerstoff.
(ZEIT 25.10.07 S.45)

·         Wie viele Sinne hat der Mensch?
Alltagsverständnis 5: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen;
dazu: Wärme empfinden; Gefühl für die eigene Körperlage; wir können Gleichgewicht halten;; wir merken, ob wir beschleunigt oder gebremst werden; wir registrieren Drehungen (bei geschlossenen Augen); wir sind schmerzempfindlich; (135) Zahlensinn;
(Ernst Peter Fischer: Die Bildung des Menschen -  was die Naturwissenschaften über uns wissen; Ullstein Berlin 2006)

·         Wie viele Sinne hat der Mensch?
(105) Sinne des Menschen: neben Sehen, Tasten, Schmecken, Riechen, Hören – Fähigkeit, feine Temperaturunterschiede zu erfühlen, Gleichgewichtssinn, die kinetischen Sinne, die den Schlagarm des Tennisspielers feinsteuern und anderes mehr;
manche Tiere haben elektrische Sinne, Magnetsinn (Magnetitkristalle bei Tauben, Bienen und Forellen gefunden)
(Ludwig Schultz, Hermann-Friedrich Wagner (Hrsg.): Die Welt hinter den Dingen, WILEY-VCH Weinheim, 2006)

·         Haifische sind zur Jungfrauengeburt fähig;
im Leichnam eines Schwarzspitzenhaiweibchens fand ein Forscher einen Embryo ohne väterlichen Erbgutanteil … die Fischdame lebte wie eine schwimmende Nonne … 8 Jahre gab es in ihrem Aquarium keinen Herrenbesuch
(ZEIT-Wissen Heft 1/2009, S.13)

·         Jungfrauengeburt bei Haien;
die Weibchen mancher Haiarten können sich ohne männliche Hilfe fortpflanzen. Und der nach Jungfernzeugung geborene Nachwuchs ist lebensfähig.
Durch Gennanalyse bestätigt, dass Haiweibchen nur die genetischen Informationen der Mutter trugen;
zur Jungfernzeugung kommt es offenbar, wenn sie isoliert von ihren Artgenossen leben; ihre Fortpflanzungszellen können dann mit bestimmten anderen Zellen verschmelzen, die als Nebenprodukt bei der Eizellreifung anfallen
(Spiegel 7-2010 S.106)

·         Nach der Entschlüsselung der menschlichen Erbsubstanz wollen Forscher jetzt die Gene aller Mikroorganismen in und auf dem Menschen entziffern. Im größten Lebensraum, dem Darm, sind die Bakterien nützlicher als gedacht;
Wie würde ein Außerirdischer die Spezies Mensch beschreiben? Etwa so, vermutet Wissenschaftsautor Jörg Blech: „Die irdische Lebensform besteht aus 988 verschiedenen Spinnentieren, 100 000 000 000 000 (in Worten: hundert Billionen) Bakterien, 1 Mensch, etwa 70 Amöben und manchmal bis zu 500 Madenwürmern.“ Der Mensch ist ein Mischwesen, ein „Superorganismus“, meint der US-amerikanische Genetiker und Nobelpreisträger Joshua Lederberg. Auf jede menschliche Zelle kommen zehn Bakterienzellen;
Nachdem die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts nicht, wie erhofft, die Erklärung für viele Krankheiten brachte, setzen die Forscher jetzt ihre Hoffnung in die Erforschung des Ökosystems Mensch;
(bild der wissenschaft 6-2011 S.19)


Evolution

 

 

 

·         Q: BdW 1/96:
- in China 2. Art Archäopteryx (140 Mill. a)

·         Q: BdW 5/95 S.1
- Parasiten gab es schon vor 500 Mill. a, klassische Wirtstiere wie Vögel, Säuger, Reptilien erst viel später,
andere Wirtstiere vorher z.B. Trilobiten

·         Q: BdW 7/95 S.26
-
Archebakterien älteste Lebensformen, gewinnen Energie ohne Sonnenlicht, extreme Bedingungen z.B. 110 Grad C

 

12.2.05

·         Evolutiv belohnt wird nicht Vollkommenheit, sondern Effektivität. Für evolutiven Erfolg maßgebend ist nicht pure Qualität, sondern ein vertretbares Kosten-Nutzen-Verhältnis. Es geht nicht darum, die bestmögliche Lösung zu finden, sondern besser zu sein als die Konkurrenz. Dabei ist freilich nicht nur an zwischenartliche, sondern auch an innerartliche Konkurrenz zu denken.;
Natürliche Selektion ist differentielle Reproduktion aufgrund unterschiedlicher Tauglichkeit (Fitness).;
Evolutionsbiologen schätzen die Zahl der ausgestorbenen Arten mindestens auf das Hundertfache der noch existierenden; Ernst Mayr meinte sogar, dass 99,9% aller Evolutionslinien ausgestorben seien;
eher zufälliges Aussterben, sog. Situationstod: Überschwemmung oder Meteoriteneinschlag;
Populationen und höhere taxonomische Einheiten sterben aus entweder, weil sie mit den Umweltbedingungen nicht zurechtkommen, vor allem dann, wenn sich diese vergleichsweise schnell ändern, oder weil sie von tauglicheren Organismen, vielleicht sogar von überlegenen Artgenossen, verdrängt werden.;
Die Stammesgeschichte ist auch und gerade da, wo wir uns besonders für sie interessieren, etwa im Hinblick auf die Herkunft des Menschen, lückenhaft und umstritten...;
vergleichsweise wenige Kontrollgene regulieren direkt oder indirekt die übrigen Gene ... Insekten ... einige Teile wuchsen am falschen Platze ... so konnte am Kopf eines Insekts ein Bein dort wachsen, wo eigentlich ein Fühler wachsen sollte ... vor fast 100 Jahren studierte der englische Genetiker William Bateson diese Transformationen ... weil ein Körperteil die Gestalt eines anderen anzunehmen schien, nannte er diese Erscheinung nach dem griechischen Wort für Gleichheit „Homöose“;
(Gerhard Vollmer: Wieso können wir die Welt erkennen?, Hirzel Stuttgart 2003, S.19, 39, 41, 112, 304, 326)

·         Dobzhansky: Nichts in der Biologie ergibt Sinn außer im Lichte der Evolution;
innere Verbindung verschiedener biologischer Disziplinen wird erst durch die Evolutionstheorie hergestellt;
Nach dem Popperschen Falsifikationskriterium – eine gute erfahrungswissenschaftliche Theorie muss an der Erfahrung scheitern können – böte die Biologie, vor allem aber die Evolutionstheorie, also nur ein zwar fruchtbares, letztlich aber doch metaphysisches Forschungsprogramm (Seite 105: Popper selbst hat sein Urteil über die Evolutionstheorie widerrufen. 1977 erklärte er, die Theorie der natürlichen Auslese sei doch eine prüfbare Theorie);
Genetik und Entwicklungsbiologie erklären zwar (ansatzweise), wie aus Lebewesen neue Lebewesen entstehen, und die Evolutionstheorie erklärt (ansatzweise), wie aus Arten neue Arten entstehen, wie jedoch die ersten Lebewesen entstanden sind, das erklären sie nicht. Sie können das auch gar nicht, da sie die Existenz von Lebewesen ja schon immer voraussetzen.. Erste Lebewesen können offenbar nicht aus belebten Systemen entstehen, (da sie sonst nicht die ersten Lebewesen wären), sondern nur aus unbelebten. ... Die Entstehung des Lebens kann also, wenn überhaupt, nur durch Physik und Chemie erklärt werden;
Zufallsereignisse: haben keine Ursache und damit auch keine Erklärung, sind nicht völlig gesetzlos, sondern genügen statistischen Gesetzmäßigkeiten, solche Gesetze sind jedoch nur dann anwendbar, wenn es sich um Ereignisklassen handelt, der Erklärung von Einzelereignissen können sie dagegen nicht dienen;
Evolutionstheorie – wichtige Aspekte S.69f. S. 95f;
Selektion nicht nur durch die äußere, auch durch die innere Umwelt (z.B. Embryonalentwicklung);
Darwin selbst spricht nicht von EVOLUTION, weil dieser Begriff zu seiner Zeit noch anderweitig vergeben war, sondern von „transmutation“ oder von „descent with modification“.;
Tatsächlich ist bisher kein Faktum bekannt, das der Evolutionstheorie widersprechen oder sie widerlegen würde. Freilich gibt es noch viele ungelöste Probleme. Viele Kritiker verwechseln die bestehende Unvollständigkeit der Evolutionstheorie mit Falschheit.;
(Gerhard Vollmer: Biophilosophie, Reclam Stuttgart, 1995, S.28, 63, 35, 42, 69, 84, 95, 96, 105)

·         Sedimente; Meeresalgen reagieren besonders empfindlich auf Sonnenstrahlung und hinterlassen in extrem dünnen Schichten Ablagerungen; ähnlich wie Jahresringe von Bäumen: Tageslänge kann ermittelt werden: vor 500 Mill. a hatte ein Jahr mehr als 400 Tage, ein Tag war nur 21 Std. lang; ursprünglich muss sich die Erde einmal in 7 Stunden um ihre eigene Achse gedreht haben; Mond als „Bremse“;
(Lesch/Müller: Big Bang zweiter Akt – Auf den Spuren des Lebens im All, Bertelsmann München 2003, S.179)

·         Anfang der 1980er Jahre: in einem primitiven Bakterium hatten amerikanische Biologen Abarten der Erbsubstanz Ribonukleinsäure gefunden, die sich als wahre Zauberkünstler erwiesen. Sie konnten sich ohne Hilfe von Eiweißen vermehren. Diese seltsamen Moleküle, Ribozyme genannt, sind Henne und Ei zugleich. „Ein sich selbst nachbildendes Ribozym“, meinte der Astrophysiker Carl Sagan, „war wahrscheinlich vor vier Milliarden Jahren das erste Ding, das man in gewissem Sinne lebendig nennen könnte“.
(GEO 9/1999 S.147)

·         Der Begriff Anpassung bezieht sich immer auf eine Population oder eine gesamte Art, nie auf ein einzelnes Individuum (65)
es gibt keine Anpassungsleistung, die für jede Situation taugt. Nichts ist per se gut oder schlecht. ... Was in einer bestimmten Umgebung gut ist, kann in einer anderen nachteilig sein. (66)
heute leben vermutlich zwischen 10 und 200 Mill. verschiedene Arten auf der Erde (76), die heute vorhandenen Arten machen nur weniger als 1 % aller je dagewesenen aus (79)
Die „große Synthese“ hat den Darwinismus keineswegs zu einer abgeschlossenen Theorie erklärt. Ganz im Gegenteil. Der Darwinismus bietet keine fertige Erklärung für jedes beliebige Phänomen. Er ist vielmehr ein Forschungsansatz, eine „Erklärungsmaschine“ ... die Synthese der Evolutionsbiologie dauert an und integriert Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, etwa Genetik, Molekulargenetik, Biochemie, Geologie, Physik und Medizin (88)
die Evolution verfügt über keinen Mechanismus der Vervollkommnung ... keinen Gipfel ... das Optimum ergibt sich aus dem konkreten evolutionären Wettbewerb und nicht aus einem vorher definierten Ideal (84)
(Detlev Ganten u.a.: Leben, Natur, Wissenschaft; Eichborn Ffm. 2003)

·         Titel des Hauptwerks von Charles Darwin in voller Länge:
On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation (Erhaltung) of Favoured (begünstigter) Races (Rasse; Art) in the Struggle (Ringen, Abmühen, Kampf) for Life
(Fischer E.P.: Die andere Bildung, S.300)

·         Entstehung des Lebens: Forderung, das im Labor nachzustellen – dann könnte eine Regelhaftigkeit, ein Gesetz abgeleitet werden; aber wenn die Entstehung des Lebens nun ein einmaliger Vorgang gewesen wäre (analog Urknall JK)??? (297)
EVOLUTION im Kosmos? von Evolution nur sprechen, wenn auch eine wirkende Kraft angegeben werden kann und wie sie zur Geltung kommt; Sterne und Galaxien – welche Auswahl auf welche Weise nach welchem Kriterium??? (300);
struggle for life = Mühseligkeit des täglichen Existierens (300);
Darwins Beobachtungen:
1. Natur ist verschwenderisch, Geschöpfe sind überaus fruchtbar, Vermehrung würde schnell jedes Maß sprengen
2. Zahl der Individuen ist zeitlich trotzdem stabil
3. natürliche Ressourcen in der Umgebung sind begrenzt
4. unter den Individuen gibt es Konkurrenz um die Lebensgrundlagen
5. Individuen zeigen Unterschiede in ihren Eigenschaften (Variationen)
6. Variationen sind erblich
7. Ausleseprozess begünstigt die, die besser angepasst sind (311);
Evolutionskonzept: es gibt neben den Naturgesetzen, die einen physikalischen oder chemischen Ablauf determinieren, noch andere Formen; Element des Zufalls in der Evolution führt zu einem statistischen Gesetz (313);
Mutation ist eine genetische Variation, die zufällig und ungerichtet passiert;
Selektion zeigt sich dadurch, dass sich die Träger von unterschiedlichen Variationen unterschiedlich vermehren, Selektion ist differenzielle Reproduktion
andere Faktoren: Annidation, Isolation, Rekombination, Gendrift (314);
wichtiger Mechanismus: Doppelfunktionen (314);
nicht immer viele Nachkommen nötig: wenige Nachkommen zu haben, sie gut und lange betreuen und ausführlich versorgen kann auch erfolgreiche Strategie sein
sexuelle Selektion: Weibchen investieren viel mehr als Männchen, wählen Partner aus (Kraft, Schönheit, Zuverlässigkeit)
(319);
Theodosius Dobzhansky: Nichts in der Biologie macht Sinn, außer im Lichte der Evolution (334)
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003)

·         Darwins Konzept:
1. Die Organismen einer Art sind untereinander nicht ganz gleich. Unterschiede zwischen ihnen entstehen laufend neu ...
2. Die Organismen bringen mehr Nachkommen hervor, als (z.B. wegen begrenzter Ressourcen) überleben können.
3. Die Unterschiede zwischen ihnen äußern sich in unterschiedlicher Angepasstheit, die zu unterschiedlicher Eignung (fitness) führt.
4. Individuen mit höherer Eignung überleben bevorzugt bzw. bringen mehr Nachkommen hervor als die übrigen.
5. Wenn die Unterschiede erblich sind, ändern sich die Arten allmählich. (14);
Synthetische Theorie der Evolution:
a) Mutationen ergeben das Ausgangsmaterial, die verschiedenen genetischen Varianten.
b) Durch die Umweltbedingungen wird eine Auswahl (Selektion) der besser angepassten (Individuen) getroffen, indem einige nicht überleben und andere sich stärker fortpflanzen als der Rest.
c) Im Zustand reproduktiver Trennung bilden sich Isolationsmechanismen, zwischen Populationen. Diese P. sind dann echte Arten, d.h. Fortpflanzungsgemeinschaften, die mit anderen keine genetische Information mehr austauschen.
d) „Gendrift“ (oder „Zufall“) sorgt für Änderungen der Allelenfrequenz in Populationen, die nicht mit Anpassung verbunden sein müssen.
e) „Rekombination“ der genetischen Information beschleunigt bei bisexuellen diploiden Organismen den gesamten Prozess (Variationen! JK)
f) „Annidation“ – das „Ein-Nischen“ von mutierten Populationen in nicht genutzte Umweltgegebenheiten – kann zur Artbildung führen. (17)
(Deutsches Inst. f. Fernstudien Uni Tübingen, Fernstudium Naturwissenschaften, Evolution der Pflanzen- und Tierwelt, 3. Theoretische Grundlagen, 1986)

·         Spiel: Frager wollen Begriff herausfinden, aber der Befragte hat /zunächst gar keinen konkreten im Sinn, Antworten JA und NEIN möglich, dadurch kommt am Ende was Sinnvolles und Eindeutiges raus, ohne dass es am Anfang festgestanden hätte, entsteht erst im Lauf der Fragerunde
(Variante: Antworten durch Würfel festlegen lassen – kann aber in Sackgassen führen!)
(Kitty Ferguson: Gott und die Gesetze des Universums, Econ Düsseldorf 2002, S.50)

·         Zufall ja, aber nur innerhalb bestimmter Gesetzmäßigkeiten; der bisher gegangene Weg schränkt ein (Kanalisierung), innere Selektion (es muss ins Gesamtgefüge passen);
Wettbewerb ums Dasein, aus dem derjenige als Sieger hervorgeht, der günstigere Lebensstrategien entwickelt hat  (schneller laufen, besser seine Futterquelle riechen, vor Feinden schützen)
(Dürr HP u.a.: Gott, der Mensch und die Wissenschaft, Augsburg 1997, S.83,103,)

·         Aus der Sicht des Biologen war die Evolution keineswegs auf die Schaffung des Menschen angelegt. Er hat sich ergeben ... die Umwege, über welche er entstanden ist, und der ganze „evolutive Pfusch“, der in ihm kumulierte, schließen die Annahme jeder vernünftigen Planung aus.;
Evolution: der Zufall ist ihr schöpferisches Element, und die entstehenden Bahnungen sind ein Faktum. Diese Evolution stabilisiert sich selbst und richtet sich selber aus. Ihr Sinn, oder doch ihre Zwecke entstehen mit ihren Produkten. Sie ist von einer poststabilierten Harmonie.;
zwei Mechanismen: erbliche Variation und Auslesebedingungen;
Die Erklärung sieht nur einen Blinden und einen völlig kurzsichtigen Konstrukteur vor. Mutationen erfolgen blindlings und ohne Bezug auf die jeweils gegebenen Bedürfnisse. Und die Selektion, die einen Organismus tötet oder doch von der Reproduktion ausschließt, kann nicht vorhersehen, ob derselbe nicht kurz darauf hätte sehr erfolgreich sein können... Wirkung eines dritten, sehr weitsichtigen Konstrukteurs wahrnehmen: der zwar auch nicht in die Zukunft sehen kann, aber zurück, auf die Herstellung seines bisherigen Produkts, das sind die durch jene relativen (bisherigen) Zufälle entstandenen Notwendigkeiten der inneren Organisation;
dass sich das Leben selbst einen Sinn schafft;
äußere Selektion beim Menschen kaum noch wirksam, aber innere Selektion (Embryo, Fetus) geht weiter;
Selektion meint interspezifisch die Selektion zwischen Arten: Räuber-Beute-Verhältnisse, Konkurrenz um Nahrung, Lebensraum usw. Intraspezifisch bezeichnet Konkurrenz innerhalb einer Art, etwa um Ränge, Brutgebiete oder Weibchen;
Räuber-Beute-Verhältnis versus Ressourcenkonkurrenz: ersteres erscheint grausam und ist es auch für das Beutetier, aber es führt nicht zum Aussterben, weil die Füchse das letzte Hasenpaar nicht finden (Verhältnis pendelt sich ein); die so harmlos klingende Konkurrenz um identische Ressourcen dagegen führt zum Aussterben des schwächeren Konkurrenten;
Die Entstehung des Lebens brachte es dazu, dass sich Systeme von Molekülen so organisieren, dass sie, in großer Ferne vom physikalischen Äquilibrium, einen Balanceakt vollbringen, der auch den ihnen beschiedenen Zerfall, den Tod, dadurch umgeht, dass sie sich fortgesetzt reproduzieren ... und es ist merkwürdig, dass auf diesem Seil auf mindestens 2 Millionen verschiedene Weisen – die Anzahl der Arten – getanzt werden kann; zwei Millionen verschiedene Wirklichkeiten (zutreffende und ausreichende Annahmen über die Welt draußen);
(Rupert Riedl: Zufall, Chaos, Sinn; Kreuz Stuttgart 2000, S.52,55,60,72,82,88,164)

·         Alle Einflüsse der unbelebten Natur, wie Niederschlag, Temperatur, Windverhältnisse, Bodenbeschaffenheit, und chemische Bedingungen können als Selektionsfaktoren wirken. Das gilt auch für Organismen. Sie können als Konkurrenten um Nahrung und Wohnraum auftreten. Parasiten und Krankheitserreger spielen eine Rolle. Auch die geschlechtliche Auslese bei der Partnerwahl ist von Bedeutung.
(Schrödel Lehrbuch Biologie 1995 S. 404)

·         Evolution im Grundsatz planlos und völlig frei, aber erst Gene (müssen funktionsfähig bleiben und kooperieren können zellintern), dann Baupläne, die nur noch in Grenzen variiert werden können, das alles engt die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten immer weiter ein

·         Evolution: erst im Nachhinein zeigt sich, ob eine Veränderung gut oder schlecht war; „Hinterher ist man immer klüger“; offenbar ist hier ein ziemlich blinder und sehr konservativer Spieler am Werk; was erfolgreich ist, das wird erhalten
(Lesch/Müller: Big Bang zweiter Akt – Auf den Spuren des Lebens im All, Bertelsmann München 2003, S.66)

·         Hinweise auf / Belege für EVOLUTION
Geologie, Paläontologie (Fossilien)
vergleichende Morphologie, Anatomie (ähnliche Baupläne)
Systematik (Ordnung nach abgestufter Ähnlichkeit)
Embryologie (ähnliche Entwicklungsschritte)
Tiergeographie
Haustierzüchtung / Züchtungsforschung
Parasitologie
Verhaltensforschung (angeborenes Verhalten bei verwandten Arten ähnlich)
rudimentäre Organe (Erklärung)
Physiologie (Stoffwechselvergleich, auch Eiweißverträglichkeit)
“chemische Stammbäume“ (z.B. Atmungsferment Cytochrom C)
Molekularbiologie (universeller genetischer Code, ähnliche Gene für ähnliche Funktionen bei verschiedenen Organismen)
(JK)

·         (387ff) 2. Argumente für die Evolutionstheorie
+ Anatomische und morphologische Beweise (Homologie, Funktionswechsel, Analogie, Konvergenz, rudimentäre Organe)
+ Entwicklungsphysiologische Beweise (biogenetische Grundregel)
+ Paläontologische Beweise (Fossilien, Altersbestimmung, Übergangsformen)
+ Tier und Pflanzengeografie (Isolation)
+ Verhaltensbiologie (Homologien, Rituale)
+ Parasitologie (Parasiten geringere Evolutionsgeschwindigkeit als ihre Wirte)
+ Cytologie (Zellaufbau bei allen Lebewesen Gemeinsamkeiten)
+ Biochemie (Veränderungen der Geninformation; Stammbäume aus Mutationen bei bestimmten Enzymen)
(Biologie heute SII, Schroedel Verlag Hannover, 2004)

·         Dass wir Menschen nicht vor jeder Empfängnis und Geburt zittern müssen, ob das Kind, das kommen wird, missgestaltet sein wird oder nicht, verdanken wir der biologischen Selektion mit ihrer ambivalenten Wirkweise. Sie sorgt mit einer unglaublich hohen Wahrscheinlichkeit dafür, dass Deformiertes oder Nicht-Lebensfähiges zugunsten des (wahrscheinlich) Lebensfähigen aus dem Entwicklungsgeschehen ausgeschieden wird. Insofern ist diese Form von Selektion selbst ein staunenswerter Teil des Lebens. ...
auf den Rampen von Auschwitz eine Selektion furchtbarer Art: Auswahl zum Verderben ...
Theißen formuliert den Gedanken, dass „die Verminderung von Selektionsdruck das heimliche Programm aller Kultur sei.“
(Klaus-Peter Jörns: Notwendige Abschiede – Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloh 2004, S. 214ff)

·         in einem Brief malte Darwin einem Freund aus, in einem „warmen, kleinen Teich“ könnten „Licht, Blitze und Elektrizität“ die ersten Bausteine des Lebens zusammengesetzt haben;
Anfang der 1980er Jahre: in einem primitiven Bakterium hatten amerikanische Biologen Abarten der Erbsubstanz Ribonukleinsäure gefunden, die sich als wahre Zauberkünstler erwiesen: si konnten sich ohne die Hilfe von Eiweißen vermehren ... Ribozyme … Ei und Henne zugleich ... ein sich selbst nachbildendes Ribozym war wahrscheinlich vor 4 Mrd Jahren das erste Ding, das man in einem gewissen Sinne lebendig nennen konnte (Carl Sagan)
(GE0 9/99 S.142ff)

·         (105) Thomas R. Malthus, Pfarrer und später fortschrittskritischer Sozialökonom, Theorie der Diskrepanz zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelversorgung;
(106) Darwin, der den Tod seiner vielgeliebten Tochter nie verwinden konnte, wurde religiös gegen Ende seines Lebens immer mehr zum Agnostiker.;
(149) Allen Lebewesen, darüber dürfte heute Konsens herrschen, sind drei dynamische Hauptmerkmale eigen:
- Fähigkeit zur Erzeugung von Organismen der gleichen Art: Reproduktion
- erbliche Veränderungen als Voraussetzung für die (Veränderung von und JK) Entstehung einer Vielfalt von Lebewesen: Mutation
- Steuerung des Stoffwechsels zur Aufnahme und Umsetzung von Energie und Material aus der Umgebung: Metabolismus;
(159) schon der griechische Philosoph und Atomist Demokrit (ca. 470 – 380 v. Chr.) hatte geschrieben: „Alles, was im Weltall existiert, ist Frucht von Zufall und Notwendigkeit.“;
Jacques Monod räumte dem Zufall entschieden den Vorrang ein: „der reine Zufall, nichts als der Zufall, die absolute, blinde Freiheit als Grundlage des wunderbaren Gebäudes der Evolution“;
(160) Manfred Eigen (1975): „Naturgesetze steuern den Zufall“;
(163) Entweder ein Mensch sagt nein zu einem Urgrund, Urhalt und Urziel des ganzen Evolutionsprozesses: Dann muss er die Sinnlosigkeit des ganzen Prozesses und die totale Verlassenheit des Menschen in Kauf nehmen (so versteht es J.Monod JK);
Oder ein Mensch sagt ja ... Dann darf er die grundlegende Sinnhaftigkeit des ganzen Prozesses und der eigenen Existenz zwar nicht aus dem Prozess selbst begründen, wohl aber darf er sie vertrauend voraussetzen ...;
(Hans Küng: Der Anfang aller Dinge, Naturwissenschaft und Religion, München 2005)

·         (386) Artbegriff: Eine Art ist die Gesamtheit der Populationen, deren Individuen sich untereinander fortpflanzen können und durch Fortpflanzungsschranken von anderen Populationen getrennt sind.;
(386ff) Evolutionsfaktoren
+ Mutationen als Grundlage der Evolution
+ Selektion (abiotische und biotische Faktoren; Coevolution)
+ Gendrift (Zufallswirkung)
+ Genetische Rekombination;
(455) In keinem Fall wurde die Evolutionshypothese falsifiziert; sie gelangte so schon seit langem in den Rang einer gut begründeten Theorie. Sie steht mit unabhängig davon gewonnenen Ergebnissen der Geologie, Geophysik und Astrophysik in Übereinstimmung ...
(Linder Biologie, Lehrbuch für die Oberstufe, 21. Auflage, Metzler, Schroedel Verlag Hannover, 1998)

·         (35) Man schätzt, dass für die Entstehung einer Muschelkalkschicht von 1 Meter Dicke etwa 20.000 Jahre erforderlich sind.
(36) Radicarbonmethode: Sie nutzt den Zerfall eines radioaktiven Kohlenstoff-Isotops für die Altersbestimmung. Durch kosmische Strahlung aus dem Weltraum wird regelmäßig ein bestimmter Teil der Stickstoffatome unserer Atmosphäre in radioaktiven Kohlenstoff 14C verwandelt.
(37) Kalium-Argon-Methode: Normales Kalium enthält zu einem geringen Teil (1/25.000) das radioaktive Isotop Kalium-40. das ständig zerfällt, wobei das Edelgas Argon entsteht.;
(44) Mutationen
+ Gen-Mutationen; Veränderung der DNA-Struktur; veränderte Aminosäure-Sequenzen in Proteinen
+ Chromosomen-Mutationen; Verlust, Verdopplung, Drehung, Verlagerung einzelner Abschnitte; Gene gehen verloren, sind mehrfach vorhanden oder stehen in anderer Nachbarschaft
+ Chromosomensatz-Mutation; Vervielfachung des gesamten Chromosomensatzes
+ Regulatorische Mutation; Gen- oder Chromosomenmutation; Veränderung von Regulationsmechanismen;
(47) Sanger brauchte für die Aufklärung der Insulinstruktur (1953) 100 Gramm Substanz und 10 Jahre Zeit; 1958 Nobelpreis;
(96) Überschrift Kap. 6: Das Problem der Entstehung des Lebens
(103) Kap. 6.7. Probleme der Theorie von der Entstehung des Lebens
Die Evolutionstheorie ist heute durch Beweise aus den unterschiedlichsten Hilfswissenschaften so stark abgestützt, dass sie zu den am besten gesicherten Theorien der Naturwissenschaft gehört. Sie wird vom größten Teil aller Biologen akzeptiert ...
Diese weitgehende Sicherheit reicht zurück bis an die Stelle, wo im Stammbaum die ersten echten Lebewesen, also einfache Zellen, stehen. ...
Zwischen der Entstehung organischer Stoffe und dem Auftauchen erster funktionsfähiger Zellen aber besteht eine Lücke in der Theorie. Viele der Gedanken, die hier in den letzten Abschnitten besprochen wurden, beruhen auf Vermutungen und Spekulationen. Die Theorien über die Evolution der entwickelten Lebewesen sind in vielen Fällen anhand von Fossilien überprüfbar. Für die Phase der Entstehung des Lebens und der Entwicklung der frühen Lebewesen fehlen aber solche Beweise.
Auch reproduzierbare Experimente sind nicht möglich, da der Prozess der Entstehung des Lebens Zeitspannen umfasste, die experimentell nicht wiederholbar sind. So sind wir auf die Auswertung von Indizien angewiesen, um zu schlüssigen Vorstellungen zu kommen. Diese Bemühungen haben aber bisher einen großen Teil der Probleme noch nicht lösen können. ...
Man kann prinzipiell nicht voraussagen, ob diese Probleme in Zukunft gelöst werden können. Heute aber muss man feststellen, dass die Evolutionstheorie über die Entstehung des Lebens auf der Erde noch kein gesichertes Bild bieten kann.;
(143) Man ist, wie in jeder historischen Wissenschaft, auf Indizienbeweise angewiesen.
(106) Ein Stammbaum soll den Weg nachzeichnen (den die Entwicklung gegangen ist JK)...
Der Biologe, der sich das Nachzeichnen dieses Weges zur Aufgabe macht, ist in der Lage eines Kriminalisten, der ein Verbrechen rekonstruieren soll, für das es keine Zeugen gibt. Er hat eine Reihe von Hinweisen ... die Verknüpfung der Indizien erfordert viel Fingerspitzengefühl ...
Unser Stammbaum wird deshalb an vielen entscheidenden Stellen notgedrungen gestrichelte Linien oder sogar Fragezeichen aufweisen ...
(127) Die Problematik des menschlichen Stammbaums
Die Liniendarstellung in einem Stammbaum täuscht über die Lücken hinweg, die zwischen den einzelnen Funden bestehen. Diese sind häufig beträchtlich.;
(140) Präadaptation = Entstehung von Eigenschaften, die erst später einen Sinn bekommen, Anpassung „im Voraus“;
Versuch: man legt Bakterienkulturen an und gibt anschließend ein tödlich wirkendes Antibiotikum dazu; es existieren immer einige Bakterienstämme, die resistent gegen das Antibiotikum sind (das ist in jedem Versuch immer eine unterschiedliche Anzahl – es ist also keine „Reaktion“ auf die Anwesenheit des Giftes, sondern die Eigenschaft war schon vorher zufällig da);
Man kann sich vorstellen, dass in ähnlicher Weise unter den Lebewesen immer einige Formen vorhanden sind, die zufällig schon an die neu eintretenden Umweltveränderungen angepasst sind.
(143) Dass es trotzdem noch Lücken (in der Evolutionstheorie JK) gibt und wahrscheinlich immer geben wird, ist kein Beweis gegen ihre Richtigkeit. Nur wenn eine Theorie gefunden wird, die die Erscheinungen der lebenden Welt auf andere Weise und besser als die Evolutionstheorie erklärt, wird die Abstammungslehre überholt sein.;
(146) Eine fundierte, lückenlose Argumentation dagegen (in der Evolutionstheorie JK) ist aber mit gewissen Schwierigkeiten verbunden: Die Evolutionstheorie beruht zu einem großen Teil auch auf den Voraussetzungen, die die Geologie liefert, denn die Fossilien finden sich in geologischen Schichten, und die Datierungsmethoden, die die Zeittafel der Evolution bestimmen, sind Datierungsmethoden der Geologen. Diese Verfahren beruhen aber auf der Annahme, dass die Naturgesetze, die heute wirksam sind, schon vor langer Zeit wirksam waren. Das Prinzip wird als Aktualismus oder Aktualitätsprinzip bezeichnet und geht auf den englischen Geologen Charles Lyell zurück, der damit zu Darwins Zeiten die Geologie in neue Bahnen lenkte. Für uns ist dieses Prinzip heute selbstverständlich. Es ist aber ... nicht beweisbar. Der Aktualismus ist ein AXIOM, d.h. ein Satz, der zwar als unmittelbar einsichtig gilt, aber nicht beweisbar ist.
(Hoff/Miram: Materialien für den Sekundarbereich II, Biologie, Evolution, Schroedel Verlag Hannover 1993)

·         (104) Kelvin 1862 Schätzung zum Alter der Erde: 20 bis 400 Millionen Jahre; geht in den Folgejahren zurück auf 24 Mill. Jahre; Grund: man konnte mit keinem der damals bekannten physikalischen Vorgänge erklären, wie ein Körper wie die Sonne länger als ein paar zig Millionen Jahre leuchten konnte (Brennstoff zu Ende);
(127) gegen Ende des 19. Jh. Schätzungen für das Alter der Erde zwischen 3 Millionen und 2,4 Milliarden Jahren;
(251) Jedes Jahr sammeln sich auf der Erde rund 30.000 Tonnen Weltraumstaub.
(406) (Voraussetzungen für Fossilbildung) nach heutiger Kenntnis wird nur ungefähr einer von 1 Milliarde Knochen zu einem Fossil;
nach Schätzungen findet sich nicht einmal eine unter 10.000 biologischen Arten in den Fossilfunden wieder;
bei etwa 95% aller bekannten Fossilien handelt es sich um Tiere, die einst unter Wasser lebten, die meisten davon in flachen Meeren;
Schätzungen: Erde hat im Laufe ihres Lebens 30 Milliarden Arten von Lebewesen hervorgebracht;
(433) „In erster Annäherung sind alle Arten ausgestorben“ (Raup);
Die durchschnittliche Lebenserwartung kompliziert gebauter biologischer Arten liegt bei rund 4 Millionen Jahren;
(496f) Gregor Mendel ... hatte am Philosophischen Institut von Olmütz und an der Wiener Universität Physik und Mathematik studiert und betrieb seine Arbeiten mit strenger wissenschaftlicher Disziplin; Bibliothek im Kloster in Brünn 20.000 Bände;
Mendels Beobachtungen nicht völlig unbeachtet: Eintrag in der Encyclopedia Britannica und Zitate beim deutschen Forscher Focke;
Mendel besaß die deutsche Übersetzung von Darwins „Entstehung der Arten“;
(501) Darwin wurde in der Westminster Abbey unmittelbar neben Newton beigesetzt;
(555) stützen sich unsere gesamten Kenntnisse über die Vorgeschichte des Menschen auf die äußerst bruchstückhaften Überreste von vielleicht 5000 Individuen;
(563) Eigentlich war es gar nicht so, dass LUCY und ihresgleichen die Wälder verließen, sondern sie wurden von den Wäldern verlassen (Gribbin)
(Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem, Goldmann München 2004)

·         (246) die Veränderung in einem homeotischen Gen führt dazu, dass zum Beispiel die Maschinerie, die ein Bein herstellen soll, dort in Schwung gebracht wird, wo eigentlich eine Antenne nötig ist. Tatsächlich gibt es Fliegen, denen Beine aus dem Kopf wachsen ... kein Genetiker hätte sich ein solches Wesen in seinen wildesten Träumen ausdenken können;
dass die Genvariationen zu einer Fehlidentifizierung des Körpersegments führen, was dann die Anfertigung von gebrauchfähigen Organen am falschen Ort nach sich zieht;
(250) Nicht nur Insekten verfügen über eine Homeobox. Der entsprechende Genbereich konnte bei Würmern, Fröschen, Mäusen und zuletzt auch im Menschen gefunden werden. Das Überraschende dabei war nicht nur, dass in der Entwicklung von Wirbeltieren und Wirbellosen ein gemeinsames Prinzip erkennbar wurde, sondern dass homeotische Gene auch dort funktionierten, wo sich – auf den ersten Blick – keine Körpersegmente erkennen ließen.
Wenn man genauer hinschaut, erkennt man natürlich, dass Menschen innerlich sehr wohl Segmente erkennen lassen, und zwar die berühmten Rippen ... auffallend häufige Fehlbildungen an dieser Stelle. Etwa einer von 10 Erwachsenen hat eine andere Rippenzahl (als die normalen 12 auf jeder Seite ... das Muster, das zu dieser Bildung führt, wird dadurch gestört, dass eines der homeotischen Gene des Menschen nicht funktioniert);
(253) Erklärung für die Ähnlichkeiten in der Embryonalentwicklung, die Fische, Salamander, Hühner, Kaninchen und Menschen zeigen; dass Organismen für ihre Entwicklung sehr eng miteinander verwandte Gene benutzen, um die (An- JK) Ordnung ihrer Teile festzulegen;
(254) die homeotischen Gene enthalten Informationen über Proteine, die in der Lage sind, Einfluss auf die Art und Weise zu nehmen, mit der (andere) Gene genutzt werden.; Proteine von homeotischen Genen dienen als molekulare Schalter und aktivieren oder deaktivieren andere Gene.;
alle homeotischen Gene treten als Block (Cluster) auf, liegen in einer bestimmten Reihenfolge aufgereiht (manchmal auf einem Chromosom, beim Menschen auf vier verteilt
(264) Gene spulen keine Programme ab, Gene reagieren vielmehr kreativ. Die Gesamtheit der Gene – das Genom – verfügt über Kreativität.
(Ernst Peter Fischer: Die Bildung des Menschen -  was die Naturwissenschaften über uns wissen; Ullstein Berlin 2006)

·         (123ff) Hoimar von Ditfurth: „Die Wirklichkeit ist nach oben offen“ ...
Die Evolution unseres Verstandes als „Haushaltsverstand“ sichert primär unser Überleben und weist doch in seiner Evolution über sich selbst hinaus. Die Evolution zeigt, dass es auch für den Menschen und nicht nur für Tiere Räume von Wirklichkeit geben muss, die weit über die jeweils wahrgenommenen Bereiche hinausweisen. Die Wirklichkeit – so erklärt Ditfurth ... „ist noch nach oben offen, auch wenn wir nur einen kleinen begrenzten Ausschnitt erleben.... Es bleibt (für Ameisen, Reptilien, Affen und Menschen JK) immer noch ein vergleichsweise winziger Ausschnitt aus dem was uns umgibt. Unsere Welt ist in Wirklichkeit weit über unseren Erkenntnishorizont hinaus offen“. ...
(Wolf-Rüdiger Schmidt: Leben ist mehr, GTB Sachbuch 957, Gütersloh 1988)

·         (11) Leben ist nach wie vor rätselhaft und der Weg von der toten Materie zum ersten primitiven Organismus unklar.
(18ff) Kriterien für das Phänomen „Leben“:
+ Stofflichkeit (Lebewesen bestehen aus chemischen Stoffen)
+ Stoffwechsel und Energieumsatz (Aufnahme, Einbau, Ausscheidung)
+ Komplexität
+ Eigenständigkeit (Wahlmöglichkeiten)
+ Vermehrung
+ Erbinformation
+ Wandelbarkeit (Mutationen, Evolution);
(22) NASA-Definition für „Leben“:
“ein sich selbst unterhaltendes chemisches System, welches fähig ist, eine Evolution im Sinne Darwins durchzuführen“;
(23) Francis Crick: zwei Bereiche, in denen der Vitalismus noch überdauert hätte – die Entstehung von Leben und das Phänomen „Bewusstsein“;
Tatsächlich bestehen in diesen beiden Gebieten auch heute noch große Lücken im Verständnis der Vorgänge und es muss zugegeben werden, dass für die nahe Zukunft eine restlose Beschreibung im naturwissenschaftlichen Sinne noch keineswegs absehbar ist.:
(27) Carl von Linné (1707 bis 1787) setzte sich als erster dafür ein, die großen (Menschen-)Affen und den Menschen in eine gemeinsame Gattung („Menschenähnliche“) zu stellen, den Menschen also zu Tieren zuzuordnen;
(28) Lamarck – erhielt zunächst Ausbildung auf einer Jesuitenschule, um später Priester zu werden;
(33) Darwin starb 1882, ohne etwas von Mendels Daten zu wissen, die seine Theorie so dringend für ihren Durchbruch gebraucht hätte. Denn ohne dieses Wissen über die Natur der Erbmerkmale und die Art und Weise der Übertragung auf die Folgegenerationen war das Konzept der natürlichen Selektion nicht weiter als eine einleuchtende Spekulation.;
(196) Zusammensetzung von Meteoriten (kohlige Chondriten): 70 verschiedene Aminosäuren (darunter 9, die Lebewesen auf der Erde nutzen), Nukleinbasen (Bausteine der Erbsubstanz DNS), Ameisen- und Essigsäure, Ketone, Chinone, Amine und Amide;
(198) im polarisierten UV-Licht (wie es bei jungen Sternen vorkommt) bleiben bevorzugt die „linksdrehenden“ (linkshändigen) Formen erhalten;
(202) Meteoritenteile, die vom Mars stammen, sind nachweislich im Inneren nie über 45oC erhitzt worden;
(260) heute über 20 Meteoritenteile auf der Erde gefunden, die aufgrund ihrer Zusammensetzung vom Mars stammen müssen;
(206) Darwin in einem Brief an Hooker:
„Aber wenn (oh welch ein großes Wenn) wir es zu Stande brächten, dass in einem kleinen, warmen Teich, in welchem alle Sorten von Ammonium- und Phosphorsalzen, Licht, Wärme, Elektrizität, etc vorhanden sind, auf chemischem Wege eine Proteinverbindung entsteht, die dann noch kompliziertere Veränderungen durchlaufen könnte, dann würde eine solche Substanz heute sofort gefressen oder absorbiert werden, das wäre aber vor der Entstehung der Lebewesen nicht geschehen.“;
(208ff) zum MILLER-Versuch: Glaskolben mit Methan, Ammoniak, Wasserdampf und Wasserstoffgas, elektrische Entladungen, Erhitzen, Kreislauf; nach wenigen Tagen verschiedene Hydroxylsäuren, Harnstoff, mehrere Carbonsäuren und Aminosäuren;
ABER: Bausteine lassen sich so zwar einfach herstellen, aber es gelang nicht, die in Lebewesen aktiven Stoffe aufzubauen; neuere Erkenntnisse: die Uratmosphäre, wie Miller sie angenommen hatte, gab es wohl in dieser Zusammensetzung nie. Und damit war auch keine einfache Synthese der biologisch wichtigen Moleküle möglich. ...
wir müssen aus den Erkenntnissen der letzten 50 Jahre „Ursuppenforschung“ schließen, dass es ganz so einfach wohl nicht ging und wir weiter nach dem oder den günstigsten Orten für den Start des Lebens fahnden müssen. ...
Es braucht neben den Molekülen, die auf alles andere als geheimnisvolle Art entstehen, eine ordnende und Struktur gebende Kraft oder eine natürliche Einrichtung, welche die chemischen Grundstoffe vor ihrem Abbau schützt und ihnen weiterführende Reaktionen ermöglicht ...
(214) Moleküle des Lebens entstehen in großer Menge und an den „unmöglichsten“ Orten.;
(228ff) ursprünglich eine RNS-Welt (?); Speicherung und Weitergabe von Informationen mit einem Molekültyp; kumulativer Ansatz: zunächst einfache, aber schon funktionsfähige Lösungen, die dann weiter perfektioniert werden;
(234) dass wir nie in der Lage sein werden, die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten genau, also Schritt für Schritt, zu rekonstruieren.
(235) Dem Leben steht offensichtlich eine Vielzahl von Möglichkeiten offen, um aus unbelebter Materie einfache „lebende“ Systeme zu erschaffen. So betrachtet wird Leben überall dort fast zwangsweise auftreten, wo „richtige“ Bedingungen herrschen. Leben wird zu einem kosmischen Alltagsphänomen.;
(237) vielleicht viele Wege zur selben Zeit beschritten, aber nur das Resultat eines einzigen Prozesses ist erhalten geblieben;
(252) Bakterien können hoch in die Atmosphäre getragen werden und den Planeten auch ohne katastrophale Ereignisse (wie Meteoriteneinschläge) verlassen;
(Hansjürg Geiger: Auf der Suche nach Leben im Weltall, Wie Leben entsteht und wo man es finden kann, Franckh-Kosmos Verlag Stuttgart 2005)

·         (21) Gould und seine Mitstreiter .... lassen nicht nur Gene gelten: Organismen, Gruppen und ganze Arten können von der Selektion ausgelesen werden.
(23) Die ökologischen Bedingungen erlaubten immer nur eine begrenzte und einigermaßen gut bekannte Anzahl von Gestaltungsformen, von „Designs“, (schnell schwimmende Meeresbewohner, Raubkatzen JK)
(158) (Darwin) Die Umwelt war nun eine Oberfläche mit Ritzen und Spalten, in welche die natürliche Auslese unzählige Keile mit großer Kraft einhämmerte und so die Formen an die vorgegebenen Herausforderungen anpasste.
(166) Anpassung ist nicht vollkommen, sondern nur im Verhältnis der Konkurrenzsituation zu verstehen. Variation, Auslese und Anpassung geschehen nicht nur, wenn Tiere und Pflanzen neue Lebensräume besiedeln, sondern immerzu ... Natürliche Auslese und Divergenz bewirken, dass in jedem Lebensraum die höchstmögliche Anzahl von Arten und Individuen leben.;
(177) Darwin: Origin of Species, 1. Auflage S.73, London Penguin:
“Sämlinge aus derselben Frucht und die Jungen aus demselben Wurf unterscheiden sich manchmal erheblich voneinander, obwohl, wie Müller bemerkte, sowohl die Jungen als auch die Eltern offensichtlich denselben Lebensbedingungen ausgesetzt waren; und dies zeigt, wie unwichtig die direkten Wirkungen der Lebensbedingungen im Vergleich zu den Gesetzen der Fortpflanzung und des Wachstums und der Vererbung sind; denn wirkten die Lebensbedingungen direkt und hätten (sie JK) die Jungen variiert, hätten wahrscheinlich alle in der gleichen Weise variiert.“
(203) Die Individuen einer Art können sich in zahllosen Eigenschaften unterscheiden, und das Ausmaß dieser Unterschiede und welche Merkmale davon betroffen sind, ändern sich ständig. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass irgendeine Eigenschaft auf alle Mitglieder einer Art zutreffen muss. Es gibt natürlich solche Eigenschaften – vier Gliedmaßen, Hämoglobin als Blutfarbstoff usw. – aber selbst die Konstanz dieser Eigenschaften ist nicht notwendig. Ein Schaf mit zwei Köpfen ist ein Schaf und ein Mensch mit sechs Fingern an jeder Hand ist ein Mensch.;
(214) „Neodarwinismus“ – Namenswandel ist Folge der erfolgreichen Zusammenführung von Evolutionslehre und Genetik, der so genannten „evolutionären Synthese“, die im frühen 20. Jahrhundert mit der Wiederentdeckung der Mendelschen Vererbungsgesetze ihren Anfang nahm.;
(10) Hox-Gene sind bei Insekten unter dem Namen Homeobox-Gene für die Segmentierung des Körpers zuständig. Die Hox-Gene steuern sowohl bei Wirbellosen als auch bei den Wirbeltieren den Aufbau des Körpers entlang der Achse vom Kopf zum Körperende ... Die homeobox ist ein so genanntes Motiv im Erbmolekül DNS, das 180 Bauteile oder Basen lang ist. Drei Basen bestimmen eine Aminosäure, die Bauteile der Eiweiße, also ist das Produkt der homeobox, die so genannte homeodomain, etwa 60 Aminosäuren lang. Nur bei den Wirbeltieren spricht man von Hox-Genen.
(219) Hox-Gene gibt es nur bei Metazoen, höheren Tieren mit verschiedenen Zelltypen und Geweben wie Ringelwürmern, Krebsen, Insekten und Wirbeltieren. Diese Gene stammen von den so genannten Homeobox-Genen ab, die es auch bei Einzellern und Pflanzen gibt. Die Hox-Gene sind in Gruppen entlang eines oder mehrerer Chromosomen angeordnet. Bei Schwämmen gibt es nur ein Gen, vier oder fünf bei den Cnidaria, sechs bis zehn Gene bei den meisten anderen Tierstämmen, aber bis zu 39 Gene in vier Gruppen bei den Säugetieren. ...
(220) (Veränderung von Gliedmaßen und Bauplänen möglich) ... In dieser komplexen Abfolge von genetischen Schaltern können in jedem Schritt Erbänderungen auftreten, deren Folgen von den klassischen Modellen der Evolutionsgenetik nicht erfasst werden können.;
In langen geologischen Zeiträumen sind die massiven Änderungen der Erde ebenso ein Motor der Evolution wie Umbauten in der genetischen Architektur.
(Thomas P. Weber: Darwin und die neuen Biowissenschaften, DuMont Köln, 2005)

·         (2) Dass die Evolutionstheorie empirisch widerlegt sei, kann trotz der zahlreichen neu hinzugekommenen Fakten nicht mehr ernsthaft behauptet werden, nachdem sich Erdalter, Evolutionsgeschwindigkeit, Fossilfunde, Genetik und Molekularbiologie als mit ihr bestens verträglich erweisen haben.;
(7) Mutationen sind ungerichtet. Sie werden zwar ausgelöst, also verursacht (und sind in diesem Sinne nicht absolut zufällig); ihre Ursachen sind jedoch mit ihren phänotypischen Auswirkungen nicht gesetzmäßig verknüpft. Die Mutationen bringen daher ein Zufallselement in den Verlauf der Evolution. Auch Gendrift und Genrekombination sind Zufallsfaktoren. Selektion, Annidation und Isolation sind dagegen im wesentlichen deterministischer Natur. So kommt es zu dem charakteristischen konstruktiven Zusammenspiel von „Zufall und Notwendigkeit“ in der Evolution ...;
(8f) Während die Mikroevolution „nur“ die Veränderungen innerhalb einer Art, also die innerartliche oder infraspezifische Evolution betrifft, bezieht sich der Ausdruck „Makroevolution“ auf Veränderungen über die Art hinaus, auf die Entstehung neuer Organe, Typen, Baupläne, Lebensweisen, neuer Arten, Gattungen, Ordnungen und höherer systematischer Einheiten (Taxa), auf die transspezifische Evolution oder Typogenese. Die Makroevolution hat nicht nur vom Ein- zum Vielzeller, sondern auch von den Fischen über Amphibien und Reptilien zu Vögeln und Säugern geführt. Dabei wurden offenbar ganz neue Lebensräume erschlossen, neue ökologische Nischen geschaffen und erobert, neue Lebensweisen ausprobiert, neue Nahrungsquellen erschlossen ...
Für die Erklärung der Mikroevolution genügen ... tatsächlich Mikromutationen, kleine, zufällige, ungerichtete Erbänderungen, die durch elementare Kopier- und Übersetzungsfehler zustande kommen. ...
Makromutationen (Großmutationen, Neuentstehung von ganzen Genen oder Chromosomen) sind bisher nie beobachtet worden. ... gibt es ... nicht;
(18f) „Präadaptation“ zunächst funktionslose Merkmale, die erst in einem späteren Stadium der Evolution eine Funktion übernehmen ... Fische atmen durch Kiemen und besitzen nur geringfügig versteifte Flossen. Die Crossopterygier jedoch – als deren lebendes Fossil der rezente Quastenflosser gelten darf – verfügten über zusätzliche Nasenrachenräume, Lungensäcke und Stützknochen in den Flossen, obwohl sie immer „noch“ Fische waren. Sie waren „präadaptiert“, an Land zu gehen und zu Vorfahren der Landwirbeltiere zu werden. Einige Reptilien entwickelten bereits gewichtssparende Hohlknochen, die auf das Fliegen des späteren Archäopteryx „vorbereiteten“. Manche gingen vom vierfüßigen zum zweifüßigen Laufen über, so dass die Vorderbeine frei wurden und zu Flugwerkzeugen umgewandelt werden konnten. Sie waren zum Fliegen „präadaptiert“. Wenn man so will, dann waren sogar die Bakterien, die gegen Penizillin resistent, oder Insekten, die gegen DDT immun sind, für das Leben mit Medikamenten und Insektiziden „präadaptiert“.
Gleichwohl ist der Ausdruck „Präadaptation“ gänzlich verfehlt. Zunächst handelt es sich ja gerade nicht um eine Anpassung, sondern um ein zufälliges, neutrales (oder sogar nachteiliges) Merkmal, das eben so mitgeschleppt wird. Von einer „Vor-Anpassung“ zu sprechen, legt dagegen eine teleologische Deutung nahe, die weder zulässig noch eigentlich beabsichtigt ist. Die „präadaptierten“ Lebewesen sind in keiner Weise an die Zukunft angepasst und schon gar nicht vor-angepasst. ... Man spricht heute lieber von „Prädisposition“. ... Vorsilbe „Prä“ im Grunde überflüssig ... eine funktionslose Struktur kann immer nur unbedeutend sein ...
(20ff) “Funktionswechsel“ bei genauerer Prüfung der Fälle, in denen Präadaptationen oder Prädispositionen für die Makroevolution verantwortlich gemacht werden, wird man feststellen, dass die betrachteten Strukturen auch gar nicht funktionslos sind, sondern iher Funktion lediglich gewechselt haben. Insbesondere dienen die Vordergliedmaßen der Wirbeltiere in einer beispielhaften Folge von Funktionswechseln zum Schwimmen, zum Laufen, zum Graben, zum Greifen, zum Klettern und eben auch zum Fliegen. ...
Ein Insektenbein kann nicht nur als Laufbein, sondern „nebenbei“ auch als Grabschaufel, Kiefer, Saugrüssel, Ruder, Geräuscherzeuger, Paarungswerkzeug und als Legeröhre dienen ... Zähne entstanden aus Schuppen, Schwimmblasen aus primitiven Lungen (nach Darwin sollte es übrigens umgekehrt sein) ...
Die Gehörknöchelchen im Mittelohr der Säugetiere sind ihrerseits aus abgewanderten Knochenteilen des „primären“ Kiefergelenks der Fische entstanden. Bei den frühen Landwirbeltieren rückte zunächst ein Kieferknochen ins Ohr und wurde bei den Säugern zum „Steigbügel“, bei Amphibien, Reptilien und Vögeln zur „Columella“. Später wanderten dort – allerdings nur bei den Säugetieren – zwei weitere Teile des Kiefergelenks ein, die zu „Hammer“ und „Amboss“ umgewidmet wurden; die Kiefer arbeiten nun mit einem „sekundären“ Kiefergelenk, das andere Knochen beansprucht. ...Ein eindrucksvoller fossiler Beleg für diesen Übergang ist die Gattung Diarthrognathus, die sowohl („noch“) das primäre als auch („schon“) das sekundäre Kiefergelenk besitzt .... (29) Knöchelchen dienten eine Zeitlang sowohl der Gelenkung als auch der Schallübertragung ... Reptilien nehmen Bodenvibrationen „schon immer“ über schallleitende Knochen wahr, und zwar über Vorderbeine, Brustgürtel, Wirbelsäule und Schädelknochen einerseits, über (den auf dem Boden aufliegenden) Unterkiefer, Kiefergelenk, Schädel und Ohr andererseits. (Auch Vögel haben in den Beinen noch feine Sinnesorgane, die Bodenerschütterungen registrieren.) Die Knochen des Kiefergelenks leiten also schon bei den Reptilien auch Schall zum Ohr: sie sind von ihrer Funktion her schon immer Teile des Gehörs, versehen also ... eine Doppelfunktion
(24ff) Entwicklung des Auges ... alle Zwischenstufen sind sinnvoll ... schrittweise Verbesserung ... Doppelfunktionen (z.B. Schutz und besseres Sehen) ...
Die Lungensäcke des Quastenflossers bildeten sich aus Ausstülpungen der Speiseröhre ... leichte Knochen zu besitzen, ist nicht erst fürs Fliegen, sondern schon für ein laufendes Reptil von Vorteil ... zweifüßiges Laufen ist lange vor dem Fliegen nützlich ... Vogelfedern zunächst in erster Linie Wärmeschutz, später zusätzlich beim Fliegen wichtig ... fertiger Flügel dient später auch als Waffe, als Schmuck ... bei den Alken als Flosse;
(30) Man schätzt die Zahl der heute lebenden Arten auf zwei Millionen. Etwa hundertmal so viele, also rund 200 Millionen, sind bereits wieder ausgestorben. Alle Arten unterscheiden sich voneinander in mehreren Merkmalen. Es gibt also so unglaublich viele Merkmale bei Organismen, dass eine vollständige phylogenetische Erklärung über Doppelfunktionen nicht für alle Merkmale erhofft werden kann. In diesem Sinne wird die Evolutionsbiologie immer unvollständig und lückenhaft bleiben.
(33f) Die Entstehung und Entwicklung unseres Kosmos, die Evolution von Quasaren, von Sternen, von Planetensystemen, von Kontinenten und Atmosphären sind Gegenstand ernsthafter und erfolgreicher Forschung. Diese Bemühungen haben zwar mit charakteristischen Schwierigkeiten zu kämpfen (Einmaligkeit ihrer Objekte, mangelnde Reproduzierbarkeit der Phänomene, Anthropozentrik unserer Beobachtungssituation), sind aber doch als wissenschaftliche Disziplin legitim und anerkannt.
Auch der Biologe steht vor der Schwierigkeit, mit historisch Einmaligem konfrontiert zu sein.;
(36) Es sind im Wesentlichen drei Besonderheiten lebender Systeme, die dem Biologen die Arbeit so erschweren. Eine dieser Besonderheiten liegt in der ungeheuren Komplexität jedes Lebewesens, eine zweite in der unglaublichen organismischen Vielfalt, eine dritte in der konstruktiven Rolle des Zufalls.;
(37) Es dürfte aber einleuchten, dass jedes vernünftige (d.h. unsere Intuition angemessen berücksichtigende) Komplexitätsmaß Organismen einen höheren Komplexitätsgrad zuschreiben wird als einem Stern, einem Planetensystem oder auch einer ganzen Galaxis. Die Komplexität hängt nämlich nicht so sehr von der Zahl der Bausteine ab (und damit z.B. nicht von der Masse), sondern von der Art und Weise, wie diese Bausteine miteinander verbunden, aneinander gekoppelt sind.;
(41) Im makroevolutiven Bereich sind Erklärungen nur möglich über den Begriff der Doppelfunktion: Ein Merkmal kann gleichzeitig zwei (oder mehr) Funktionen haben. Dabei kann die Ausbildung der einen Funktion eine zweite bis zur Funktionsreife bringen. Nur so ist begreiflich, wie ein Merkmal schrittweise entstehen kann, das erst als Ganzes funktionsfähig ist.;
(Gerhard Vollmer: Die Unvollständigkeit der Evolutionstheorie, in: Kanitscheider, B. (Hrsg.): Moderne Naturphilosophie, Würzburg 1984)

·         (3) Doch so viel wir auch in den vergangenen 150 Jahren über den Ursprung der Arten gelernt haben: Die meisten evolutionsbiologischen Erklärungen sind dennoch keine unumstößlichen Wahrheiten, „sondern Hypothesen und Denkmodelle, die aber eine enorme Erklärungskraft und große Plausibilität haben“, so mein Kollege Henning Engeln, der das Konzept für dieses Heft erarbeitet hat. Denn eines darf man bei allem Respekt vor der akribischen Forschung besonders in den letzten Jahrzehnten nie vergessen: Die Paläoanthropologen versuchen die rund sieben Millionen Jahre währende Entwicklungsgeschichte des Menschen aus gerade mal 3000 Funden herauszulesen. Das entspricht einem einzigen Fossil für einen Zeitraum von jeweils etwa 2500 Jahren.
(25) dass es mittlerweile einen ganzen „Wald“ von Stammbäumen (des Menschen JK) gibt;
(32) Carsten Niemitz: „Der Mensch stammt nicht vom Affen ab – er ist einer.“;
Basenfolge der Erbsubstanz stimmt bei Mensch und Schimpanse zu rund 99 % überein;
gemeinsamer Vorfahre von Mensch und Schimpanse lebte vor etwa 7 Millionen Jahren (molekulargenetische Berechnungen zu Mutationen);
(35) Ähnlichkeiten im Verhalten zwischen Mensch und Affen (Schimpansen benutzen Werkzeuge, erlernen symbolische Sprache mit mehr als 100 Zeichen, täuschen, lügen, helfen einander, töten Artgenossen ohne Not; Tradition: erlerntes Verhalten wird von einer Generation zur anderen weitergegeben);
(55) statistisch wird nur alle fünf Jahre ein wichtiges fossiliertes Relikt der Menschheitsgeschichte entdeckt. Hominidenforscher sind daher zahlreicher als Hominidenfunde;
(77) Für mehr als 99% unserer Evolution haben wir nicht einen einzigen fossilen Beleg;
(81) Ob ein Birkenspanner hell oder dunkel ist, bestimmt ein einzelnes Gen;
(144) würde Deutschland heute nach Afrika verlegt – die Menschen hätten, der natürlichen Selektion überlassen, innerhalb von rund 10.000 Jahren wieder eine schwarze Haut;
(GEOkompakt Nr.4: Die Evolution des Menschen, Hamburg 2005)

·         (13) Wenn wir den Menschen biologisch einordnen wollen, dann ergibt sich folgendes Bild:
Stamm: Vertebraten (Wirbeltiere
Klasse: Mammalier (Säugetier)
Ordnung: Primates (Herrentiere)
Familie: Hominidae (Menschenartige)
Art: Homo sapiens sapiens;
(15) Manchmal treten Biologen auf, die den gläubigen Menschen einschließlich ihrer Theologen erklären möchten, dass die Glaubenssysteme inhaltlich unsinnig und nichts als soziokulturelle Produkte Darwinscher Evolutionstheorie seien. Durch diese frei erfundene Scheinwelt falle es der biologischen Art Mensch leichter, mit der wirklichen Welt klarzukommen.
Wenn sich dann ein solcher Aufklärer. nachdem er erklärt hat, was Religion wirklich ist, selber stolz zum Atheismus bekennt, erinnert mich das stark an einen Gehörlosen, der den versammelten Musikern erklären möchte, was Musik ist. Musik ... das seien nur diese schwarzen Striche und Punkte auf dem fünflinigen Papier. Was diese Musiker hörten, sei Einbildung, trüge aber auf raffinierte Weise zu einer Wirtschaftsankurbelung ... bei. Und darin bestünde ihr eigentlicher Sinn. ...
Das andere, genau gegenteilige Problem wäre, den Menschen von allem, was ihn mit den Tieren verbindet, zu isolieren, ihn zu einer Art Engel hochzustilisieren, das wäre eine „Ganz-anderes-Alserei“. Aber der Mensch ist nicht als einziges Wesen dieser Erde vom Himmel gefallen, er hat wie alle anderen auch eine Evolutionsgeschichte durchlaufen und sehr irdische Eigenschaften;
(17) der Neandertaler und wahrscheinlich auch schon sein Vorgänger, der Homo erectus, sind bereits religiöse Menschen ((Sozialfürsorge, Totenkult, rituelle Bestattungen);
(56) ist es gerade die Religiosität, die den Menschen als Menschen im Unterschied zu den tierischen Verwandten kenntlich macht (kann dabei durchaus auch, aber nicht allein, eine biologisch erklärbare Verhaltensanpassung sein; Anpassung woran, wissen wir nicht, wie Fische nichts von Hydrodynamik wissen und ihr trotzdem angepasst sind)
(61) Naturalismus durchaus Gesprächspartner für Theologie auf Augenhöhe, wenn er nicht meint, naturwissenschaftliche Gewissheit für seine philosophisch-weltbildhaften Aussagen zu besitzen;
(87) Anaximander (611-564 vChr): Tiere sind aus dem Feuchten entstanden ... Ahnen  des Menschen aus Fischen und vom Meer aufs Land gestiegen;
Aristoteles (384-322 vChr): Urzeugung von Lebewesen aus unbelebter Materie; Vermutung, eine Art Auslese habe geeignete Strukturen überleben lassen;
Begriff EVOLUTION (wenn überhaupt verwendet) als Auswicklung dessen verstanden, was in ursprünglicher Form in die Schöpfung hineingelegt war;
(106) „Zufall“:
nach Ernst Mayr: Mutation an einzelnen Genorten, Crossing over (Austausch homologer Chromosomenstücke), Chromosomenverteilung (auf die Keimzellen) bei der Reduktionsteilung, Schicksal der Chromosomen (Partnerwahl, Gametenkombination), Schicksal der Zygote ... das alles ist nur in pragmatischer Sicht zufällig, subjektiver Zufall;
(107) präziser ist der unverursacht-quantenphysikalische Zufalls-Begriff der Physik (objektiver Zufall = VOLLMER), hier nicht aus pragmatischen, sondern aus grundsätzlichen Erwägungen eine physikalische Kausalitätsrecherche nicht möglich; zufällig ist zwar der Zeitpunkt des Zerfalls eines Uranatoms, das Ziel aber angebbar: Blei;
(111) dass die Evolutionstheorie definitiv unfertig ist
(Ulrich Lüke: Das Säugetier von Gottes Gnaden, Evolution-Bewusstsein-Freiheit, Herder Freiburg  2006)

·         Kühn skizzierte Darwin einen Stammbaum und schrieb kurzentschlossen „I think“ darüber.;
hatte Bedenken über die Veröffentlichung seiner Theorie, weihte als ersten den Botaniker Hooker ein und schrieb ihm „Es ist, als gestände man einen Mord“;
Evolution der Fische, Strahlenflosser heute 25.000 Arten, von ihren armseligen Vettern leben noch 44 Spezies; die Ahnen haben vor etwa 350 Millionen Jahren ihr Erbgut verdoppelt; ab da macht Kopie A den normalen Job, Kopie B mutiert indessen fröhlich vor sich hin; 20.000 Jahre reichen da locker aus, damit neue Arten entstehen;
Homöobox-Gene als Stararchitekten: entwerfen den großen Plan, sagen, ob eine Zelle im Embryo Kopf oder Schwanz werden soll, welche Erbgutstückchen an- und welche abgeschaltet werden sollen; Ein- und dasselbe Gen steuert z.B. die Entwicklung des menschlichen Linsenauges und des Facettenauges der Libelle; Baukasten-Gene, werden mal ein bisschen mehr, mal weniger abgelesen, mal an einer anderen Stelle im Körper oder zu einem anderen Zeitpunkt: ganze neue Konstruktionen;
ein Gen im Gehirn des Menschen stellt größere Mengen eines bestimmten Stoffes her als im Schimpansenhirn, geändert hat sich nicht der Bauplan des Gens, sondern die Regulierung (die Erbgutabschnitte, die festlegen, wie viel von einem Stoff wann und wo hergestellt wird); ein Gen als einer der Kandidaten für die Erklärung des menschlichen Bewusstseins?
“Es wird eng für den Schöpfer.“
(Spiegel 52/2005 S.136ff)

·         Paläoanthropologie:
Jede neue Theorie stützt sich auf sehr dünne Indizien, und bislang ist die Paläoanthropologie weit davon entfernt, mehr als zumeist höchst angreifbare Thesen zu entwickeln; spöttisch sagt man, es gebe mehr Paläoanthropologen als Fossilien; vielleicht liegt die Attraktion fossiler Funde letztlich darin begründet, dass jedermann ihnen eine eigene Botschaft andichten kann
(ZEIT 25.7.02 S.10)

·         Rezension zum Buch von Stephen Jay Gould: The structure of evolutionary theory, 2002;
Gould untersucht ausführlich die drei zentralen Kritikpunkte am Darwinismus, dass erstens die natürliche Selektion nicht nur am Organismus ansetzt, sondern auf unterschiedlichen Ebenen vom Gen bis zur sozialen Gruppe operiert; dass zweitens evolutionärer Wandel nicht allein das Werk von Anpassung ist, sondern neben der natürlichen Selektion noch andere Mechanismen wirksam sind; und dass drittens dieser Wandel nicht allmählich und graduell vor sich geht, sondern mitunter schubweise und von Katastrophen gezeichnet verläuft.
(ZEIT 29.5.02)

·         Interview mit Dinosaurier-Forscher Paul Sereno:
Es scheint eines der Grundphänomene der Evolution zu sein: Nur Katastrophen können Freiraum schaffen für die Entfaltung neuer Formen. Ist eine Tiergruppe erst einmal zum dominanten Pflanzen- oder Fleischfresser aufgestiegen, dann ist es für andere sehr schwierig, sie aus dieser Rolle zu verdrängen;
Wir Menschen halten uns stets für das Ende der Evolution und suchen nach einer Erklärung für unsere Existenz. Wir suchen nach Fortschritt in der Evolution – aber wir finden keinen. Ich glaube, wir sind nur ein Zufall der Geschichte. Das möchten wir nicht gern wahrhaben. Wir Menschen wären gern aus Notwendigkeit entstanden oder aus Absicht. Aber so ist es nicht. Wir sind nichts als eine kleine Franse in der Geschichte des Lebens.;
Arten haben einen Ursprung, eine Lebensspanne und einen Tod. Die Durchschnittsart, ob Dino oder Säugetier, lebt zwischen drei und fünf Millionen Jahre, aber ich bezweifle, dass wir es so weit schaffen.
(Spiegel 27/1999 S.198ff)

·         Interview mit Wolfgang Frühwald, Literaturwissenschaftler und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft;
Datengebirge aufgeschüttet; “Eine akzeptierte Lebens und Evolutionstheorie gibt es nicht.“
(bdw 9/1999 S.24ff)

·         Gerd Theißen (Neutestamentler in Heidelberg) unterscheidet zwei Phasen der Evolution: die biologische und die kulturelle Evolution. Während die biologische Evolution durch die „harten“ Gesetze von Mutation und Selektion gekennzeichnet wird, ist es die Kultur, die eine Selektion mindert. So ist die vom Menschen vollzogene kulturelle Evolution immer darum bemüht, Lebens- und Überlebenschancen auch dort zu schaffen, wo natürlicher Selektionsdruck diese nicht gewährt. Damit ist die kulturelle Evolution als Gegenbewegung zur natürlichen Selektion anzusehen. ... biblischer Glaube wird zum Aufruf gegen das Selektionsprinzip ... Der Gott, der sich in der Bibel offenbart, will die Menschen aus den Gesetzen der biologischen Evolution hinausführen, wie er sein Volk aus Ägypten führte ... Antiselektionismus ist der gemeinsame Nenner für Gottes Handeln in der Bibel und das seinem Handeln entsprechende menschliche Verhalten. ... Moltmann: entweder muss Gott alles Negative in der Welt zugerechnet werden oder Gottes Macht unterliegt einer Beschränkung ... Selbstbeschränkung Gottes ... damit die Möglichkeit für die Schöpfung, sich frei zu entfalten
(Publik-Forum 25.4.1995)

·         Entwicklungsgenetik schließt klaffende Lücke in der Evolutionstheorie;
zeigt, wie einzelne „Chefgene“ eine Vielzahl anderer Gene dominieren; Hierarchie der Entscheidungen: wenn ein Chef Änderungen will, tauscht er gern Abteilungsleiter aus, der bringt dann viele Angestellte auf (neuen) Kurs;
bei Mutationen in Genen auf höheren Ebenen der Hierarchie verändert sich evtl. ein ganzes Entwicklungsprogramm
(ZEIT 29.9.05 S.37)

·         Interview mit dem Paläobiologen Simon Conway Morris; erklärter Christ;
ich bin Darwinist, was die evolutionären Mechanismen betrifft, verstehe ich mich eindeutig in dieser Tradition, allerdings kann der Darwinismus die Resultate der Evolution nicht ausreichend erklären;
Evolution und Mensch sind keine Zufallsprodukte: Viele Gene, die in unserem Gehirn aktiv sind, lassen sich bereits in Hefe nachweisen, viele wichtige Proteinfamilien sind schon in früher Zeit entstanden, warteten dann gewissermaßen auf ihren Einsatz; meiner Ansicht nach war der Mensch bereits mit dem Urknall angelegt; Entwicklung macht immer neue (zielgerichtete) Anläufe, neben homo sapiens der Neandertaler, das Linsenauge ist in der Evolutionsgeschichte mindestens 7 x unabhängig voneinander erfunden worden;
Schwierigkeiten mit dem brutalen Prinzip des Fressens und Gefressen-Werdens? – Man kann keine lebendige Welt schaffen, die gleichzeitig völlige Sicherheit bietet
(ZEIT 19.8.04 S.29)

·         Schlange mit Hüftknochen entdeckt, lebte vor 65 Millionen Jahren, Fund zeigt, dass sich Schlangen an Land entwickelt haben
(ZEIT 20.4.06 S.40)

·         Erbmaterial der Singvögel auf den Galapagos-Inseln verglichen; Ergebnis: alle Arten der verschiedenen „Darwin-Finken“ stammen von einer gemeinsamen Urart ab
(Spiegel 22/1999 S.235)

·         Experimente erhärten These, dass Kometen und interplanetarischer Staub einst wichtige Bausteine für die Entstehung des Lebens auf die Erde brachten;
Labor: Aluminiumblock auf minus 261 Grad abgekühlt, in die Apparatur gegeben: Wasser, CO2, CO, NH3 und Methanol; es bildeten sich dünne Eisschichten, die mehrere Stunden lang mit UV-Licht bestrahlt wurden (Simulation von Sternenlicht); Ergebnis: im Eis 16 verschiedene Aminosäuren, 6 davon spielen in Lebensprozessen eine Rolle
(bdw 6/2002 S.54)

·         Leben aus dem Eis;
Hamburger Physiker; kann zeigen, dass sich im Meereis, unter Zugabe von Fetten, zellmembranartige Strukturen bilden; halbdurchlässig, lassen osmotischen Materialaustausch mit der Umgebung zu; vollführen amöbenhafte Bewegungen, bleiben nach Schmelzen des Eises bestehen; solche Strukturen könnten im Meerwasser entstandene Erbmoleküle aufgenommen haben, Vorstufe zu einer Urzelle
(Spiegel 3/2006 S.124)

·         erstmals haben Astronomen biochemische Grundbausteine des Lebens in einer Gas- und Staubscheibe um einen jungen Stern entdeckt; CO2, Ethin (Acetylen), Cyanwasserstoff (Blausäure); solche Moleküle gibt es auch in kalten interstellaren Wolken, allerdings 10.000 mal seltener, sowie im Sonnensystem in den Atmosphären der Riesenplaneten; mit Wasser können Ethin und Cyanwasserstoff auf geeigneten Oberflächen zu Aminosäuren und Adenin (einem der vier Buchstaben der Erbsubstanz DNS) reagieren;
biochemisch lebensfreundliche Verhältnisse offenbar auch anderswo
(bdw 3/06 S.13)

·         Hitzerekord: 3000 Meter Tiefe 407 Grad Celsius gemessen an einem „Schwarzen Raucher“
(bdw 8/06 S.12)

·         Minerale als Mitspieler bei der Entstehung des Lebens;
winzige Hohlräume, Kristallgitter, besondere Oberflächeneigenschaften, Katalysator-Eigenschaften,
(Spektrum der Wissenschaft Dossier „Grenzen des Wissens“, 2002)

·         Altersbestimmung mit C14-Methode; manchmal verwirrende Ergebnisse (mal höhere Alter. als erwartet, mal niedrigere); Lösung: der Gehalt der Erdatmosphäre an radioaktivem Kohlenstoff variierte zwischen 30.000 und 50.000 Jahren vor heute – in inzwischen bekannter (und berücksichtigter) Weise
(bdw 7/2003 S. 38)

·         Neandertaler; ungenaue zeitliche Datierungen der Fundstücke; ein Forscher: „Alle Datierungen, die vor 1990 durchgeführt wurden, kann man glatt vergessen“
(ZEIT 12.1.06 S.33)

·         zeigen jüngste Fossilienbefunde, dass es schon lange vor den Vögeln Saurier mit Federn gab – noch nicht zum Fliegen, sondern als Schutz vor Kälte;
die moderne Genforschung entdeckte viele verschiedene Mutationen, durch die sich die Erbinformation positiv veränderte, z.B. Genverdopplungen oder Veränderungen bei der Steuerung von Genen. So haben Mensch und Schimpanse viele identische Gene, aber diese unterscheiden sich in der Menge, in der sie in Aktion treten, und im Zeitpunkt, zu dem dies geschieht;
neue Missing links: Laufwal Ambulocetus, Hinterbein-Urschlange Pachyrhachis
(bdw 3/06 S.30ff)

·         (35) der Seestern „Schlangenstern“ besitzt einen Panzer aus präzise gewachsenen Kalkplättchen, die sich beim genaueren Hinsehen als Mikrolinsenfelder von bestechender Qualität herausstellen; der Körper des Haarsterns ist tatsächlich ein Komplexauge, dank dessen das stachlige Tierchen quasi Rundumsicht genießt;
(36) Bakterien, die sich am Erdmagnetfeld orientieren; enthalten Ketten winziger Nano-Partikel aus Magnetit (Fe3O4), die ihnen als Kompass dienen; fixieren nach ihrem Absterben das Magnetfeld; damit kann Geschichte des Erdmagnetfeldes studiert werden
(Ludwig Schultz, Hermann-Friedrich Wagner (Hrsg.): Die Welt hinter den Dingen, WILEY-VCH Weinheim, 2006)

·         weniger als 2 Seiten zu „Hypothesen zum Ursprung des Lebens“
(Purves, Sadava, Orians, Heller: „Biologie“, Hrsg. J. Markl, 7. Auflage, Elesevier-Spektrum, Braunsbeck, Heidelberg 2004, 1600 Seiten)

·         (4) nachdem Darwin (1859) der von Lamarck 50 Jahre früher aufgestellten Deszendenztheorie durch seine Selektionstheorie das sichere Fundament gegeben hatte;
(25) Die Verstandestätigkeit der Wilden bewegt sich in den engsten Grenzen, so dass man von der Vernunft bei ihnen ebensowenig (- oder ebensoviel-) sprechen kann als bei den intelligentesten Tieren.;
dass auch unsere eigenen Vorfahren, vor zehntausend Jahren und darüber hinaus ... niedere Wilde waren;
(37) Der rohe Naturmensch, wie er uns heute noch im Wedda und Australneger entgegentritt, steht in psychologischer Beziehung dem Affen näher als dem hochentwickelten Kulturmenschen.;
(50ff) Die Irrenhäuser nehmen alljährlich an Zahl und Umfang zu; allenthalben entstehen Sanatorien, in denen der gehetzte Kulturmensch Zuflucht und Heilung von seinen Übeln sucht. Viele von diesen Übeln sind völlig unheilbar, und viele Kranke gehen dem sicheren Tode unter namenlosen Qualen entgegen. Sehr viele von diesen armen Elenden warten mit Sehnsucht auf ihre „Erlösung vom Übel“ und sehnen das Ende ihres qualvollen Lebens herbei; da erhebt sich die wichtige Frage, ob wir als mitfühlende Menschen berechtigt sind, ihren Wunsch zu erfüllen und ihre Leiden durch einen schmerzlosen Tod abzukürzen ...
Ich gehe von meiner persönlichen Ansicht aus, dass das Mitleid (Sympathie) nicht nur eine der edelsten und schönsten Gehirnfunktionen des Menschen, sondern auch eine der ersten und wichtigsten sozialen Bedingungen für das gesellige Leben der höheren Tiere ist. ...
man sollte das hehre Gebot der Nächstenliebe nicht auf den Menschen allein beschränken, sonder auch auf seine „nächsten Verwandten“, die höheren Wirbeltiere, ausdehnen, und überhaupt auf alle Tiere, bei denen wir auf Grund ihrer Gehirnorganisation bewusste Empfindung, das Bewusstsein von Lust uns Schmerz annehmen dürfen. ...
Treue Hunde und edle Pferde, mit denen wir jahrelang zusammen gelebt haben, und die wir lieben, töten wir mit Recht, wenn sie in hohem Alter hoffnungslos erkrankt sind und von schmerzlichen Leiden gepeinigt werden. Ebenso haben wir das recht oder, wenn man will: die Pflicht, den schweren Leiden unserer Mitmenschen ein Ende zu bereiten, wenn schwere Krankheit ohne Hoffung auf Besserung ihnen die Existenz unerträglich macht, und wenn sie uns selbst um „Erlösung vom Übel“ bitten. ...
Als ein traditionelles Dogma müssen wir auch die weitverbreitete Meinung beurteilen, dass der Mensch unter allen Umständen verpflichtet sei, das Leben zu erhalten und zu verlängern, auch wenn dasselbe gänzlich wertlos, ja für den schwer Leidenden und hoffnungslos Kranken nur eine Quelle der Pein und der Schmerzen, für seine Angehörigen ein Anlass ständiger Sorgen und Mitleiden ist. Hunderttausende von unheilbar Kranken, namentlich Geisteskranke, Aussätzige, Krebskranke usw., werden in unseren modernen Kulturstaaten künstlich am Leben erhalten und ihre beständigen Qualen sorgfältig verlängert, ohne irgendeinen Nutzen für die selbst oder für die Gesamtheit ...
(in Europa mehr als 200000 unheilbare Geisteskranke) ... Welche ungeheure Summe von Schmerz und Leid bedeuten diese entsetzlichen Zahlen für die unglücklichen Kranken selbst, welche namenlose Fülle von Trauer und Sorge für ihre Familien, welche Verluste an Privatvermögen und Staatskosten für die Gesamtheit! Wie viel von diesen Schmerzen und Verlusten könnte gespart werden, wenn man sich endlich entschließen wollte, die ganz Unheilbaren durch eine Morphiumgabe von ihren namenlosen Qualen zu befreien! Natürlich dürfte dieser Akt des Mitleids und der Vernunft nicht dem Belieben eines einzelnen Arztes anheimgestellt werden, sondern müsste auf Beschluss einer Kommission von zuverlässigen und gewissenhaften Ärzten erfolgen. Ebenso müsste auch bei anderen unheilbaren und schwer leidenden Kranken (z.B. Krebskranken) die „Erlösung vom Übel“ nur dann durch eine Dosis schmerzlos und rasch wirkenden Giftes erfolgen, wenn sie ausdrücklich auf deren eigenen, eventuell gerichtlich protokollierten Wunsch geschähe und durch eine offizielle Kommission ausgeführt würde.
(137ff) Lebensursprung -
a) Das Wunder des Lebensursprungs (Creatismus);
gründet auf der Schöpfungsgeschichte von Moses, wie sie im ersten Kapitel der Genesis geschrieben steht
b) Agnostizismus – Resignation auf das Problem des Lebensursprungs;
diejenigen Naturforscher, welche die Frage vom Lebensursprung für unlösbar oder transzendent halten; als Vertreter dieser agnostischen Ansicht können Darwin und Virchow genannt werden; sie halten die Entstehung der ersten Organismen für eine Frage, von der wir nichts wissen und wissen können. So erklärt Darwin in seinem Hauptwerke 1859, das er „nichts mit dem Ursprunge der geistigen Grundkräfte noch mit dem Ursprung des Lebens selbst zu schaffen habe“. ...
sehr zahlreiche und angesehene Naturforscher sind zwar mehr oder weniger der Überzeugung, dass auch der Ursprung des Lebens ein „Naturprozess“ ist, glauben aber, dass wir keine Mittel zu dessen Erkenntnis besitzen
c) Dualistische Äternal-Hypothesen;
Richter 1865 Hypothese, dass der unendliche Weltraum überall von Keimen organischer Wesen, ebenso wie von anorganischen Weltkörpern erfüllt sei;
Helmholtz 1884: Meteore halten Keime von Organismen eingeschlossen;
d) Autogonie-Hypothese (Haeckel);
chemischer Prozess der Plasmodomie ... im Beginne des Lebens von selbst eingetreten ist, d.h. als ein katalytischer (oder der Katalyse analoger) Prozess (Einzelheiten Seite 145 JK)
(147) Lebensentwicklung; Evolutismus
(147) dass der biogenetische Prozess (- d.h. die Entwicklung des organischen Lebens auf der Erde vom Beginn bis zur Gegenwart -) mehr als hundert Millionen Jahre umfasst
(148) Der Kampf ums Dasein selbst ist ein mechanischer Prozess, in welchem die Naturzüchtung das Missverhältnis zwischen der Überzahl der Keime und der beschränkten Existenzmöglichkeit der aktuellen Individuen, im Verein mit der Variabilität der Spezies, benutzt, um ohne vorbedachten Zweck mechanisch neue zweckmäßige Einrichtungen hervorzubringen.
(149) Lamarck erklärt die langsame und allmählich Umbildung der organischen Arten durch die Wechselwirkung von zwei physiologischen Funktionen, Anpassung und Vererbung. Die Anpassung (Veränderung der Organe durch Übung) beruht auf ihrer Fortbildung durch Gebrauch, Rückbildung durch Nichtgebrauch; die Vererbung bewirkt die Fortpflanzung der neuen, so erworbenen Eigenschaften auf die Nachkommen.
(151) dass das Karyoplasma des Zellkerns die Funktion der Fortpflanzung und Vererbung besorgt. Diese Ansicht hatte ich zuerst 1866 ... ausgesprochen ...später genauere empirische Bestätigung durch ... Strasburger , Hertwig u.a. ... Die verwickelten feineren Verhältnisse, welche diese Forscher bei der Zellteilung aufdeckten, führten zu der Annahme, dass der färbbare Bestandteil des Zellkerns, das „Chromatin“, die eigentliche Erbmasse sei, das materielle Substrat der „Vererbungsenergie“. Weismann fügte nun zu dieser Erkenntnis die Annahme, dass dieses Keimplasma vollkommen von den übrigen Substanzen der Zelle gesondert lebe, und dass letztere (- das Somaplasma -) die durch Anpassung erworbenen neuen Eigenschaften nicht auf das Keimplasma übertragen können; gerade auf dieser Annahme beruht seine Opposition gegen die progressive Vererbung oder die „Vererbung erworbener Eigenschaften“. Die Verteidiger der letzteren, zu denen ich gehöre, nehmen an, .... dass eine teilweise Mischung beider Plasmaarten eintritt.
(153) Darwin war von der hohen Bedeutung der „Vererbung erworbener Eigenschaften“ und insbesondere von der Erblichkeit funktioneller Anpassungen ebenso fest überzeugt wie Lamarck und wie ich selbst; er schrieb ihnen nur einen beschränkteren Wirkungskreis zu als Lamarck.
(151) Mutation (bedeutet bei Haeckel noch Makro-Mutation, d,h. Mechanismus für plötzliches Auftreten neuer Arten JK)
(155) (Biogenetisches Grundgesetz JK)
Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation der Phylogenesis, bedingt durch die physiologischen Funktionen der Vererbung und Anpassung.
“Grundgesetz“ ... der Anspruch eingeschlossen, dass dasselbe ganz allgemeine Gültigkeit besitzt ... immer eine Wiederholung ...
(158) vielfach falsche teleologische Schlüsse gezogen worden. Indem man die jüngste und höchst entwickelte Form jeder Stammreihe als deren vorbedachtes Ziel hinstellte, erblickte man in ihren unvollkommenen Vorläufern und Ahnen „Vorbereitungsstufen“ zur Erreichung dieses Zieles ...
Obgleich die Stammesgeschichte der Pflanzen und Tiere, ebenso wie die Kulturgeschichte des Menschen, im großen und ganzen eine aufsteigende Stufenleiter darstellt und sich von niederen zu höheren Stufen erhebt, so finden doch im einzelnen vielfach Schwankungen derselben statt. …
Historische Wellen
Obgleich die Stammesgeschichte der Pflanzen und Tiere, ebenso wie die Kulturgeschichte des Menschen, im großen und ganzen eine aufsteigende Stufenleiter darstellt und sich von niederen zu höheren Stufen erhebt, so finden doch im einzelnen vielfach Schwankungen derselben statt…
(159ff) Lebenswert der Menschenrassen
Obgleich die bedeutenden Unterschiede in dem Geistesleben und Kulturzustande der höheren und niederen Menschenrassen allgemein bekannt sind, werden sie doch meistens sehr unterschätzt und demgemäß ihr sehr verschiedener Lebenswert falsch bemessen.
Das, was den Menschen so hoch über die Tiere, auch die nächst verwandten Säugetiere, erhebt, und was seinen Lebenswert unendlich erhöht, ist die Kultur, und die höhere Entwicklung der Vernunft, die ihn zur Kultur befähigt. Diese ist aber größtenteils nur Eigentum der höheren Menschenrassen und bei den niederen nur unvollkommen oder gar nicht entwickelt. Diese Naturmenschen (z.B. Weddas, Australneger) stehen in psychologischer Hinsicht näher den Säugetieren (Affen, Hunden) als dem hochzivilisierten Europäer; daher ist auch ihr individueller Lebenswert ganz verschieden zu beurteilen. Die Anschauungen darüber sind bei europäischen Kulturnationen, die große Kolonien in den Tropen besitzen und seit Jahrhunderten in engster Berührung mit den Naturvölkern leben, sehr realistisch und sehr verschieden von den bei uns in Deutschland noch herrschenden Vorstellungen. Unsere idealistischen Anschauungen, durch unsere Schulweisheit in feste Regeln gebracht und von unseren Metaphysikern in das Schema ihres abstrakten Idealmenschen gezwängt, entsprechen sehr wenig den realen Tatsachen. Daraus erklären sich auch viele Irrtümer unserer idealistischen Philosophie, ebenso wie viele praktische Missgriffe, die von uns in den deutschen, erst neuerdings erworbenen Kolonien begangen werden; diese würden vermieden worden sein, wenn wir eine gründlichere Kenntnis vom niederen Seelenleben der Naturvölker besäßen. …
Der Abstand zwischen dieser denkenden Seele des Kulturmenschen und der gedankenlosen tierischen Seele des wilden Naturmenschen ist aber ganz gewaltig, größer als der Abstand zwischen der letzteren und der Hundeseele. …
Denn je weiter die Differenzierung der Stände und Klassen … geht, desto größer werden die Unterschiede zwischen den hochgebildeten und ungebildeten Klassen der Bevölkerung, desto verschiedener ihre Interessen und Bedürfnisse, also auch ihr Lebenswert. Am größten erscheint dieser Unterschied natürlich dann, wenn man den Blick zu den „führenden Geistern“ des Jahrhunderts oben auf den höchsten Höhen der Kulturmenschheit erhebt und wenn man sie mit der Masse der niedern Durchschnittsmenschen vergleicht, die tief unten im Tal ihren einförmigen und mühseligen Lebenspfad mehr oder weniger stumpfsinnig wandeln. …
Für unsere Justiz ist der Wert jedes einzelnen Menschenlebens derselbe, gleichviel, ob es ein Embryo von sieben Monaten ist oder ein neugeborenes Kind (das noch kein Bewusstsein hat!), ein taubstummer Kretin oder ein hochbegabter Genius. …
Zunächst ist für jeden einzelnen Organismus sein individuelles Leben nächster Zweck und höchster Wert. … Diesem subjektiven Lebenswerte steht der objektive gegenüber, der auf der Bedeutung des Einzelwesens für die Außenwelt beruht …Daraus entsteht ein beständiger Kampf zwischen den Interessen der Einzelwesen, die ihren besonderen Lebenszweck verfolgen, und denjenigen des Staates, für dessen Zwecke dieselben nur Wert haben als Teile einer Maschine.
(176) Alexander Sutherland hat recht, wenn er „die leitenden Nationen Europas und ihre Abkömmlinge“ (in der Vereinigten Staaten von Amerika) als niedere Kulturvölker charakterisiert. Zum Teil sind wir noch Barbaren!
(Ernst Haeckel: Die Lebenswunder, Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1906)

·         (37) Huxley hatte schon 1863 aus Darwins Abstammungslehre geschlussfolgert, dass die „Abstammung des Menschen vom Affen“ eine notwendige Konsequenz des Darwinismus sei
(96) Linne (1735) (benutzte den biblischen Artbegriff) „Es gibt so viele verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind.“
(156) Erdalter nach einer genauen geologischen Berechnung der neuesten Zeit mindestens 1400 Jahrmillionen (1,4 Milliarden JK); häufigste Schätzungen 100 bis 200 Millionen Jahre
(Ernst Haeckel: Die Welträtsel, Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1899)

·         Evolution – blutiger Kampf ums Dasein?
a) Kampf ums Dasein
- selten zwischen verschiedenen Arten (Fressen und Gefressenwerden)
- innerhalb einer Art
- unblutig:
  (Paarungsverhalten, Nahrungsbeschaffung, Vorsicht gegen Feinde, Brutpflege;
  Gruppenbildung, der Unterlegene im Kampf flieht)
b) Ko-Evolution (gegenseitiger Vorteil; Insekt und Blüte)
c) symiotische Evolution (Zellen schließen sich zum gemeinsamen Vorteil zusammen)
d) sich-aus-dem-Wege-gehen, neue Nischen erschließen
e) Bewahrung des Bestehenden hat Vorrang vor aller Veränderung, Neuerung
(JK 1995)

·         evolutionäre Entwicklungsbiologie, „Evo-Devo“; sämtliche evolutionäre Transformationen werden über Entwicklungsprozesse gesteuert; Baupläne und somit Entwicklung aller Lebewesen werden durch regulatorische Netzwerke gesteuert; Schaltkreise bestehen aus einzelnen Komponenten, die sich unterschiedlich schnell und auf unterschiedlichen Wegen entwickelt haben; daraus bedienen sich verschiedene Tiergruppen nach dem Baukastenprinzip; so ist für den Fortgang der Evolution offenbar nicht immer zwangsläufig neue „Hardware“ nötig gewesen, vielmehr liefen entscheidende Evolutionsvorgänge wohl meist über die Verbesserung der gleichsam genetischen „Software“;
Veränderungen in den Kernbereichen der Netzwerke kaum möglich, weil dort Mutationen meist tödliche Folgen haben; aber in seltenen Fällen auch erfolgreiche Veränderungen (Flossen
à Extremitäten)
(ZEIT 1.2.07 S.37)

·         Morgendämmerung des Lebens;
eine düstere Szenerie im Archaikum vor 3,5 Milliarden Jahren, ein höllisches Zeitalter, als die junge Erde gerade ihrer chaotischen Kindheit entwuchs;
Vulkane spucken Lava, Asche und giftige Gase. Die Atmosphäre ist frei von Sauerstoff. Immer wieder treffen Meteoriten auf die junge Erde. Auch das Meer ist zu dieser Zeit eine unappetitliche Brühe mit einer Temperatur von über 50 Grad Celsius und einem extrem hohen Salzgehalt. Das Wasser enthält keinen Sauerstoff, dafür viel Eisen, Mangan und Schwermetalle. Und doch wimmelt die archaische Lagune von Leben ... In der Gezeitenzone liegende Steine sind mit einer glitschigen Schleimschicht überzogen, einem Biofilm, der aus Millionen von Mikroben besteht.; von Vulkangestein verschüttet, heute Fossilien in Australien;
wer die Frühgeschichte des Lebens aus den geologischen Archiven rekonstruieren möchte, steht vor der Aufgabe, ein unvollständiges Puzzle fertigzustellen; ein paar Teile passen zusammen, viele aber nicht, und die meisten fehlen;
(bdw 3/07 S.48ff)

·         (11) es gibt eine vierte, zeitliche Dimension der Biologie, die Evolution; Sie hat die gesamte Geschichte des Lebens entscheidend geprägt und wirkt auch in der Gegenwart fort. Die Evolution ist der Schlüssel zur biologischen Vielfalt ... Die evolutionären Beziehungen zwischen all den verschiedenen Organismen erklären sowohl die Einheitlichkeit als auch die Vielfalt des Lebens.;
drei DOMÄNEN des Lebens: Bacteria, Archaea und Eukarya; die Archaea (Archaebakterien) sind vermutlich mit den Eukaryoten näher verwandt als mit den Bacteria (Eubakterien);
(12) Zum Tierreich gehört natürlich auch der Mensch.;
Die Evolution ist das zentrale Thema der Biologie.;
(15) Charles Darwin ist an der Seite von Isaac Newton in der Westminster Abbey in London begraben.;
die natürliche Auslese erzeugt keine Anpassungen, sondern sie prüft in jeder Generation erbliche Merkmale auf ihren Anpassungswert und verändert dabei über viele Generationen hinweg gegebenenfalls deren Häufigkeit in der Population.;
(16) solche Abwandlungen sind jedoch nicht beliebig, sondern unterliegen starken konstruktiven Zwängen: Wie wenn eine Maschine umgebaut würde, während sie ununterbrochen läuft.;
(503ff) Das Ergebnis der natürlichen Selektion ist eine evolutionäre Anpassung, ein Vorherrschen vererbter Merkmale, welche die Überlebenschancen eines Organismus und seine Fortpflanzungsfähigkeit in einer bestimmten Umwelt erhöhen.;
(511) Das Überleben im Existenzkampf beruht nicht (nur JK) auf Zufall, sondern hängt unter anderem von den Erbanlagen der überlebenden Individuen ab. Die durch ihre ererbten Merkmale am besten an die (gerade jetzt konkrete JK) Umwelt angepassten Individuen hinterlassen wahrscheinlich mehr Nachkommen als weniger gut angepasste.;
(513) die natürliche Selektion weist situationsbedingte Besonderheiten auf; Umweltfaktoren schwanken von Ort zu Ort und von Periode zu Periode; eine Anpassung an eine bestimmte Situation kann unter anderen Bedingungen nutzlos oder sogar nachteilig sein;
(514) Ein Insektizid erzeugt keine resistenten Individuen, sondern es selektiert resistente Insekten aus, die bereits (vorher und zufällig und zweckfrei JK) in der Population vorhanden waren.;
(519) Darwinismus als „bloße Theorie“?;
Diese Argumentation trennt die beiden Behauptungen Darwins nicht: Moderne Arten entwickelten sich aus altertümlichen Formen, und die natürliche Selektion ist der Hauptmechanismus dieser Evolution ... (Abstammung) beruht auf überwältigenden Belegen ... Theorie ist der Gedanke der natürlichen Auslese als Vorschlag zur Erklärung des Evolutionsgeschehens;
(541) vier Gründe, warum die natürliche Selektion keine Vollkommenheit erzeugt:
+ bisheriger historischer Ablauf, vorhandene Strukturen führen zu konstruktiven Zwängen; Umbau bei laufendem Motor
+ Anpassungen sind oft Kompromisse (versch. Funktionen der Hand)
+ nicht jeder Evolutionsschritt ist adaptiv, führt zu besseren Anpassung (Zufälle vernichten oft günstigere Varianten)
+ nur existierende Phänotypen werden selektiert, neue Allele entstehen nicht bei Bedarf;
In den feinen Unvollkommenheiten der Lebewesen, welche die Evolution hervorbringt, können wir Beweise für die Evolution sehen.;
(559) „plötzlich auftretende Veränderungen“?
eine bestimmte Art überlebt 5 Millionen Jahre, die wichtigsten morphologischen Veränderungen passieren in den ersten 50.000 Jahren; in 1 % der Zeit = plötzlich!;
(560) Die meisten evolutionären Neuerungen sind abgeänderte Versionen älterer Strukturen;
Beispiel: Entwicklung von Augen mehrmals und unabhängig voneinander, Übergänge deutlich nachzuvollziehen (560);
(564) Kontinentaldrift und Massenaussterben wirken sich vermutlich mindestens genauso stark auf die Geschichte der biologischen Vielfalt aus wie die graduelle Anpassung durch Selektion, die auf der Populationsebene auf Genpools einwirkt. ... historischer Zufall, Auftreten unvorhersehbarer Ereignisse ...;
(564) „Frankfurter Theorie“ als alternatives Erklärungsmodell zur Synthetischen Evolutionstheorie;
(608) Einführung in die Geschichte des Lebens;
Meteoriteneinschläge endeten vor etwa 3,9 Mrd. Jahren; älteste Fossilien von Mikroorganismen vor 3,8 Mrd. Jahren;
(613) Der Ursprung des Lebens;
Wir werden natürlich nie mit Sicherheit wissen, wann und wie das Leben auf der Erde begann;
chemische Evolution; Das ist natürlich alles spekulativ, aber die Hypothese führt dazu, dass die Voraussagen auf wissenschaftlicher Basis experimentell geprüft werden können.
(616) Die Ergebnisse des Originalexperiments von Stanley Miller konnten trotz vieler Variationen nicht entscheidend verbessert werden.
Vorstellungen: Ursuppe, schwarze Raucher, Kristalloberflächen z.B. Pyrit, Import aus dem Kosmos;
(617) das erste genetische Material war vermutlich RNA, die sch selbst replizieren konnte;
(619) Laborsimulationen können nicht beweisen, dass durch chemische Evolution tatsächlich Leben auf der primitiven Erde entstand, sondern nur, dass einige der Schlüsselereignisse ... so passiert sein könnten ...
(Neil A. Campbell / Jane B. Reece: Biologie, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg Berlin, 6. Auflage, 2003)

·         Maus-Gen macht Fliegenauge:
Fliege und Mensch können unterschiedlicher nicht sein. Doch ihre Gene sind sich so ähnlich, dass sich eine Gen-Mutation des Insekts, die zum Verlust der Komplexaugen führt, mit dem intakten Säugetier-Pendant kurieren lässt. Was in Säugern die Entwicklung des Linsenauges induziert, stößt bei der Fliege die Entwicklung eines kompletten Komplex-Auges an. Und zwar nicht nur am Kopf, sondern in jedem Gewebe, in dem das betreffende Gen experimentell eingeschaltet wird, sodass dieser Fliege auch an den Antennen kleine, sehfähige Augen wachsen können. Offenbar haben sich nicht nur das Gen, sondern auch wesentliche Teile des nachgeschalteten frühen Entwicklungsprogramms seit über 500 Millionen Jahren kaum verändert
(bdw 7/2007 S.31)

·         Schimpanse und Mensch;
98,7 % des Erbgutes sind identisch;
39 Millionen Bausteine unterscheiden sich, von denen allerdings die wenigsten die Gene verändern;
im Gehirn des Menschen haben vier Mal mehr Gene ihre Aktivität verändert als beim Schimpansen in der gleichen Zeit;
so mag ein Menschenkind alle genetischen Voraussetzungen für Sprache, Kultur und Intelligenz in sich tragen. Aber auf einer einsamen Insel, ohne das Nest kulturell und sozial tradierter Lehr- und Lernstrukturen, wäre es nicht lebensfähig ... Zum intelligenten (menschlichen JK) Leben gehört nicht allein Darwin, nicht allein Mutation und Selektion, sondern auch ein Stück weit Lamarck: Denn kulturelle Evolution bedeutet, das im Laufe eines Lebens Erworbene und Erfahrene über soziales Lernen in der eigenen und der folgenden Generation weiterzugeben – unabhängig von den Genen ... Obwohl die Darwinschen Evolutionsmechanismen von Mutation und Selektion immer nur auf der Ebene des Individuums wirken, könnte der Mensch das beste Beispiel dafür sein, dass eine Gruppe kooperierender Individuen einen Selektionsvorteil gegenüber einer Population von Einzelgängern hat ... Imitationsfähigkeit ... das soziale Gedächtnis als Erfolgsrezept ...
(bdw 7/2007 S.20ff)

·         Darwins „Entstehung der Arten ...“ – Das missverstandene Buch;
“survival of the fittest“ – die Phrase stammt nicht von Darwin, sondern von Herbert Spencer;
an Darwins Argument, dass die natürliche Auslese nicht nur zu verbesserten Anpassungen, sondern auch zu neuen Arten führt, entzweien sich – im Detail – die Expertenmeinungen ebenso wie an der Frage, ob das Entstehen neuer Arten allein durch natürliche Selektion passieren kann. Denn Adaptation und Artbildung sind nicht ein und dasselbe.
Artbildung wird heute von vielen Evolutionsbiologen vornehmlich als nichtselektives Beiprodukt geographischer Isolierung von Populationen angesehen. Geographische Trennungen – etwa durch einen sich auftürmenden Gebirgszug oder einen sich verbreiternden Fluss – verhindern Fortpflanzung und bewirken somit, dass keine Gene mehr zwischen den Individuen einer Population ausgetauscht werden können ... Artbildung wird somit zumindest nicht immer durch natürliche Auslese erreicht, sondern sozusagen passiv, allein durch die Verhinderung von Genfluss;
Evolution will nicht Arten erhalten, sondern selektiert Individuen;
Anpassungen sind nicht Adaptationen zu aktuell herrschenden Umweltbedingungen, sondern die Summe der Anpassungen aller Vorfahren in den vorherigen Generationen; nur wenn eine genetische Mutation schon in einigen Individuen der Population vorhanden ist, wird auch eine Veränderung der Häufigkeit ihres Auftretens in der gesamten Art stattfinden können;
Natürliche Selektion ist nicht gleich natürliche Perfektion. Schon Darwin war klar, dass die Evolution nicht nach Höherem strebt, ja nicht streben kann. ... die Genkombination, die sich unter den herrschenden Selektionsbedingungen besonders bewährt, also fortpflanzt – wobei unter manchen Bedingungen der Zufall und Besonderheiten der Genetik der Merkmale eine größere Rolle spielen als die Auslese;
schon in der nächsten Generation profitieren die Individuen womöglich von anderen verhaltensbiologischen oder physiologischen Attributen, die in eine ganz andere, vielleicht sogar gegenläufige Selektionsrichtung gehen. Die perfekte Adaptation gibt es auch aus anderen Gründen nicht. Beispielsweise, weil eine noch so starke Selektion viele evolutionsbiologische oder genetische Vorbedingungen und Einschränkungen nicht überwinden kann. So ist schon seit dem Devon genetisch festgelegt, dass Landwirbeltiere nicht mehr als fünf Finger ausbilden können ... Die Evolution kann nur mit dem arbeiten, was ihr genetisch und evolutionsbiologisch zur Verfügung steht. Und sie kann die Zukunft nicht antizipieren.;
Würde das Tonband der Evolution zurückgespielt, entstünde jedes Mal eine andere Musik. Zufall und damit Unvorhersagbarkeit spielen in der Evolution eine große Rolle ... Evolution läuft nicht zielgerichtet ab;
Parasiten als Beispiel dafür, dass mit besserer Anpassung in vielen Linien eine radikale Verkleinerung und Vereinfachung der Baupläne und der Physiologie vor sich geht;
Was „natürlich“ ist, ist nicht notwendigerweise im philosophischen Sinne moralisch gut. Dies trifft auch zu, wenn falsch verstandene evolutionäre Prinzipien als sogenannte sozialdarwinistische Extrapolation auf das menschliche Miteinander – besser: gegeneinander – angewendet werden. Hier wird die natürliche Auslese überinterpretiert. Wir verlangen zu viel von ihr.
(Die Zeit 19.7.07 S.29)

·         Im Eis der Arktis in bis 100.000 bis zu 8 Millionen Jahre altem Eis Bakterien gefunden und manche davon wiederbelebt; jüngere Bakterien teilten sich innerhalb weniger Tage ein Mal; bei Uralt-Organismen dauerte der Vorgang über 2 Monate – DNA durch kosmische Strahlung stark beschädigt
(bdw 11/07 S.16)

·         Dinosaurier gelten nicht mehr als ausgestorben, sie leben in allen Vogelarten weiter; wahrscheinlich trugen sie fast alle Federn, hatten zweibeinigen Gang, und waren keineswegs schuppenhäutig; Federn waren zunächst nicht zum Fliegen da, sondern dienten der Wärmeisolierung, genau wie das Fell der Säuger;
schon 1980 haben Biologen gezeigt, dass bereits minimale Veränderungen in der Eiweißstruktur ausreichen, um aus einer flächigen Hornschuppe eine fadenförmige Struktur zu zaubern, eine kleine Mutation genügt; alle Vorstufen der Feder sind in Fossilien nachweisbar;
(bdw 4/2007 S.34ff)

·         Schimpansen können sich Zahlenreihen schneller und besser merken als Menschen (Schimpansen lernten zunächst die Reihenfolge der Ziffern 1 bis 9; dann wurden an beliebigen Stellen auf einem Bildschirm Zahlen kurz eingeblendet, dann durch neutrale Flächen an der gleichen Stelle ersetzt, die Aufgabe bestand darin, die Flächen in der richtigen Reihenfolge anzutippen)
(Freie Presse Chemnitz 4.12.07 + TV gleicher Tag)

·         1,8 Millionen bekannten und viel mehr unbekannten Arten ...;
der Kanadier Paul Hebert will die Arten anhand ihrer Gene ordnen;
Bestimmung über ihre Erbsubstanz; dazu reicht ihm die Kenntnis eines einzigen Gens namens COI (Cytochrom-c-Oxidase I); alle Tiere der Welt haben es, doch offenbar hat fast jede Art ein anderes;
COI ist Teil des Erbgutes der Mitochondrien; kurzer Abschnitt mit rund 650 Basen-Bausteinen; charakteristisches Muster für jede Art zu finden: „Barcode des Lebens“; globale Datenbank BOLD geplant (Barcode of Life Data Systems);
für Pflanzen müssten andere Gen-Ausweise gefunden werden
(Spiegel 40/07 S.166)

·         Durch Kreuzungen verschiedener Fische (Höhlensalmler), die seit Millionen Jahren blind zur Welt kommen, aus weit entfernten Höhlen; bereits in der ersten Generation konnten einige Fische sehen;
Fische haben nicht alle denselben genetischen Defekt, sondern sind aus unterschiedlichen Gründen blind geworden, und er betrifft nicht das gesamte Sehorgan;
Funktion durch Mutationen einiger Schlüsselgene deaktiviert;
neu: genetische Entwicklungen, die Millionen von Jahren gedauert haben, lassen sich in kürzester Zeit rückgängig machen; Defekte kein irreparabler Schaden;
(taz 18.1.08)

·         Blinddarm beim Menschen ist nützlich, hat Funktion:
bei schweren Durchfallerkrankungen wird fast die gesamte Darmflora zerstört; die Bakterien im Wurmfortsatz überleben und von dort aus startet die Neubesiedlung des Verdauungstraktes nach der Erkrankung; da in westlichen Staaten Durchfallerkrankungen selten sind, hat das Fehlen des Appendix keine gesundheitlichen Folgen;
(bdw 1-2008 S.17)

·         In einer Tiefe von 1,6 Kilometern unterm Meeresboden gibt es Leben in großer Vielfalt; Bakterien bei Temperaturen von bis zu 100 Grad Celsius in Millionen Jahre alten Sedimenten; ernähren sich unter anderem von Methan; Analyse von Bohrkernen aus dem Atlantik
(taz 23.5.08)

·         Erbgut in Auflösung
Das Genom galt als unveränderlicher Bauplan des Mensche, der zu Beginn des Lebens festgelegt wird. … In Wirklichkeit sind unsere Erbanlagen in ständigem Wandel begriffen;
das Erbgut eines jeden ist in beständigem Umbau begriffen. Die Folge: Jeder Organismus, jeder Mensch, selbst jede Körperzelle ist ein genetisches Universum für sich;
das Genom ist kein stabiler Text;
die jüngsten Erkenntnisse zeigen mehr denn je, dass der Mensch ein Produkt genetischer Prozesse ist. Aber auch, dass diese Prozesse mit vielen Freiheitsgraden ausgestattet sind. Sie bilden ein offenes System, in dem keineswegs alles vorbestimmt ist;
genaue Analysen zeigen nun: keine Zelle gleicht der nächsten;
Umweltbedingungen können sich im Erbgut niederschlagen, und auch eineiige Zwillinge sind nicht, wie bisher angenommen, identische Kopien voneinander;
bis vor wenigen Monaten galt die Annahme, dass sich das Erbgut zweier beliebiger Menschen nur in etwa einem Promille (0,1 %) aller DNA-Bausteine unterscheidet; vom wahren Ausmaß der Differenzen überrascht: In nahezu jedem zweiten Gen (von Craig Venter) stießen die Forscher auf Unterschiede zwischen den mütterlichen und väterlichen Genkopien … stellten zudem zuhauf sogenannte Inversionen (ganze Abschnitte der Erbmoleküle in neuer Reihenfolge eingebaut) oder Deletionen (Erbinformationen sind verschwunden) fest; andere Abschnitte hatten sich aus ihrer Umgebung herausgelöst und umgedreht wieder eingefügt;
Unzutreffend ist auch die bisherige Überzeugung, jedes Gen existiere in der Regel nur zweimal im Erbgut (einmal im väterlich, einmal im mütterlich ererbten Satz der Chromosomen). In Wahrheit unterliegen zahlreiche Erbinformationen einem Vervielfältigungsprozess und existieren in bis zu 16 Kopien in einem Zellkern. Bei mindestens 1500 menschlichen Genen wurden bisher solche Kopievarianten (CNVs = copy number variants) entdeckt; jeder Mensch weist sein eigenes CNV-Profil auf; CNV-Muster unterscheidet sich selbst in den Körperzellen eines bestimmten Menschen von dem anderer Zellen;
vervielfältigen sich so etwa Gene für die Produktion von Signalstoffen oder für deren Empfängermoleküle, verändern sich die Kommunikationssysteme des Organismus; CNVs beeinflussen die Genaktivität;
um den wahren Umfang der Baumaßnahmen im Genbestand zu ermitteln, wurde nun das „1000 Genomes Project“ gestartet. Im Verlauf von drei Jahren soll das Erbgut von 1000 Menschen aus aller Welt sequenziert werden;
das Wechselspiel im Menschengenom vermag nicht nur die individuellen Eigenheiten des Einzelnen zu erklären, es produziert auch das genetische Sortiment, aus dem die Evolution den Menschen weiter formt. Das macht einen weiteren verstörenden Befund verständlich: Die Spezies homo sapiens unterliegt offenbar einer Turboevolution. Hunderte Bereiche im Erbgut haben sich weit schneller gewandelt als bei anderen Primaten. … dass die Zivilisation seit Beginn der Jungsteinzeit die menschliche Evolution um das 100-fache beschleunigt haben muss;
noch bevor die Frage beantwortet werden konnte, was in unserer DNA uns menschlich mache (im Unterschied etwa zur DNA von Schimpansen), stand die nächste Frage im Raum: Was in meiner DNA macht mich zu mir?; alles deutet auf eine bestürzende Antwort hin: Ich bin viele;
zumindest physisch erscheint der Mensch nicht länger als Individuum, sondern als Verband egoistischer Zellkolonien. Bei bis zu 10 % aller Erbanlagen – und vielleicht weit mehr – ist entweder nur die mütterliche oder nur die väterliche Variante aktiv („autosomale monoallelische Expression“); davon sind besonders häufig Gene betroffen, die im Verlauf der Menschwerdung einer beschleunigten Evolution unterlagen, und solche mit wichtiger Funktion im zentralen Nervensystem;
selbst die biologische Identität des Individuums steht wohl zur Disposition; „Ich mag die Idee, dass wir Mosaiken sind“;
Auch soziale und materielle Außenfaktoren können einen Menschen auf dem Umweg über die Biologie prägen – indem sie seine Genfunktionen verändern. Durch sogenannte epigenetische Prozesse können offenbar Stress oder Folter, Ernährungsmangel oder Liebesentzug bis in den Zellkern hinein wirken;
auch die Biowissenschaftler rätseln nun über the dark matter of the genome, die dunkle Materie des Erbguts. Finden könnten sie das dunkle Geheimnis in jenem Teil des Erbguts, den sie bisher als Müll abgetan haben, als „Junk-DNA“. Relevant waren für sie nur jene wenigen Prozent des Genoms, die als Gene herkömmlicher Definition die nötigen Informationen für den Aufbau der Eiweiße in den Zellen enthalten. Der Rest galt als evolutionärer Schrott; inzwischen hat sich herausgestellt, dass diese vermeintliche Müllhalde des Genoms wichtige biologische Funktionen erfüllt. In ihr verbirgt sich offenbar der gesamte hochkomplexe Steuerungsapparat, der die Aktivität der Gene reguliert und koordiniert;
vor allem sogenannte microRNAs, eine bis vor kurzem unbekannte Klasse von Erbinformationen, regeln eine Vielzahl von Entwicklungs- und Krankheitsprozessen
(DIE ZEIT 12.6.08 S.33f.)

·         (86f.) Zu Charles Darwins Pflichtlektüre (während seines Theologiestudiums in Cambridge ab 1827) gehören die theologischen Werke des 1805 verstorbenen Archidiakonus William Paley. …
Besonders beeindruckt Charles die „Natürliche Theologie“ von Paley. … eine Auffassung, die Gottes Wirken überall in der belebten Natur sehen will und durch die Zweckmäßigkeit der Organismen begründet. Paley benutzt dabei das althergebrachte Bild von der Uhr und dem Uhrmacher, um die Existenz Gottes zu beweisen. Angenommen, wir finden eine Uhr auf dem Wege liegen, argumentiert er, „wenn wir die Uhr aufheben und genau betrachten, bemerken wir …, dass ihre Teile für einen speziellen Zweck erfunden und zusammengefügt wurden … Der Mechanismus lässt unausweichlich darauf schließen, dass die Uhr einen Konstrukteur hat … der sie für diesen Zweck entworfen hat.“
Genauso, lehrt Paley, stehe es mit der belebten Natur. All ihre Teile griffen ineinander, jedes einzelne sei der Umwelt und den anderen Teilen sinnvoll angepasst. Allein durch die Weisheit und Güte ihres Schöpfers, sagt Paley, könne man die Zweckmäßigkeit der Organismen erklären.
(249) So kommt erst die Vermutung, dann das Zusammentragen der Fakten, aus beiden danach die begründete Annahme, Argumente dafür und dagegen, neuerliche Spekulationen und neuerliches Tatsachenmaterial …
(253) erwidert er auf den so peinlichen Einwand, dass die Zwischenformen fehlen: „Gegner werden sagen: Zeige sie mir. Ich werde antworten: Ja, wenn ihr mir jede Übergangsstufe zwischen Bulldogge und Windhund zeigen wollt“;
(265) „struggle for existence“ struggle for life („Kampf“ ums Dasein): Da schwingt vielerlei mit: Mühsal und Überwinden von Schwierigkeiten, Abrackerei, auch das Ankämpfen gegen Widerwärtigkeiten; struggle for life heißt für Darwin die Abhängigkeit der Organismen von der Tyrannei der Umweltbedingungen und von anderen Organismen, aber nur im Spezialfall „Kampf mit Zähnen und Klauen“;
Darwin benötigt Gott höchstens ein einziges Mal – ganz am Anfang. Die Vorstellung, Gott habe das Wunderwerk der Welt geschaffen und angeworfen und seither laufe und entwickle es sich nach unverrückbaren Gesetzen, sei viel erhabener und einleuchtender als derjenige, dass der Schöpfer ständig nachbessern und ausgestorbene Arten ersetzen müsse.
(267f.) Die Erkenntnisse der Geologie haben, wie er in der Autobiographie einschätzt, seinen Glauben an das Alte Testament zerstört. „Ich war aber in dieser Zeit“, d.h. 1836 bis 1839, „allmählich dazu gelangt einzusehen, dass dem Alten Testament – mit seiner offensichtlich falschen Weltgeschichte, mit seinem Babylonischen Turm, mit dem Regenbogen als Zeichen usw. und seiner Art, Gott Gefühle eines rachdurstigen Tyrrannen zuzuschreiben – nicht mehr Glauben zu schenken als den Heiligen Schriften der Hindus oder dem Glauben irgendeines Wilden.“ …
An der christlichen Lehre stört ihn besonders, dass sie alle Ungläubigen in die Hölle verdammt … seinen Vater … seinen Großvater …
„So beschlich mich“, resümiert er in der Autobiographie, „in sehr langsamer Weise der Unglaube, bis ich schließlich gänzlich ungläubig wurde. Er kam so langsam über mich, dass ich kein Unbehagen empfand.“
(281) (erste Skizze zur Entwicklung der Arten 1841) Darwin schließt mit einem Gedanken, der aus dem ältesten seiner Notizbücher stammt: „Es liegt eine einfache Größe in der Anschauung, dass das Leben … ursprünglich nur in eine oder einige wenige Formen der Materie hineingehaucht worden ist und dass, während dieser Planet nach festen Gesetzen seine Kreisbahn durchlief und Land und Meer in einem Zyklus von Wechseln ihre Stellung vertauschten, … durch den Prozess allmählicher Auslese infinitesimaler Veränderungen, zahllose äußerst schöne und äußerst wunderbare Formen sich entwickelt haben.“
In keinem seiner Werke über die Entstehung der Arten wird dieser Satz, selbst einer stetigen Evolution unterworfen, fehlen.
(350) (2. Auflage von „Die Entstehung der Arten …“ 1860) Dort, wo er davon spricht, dass ursprünglich nur einigen Formen das Leben „eingehaucht“ worden sei, fügt er ein besänftigendes „vom Schöpfer“ hinzu …
(288) Anfang des Jahres 1844 vertraut Darwin in einem Brief seinem neuen Freund J.D.Hooker an: „Ich habe Haufen von Büchern über Agrikultur und Gartenbau gelesen … Endlich kamen Lichtstrahlen, und ich bin beinahe überzeugt …, dass die Spezies nicht (mir ist, als gestände ich einen Mord ein) unveränderlich sind. Der Himmel bewahre mich vor Lamarck´schem Unsinn einer „Neigung zum Fortschritt“, der „Anpassung in Folge eines langsam wirkenden Willens der Tiere“ usw.! … Ich glaube, ich habe (hier ist Anmaßung!) die einfachen Mittel gefunden, durch welche Spezies verschiedenen Zwecken ausgezeichnet angepasst werden.“
(353) Streit zwischen „Evolutionisten“ und „Mosaisten“ (Huxley)
(355) In der ersten deutschen Übersetzung wird der Satz, der auf den Menschen hinweist, glatt unterschlagen
(356) Friedrich Engels am 12.Dezember 1859 an Karl Marx: „Übrigens ist der Darwin, den ich jetzt gerade lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputtgemacht, das ist jetzt geschehen. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen …“
Marx´ Leseeindruck später: „“… ist dies das Buch, das die naturhistorische Grundlage für unsere Arbeit enthält.“
(366) (1860 Brief Darwins an Asa Gray) „ich habe durchaus nicht die Absicht gehabt, atheistisch zu schreiben“ Allerdings könne er auch nicht wie andere „Beweise von Absicht und von Wohltätigkeit auf allen Seiten um uns herum“ erkennen. „Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott mit vorbedachter Absicht … die Schlupfwespen erschaffen würde mit der ausdrücklichen Bestimmung, sich innerhalb des Körpers lebender Raupen zu ernähren … Auf der anderen Seite kann ich mich doch in keinerlei Weise damit befriedigt fühlen, dieses wunderbare Universum, und besonders die menschliche Natur, zu betrachten und zu folgern, dass alles nur das Resultat der rohen Kraft ist. Ich bin geneigt, alles als das Resultat vorausbestimmter Gesetze anzusehen, wobei die Einzelheiten, mögen sie gut oder schlimm sein, der Wirkung dessen überlassen wird, was man Zufall nennen kann. Nicht, als wenn dieser Begriff mich durchaus befriedigte. Ich fühle aufs Allertiefste, dass der ganze Gegenstand zu tief ist für den menschlichen Intellekt. Ein Hund könnte ebenso gut über den Geist Newtons spekulieren. Lasst einen jeden Menschen hoffen und glauben, was er kann.“;
(368) (Briefe an Asa Gray) Auch von einer Tendenz zur Höherentwicklung will Darwin nichts hören, das klingt ihm zu sehr nach Lamarck.;
(1861 Brief zum Bürgerkrieg in den USA) „Großer Gott, wie würde ich mich freuen, den größten Fluch auf Erden – Sklaverei – beseitigt zu sehen.“
(382) Ernst Haeckel „über-darwint“ Darwin … H. malt einen Stammbaum für den Menschen, der bis zur Amöbe herabreicht, ohne sich darum zu scheren, ob er auch jeden Entwicklungsschritt nachweisen kann. Er vertraut auf den Fortschritt der Wissenschaft. Haeckel verwirft die „dualistische Naturanschauung und die Hypothese eines persönlichen Schöpfers“ total und kompromisslos und schreckt dabei auch nicht vor dem noch völlig ungeklärten Problem der Entstehung der Arten zurück … Darwin kann und will seinem Schüler bei diesen Spekulationen nicht zustimmen …
(383) (Ausweitung des Begriffs der Evolution auf andere naturwissenschaftliche Fragestellungen, menschliche Gesellschaft …) Darwin: „Es ist mir früher nicht eingefallen, dass meine Ansichten auf so sehr verschiedene und hochwertige Gegenstände ausgedehnt werden könnten“ formuliert D. in vorsichtiger Distanz;
(401) Darwin hat in die 5. Auflage der „Entstehung der Arten“ Herbert Spencers Ausdruck „survival of the fittest“ – Überleben der Geeignetsten, Angepasstesten, Tüchtigsten – übernommen;
(410) 1873 reiht sich ein Fremdkörper in den Stapel der noch ungelesenen biologischen Bücher und Zeitschriften: „Das Kapital – Erster Band“. Es trägt eine schlichte Widmung: „Für Mr. Charles Darwin, von seinem aufrichtigen Bewunderer Karl Marx“. Darwin bedankt sich freundlich, er schneidet die ersten 105 Seiten auf – oh, dieses verdammte Deutsch! Bald gibt er auf, es interessiert ihn nicht.
(432) (Nach Darwins Tod) Die alten Angriffe sind vergessen, er wird zum Nationalhelden erhoben. Die Prediger Englands loben von der Kanzel herab seinen lauteren Charakter. Evolution, heißt es nun, sei Gottes Weg der Schöpfung. Gott und der verstorbene „Professor“ seien sich trotz früherer Missverständnisse in allen wesentlichen Punkten einig.
(Steinmüller,A., Steinmüller,K.: Charles Darwin – vom Käfersammler zum Naturforscher Verlag Neues Leben Berlin, 1985)

·         University of Cambridge hat fast alle Texte von Charles Darwin online gestellt; Zugriff auf 20.000 Dokumente unter: www.darwin-online.org.uk
(bdw 7-2008 S.9)

·         Urmenschenforscher Schrenk, Prof. für Paläobiologie Uni Frankfurt/Main;
Es gibt etwa 300 Neandertalerfunde. Unser gesamtes Wissen über die Entstehung des Menschen davor basiert auf etwa 2000 Funden. Rein statistisch betrachtet kommt also auf einige tausend Generationen ein einziger Fund. Was wir in unserer Disziplin diskutieren, sind nicht mehr als Gedankenspiele. Wir testen Hypothesen.
(bdw 6-2008 S.92)

·         Mit Beginn der Jungsteinzeit vor 10.000 Jahren explodierte die Menschenzahl, um das 1000-fache in nur 500 Generationen; muss dramatische Effekte auf die genetische Lage der Menschheit gehabt haben: mit jedem neuen Individuum entstanden durch zufällige Veränderungen der Erbinformationen neue genetische Varianten, lieferten den Selektionskräften der Umwelt reichlich Spielmaterial;
Seuchen treten auf, das enge Zusammenleben mit Tieren beschleunigte auch die Evolution pathogener Mikroorganismen, Selektionsdruck: Mutationen, die eine Resistenz gegen die Erreger erzeugten, breiteten sich innerhalb weniger Generationen aus,
(Die Zeit 31.12.08 S.31)

·         Charles Darwin hat in einem Buch seines Großvaters Erasmus Darwin (Zoonomia. Gesetze des organischen Lebens, erschienen 1794 bis 1796) den Satz angestrichen: „Der Hintergrund der Kämpfe unter den Männchen scheint zu sein, dass das stärkste und aktivste Tier die Art fortführt und diese dadurch verbessert wird.“;
auf der Kutsche der Darwins war das Familienwappen zu sehen, drei Muscheln am Band, und Erasmus Darwin schrieb daneben: „E conchis omnia“, aus einfachsten Formen also
(Die Zeit 31.12.08 S.34)

·         Der letzte gemeinsame Vorfahre aller Erdbewohner könnte in einer ganz anderen Umwelt gelebt haben als bisher gedacht (Nature 456, S.942); Früher war man davon ausgegangen, dass dieser Einzeller sich an einem mehr als 90 Grad heißen Ort entwickelt habe, ähnlich den bis heute existierenden Tiefseeschloten; neue Ergebnisse deuten darauf hin, dass sie sich eher bei Temperaturen von weniger als 50 Grad wohlfühlten; das passt zu der theoretischen Annahme, dass die Erbsubstanz der ersten Lebewesen aus RNA bestand, diese verträgt weniger Hitze als DNA
(Die ZEIT 23.12.2008 S.34)

·         China; Fossil eines unbekannten gefiederten Sauriers gefunden; 150 Mill. a alt; ungewöhnlich lange Schwanzfedern, mit denen er nach Ansicht der Wissenschaftler balzte; das bedeutet, dass Schmuckfedern in der Evolution lange vor den Flugfedern entstanden sind
(bdw 1/2009 S.7)

·         Charles Robert Darwin wird am 12. Februar 1809 in Shrewsbury geboren.
Er studiert Medizin in Edinburgh (ohne Abschluss) und Theologie in Cambridge (Bachelor of Arts). Daneben betreibt er intensive naturkundliche Studien.
1831 bis 1836 ist er als Naturforscher auf dem Vermessungsschiff „Beagle“ unterwegs.
Am 24. November 1859 erscheint „On the Origin of Species” (Über die Entstehung der Arten).
Weitere Hauptwerke sind: „Die Abstammung des Menschen“ (1871) und „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen“ (1872).
Am 19. April 1882 stirbt Charles Darwin. Er wird in der Westminster-Abtei in London beigesetzt.

Darwin hat (auch) Deutsch gelernt, um Humboldt, Marx und Haeckel lesen zu können;
etwa 14500 Briefe von ihm und an ihn sind erhalten;

Beitrag von Josef Reichholf:
Der Ursprung des Lebens und der Ursprung des Geistes bleiben vorerst unaufgeklärt;
anders als die natürliche Selektion, die ungerichtet verläuft, weil in der Natur keine Instanz vorhanden ist, die eine Richtung vorgibt, ist die sexuelle Selektion von Anfang an gerichtet;
die Genetik bestätigte mit ihren Entdeckungen Darwin umfassend;
die molekulargenetischen Stammbäume  zeigen nun aber nicht nur den Grad der Verwandtschaft an, sondern sie machen auch die Zeit errechenbar, die seit der Trennung der verschiedenen Stammeslinien vergangen ist. Dieses neue System kommt ohne irgendeinen Bezug auf Anpassungen aus. Wie in den Ahnentafeln von Menschengeschlechtern gibt es nur die Abfolgen wieder, nicht aber die Gründe, warum es zu bestimmten Entwicklungen gekommen ist.; abgeschlossene biochemische Apparatur, die es kontrollieren und verbessern, aber ohne die es nicht existieren kann – war der Stoffwechsel dann vielleicht zuerst da? Und ist er autonomer, als man das gegenwärtig einschätzt? Bekannte, aber auch aufregende neue Befunde nähren diesen Verdacht. So sind unsere roten Blutkörperchen ohne Zellkern zwei bis drei Monate überlebensfähig …;

Es ist unter Evolutionsforschern sogar umstritten, ob das Leben insgesamt komplexer wird. Es kann gut sein, dass die Vielfalt an Organismen vor einer halben Milliarde Jahren genauso groß war wie heute – nur ganz anders aussah.
(bdw 1/2009 S.20ff)

·         Übersichtsartikel von Josef Reichholf zu Darwins Evolutionstheorie;
Dabei geht der Streit meistens gar nicht um die Evolution als solche, sondern darum, wie sie zu verstehen ist. Es geht um die Theorie der Evolution. Charles Darwin hat nicht »die Evolution« entdeckt, sondern eine umfassende Theorie entwickelt, die deren Verlauf erklärt. Sie beruht auf drei Hauptvorgängen. Jede Generation bringt etwas unterschiedliche Nachkommen hervor. Diese Variationen bilden die Basis für den zweiten Schritt, die (natürliche) Auslese oder Selektion. Ihr fallen eher solche Nachkommen zum Opfer, die nicht so gut zu ihrer Umwelt passen wie die anderen. Aber bei Weitem nicht alle Überlebenden sind damit automatisch die »Besseren« oder »Fittesten«. Denn sowohl bei der Entstehung von Variation als auch bei der Selektion ist immer Zufall mit im Spiel. …;
Evolution kommt erst durch Änderungen in der Umwelt, in den Lebensbedingungen zustande. Ändert sich die Umwelt nicht, bleibt alles wie gehabt.;
Darwin zog daraus den Schluss, dass sich die Lebewesen an die Umwelt anpassen. In seiner Theorie ist Anpassung das Hauptergebnis natürlicher Selektion. Sie wirkt umso stärker, je weiter sich die Umwelt vom bisherigen Gleichgewicht entfernt. Erreicht die Natur einen Gleichgewichtszustand, hört Evolution auf. Wer an die Beständigkeit der Schöpfung glaubt oder eine Natur im Gleichgewicht für den richtigen Zustand hält, muss Evolution ablehnen. Allenfalls wird sie als unbedeutende Randerscheinung akzeptiert, die an Äußerlichkeiten der Lebewesen mitunter ein wenig herumfeilt.;
Variation und Selektion gibt es also, aber können sie die Entstehung von »wirklich Neuem« erklären? Wie sollen aus Echsen Vögel geworden sein oder aus Affen Menschen? Um dieses Kernstück der Evolutionstheorie drehen sich die meisten Diskussionen. Darwin beantwortete diese auch ihn sehr bewegende Frage der äonenlangen Erdgeschichte. In einer endlosen Kette kleiner Schritte würden sich Veränderungen anhäufen, bis schließlich daraus, rückblickend betrachtet, Neues entstanden ist.
Die Geschichte des Lebens reicht wenigstens dreieinhalb Milliarden Jahre zurück. Doch die Fossilien passen nicht so recht in einen ganz allmählich-kontinuierlichen, »gradualistisch« genannten Vorgang. Es gab bisweilen heftiges Auf und Ab, auch viele andere Befunde weisen auf katastrophale Ereignisse hin. Diese verursachten Massenaussterben und anschließend ziemlich rasche Neuentwicklungen. Stephen Jay Gould prägte dafür den Begriff des »unterbrochenen Gleichgewichts« und kritisierte die vorschnelle Erklärung aller Eigenschaften der Organismen als »Anpassung«.;
Zwischen dem Körper der Lebewesen und der Umwelt bleibt ein weiter Bereich, in dem sich das Leben abspielt. Der Körper mit seiner Innenwelt ist dabei weit wichtiger als die leblose Außenwelt. Die zunehmende Lösung von der Umwelt kennzeichnet die Evolution stärker als die Anpassung, wie sie Darwin erkannt hatte.;
Eine geradezu unheimlich rasche Evolution hält die medizinische Forschung in Atem, weil sich Viren und Bakterien schneller weiterentwickeln als die Medikamente zu ihrer Bekämpfung. Im Bereich der Krankheiten ist Evolution der härteste, allgegenwärtige Gegner und kein Phantom, das sich erst in Jahrmillionen konkretisiert.;
Bleiben nach den großen Einsichten im Jahrhundert der Biologie überhaupt noch grundsätzliche Fragen offen? Ganz sicher genug, um Generationen von Evolutionsforschern herauszufordern. So wissen wir zwar viel über den Partner des Genoms in der lebenden Zelle, den Stoffwechsel, aber viel zu wenig, um die Wechselwirkung zwischen beiden auch nur annähernd zu durchschauen. Gegenwärtig scheint es noch so, als würde die im Erbgut gespeicherte Information alles steuern. Doch erstens trifft die Annahme, dass jedem Gen eine Eigenschaft zukommt, nicht so direkt zu, wie anfänglich angenommen, und zweitens kann das Genom nur tätig werden, wenn ein Stoffwechsel stattfindet. Im Virus ist das Genom inaktiv, weder lebendig noch tot. Zu arbeiten fängt es erst an, wenn eine passende »Wirtszelle« gefunden ist.
Spiegelt sich darin womöglich der Ursprung des Lebens? Hatten sich vor rund vier Milliarden Jahren »Informationsträger« mit »Stoffwechslern« zusammengefunden und so die erste Zelle und das Leben hervorgebracht – stand eine Symbiose am Anfang? Der Schwerpunkt der gegenwärtigen Forschungen liegt klar aufseiten der Informationsträger. Sie sind die Vorstufen des Erbgutes. Aber wie differenziert sie auch ausgebildet sein mögen, sie benötigen einen Stoffwechsel, um »lebendig« zu werden. Umgekehrt braucht der Stoffwechsel nicht unbedingt ein Genom zur Steuerung. Das zeigen unsere roten Blutkörperchen. Sie haben keinen Zellkern mit Genom, bleiben aber nach ihrer Bildung rund 100 Tage lebensfähig. Sie sollten viel gründlicher untersucht werden.
Wir müssen also wahrscheinlich noch weit mehr vom Stoffwechsel verstehen, um hinter das Anfangsgeheimnis des Lebens zu kommen. Aus lebloser Materie ging das Lebendige hervor, als drei Grundeigenschaften zusammenpassten: die chemischen Reaktionen, eine hinreichend beständige, aber wandelbare Information und genügend Abgeschlossenheit durch eine Trennung von »innen« und »außen«. Durch die Wandelbarkeit der Informationsträger ist Evolution möglich geworden.
Warum aber entstand das Leben nur einmal auf der Erde und nicht mehrmals? Gab es die besonderen Rahmenbedingungen nur in einer ganz bestimmten Zeit auf der jungen Erde? Für das gegenwärtige Leben kennen wir die Begrenzungen, die Stoffwechsel und Energiefluss vorgeben. Leben kann sich nicht beliebig entfalten. Die Evolution ist »kanalisiert«. Deshalb erscheint sie uns gerichtet, weil nicht alles möglich ist.
Der Anfang des Lebens war ein Phasenübergang aus der leblosen Natur in die Sphäre des Lebendigen. Gab es einen weiteren Phasenübergang zum »Geistigen«, musste die Evolution zwangsläufig Geist hervorbringen? Handelte es sich bei der Entstehung des Geistes um eine Emergenz, um ein plötzliches Auftauchen? Oder war das stofflich nicht fassbare Geistige von Anfang an Begleiterscheinung und Wesensmerkmal der Materie an sich?;
Die »großen Fragen« finden sich, wie könnte es anders sein, an den Grenzen. Dort, wo Physik und Chemie lebendig werden oder Lebendes stirbt und wo Gehirne nachweisbar Gedanken produzieren, da gibt uns die Evolution nach wie vor die größten Rätsel auf. Zudem laufen Entwicklungen in der Kultur so erstaunlich ähnlich wie die biologische Evolution ab, dass sich beide, Evolutionsbiologie und Kulturwissenschaften, gegenseitig herausgefordert fühlen.
Das Ziel naturwissenschaftlicher Forschung ist fortschreitende Annäherung an die Wirklichkeit. Um die Realität geht es ihr und nicht um Wahrheit. Skepsis und Kritik treiben die Kenntnisse voran. Wo es irgend geht, soll das Experiment die Annahme bekräftigen oder widerlegen. Wo nicht, wie in historischen Zeitläufen, werden übereinstimmende Befunde und erfüllte Vorhersagen in die Waagschale der Plausibilität geworfen. Darin entspricht die wissenschaftliche der juristischen Vorgehensweise: Beweise durch Fakten und erdrückende Indizien ergeben das Urteil.
Genau das ist die Grundmethode der Evolutionsforschung. Sie kann nicht die Geschichte erneut ablaufen lassen, um zu sehen, ob es so kommen musste, wie es gekommen ist. Doch genügend experimentell geprüfte Teilstücke und plausible Vergleiche erfüllen diese Forderung. Rückblickend ist es durchaus möglich, zu analysieren, warum sich dieses oder jenes ereignet hat und was die Ursachen gewesen sind. Vorhersagen lässt sich die Geschichte jedoch nicht. Die Evolutionsforschung stimmt in dieser Hinsicht weitestgehend mit der Geschichtsforschung überein. Sie kann Ursachen aufdecken, Entwicklungen plausibel erklären, aber die Zukunft nicht vorhersagen. Wissenslücken als Kritik gegen solche Forschungen anzuführen ist unangebracht. Die Wissenschaft hat nie Vollständigkeit beansprucht. Im Gegenteil! Lückenloses Wissen gibt es nirgends.
Das Humane verlangt größtmöglichen Widerstand gegen die blinde natürliche Selektion durch Krankheiten, Hunger, Naturkatastrophen und innerartlich-aggressive Vernichtung. Für eine bessere Zukunft sollen all diese Formen der natürlichen Auslese überwunden und Krankheiten möglichst besiegt werden.;
Die Evolution ist zukunftsblind. Gänzlich Neues kann durch biologische Evolution nicht entstehen. Besseres können wohl nur wir ersinnen.;
Als wahrscheinlich erste Lebewesen auf der Erde könnten wir Menschen sogar den Beweis erbringen, dass Evolution nicht blind bleiben muss.
(ZEIT 18.9.08 S.41 --- gesamter Text unter http://www.zeit.de/2008/39/N-Evolution?page=all)

·         zu Carl von Linné:
in der 12. Auflage seines Werkes „systema naturae“ (zuerst erschienen 1735) rechnet der Forscher den Menschen, für den er den Begriff Homo Sapiens prägt, gemeinsam mit Schimpansen und Orang-Utans wegen anatomischer Ähnlichkeiten der Ordnung der Primaten zu
(GEO kompakt 14: Die 100 größten Forscher aller Zeiten, 2008, S. 56)

·         Darwins Schatten überragt seinen Namen um genau fünf Buchstaben: ismus. Sie trennen Wissenschaft von Weltanschauung, Idee von Ideologie, Biologie von Biologismus. Keinem Naturforscher seines Ranges, keinem Newton, Einstein oder Heisenberg, wurde je die Ehre zuteil. Als Begründer eines Ismus in die Geschichte einzugehen. Doch dafür zahlt Darwin posthum einen hohen Preis … Im gängigen Sprachgebrauch steht Darwinismus für Sozialdarwinismus, für Ellbogen und das Recht des Stärkeren im allgegenwärtigen Verdrängungswettbewerb. Wer jemand anderen einen Darwinisten nennt, meint das in der Regel nicht freundlich. …
Die fünf Buchstaben seines Schattens haben ihren Ursprung in einer Tautologie, dem survival of the fittest. Die Formel gehört zu den folgenreichsten, die je ein Forscher zu Papier gebracht hat. Sie geht allerdings nicht auf Darwin zurück, sondern auf den Soziologen Herbert Spencer – und damit wiederum auf ein Gesellschaftsmodell …
Spencer gilt als der Begründer des Sozialdarwinismus … er glaubt an die kulturelle Evolution … vom All bis in die Seele, vom Molekül bis zur Moral. Krankes, Schwaches und Entartetes merzt sich im Daseinskampf selbst aus, das Bessere ist der Feind des Guten. In Darwins Entstehung der Arten von 1859 findet er das gesuchte Stück Biologie für seine Weltanschauung.
Darwin übernimmt die Sprechweise vom survival of the fittest erst ein paar Jahre später.. In seinem Hauptwerk taucht sie erstmals in der fünften Auflage 1869 auf. …
Der Biologe Ernst Haeckel verbreitet Darwins Lehre noch zu dessen Lebzeiten wie kaum ein anderer, vor allem in Deutschland. Haeckel macht die natürliche Auslese zum Teil einer »universellen Entwicklungstheorie, die in ihrer enormen Spannweite das ganze Gebiet des menschlichen Wissens umfasst«. Er stellt biologischen Darwinismus in den Dienst politischer Ideologie, erklärt Selektion und Konkurrenz zur Grundlage gesellschaftlichen Fortschritts und versteht den deutschen Nationalstaat als darwinistisches Projekt. Und wie kein anderer verschafft er dem Rassismus ein wissenschaftliches Fundament.
“Diese Naturmenschen“, schreibt er in seinen Lebenswundern, „stehen in psychologischer Hinsicht näher den Säugethieren (Affen, Hunden), als dem hochcivilisirten Europäer; daher ist auch ihr individueller Lebenswerth ganz verschieden zu beurteilen.“ Wenn es heißt, der Nationalsozialismus und andere Tyrannenregime beriefen sich auf Darwin, dann ist damit eigentlich Haeckel gemeint.
Schuld im Sinne von Vorsatz trifft Darwin nicht. Anders als Haeckel betrachtet er Menschen aller Hautfarben als Vertreter einer Art – und kämpft zeitlebens gegen Sklaverei als Besitz eines Menschen durch einen anderen. …
… Alfred Russel Wallace. Der Sohn aus armem Elternhaus bildete sich autodidaktisch zum Naturforscher aus und entwickelte unabhängig von Darwin dieselben Ideen einer Evolution durch Modifikation und Selektion. Doch während der menschliche Körper, so Wallace, seine Evolution weitgehend abgeschlossen hat (eine sehr moderne Auffassung), entwickelt sich ihm zufolge der menschliche Geist weiter und erhebt sich über die biologische Selektion.
Nicht Darwin, sondern der Mann im Blendschatten seines Ruhms begreift den entscheidenden Punkt: Kulturelle Evolution läuft nicht darwinistisch ab, sondern lamarckistisch; Eigenschaften wie Sprache, Werkzeuggebrauch, medizinische Kenntnisse oder Mythologie werden kulturell tradiert, nicht über Gene. Information fließt schneller als Blut. …
Darwin … selbst vermutete bereits, dass die natürliche Auslese nicht der einzige Evolutionsmechanismus bleiben wird, hielt sie aber für die entscheidende und treibende Kraft. Seine Entdeckung hat bis heute Bestand. Sie lässt sich in Experimenten nachvollziehen und sogar im Freiland beobachten. Weniger hätte es ihm wohl gefallen, dass sie mittlerweile mehr wie ein kräftiges Hintergrundrauschen der Evolution erscheint, während andere Mechanismen die Sprünge und wahrhaft großen Entwicklungsschübe auslösen.
Damit verliert ein weiterer Bereich der Theorie, auf den sich der Sozialdarwinismus stützt, an Bedeutung: Fortschritt sei vor allem ein Resultat der Konkurrenz unter Individuen. Heute wird in biologischen Systemen eher Kooperation als bestimmendes Prinzip angesehen, und zwar auf jeder Entwicklungsstufe: Moleküle bilden Zellen, die in Geweben und Organen zusammenarbeiten, die ihrerseits dem Organismus dienen, der sich als Teil seiner Gemeinschaft in Ökosystem und Biosphäre fügt.
Darwin verstand Kooperation nicht als Gegensatz zur natürlichen Auslese, sondern als ihr Resultat. In der ultradarwinistischen Lesart von Dawkins hat sich das Ganze nur auf die Stufe der Gene verlagert. Auch Zusammenhalt und Altruismus gehen in seinem Weltbild letztendlich auf egoistische Motive zurück. Dass sich seine Hypothese trotz zunehmender Kritik aus der Fachwelt weiterhin großer Popularität erfreut, hat wiederum mit einem Spiegelphänomen zu tun: In ihr erkennt sich jener Teil der Gesellschaft wieder, der sich aufseiten der Sieger sieht und das Gedankengut des Sozialdarwinismus als natürliche Rechtfertigung seiner Privilegien benutzt. …
Darwins historische Leistung ist unbestritten: Als Erster formulierte Darwin eine weltumspannende Theorie des Lebens. Er beschrieb die kreative Kraft des Todes, ohne den es keinen evolutionären Fortschritt gäbe …
Kollegen weisen Darwin darauf hin, dass künstliche und natürliche „Zuchtwahl“ sich grundlegend unterscheiden. Bei der einen wird mit (menschlichem) Wissen und Willen bewusst ein Ziel angesteuert, der anderen fehlen Ziel und ordnende Hand … Da in jeder Generation im Durchschnitt eher die schlechter Angepassten von der Fortpflanzung ausgeschlossen sind, findet in freier Wildbahn auch keine positive Selektion statt wie bei der Zucht, sondern in der Regel eine negative. …
Darwins blinder Fleck … Er verkennt die Macht der kulturellen Evolution, die sich spätestens mit der Sesshaftwerdung des Menschen über die biologische Evolution zu erheben begann. Anders als seine nächsten Verwandten kann Homo sapiens die verfügbare Nahrungsmenge über ihre natürlichen Grenzen steigern. Ohne Ackerbau und Viehzucht, ohne Züchtung und Lebensmitteltechnologie hätte unsere Art schon die Mitgliederzahl von einer Milliarde zu Darwins Zeiten nie erreicht.
Seither hat die Menschheit mit kulturellen Errungenschaften, mit medizinischem und technischem Fortschritt, ihre Zahl auf bald sieben Milliarden gesteigert und die biologische Evolution mehr und mehr überwunden. Die wichtigste Voraussetzung für die natürliche Auslese – eine Überzahl an Nachkommen, von denen sich im Schnitt nur ein Teil weitervermehrt – ist in modernen Gesellschaften immer weniger gegeben. Mit zwei Kindern pro Paar und einer Überlebensrate bei Neugeborenen nahe hundert Prozent ist die Selektion im Darwinschen Sinne praktisch zum Erliegen gekommen. …
(Die Zeit 31.12.08 S.29f.)

·         „Schwarze Raucher“ 1977 entdeckt
(bdw 5-2009 S.46)

·         fossiles missing link in der Entwicklung der Wale gefunden; drei Meter langes Tier, das mit seinen vier Extremitäten laufen und schwimmen konnte; verwandt mit landlebenden Huftieren (Nilpferd)
(bdw 7-2009 S.46)

·         Bakterien in grönländischem Eisbohrkern gefunden; 120000 Jahre alt, 3000 Meter Tiefe
(bdw 9-2008 S.9)

·         Bärtierchen (bis 1,5 mm groß) in einem astrobiologischen Experiment in einer unbemannten russischen Photon-Kapsel für 10 Tage Vakuum, Weltraumkälte und UV-Strahlung ausgesetzt; 2 % überleben, alle starben wenige Tage später an den Folgen der Strahlung; schirmte man die besonders gefährliche kurzwellige UV-Strahlung (UV-C) durch Filter ab, überlebten fast 40%, diese vermehrten sich sogar anschließend
(bdw 5-2009 S.46)

·         China, Fossilien eines gefiederten Mini-Dinosauriers (70 cm; 99-144 Mill. a alt); Gefieder in einer Art Flaum
(taz 20.3.09 S.18)

·         ein US-Geologe und ein Düsseldorfer Botaniker wollen jetzt im Labor nachspielen, wie die ersten Organismen entstanden sein könnten: in Thermalquellen auf dem Meeresgrund;
schlichte Substanzen zirkulieren in den Leitungen, darunter Schwefelverbindungen und Ammoniak, Eisen und Kohlendioxid;
zur Brutstätte des Lebens werden laut dem Geologen Mike Russell Heißwasserquellen in der Tiefsee, ähnlich den „Schwarzen Rauchern“, aber mit höchstens 90 Grad Celsius nicht annähernd so heiß. Die Wände der kalkigen Schlote sind durchsetzt von unzähligen, meist mikroskopisch kleinen Bläschen und Poren. An den Schloten mischt sich heißes, mineralreiches Quellwasser mit kaltem, kohlesäurehaltigem Meerwasser. Das chemische Gefälle zwischen den Flüssigkeiten setzt chemische Reaktionen in Gang, in deren Verlauf einfache organische Moleküle entstehen; in den Poren der Schlotwände können sich immer längere Molekülketten anreichern. Kurze Moleküle, die bei den Reaktionen ebenfalls entstehen, entweichen durch die halbdurchlässigen Wände; an den Innenwänden der Poren lagern sich wasserabweisende Verbindungen an, die mit der Zeit eigenständige Hüllen bilden und als erste Urzellen ihre Gehäuse verlassen können;
2000 wurden die heißen Quellen entdeckt, in 800 m Tiefe, Türme aus weißlichem Kalziumkarbonat, manche so hoch wie 20-stöckige Häuser;
sämtliches Wasser der Ozeane wird schätzungsweise alle 100.000 Jahre einmal durch die mehr oder minder heißen Tiefseequellen gepumpt;
(Der Spiegel 24-2009 S.122)

·         dass der Mensch keineswegs nur die ausführende Marionette seines Erbgutes ist – im Gegenteil, jede einzelne Zelle entscheidet, was sie aus ihren Genen macht, sie hat dafür eine Vielzahl von Schaltern uns sinnreichen Mechanismen; welche davon betätigt werden, hängt auch davon ab wie viel der Mensch zu essen hat, ob er raucht oder wie viel er sich bewegt. Und manchmal scheint die Schalterstellung, die sich aus Umwelt und Lebenserfahrung ergeben hat, sogar vererbt zu werden
(Spiegel 30-2009, S.107)

·         irische Forscher konnten drei Gene identifizieren, die ausschließlich beim Menschen vorkommen; im Schimpansen-Genom fehlen sie, beim Menschen hingegen erfüllen sie eine Aufgabe;
es ist das erste Mal, dass menscheneigene Gene gefunden wurden, die sich nicht wenigstens auf Vorläuferversionen im Genom anderen Tiere zurückverfolgen lassen
(Die Zeit, 10.9.09, S.40)

·         im Staub des Kometen „Wild 2“ hat die NASA-Sonde „Stardust“ 2004 die Aminosäure Glycin eingefangen
(taz 21.8.09 S.18)

·         US-Forscherteam; einem (einzigen) Eiweiß verdanken wir Menschen die Entwicklung der Sprache; die Menschen- und die Affenvariante (bei Schimpansen) dieses Schlüsseleiweißes arbeiten trotz ähnlichen Aufbaus unterschiedlich; Bauplan ist in einem Gen namens FOXP2 gespeichert, das den Beinamen „Sprachgen“ trägt; die menschliche Variante des Gens unterscheidet sich nur in zwei Bausteinen von der des Schimpansen; gerade diese Veränderung könnte jedoch eine feinere motorische Kontrolle der Gesichtsmuskeln, eine größere Flexibilität des Gehirns und damit die Basis für Sprache gelegt haben
(Freie Presse Chemnitz 12.11.09 S.1)

·         nicht nur die genetische Verwandtschaft, sondern auch eine Kette von Fossilien belegen die Abstammung der Wale von landlebenden Huftieren; 1992 in Pakistan Fossil eines „gehenden Schwimmwals“ gefunden, er konnte beides: auf seinen gespreizten vier Extremitäten laufen und mit ihnen durchs Wasser paddeln; er ist das berühmte „missing link“, das bisher fehlende Bindeglied in der Evolution der Wale;
andere Fossilien hatten für Paarhufer typische Knöchelknochen; das bestätigte den schon länger bestehenden Befund der Molekularbiologen, dass die nächsten Verwandte der Wale Schweine, Kamele, Rehe – und vor allem Nilpferde sind;
insbesondere die sich wandelnde Gestalt der Ohren macht die Anpassung an das Wasser plausibel;
(bild der wissenschaft, 7-2009 S.46ff)

·         Leserbrief Michael Werner;
In allen Gedanken über Leben auf anderen Himmelskörpern scheint mir ein grundlegender Denkfehler zu liegen: Alles wird darauf abgeklopft, ob dort genau die Form von Leben möglich wäre, die wir von uns her kennen. Darüber wird vergessen, wie Evolution abläuft.
Selbstverständlich sind wir irdischen Lebewesen Kinder dieses Planeten und genau an seine Bedingungen angepasst, einfach deshalb, weil es hier so ist, wie es ist. … Nicht die Erde passt zu uns, sondern wir passen auf die Erde. Selbstverständlich wird Leben überall ebenso die Frucht gerade seiner heimischen Verhältnisse sein ( und hätte wahrscheinlich Schwierigkeiten unter unseren „freundlichen“ Bedingungen.)
(bild der wissenschaft 8-2009 S.16)

·         MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig;
Mäuse mit der menschlichen Variante des Gens FOXP2 ausgestattet, unterscheidet sich in 2 Aminosäuren von der Maus-Form; wird beim Menschen mit der Sprachfähigkeit assoziiert;
genveränderte Tiere gesund, aber verändertes Verhalten: hielten sich häufiger in der Gruppe auf, erkundeten seltener allein die Umgebung; außerdem war das Piepsen der Mäuse mit dem menschlichen Gen tiefer
(bild der wissenschaft 9-2009 S.8)

·         Springende oder auch mobile genetische Elemente … „Transposons“ … nutzen die zelleigene Maschinerie gelegentlich dazu, sich selbst zu kopieren, und die Kopien bauen sich dann an x-beliebiger Stelle im Genom neu ein; einige wenige Elemente schneiden sich auch wieder aus der DNA aus, um weiter zu wandern;
Je nachdem, wo die springenden Gene auf ihrem Ziel-Chromosom landen, hat das unterschiedliche Folgen:
a) Stellen, wo keine Gene sitzen, in der Regel keine Auswirkungen für den Organismus
b) mitten in Genen, wo sie kodierende Sequenzen (Exons) zerstören; mögliche Folge: krankhafter oder tödlicher Ausfall lebenswichtiger Gene
c) mitten in Genen, aber neben Exons; können dann später in der Evolution selbst zu Exons werden, also die Funktion eines Gens verändern oder erweitern;
derzeitiger Kenntnisstand: nur 5% unseres Genoms haben überhaupt eine Funktion; mindestens 45% unseres Genoms gehen auf mobile genetische Elemente zurück, waren einmal mobil oder sind es noch;
unsere Gene sind “Inseln“ in einem Meer von springenden Elementen …;
vor gut drei Milliarden Jahren: kleine RNA-Schnipsel, die sich selbst kopieren konnten, waren die erste Erbsubstanz in einfachsten Zellen. Erst später „erfand“ die Evolution als Sicherungskopie der Erbsubstanz die DNA. Ihr Vorzug: Sie ist stabiler als RNA, und bei der Vermehrung schleichen sich nicht so oft Fehler ein;
Springende Elemente schaffen gute Voraussetzungen für genetische Variabilität, wie es kein anderer Mechanismus vermag. Sie tun dies zum einen, indem sie Kopien von Genen im Genom verstreuen. Gelegentlich nehmen mobile Elemente bei ihrer Wanderung benachbarte Gene oder Teile von Genen quasi huckepack an einen neuen Ort mit. Zum anderen kann eine Reverse Transkriptase auch manchmal „irrtümlich“ vorbeischwimmende mRNA eines Gens in einen DNA-Doppelstrang umschreiben, der sich dann später ins Genom integriert …
Keinesfalls erlauben mobile genetische Elemente eine zielgerichtete Evolution ….Transposons agieren blind, rein zufällig im Genom … Darwin ist nach wie vor gültig
(bild der wissenschaft 9-2009 S.38ff)

·         Springende Gene klären die Säuger-Evolution;
seit wenigen Jahrzehnten helfen molekulare Techniken, die Struktur der Stammbäume durch Vergleich des Erbgutes zu ergründen; Punktmutationen treten auf und werden vererbt; eines solche Punktmutation kann jedoch auch unabhängig von der ersten Veränderung ein zweites Mal auftreten oder es kann zu einer Rückmutation kommen; es gibt also stammesgeschichtlich informative und stammesgeschichtlich irreführende Daten; je längere Zeiträume der Evolution untersucht werden, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit solcher irreführender Mutationen im Datensatz, wodurch sich das Risiko erhöht, einen falschen Stammbaum zu rekonstruieren;
von Studie zu Studie, von Gen zu Gen unterscheiden sich die Säugetierstammbäume gewaltig;
das Bauplanbuch des Menschen namens Erbgut besteht nur zu etwa 1,5% aus Bauplänen, den Eiweiß-kodierenden Genen. Die Springenden Gene oder Retrotransposons machen hingegen mehr als 40% aus;
Springende Gene tragen ihren Namen, weil sie nicht nur an ihrer festen Position im Erbgut an die Nachkommen vererbt werden. Sie vermehren sich vielmehr auch innerhalb eines einzigen Genoms. Dabei wird zunächst das Springende Gen durch Enzyme kopiert. Diese Kopie wird dann an einer anderen Stelle wieder (zusätzlich JK) eingefügt. Die Stelle, an der diese Kopie eingefügt wird, ist zufällig. Ist die Kopie des Springenden Gens an der neuen Position fixiert, wird sie mit dem restlichen Genom an die Nachfahren weitervererbt. Über lange Zeit teilen sich dann mehrere Arten oder gar ganze Artengruppen diese Kopie an einer bestimmten Stelle im Erbgut. Alle Arten, die nicht vom Vorfahren abstammen, in dessen Genom sie eingefügt wurden, tragen sie dementsprechend nicht. Die Zufälligkeit des Einbaus ist dabei entscheidend: Da das gesamte Genom (des Menschen JK) etwa 3 Milliarden „Buchstaben“ enthält, ist es praktisch ausgeschlossen, dass ein Springendes Gen zweimal an genau die selbe Stelle im Genom eingefügt wird. Sprich: Alle Träger derselben Kopie des Gens an derselben Stelle im Erbgut müssen von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen;
Die Daten liefern zweifelsfreie Erkenntnisse über die Entstehungsgeschichte der heutigen Säuger.
(bild der wissenschaft plus; Klaus-Tschira-Preis für verständliche Wissenschaft, Die Preisträger 2008, 2009, S.20ff.)

·         (Harvard-Forscher Jack Szostack, Nobelpreis Medizin 2010, will verstehen, wie das Leben auf der Erde einst entstanden ist:)
Szostak wendet sich damit einem jener drei großen Schöpfungsmomente zu, die wie kaum etwas anderes von jeher die Wissenschaftler in ihren Bann gezogen haben. Es handelt sich um jene drei Vorgänge in der Geschichte des Kosmos, im Verlaufe deren völlig Neuartiges geschaffen wurde: Am Anfang allen Daseins vor rund 13,7 Milliarden Jahren entstand im Urknall die Materie. Im jüngsten Kapitel der Universumsgeschichte dann verwandelte sich das Geschwätz von Neuronen unvermittelt in Menschengeist.
Dazwischen aber, gleichsam zur kosmischen Halbzeit, begannen auf einem kleinen Planeten namens Erde ein paar Moleküle zu leben. Sie hatten sich zu Organismen zusammengeschlossen, die fähig waren, sich zu wandeln und sich so ihrer Umgebung anzupassen. Und indem sie so um ihr Überleben kämpften, indem sie Nahrung suchten, vor Gefahren flohen und stets nach Vermehrung strebten, war plötzlich ein Zweck, ein Sinn, eine Bestimmung in die Welt gekommen. Wie nur war das möglich gewesen? War hier ein der Materie eigener Drang erwacht, den sie seit ihrer Entstehung im Urknall in sich getragen hatte? Oder verdankt das Leben seine Existenz einem einzigartigen Zufall?
Unweigerlich stoßen bei Fragen wie diesen Wissenschaft und Religion aufeinander. Denn es geht zugleich auch darum, ob die Wissenschaft die alleinige Hoheit für die Welterklärung für sich beanspruchen kann - oder ob noch Raum bleibt für etwa Göttliches.
Auch Szostak weiß: "Die exakten Umstände, unter denen das Leben entstanden ist, sind möglicherweise für immer für die Wissenschaft verloren." Denn nicht nur das Drehbuch des Dramas ist verschollen, auch die Bühne, auf der es sich abgespielt hat, liegt weitgehend im Dunkeln.;
Als gesichert kann nur gelten, dass der Planet hektischer als heute um seine Achse trudelte; ein Erdtag dauerte womöglich nicht länger als sechs Stunden. Auch stand der Mond deutlich größer am Nachthimmel und schleppte eine entsprechend mächtigere Flutwelle mit sich.
Vor allem aber stand die Urerde unter heftigem Beschuss. Schätzungen zufolge schlugen allein 15 gigantische Himmelskörper ein, die groß genug waren, um ganze Weltmeere verdampfen zu lassen; 4 von ihnen maßen gar mehr als 300 Kilometer im Durchmesser. Zum Vergleich: Der Meteorit, der vor 65 Millionen Jahren den Dinosauriern den Garaus machte, war 30-mal kleiner und wog gerade einmal ein 30000stel.
Zwischen den Einschlägen aber könnte es frostig gewesen sein. Denn die Sonne schwächelte, ihre Strahlkraft war um etwa ein Drittel geringer als heute; zudem dürfte der Staub zerborstener Meteoriten den Himmel immer wieder verdunkelt haben. Gut möglich deshalb, dass sich dicke Eispanzer auf die Urozeane legten.
Und irgendwo inmitten dieses Spektakels soll das junge Leben gekeimt haben? Nicht das Paradies, sondern vielmehr die Hölle soll seine Geburtsstätte gewesen sein?
Als der Münchner Patentanwalt Günter Wächtershäuser in den achtziger Jahren eine urzeitliche Schwefel-Eisen-Chemie ersann, aus der Leben hervorgegangen sein könnte, rückten die Schwarzen Raucher, die entlang der mittelozeanischen Rücken ihre brühend heiße Mineralfracht ins Tiefenwasser speien, in den Mittelpunkt des Interesses.
Inzwischen gelten die gutmütigeren Verwandten dieser heißen Quellen, die Hydrothermalquellen vom sogenannten Lost-City-Typ, als plausiblere Brutstätten des Urlebens. Auch sie finden sich am Ozeanboden, nur dass hier das Wasser mit moderateren Temperaturen aus dem Gestein schießt. Zudem sind die Schlote von einem Labyrinth feiner Kavernen und Kanäle durchzogen, die den Urorganismen als Heimstatt gedient haben könnten. ;
(Forscher aus Heidelberg und Barcelona:)
hatten sich vorgenommen, genau zu erfassen, was eigentlich das Minimum ist, dessen es bedarf, um lebendig zu sein.
Auf der Suche nach einem möglichst unkomplizierten Lebewesen entschieden sie sich für das Bakterium Mycoplasma pneumoniae, das mit rund 816 000 Genbuchstaben zu den schlichtesten eigenständig lebensfähigen Geschöpfen zählt.
Diese Mikrobe unterzogen die Forscher einer radikalen Molekular-Anatomie. Gründlich wie bei keinem Organismus zuvor vermaßen sie all ihre Gene, stellten fest, wann diese aktiv sind und wann sie abgeschaltet werden, wie die einzelnen Proteine miteinander wechselwirken und welche chemischen Reaktionen sie antreiben.
Stück für Stück offenbarte sich den Wissenschaftlern dabei ein vielmaschiges Geflecht von 189 Stoffwechselreaktionen, die von insgesamt 129 Enzymen gesteuert werden. Rund 200 molekulare Maschinen zählten die Forscher, 178 jeweils aus mehreren Proteinen zusammengesetzte Eiweißgebilde spürten sie auf.
Vor allem aber verblüffte die Forscher, wie flexibel dieses Regelwerk auf seine Umgebung zu reagieren vermag. Je nachdem welchen Nähr- oder Signalstoffen die Mikrobe begegnet, kann sie an einer Vielzahl von Stellschrauben die Wirkung einzelner Gene herauf-, die anderer hingegen herunterregeln.
Und das soll nun die einfachste Form allen Lebens sein?
Die Lücke zwischen der archaischen Chemie auf der Urerde und den ersten Lebensformen heutiger Bauart zu schließen ist auch deshalb so schwierig, weil in der Übergangsphase eine Form von Leben existiert haben muss, dessen Überbleibsel vollständig getilgt sind.
Während nämlich sämtliche heutigen Bewohner der Erde ihr Erbgut in Form von DNA-Strängen aufbewahren, war den ersten lebendigen Kreaturen diese Molekülsorte höchstwahrscheinlich fremd. Stattdessen nutzten sie vermutlich einen chemischen Verwandten der DNA, die sogenannte Ribonukleinsäure RNA.
Vor allem eine Eigenschaft dieses Moleküls fasziniert die Forscher: Es vereinigt Eigenschaften von Proteinen und DNA in sich und damit beider wichtigen Gruppen von Biomolekülen. Wie die DNA so taugt auch die RNA als Träger genetischer Information. Gleichzeitig aber kann ein RNA-Molekül, genauso wie ein Protein, gezielt ganz bestimmte chemische Reaktionen vorantreiben.
Deshalb gehen die Forscher davon aus, dass, ehe die ersten modernen Lebewesen die Bühne betraten, ihre einfacheren Vorfahren eine weniger komplizierte "RNA-Welt" bevölkerten, in der RNA-Moleküle die Aufgabe von Genen und Proteinen gleichermaßen übernahmen. ;
Als besonders bedeutsam gilt die Entdeckung eines britischen Teams. Den Wissenschaftlern der University of Manchester gelang es, einen Weg zu finden, wie unter den Bedingungen der Urerde die Bausteine der RNA entstanden sein könnten. Jahrzehntelang hatten sich ihre Kollegen vergebens bemüht, dieses Rätsel zu knacken.
Gleichzeitig tüftelten Gerald Joyce und seine Kollegen am Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla so lange mit RNA-Molekülen herum, bis sie zwei Exemplare mit außergewöhnlichen Eigenschaften gefunden hatten: Jedes der beiden ist fähig, eine Kopie des jeweils anderen zu verfertigen.
Indem sie sich also wechselseitig herstellen, pflanzen sich diese RNA-Kreaturen gleichsam fort. "Wir haben unsterbliche Moleküle", verkündet Joyce. Zwar sei es sicher verfrüht, sie lebendig zu nennen, lebensähnlich aber seien sie immerhin.
(http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68525307.html; Titel: Die Schöpfung im Labor)

·         amerikanischer Komplexitätsforscher Stuart Kaufmann über die Geburt des Lebens aus einer Molekülsuppe, die Kreativität des Universums und das Heilige in der Natur;
natürlich sind die Naturgesetze gültig, nur eben nicht immer und überall;
ich glaube nicht an Wunder in dem Sinne, dass ein übernatürlicher Gott die Geschicke der Welt lenkt. Wenn ich von „Wundern“ spreche, dann meine ich Vorgänge, die sich aus keinem Naturgesetz ableiten lassen;
Ich bin überzeugt, dass wir im Universum die Spur einer enormen, zumindest teilweise keinen Grenzen unterworfenen Kreativität finden;
ich halte es für eher wahrscheinlich, dass der eigentliche Ursprung des Lebens eine direkte Folge der Naturgesetze ist. Leben ist, anders gesagt, ein natürlicher Ausdruck des Universums. Die Gesetzlosigkeit, von der ich spreche, beginnt erst danach zu wirken: Die Evolution, die nach dem eigentlichen Schöpfungsakt folgte, entzieht sich der vollständigen Beschreibung durch Naturgesetze. Ich bin überzeugt, dass sich mit keinem Gesetz im Voraus vorhersagen ließe, welchen Weg die Evolution beschreiten wird;
(Was ist „Leben“?) Zunächst ist dazu molekulare Reproduktion erforderlich, also Moleküle, die sich selbst vermehren können … Des weiteren müssen diese sich selbst vermehrenden Moleküle auf engem Raum eingeschlossen sein, in kleinen Fettbläschen zum Beispiel oder auf Lehm-Oberflächen. Andernfalls würden sich die Moleküle sofort in den Weiten des Ozeans verdünnen, sodass komplexe Reaktionen unmöglich würden … Es kommt noch ein Drittes dazu, … Dieses System muss auch noch fähig sein, mit seiner Umgebung in Wechselwirkung zu treten. Erst ein solches System kann handeln, auf die Umwelt reagieren, Einflüsse der Umwelt unterscheiden und – zum eigenen selektiven Vorteil – Entscheidungen treffen. … Das Lebendige bringt autonom handelnde Wesen hervor;
Ich spreche von der Kreativität der Natur oder des Universums, von einer Schöpfung ohne Schöpfer;
In der Physik passieren die Dinge nur, biologische Systeme hingegen handeln;
(Frage) Muss nicht, wer „heilig“ sagt, notwendig auch „Gott“ sagen?
(Antwort) Warum nicht? Ich jedenfalls spreche von einem Gott im Sinne eines natürlichen Werdens des Universums, eines kreativen Werdens jenseits der Naturgesetze. Wir im Westen sind sehr säkular geworden. Nichts ist uns mehr heilig.;
(F.) Sie wollen also die alten Götter abschaffen und an ihre Stelle die Kreativität des Universums als neuen Gott stellen?
(A.) … Das heiligste aller Wörter ist Gott. Nichts ruft so viel wach wie dieses komplexe Wort. Deshalb sollten wir den Mut haben, es zu benutzen.
(A.) Aber bedeutet die Berufung auf einen Gott nicht zugleich einen Verrat an der Wissenschaft?
(A.) Eben nicht. In der Welt Newtons muss Gott intervenieren, er muss Gesetze brechen, um eingreifen zu können. Und das erscheint uns töricht. Wenn es aber Facetten der Welt gibt, die sich der Beschreibung durch Naturgesetze entziehen, wenn der Ausgang vieler Vorgänge offen ist, dann bleibt Raum für mysteriöse Kräfte. Uns steht frei, sie Gott zu nennen.
(F.) Und dieser Gott ist mithin eine zwangsläufige Folge des Urknalls?
(A.) So ist es
(Der Spiegel 1/2010 S.120f.)

·         Nature, London; anhand von Pigmentresten entdeckt, dass einer der ersten Dinosaurier mit Federansätzen farbige Borsten trug; die Studie gebe zudem einen außerordentlichen Einblick in die Funktionsänderung der Federn; bislang war bekannt, dass es Tiere mit Federn bereits vor den Flügeln gab, da nun auch die ersten Federn nachweislich Farbpigmente enthielten, hätten sie sich zunächst womöglich nur entwickelt, um bunte Farben zur Schau zu stellen, einen Nutzen als Wärmedämmung oder Hilfsmittel zum Fliegen erhielten sie erst viel später im Laufe der Evolution
(taz 29.1.2010 S.18)

·         (Seite 14) Nicht ein planender Gott hat die überbordende Vielfalt des Lebens erschaffen, sondern ein planloser Prozess, in dem sich Zufall und Notwendigkeit verbinden. Wir haben uns wie alle anderen Lebewesen (gemeinsame Abstammung) durch den Mechanismus der natürlichen Auslese (Selektion) allmählich zu dem entwickelt (Evolution), was wir sind.
(35) Über die Artenfrage besteht unter Fachleuten bis heute so große Uneinigkeit, dass manche sogar vorschlagen, den Artbegriff ganz zu streichen. Die tauglichste Definition fasst diejenigen Lebewesen in einer Spezies zusammen, die miteinander zeugungsfähige Nachkommen haben können und damit eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden.
(38) (Der Geologe) Charles Lyell steht … aufseiten der „Gradualisten“. Nach denen bräuchte es, um das aktuelle Bild der Erde zu verstehen, weder göttlichen Einfluss noch zielgerichtet formende Mächte in der Vergangenheit, sondern allein dieselben Gestaltungskräfte der Natur mit Vulkanismus, Vergletscherungen, Erdbeben und Erosion, wie sie auch heute noch zu beobachten sind.
(58) Nach den Prinzipien rein biologischer Evolution, wie Darwin sie verfasst, lägen das Erobern fremder Länder oder sogar das Ausrotten einheimischer Bevölkerungen im Rahmen der natürlichen Regeln. Doch beim Menschen macht Darwin von Anfang an eine Ausnahme. Damit akzeptiert er – indirekt – das Konzept der kulturellen Evolution. „Wenn das Elend unserer Armen nicht durch die Gesetze der Natur, sondern durch unsere Gewohnheiten verursacht wird, ist unsere Sünde groß.“ Beim Kulturwesen Mensch hat das Recht des Stärkeren seine Grenzen.
(66) Jedes sexuell entstandene Lebewesen, mit Ausnahme eineiiger Zwillinge, unterscheidet sich genetisch von allen anderen, die jemals gelebt haben oder noch leben werden.
(73) Not macht kreativ, Übersättigung träge. …
Unzählige Experimente haben gezeigt, dass Mangel die Evolution vorantreiben kann, sie zu Lösungen zwingt, die sich im Überfluss nie durchsetzen würden. Organismen erschließen sich neue Nahrungsquellen und Nischen …, oder sie sterben aus. Je größer die Variabilität, also das Angebot an Ideen oder Mutationen, desto größer die Wahrscheinlichkeit zu überleben. Hier liegt ein weiterer Vorteil der sexuellen Fortpflanzung: Da Erbanlagen von beiden Eltern zusammenkommen, hat jeder Nachkomme einen doppelten Satz davon. Damit kann eine Art besser auf alle möglichen Eventualitäten reagieren und neue, nicht nur räumliche Nischen besetzen – und sie hat Reserven, wenn Gene nicht richtig „funktionieren“.
(77) Einer wie er (Darwin) würde gewiss weiterhin die großen Geheimnisse der Biologie verfolgen: Wie übersetzt sich genetische Information in ein vollständiges Lebewesen, in dem zigmilliarden Zellen perfekt zusammenarbeiten? Wie funktioniert der Überlebenstrieb, der so alt ist wie das Leben selbst? In allen brennt dieselbe Flamme. Und jeder versucht, sie so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Das teilen wir mit allen Wesen, von den ersten Organismen an. Leben will leben. Aber was treibt es an? Was uns? Ein Plan? Ein Ziel? …
die romantische Idee einer geheimnisvollen Lebenskraft, einer „vis vitalis“, hat rationale Wissenschaft verworfen. Man kann Leben auch ohne sie verstehen. Alles geht mit rechten Dingen zu, im Rahmen der bekannten Physik und Chemie. Aber was ist es dann? Eine gigantische Maschine, die Algorithmen abarbeitet? Und wenn wir sie je ermitteln könnten, wüssten wir dann, warum wir sind? Was ist es, das uns jeden Morgen aufstehen lässt, essen, trinken, unser Pensum erledigen? Was bringt uns dazu, uns zu vermehren? Wozu Nachkommen, wenn sie doch wieder nur das Gleiche tun und Nachkommen hervorbringen?
Ernst Bloch spricht vom „Prinzip Hoffnung“. Aber haben Hamster Hoffnung? Oder Seegurken, Fadenwürmer, Bazillen? Was lässt den Frosch im Glas bis zum Letzten kämpfen? Oder die Fliege am Honigstreifen? Jeder kennt es, jeder fühlt es, aber keiner kann es erklären.
Das tiefe Rätsel hinter der Evolution, neben der Entstehung der Welt vermutlich das größte überhaupt. …
Wenn Hoffnung uns antreibt, worauf richtet sie sich? Haben wir ein höheres Ziel, etwas, das unsere Kultur über die reine Biologie erhebt? Wie funktioniert kulturelle Evolution jenseits der biologischen? … Was ist der Mensch?
(97) Heute gehört die populäre Vorstellung einer Ursuppe längst in die Asservatenkammer der Wissenschaftsgeschichte. Forscher gehen inzwischen davon aus, dass sich im offenen Meer (oder Teich) keine stabilen Strukturen halten können, weil der Zerfall dem Entstehen immer den Rang ablaufen und jeden bescheidenen Anfang sofort wieder zunichtemachen würde.
(99) So lässt sich die Entstehung des Lebens (gemeint ist wohl: die Entstehung neuer Arten JK) zwar besser verstehen, wie Schwerkraft und Trägheit mit Newtons Gesetzen, aber nicht wirklich erklären. Seine scheinbare Zielgerichtetheit – Philosophen sprechen von Intentionalität – und sein Streben nach höherer Komplexität bleiben weiterhin sein großes Geheimnis. Der französische Philosoph Henri Bergson hat für den unheimlichen Lebenswillen das Wort vom „élan vital“ geprägt – das philosophische Gegenstück zur naturalistischen „vis vitalis“, die das Leben am Leben erhält, aber nicht vorantreibt. Bergsons Lebensdrang, diese Gier nach Existenz und Fortschritt, die das Leben vom ersten Moment an besessen haben muss, geht aber erst aus der Gemeinschaft der Teile (her-)vor. Jedes einzelne hat sie nicht.
(130) (Darwin): „Im Sterben einer Art liegt nicht mehr Erstaunliches als in dem eines Individuums.“ Damit begreift er Spezies als existierende Einheiten, die wie einzelne Lebewesen geboren werden und sterben. Anfangs glaubte er sogar, sie hätten nur eine bestimmte Lebensspanne wie Individuen, später erkennt er als Hauptfaktor des Aussterbens die Verdrängung einer Spezies durch eine andere. Heute sehen fast alle Fachleute dies zahlenmäßig nur als untergeordnete Ursache, verglichen mit Umweltveränderungen, vor allem von Menschen verursachten, denen sich Arten nicht anpassen können.
(132) Welchen Sinn hat der Tod? Als unverzichtbarer, natürlicher Bestandteil jenes Prozesses, der das Leben durch Evolution überleben lässt, garantiert der Tod seiner Teile dem Ganzen Unsterblichkeit.
(145) (Ende des 18. Jahrhunderts Entdeckung der Pockenimpfung)
Mit dem neuartigen Konzept rettet der englische Landarzt Edward Jenner als erster Held der modernen Medizin unzählige Leben …
Damit nehmen die Menschen erstmals durch wissenschaftlich-kulturelle Errungenschaften direkten Einfluss auf ihr biologisches Schicksal. Der evolutionäre Weg, über Dutzende von Generationen durch natürliche Auslese allmählich eine Immunität in der Population zu etablieren, wird durch medizinische Manipulation überholt. Was mit Jenners Kuhpocken beginnt, setzt sich fort in weiteren Impfungen, verbesserter Hygiene, Antibiotika, Intensivmedizin, Geburtenkontrolle und Pränataldiagnostik. Als erste Spezies beginnt HOMO SAPIENS, sich aus den Klauen der biologischen Evolution zu befreien.
(156) … dass nur schätzungsweise ein Zehntel Prozent unserer Gene für das erkennbare Äußere zuständig sind, der Rest für die „inneren Werte“.
(181) Wir Menschen haben es auf bemerkenswerte Weise geschafft, im Survival of the fittest besonders ein Prinzip zum Garanten unseres „Erfolgs“ zu machen: Kooperation und Arbeitsteilung. Manche betrachten es sogar als wichtigsten Motor der Evolution …
Wir sind längst viel mehr Gemeinschaftswesen in unzähligen sich überlappenden Netzwerken und gegenseitigen Abhängigkeiten, als manch einer glauben mag. Wer seine Welt einmal aus dieser Perspektive betrachtet, wird wenig entdecken, was Menschen frei von allen anderen täten. Gemeinschaften erzeugen vermutlich mehr Zwänge als Gene.
(183) (Erfahrungen und Einsichten auf einem Schiff) Da haben viele „Tüchtige“ Platz neben dem Alpha (dem Kapitän JK). Die einen können gut zwischen Interessen vermitteln, andere kreativ mit neuen Problemen umgehen, wieder andere sich meisterhaft unterordnen oder auch einfach verdrücken. Feigheit als Vorteil? Die Biologie hält alles bereit. Sogar Täuschung und Lüge haben sich bewährt. …
Würde man einen Kaspar Hauser schaffen, einen Menschen, der allein auf seine genetische Mitgift gestellt wäre und keine einzige kulturelle Errungenschaft vermittelt bekäme, keine Sprache, keine Fingerfertigkeiten, kein soziales Verständnis, dann würde sich erschreckend deutlich zeigen, wo wir rein biologisch stehen.
(185) „Ratschen-Effekt“ … Jeder neue Entwicklungsschritt baut danach auf dem Vorhandenen auf, wobei wie bei einer Ratsche das Zurückrutschen in frühere Zustände verhindert wird. Diese stabilisierende Komponente …. wesentlicher als die kreative: Nicht das Erfinden neuer Qualitäten und Kapazitäten stelle die eigentliche Leistung dar, sondern das Bewahren und Anhäufen des jeweils Erreichten
(188) Symbiosen … Von unseren hundert Billionen Zellen sind überhaupt nur zehn Prozent menschlich. Der Rest gehört Bakterien, Pilzen und anderen Mikroben. Ohne Mitwirkung der dienstbaren Bewohner in unserem Inneren, der Darmbakterien, die zusammen ein halbes Kilo auf die Waage bringen, könnten wir gar nicht existieren.
(210) (Brief von Charles Darwin an seine spätere Frau Emma – 20.1.1839)
Während der fünf Jahre meiner Reise, … die der Beginn meines wirklichen Lebens genannt werden können, stammte meine gesamte Freude aus dem, was mir durch den Kopf gegangen ist …
Verzeih das Maß an Egoismus.
Ich lege es in Deine Hand, da ich glaube, dass Du mich menschlicher machen und bald lehren wirst, dass es größeres Glück gibt als Theorien zu errichten und in Stille und Einmaligkeit Fakten anzuhäufen.
Du meine liebste Emma, ich bete ernsthaft, dass Du niemals die große, und ich will hinzufügen, sehr gute, Tat bereust, die Du am Dienstag begehen wirst: mein eigenes zukünftiges Weib, Gott segne Dich. …“
(214) (Der Autor hilft an einer Fähranlegestelle mit)
Da spricht mich die Ladenbesitzerin an: „Was machst du da? Reiche Menschen arbeiten nicht.“ – „Ich helfe gern.“ – „Willst wohl in den Himmel kommen?“ – „Deshalb habe ich es nicht getan.“ – „Aber der Himmel gehört euch nicht. Er gehört uns Armen.“ – „Das habe ich noch nie gehört.“ – „Für uns enthält er eine ganze Welt, unsere Träume, Wünsche. Hoffnungen.“ – „Aber für mich doch auch.“ – „Nein, für die Reichen ist der Himmel leer. Die haben alles hier auf Erden.“
(224) Deshalb haftet dem Darwinismus, entstanden am Vorbild des kapitalistischen Wettbewerbssystems im 19. Jahrhundert, noch immer der Geruch an, auf sozialer Ebene den Status quo zu zementieren. Wörtlich gelesen, vertritt er das genaue Gegenteil – zumindest in der freien Natur: Dort herrscht Chancengleichheit bei gleichen angeborenen Fähigkeiten.
Die Natur kennt keine Klassen, Clans oder Kasten, die ihre Privilegien über Generationsgrenzen weiterreichen. … Um die Klasse zu erhalten, muss man sie rein halten von denen, die man biologisch für unterlegen hält. Solcherart Klassendenken hat – bis heute – zumindest unbewusst immer auch eine rassistische Komponente. Man heiratet nur untereinander … nich aber mit niederen Mischlingen …
(232) (Zufallselemente in der Evolution und Artbildung)
(Mutationen in Genen)
Da Elternteile unterschiedliche Gene einbringen …
Heute wissen wir, dass zur Entstehung der Arten noch ganz andere Vorgänge unabdingbar sind, von der „Gendrift“ über die Durchmischung des Erbguts durch „Crossing over“, die Verdopplung von Genen und von Abschnitten des Genoms oder kompletter Chromosomen bis zu „springenden Genen“, der Aufnahme „fremder“ Erbsubstanz, etwa aus Viren, oder der Symbiose unterschiedlicher Organismen. All diese Prozesse enthalten weitere Elemente des Zufalls (von den zufälligen Unwägbarkeiten der Umwelt, etwa durch Naturkatastrophen, ganz zu schweigen).
Doch Darwins Zufall allein reicht schon aus, um ihn in das gefährlichste Fahrwasser seines Lebens zu bringen: Er widerspricht der Idee einer geplanten Entwicklung und damit der Schöpfung. Selbst wenn Gott den Zufall als Prinzip vorgesehen hätte, könnte er keinen Einfluss auf das Ergebnis nehmen, da es dann kein Zufall mehr wäre. Wenn Darwin recht behält, kann er praktisch beweisen, dass die Evolution von niedersten Tieren bis zum HOMO SAPIENS „blind“ abgelaufen ist. Eine ordnende oder steuernde Hand ist nicht mehr vonnöten. ...
Die Anpassungsfähigkeit der Arten rührt gerade daher, dass die Evolution kein Ziel verfolgt und die Zukunft nicht kennt. Das erst erlaubt ihr (und zwingt sie), sich auf jede mögliche Situation einzustellen. … Jeder planende Eingriff (etwa auch der des Menschen durch Gentechnologie) beruht auf Annahmen über das gewünschte Resultat. Da Zufall Zukunft jedoch prinzipiell unvorhersagbar macht, wird das System durch jedes Eingreifen weniger flexibel, mit der Gefahr unkorrigierbarer Irrwege.
Nur der (innere) Zufall ist gut genug, auf den (äußeren) Zufall zu reagieren, wie ihn die sich verändernde Umwelt ständig mit sich bringt. Oder anders gesagt: Nur der Zufall kann den Zufall in Schach halten – eine geniale Erfindung der Natur.
(290) Indem Darwin den Menschen als Krone der Schöpfung entzaubert, fügt er seiner Art eine zweite Kränkung durch die Wissenschaft zu. Das verleiht ihm das Format eines Kopernikus. Dieser erste Kränker hat den Menschen auf seiner Erde zum Nichts im All erklärt. Darwin macht ihn zum bewussten Tier, das die Einsamkeit des Ichs zu spüren bekommt und sich mit Leib und Seele ans irdische Dasein klammert. Nur der Glaube kann ihm helfen, der Schöpfer nicht. Dessen Allmacht hat sich mit der Festlegung der Naturgesetze im ersten Hauch „erschöpft“. …
Das letzte Wort im englischen Original (des Buches „On the origin of species) heißt EVOLVED. Darwin spricht zum ersten Mal von Evolution.

(301) Die Aussage, dass es uns eigentlich nicht geben dürfte, verliert jeden Sinn angesichts dessen, dass es uns gibt. Meine Welt mit mir als Mittelpunkt ist eine gleichwertige Möglichkeit unter unendlich vielen. … Sind wir in irgendeiner Form vorgesehen? … Wenn wir Wunder wie die Schöpfung ausschließen und alles von Anfang an nach Naturgesetzen abgelaufen ist, dann war Charles Darwin, geboren am 12. Februar 1809 im englischen Shrewsbury, im Augenblick des Urknalls als Möglichkeit bereits vorhanden wie jeder andere vor und nach ihm. Im Wesen der Naturgesetze, die so etwas wie Mozart und Manhattan nicht nur zulassen, sondern wenigstens an einem Ort im Kosmos auch verwirklicht haben, liegt das wahre „Geheimnis aller Geheimnisse“.
(307) (Conway Morris) Wenn es ein Wunder gibt, dann nur das eine am Anfang: die Entstehung des Alls und seiner Ordnung.
(317) ein Bericht, den Darwin und FitzRoy (Kapitän des Schiffes Beagle) gemeinsam ein paar Monate später in einer christlichen Zeitschrift in Südafrika veröffentlichen werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Darwin die erste Publikation seines Lebens zur Verteidigung der christlichen Missionsarbeit verfasst, und dann auch noch gemeinsam mit dem Kapitän, der ihn schon bald als ketzerischen Widersacher des Schöpfungsglaubens angreifen wird.
(318) Wenn Darwin recht hat, gibt es kein Leben im Jenseits, keine Seele, keine Hoffnung – außer der, die wir uns selber schaffen …
Alles, was für die anderen Lebewesen gilt, das gilt auch für uns.
(322) Schon 1865 wird Evolution in Cambridge Prüfungsgegenstand.
(323) Die natürliche Auslese jedoch, der Kern von Darwins Theorie, bleibt selbst unter wohlmeinenden Fachleuten umstritten. In ihrer kalten Blindheit läuft sie dem Glauben an einen allmächtigen Gott zuwider, wie metaphorisch die Heilige Schrift auch immer gelesen werden mag.
(325) Wer die biblische Sechstagewoche ernst nimmt, wer noch heute mit sechstausend Jahren Erdalter argumentiert oder die Entstehung der Frau aus einer Rippe des Mannes für bare Münze hält, der lehnt im Grunde nicht nur Darwin ab, sondern die gesamte wissenschaftliche Methode als Basis moderner Zivilisation.
(326) Kein Wissenschaftler behauptet, dass die Evolutionstheorie alle Fragen beantworten kann. Doch seit Darwin sein Werk vorgelegt hat, sind Lücken nur geschlossen worden, keine neue hat sich aufgetan. So bruchstückhaft das Verständnis des Genoms zum Beispiel noch ist, jede neue Erkenntnis macht die Darwin´sche Evolutionstheorie plausibler, nicht umgekehrt. Jeder Wissenschaftler würde auch unterschreiben, dass Darwins Theorie „nur“ eine Theorie ist, die sich widerlegen – falsifizieren – oder durch eine bessere ersetzen ließe. Aber bis heute ist weder der Ansatz einer alternativen Theorie noch die geringste Spur eines Gegenbeweises aufgetaucht, auch wenn die Neokreationisten genau das unterstellen.
(329) Wer aber den Schöpfer einerseits als superintelligenten Planer versteht, der sein Werk mit Erschaffung der Naturgesetze abgeschlossen hat, kann ihn eigentlich nicht andrerseits bitten, seine Pläne später wieder zu korrigieren. Schon Leibniz empfand es „als eben für ihn beleidigend“, dass wir Gott durch sein gelegentliches Eingreifen für unser Schicksal verantwortlich machen. Man unterstellte dem Fehlerlosen Fehler und lässt den Gesetzgeber seine Gesetze übertreten. Doch der Gott des großen Wurfs, der die Welt erfunden und vielleicht auch intelligent geplant hat, erhört keine Gebete. Er hat sein Werk getan.
(330) Niemand weiß, wie die Welt entstanden ist. Somit darf jeder glauben, was er will, auch dass sie von (einem) Gott erschaffen worden ist. Die allermeisten gläubigen Naturwissenschaftler (und von denen gibt es viele) halten es wie andere aufgeklärte Christen: Unter der erdrückenden Beweislast wissenschaftlicher Erkenntnis wird das Terrain bis zum Anfang des Universums geräumt. Gott hat das All erschaffen und damit auch die Evolution und das Leben „erfunden“. Woher Gott kommt, wenn nicht „aus sich selbst“, lässt sich nicht beantworten. Das entspricht ziemlich genau Darwins Position, als er „Die Entstehung der Arten“ veröffentlicht. Er vergleicht die mechanischen Gesetze, wie Newton sie formuliert hat, mit jenen, die er (D.) für die Entwicklung des Lebens beschreibt. Gott regiert Darwin zufolge per Naturgesetz, und zwar von Anfang an. Man kann also an (einen) Gott glauben und an die Evolution. „Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum die in diesem Werke entwickelten Ansichten irgendwie religiöse Gefühle verletzen sollten“.
(338f.) Darwins blinder Fleck lässt ihn die Besonderheiten menschlicher Entwicklung über die biologische Evolution hinaus nicht erkennen. … versagt seine Optik bei den ungleich schnelleren Abläufen der menschlichen Evolution jenseits der Biologie. Er glaubt, in heutigen Worten, dass kulturelle Unterschiede genetisch fixiert seien. „Ich bin geneigt, mit Francis Galton darin übereinzustimmen, dass Erziehung und Umgebung nur eine geringe Wirkung auf den Geist eines jeden ausüben und dass die meisten unserer Eigenschaften angeboren sind.“ Ein Gedankenexperiment hätte ihm das Gegenteil klarmachen können: Könnte man die biologische Evolution komplett stoppen, würde die kulturelle weitergehen. …
Kulturelle Evolution läuft nicht darwinistisch ab, sondern lamarkistisch – erworbene Eigenschaften wie Sprache oder Mythologie werden kulturell tradiert, nicht über Gene. Information fließt schneller als Blut. …
die meisten Fähigkeiten, vom Sammeln und Jagen bis zum Lesen und Schreiben, haben wir, auch wenn sie „in Fleisch und Blut übergegangen“ sind, erlernt und geben sie auf gleichem Wege weiter.“
(340) Der Journalist und Philosoph Herbert Spencer findet in der „Entstehung der Arten“ von 1859 das gesuchte Stück Biologie für seine Weltanschauung vom „Überleben des Tüchtigsten“. Darwin wehrt sich nicht, im Gegenteil: Er übernimmt die griffige Formel in sein Werk. Denn er glaubt an das, was Spencer sagt. Der will Evolution total, vom All bis in die Seele, und vor allem in der Gesellschaft. Krankes, Schwaches und Entartetes merzt sich im Daseinskampf selber aus, das Bessere ist der Feind des Guten.
Spencer schafft mit Darwins Billigung die Voraussetzung für die um sich greifende Biologisierung aller Lebensbereiche. …
Gerade in dem Augenblick, in dem wir uns dank Kultur immer weiter aus der Biologie verabschieden, dehnt sich ihr ideologischer Machtbereich aus. Evolution ist alles, alles ist Evolution.
(344) Durch Analyse und Vergleich des Erbguts unterschiedlicher Organismen kann der Weg der Evolution bis an die Anfänge zurückverfolgt werden. Im Großen und Ganzen bilden die genetischen Verwandtschaften Darwins Lebensbaum ab. Evolution lässt sich beobachten, demonstrieren und in gewisser Weise sogar beweisen. Sie ist im Wesentlichen, wenn  auch mit gewichtigen Ausnahmen, genauso abgelaufen, wie Darwin es vorgeschlagen hat.
(345) So schön das Bild von der Doppelhelix als unendlich verschlungenem Schlangenpaar ist, so fatal sind die Missverständnisse aus der Buchmetapher. Die „Schrift“ aus den vier „Buchstaben“ A, T, C und G ist in Wahrheit nur eine Vorstufe, die erst nach der Decodierung gelesen werden kann – wie die digitale Spur auf einer Compact Disc. Erst das Programm des Dechiffriergeräts oder des biochemischen Apparats der Zelle erweckt den Inhalt zum Leben. Die Daten sind verschlüsselt wie in einer Morseschrift. Die eigentlichen „Wörter“ finden sich erst auf der Ebene der Eiweiße, die ihre komplexen Funktionen dem Aufbau aus wenig mehr als zwanzig unterschiedlichen Aminosäuren verdanken. Die Schrift hat also nicht vier, sondern über zwanzig Buchstaben.
(349) ein grundlegendes Prinzip Darwin´scher Evolution: Sie hat kein Ziel. Kultur kann sich jedoch
Ziele setzen und erreichen.
(349ff) lamarckistische Evolution (Vererbung erworbener Eigenschaften) … Das kann sich bis hinunter auf die Ebene der Gene auswirken … Der gesamte Stoffwechsel – und damit der biologische Kern unseres Seins – hängt davon ab, ob sie (die Gene) „ein-„ oder „ausgeschaltet“ sind. …
epigenetische Muster können sich offenbar auf Kinder und über mehrere Generationen auf deren Nachkommen übertragen 
dass ein Organismus ohne jede genetische Veränderung oder Mutation sein Genom auf eine Umwelt einstellen kann – was die Macht der Gene weiter beschneidet. … besagt auch, dass der Lebensstil der Eltern weitaus mehr Einfluss auf das Gedeihen ihrer Nachwuchses hat als bis vor Kurzem angenommen
(379) Seit über zehntausend Jahren züchten Menschen Tiere. Nichts hat unsere Vorfahren dazu bewegt, ihr Wissen auch auf die eigene Spezies anzuwenden. Systematische Menschenzucht in nennenswertem Umfang kennt die Geschichte nicht. Biologisch sind wir ein kulturell geformter Wildtyp.
(392) Mikroorganismen üben einen so starken Selektionsdruck aus (als Krankheitserreger, als Symbiosepartner JK), dass sie entscheidend zur Evolution der Arten beitragen
(394) Vermutlich hat sich während der Evolution auch das gesamte Genom mehrfach verdoppelt, mindestens dreimal seit Beginn der Wirbeltiere. Dadurch lassen sich Sprünge im evolutionären Fortschritt noch besser verstehen …
Dank eines von Zellen eingesetzten Verfahrens, „Splicing“ genannt, kann ihre Maschinerie denselben Abschnitt (der Erbsubstanz JK) auf sehr viele unterschiedliche Weisen „lesen“. Bei der Fruchtfliege sind mehrere Tausend unterschiedliche Eiweiße entdeckt worden, die alle von einem Gen abstammen. Beim Menschen werden bis zu sechzig Prozent aller Gene diesem Typus zugeordnet. …
Das Konzept „Gen“ verliert mehr und mehr seine Bedeutung. Nach Ansicht der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Evelyn Fox Keller spielen Gene heute in der Biologie eine ähnliche Rolle wie das ptolemäische Weltbild in der Astronomie vor Kopernikus
(396) „Mastergene“, die das gesamte Geschehen auf einer nächsten (übergeordneten) Ebene kontrollieren. Sie hören auf Namen wie „hox“ oder „pax“, aktivieren als „Kerne“ ganze Regelkreise, haben sich in Hunderten Millionen Jahren während der Evolution fast unverändert erhalten und werden mitunter auch als Teil eines gemeinsamen „genetischen Werkzeugkastens“ des Tierreichs betrachtet. Acht von ihnen finden sich in nahezu allen untersuchten Mehrzellern.
Ob die Flügel einer Fliege oder die Arme eines Menschen, ihr
Aufbau wird eingeleitet durch die Aktivierung eines solchen Mastergens. Um neue komplexe Formen hervorzubringen, braucht es statt Mutationen oft nur die Modifizierung vorhandener Gene und Entwicklungspläne … so lassen sich einmal mehr auch jene Sprünge in der Evolution erklären, mit denen Kreationisten ihre Kritik an Darwin untermauern. Fische etwa besitzen bereits die genetischen Anlagen für Gliedmaßen, die beim Übergang auf das Land „nur“ aktiviert werden müssen.
(464) Das kulturell erzeugte Problem der Überbevölkerung lässt sich nur kulturell lösen.
(465) Darwins große Leistung war es, uns unsere (biologische) Herkunft zu erklären. Für unsere (kulturelle) „Zukunft von riesiger Dauer“, die er seiner Spezies vorhersagt, hat sein Gedankenmodell wenig oder keine Bedeutung. Wo er noch durch „natürliche Zuchtwahl … alle körperlichen und geistigen Gaben immer mehr nach Vervollkommnung streben“ sieht, also die Macht der Gene im Kampf ums Dasein favorisiert, ist längst die Umwelt der wichtigste Faktor zur Verbesserung der Conditio humana geworden. Je weiter wir unserer Biologie durch Kultur entrinnen, desto besser sind die Aussichten für die Menschheit.
(Jürgen Neffe: Darwin – das Abenteuer des Lebens, Goldmann München 2010)

·         Tiefseevulkan; 5000 m tief;
das über 400 Grad Celsius heiße, mineralienreiche Wasser, das aus den Tiefseevulkanen sprudelt, ernährt eine Fülle einzigartiger Meeresorganismen
(Spiegel 14-2010 S.106)

·         Der sanfte Mensch von Aramis;
Skelettteile der Hominidendame „Ardi“ in Äthiopien geborgen;
die wohl bedeutendste paläoanthropologische Entdeckung seit gut drei Jahrzehnten (Zeitschrift Science widmet der Entdeckung ein Sonderheft);
4,4 Mill Jahre alt; (Skelett von „Lucy“, 3,2 Mill Jahre alt, war 1974 nur wenige Kilometer entfernt gefunden worden);
Erkenntnisse:
aufrechter Gang bereits vorhanden, als der Vormensch noch im Wald lebte;
friedfertiges Wesen (keine Eckzähne, die sich als Waffen eignen; Wandel: weg vom Kampf, hin zu sozialen Formen der Kooperation
(Spiegel 41-2010 S.166ff)

·         Christoph Markschies, Prof. für Kirchengeschichte und Präsident der Humboldt-Universität Berlin):
Evolutionstheorie:
Es handelt sich um eine faszinierende Theorie zur Beschreibung der Evolution von Organismen. Verwendet man sie in anderen Bereichen als in der Biologie, beispielsweise in der Geschichtswissenschaft, droht Äquivokation (Mehrdeutigkeit – dann meint „Evolution“ einfach „Entwicklung“ und „Entwicklung“ gibt es natürlich immer irgendwo) und unpräzise Begriffsverwendung.;
Physiker, die die ersten Momente dieser Welt modellieren, wie Evolutionsbiologen und übrigens auch Historiker, rekonstruieren mit Hilfe von Theorien Kausalketten, die angeben, warum etwas, was ich vorfinde, so ist, wie ich es vorfinde. Der Glaube an Gott, den Schöpfer, rekonstruiert nicht irgendein Element dieser Kausalkette (und zwar das erste), sondern den, der die Fülle dieser Kausalketten ins Dasein rief und im Dasein hält. Das ist eine Theorie auf einer ganz anderen Ebene als die Evolutionstheorie, eine Theorie über den Grund der Möglichkeit von etwas und nicht über irgendeinen Grund. Weil ich davon überzeugt bin, dass Gott der Grund der Möglichkeit von überhaupt allem ist …
(Der Sonntag, Sachsen, 22.2.2010 S.3)

·         Meeresschnecke Elysia chlorotica produziert Blattgrün und betreibt Photosynthese;
nimmt Chloroplasten aus Algen auf; die Schnecke baut bestimmte Gene der Algen in ihr eigenes Erbgut ein und ermöglicht so das Überleben der Chloroplasten im Organismus der Schnecke; übernimmt sogar so viele Gene von den Algen, dass sie gleich ihr eigenes Chlorophyll produzieren kann
(National Geografic, 7-2010 S.24)

·         Wie entsteht Leben?
Genau zu diesem Thema hatten wir gerade erst eine internationale Tagung mit Biologen und Geologen. Wenn es da eine Antwort gegeben hätte, würde ich sie ihnen geben.
Irgendwo muss ja im Verlauf der chemischen Evolution über die Biochemie zur Biologie der Funke des Lebens gezündet haben.
Sicher, aber da gibt es bisher keine Antwort.
Wurde auch über irgendwelche „höheren Mächte“ geredet?
Wir sind Naturwissenschaftler, das ist ein anderes Thema.
(Interview mit Heike Rauer, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institut für Planetenforschung Berlin-Adlershof; in: National Geographic, Heft 1/2010, S.53ff.)

·         (Seite 3)
(Erste Sätze im Heft:)
Vieles von dem, was Sie auf den nächsten 150 Seiten lesen, basiert auf Spekulationen – wenn auch auf höchst begründeten.
Wenn wir schreiben, dass sich das Leben vor mehr als 3,5 Milliarden Jahren entwickelt hat, dann bedeutet das: Die Forscher haben in 3,5 Milliarden Jahre altem Gestein Spuren früher Bakterien gefunden. Was den Schluss zulässt: Die erste Zelle muss irgendwann in der Zeit davor entstanden sein. Doch wann genau, das lässt sich nach derzeitigem Forschungsstand nicht präziser beantworten.
(34) Niemand weiß – und vielleicht wird niemand jemals wissen -, ob die Erde eine Entsprechung hat in der Weite des Alls oder ob sie einzigartig ist in einem ansonsten leblosen Kosmos.;
Die meisten Forscher vermuten, dass die ersten Kreaturen in winzigen Bläschen im Gestein unterseeischer Schlote reiften.
(34) Das Wunder in der Finsternis
Auf der jungen Erde bahnt sich vor vier Milliarden Jahren ein Prozess an, der den Planeten wie kein anderer verändern wird: Aus unbelebter Materie entsteht Leben. Chemie verwandelt sich in Biologie. An Quellen auf dem Grund des Ozeans vereinigen sich einfache Substanzen zu immer komplexeren Stoffen.* …
* So zumindest lautet die unter Forschern am weitesten verbreitete Theorie.
(42) Das größte Wunder des Lebens ist: seine Entstehung.
(46) Die Suche nach dem Ursprung – wo entstand einst das Leben? Forscher halten neben der Tiefsee noch weitere Orte für denkbar
1. Die Tiefsee
2. Das All
3. Der Ozean (Ursuppe, Miller-Experiment)
4. Das Meer-Eis
5. Tonminerale
(GEO kompakt Nr. 23 (2010): Evolution)

·         in Israel möglicherweise die bisher ältesten Hinweise auf die Existenz des homo sapiens weltweit gefunden; 400.000 Jahre alt
(Freie Presse Chemnitz 28.12.2010 S.8)

·         britische University of Cambridge:
Ribozyme gelten als ein Kandidat von Molekülen, aus denen sich Ur-Einzeller entwickelten;
Wissenschaftler froren das ursprünglichste bekannte Ribozym, die R-18-RNA-Polymerase, ein; durch die kalten Temperaturen wurde die Fähigkeit des Ribozyms zur Vervielfältigung erheblich begünstigt, bei minus 7 Grad nahm die Aktivität ztu und blieb dann wochenlang bestehen, erst bei minus 25 Grad hörte sie auf, bei Zimmertemperatur stoppte die Aktivität meist schon nach zwei Tagen;
Hinweis auf die Möglichkeit der Entwicklung von Leben in winzigen Hohlräumen in Eis oder Felsen
(bild der wissenschaft 12-2010 S.13)

·         Jedes Tier ist auf seine Art in seiner Umwelt auf seine Weise schlau – optimal angepasst oder „ökologisch intelligent“, wie es wissenschaftlich korrekt heißt
(bild der wissenschaft 12-2010 S.32)

·         (Darwins prickelnde Botschaft)
Festzuhalten ist, dass es im Reich des Lebendigen nicht darum geht, den von Darwin so genannten „Krieg der Natur“ bestmöglich zu führen, sondern ihm dank bestmöglicher Anpassung auszuweichen. … dass Tiere wie Pflanzen den Zwang inner- und außerartlicher Konkurrenz zu mindern suchen. Nämlich, indem sie ihm durch Nischentrennung ausweichen.
(Dresdner Neueste Nachrichten 28.9.2010 S.5)

·         Lasst sie Menschen sein!
die Linien der Vorfahren heutiger Schimpansen und Menschen kreuzten sich noch über Millionen Jahre hinweg ziemlich regelmäßig. Vielleicht waren die Gruppen auch nie komplett getrennt. Einiges spricht dafür, dass sie sich bis heute miteinander fortpflanzen könnten;
der genetische Unterschied ist also je nach Zählweise größer oder kleiner. Die publizierten Werte schwanken entsprechend um den Faktor 10, nämlich zwischen 6,4 und 0,6 Prozent. Am häufigsten wird ein Wert um 1,5% genannt, in dem sich Schimpansen und Menschen unterscheiden – während übrigens durchschnittlich 2 bis 4 % zwischen einem Menschenmann und einer Menschenfrau liegen!;
Was hat das alles mit der Frage zu tun, ob Schimpansen und Bonobos in HOMO umbenannt werden sollten? Ganz einfach: Auch der letzte gemeinsame Vorfahr von Zebras und Pferden lebte vor 4 bis 6 Millionen Jahren, das Erbgut dieser Huftiere differiert um etwa 1,5% - und sie gehören zu derselben Gattung: „Equus“. Ähnlich verhält es sich mit Tigern und Löwen, die zur Gattung „Panthera“ zählen.;
kaum war ein Merkmal definiert, das die „Sonderstellung“ des Menschen begründen sollte, so fand sich bereits ein Affe, der sich nicht darum scherte – ob es sich um Werkzeugherstellung handelte, Zukunftsplanung, Zahlenverständnis, das Sich-Erkennen im Spiegel, Selbstmedikation, sprachliches Kommunizieren, politisches Agieren oder Empathie.
Somit liegt der Fall ganz klar: Schimpansen sollten in HOMO TROGLODYTES umbenannt werden und Bonobos in HOMO PANISCUS. Diese Klassifikation ist wissenschaftlich die einzig haltbare.
(bild der wissenschaft 10-2011 S.20ff.)

·         2 Milliarden Jahre altes Wasser in einer südafrikanischen Goldmine gefunden; 3000 Meter Tiefe; Altersbestimmung über Gehalt des Edelgases Neon; Flüssigkeit enthielt Mikroorganismen, die ohne Licht und organische Nährstoffe auskommen
(bild der wissenschaft 5-2011 S.12)

·         die von Hitler und Himmler wie ein Religionsersatz geförderte „Welteislehre“ …
Diese Ende des 19. Jahrhunderts von dem Wiener Ingenieur Hanns Hörbiger entwickelte pseudowissenschaftliche Theorie besagt,dass außer der Erde alle Planeten von einer kilometerdicken Eisschicht umgeben sind. Daraus leitete Himmler Erklärungen für seine mystische Ideologie ab. Er galubte, für die Germanen gebe es eine Ausnahme von Darwins Lehre: Sie stammten angeblich von Supermenschen ab und nicht wie die anderen Rassen von Affen. Diese Supermenschen seien in einem kosmischen Kampf zwischen Feuer und Eis in ferner Vergangenheit entstanden  und „als lebendiger Keim im ewigen Eis des Weltenraums konserviert“, wie Brigitte Nagel in ihrem Buch über die Rolle der Welteislehre im Dritten Reich schreibt. Eines Tages sollen sie dann – wie im nordischen Sagenmythos Edda – vom Himmel auf die Erde niedergestiegen sein. Himmler hielt es auch für möglich, dass es sich bei den von ihm in Tibet vermuteten „Ur-Ariern“ um Nachfahren einer prä-antiken Zivilisation handle, des sagenhaften versunkenen Atlantis.;
Hitler plante in Linz Denkmäler für die drfei seiner Meinung nach größten Naturwissenschaftler der Menschheitsgeschichte: Ptolemäus, Kopernikus – und Hörbiger.
(PM Magazin 08-2011 S.80)

·         (S.28) Biologen unterscheiden häufig zwischen der Tatsache der Evolution (alle Lebewesen sind verwandt) und der Theorie über ihren Motor (damit meint man in der Regel die natürliche Selektion im Gegensatz zu Konkurrenztheorien wie Lamarcks Theorie des „Gebrauchs und Nichtgebrauchs“ oder der „Vererbung erworbener Merkmale“). Darwin selbst hielt beides für Theorien, wenn auch  ur in dem Sinn, dass es sich um vorläufige, hypothetische Vermutungen handelt … Heute ist es nicht mehr möglich, die Tatsache der Evolution anzuzweifeln … aber nach wie vor kann man (zu Recht) daran zweifeln, dass die natürliche Selektion ihren wichtigsten Motor darstellt.

(S.93) Wenn man bei einem Tier ein Merkmal beobachtet und überlegt, worin sein darwinistischer Überlebensvorteil besteht, stellt man unter Umständen die falsche Frage. Möglicherweise geht es gar nicht um das Merkmal, das man sich herausgesucht hat. Es wurde vielleicht nur „mitgenommen“, in der Evolution mitgeschleppt durch ein anderes Merkmal, mit dem es durch Pleiotropie (Wirkung eines Gens auf mehrere Merkmale JK)verknüpft ist.

(S.115ff.) Fossilien entstehen … in Sedimentgestein, beispielsweise in Kalk- uder Sandstein, der nicht durch Verfestigung von Lava entsteht. Sedimentgestein bildet sich aus Schlamm-, Lehm- oder Sandschichten, die nach und nach am Boden von Meeren, Seen oder Flussmündungen abgelagert werden. Der Sand oder Schlamm wird im Laufe langer Zeiträume immer stärker zusammengepresst und verwandelt sich in hartes Gestein. Tote Lebewesen, die in den Schlamm eingeschlossen sind, können dergestalt zu Fossilien werden. Letztlich geschieht das nur bei sehr wenigen toten Tieren und Pflanzen, aber Sedimentgestein ist der einzige Gesteinstyp, der überhaupt nennenswerte Fossilien enthält …
(S.165) Kreationisten sind zutiefst verliebt in Fossilien … es gebe da nichts als „Lücken“: „Zeigt mir doch die Zwischenformen!“ …
Wir brauchen die Fossilien nicht – die Belege für die Evolution sind auch ohne sie wasserdicht; deshalb ist es widersinnig, sich auf Lücken in den Fossilfunden zu berufen, als seine sie ein Beweis gegen die Evolution. … Wir können uns glücklich schätzen, dass wir überhaupt Fossilien haben.
Ein echter, sehr stichhaltiger Gegenbeweis gegen die Evolution wäre die Entdeckung auch nur eines einzigen Fossils in der falschen geologischen Schicht … Auf die Frage, welche Beobachtung die Evolutionstheorie widerlegen würde, gab der Wissenschaftler J.B.S. Haldane die berühmte Antwort: „Kaninchenfossilien im Präkambrium!“
Aber niemals wurde auch nur ein einziges Fossil gefunden, bevor es hätte entstehen können. …
(S.170f.) Warum gibt es … vor dem Kambrium so wenige Fossilien? … Die meisten Tiere hatten damals vermutlich wie die heutigen Plattwürmer einen weichen Körper, und sie waren ebenso klein wie die heutigen Strudelwürmer – kein gutes Material für die Fossilbildung. Vor einer halben Milliarde Jahren geschah dann etwas, das den Tieren die Möglichkeit verschaffte, bessere Fossilien zu bilden – unter anderem entwickelten sich harte, mineralstoffhaltige Skelette.

(S.238f.) Selbst wenn sich letztlich herausstellen sollte, dass eine göttliche Intelligenz für die Gestaltung so komplexen Lebens verantwortlich ist, so ist jedenfalls eines klar: Er formt die Lebewesen nicht so ähnlich, wie beispielsweise Keramikkünstler ihre Produkte formen, oder auch Zimmerleute, Töpfer, Schneider oder Autohersteller. Wir mögen „wundervoll entwickelt“ sein, aber wir sind nicht „wundervoll gemacht“. Wenn Kinder „He made their glowing colours / He made their tiny wings” singen, machen sie damit offenkundig eine kindisch-falsche Aussage. Was Gott auch tun mag, er macht sicher weder leuchtende Farben noch winzige Flügel. Wenn er überhaupt etwas tut, dann überwacht er die Embryonalentwicklung der Lebewesen und fügt beispielsweise Gensequenzen zusammen, die einen automatischen Entwicklungsprozess steuern. Flügel werden nicht gemacht, sondern sie wachsen – nach und nach – innerhalb des Eies aus Extremitätenknospen … Wenn er etwas gemacht hat … dann war es ein embryologisches Rezept, eine Art Computerprogramm zur Steuerung der Embryonalentwicklung …

(S.287ff.) Die beiden Unterpopulationen (einer Art) wurden aus irgendeinem Grund voneinander getrennt, wahrscheinlich durch eine geologische Barriere, beispielsweise durch einen Meeresarm, der zwei Inseln oder eine Insel und das Festland trennte. Es könnte sich auch um einen Gebirgszug zwischen zwei Tälern gehandelt haben, oder um einen Fluss zwischen zwei Wäldern: im zwei „Inseln“ … Entscheidend ist nur, dass die Populationen lange genug voneinander getrennt waren, so dass sie sich später, als sie vielleicht durch Zufall wieder aufeinandertrafen, weit genug auseinanderentwickelt hatten, um sich untereinander nicht mehr kreuzen zu können …
Die meisten oder vielleicht sogar alle der vielen Millionen Trennungen evolutionärer Abstammungslinien, durch die sich unser Planet mit einer so ungeheuren biologischen Vielfalt füllte, begannen mit der zufälligen Trennung zweier Unterpopulationen einer Spezies, die sich oft – allerdings nicht immer – beiderseits einer geographischen Barriere befanden, beispielsweise eines Meeres, eines Flusses, eines Gebirges oder einer Wüstensenke. Eine solche Aufteilung einer biologischen Art in zwei Tochterarten bezeichnet man in der Biologie als Artbildung … Die meisten Biologen würden erklären, biologische Isolation sei das normal Vorspiel der Artbildung …

(Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge – Warum Darwin recht hat, Ullstein Berlin, 2010)

·         (62) „Glauben Sie an die Evolutionstheorie?“, werde ich besonders in den USA von fundamentalistischen Bibelgläubigen gefragt …
Da antworte ich: „An die Evolutionstheorie glaube ich nicht, denn sie ist für mich wissenschaftlich erwiesen“.

(71) Neuere Genforschung belegt …, dass neue Arten und Organismen nicht nur durch Selektion, sondern zugleich durch Kooperation, Kreativität und Kommunikation entstehen und sich nur so die Evolution immer weiter ausdifferenzieren konnte.

(190) Gott ist nicht die Evolution, wie Pierre Teilhard de Chardin missverständlich formuliert hat, sondern Gott ist in der Evolution.

(194f.) Wie auch immer der Übergang vom Unbelebten zum Leben im Einzelnen genau erklärt wird, er beruht auf biochemischen Gesetzmäßigkeiten und somit auf der Selbstorganisation der Materie, der Moleküle. Wie sich aus der Urmaterie durch elektrische Entladungen immer komplexere Moleküle und Systeme gebildet haben, so aus Nukleinsäuren und Proteinen das auf Kohlenstoff basierende Leben. Ich habe begriffen: Schon auf der Ebene der Moleküle regiert also das von Darwin zunächst in der Pflanzen- und Tierwelt festgestellte Prinzip der „natürlichen Auswahl“ und des „Überlebens der Bestangepassten“. Diese Tendenz zur „Fitness“ treibt die Entwicklung auf Kosten der weniger gut angepassten Moleküle nach „oben“. So kommt es zur Entwicklung von einzelligen, dann mehrzelligen Lebewesen und schließlich von höheren Pflanzen und Tieren. …
In den Einzelprozessen ist das Geschehen ähnlich wie in der Quantenmechanik von der Zufälligkeit bestimmt, verläuft aber zugleich von Anfang an nach steuernden Naturgesetzen. …
Der Evolutionsprozess als solcher offenbart keinen Sinn. Den Sinn muss der Mensch ihm selber geben. Auch für den Biologen herrscht somit kein intellektueller Zwang, sondern die Freiheit der Wahl. Doch wird er kaum an Gott glauben, wenn er Gott in der Evolution missversteht als eine übergeschichtliche Person, die kraft ihrer Schöpfermacht den geschichtlichen Menschen und die Völker auch gegen die Gesetze der Natur und die Ordnungen der Welt von Zeit zu Zeit mit Wundern überfällt und überwältigt.

(Hans Küng: Was ich glaube, Piper, München, 2009)

·         „Der Ursprung“
Die Ursuppe hat ausgedient: Immer mehr Biologen sind überzeugt, dass das Leben in heißen Quellen am Boden des Ur-Ozeans entstand.;
Das Rezept für die Schöpfung ist ganz einfach. „Man braucht Wasser, Silikatgestein und einen hydrothermalen Kreislauf“, sagt Mike Russell. Auf einem Planeten mit diesen Zutaten sei die Entstehung des Lebens fast unvermeidlich, ist der Geologe vom Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien überzeugt. Russell geht sogar noch weiter: Seiner Meinung nach sind selbst die Moleküle des Lebens bis hin zur Erbsubstanz DNA vorbestimmt. Denn auf allen solchen Planeten treten die gleichen chemischen Triebkräfte auf.;
Zum Zeitpunkt der Schöpfung, vor etwa vier Milliarden Jahren, war die Erde ein unwirtlicher Ort. Unter einer dunstigen, smogvernebelten Atmosphäre lag ein zehn Kilometer tiefer Ozean. Nur wenige Vulkaninseln ragten aus den Fluten. Gewaltige Gezeitenwellen wühlten das Meer auf, weil der Mond gefährlich nah um den jungen Planeten kreiste. Hartes UV-Licht und kosmische Strahlung bombardierten die Oberfläche. Meteoriteneinschläge waren an der Tagesordnung.
Die Wiege des Lebens stand nach Meinung der Forscher um Mike Russell und den Biologen William Martin von der Universität Düsseldorf sicher und geborgen auf dem Meeresgrund. Eine Ahnung davon, wie sie ausgesehen haben könnte, bekommt man auf dem Gipfel des Unterwasserbergs Atlantis, auf halbem Weg zwischen Nordafrika und Florida. Weiße Kalksteintürme ragen dort ins Wasser empor, wie Stalagmiten auf dem Boden einer Tropfsteinhöhle. Aus ihren Wänden strömt warmes, sanft schimmerndes Wasser.
„Lost City“ – verlorene Stadt – haben amerikanische Forscher diese heiße Quelle getauft, als sie im Dezember 2000 zufällig darauf stießen. Anders als die berühmten Schwarzen Raucher wird Lost City nicht durch vulkanische Hitze angetrieben, sondern durch eine chemische Reaktion im Meeresgrund. Meerwasser sickert durch Spalten und Risse ins Atlantis-Massiv und verwandelt dort das Mineral Olivin in grün-graues Serpentingestein. Bei dieser Reaktion, die vor vier Milliarden Jahren wahrscheinlich viel weiter verbreitet war als heute, entsteht eine hochreaktive chemische Lösung: 40 bis 90 Grad Celsius warm, so alkalisch wie eine Waschmittellauge und reich an Wasserstoff.;
Diesen Schritt haben die Forscher noch nicht in Experimenten nachvollzogen. „Uns ist klar, dass wir ein Experiment wie den berühmten Versuch von Stanley Miller brauchen, damit sich die Leute von der Ursuppe verabschieden“, sagt Mike Russell. „Wir müssen zeigen, dass in einem hydrothermalen Reaktor Peptide entstehen, einfache Aminosäureketten, die die Umwandlung von Kohlendioxid beschleunigen.“ Der Forscher ist zuversichtlich, dass dies demnächst gelingen wird.;

DIE KAMMERN DER CHEMISCHEN EVOLUTION
So stellen sich Forscher um Mike Russell und William Martin den Prozess vor, der vor 4 bis 3,5 Milliarden Jahren auf der jungen Erde zur Entstehung lebender Zellen geführt hat. Ort des Geschehens: die porösen Wände in den Schloten hydrothermaler Quellen am Meeresgrund. Die Poren sind miteinander verbunden und teils durchlässig. In ihnen trifft aufströmendes, alkalisches Thermalwasser auf das leicht saure Meerwasser.
1. Einfache anorganische Moleküle wie Ammoniak, Wasserstoff, Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff reagieren mit katalytisch wirkenden Mineralien in den Kammerwänden.
2. Es bilden sich die primären Bausteine allen Lebens – Zucker, Aminosäuren und Nukleobasen.
3. Die Primärbausteine lagern sich zu größeren Moleküleinheiten oder Ketten zusammen, Nukleotiden und Peptiden.
4. Die Nukleotide verbinden sich zu langen Ketten von Ribonukleinsäure (RNA), die Peptide zu großen Eiweißen (Proteinen). Es entstehen sich selbst vermehrende Komplexe.
5. Aus RNA bildet sich die Desoxyribonukleinsäure (DNA), die die Information für Baupläne der Proteine speichert und deren Vervielfältigung zu katalysieren beginnt.
6. Fettähnliche Lipide entstehen. Sie bilden kugelige Membranen aus, in denen DNA und Proteine Vermehrungsgemeinschaften formen. Hier teilt sich die Entwicklung in zwei separate Stränge: echte Bakterien (links) und Archaeen (rechts).
7. Beide Varianten bilden Zellwände.
8. Die Ur-Zellen sind komplett ...
9. ... und verlassen vor spätestens 3,5 Milliarden Jahren ihre Kinderstuben

DIE ALTERNATIVEN
Ursuppe: Die Experimente von Harold Urey und Stanley Miller 1953 machten die Theorie populär. Die Forscher erzeugten in einer Ur-Atmosphäre durch elektrische Entladungen Aminosäuren und einfache Proteine. Bis heute basieren viele Experimente zur Entstehung des Lebens auf dem Konzept dieser Ursuppe. Die Energiequelle der ersten Mikroben wären demnach die Substanzen der Suppe gewesen. Das größte Problem dabei: Die Ursuppe ist chemisch im Gleichgewicht. „Da reagiert nichts mehr“, sagt der Biologe William Martin. Auch die Molekularbiologie spricht gegen die Ursuppe: Die ersten Mikroben ernährten sich wohl nicht von organischen Substanzen, sondern nutzten chemische Energiequellen.
Panspermie – Biogenese im Weltall: Manche Forscher argumentieren, die Erde sei zu jung, um etwas so Komplexes wie das Leben hervorzubringen. Es sei daher anderswo im Weltall entstanden und mit Kometen oder Asteroiden zur Erde gekommen. Martins Urteil: „Das kann durchaus sein, ändert aber nichts an dem Grundproblem.“ Die Frage nach der Schöpfung wird nur an einen anderen Ort verlagert. Tatsächlich enthalten viele Meteoriten komplexe organische Moleküle, sogar Bausteine der Erbsubstanz DNA. Kamen wenigstens die Substanzen des Lebens aus dem All? Martin bezweifelt es: „Im Meer hätten sich diese Stoffe stark verdünnt. Dann hat man wieder eine Ursuppe.“
Oberflächenmetabolismus: An der Oberfläche von Tonmineralen laufen chemische Reaktionen beschleunigt ab. Wurden an solchen Mineralen die ersten Biomoleküle zusammengesetzt? Wohl eher nicht. Lebewesen benutzen keine Silikat-Katalysatoren. Auch die Konzentration der Biomoleküle ist ein Problem.
Schöpfung im Eis: Wenn Meerwasser gefriert, bilden sich flüssigkeitsgefüllte Bläschen. Darin sammeln sich Verunreinigungen. Je höher die Konzentration an Biomolekülen ist, desto besser sind die Voraussetzungen für biochemi- sche Reaktionen. Trotzdem hat William Martin Zweifel, dass das Leben einst im Eis entstand: „Hier fehlt der chemische Antrieb.“ Zudem ist unklar, ob es auf der jungen Erde überhaupt Eis gab.
Kleiner warmer Tümpel: Auch hydrothermale Quellen an Land gelten neuerdings als mögliche Brutstätten des Lebens. Das Hauptargument: In Pfützen aus kondensiertem Thermalwasser gab es bestimmte Spurenelemente wahrscheinlich genau in derselben Konzentration wie heute in lebenden Zellen. Zudem lieferten die heißen Schlote ein organisches Gebräu mit Grundstoffen für die Biosynthese. Ähnlich wie bei der Ursuppe bleibt aber unklar, warum sich die Substanzen in den Tümpeln zu komplexen Polymeren verbinden sollten.
(bild der wissenschaft 4-2012 S.32ff)

·         Kanada, Alberta: erstmals gefiederte Dinosaurier auf dem amerikanischen Kontionent entdeckt (75 Millionen Jahre alt); Feder-Daunen etwa 5 cm lang und einen halben mm dick; bedecken Nacken, Rücken, Beine und Bauch der Tiere; Hinweise darauf, dass der zusätzliche Federschmuck weder als Laufhilfe noch zum Fliegen diente, sondern als sekundäres Geschlechtsmerkmal, als Schmuck
(Freie Presse Cehmnitz 26.10.2012 S.8

·         9 von 10 US-Amerikanern haben einer Studie zufolge Zweifel an der wissenschaftlichen Evolutionstheorie. Nur rund 9,5% von über 10.000 Befragten seien davon überzeugt, dass Gott oder eine andere höhere Macht absolut keinen Einfluss auf die Entstehung des Universums und des mmenschlichen Lebens hätten
(Freie Presse Chemnitz 18.2.14 S.8)

·         Lokis Burg liegt auf dem Grund des Atlantiks vor Skandinavien. Aus ihren bizarren Türmen sprudelt bis zu 300 Grad Celsius heißes Wasser, das mit Eisen und Schwefel versetzt ist. Ganz so, als käme es direkt aus der Hölle.
Es ist das größte Mysterium der Biologie, wie sich einst an Orten wie diesem tote Materie in Leben verwandelte, in einfachste Zellen – und wie aus diesen komplexe Organismen entstanden. …
Eine Antwort auf diese Fragen haben Forscher nun aus der Schwärze um Lokis Burg geborgen: Sie entdeckten spektakuläre Spuren eines winzigen Wesens – des Vorreiters des komplexen Lebens. Es gehört zwar zu den Archaea, hat aber bereits Eigenschaften echter Zellen entwickelt. Das bedeutet nicht weniger, als dass Eukaryoten – und damit wir Menschen – Nachfahren der Archaea sind. Die Erkenntnis ist ein Durchbruch in der Frage nach unseren Ursprüngen….
Eine weitere entscheidende Neuerung war die Fähigkeit, Stoffe außen, auf der Zellhaut, anzuheften. Diese kann sich umstülpen und so die Stoffe nach innen transportieren. Womöglich sind Lokiarchaeota die bislang einzigen bekannten Archaea, die dazu in der Lage sind.
Auf diesem Wege gelangte auch ein ganzes urtümliches Bakterium in die entstehenden Eukaryoten. Es musste seine Selbstständigkeit aufgeben und wird seither als Sklave gehalten. Auch wir tragen es bis heute in unseren Zellen herum, könnten ohne es nicht überleben. Dieses Bakterium wandelte sich nämlich zu den Kraftwerken der Zellen, den Mitochondrien. Seine Vergangenheit erkennt man noch immer: Das Mitochondrium besitzt Reste des Bakterienerbguts und teilt sich selbstständig im Zellinneren….
Wer weiter in die Geschichte unseres Planeten zurückgeht, findet sich an einem ungemütlichen Ort wieder. Auf der Urerde war die Sonne kaum zu sehen, weil Wolken aus giftigen Gasen, Ruß und Staub den Himmel verdunkelten. Vulkane spien Magma, Lava und Asche aus der Unterwelt an die Oberfläche. Irgendwo in dieser grauenhaften Welt entstand das Leben, dreieinhalb Milliarden Jahre oder noch länger ist das her.
(Die Zeit 13.5.15 S.31 - http://www.zeit.de/2015/20/archaea-mikrobiologie-ursprung-des-lebens/komplettansicht  )

·         Die Eva in uns allen
Tief in unseren Körperzellen steckt die Spur einer einzigen Urmutter aus archaischer Zeit. …
Mitte der achtziger Jahre verglichen also Rebecca Cann, Mark Stoneking und Allan Wilson 147 weltweit eingesammelte Plazentaproben miteinander. Ihre Studie Mitochondrial DNA and Human Evolution erschien 1987 und schlug in der Anthropologie ein wie eine Bombe. Das Ergebnis: Sämtliche heute lebenden Menschen haben ihre Mitochondrien von einer einzigen weiblichen Vorfahrin geerbt. Wir haben sie alle von derselben Mutter.
Und weil die mtDNA langsam mutiert, kann man aus der Zahl der Unterschiede zwischen verschiedenen Personen herausrechnen, wie weit ihr gemeinsamer Ursprung zurückliegt. Cann, Stoneking und Wilson konnten regelrecht auszählen, wann die gemeinsame Mito-Mutti ihrer 147 globalen Probanden gelebt haben musste. Und da kam es zur zweiten Sensation aus der DNA: Die Urmutter Eva war praktisch eine von uns. Die Biologen verorteten sie am Beginn einer Erbfolge, die nur 200.000 Jahre umfasst, neuere Studien verkürzen die Zeit sogar auf 150.000 Jahre. Damit kann es sich bei Eva praktisch nicht um das Weibchen einer Vor- oder Frühmenschen-Art handeln. Sondern um eine anatomisch moderne Menschenfrau. …
Um zu überschlagen, wie viele Generationen zwischen ihr und uns liegen, müssen wir spekulieren: Wie viele Jahre umfasst eine Generation im Durchschnitt der Menschheitsgeschichte? 30 Jahre, wie man heute rechnen würde? Oder eher 20? Oder noch weniger, da Mädchen die Geschlechtsreife doch im Teenageralter erreichen? Selbst wenn wir – vorsichtig gerechnet – von durchschnittlich 25-jährigen Müttern ausgehen, sind schon 6.000 Generationen nötig, um 150.000 Jahre zu durchmessen. Es zieht sich also eine mindestens sechstausend Frauen lange Kette von der mitochondrialen Eva zu jeder Mama, die heute …
(Die Zeit 7.5.15 S.39 - http://www.zeit.de/2015/19/mutter-gene-urmutter-eva/komplettansicht )

·         Zufällig schlau
Erst das große Gehirn macht uns zum Menschen. Wie es kam, dass das Denkorgan zu wachsen begann? Darauf gibt es eine neue Antwort. …
Lange bevor diese affenartigen Wesen als Zeitgenossen der berühmten Lucy auftraten, kam es in ihren Erbanlagen zu einer entscheidenden Panne. Bei der Teilung von Zellen verdoppeln sich gelegentlich Genabschnitte, was meist keine gravierenden Konsequenzen hat. Diesmal aber hatte sich im Chromosom Nummer 15 nicht nur ein Abschnitt der Erbinformation vervielfältigt, sondern war auch noch verändert worden. So entstand eine neue Variante eines Gens, und zwar in enger Nachbarschaft zum Original. Lange Zeit scheint die Kopierpanne folgenlos geblieben zu sein. Erst später, vermuten die Wissenschaftler, vor etwa drei Millionen Jahren, erwachte der Schläfer durch weitere Mutationen zum Leben und leitete bei Vertretern der Gattung Homo das erste messbare Wachstum der Hirnrinde ein….
Anscheinend sind solche zufällig entstandenen verdoppelten Erbinformationen in der Evolution immer wieder ein wirksamer Treiber für Innovationen gewesen. Weil es noch ein Original gibt, kann die Kopie so lange ohne Folgeschäden im Organismus mutieren, bis ein Code entsteht, der plötzlich eine neue organische Funktion steuert. …
Doch warum wurde es zum Erfolgsmodell? Ein großes Hirn ist ein immens kostspieliger Luxus. Ein werdender Mensch im Mutterleib muss in jeder Minute mindestens 250.000 neue Nervenzellen bilden, in jeder Sekunde 10.000 neue Verbindungen zwischen ihnen aufbauen. Mehr noch als bei technischen Großrechnern ist der Energiehunger des Gehirns enorm – über zehnmal größer als der von anderen Körpergeweben. Bei einem fünfjährigen Kind hat das Organ in etwa die endgültige Größe erreicht – und verbraucht zwei Drittel der zugeführten Kalorien. Auch bei Erwachsenen ist der größte Konsument das Denkorgan: Es stellt keine zwei Prozent der Körpermasse, beansprucht aber bis zu einem Viertel des Grundumsatzes an Nährstoffen.
"Ein großes Hirn ist ein Vorteil, aber es ist auch unheimlich teuer", sagt Philipp Gunz, "das muss man sich erst mal leisten können." Den riesigen Kortex, meint der Fachmann für Hirnevolution am MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, konnten die Vertreter der Gattung Homo nur mit der Umstellung auf Fleischnahrung befriedigen. "Wachstum beobachten wir erst mit den ersten Hominiden, also Homo habilis", sagt Gunz. Allerdings sei zugleich auch deren Körper deutlich gewachsen. Den großen Spurt hat das Gehirn wohl erst in den vergangenen 600.000 Jahren hingelegt: Ab dem Homo heidelbergensis habe eine "echte Vergrößerung um ein ganzes Drittel eingesetzt". Zunächst hat das Luxus-Organ wohl nur das nackte Überleben gesichert. Menschen sind ziemlich wehrlose Tiere. Sie haben keine Reißzähne, Hörner oder Klauen. Als Sprinter bei einem Angriff oder der Flucht ist ihre Bilanz erbärmlich. Was sie aber haben, ist ihr Gehirn – ein effektives Überlebensinstrument und eine furchterregende Waffe.
Die Entstehungsgeschichte des Gehirns ist noch lange nicht fertig geschrieben. Klar ist inzwischen aber: Die Entwicklung des herausragenden Überlebensinstruments folgte keinem großen Plan. Die Evolution trieb bloß ihr immerwährendes Spiel im Erbgut unserer Vorfahren, und am Ende stand das Organ des Geistes bereit.
(Die Zeit 26.3.15 S.33 - http://www.zeit.de/2015/13/evolution-gehirn-wachstum-zufall/komplettansicht )

·         Bislang wurden rund 180 verschiedene Moleküle im interstellaren Medium und in Sternhüllen nachgewiesen.
(Bild der Wissenschaft 4-2014 S.53)

·         Roboter Philae landete auf Komet Tschuri; Nachweis von 16 organischen Molekülen
(Freie Presse Chemnitz 31.7.15 S.8)

·         Biologie - „Das Leben entstand nur einmal“
Pflanzen und Tiere, Mikroben und Menschen - sie alle gehen zurück auf einen einzigen gemeinsamen Vorfahren
William Martin, 59, Genetiker an der Universität Düsseldorf, über „Luca“, die Urmutter allen Lebens
SPIEGEL: Was für ein Geschöpf war Luca? Martin: Ein Einzeller. Er lebte vor rund vier Milliarden Jahren, sodass man den Organismus selbst nicht mehr untersuchen kann. Wir haben mithilfe öffentlicher Gendatenbanken das Erbgut von 2000 sehr einfachen, ursprünglichen Zellen ohne Zellkern untersucht. So konnten wir 355 Gene identifizieren, die all diesen Zellen gemein waren.
SPIEGEL: Kommen diese 355 Urgene auch im modernen Menschen vor? Martin: Wir teilen nur ganz wenige Gene mit Luca … Martin: ... die Lebensbedingungen an den Hydrothermalquellen sind ideal für Mikroben! Diese Tiefseehabitate liefern alle chemischen Zutaten und dazu einen zuverlässigen Energiestrom. Auch findet sich in Lucas Genen keinerlei Hinweis auf eine Lebensweise im Tümpel: keine Spur von Fotosynthese, keine Spur einer Ernährung, die auf dem Abbau von Eiweiß oder Kohlenhydraten basiert. SPIEGEL: Wie hat sich Luca dann ernährt? Martin: Von Gasen wie Kohlendioxid, Stickstoff und Wasserstoff. Daraus baute der Einzeller alles auf, was er zum Leben brauchte. SPIEGEL: Könnte es sein, dass es parallele Evolutionen gab: eine oben im Teich, eine unten am Meeresgrund? Martin: Nein, das Leben, von Luca bis zu uns, entstand nur einmal - sonst müssten wir entsprechend unterschiedliche genetische Codes finden. Das tun wir aber nicht. Und so haben wir endlich Gewissheit: Alles Leben hat seinen Ursprung am Meeresgrund.
(Der Spiegel 32/2016 S.104)

·         Luca, Alter! Unser aller Vorfahr ist gefunden: Ein bakterielles Blob
Natürlich wussten wir schon lange, dass es Dich gegeben haben muss: den winzigen, bakterienähnlichen Blob, mit dem alles begann. Getauft haben wir Dich auch schon, auf den Namen Luca: last universal common ancestor, also letzter universaler gemeinsamer Vorfahr. Aber wie genau Du gelebt hast – darüber konnten wir nur spekulieren. Jetzt haben Wissenschaftler von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf eine Menge über Dich herausgefunden, Dein Steckbrief steht im Fachmagazin Nature Microbiology.
Die Forscher hatten sich über 11.000 Genfamilien von heutigen Lebewesen angeschaut und nachgerechnet, wie viele davon auch in Dir vorgekommen sein müssen. Sie haben 355 identifiziert – und die erzählen eine Menge über Dich: Du mochtest es heiß, und zwar so richtig. Das war Dein Vorteil gegenüber allen anderen Lebensformen, die es damals gab. Als vor vier Milliarden Jahren Asteroiden und Kometen auf die Erde prasselten, erhitzte sich unser Planet so stark, dass alles starb. Nur Du nicht, Luca, denn Du lebtest sowieso schon ziemlich extrem: Dein Zuhause waren Schlote am Meeresgrund, aus denen heiße Gase und Wasser austraten.
Die Wissenschaftler fanden auch ein Enzym, das uns verrät, dass Du aus Eisenionen Energie gewinnen konntest. Du hast Dich von Metall und Wasserstoff ernährt. Also, Luca, schon toll, dass mit Dir alles angefangen hat! Schade nur, dass wir uns nicht mehr kennenlernen können. Obwohl – enge Verwandte von Dir leben heute noch an unterseeischen Schloten. Und alles andere, was lebt, trägt Teile Deines Erbguts. Eigentlich ist das eine schöne Botschaft: dass wir alle ursprünglich aus derselben Suppe kommen.
(Die Zeit 28.7.2016 S.31 http://www.zeit.de/2016/32/evolution-mikrobiologie-gene )

·         Evolution
Familie Mensch
Der Aufstieg des Homo sapiens begann in einem Schmelztiegel afrikanischer Urvölker. Neue Befunde verraten erstmals Details über die Geburtsstunde unserer Spezies …
Ausgerechnet, ein Dildo. Wer hätte das geahnt? Wohl zum Frühesten, was die menschliche Erfindungsgabe schuf, gehört ein Sexspielzeug. Vor elf Jahren barg man das Stück aus einer schwäbischen Höhle. Es besteht aus grauem, liebevoll poliertem Stein, ist mit fein gravierten anatomischen Details versehen und misst 19 Zentimeter. Ob das Utensil wirklich erotischen Bedürfnissen diente oder doch eher rituelle Zwecke erfüllte, konnte nicht zweifelsfrei rekonstruiert werden. Denkbar ist aber, dass es schon den ersten modernen Frauen in Europa vor fast 30.000 Jahren einsame Nächte versüßte. Da war Homo sapiens gerade erst auf unserem Kontinent angekommen.
Der Entdeckungsort des delikaten Stücks gilt als Schatzkammer der deutschen Vorgeschichtsforscher: der "Hohle Fels". Viele wertvolle Funde stammten aus dieser Höhle auf der Schwäbischen Alb. …
Man weiß heute, dass es Afrikaner waren, hoch gewachsene, dunkelhäutige Gestalten mit braunen Augen und schwarzem Haar, die derartige Zeugnisse der Kreativität im Hohlen Fels hinterließen. Wo immer die ersten Pioniere dieser Spezies sich niederließen, erblühten auf dem europäischen Festland vor etwa 40.000 Jahren die Technik und die schönen Künste. Die Grotte Chauvet, im Süden Frankreichs, gilt Experten als der "Louvre der Steinzeit". Mit präzisem Sinn für Bewegungsabläufe und räumliche Perspektive schufen die Künstler dort vor 39.000 Jahren eindrucksvolle Tierporträts. Die Maltechnik der afrikanischen Migranten war perfekt, ihre Werke halten jedem Vergleich mit der zeitgenössischen Kunst stand. …
das täuscht: Die Blüte des steinzeitlichen Abendlands mag eine kulturelle Eruption gewesen sein, der eigentliche Urknall menschlicher Schöpferkraft war sie nicht. Die Spezies – so viel gilt als gesichert – war nicht nur physisch ein Geschöpf Afrikas, auch ihr überlegener Geist formte sich schon auf dem Schwarzen Kontinent. …
Genanalysen in der heutigen Bevölkerung ergeben: Die Geburtsstunde des Homo sapiens schlug vor mehr als 200.000 Jahren. Eindeutiger noch als Knochenfunde verrät das Erbgut, auf welchem Kontinent wir die Bühne betraten: Die Menschheit ist ein Zweig in der Evolution afrikanischer Affen. …
Die Gen-Experten in Seattle sind überzeugt davon, dass heute viele der geistig Behinderten den Preis bezahlen, den die Evolution vor einer Viertelmillion Jahren für die überlegenen Fähigkeiten unserer Spezies forderte: "There is no free lunch", sagt Eichler – es gibt nichts umsonst.
Das Honorar der Natur besteht nämlich darin, dass ihr neu erfundenes Geschöpf mit einem Erbgut auskommen muss, das in kritischen Bereichen instabil ist. Das bedeutet: Pflanzen Menschen sich fort, besteht immer die Gefahr, dass ihre Nachkommen im Entstehungsprozess Erbinformation verlieren und deshalb mit Fehlentwicklungen zur Welt kommen. Drei von hundert Kindern werden mit einem körperlichen oder geistigen Defekt geboren. Auch wenn nicht alle Behinderungen genetisch bedingt sind, gilt das als hohe Quote. In der Evolution des Homo sapiens hat die Natur aber genau jene prekären Stellen in den Erbmolekülen zu den entscheidenden Schauplätzen der Menschwerdung gemacht. Gerade weil sie anfällig sind für Mutationen, konnte die Evolution dort zusätzliche Gene installieren, um den Homo sapiens zu konstruieren. Das brachte die Spezies voran – alle heute lebenden Menschen tragen diese neuen Erbanlagen in sich. …
In welcher geografischen Region Afrikas sich jener Akt des komplizierten Dramas abspielte, ist kaum zu ermitteln. Die genetische Bühne aber ist eine instabile Region im Erbgut, angesiedelt auf dem Chromosom 16. Darin findet sich ein Gen mit dem Namen BolA2. Zu dieser Erbanlage gab es bislang wenig zu sagen. Sie dient als Code für ein wichtiges Eiweiß im Eisenstoffwechsel: Der Körper benötigt den Stoff, um Eisen aus der Nahrung zu extrahieren und zu speichern. …
Schon die ersten Befunde zeigten, dass es mit dem BolA2-Gen Merkwürdiges auf sich hat: In manchen Menschen fanden sich sechs Kopien des Gens, in anderen zwölf. Beim nächsten waren es elf, dann wieder vier. Mitunter stießen die Wissenschaftler bei einzelnen Probanden sogar auf 16 Kopien des Gens. Es war unverkennbar – an dieser Stelle des Menschengenoms hatte die Evolution eine ihrer Zufallswerkstätten betrieben. Man entschied sich, das Geschehen aufzurollen, bis weit zurück in die Zeit vor unserer Entstehung. Volle drei Jahre mussten die Forscher arbeiten.
Ihr Bericht wurde kürzlich im britischen Fachblatt Nature publiziert und ist selbst für Experten eine anstrengende Lektüre. Doch das entscheidende Resultat ist unmissverständlich: Die Verstärkung der BolA2-Gene geschah vor genau 282.000 Jahren und verbreitete sich rasant in den folgenden Generationen der gerade entstehenden Menschheit. Eichlers Rückschau endet mit einer Punktlandung exakt beim Beginn der Genesis des Homo sapiens.
Doch was hatte es für das Werden des Menschen zu bedeuten, wenn aus einer ganz normalen Erbanlage plötzlich eine Genfamilie wird? Das Ereignis verwandelte ihn in das gefährlichste Raubtier des Planeten. Der Homo sapiens wurde zum unermüdlichen Jäger. Mit der Mutation im Chromosom 16 wurden die Menschen geborene Marathonläufer. Sie liefen nicht so schnell wie die meisten Tiere, dafür aber viel länger. Und sie gaben nie auf. So konnte der Homo sapiens eine besondere Jagdstrategie anwenden: Er verfolgte die Beute bis zu deren totaler Erschöpfung, die geschwächten Tiere waren dann ein leichtes Opfer.
Das Gehirn kann nicht hungern. Um solche Anstrengungen zu meistern, braucht der menschliche Körper aber eine ergiebige Versorgung mit Eisen. Das Metall ist nicht nur ein wichtiger Faktor in den Enzymen unseres Stoffwechsels, sondern vor allem Bestandteil des roten Blutfarbstoffs, also unerlässlich für die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff. Die BolA2-Aufrüstung bewirkte in der Menschwerdung eine Art Eigenblutdoping. Es machte den Homo sapiens zum Langstreckenspezialisten und befähigte ihn zu ausdauernden Hetzjagden. Das Wild hatte kaum eine Chance; die frühe Menschheit konnte sich nun mit reichlich Fleisch und Fett eindecken.
Üppige Fleischkost war vonnöten: Der Homo sapiens erwies sich zwar als Erfolgsmodell, hatte seinen Energieumsatz jedoch kräftig erhöht. Als Veganer wäre er jämmerlich verhungert. Die Versorgung mit Kalorien wurde jetzt zum kritischen Faktor, denn Homo sapiens wuchs. Männer mit einer Körpergröße von 1,80 Metern waren keine Ausnahme mehr. Gerade die Wachstumsphase in der Kindheit verlangte nach kalorienreicher Nahrung.
Dramatisch angestiegen war der Energiebedarf des Gehirns. Es hatte das dreifache Volumen des Hirns seiner affenähnlichen Vorfahren erreicht. Damit geriet der frühe Mensch unter Zugzwang: Das Gehirn kann nicht hungern. Wird es nicht ausreichend versorgt, stellt es den Betrieb ein. Sein Energiedurchsatz aber ist zehnmal höher als der anderer Organe. Bei Erwachsenen verbraucht es etwa ein Fünftel der Kalorienzufuhr, bei kleinen Kindern sind es fast 80 Prozent. Vor allem das mächtige Denkorgan erzwang die Jagd nach Fett und Fleisch. Erst die stabile Versorgung mit Eisen, bedingt durch das Anwachsen der BolA2-Gene, hat wohl den letzten Wachstumssprung des Menschenhirns auf die heutige Größe ermöglicht. …
Noch heute stammen knapp drei Prozent der Erbmoleküle aller Europäer von den Neandertalern, bei den Südostasiaten kommen auch noch weitere vier Prozent aus dem Denisova-Erbe hinzu. Bloß bei den Afrikanern haben die Genetiker keinerlei Spuren dieser Vermischung entdeckt, ihre Vorfahren sind den Vettern in Europa und Asien ja auch nie begegnet. …
Auch in Asien entwickelten sich die afrikanischen Frühmenschen weiter: Wir wissen nicht, wie die Denisova-Menschen aussahen, und auch nicht, ob ihr Hirn ein menschliches Volumen erreichte, wie das der Neandertaler. Bislang konnten außer ein paar Zähnen und dem winzigen Bruchstück eines Fingerknochens keine physischen Zeugnisse ihres Daseins geborgen werden. Wie sie lebten? Ein Rätsel. Doch ihr Erbgut kennen wir minutiös. Ein Stück vom Zahn reichte, um alle Daten der archaischen Menschen präzise auszulesen. Der Vergleich ergab: Sie sind eng verwandt mit den Neandertalern – Geschwister wahrscheinlich, mindestens Vettern. Und beide sind direkte Nachkommen des ausgewanderten afrikanischen Frühmenschen, des Homo rhodesiensis. …
(Die Zeit 15.9.2016 S.35 http://www.zeit.de/2016/39/evolution-mensch-homo-sapiens-anthropologie/komplettansicht )

·         Anthropologie - Der Sündenfall
Als die Menschheit sesshaft wurde, handelte sie sich gewaltige Schwierigkeiten ein – und brachte die kulturelle Evolution auf Hochtouren. Die beste Quelle dafür ist ein Buch, das jeder kennt: Die Bibel.
Der größte Fehler in der langen Geschichte der Menschheit? Für den Evolutionsbiologen und Pulitzer-Preisträger Jared Diamond ist die Antwort eindeutig: dass die Menschen sesshaft wurden. Zwar habe es sich, gesteht der amerikanische Forscher zu, um den Startschuss zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte gehandelt – in den vergangenen 10.000 Jahren ist die Zahl der Menschen von vier Millionen auf bald acht Milliarden gewachsen. Doch die gewaltigen Probleme, die durch die Sesshaftwerdung erst entstanden sind, bestimmen das menschliche Schicksal bis heute. …
Unsere nomadischen Vorfahren haben vermutlich nie im Paradies gelebt. Weil sie aber für Zehntausende von Jahren in kleinen Gruppen als Jäger und Sammler umherzogen, waren sie hervorragend an dieses Dasein angepasst. Weder gab es nennenswerten Besitz noch ausgeprägte Hierarchien. Die Beute wurde geteilt. Da man keine Vorräte anlegen konnte, waren soziale Beziehungen die Lebensversicherung. Egoisten wurden, wie der Anthropologe Christopher Boehm von der University of Southern California zeigte, von der Gruppe in die Schranken gewiesen, wenn nicht verstoßen oder gar getötet. Unter diesen Bedingungen entstand als zentrale moralische Intuition der Sinn für Gleichheit, Gerechtigkeit und Gemeinschaft. …
Prähistoriker diskutieren noch, ob ein Klimawandel dem natürlichen Überfluss im fruchtbaren Halbmond zwischen Levante, Euphrat und Tigris vor gut zwölftausend Jahren ein Ende bereitet hat oder ob die Wildbestände durch zu starke Bejagung eingebrochen sind. Auf jeden Fall reichte das, was die Natur allein hergab, nicht mehr aus. Da auch die Nachbarn mit diesen Problemen kämpften, war Weiterziehen keine Option. Also mussten Ackerbau und Viehzucht fortan das Überleben sichern.
Die Folgen waren verheerend. Zwar wuchs die Bevölkerung, weil die Babys früh entwöhnt wurden und die Frauen mehr Kinder gebaren. Doch der Einzelne litt. Skelettfunde aus dieser Zeit beweisen, dass die Menschen kleiner blieben und früher starben. In der neuen Welt musste man im Schweiße seines Angesichts schuften, da hat die Bibel recht. Samuel Bowles, Ökonom vom Santa Fe Institute, hat berechnet, dass Bauern erheblich mehr Zeit für dieselbe Kalorienmenge aufwenden mussten als Jäger und Sammler. Zudem führte ihre oft einseitige Ernährung zu Mangelerkrankungen. Nicht zuletzt veränderte die Nahrungsumstellung die Mundflora – seither plagt Karies die Menschheit.
Es blieb nicht das einzige Hygieneproblem der Siedler. Dass die Zahl der Darmparasiten stieg, beweisen Koprolithen, versteinerte Exkremente. Der Kontakt mit domestizierten Tieren ließ immer mehr Erreger von Schaf, Schwein, Ziege oder Rind auf den Menschen überspringen. (Nicht ohne Grund wird in der Thora die Sodomie gleich dreimal explizit verboten.) Je enger die Menschen beieinander wohnten, desto verheerender wüteten Epidemien. …
In früheren Zeiten hatte die biologische Evolution das Überleben der Populationen gesichert, seit dem Sesshaftwerden fehlte für eine biologische Anpassung die Zeit. Die kulturelle Evolution übernahm die Führung: Wer überleben wollte, musste sich etwas einfallen lassen. Die größer werdenden Gesellschaften brauchten neue Regeln für ihr Zusammenleben, Gesetze. Wer aber sollte sie erlassen? Wer sie durchsetzen? Wie sollten sie lauten? Auch wussten die Menschen nichts von Bakterien und Viren, von Plattentektonik, Wetter und Klimaschwankungen…
Uralte mentale Schaltkreise lassen Menschen überall geheimnisvolle Kräfte vermuten. So wähnten die Siedler hinter Krisen und Katastrophen die alten Verdächtigen für Unglück: Geister und Ahnen. Diesen bescherte die Misere der Sesshaftwerdung einen gewaltigen Karrieresprung. Aus Geistern wurden Götter. Da sie Kriege und Krankheiten schickten, galt es, sie zu besänftigen. Man baute ihnen Tempel und versuchte, ihre Gunst mit Opfern zu erkaufen. So avancierte Religion zur kulturellen Schutzmacht. …
Tatsächlich birgt die Thora nicht nur die Zehn Gebote, sondern weitere 603 Gesetze. Sie sind die Hausordnung der sesshaften Welt.
Eine Vielzahl dieser Regeln dient der Gesundheitsvorsorge. Ob bei Ernährung, Hygiene oder beim Geschlechtsverkehr: Regeln sollen verhindern, dass Gott in Rage gerät. Besonders in Bezug auf Körperflüssigkeiten schien er leicht erregbar. Soldaten schreibt die Bibel sogar vor, wie diese mit ihrer Notdurft umzugehen haben: "und wenn du gesessen hast, sollst du zuscharren, was von dir gegangen ist." (Deuteronomium 23,14) …
Gesetze regulierten auch das seit der Sesshaftwerdung aus dem Lot geratene soziale Leben: Bei der Erkundung göttlicher Intentionen leitete die Priester und Schriftgelehrten die Annahme, dass Jahwe dieselben Dinge zornig machen wie die Menschen selbst. So hasst er maßlosen Reichtum, verabscheut Ungerechtigkeit, fordert Nächstenliebe und Solidarität mit den Armen – ein Widerhall der alten Jäger- und-Sammler-Moral. Das ist die zivilisatorische Leistung der Thora: Als allerorten Despoten herrschten, machte sie die Moral zur Sache Gottes und entzog sie so dem Zugriff der Mächtigen. …
(Die Zeit 15.9.2016 S.37 http://www.zeit.de/2016/39/anthropologie-bibel-sesshaftigkeit-evolution/komplettansicht )

·         Befruchtung aus dem All
Geologie - Der amerikanische Gelehrte Joe Kirschvink entlockt winzigen Magneten im Gestein abenteuerliche Geschichten des Lebens: Sie erzählen, wie Klimakatastrophen einst den Lauf der Evolution veränderten - von der Schneeballerde bis zur Treibhaushölle
(Der Spiegel 43/2016 S.104)

·         Die Lehren der Hirnsuppe
Evolution
Eine brasilianische Neurobiologin hat die Nervenzellen von Mensch, Affe und Elefant gezählt - und glaubt, so das Erfolgsrezept des Homo sapiens gefunden zu haben. …
Herculano-Houzel entschied sich deshalb für ein radikal anderes Verfahren: Sie löst das Gewebe des Gehirns auf, sodass eine Suppe entsteht, in der die Zellkerne frei umherschwimmen. Diese markiert sie mit Farbstoff. Im Mikroskop erscheinen sie dann als leuchtend rote Punkte, die sich auszählen lassen. Wenn die Forscherin ihre Suppe so lange umrührt, bis die Kerne gleichmäßig verteilt sind, liefert das Hochrechnen auf die gesamte Hirnmasse sehr zuverlässige Werte.
Das Ergebnis bestätigte ihren Verdacht, dass der Mensch Rekordhalter bei der Neuronenzahl ist. In seinem Großhirn sind 16 Milliarden Nervenzellen miteinander verdrahtet - rund dreimal so viele wie beim Elefanten. Nicht im bloßen Hirnvolumen, sondern in der Zahl der grauen Zellen schien also das Geheimnis menschlicher Intelligenz zu liegen. Dicht an dicht drängeln sie sich offenbar in seiner Großhirnrinde. Dann aber machte Herculano-Houzel noch eine zweite, nicht weniger bedeutsame Beobachtung: Der Mensch ist keineswegs das einzige Wesen, das sich durch eine so hohe Neuronendichte auszeichnet. Diese ist vielmehr eine Eigenheit der Primaten. Egal ob Nachtaffe, Makak oder Pavian: Bei ihnen allen findet sich extrem dicht vernetztes Nervenzellgewebe unter der Schädeldecke. Dieser Befund lässt die Evolution des Menschen in einem neuen Licht erscheinen: Die Weiche, die Grundlage seines Siegeszugs werden sollte, wurde demnach schon vor mehr als 60 Millionen Jahren gestellt. Damals wurde das Geschlecht der Primaten geboren - und mit ihnen eine neue Art, Gehirne zu bauen. Weil die Dichte der Nervenzellen im Denkorgan der Primaten wesentlich höher ist als bei anderen Säugetieren gleichen Gewichts, explodiert die Zahl der Neuronen besonders bei großen Primaten geradezu. In ihrem Erbgut scheint eine Art Formel verankert zu sein, die die Größe des Hirns und die Anzahl der Neuronen darin vorgibt. Ein Primat von 70 Kilogramm Körpergewicht beherbergt demnach die hohe Zahl von nahezu 20 Milliarden Nervenzellen in seinem Großhirn. Der Sonderweg des Menschen war also vorgezeichnet.
(Der Spiegel 23/2016 S120)

·         Erster! Neue Funde zeigen: Der moderne Mensch ist viel früher entstanden, als Forscher bislang dachten. Und er hat Wurzeln in ganz Afrika.
Sie sind die Prototypen unserer Spezies, die allerersten modernen Menschen, von denen jemals Überreste entdeckt wurden – und sie lebten offenbar vor mehr als 300.000 Jahren dort, wo heute Marokko ist. Forscher um Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben Fossilien, darunter Reste eines Schädels und eines Unterkiefers, untersucht, die zusammen mit Steinwerkzeugen und anderen Spuren menschlichen Lebens entdeckt worden waren – in einer eingestürzten Höhle in Marokko. 
Stimmt Hublins Datierung, dann lebten die ersten Vertreter unserer Art in Nordafrika bereits vor mehr als 300.000 Jahren, viel früher, als die Forschung bislang angenommen hat. Die Geburtsstunde der Menschheit müsste damit um glatte 100.000 Jahre zurückdatiert werden.
Diese Behauptung dürfte nicht nur für mediale Schlagzeilen sorgen, sondern auch für feurige Debatten unter Anthropologen. "Das wird die Lehrbücher ändern", glaubt Hublin, der heute einer der Direktoren am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) ist.
(Zeit 8.6.17 S.29)

·         Die Erfindung des Sehens
An einem Fossil, älter als eine halbe Milliarde Jahre, entdeckten Forscher ein Auge aus den Anfängen der Evolution. Es zeigt, wie die ersten Tiere begannen, die Welt zu erkennen.
Die angeblich "unreduzierbare Komplexität" des Auges nutzten religiöse Fundamentalisten als Argument, um es als Kronzeuge gegen die Evolutionslehre in Stellung zu bringen. Nur der Bauplan eines intelligenten Schöpfers, behaupteten sie, könne diesen Geniestreich hervorgebracht haben. Doch längst haben Evolutionsbiologen den Ablauf der Entwicklung so weit rekonstruiert, dass es zur Erklärung keines göttlichen Plans mehr bedarf. Es gibt keine Antwort, auf die die Natur nicht selbst gekommen wäre.
(Die Zeit 7.12.17 S.39 –
http://www.zeit.de/2017/51/augen-evolution-fossil-palaeontologie )

·         Deutsche Schulen vernachlässigen die Evolutionstheorie
In der Türkei soll die Evolutionstheorie jetzt aus dem Lehrplan gestrichen werden. Auch in Polen wird sie an den Rand gedrängt, und in den USA kämpfen die Kreationisten schon seit Jahrzehnten gegen Darwin im Schulbuch. Als aufgeklärter Deutscher ist es leicht, sich über solche wirren Eiferer zu erheben. Aber ist bei uns wirklich alles so gut, wie es scheint? Die Evolutionstheorie ist die Basis zum Verständnis weiter Teile der Biologie und Medizin – von multiresistenten Krankenhauskeimen über die moderne Pflanzenzüchtung bis hin zu innovativen Krebstherapien. Doch im Verhältnis zu ihrer herausragenden Bedeutung siecht die Evolutionstheorie auch an deutschen Schulen dahin. Nicht wenige Grundschüler lernen zuerst im Religionsunterricht, wie die belebte Welt entstanden ist – und halten den Schöpfungsmythos in der Bibel zunächst einmal für die wahre Geschichte. Wie die Wissenschaft die Sache sieht, können diese Kinder meist nur zu Hause erfahren, denn im Sachunterricht wird das Thema Evolution kaum behandelt. Und an weiterführenden Schulen, kritisierte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina kürzlich in einer Stellungnahme, fehle die „curriculare Gesamtplanung“ beim Thema Evolution; selbst an vielen Universitäten spiele sie nur „eine Nebenrolle“. Das Papierbemängelte zudem, dass der neueste Wissensstand nur mit Verzögerung in die Schulen Einzug halte. Deutsche Bildungspolitiker, die keine türkischen Verhältnisse wollen, sollten also handeln: Gebt der Evolutionstheorie im Lehrplan endlich den herausragenden Platz, der ihr gebührt – von der ersten bis zur letzten Klasse.
(Spiegel 28-2017 S.89)

·         Adam und Eva aus Marokko
Es liegt im Wesen der Evolution, dass die Datierung eines einzigen Fundstücks Forscher zwingen kann, die Geschichte umzuschreiben. So ergeht es ihnen jetzt mit einem Urmenschkiefer aus Marokko. Im Jahr 2007 war sein Alter schon einmal bestimmt worden: 160.000 Jahre. Das schien vereinbar damit, dass der Homo sapiens vor rund 200.000 Jahren in Ostafrika entstand und von dort aus die Welt erobert hat. Nun aber haben Forscher aus Leipzig das Fossil erneut untersucht. Die Datierung mithilfe von Elektronenspinresonanz wurde inzwischen verbessert, außerdem haben die Wissenschaftler diesmal die Hintergrundstrahlung an der Fundstelle genauer berücksichtigt. Das Ergebnis: Das Fundstück ist plötzlich fast doppelt so alt – und die Menschheitsgeschichte wohl anders verlaufen. Homo sapiens hatte schon vor 300.000 Jahren ganz Afrika besiedelt, die vermeintliche Wiege in Ostafrika war nur Durchgangsstation. Datierungen von Feuersteinen vom Fundort und die Zusammensetzung der Kleinsäugerfauna vor Ort bestätigen das neu ermittelte Alter.
(Spiegel 24-2017 S.94)

·         Wie kam die Giraffe zu ihrem langen Hals? Indem sie angestrengt ihren Kopf gen Blätterdach reckte, den Hals dadurch wachsen ließ und diese Anpassung an ihre Nachkommen weitergab? Das dachte der große Biologe und Darwin-Vorgänger Jean-Baptiste Lamarck. Seine Evolutionstheorie gilt als Beispiel für wissenschaftlichen Irrtum, millionenfach dokumentiert in Schulbüchern rund um den Globus. Denn recht hatte Darwin: Evolution funktioniert nicht über die gezielte Veränderung bestimmter Eigenschaften, sondern per Zufall und Auswahl. Wars das? – Nach der Jahrtausendwende entdeckten Forscher den Einfluss von »Schaltern«, die einen Genabschnitt aktivieren oder deaktivieren. Welchen, das hängt von den Umwelteinflüssen ab. Die Epigenetik war geboren. Mit ihr wurde Jean-Baptiste Lamarcks Evolutionslehre zwar nicht rehabilitiert. Aber so unrecht, wie es die Biologie-Lehrbücher glauben machen wollten, hatte er auch nicht. Immerhin.
(Die Zeit 4.5.17 S.31ff.)

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Physik

 

 

·         Einstein: „Früher hat man geglaubt, wenn alle Dinge aus der Welt verschwinden, so bleiben noch Raum und Zeit übrig; nach der Relativitätstheorie verschwinden aber auch Raum und Zeit mit den Dingen.“ (11)
Raum und Zeit sind relativ – das bedeutet, dass es eine Relation, eine Verbindung zwischen ihnen gibt, sie sind aufeinander bezogen und existieren nicht unabhängig voneinander, wie es oberflächlich den Anschein hat (142);
eigentlich müsste man von Einsteins Absolutheitstheorie sprechen, das, was er ohne Bezug auf irgendeinen Beobachter als absolutes Maß festlegte, ist die Lichtgeschwindigkeit (146)
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003, S.11)

·         Quanten haben Freiheiten, sie verhalten sich wie jener Dackel, dem zugerufen wird: „Kommst du jetzt her oder nicht!“;
Würfelt Gott? Offenbar würfelt er. Er hält sich aber auch an die erwürfelten Gesetze.;
unter physikalischem Zufall ist das Hindurchreichen der mikroskopischen Unbestimmtheit in den Makrobereich der uns wahrnehmbaren Welt gemeint. Wann beispielsweise ein schweres Quant durch ein Erbgut fliegt und an welcher Stelle es eine Instruktion verändert, ist nicht vorherzusagen ... ähnlich auch in unseren Gehirnen: welche Assoziationen sich in einem unbeschäftigten Gehirn über die Ladungen von Milliarden Molekülen an Milliarden von Nervenverbindungen einstellen werden, ist sicher auch nicht vorherzusagen
(Rupert Riedl: Zufall, Chaos, Sinn; Kreuz Stuttgart 2000, S.38,47)

·         Ganz umfassend behauptet die Mikrophysik, dass alles Naturgeschehen, .... wenn wir hinuntersehen bis in das Gewimmel der einzelnen Atome oder Elektronen, einerseits sprunghaftes, andererseits ursachloses Geschehen ist.
(Dürr: Physik und Transzendenz, Scherz 1988 S. 221)

·         Die Heisenbergsche Unschärferelation bereitete dem Laplaceschen Traum von einem absolut deterministischen Modell des Universums ein jähes Ende: Man kann künftige Ereignisse nicht exakt voraussagen, wenn man noch nicht einmal in der Lage ist, den gegenwärtigen Zustand des Universums genau zu vermessen!
(Hawking: Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit, 1997, S.72)

·         (159) E = mc2
Ein durchschnittlich großer Erwachsener enthält in seinem Körper eine potenzielle Energie, die der Gewalt von 30 großen explodierenden Wasserstoffbomben entspricht
(Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem, Goldmann München 2004)

·         die sichtbare, und uns vertraute Materie (baryonische Materie) macht nur einige Prozent der gesamten Materie des Universums aus – anderer Teil: „dunkle“ Materie;
das Sonnensystem rast um das Zentrum der Galaxis, viel zu schnell, wenn es nur die uns bekannte Materie gäbe;
Galaxien im Vordergrund lenken das Bild einer dahinterstehenden Galaxie ab; Gravitationslinse; um das Bild einer Galaxie derartig zu verzerren, wie es uns erscheint, muss die vorhandene Masse ungefähr 60 x so groß sein wie die Masse sämtlicher Sterne in dem Haufen;
1998: Untersuchung des Lichts von fernen Supernova-Explosionen; offenbar dehnt sich das Universum immer schneller aus; Postulieren einer Energie, die der Schwerkraft entgegenwirkt; entspricht der „Kosmologischen Konstanten“, die Einstein eingeführt hatte; könnte sich aber im Lauf der Zeit ändern und damit gar keine Konstante sein ...;
dunkle Energie bis zu 70 % der Energie im Universum; normale Materie 5 %, dunkle Materie 25 %;
der 2. Hauptsatz der Thermodynamik verletzt die Symmetrie bezüglich der beiden Richtungen der Zeit; Erfahrungstatsache, aber nicht aus Grundgleichungen der Physik herleitbar;
Wo und wie findet der Übergang statt zwischen der mikroskopischen Welt, in der die Quantengesetze regieren, und der makroskopischen Welt, in der diese sinnlos sind?;
Gleichung, die Turbulenzen beschreibt, ist seit 150 Jahren bekannt; wir können die Gleichung nicht lösen, weder numerisch noch mathematisch; Die Gleichungen der Chaostheorie sind lösbar, die Turbulenzen liegen aber nochmals eine Kategorie höher;
(bdw 4/2005 S.40ff. Die 7 Rätsel der Physik)

·         (31) GPS und Relativitätstheorie:
Satelliten umkreisen die Erde mit 14000 km/h; deshalb gehen ihre Uhren nach der Speziellen Relativitätstheorie um 7 Millionstel Sekunden pro Tag langsamer; gleichzeitig ist die Schwerkraft in 20.000 km Höhe erheblich geringer als auf der Erdoberfläche; wegen der Allgemeinen Relativitätstheorie läuft deshalb die Satellitenuhr um 46 Millionstel Sekunden am Tag schneller als am Erdboden; unter dem Strich gehen Uhren in der Umlaufbahn 39 Millionstel Sekunden schneller; würde man den Effekt nicht berücksichtigen, würde das GPS mit jedem Tag 11 km weiter vom richtigen Ort abweichen, nach 5 Tagen wüsste das Navigationssystem nicht, ob es in Düsseldorf oder in Bonn ist
(41) in den Dimensionen von Nanometern (1 Millionstel Millimeter) beginnt die Quantenphysik zu dominieren
(76) in unserem Körper zerfallen pro Sekunde etwa 8000 Atomkerne;
die starke Coulomb-Kraft will die positiv geladenen Protonen im Atomkern auseinandertreiben, denn gleichnamige Ladungen stoßen sich ab; die noch stärkere Kernkraft hält die Kernbausteine jedoch zusammen, hat aber nur kurze Reichweite, deshalb kann die weiterreichende Coulomb-Kraft größere Kerne leichter zerreißen; deshalb gibt es bei steigendem Atomgewicht immer mehr instabile Isotope; viele Protonen auf engem Raum können durch Neutronen zusammengehalten werden – deshalb ist U238 stabiler als U235
(Ludwig Schultz, Hermann-Friedrich Wagner (Hrsg.): Die Welt hinter den Dingen, WILEY-VCH Weinheim, 2006)

·         (225) es ist nicht die Energie selbst, in der sich das Sprunghafte (Quantenhafte) in der Natur unmittelbar ausdrückt; Quantisiert ist primär das, was die Physiker „Wirkung“ nennen, und damit meinen sie das Produkt aus Energie und Zeit;
wenn man eine so definierte Wirkung mit einer Frequenz multipliziert, hebt sich die Zeit auf, und man erhält eine Energie; die Energie von Licht lässt sich nämlich jetzt berechnen, wenn man seine Frequenz mit dem Wirkungsquantum h multipliziert;
da sich aber für eine Frequenz schlecht ein Zeitpunkt festlegen lässt – man benötigt ein Intervall, um zu zählen -, muss man schließen, dass die Energie selbst nicht zu allen Zeitpunkten definiert ist;
(231)
Heisenberg;
die sogenannte Unbestimmtheitsrelation, die unter dem (weniger genauen) Namen Unschärferelation in die Alltagssprache eingegangen ist …
Heisenbergs Relation erfasst die Tatsache, dass sich nicht alle Eigenschaften eines Objekts von atomaren Ausmaßen mit beliebiger Genauigkeit in einem Experiment messen lassen. Man kann z.B. nicht den Ort und die Geschwindigkeit eines Elektrons zugleich ermitteln, wie Heisenberg zum ersten Mal erkannte …
Es geht weniger um Ungenauigkeit und mehr um Unbestimmtheit. Es geht in Wahrheit nicht einfach darum, dass sich zwei Eigenschaften eines Elektrons (oder anderer Gegebenheiten der atomaren Sphäre) nicht gleichzeitig messen lassen; schließlich nimmt man in diesem Fall an, dass die anvisierten Eigenschaften einen aktuellen Wert unabhängig davon haben, ob sie jemand messen will. In Wahrheit ist die Sache viel schlimmer, wie Heisenberg erkannte. Tatsächlich besitzt ein Elektron gar keine bestimmte Eigenschaft, bis jemand es auf sie abgesehen hat und sich um deren Messung bemüht. Objekte der atomaren Wirklichkeit sind ohne die auf sie gerichtete Aufmerksamkeit (ohne einen Eingriff) eines Beobachters unbestimmt, und zwar präzise in der Weise, in der es die (mathematisch formulierten) Unbestimmtheitsrelationen angeben. Elektronen halten sich alle Möglichkeiten offen, bevor sie – unter der Vorgabe eines Subjekts in Form des Experimentators – aktuelle Qualitäten annehmen …
Heisenberg schreibt in den 1950er Jahren in seinem Buch Physik und Philosophie …: „Wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist.“

(Ernst Peter Fischer: Leonardo, Heisenberg & Co., Piper TB München 2004)

·         zu Max Planck:
Quantenphysik:
1. Es gibt keine Kontinuität, Naturvorgänge in der Mikrowelt laufen nicht stetig ab.
2. Naturvorgänge in der atomaren Welt sind nicht eindeutig vorhersagbar; gleiche Ursachen haben nicht die gleichen Folgen, das Kausalitätsprinzip gilt nicht.
3. Alle Bestandteile der Mikrowelt (Atome, Elektronen …) haben keine eindeutigen Charakter; es gibt keinen objektiven Zustand der Natur
(GEO kompakt 14: Die 100größten Forscher aller Zeiten, 2008, S.89)

·         Ist Gott Mathematiker? unterwegs mit Rolf Landua, Physiker am Genfer Kernforschungszentrum CERN;
Die Atome, aus denen alles ist, sind im Wesentlichen leerer Raum, ein Vakuum von 99,9%, darin zuckend und zitternd ein paar Teilchen. Wenn ein Atom so groß wäre wie ein Sportstadion, entspräche der Atom-Kern einer Erbse in der Mitte des Rasens; die Elektronen, zehntausendmal kleiner, kreisten auf den Tribünen;
(die Existenz der Welt als Unfall) beim Urknall entstanden, wie unsere mathematischen Modelle zeigen, nicht nur Teilchen (normaler Materia), sondern auch Antiteilchen, jedem Teilchen entspricht ein Antiteilchen …
eigentlich hätten sich Materie und Antimaterie beim Urknall vollständig gegenseitig vernichten sollen, müssen …
WIR sind das Ergebnis eines Symmetriebruches … ein Teil der entstandenen Materie blieb beim Urknall ungelöscht, vielleicht ein Milliardstel. Und der reichte aus für Milliarden von Galaxien und Milliarden von Sternen …
für das CERN stehen jährlich ein Milliarde Schweizer Franken zur Verfügung … das macht … pro Einwohner und Jahr nicht mehr als einen Euro fünfzig …
GOTT, sagt Landua, erkenne er, wenn überhaupt, vielleicht in den Gesetzen der Physik, der Natur …
(Die Zeit, 22.10.09 S. 54f)

·         Deutscher Nobelpreisträger Theodor W. Hänsch:
Was halten Sie von populistischen physikalischen Schlagwörtern wie Quantenteleportation oder Paralleluniversen?
Manchmal sind solche Schlagwörter peinlich, doch zumindest bringen sie die Physik ins Gespräch. Bei der Quantenteleportation handelt es sich um ein interessantes beobachtbares Phänomen, das allerdings gar nichts mit der Teleportation à la Raumschiff Enterprise zu tun hat. Andere Schlagwörter, zum Beispiel Paralleluniversen, beschreiben Spekulationen. Ich als Experimentalphysiker nehme nur Theorien ernst, die man durch Experimente überprüfen kann. Natürlich darf man auch spekulieren. Doch das ist dann nicht mehr als Science-Fiction
(bild der wissenschaft 5-2011 S.42)

·         Doppelspaltversuch …
Bei diesem Experiment wird einfarbiges Licht auf eine Platte gestrahlt, die einen Doppelspalt enthält. Der Doppelspalt besteht aus zwei parallelen, senkrecht angeordneten, schmalen, dicht beiinenader liegenden Schlitzen. Hinter dieser Platte befindet sich eine Projektionswand, die den Teil des Lichtes auffängt, der den Doppelspalt passieren kann …
Auf der Projektionswand zeigt sich ein Muster aus hellen und dunklen Streifen. Dieses Muster entsteht durch Überlagerung der durch die Öffnungen in der Platte gelangten Lichtwellen. Man bezeichnet diese Überlagerung von Wellen auch als Interferenz. Bei dieser Interferenz bilden sich Bereiche der Verstärkung aus (helle Streifen) sowie der Abschwächung bis hin zu völliger gegenseitiger Auslöschung (schwarze  Streifen). Das höchst Bemerkenswerte an diesem Versuch ist nun die Beobachtung, dass er nicht nur bei Lichtwellen zu diesem Interferenzmuster führt, sondern auch dann, wenn Elektronen, Neutronen, Protonen, Atome oder Moleküle benutzt werden, Mikroobjekte also, die sich sonst wie Teilchen verhalten. Ja selbst dann, wenn nur einzelne Elektronen oder Atome nacheinander die Versuchsanordnung durchfliegen, zeigen sich diese Interferenzmuster. Das heißt, dass auch diese klassischen Teilchen unter bestimmten Bedingungen Welleneigenschaften zeigen. Man spricht daher auch von Materiewellen. (Ein anschaulicher Begriff, der allerdings heute nicht mehr gebräuchlich ist).
(Uwe Lehnert: Warum ich kein Christ sein will, TEIA, Berlin 2009, S.80)

·         Antimaterie entsteht sogar bei einem ganz normalen Gewitter; dabei können Gammastrahlen mit einer Energie von 511 KeV gemessen werden, das ist genau die Energie, die frei wird, wenn Positronen durch Elektronen vernichtet werden
(bild der wissenschaft 6-2012 S.61)

·          


·        Kosmologie

 

 

·         Q: BdW 1/96 S.48
- "Urknall" kein unerschütterliches Wissen, sondern höchstens das zur Zeit beste Modell von der Geburt des Universums, wir
werden nie absolute Gewißheit haben, wie es "wirklich" entstand
- S.56: verschiedene Universen als "Blasen" eines Urgrundes, könnte ewig bestehen, braucht keinen Schöpfungsakt, evtl. auch je eigene
Naturgesetze, eigene Physik
- S.87: Alter des Universums: Cepheiden des Virgo-Haufens vermessen, Hubble-Konstante = 80, Alter des
Universums einige Mrd. Jahre jünger als das der ältesten Sterne; zweite Messung anderswo: 9,5 Mrd.a

·         Q: BdW 4/95 S.56
- Alter des Weltalls, Hubble-Konstante

·         Q: BdW 7/95 S.10
- Alter des Universums 15 Mrd.a, Messung an einer Gravitationslinse

·         Q: BdW 11/95 S.11
-
entfernteste Galaxie: 15 Mrd. Lichtjahre

·         (Quelle: Gespräch 3sat 26.3.95)
- ein Punkt faßte alle
Materie in Form von Energie
- was war vor dem Urknall?
* bei 10-42 Sekunden enden derzeit die Theorien; hier paßt die Naturwissenschaft; subjektive Überlegungen haben Raum (Theologen, Philosophen fragen)
* im U. hat die Zeit erst angefangen; wenn sich nichts bewegt, läuft auch keine Zeit; es war zu dicht und zu heiß
- wo war der Raum?
Raum als Segel, das die Galaxien aufgespannt haben;
Raum hat sich in das NICHTS
hinausgefressen
- Zukunft des Universums?
* zwei konkurrierende Kräfte im Kosmos:
  Expansion durch Energie des Urknalls (geht im großen
  weiter)
  Gravitation (lokal Orte, wo die G. "gewonnen hat":
  Galaxien, unser Planetensystem)
* NW glaubt im Moment
eher an weitere ewige Ausdehnung
  (nicht an Zusammenstürzen)
- Leben im Universum?
Erde extrem lebensfreundlich (anthropes Prinzip);
Glaubensfrage, ob Leben nur einmal gewollt ist oder überall entsteht, wo das möglich ist
- Astronom empfindet angesichts des Himmels weder Geborgenheit noch Leere, sondern ganz stark eine Frage: Was steckt dahinter?
- Foto einer Galaxie ist ästhetisch befriedigend und schön, Ordnung wird entdeckt (ein Plan dahinter...?)
- Freiheit für Gott wo, wie?
* ein NWler würde Gott volle Freiheit am Anfang geben (auch Plan mitliefern); schwierig: späteres Eingreifen (Geltung der Naturgesetze)
* über Gott
können wir nichts exaktes sagen; Gottesbild muß ständig neu erkämpft werden, dem jeweiligen Stand des Wissens angepasst
- Freiheit?
Naturgesetzlichkeit durchbrochen, z.B. in der Quantenphysik? (der Beobachter beeinflußt das Ergebnis
des Experiments und damit den Lauf des Universums...)
- große Probleme der Astronomie:
* dunkle Materie (90%?)
* unglaublich schnelle Bildung von Sternen und Galaxien (Computer brauchen für "Klumpungen" wesentlich
länger als 15 Mrd. a)

·         Nach dem schwachen anthropischen Prinzip müssen die Merkmale der realen Welt (und eben auch die Naturgesetze) so sein, dass Leben möglich ist.;
Das starke anthropische Prinzip geht darüber hinaus und behauptet, die Welt und auch die Naturgesetze seien so, wie sie sind, damit es uns geben konnte.;
Der Raum ist dann nicht absolut, sondern relativ, oder, wie wir heute lieber sagen, relational.; so wirkt nicht nur der Raum auf die darin befindlichen Körper, vielmehr können nun auch die Massen auf den Raum zurückwirken: Sie verzerren ihn. ...
nicht alles ist relativ (z.B. Lichtgeschwindigkeit, Ruhmasse);
Es gibt gute physikalische Gründe, den Raum für dreidimensional zu halten. In einer vierdimensionalen Welt gäbe es keine langfristig stabilen Planetenbahnen ... Atome wären nicht stabil, Ausbreitung von Wellen könnte nicht nachhall- und verzerrungsfrei erfolgen ... (es gäbe keine stabilen Planetenbahnen, keine zuverlässige Informationsübertragung, keine Lebewesen, keine Menschen);
Zeit in der Speziellen Relativitätstheorie als vierte Dimension?; auch nach der SR ist unsere Welt räumlich dreidimensional. Zwar kann man den Raum R und die Zeit T zu einem vierdimensionalen Raumzeitkontinuum E vereinigen, aber auch dann behält die Zeit ihre Sonderrolle. Man erkennt das etwa daran, dass die Zeitkoordinate mit einem anderen Vorzeichen in die Metrik eingeht als die drei Raumkoordinaten: ds2 = dx2 + dy2 + dz2 –c2dt2. Man schreibt lieber E(3+1) statt E(4);
selbst wenn in den „Strings“ weitere Dimensionen „eingerollt“ existieren sollten, - unsere makroskopische Welt bleibt auch dann dreidimensional;
wenn wir davon sprechen, dass das Licht ferner Sterne an der Sonne „abgelenkt“ werde, braucht man dafür nicht eine vierte Raum-Dimension: die Sonne verzerrt den Raum nicht-euklidisch, und in diesem nicht-euklidischen Raum läuft das Licht auf den geradesten Bahnen;
warum hat der Kosmos gerade die Eigenschaften, die für die Entstehung und Entwicklung von Lebewesen gebraucht wurden?
A) Man kann das für einen glücklichen Zufall halten und auf eine Erklärung verzichten
B) teleologische Antwort: der Kosmos ist so, damit es Lebewesen oder sogar Menschen geben kann (starkes anthropisches Prinzip)
C) man kann annehmen, es gebe ungeheuer viele Welten, die meisten lebensunfreundlich, einige aber doch für Leben geeignet
D) Hoffen/Warten, dass durch eine spätere Kosmophysik eine echte Erklärung gegeben werden kann;
(Gerhard Vollmer: Wieso können wir die Welt erkennen?, Hirzel Stuttgart 2003, S.184, 218, 233ff, 240f., 244, )

·         Erde rast mit 100.000 km/h um die Sonne;
kleine Metalleinschlüsse in Meteoriten enthalten reines 160; das entsteht rein nur in einer Supernova;
Erde: anfangs glutflüssig: durch Gravitationsdruck, radioaktiven Zerfall;
Erde hat ihr Wasser durch den Aufprall von kosmischen Eistrümmern erhalten: in Tiefbohrungen kommt ein wasserhaltiges Fluid zu Tage¸ das 3He enthält, ein Stoff, der niemals irdischen Ursprungs sein kann (Einschluss in Meteoriten);
Mond: Mikrometeoriten pulverisieren die Gesteine mehr und mehr, und verwandeln sie zu Regolith, einem grauen Staub;
Gezeiten erzeugen durch Flutberge Reibung, die verbraucht Energie, die Bewegung der Erde wird gebremst, der Tag wird länger; System Erde-Mond behält seinen Gesamtdrehimpuls, was die Erde einbüßt, muss der Mond übernehmen; das tut er, indem er sich von der Erde entfernt; in 100 Jahren wird der Tag 1,6 ms länger, in 225 Mill. a um 1 Stunde; wie sich aus Ablagerungen von Korallen und der Schichtung von Sedimenten erschließen lässt, hat ein Tag vor 370 Mill. a nur 22 Std. gedauert; vor 2 Mrd. a hat die Erde für eine Umdrehung nur 5,5 Std. gebraucht; der Mond entfernt sich mit 3,8 cm/a von der Erde (bei seiner Bildung – Kollisionsmodell – war er nur 60000 km entfernt;
mindestens drei Viertel aller Sterne entstehen als Doppel- oder Dreifachsterne (anfängliche rotierende Gaswolke wird zerrissen);
Protostern: a) Kerntemperatur 1 Mill Grad: Deuteriumkerne und Wasserstoffkerne stoßen zusammen und fusionieren zu 3He (Deuteriumbrennen); b) dann Kontraktion, bei 15 Mill Grad 4 H
à 4He (Wasserstoffbrennen, endet bei unserer Sonne, wenn 1/10 des Wasserstoffvorrats verbraucht ist) c) weitere Kontraktion, Wasserstoffbrennen zündet in Schale um den Kern herum; im Zentrum bei 100 Mill Grad He à C und O;
Meteor (Sternschnuppe): Leuchtspur am Himmel, wenn ein Staubteilchen oder ein Gesteinsbrocken in die Erdatmosphäre eintritt und verglüht,
Meteorid: heißt der Körper, der diese Erscheinung hervorruft,
Meteorit: Restkörper, der nicht verglüht und die Erdoberfläche erreicht;
Massenzuwachs der Erde durch Meteoriten etwa 40.000 t pro a, überwiegend Mikrometeoriten (<1/10 mm);
Mond-Bahn bis heute nicht exakt zu berechnen (Gravitationskräfte von Erde, Sonne, Planeten usw. zerren am Mond;
Stern: ist ein Objekt, das aus eigener Kraft leuchtet und seine Energie aus Kernfusionsprozessen in seinem Inneren bezieht; untere Grenze 1/12 Sonnenmasse, obere beobachtete Grenze 120 Sonnenmassen;
Sterne bis 8 Sonnenmassen: Ende weißer Zwerg, stößt auch noch He-Gas ab, Rest C/O-Kern;
Doppelsternsysteme: Materie von einem aktiven Stern spiralt auf einen Weißen Zwerg hinüber, heizt sich auf, Wasserstoff zündet (Wasserstoffbombe): NOVA;
wenn Masse des Weißen Zwergs dabei >1,44 Sonnenmassen erreicht, Explosion als SUPERNOVA Typ I, auch C-Kern zündet, Stern wird ohne Rest zerstört;
Expansion des Raumes, die Entfernung zwischen den Objekten wächst, die Objekte selbst bleiben unverändert groß;
Hintergrundstrahlung: Satellit COBE (Cosmic Background Explorer): Hintergrundstrahlung exaktes Spektrum eines schwarzen Körpers bei 2,7 K; damit war die Expansion des Universums bewiesen und die Urknalltheorie nicht mehr zu widerlegen;
“dunkle Materie“ zeigt sich lediglich durch ihre Gravitationskraft, die sie auf die sichtbare Materie ausübt; Anteil von etwa 90% an der gesamten Materie;
Kugelgestalt der Erde: Eratosthenes (Alexandria 240 v.Chr.) vermisst Strecke zwischen A. und Assuan (780 km) und den Schatten, den ein Stab an beiden Orten wirft
à Umfang der Erde etwa 40.000 km!;
Einstein wollte sich ein expandierendes Universum nicht vorstellen, fügte in seine Gleichungen(Allg. Relativitätstheorie) ein Korrekturglied ein; der katholische Priester Georges Lemaitre zeigte, dass die Gleichungen auch solche Lösungen zulassen;
(Lesch/Müller: Kosmologie für Fußgänger, Goldmann München, 2001, S.12, 13, 18, 21, 48, 62ff, 74, 76, 121, 123, 128, 136, 143, 145, 160, 165, 175, 217, 246)

·         Universum bestand anfangs aus ungefähr 75 % Wasserstoff, 24% Helium, 0,001% Helium3, 0,002% Deuterium und 0,00000001% Lithium; in den interstellaren Wolken und in sehr frühen Sternen hat sich diese Verteilung im Wesentlichen bis heute erhalten;
in unserer Sonne verschmelzen in jeder Sekunde rund 700 Mill. Tonnen Wasserstoff zu etwa 695 Mill. Tonnen Helium; die restlichen 5 Mill. Tonnen werden bei den Fusionsprozessen größtenteils in Photonen und Neutrinos umgewandelt;
Aufbrauchen des Wasserstoffvorrats:
- Stern wie unsere Sonne: 8-10 Mrd. a
- 20 Sonnenmassen: wenige Mill. a
- Stern mit hundertfacher Sonnenmasse: 1 Mill. a
- Stern mit 120 SM: wenige 10.000 a (Fußgänger S.139)
- 0,2 Sonnenmassen: einige hundert Mrd. a
- Stern mit 1/10 Sonnenmasse: 1000 Mrd. a; 200 Mrd a (Fußgänger S. 139)
nach Ende des Wasserstoffbrennens:
ab einer Kerntemperatur von 100 Mill. Grad startet das sog. Heliumbrennen; dabei vereinigen sich je drei Heliumatome zu einem Kern des Atoms Kohlenstoff, und in der Folge verschmilzt ein vierter Heliumkern mit dem bereits gebildeten Kohlenstoff zu einem Sauerstoffatomkern. Durch stufenweise Anlagerung weiterer Heliumkerne werden in geringen Mengen sogar Neon, Magnesium und Silizium gebildet;
nach Heliumbrennen: bis 8 Sonnenmassen heftiger Teilchenwind, mehr als die Hälfte der Gashülle geht verloren, nach Erlöschen des Fusionsfeuers bleibt der Kern (C+O) als weißer Zwerg übrig;
Gas nach Supernova-Explosion friert aus, kondensiert zu etwa 1 Mikrometer großen Körnchen = interstellarer Staub;
im interstellaren Staub entdeckte Moleküle: auch komplexe organische Moleküle aus bis zu mehr als 10 Atomen bestehend (Tab. S. 119);
die frühen Sterne waren die Geburtshelfer des Lebens (Lebensbausteine erzeugt), die heutigen sind die (nährenden) Ammen;
Aminosäuren bilden sich unter den unwirtlichsten Bedingungen im Weltall: man findet sie in Kometen und Meteoriten, in der Atmosphäre des Jupiter und in interstellaren Gaswolken;
Jupitermond Ganymed ist größer als der Planet Merkur;
in etwa anderthalb Mrd. Jahren wird es langsam ungemütlich auf unserem Planeten, dann kommt die Erde in den wesentlich wärmeren bereich (Strahlung der Sonne nimmt zu), Temperaturerhöhung, keine Winter mehr, Teil der Meere verdampft, Wasserdampfgehalt der Atmosphäre steigt, verstärkter Treibhauseffekt, Verhältnisse wie heute schon auf der Venus;
Abschätzung der Zahl N kommunikationsbereiter Zivilisationen in der Milchstraße:
N = R x fp x ne x fl x fi x fc x L
R = Sternentstehungsrate neu pro Jahr
fp = Anteil der Sterne mit Planetensystem in Prozent
ne = Zahl der Planeten in einem Planetensystem mit lebensgeeigneten Bedingungen
fl = Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich dort Leben auch wirklich entwickelt hat
fi = Wahrscheinlichkeit , dass Leben Intelligenz entwickelt hat
fc = Wahrscheinlichkeit, dass diese intelligenten Wesen auch Fähigkeit zur interstellaren Kommunikation haben
L = Zeit in Jahren, während der eine solche Kultur um Kontakt bemüht ist

 

R

fp

ne

fi

fi

fc

L

N

optimistisch

10

1,0

1

1

1

0,2

108

2 x 108

zurückhaltend

10

0,5

1

1

1

0,2

106

106

pessimistisch

1

0,4

1

1

1

0,1

102

4

·        
bei N = 108: durchschnittliche Entfernung in Lichtjahren zwischen zwei intelligenten Galaxien: 50 Lichtjahre
bei N = 102 : 5300 Lichtjahre;
Gründe, warum „sie“ nicht Kontakt mit uns haben (wollen) S. 322;
mit einer Apollo-Kapsel würde die Reise zu Proxima Centauri 900.000 Jahre dauern;
(Lesch/Müller: Big Bang zweiter Akt – Auf den Spuren des Lebens im All, Bertelsmann München 2003, S.96; 106; 107, 108, 115, 119; 122; 130; 214; 226, 233; 298ff; 322; 339)

·         Noch 1907 wurde die Entfernung zur Andromeda-Galaxie auf 20 Lichtjahre geschätzt, 1952 berechnete man 800.000 und 1972 2,25 Mill. Lichtjahre (222)
(Deutsches Inst. f. Fernstudien Uni Tübingen, Fernstudium Naturwissenschaften, Evolution der Pflanzen- und Tierwelt, 3. Theoretische Grundlagen, 1986)

·         Fusionsprozess in Sternen: 4 Wasserstoffatome verschmelzen zu einem He-Atomkern: erst 1920 als energieliefernder Prozess postuliert (Eddington), vorher: konventionelle Verbrennung gedacht; 1938 Fusionsprozess genauer beschrieben (272)
Reststern nach Supernova-Explosion 1,4 bis 3,2 Sonnenmassen ---> Neutronenstern, bei > 3,2 Sonnenmassen: Schwarzes Loch (275)
Braune Zwerge: zwischen 0,085 und 0,013 Sonnenmassen  (277)
täglich 40 t Meteoriten auf die Erde (278) (= 15.000 t/a JK)
Fusionsprozesse in Sternen bis hin zum Eisen möglich mit Energiefreisetzung (Element Nr. 26); schwerere Atomkerne durch Neutroneneinfang mit Energie-Zufuhr (so Elemente bis 92 Uran) 295)
(Detlev Ganten u.a.: Leben., Natur, Wissenschaft; Eichborn Ffm. 2003)

·         es sind weder bei Aristoteles noch bei Kopernikus oder bei Kepler die Planeten oder andere Himmelskörper, die sich bewegen; es sind vielmehr die Sphären, die sich drehen und die zu ihnen gehörenden Objekte mit sich führen (110);
die Ausdehnung des Kosmos kommt dadurch zustande, dass irgendwo und irgendwie unentwegt Raum und Zeit entstehen (152); Raum ist nicht etwas, das da ist, sondern etwas, das permanent gebildet wird;
Quantenkinderspiel: Ein Kandidat geht vor die Türe, Gruppe denkt sich Begriff aus, er muss raten, Antworten nur JA oder NEIN, 21 Fragen zulässig – so die deterministische Variante;
Variante 2: Kein Begriff wird vorgegeben, der Kandidat entscheidet durch sein Raten und die Gruppe durch ihre Antworten, wie und wohin es weitergeht – am Ende steht auch hier ein exakter Begriff; aber dieser war am Anfang niemandem klar ; ohne die Fragen des Kandidaten (Experiment) ist kein Wort da (191)
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003, S.110)

·         Die Urknall-Hypothese war nie eine rein mathematische Theorie, sie entstand aus der Kombination von Beobachtung und Theorie; erklärt eine Vielzahl von Forschungsergebnissen, auf relativ einfache Weise, offene Fragen stellen sie nicht ernsthaft in Zweifel
(Kitty Ferguson: Gott und die Gesetze des Universums, Econ Düsseldorf 2002, S.186)

·         Das physikalische Universum ist einmalig und hat eine Geschichte. Es kann daher nicht in gleicher Weise Gegenstand der Physik sein wie z.B. der freie Fall. Physik handelt nur von denjenigen Erfahrungen mit der Natur, die beliebig oft in gleicher Weise im Prinzip von jedermann reproduziert werden können. Infolge dieser Objektivität und Wiederholbarkeit können sie Gegenstand von Gesetzen werden, Wir können in der Entwicklung des Kosmos keine wiederholbaren Erfahrungen machen. Es gibt daher grundsätzlich kein kosmologisches Naturgesetz. Physikalische Gesetze werden dazu verwendet, die Geschichte des Universums zu rekonstruieren. Solche einmaligen Vorgänge sind auch Gegenstand der biologischen Evolution oder bei Geschehnissen im religiösen Bereich;
idealisierende und extrapolierende Annahmen im Standardmodell:
1. Verteilung von Strahlung und Materie im Kosmos überall und zu allen Zeiten homogen und isotrop
2. Einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie ist zu allen Zeiten und an allen Orten des Universums anwendbar;
Masse ist eine spezielle Form der Energie. Die Gravitation wird durch die gekrümmte Raumzeit beschrieben. Diese führt nicht nur die Masse (=Energie), sondern alle Formen von Energie, Drücken, Spannungen usw., also insbesondere auch die Lichtstrahlen und verändert ihre Wellenlänge. Umgekehrt kann durch alle Formen von Energie in jeweils spezifischer Weise die Raumzeit gekrümmt und damit gravitative Wirkung etabliert werden.
3. im Universum hat stets die „normale“ Materie vorgelegen und über die Gravitation hat zu allen Zeiten Anziehung geherrscht (wirkt zunehmend bremsend auf die Ausdehnung)
Nur wenn die Annahmen stimmen, ergibt sich der URKNALL als Anfang der physikalischen Welt
empirische Kosmologie (Erfahrungen aus unserer Labor-Welt) bis zu einem Weltalter von 4 Minuten;
weiter heran an den Urknall zunächst noch plausible, dann immer mehr spekulative Theorien („mathematisch sauber und widerspruchsfrei formulierte Spekulationen“; „sehr anspruchsvoll mathematisch-physikalisch formulierte Science fiction“);
(Audretsch//Weder: Kosmologie und Kreativität, Forum Theol. Literaturzeitung, 1999)

·         Bild vom aufgeblasenen Ballon: alle Punkte streben voneinander weg, die entferntesten am schnellsten; auf der Oberfläche gibt es keine Mitte und keine Grenze; die Frage, was sich innerhalb des Ballons befindet, erweist sich ohne Sinn: dort ist nichts, ausgenommen sein Ursprung
(Rupert Riedl: Zufall, Chaos, Sinn; Kreuz Stuttgart 2000, S.36)

·         Supernovae Typ Ia:
ausschließlich in Doppelsternsystemen; zunächst ein normaler Stern, der in seinem Inneren Wasserstoff durch Kernverschmelzung in Helium, Kohlenstoff, Sauerstoff sowie Neon und andere Elemente umgewandelt hat; wenn der nukleare Ofen erloschen ist, schrumpft der ausgebrannte Kern unter seiner eigenen Schwerkraft; so bildet sich im Inneren des Sterns eine etwa erdgroße, extrem heiße Kugel mit millionenfach höherer Dichte als gewöhnliche Materie; danach bläst der heiße Zentralkörper die umgebende Gashülle ab und ein kompakter so genannter Weißer Zwerg entsteht;
in einem Doppelsternsystem kann von dem Partnerstern Materie überströmen; Masse erreicht schließlich einen kritischen Wert; in einem nuklearen Feuersturm kollabiert der Weiße Zwerg zu einem noch viel kompakteren Objekt: einem Neutronenstern; dabei zerreißt es den Zwergstern, er schleudert seine äußeren Schichten mit Geschwindigkeiten von etwa 10.000 km pro Sekunde ins All; die Leuchtkraft des Feuerballs steigert sich etwa 3 Wochen lang, bis sie ein Maximum erreicht und dann über Monate abfällt;
im Mittel leuchtet in jeder Galaxie nur etwa alle 300 Jahre eine Supernova des Typs Ia auf; wegen der Vielzahl an Galaxien zündet aber im Universum alle paar Sekunden eine von der Erde aus beobachtbare Supernova des Typs Ia; ...
virtuelle Teilchen im Vakuum; Paare aus Elementarteilchen und Antiteilchen können spontan entstehen und kurz darauf wieder verschwinden, wenn nur die Zeitspanne kürzer ist als durch die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation  erlaubt (Produkt aus Zeitspanne und der den Teilchenmassen entsprechenden Energie ist kleiner als das Plancksche Wirkungsquantum); die virtuellen Teilchen rufen messbare Effekte hervor (Kräfte zwischen nahen Metallplatten); die Theorie der virtuellen Teilchen stimmt mit den Messungen auf 9 Dezimalstellen überein.; der leere Raum ist also keineswegs leer ...
In den ersten Sekundenbruchteilen des Urknalls hat es (Modell der kosmischen Inflation) schon einmal eine variable kosmologische Konstante gegeben, Vielleicht erleben wir zur Zeit eine zweite solche Phase, die irgendwann enden wird.
(Spektrum der Wissenschaft, Dossier Kosmologie 3/2004, S. 31ff, 39, 42)

·         (15) Das griechische Wort „Kosmos“ hat eine lange Geschichte. Es meint ursprünglich „Ordnung“: früheste Erwähnung bei Homer im 8. Jh.v.Chr. für das geordnet aufgestellte Heer. Dann „Schmuck“ ... Schließlich um die Zeitenwende „Harmonie“, bezogen auf das Weltall, später wie heute „Weltordnung“ und „Weltall“. Also die Welt als geordnetes Ganzes, Kosmos als Gegensatz zum Chaos.;
(17) Kopernikus – war kein säkularisierter Naturwissenschaftler, sondern ein katholischer Domherr;
(24) es war ein Theologe, der oft verschwiegene Astrophysiker an der Universität Löwen Lemaitre, Schüler und Mitarbeiter von Eddington und Einstein, der 1927 im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie das Modell eines expandierenden Weltalls entwickelte und als Erster die Hypothese vom „Ur-Atom“ bzw. „Urknall“ („Big Bang“ war zuerst ein Spottname) aufstellte.;
(80) ob man vielleicht auch bestimmte kosmologische Hypothesen als schiere Spekulationen bezeichnen muss, ein von der Empirie nicht gedecktes Ausdenken bloßer Möglichkeiten;
(93) Wir kennen nur 4% des Weltalls; nur so viel besteht aus gewöhnlicher, sichtbarer Materie (Sterne, Planeten, Monde) ...;
Der unbekannte „Rest“ von 96%? Er besteht aus
23% Dunkler Materie, die örtlich gebunden als Gravitationskraft wirken soll; vermutlich eine gewaltige Masse unsichtbarer und unhörbarer Elementarteilchen ...
73% Dunkler Energie (nach Einstein „kosmologische Konstante“); soll als eine Art Gravitationsfeld wirken, durch die sich das Universum immer schneller ausdehnen kann;
(166f) anthropisches Prinzip
“schwache“, weiche Formulierung: Anfangsbedingungen und Naturkonstanten unseres Universums sind so beschaffen, dass ein „Beobachter“ (also Leben und Intelligenz) entstehen kann;
“starkes“ Verständnis: Universum von Anfang an so beschaffen, dass irgendwann unweigerlich Leben und Intelligenz entstehen mussten;
unübersehbarer Hinweis darauf, dass das Ganze des Evolutionsprozesses nicht sinnlos ist, sondern zumindest für den Menschen ... einen Sinn hat;
(168) Astrophysiker Gerhard Börner / MPI Garching: dass man aus dem anthropischen Prinzip „nicht auf das Prinzip einer zielgerichteten Schöpfung schließen kann, auf die „absichtliche“ Entwicklung des Menschen“. Derartige Schlüsse könne man innerhalb der Naturwissenschaft nicht ziehen, aber man dürfe sich „vom kosmologischen Weltbild zu solchen Gedanken anregen lassen: Wollen wir die Entstehung des Kosmos, von Raum und Zeit, als Schöpfungsakt eines göttlichen Wesens interpretieren, so hindern uns die naturwissenschaftlichen Ergebnisse nicht daran.“
(Hans Küng: Der Anfang aller Dinge, Naturwissenschaft und Religion, München 2005)

·         (36) Die meisten Sternsysteme im Kosmos sind Doppelsterne ...
(40) Als ich klein war (Jahrgang 1951), kannte man im Sonnensystem insgesamt 30 Monde ... heute mindestens 90;
(41) Die bemannte Marsmission, die der erste Präsident Bush in einem kurzen Augenblick der Unbesonnenheit forderte, ließ man stillschweigend fallen, nachdem jemand ausgerechnet hatte, dass sie 450 Milliarden Dollar kosten würde und wahrscheinlich den Tod aller Besatzungsmitglieder zu Folge hätte (Zerstörung der DNA durch energiereiche Teilchen von der Sonne);
besteht keine Aussicht, dass Menschen irgendwann einmal ... den Rand unseres eigenen Sonnensystems besuchen werden
(44) Pluto seit 1999 offiziell im Rang eines Planeten;
(50) in einer durchschnittlichen Galaxie mit rund 100 Milliarden Sternen tritt nur durchschnittlich aller zwei- bis dreihundert Jahre eine Supervova auf;
(175) Jedes Atom in einem Menschen hat wahrscheinlich schon Aufenthalte in mehreren Sternen hinter sich und war auf dem Weg zu seiner jetzigen Position schon Bestandteil von Millionen Lebewesen.;
(221) In der Kosmologie ist „ein Berg von Theorien auf einem Maulwurfshügel aus Befunden aufgebaut“ (Carr);
(223) Wir leben in einem Universum, dessen Alter wir nicht berechnen können, umgeben von Sternen, deren Entfernung wir nicht kennen, zwischen Materie, die wir nicht identifizieren können, und das alles funktioniert nach physikalischen Gesetzen, deren Eigenschaften wir eigentlich nicht verstehen.
(251) Jedes Jahr sammeln sich auf der Erde rund 30.000 Tonnen Weltraumstaub.
(260ff) Schilderung der Folgen eines Meteoriten-Einschlags auf der heutigen Erde;
(279) Temperatur im Erdkern Schätzungen 3900 bis 7200 Grad; seit Bildung der Erde nur um 110 Grad gesunken
(287ff) Supervulkane auf der Erde
(315) Wir leben (auf der Erde) auf einem Doppelplaneten
(317) schwerstes natürlich vorkommendes Element auf der Erde wahrscheinlich Francium (nicht einmal 20 Atome)
(Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem, Goldmann München 2004)

·         (12) Wichen in unserem Universum also die Werte für die Naturkräfte (Naturkonstanten) nur leicht von den tatsächlich beobachteten Größen ab, so wäre Leben und damit der Mensch nicht möglich. Diese Erkenntnis ist als schwaches anthropisches Prinzip bekannt geworden und in dieser Form kaum bestritten.
Andere, stärkere Formen des anthropischen Prinzips gehen viel weiter, bis hin zur Behauptung, die physikalischen Grundkonstanten des Universums seien von einem höheren Willen so aufgestellt worden, dass menschliches Leben entstehen musste. ;
(81f) Wasserstoff und Helium: im Kosmos 99,9% Anteil, auf der Erde 0,1%;
(88) Urknall, Energie, Entstehung von Materie – wie Regentropfen aus sich abkühlender Luft entstand damals Materie aus der sich schnell verringernden Explosionshitze;
(123) in unserer Galaxie entsteht 1 neuer Stern pro Jahr;
(196) Sternschnuppen: täglich durch kleinste Teilchen auf die Erde fallende Menge organischen Materials auf etwa 30 Tonnen geschätzt;
(Hansjürg Geiger: Auf der Suche nach Leben im Weltall, Wie Leben entsteht und wo man es finden kann, Franckh-Kosmos Verlag Stuttgart 2005)

·         Die fundamentalen Naturkonstanten sind das Maß aller Dinge – auch wenn kein Forscher ihre Werte erklären kann. Doch fest steht: Wäre jede Einzelne dieser Konstanten nur geringfügig anders, könnte es Leben und Intelligenz nicht geben: Das All wäre wüst und leer. Physiker und Kosmologen versuchen derzeit zu verstehen, ob wir in einem Designer-Kosmos leben oder nur in einem Universum unter Myriaden ganz unterschiedlicher Universen, ob alles ein unwahrscheinlicher Zufall ist oder ob eine „Weltformel“ die rätselhaften Feinabstimmungen erklärt ...
“Das Universum beginnt mehr einem großen Gedanken gleich zu sehen als einer großen Maschine“, schrieb der britische Physiker James Jeans 1930 ... stimmen seiner Weltdeutung nach wie vor einige Philosophen und Kosmologen zu. Manche sehen in der mutmaßlichen „Feinabstimmung“ der Naturkonstanten für ein lebensfreundliches Universum sogar einen neuen Gottesbeweis – so als stecke hinter allem ein großer Plan. ... Andere lehnen ein solches spirituelles Weltbild als Anthropozentrismus rundweg ab ...;
Ist das Universum, in dem wir leben, nur eines unter vielen – oder ein Designer-Produkt, womöglich von kosmischen Ingenieuren in einem Labor kreiert?;
Zusammenhang zwischen sehr spezifischen Werten der Naturkonstanten, der Eigenschaften von Elementarteilchen und Naturkräften ... und der Existenz von intelligenten, bewussten Lebensformen, die sie erkennen ... „anthropische oder kosmische Koinzidenzen“, „anthropisches Prinzip“ ... das Universum wäre wüst und leer, wenn es die kosmischen Koinzidenzen nicht gäbe;
Erklärungsansätze:
a) Ableitung aus fundamentale(re)n Theorien und Prinzipien
b) Ensemble-Erklärung: Es existieren andere Universen mit anderen Bedingungen
c) teleologische Interpretationen: es gibt zielgerichtete Kräfte, die Feinabstimmungen angestrebt oder bewusst geplant haben;
“Weltformel“, „Quantengravitation“; Stringtheorie“, „M-Theorie“; „Quantengeometrie“; „Theorie von Allem“;
Leonard Susskind: vielleicht 10100 oder 10500 verschiedene Lösungen der String-Theorie (und entsprechend viele Universen mit unterschiedlichen Naturkonstanten und Gesetzen);
Anthropisches Prinzip (1974 in Krakau erstmals formuliert):
bisher über 30 Varianten formuliert;
schwaches AP: Universum so ausgelegt, dass intelligente Beobachter möglich sind;
starkes AP: Universum (gewollt) so ausgelegt, dass es irgendwann die Entstehung intelligenter Beobachter zulässt;
intelligentes Leben weiter gefasst als menschliche Intelligenz oder Leben auf Basis von C, H, O, N;
Evolutionsbiologen sprechen von einer Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt. Demnach sollten die Feinabstimmungen nicht umgekehrt als Anpassung des Universums an den Menschen gedeutet werden. Dies würde die übliche Erklärung von Ursachen und Wirkungen umkehren. ... Hätte sich das Leben nicht vielleicht an jedes Weltall anpassen können?;
Die Multiversum-Hypothese nimmt uns radikaler als alle astronomischen Erkenntnisse seit Kopernikus jegliche Sonderstellung. Diametral entgegengesetzt ist die Hypothese, dass uns das Universum gleichsam zweckdienlich auf den Leib geschneidert wurde (übergeordnete „Absicht“ oder ein der Natur innewohnendes ziel- und zweckgerichtetes Prinzip);
gegen alle anthropozentrischen teleologischen Ansätze lässt sich einwenden, dass sie das Problem der Überdetermination haben: Eine kosmische Lebensstätte für den Menschen wäre mit viel geringerem Aufwand zu haben ... unser Sonnensystem oder die Galaxis würden ausreichen;
theologische Einwände: der persönliche Bezug zum Gläubigen mit seinen Hoffnungen und Ängsten bleibt bei einem bloßen Weltbaumeister-Gott ja außen vor. Hinzu kommen die seit Jahrhunderten diskutierten Probleme desTheismus, etwa die Frage, warum die Welt so viele Übel enthält, wenn sie die „bestmögliche“ eines allmächtigen und allgütigen Schöpfers sein soll.;
Designer-Universum muss nicht Gott beweisen , könnte auch von kosmischen Ingenieuren sorgfältig konstruiert oder durch einen Betriebsunfall bei einem Laborexperiment erzeugt worden sein;
37 Zahlen braucht unser Universum:
das experimentell glänzend bestätigte Standardmodell der Elementarteilchen hat 26 Werte, die gemessen und gleichsam von Hand in die Gleichungen eingefügt werden müssen, also nicht aus grundlegenderen Prinzipien berechnet werden können. Neben der elektrischen Elementarladung und der Stärke der Wechselwirkungen sind dies insbesondere die Massen der diversen Elementarteilchen (Quarks, Leptonen und Bosonen). ... dazu derzeit 11 kosmische Kennziffern = 37 Naturkonstanten;
Buch: Jürgen Hübner u.a. (Hrsg.): „Ein Universum nach Maß?“, Tübingen 2004 (79€)
(bdw 8/2006 S.32ff)

·         (31) Der Priester, Mathematiker und Physiker Georges Lemaitre entwickelt im Jahr 1927 und gegen Einsteins Ansichten die Urknalltheorie; später Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften;
(125) anthropisches Prinzip, schwache Version: Das Universum ist so beschaffen, dass denkende Wesen (z.B. Menschen) entstehen können oder (starke Version) entstehen müssen;
(Ulrich Lüke: Das Säugetier von Gottes Gnaden, Evolution-Bewusstsein-Freiheit, Herder Freiburg  2006)

·         (16) US-Physiker RRCaldwell und M Kamionowski:
der leere Raum ist nicht wirklich leer, im Vakuum werden ständig so genannte virtuelle Paare von Elementarteilchen erzeugt und wieder vernichtet, jeweils ein Teilchen und ein Antiteilchen; möglich nach Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation – können für eine extrem kurze Zeit Δt real existieren;
dabei gilt folgende Einschränkung: das Produkt ΔtxΔE ist stets kleiner oder gleich der Konstanten h/4π (h = Plancksches Wirkungsquantum); man muss aber nicht befürchten, dass plötzlich aus dem leeren Raum virtuelle Äpfel oder Bananen auftauchen; Heisenbergs Formel gilt nur für Elementarteilchen und spielt für makroskopische Körper keine Rolle
(aber wie kann dann aus Quantenfluktuationen ein ganzer Kosmos entstehen? JK)
(Spektrum der Wissenschaft Dossier „Grenzen des Wissens“, 2002)

·         (54) die Einschlagstheorie sieht den Mond als das Produkt eines streifenden Zusammenstoßes der Erde mit einem marsgroßen Himmelskörper; vor 4 Mrd. Jahren wurde ein großer Teil der auf dem Erdmantel schwimmenden Erdkruste in den Weltraum befördert; die Restkruste war lückenhaft; ließ Raum für Ozeanbecken, hatte nun auch genügend Bewegungsfreiheit, in Schollen über den heißen, in geologischen Zeiträumen durchaus mobilen Erdmantel zu driften; an den Rändern türmen sich beim Zusammenstoß Gebirge auf; ohne dies wäre die Erde ziemlich glatt und vollständig von Wasser bedeckt
(Ludwig Schultz, Hermann-Friedrich Wagner (Hrsg.): Die Welt hinter den Dingen, WILEY-VCH Weinheim, 2006)

·         (17) Nikolaus von Kues hat schon 1435 behauptet, was Kopernikus 1543 feststellt, dass sich die Erde um die Sonne dreht;
(25) Notiz von Leonardo da Vinci: „Die Sonne bewegt sich nicht“;
(40) die Astrologie scheint die Frage nach dem Sinn des Kosmos zu klären; Sie gibt vielen Menschen das Gefühl, Kinder des Weltalls und im Rahmen der Schöpfung gemeint zu sein ... uns einen Ort zuweisen, an dem wir uns wohl fühlen. Selbst die unwissenschaftlichsten Sternbilder sind manchen modernen Menschen lieber als die gigantischen Gasexplosionen und die finsteren Staubwolken, von denen die Astronomie zu berichten weiß. ... macht es jedermann möglich, seine eigene Verantwortung von sich zu schieben und alles dem Schicksal anzulasten
(Ernst Peter Fischer: Leonardo, Heisenberg & Co., Piper TB München 2004)

·         dunkle Energie, die gegenwärtig die Ausdehnung des Weltraums beschleunigt, war schon vor 9 Milliarden Jahren wirksam; übertrifft die Wirkung der Schwerkraft seit 5-6 Milliarden Jahren;
(bdw 2/07 S.15)

·         Neutronenstern entdeckt, der sich in jeder Sekunde 1122 mal um die eigene Achse dreht, knapp 20 km Durchmesser;
Weiße Zwerge, Kataklysmische Variable (bei denen ein weißer Zwerg einem normalen Stern Materie entzieht) und Blaue Nachzügler (aus der Verschmelzung zweier Sterne entstanden); Rote Zwergsterne (massearm)
(bdw 5/07 S.12; 58)

·         Gefahr durch Asteroiden-Einschlag auf der Erde;
selbst Apophis, der bisher gefährlichste entdeckte Asteroid, wird die Erde nach jüngeren Berechnungen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:45.000 treffen, in 29 Jahren;

·         mehr als 60 % aller erdnahen Asteroiden mit Durchmesser von mehr als 1 km sind wahrscheinlich bekannt; Einschlag mit globalen Auswirkungen; bisher im Durchschnitt einmal in 10 Millionen Jahren;
kleine Objekte von weniger als 50 Metern Durchmesser verglühen in der Atmosphäre;
dazwischen gibt es bis zu 100.000 Objekte; ein solcher hat 1908 in Sibirien eingeschlagen; Energie mehrerer Atombomben;
das wahrscheinlichste Ereignis: ein Einschlag aus heiterem Himmel
(ZEIT 24.5.07 S.41)

·         Das bewegte Universum
Vom verspotteten "Big Bang" über die Geburt der Sterne bis zum heutigen Sonnensystem:
eine
sehr
kurze Chronik der vergangenen 14 Milliarden Jahre.
Von Max Rauner
Am Anfang war Häme: Als »Big Bang«, zu Deutsch Urknall, verspotteten Astronomen in den fünfziger Jahren die noch junge Idee, der zufolge das Universum in einem unvorstellbar dichten Feuerball geboren wurde und sich seitdem unaufhörlich ausdehnt. Hatten nicht alle großen Naturforscher von Aristoteles über Newton bis Einstein an ein starres Weltall geglaubt? Doch die Indizien für die Urknalltheorie häuften sich, heute zweifelt kaum noch ein Kosmologe an ihr.
Geknallt hat damals, vor rund 14 Milliarden Jahren, allerdings nichts. Zum Zeitpunkt null gab es noch keine Luft, durch die sich Schall hätte ausbreiten können. Nur Energie in unvorstellbar hoher Konzentration: alle Materie des beobachtbaren Universums, komprimiert auf einem Punkt kleiner als ein Sandkorn, einhundert Quintillionen (1032) Grad Celsius heiß. Über den ersten Bruchteil von 10-43 Sekunden dieser Schöpfungsgeschichte reden Physiker allerdings nicht so gern, die Theorie dafür ist noch in Arbeit. Mit Aussagen über die Zeit danach fühlen sie sich sicherer.
Im ersten Augenblick, 10-35 Sekunden nach null, bläht sich das Universum schlagartig auf wie ein Luftballon an einer Pressluftflasche – Kosmologen reden von Inflation (englisch für Aufblähung). Diese Phase dauert einen winzigen Bruchteil der ersten Sekunde. Anschließend verläuft die Ausdehnung gemächlicher. Strahlung erfüllt das All, Elementarteilchen wie Quarks und Elektronen schwirren umher. Innerhalb der ersten Sekunde formieren Quarks sich zu Wasserstoff-Atomkernen, Minuten später auch zu etwas komplexeren Helium-Atomkernen. Diese toben durchs Universum wie Sandkörner im Wüstensturm. Das All ist heiß und undurchsichtig, Lichtteilchen kollidieren ständig mit Materieteilchen.
Erst nach 400.000 Jahren legt sich der Sturm. Die Atomkerne haben sich mit den Elektronen zu neutralen Atomen vereinigt, Licht kann sich fortan ungehindert ausbreiten. Aus dieser Zeit stammt die Mikrowellenstrahlung, die noch heute das Universum erfüllt – als Echo des Urknalls.
Allerdings ist das All noch recht langweilig. Erst allmählich klumpt die Materie dank der Schwerkraft zu größeren Wolken zusammen. Etwa 400 Millionen Jahre nach dem Urknall ist es so weit: Die Wolken kollabieren. In ihrem Zentrum verschmelzen Atomkerne und strahlen dabei Licht aus. In schneller Folge entstehen so die ersten Sterne, alle paar Stunden ein neuer.
Aber die erste Generation lebt nur kurz. Nach wenigen Millionen Jahren sind die Sterne ausgebrannt, implodieren und schleudern ihr Inneres wieder ins All, darunter auch Elemente wie Sauerstoff, Kohlenstoff, Eisen, die durch Verschmelzen leichterer Atome entstanden sind. Die Sternenreste dienen als Baustoff für die nächste Generation (auch die Atome, aus denen der Mensch besteht, entstanden einst in Sternen). Zwei weitere Sterngenerationen hat das Universum seitdem hervorgebracht.
Unsere Sonne entstand neun Milliarden Jahre nach dem Urknall und gehört zur Enkelgeneration. Sie ist jetzt rund fünf Milliarden Jahre alt und wird noch mal so lange leben, dann ist sie ausgebrannt. Sie wird sich vorübergehend auf mehr als das Hundertfache ihrer heutigen Größe aufblähen und die Erdkruste aufschmelzen. Dann endet sie als »weißer Zwerg«, wenig größer als die Erde und kaum heller als der Vollmond. Alle übrigen Sterne im Universum sterben einen ähnlichen Tod oder enden als Schwarze Löcher. Das Universum dehnt sich weiter aus – bis in alle Ewigkeit.

„Das würde ich eine Krise nennen“ (Lee Smolin)
„Nur zu ein paar Prozent besteht unser Universum aus sichtbarer Materie. Für schätzungsweise 95 Prozent des kosmischen Inventars haben Forscher bislang wenig mehr als Namen, und schon die sind mysteriös genug: Dunkle Materie und Dunkle Energie. Das All ist erfüllt von etwas, was wir nicht sehen, und wird getrieben von einer Kraft, die wir nicht verstehen. ... Die Grundlagenphysiker driften zusehends weg von der Naturwissenschaft, hin zu reinen Mathematik ... Immer kühner türmen die Theoretiker ihre Gedankengebäude. Immer weiter entfernen sie sich von den Möglichkeiten der Experimentalphysik. ... Heute ist das meiste, was Theoretiker über die Grundlagen der Physik publizieren, nicht überprüfbar.“
„Heute zweifelt kaum noch ein Kosmologe an der Urknall-Theorie.“

In ihrem gegenwärtigen Zustand ist die Stringtheorie eher reine Mathematik als empirische Physik. Sie passt auf 10100 verschiedene Universen, vielleicht auch auf 10500 , und es nicht noch nicht einmal geklärt, ob unser Heimatuniversum dabei ist

(DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14 S. 29ff)

·         erdähnlicher Planet entdeckt: Gliese 581 c
Stern Gliese 581 hat nur ein Drittel der Masse unserer Sonne und glimmt nur mit einem Begleiter Fünfhundertstel ihrer Leuchtkraft (roter Zwergstern);
nur identifiziert über „Gewackel“ = Unregelmäßigkeiten der Bahn seiner Sonne;
Entfernung von der Erde: 20,5 Lichtjahre
Größe: 1,5-facher Erddurchmesser
2,2-fache Erdgravitation
Durchschnittstemperatur: 0 bis 40 Grad Celsius (flüssiges Wasser!)
wendet seiner Sonne immer die gleiche Seite zu (kein Tag-Nacht-Rhythmus)
Abstand vom Zentralgestirn: 1/14 der Entfernung Erde-Sonne
Dauer eines Sonnenumlaufs: 13 Erdentage
(Spiegel 18/07 S.150; ZEIT 26.4.07 S.41)

·          

Die verrücktesten Sterne

Eigenschaft

Wert

Der größte Stern

VY Canis Maioris
Überriese
1,2 bis 1,5 Milliarden km Durchmesser;
etwa 2000 Sonnenradien

Der hellste Stern

LBV 1806-20
38.000.000-fache Leuchtkraft der Sonne

Der schwerste Stern

Eta Carinae
100 bis 150 Sonnenmassen

Der schnellste Stern

PSRJ1748-2446ad
Pulsar; 716 Umdrehungen je Sekunde

Das kompakteste Paar

4U1820-30
Doppelsternsystem;
1 Umkreisung dauert 11 Minuten;
Abstand 130.000 km

·         Sterne vom mindestens 8-fachen der Sonnenmasse „ernähren sich einige Dutzend Millionen Jahre von Wasserstoff, dann wenige Millionen Jahre von Helium und maximal einige Tausend Jahre von Kohlenstoff; das darauf folgende Siliziumbrennen dauert bloß noch drei Wochen;
Oberflächentemperatur der Sterne liegt zwischen 2000 und 50.000 Grad (Sonne 5.500);
Lebensdauer von Sternen liegt zwischen weniger als drei Millionen und mehr als einer Billion Jahren, je massereicher ein Stern, desto schneller verbrennt er seinen Rohstoff; Sonne 4,6 Mrd. Jahre alt, wird noch knapp 7 Mrd. Jahre leuchten;
die meisten Sterne entstehen nicht einzeln, sondern in Paaren oder Gruppen (Doppel- und Mehrfachsysteme);
im beobachtbaren Universum mindestens 10 hoch 22 Sterne, in unserer Milchstraße über 100 Milliarden (10 hoch 11);
der unserer Sonne nächste Stern ist Proxima Centauri (4,2 Lichtjahre)
(bdw 10/2007 S.42ff)

·         (bdw 11/07 S.44ff):
wie sich die Sonne verändert

Stadium

Alter
Mrd.a

Leuchtkraft
heute=1

Oberflächen-Temp. (Kelvin)

Radius
heute=1

Masse
heute=1

Erstes Stadium der Hauptreihe

0,00

0,7

5596

0,89

1,000

Gegenwart

4.58

1,00

5774

1,00

1,000

Wärmstes Stadium der Hauptreihe

7,13

1,26

5820

1,11

1,000

Letztes Stadium der Hauptreihe

10,00

1,84

5751

1,37

1,000

Maximalgröße Roter Riese

12,17

2176

2606

256

0,668

Beginn des Helium-Brennens im Kern

12,17

53,7

4667

11,2

0,668

Maximum des RGB-Stadiums (Red Giant Branch)

12,30

2090

3200

149

0,546

Letzter thermischer Puls des RGB-Stadiums

12,30

4170

3467

179

0,544

·         in 1,6 Mrd a wird die Sonne 15% heller sein als heute; die irdischen Temperaturen steigen dann auf 60 bis 70 Grad Celsius; zu heiß für Leben; für höheres Leben kritisch: 30 Grad Celsius
in 7 Mrd Jahren wird die Erde nicht mehr rotieren, sondern der Sonne ständig die gleiche Seite zuwenden, auf der geschmolzenes Gestein verdampft (bis 2200 Grad); Rückseite ist von einer mächtigen Eiskappe bedeckt (bis minus 240 Grad);
(bdw 11/07 S.44ff; 52ff)

·         Staubwolke nach Sternexplosion Supernova-Rest Cassipeia A; 11.000 Lichtjahre entfernt; genaue Messungen (Argon, Silizium, Silikate, Eisenoxid, Kohlenstoff, Aluminiumoxid, Staub); im Trümmernebel Staub-Material,das für Bildung von über 10.000 Planeten der Masse unserer Erde ausreichen würde
(bdw 3-2008 S.10)

·         Bisher größtes stellares (beim Zusammenbruch eines Sternes entstandenes) Schwarzes Loch gefunden: 24-33-fache Sonnenmasse
(bdw 1
-2008 S. 12)

·         Bisher schwerstes stellares Schwarzes Loch entdeckt; 24-33-fache Masse der Sonne, Ursprungsstern wohl 60 Sonnenmassen
(bdw 1-2008 S.12)

·         Zehn Jahre ist es her, dass Astronomen eine neue, bisher unbekannte Kraft im All entdeckten, die „Dunkle Energie“; Treibkraft, die das All seit einigen Milliarden Jahren immer stärker auseinandertreibt;
Warum macht sich die „Dunkle Energie“ gerade jetzt bemerkbar? In der Frühphase des Alls, als die Materiedichte sehr viel höher war, spielte sie nämlich keine Rolle, und in ferner Zukunft, wenn zwischen den Galaxien gigantische Leerräume gähnen, wird sie nicht mehr nachweisbar sein;
Hinweis auf das „anthropische Prinzip“;
Tagung in Baltimore; „Wir wissen nicht, ob wir auf dem richtigen Weg sind und ob wir überhaupt die richtigen experimentellen Fragen stellen“; „Es gibt Leute, die bringen ihr Leben damit zu, etwas zu suchen, was nicht existiert oder nicht nachweisbar ist. Das sind merkwürdige Menschen … Ich glaube, wir sind alle dabei, zu solchen Leuten zu werden“
(ZEIT 15.5.08 S. 38)

·         Rudolf Kippenhahn;
Beispiel Merkur: Er umrundet die Sonne nicht einfach in einer Ellipsenbahn, wie es die klassische Mechanik verlangt; vielmehr dreht sich seine Bahnellipse geringfügig,
sodass der Planet bei jedem Umlauf eine etwas andere Bahn durchläuft als zuvor. Das widerspricht der klassischen Mechanik. So genau wir von der Erde aus messen können, sagt aber die Relativitätstheorie diese Bewegung richtig voraus. Doch die klassische Theorie wurde durch Einstein nicht falsch, sie ist nur eine Näherung von Einsteins genauerer Theorie, brauchbar nur für schwache Schwerefelder. Aber soll die Relativitätstheorie die absolute Wahrheit sein? Bewegt sich der Merkur exakt so, wie si es verlangt? Neuere Messungen der kosmischen Expansion deuten auf zusätzliche, bisher unbekannte Kräfte hin. Sie beeinflussen die Bewegungen der Galaxien und die Expansion des Weltalls und werden etwas vage als Dunkle Materie und Dunkle Energie bezeichnet. Folgen auch sie Einsteins Gleichungen? … genaue Messungen der Merkurbahn 2013 geplant …
Meine dritte Frage wird wahrscheinlich niemals beantwortet. Es ist die Gretchenfrage nach Gott, die Astronomen immer wieder gestellt wird. … Als man Gewitter auf Naturgesetze zurückführen konnte, wurde der Donnergott überflüssig. So hat die Naturwissenschaft in der Vergangenheit Gott immer weiter zurückgedrängt. Biologen und Mediziner können körperliche Vorgänge, Krankheiten und Tod mit Naturgesetzen erklären. Vielleicht wird der mensch einmal auch die Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie im Rahmen der Naturgesetze verstehen. Wäre dann kein Gott mehr nötig, wenn alles erklärt ist? Aber woher kommen die Naturgesetze? Sind sie am Ende gottgegeben? Sind sie wie in einem Gesetzbuch gesammelt, dessen einzelne Paragrafen wir im Lauf der Zeit begreifen lernen? Oder schaffen wir uns die Naturgesetze selbst, um uns in einer chaotisch erscheinenden Welt einigermaßen zurechtzufinden?
Vor diesen Fragen stehen wir genauso ratlos wie der alte Germane vor dem Gewitter.
(ZEIT 26.6.08 S.33)

·         Selbst von den 4 % der normalen Materie, aus der Sterne, Planeten und wir selbst bestehen, kennen die Astronomen noch nicht einmal die Hälfte; der überwiegende Teil soll sich … als extrem dünnes, heißes Gas zwischen den Galaxienhaufen befinden
(bdw 7-2008 S.13)

·         Stephen Hawking korrigiert sein Modell vom Urknall;
Vor unserem Universum könnte bereits ein
anderes existiert haben – mit umgekehrter Zeitrichtung. Der Urknall wäre dann nur eine Art Übergang gewesen. Mit dieser faszinierenden Vorstellung provoziert Stephen Hawking die Zunft der Kosmologen. Denn sie waren bislang davon überzeugt, dass es entweder gar keine Zeit vor der Entstehung unseres Weltraums gab –oder dass die Zeit seit aller Ewigkeit dieselbe Richtung hat. …
auch die kosmische Inflation und die Dunkle Energie, die bislang nicht in Hawkings Weltmodell passten, sind jetzt damit vereinbar …
S.H.: Mithilfe seines Sprachcomputers, vielen Mitarbeitern und eigenen mathematischen Techniken leistet er Spitzenforschung. Doch da sich seine Theorien kaum durch Messungen überprüfen lassen, stehen seine Aussichten für den Physik-Nobelpreis schlecht. …
1963 Krankheit, Diagnose ALS; normalerweise stirbt man an dieser degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems innerhalb von 2 bis 3 Jahren …
in jeder Sekunde wächst das Volumen des beobachtbaren Universums etwa um die Größe unserer Milchstraße. Es ist der Raum selbst, der expandiert …
Wird das Universum im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie beschrieben, hat es im Urknall eine Singularität – eine Stelle, wo die Naturgesetze außer Kraft sind – und ebenso im Endknall, falls es dazu käme … Doch in der Natur kann eine Singularität aufgrund ihrer unendlichen Dichte, Energie und Krümmung nicht existieren – sie ist ein mathematisches Artefakt, das den Zusammenbruch der Theorie markiert. Daher suchen Kosmologen nach singularitätsfreien Modellen. …
Wenn in der Singularität keine Naturgesetze mehr gelten, dann entgleitet sie gleichsam dem Zuständigkeitsbereich der Physik. Das war für manche Theologen, Philosophen und Physiker ein willkommener Ankerplatz für metaphysische Spekulationen bis hin zu einem schöpferischen Eingriff Gottes. Tatsächlich wurde Hawking 1981 von den Jesuiten auf eine Kosmologie-Konferenz in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften eingeladen. Papst Johannes Paul II. … ermunterte ihn und die anderen Forscher dort, die Entwicklung des Universums seit dem Urknall zu studieren, wollte diesen aber als Gottes Refugium unangetastet wissen. Doch H. stellte ein physikalisches Modell vor, das die Entstehung des Universums ohne überweltliche Intervention zu erklären versuchte – und gleichzeitig die ominöse Urknallsingularität vermied. …
“Die Grenzbedingung des Universums ist, dass es keine Grenze hat. Das Universum wäre völlig in sich abgeschlossen und keinerlei äußeren Einflüssen unterworfen. Es wäre weder erschaffen noch zerstörbar. Es würde einfach SEIN.“ …
genauso unsinnig wie die Frage, was südlich des Südpols liegt … aber so, wie die Naturgesetze am Südpol in Kraft sind, sollte das auch beim Urknall der Fall gewesen sein …
“das Universum gibt es, weil die Allgemeine Relativitätstheorie und die Quantentheorie seine Existenz ermöglichen und erfordern … Wenn ich recht habe, ist das Universum in sich selbst gegründet und wird von den Naturgesetzen allein regiert.“ …
(S.H. 2007:) “Ich denke, dass das Universum spontan aus dem Nichts entstand gemäß den Gesetzen der Physik.“ In gewisser Weise habe es weder Anfang noch Ende. „Die Grundannahme der Wissenschaft ist der wissenschaftliche Determinismus: Die Naturgesetze bestimmen die Entwicklung des Universums, wenn sein Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben ist. Diese Gesetze können von Gott erlassen worden sein oder nicht, aber er kann nicht eingreifen und die Gesetze brechen, sonst wären es keine Gesetze. Gott bliebe allenfalls die Freiheit, den Anfangszustand des Universums auszuwählen. Aber selbst hier könnten Gesetze herrschen. Dann hätte Gott überhaupt keine Freiheit.“ Den Begriff Gott verwendet Hawking nach eigener Aussage „in einem unpersönlichen Sinn, so wie es Einstein für die Naturgesetze tat.“ Für die Annahme eines fürsorglichen Schöpfers sieht er keinen Grund: „Wir sind so unbedeutende Kreaturen auf einem kleinen Planeten eines sehr durchschnittlichen Sterns in den Außenbezirken von einer Galaxie unter hundert Milliarden. Daher ist es schwer, an einen Gott zu glauben, der sich um uns kümmert oder auch nur unsere Existenz bemerkt.“ …
Hawking legt allerdings großen Wert darauf, dass seine Hypothese bloß ein Vorschlag ist. „Der ultimative Test ist, ob die Vorhersagen mit den Beobachtungen übereinstimmen. In der Vergangenheit war Kosmologie ein Gebiet, in dem wilde theoretische Spekulationen nicht durch die Beobachtungen eingeschränkt wurden. Aber jetzt setzen präzise Messungen den theoretischen Modellen enge Grenzen …“ …
Zunächst gibt es noch keine durch Beobachtungen bestätigte Theorie der Quantengravitation. Hawkings Vorschlag beruht daher auf spekulativen Annahmen. Doch das gilt auch für alle konkurrierenden Modelle. …;
(bdw 7-2008 S.36ff)

·         „kosmos“ = schöne Ordnung; nicht umsonst haben „Kosmos“ und „Kosmetik“ die gleiche etymologische Wurzel
(EZW-Texte Impulse Nr.28, B. Heller: Naturwissenschaft und die Frage nach
der Religion; Stuttgart 1989)

·         die „dunkle Energie“ könnte nur eine optische Täuschung sein, der wir erliegen, weil wir in einer expandierenden Gegend des Universums wohnen
(ZEIT-
Wissen Heft 1/2009, S.24)

·         Wenn die Erde den Mond nicht hätte, wäre menschliches Leben nicht möglich;
Wirkung der Gravitation des Mondes: 21 Meter maximaler Tidenhub an der kanadischen Atlantikküste; auch über das scheinbar stabile Festland wandert ein Gezeitenbuckel von bis zu 40 cm Höhe;
kurz nach der Entstehung der Erde war der Tag vermutlich nur 5 Stunden lang, der neu gebildete Mond raste in nur 20.000 km Höhe um die Erde, die Mondscheibe am Himmel hatte den vierzigfachen Durchmesser der heutigen, noch immer entfernt sich der Mond jährlich um weitere 3,8 cm von der Erde, der Erdentag verlängert sich jährlich um etwa 20 Millisekunden;
Kräfte aus dem All (Schwerkraft anderer Planeten) ließen die Erde auf chaotische Weise taumeln, würde der Mond sie nicht stabilisieren;
in etwa 1 Mrd Jahren wird die Anziehungskraft so gering sein, dass dann die Kräfte der großen Planeten dominieren, Erdachse wird in lebensfeindliche Positionen kippen
(DIE ZEIT 13.11.08 S.57)

·         Pulsar im Krebsnebel dreht sich 30 x pro Sekunde;
der Rekordhalter unter den Neutronensternen bringt es auf 716 Umdrehungen je Sekunde;
ab 4 bis 5 Sonnenmassen als Rest einer Supernova entstehen Schwarze Löcher;
Durchmesser von Neutronensternen etwa 20 km (1 Kubikzentimeter wiegt 1 Milliarde Tonnen);
(bdw 7-2009 S.52ff.)

·         nach neuesten Schätzungen bestehen über 80% der Masse im All aus dunkler Materie
(Spiegel 22-2009 S.132)

·         Johannes Kepler, katholisch getauft, später in protestantischen Schulen unterrichtet; beginnt dank eines Stipendiums mit 18 Jahren ein Studium der evangelischen Theologie; wird noch vor dem Abschluss Mathematiklehrer;
zu seinen Aufgaben gehört auch Astrologie – das dient seinem Lebensunterhalt;
(Die Zeit 5.2.09 S.80)

·         der Vatikan habe mit der Verurteilung des Astronomen Galileo Galilei nichts zu mtun, das sei die Inquisition gewesen und nicht der Vatikan, der damalige Papst Urban VIII. habe das Urteil nicht unterzeichnet, die Kardinäle seien sich über die Verurteilung nicht einig gewesen – sagte der Präsident des Päpstlichen Kulturrats, Erzbischof Ravasi
(taz 28.11.08 S.18)

·         deutscher Physiker Martin Bojowald: neue Theorie zum Urknall; Schleifenquantengravitation (SQG); ein früheres Universum hat sich unter seinem eigenen Gewicht zusammengezogen, alle Naturgesetze waren darin räumlich in ihr Spiegelbild verkehrt; Urknall als Moment der höchsten Dichte; dann prallt der Raum an sich selbst ab; die Modellwelt wurde heil durch den Urknall manövriert; einen Blick in das Universum erhaschen, wie es vor dem Urknall existiert haben muss
(Spiegel 14-2009 S.130)

·         Kosmologische Kennziffern

Alter des Universums, Milliarden Jahre

13,7

Hubble-Konstante heute
Kilometer je Sekunde und Megaparsec

70

Anteil der „normalen“ Materie in Prozent

4,4

Anteil der kalten „Dunklen Materie“ in Prozent

23,1

Anteil der Neutrinos in Prozent

0,3

Anteil der gesamten Materie
an der gesamten Energiedichte in Prozent

27,7

Anteil der „Dunklen Energie“
an der gesamten Energiedichte in Prozent

72,3

S.51: Im Wettstreit der Hypothesen führt zur Zeit die Ansicht, dass der Urknall ein Übergang war und nicht der absolute Anfang von allem;
ist es nicht klar, ob die Frage nach dem Ursprung des Urknalls physikalisch überhaupt sinnvoll ist. Wenn es keine Zeit vor dem Urknall gab, kann es auch keine Ursache für ihn gegeben haben. Und selbst wenn der Big Bang nicht der absolute Beginn der Raumzeit war, hatte er nicht unbedingt eine Ursache. Er könnte auch blanker Zufall gewesen sein wie etwa der Zerfall eines radioaktiven Atoms.;
(bild der wissenschaft 11-2009 S.49ff)

·         Schwarze Löcher, die wir beobachten, könnten in Wirklichkeit auch Wurmlöcher sein, Tunnel durch Raum und Zeit, die weit entlegene Teile des Universums oder sogar verschiedene Universen miteinander verbinden; lassen sich von Schwarzen Löchern kaum durch Beobachtungen unterscheiden (Hawking-Strahlung beim „Verdampfen“ ist zu schwach, um gemessen werden zu können)
(bild der wissenschaft 4-2008 S.10)

·         Aus dem Tagebuch des Universums

Zeit nach
dem Urknall

Temperatur
in Grad Celsius

Ereignisse

 

 

Epoche der Quanten-Gravitation, es gibt nur eine einzige Superkraft, Raum und Zeit sind nicht unterscheidbar; Dichte 1094 Gramm je Kubikzentimeter

10-43 Sekunden

1032

Abspaltung der Gravitation, Entstehung der klassischen Raumzeit, Plasma von Energie und Teilchen, die sich ineinander umwandeln, Materie und Antimaterie

10-35

1027

Abspaltung der starken Wechselwirkung, Asymmetrie zwischen Materie- und Antimaterie-Teilchen

10-11

1015

Aufspaltung der elektroschwachen Wechselwirkung zur elektromagnetischen und schwachen Wechselwirkung,

10-6

1014

Protonen und Neutronen entstehen aus Quarks, winziger Überschuss an Materie

100

109

Entstehung der Atomkerne der leichten Elemente (H, He, D, Li) aus Protonen und Neutronen

380.000 Jahre

4000

Entstehung der Atome, das Universum wird durchsichtig

100 Millionen bis 1 Milliarde

- 250

Bildung der ersten Sterne und Galaxien

seit 1 Milliarde

 

Entstehung von Planeten und Leben

9,1 Milliarden

 

Entstehung unseres Sonnensystems

13,7 Milliarden

- 270

Gegenwart

Der dänische Astronom Tycho Brahe schlug 1587 einen Kompromiss (zwischen dem ptolemäischen und dem kopernikanischen Weltbild) vor: Die Erde bleibt im Zentrum, umkreist von Mond und Sonne … die Sonne wiederum steht im Mittelpunkt der Kreisbahnen der anderen Planeten …;
Johannes Kepler machte sich in seinem Werk „Astronomia Nova“ (1609) an den Nachweis, dass sich sowohl nach dem ehrwürdigen geozentrischen System des Ptolemäus als auch nach dem neuen heliozentrischen System des Kopernikus die einigermaßen sicheren Positionen der Planeten errechnen lassen. Auch wenn man beide Systeme kombiniert, wie es Tycho Brahe getan hat, kommt man zu vernünftigen Ergebnissen. Alle drei Systeme sind geometrisch und mathematisch miteinander kompatibel. Die bloße Beobachtung und die Beschreibung der Phänomene bringt also keine Entscheidung über falsch oder richtig … Kepler ging den Schritt von der reinen Beobachtung zur begründenden Erklärung … probierte viele Möglichkeiten … und kam zu dem Resümee: „Also ist die Planetenbahn eine Ellipse … “;
Galilei hatte Keplers „Astronomia Nova“ wohl nicht gelesen, jedenfalls erwähnt er nichts davon. Noch 1632 schrieb er in seinem „Dialog“ unbeirrt von Kreisen und nicht von Ellipsen, auf denen die Planeten um die Sonne laufen.

(bild der wissenschaft 2-2009 S.38ff)

·         Leserbrief Michael Werner;
In allen Gedanken über Leben auf anderen Himmelskörpern scheint mir ein grundlegender Denkfehler zu liegen: Alles wird darauf abgeklopft, ob dort genau die Form von Leben möglich wäre, die wir von uns her kennen. Darüber wird vergessen, wie Evolution abläuft.
Selbstverständlich sind wir irdischen Lebewesen Kinder dieses Planeten und genau an seine Bedingungen angepasst, einfach deshalb, weil es hier so ist, wie es ist. … Nicht die Erde passt zu uns, sondern wir passen auf die Erde. Selbstverständlich wird Leben überall ebenso die Frucht gerade seiner heimischen Verhältnisse sein ( und hätte wahrscheinlich Schwierigkeiten unter unseren „freundlichen“ Bedingungen.)
(bild der wissenschaft 8-2009 S.16)

·         Stephen Hawking – da sich seine Theorien kaum durch Messungen überprüfen lassen, stehen seine Aussichten für den Physik-Nobelpreis schlecht
(bild der wissenschaft 7-2008, S.39)

·         In jeder Sekunde wächst das Volumen des beobachtbaren Universums etwa um die Größe unserer Milchstraße;
verfolgt man die Expansion des Alls im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie immer weiter in die Vergangenheit – so als würde man den kosmischen Film rückwärts abspielen -, gelangt man an einen unerfreulichen Punkt in den Gleichungen: eine Singularität. Hier werden die Temperatur, Dichte, Energie und Krümmung unendlich, Raum und Zeit dagegen Null. Die Relativitätstheorie bricht in ihrer Gültigkeit und Anwendbarkeit zusammen. … Wenn in der Singularität keine Naturgesetze mehr gelten, dann entgleitet sie gleichsam dem Zuständigkeitsbereich der Physik. Das war für manche Theologen, Philosophen und Physiker ein willkommener Ankerpunkt für metaphysische Spekulationen bis hin zu einem schöpferischen Eingriff Gottes …
Hawking stellte ein physikalisches Modell vor, das die Entstehung des Universums ohne eine überweltliche Intervention zu erklären versuchte – und das gleichzeitig die ominöse Urknall-Singularität vermied.
(bild der wissenschaft 7-2008, S.48ff)

·         Achim Weiß, Max-Planck-Inst. für Astrophysik:
(F) Manche Astrophysiker behaupten, es gäbe Paralleluniversen oder Quantenkosmen, wofür jeder Beweis fehlt. Wo ist der Unterschied?
(A) Der Unterschied besteht darin, dass das Hypothesen sind, die sich aufgrund von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben können. Die daran arbeitenden Wissenschaftler belegen ihre Annahmen wissenschaftlich und wären sofort bereit, diese zu verändern, wenn ihnen Kollegen Fehler oder einen Widerspruch nachweisen würden.
(bild der wissenschaft 1-2010 S.48ff)

·         seit vor über 50 Jahren die Raumfahrt begann, sind etwa 6000 Satelliten ins All geschossen worden, 900 davon sind heute noch in Betrieb; Weltraumschrott: etwa 18000 Objekte sind größer als 10 Zentimeter, groß wie eine Kirsche sind 40 mal so viele
(bild der wissenschaft 2-2010 S.50)

·         Wie groß ist das Universum?
Der Urknall fand vor 13,7 Milliarden Jahren statt. Insofern könnte man argumentieren, dass 13,7 Milliarden Lichtjahre der minimale Radius des Universums ist …
Allerdings hat sich der Weltraum seit dem Urknall weiter ausgedehnt, und er tut dies in den letzten 6 Milliarden Jahren sogar immer schneller. Daher ist der Radius des beobachtbaren Universums nicht 13,7, sondern knapp 50 Milliarden Lichtjahre groß … Der Durchmesser des sichtbaren Universums beträgt knapp 100 Milliarden Lichtjahre …
(bild der wissenschaft 3-2010 S.12)

·         Schicksal eines Weißen Zwergs, der Materie an sich zieht und eine Masse von etwa 1,4 Sonnenmassen erreicht hat;
1. besteht er aus Kohlenstoff und Sauerstoff, wird er thermonuklear gezündet, dass heißt sein C und O werden explosiv zu Nickel und Silizium verbrennen, als Folge wird der Weße Zwerg in einer sehr hellen Typ-Ia-Supernova-Explosion vollständig zerstört;
2. besteht er aus Sauerstoff und Neon, kollabiert sein Kern zum Neutronenstern, weil die Energieerzeugung durch das einsetzende nukleare Brennen nicht ausreicht, dies zu verhindern, gleichzeitig wird seine Hülle in einer relativ schwachen Explosion ausgeschleudert
(bild der wissenschaft 3-2010 S.14)

·         Kosmologen verstehen 95% der Welt nicht einmal ansatzweise. Denn 23% von allem entfallen auf eine mysteriöse Dunkle Materie und 72% auf eine noch rätselhaftere Dunkle Energie …
Wenn die Milchstraße kein typischer Ort im Weltraum ist, könnten sich die Kosmologen grundlegend verrechnet haben. Dann wäre auch die Dunkle Energie ein gewaltiger Irrtum, und das All könnte erheblich älter sein als die Wissenschaftler bislang dachten. …
Die Hauptkandidaten dafür, woraus die Dunkle Materie besteht, sind unbekannte Elementarteilchen, die nicht der elektromagnetischen Wechselwirkung unterliegen …
Begriff der Dunklen Energie 1998 geprägt … Inzwischen sind weit über 1000 wissenschaftliche Artikel zur Dunklen Energie erschienen …
(neue Berechnungen: das Universum könnte plötzlich erstarren) … ist Skepsis angebracht. Die Szenarien der Zukunftssingularitäten sind sehr spekulativ: mathematische Möglichkeiten zwar, aber deshalb noch lange nicht real. Vielleicht wird hier auch die Allgemeine Relativitätstheorie über ihre Gültigkeitsgrenzen hinaus strapaziert – ähnlich wie bei den Singularitäten des Ur- und Endknalls und in den Schwarzen Löchern. …
1917 hatte Einstein eine wesentliche Vereinfachung eingeführt, die bis heute grundlegend geblieben ist, und die der englische Kosmologe E. A. Milne 1933 explizit formuliert und als Kosmologisches Prinzip bezeichnet hat. Es besagt, dass das Universum im Großen und Ganzen gleich beschaffen ist und kein Beobachter eine besondere Stellung im All hat, also auch nicht ein irdischer Astronom. Genauer gesagt: Das Kosmologische Prinzip nimmt an, dass die Materie im großen Maßstab in alle Richtungen gleichförmig (isotrop) und überall gleichartig (homogen) verteilt ist.
(nur wenn das Kosmologische Prinzip vorausgesetzt wird, kann das Universum  im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie angemessen beschreiben);
Fällt das Kosmologische Prinzip, löst das einen Domino-Effekt aus … das erste und prominenteste Opfer auf der Schlachtbank der Hypothesen könnte die ominöse Dunkle Energie sein
(bild der wissenschaft 4-2010 S.40ff; 52ff)

·         Leserbrief:
Nicht die Erde passt zu uns, sondern wir passen auf die Erde. Selbstverständlich wird Leben überall ebenso die Frucht gerade seiner heimischen Verhältnisse sein (und hätte wahrscheinlich Schwierigkeiten unter unseren „freundlichen“ Bedingungen.
(bild der wissenschaft 8-2009 S.16)

·         Was im Zentrum eines Schwarzen Lochs steckt, lässt sich auch mithilfe der Relativitätstheorie nicht beantworten. Dafür ist eine Theorie der Quantengravitation nötig, die es aber noch nicht gibt. Manche Physiker spekulieren sogar über ein Tor zu einem anderen Universum oder den Zündfunken eines neuen Urknalls. Viel wahrscheinlicher ist eine unglaublich dichte Energiekonzentration – oder sogar das Ende der Raumzeit selbst.
(bild der wissenschaft 3-2011 S.44)

·         gibt es seit wenigen Jahren ein widerspruchsfreies „Standardmodell“: Demnach ist das Universum 13,7 Milliarden Jahre als und besteht überwiegend aus einer mysteriösen Dunklen Energei (73%) und einer nicht weniger rätselhaften Dunklen Materie (23%), während die sichtbare Materie – Gas, Satub, Sterne und Planeten – lediglich etwa 4% ausmacht
(bild der wissenschaft 9-2011 S.43)

·         (S.32) Aristarch bringt die von ihm vorgenommene Messung des Universums zu der Hypothese, „dass die Erde sich um die Sonne auf der Umfangslinie eines Kreises bewegt, wobei sich die Sonne in der Mitte der Umlaufbahn befindet.“ Mit anderen Worten, Aristarch schlägt fast 2000 Jahre vor Kopernikus die Idee einer heliozentrischen Welt vor.

(S.87ff.) Drittes Keplersches Gesetz: Bei der Bewegung eines Planeten ist das Quadrat seiner Umlaufzeit proportional zur dritten Potenz der großen Halbachse. …
Was sich nun bei Kepler ändert, sind keine gleichartigen, sondern verschiedenartige Größen – die eine erfasst den Raum (die Länge der Achsen), die zweite die Zeit (des Umlaufs). Raum und Zeit hängen offenkundig zusammen, wie hier früh sichtbar und erst 400 Jahre später mit Einsteins Relativität auf- und eingelöst wird.

(S.252f.) Wir sind … bis auf ein paar Sekunden an den Urknall herangekommen. … um zuletzt in einem Zeitraum zu landen, in dem die Extrapolation (der in unserer Welt bekannten physikalischen Gesetze JK) versagt und wir ahnungslos verharren müssen. Wenn wir nämlich ganz nah zum Urknall hinkommen, wissen wir nicht mehr, welche Physik gilt, weil dort sowohl die Relativitätstheorie von Einstein als auch die Quantenphysik eine Rolle spielen, und deren Kombination – etwa als Quantengravitation – entzieht sich der Wissenschaft bislang. Kippenhahn nennt diesen völlig unerforschten (und derzeit unerforschlichen) Abschnitt der kosmischen Entstehung die „Weiße Epoche“ und mit diesem Begriff kann man ausdrücken, was das Bild vom Urknall besagt:
Das Reden vom „Urknall“ drückt nicht aus, dass die Welt mit einer unendlichen Dichte und einer ebensolchen Temperatur begann, sondern nur, dass der Kosmos aus der „Weißen Epoche“ mit einer Expansionsbewegung herausgekommen ist, die den Eindruck erweckt, als hätte er kurz zuvor – sehr kurz zuvor – mit unendlicher Dichte und Temperatur sein Leben begonnen.

(Ernst Peter Fischer: Die kosmische Hintertreppe, nymphenburger München, 2009)

·         (S.510) Die Selbstverständlichkeit des Kopernikanischen Weltbilds
Ludwig Wittgenstein, einer der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, fragte einmal einen Bekannten: „Sagen Sie mir, warum die Leute immer behaupten, es sei für die Menschen eine ganz natürliche Annahme gewesen, dass die Sonne um die Erde kreist und die Erde sich selbst nicht dreht.“ Darauf erwiderte der Bekannte: „Nun ja, es hat doch den Anschein, als würde die Sonne um die Erde kreisen.“ Worauf Wittgenstein fragte: „Wie hätte es denn ausgesehen, wenn es den Anschein gehabt hätte, dass sich die Erde dreht?“
Diese Bemerkung des großen Philosophen zitiere ich manchmal in Vorträgen, und dann rechne ich eigentlich damit, dass die Zuhörer lachen. Aber stattdessen verstummen sie offenbar vor Verblüffung.
(Richard Dawkins: Der Gotteswahn, Ullstein Taschenbuch, Berlin 2008)

·         In der Milchstraße wimmelt es einer neuen Schätzung zufolge von erdähnlichen Planeten. Vermutlich besitze mindestens jeder zweite Stern in etwa erdgroße Planeten, berichteten US-Wissenschaftler auf der Jahrestagung der Amerikanischen Astronomischen Gesellschaft in Long Beach (Kalifornien). Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass es auf einem dieser Himmelskörper auch Leben gibt. Forscher um Astronomieprofessor Geoff Marcy von der Uni von Kalifornien hatten die Daten des Planetenjägers "Kepler" der US-Raumfahrtbehörde Nasa analysiert
(taz 9.1.2013 S.8)

·         METEORITEN - Roulette im All
Jederzeit kann ein Asteroid die Zivilisation vernichten. Ein Ex-Astronaut will die Gefahr bannen - mit Geld privater Spend;
Die Gefahr, dass die Erde von einem Asteroiden getroffen wird, ist erstaunlich groß. Ein Tunguska-großer Gesteinsbrocken kartätscht im Schnitt alle 300 Jahre heran. Erst im Februar dieses Jahres rauschte der Asteroid 2012 DA14 in nur 27 700 Kilometer Entfernung an der Erde vorbei. In den Weiten des Alls gilt das als Haaresbreite.;
Die Gefahr ist real. Am 15. Februar schoss ein ungefähr 18 Meter messender Asteroid mit über 70 000 Stundenkilometern in die Atmosphäre nahe dem russischen Tscheljabinsk. Die Detonation fand zum Glück in über 20 Kilometer Höhe statt. Dennoch wurden 1500 Menschen verletzt, vorwiegend durch herumfliegende Scherben zerborstener Fenster.;
(Der Spiegel 23-2013 S.115)

·         Die europäische Raumsonde Planck hat die Kosmische Hintergrundstrahlung sehr genau vermessen und gleichsam das schärfste „Babyfoto" des Alls gemacht.
Die Daten zeigen: Der Weltraum ist auf großen Skalen nahezu ungekrümmt und enthält nur zu 5 Prozent gewöhnliche Materie. 95 Prozent sind dunkel und rätselhaft.
Kontroversen gibt es wieder einmal um den Wert der Hubble-Konstanten, von dem das Alter des Universums abhängt – nun auf 13,8 Milliarden Jahre beziffert.;
Mit 68,3 Prozent der Gesamtenergiedichte entfällt der größte Teil auf die mysteriöse Dunkle Energie, die seit sechs Milliarden Jahren die Ausdehnung des Universums eigenartigerweise beschleunigt;
Fast ein Drittel, Plancks Messungen zufolge 26,8 Prozent, ist die nicht weniger rätselhafte Kalte Dunkle Materie (cold dark matter, CDM). Sie besteht vermutlich aus noch unbekannten, nicht elektromagnetisch wechselwirkenden Elementarteilchen (bild der wissenschaft 12/2011, „Dunkle Materie"). Da die Heiße Dunkle Materie nicht weiter ins Gewicht fällt (siehe Kasten S. 50, „ Heiß, dunkel und sehr leicht"), macht die gewöhnliche Materie – überwiegend Protonen, Neutronen und Elektronen – lediglich 4,9 Prozent der Gesamtenergiedichte aus.;
Das ist der Fortschritt der modernen Kosmologie: Heute wissen wir sehr genau, was wir nicht kennen – und das sind 95 Prozent von allem.
(bild der wissenschaft 9-2013 S.43)

·         UNSER UNIVERSUM IST NICHT DAS EINZIGE
Ellis, Laughlin & Co. bemängeln, dass mit Multiversen-Szenarien prinzipiell unüberprüfbare Behauptungen in die Welt gesetzt würden. Mit harter Wissenschaft habe das nichts zu tun. Vorhersagen wären unmöglich, der Beliebigkeit sei Tür und Tor geöffnet, und das Erfolgsrezept der strengen Maximen der Forschung würde unterlaufen.;
Was ist ein Universum?
Der Begriff „Multiversum“ leitet sich von „Universum“ ab, worin das lateinische Wort „unus“ für „ein Einziger“ steht, und vervielfacht dieses im Wortanfang, denn „multus“ bedeutet „viel, zahlreich“. Es bezeichnet die in der aktuellen Kosmologie so beliebte wie umstrittene Hypothese, dass eine Vielzahl von Universen existiert. Zuweilen wird „Multiversum“ synonym mit „Megaversum“, „Metaversum“, „Omniversum“, „Ultraversum“ oder „Welt-Ensemble“ verwendet.
Die Probleme und Konfusionen beginnen schon mit der Terminologie. Denn es werden mindestens sechs verschiedene, sich teilweise überlappende Begriffe gebraucht. Mit „Universum“ kann gemeint sein:
(1) alles, was (physikalisch) existiert – irgendwann und irgendwo,
(2) die beobachtbare Region des Alls,
(3) die beobachtbare Region des Alls und alles, was mit ihr in kausaler Wechselwirkung stand oder einmal stehen wird,
(4) jedes physikalische System, das universell groß werden könnte, selbst wenn es in sich zusammenstürzt, solange es noch klein ist,
(5) ein Zweig der quantenphysikalischen Wellenfunktion (falls diese nie kollabiert) – das heißt, eine von verschiedenen Historien oder verschiedenen Welten in Superposition (siehe Kasten S. 51, „Viele Quantenwelten“),
(6) vollständig getrennte physikalische Systeme.;
(bild der wissenschaft 1-2014 S.38ff. - http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=33536947 )

·         Ist das noch Wissenschaft?
Wenn oder weil sich andere Universen nicht direkt beobachten lassen, sind die Hypothesen darüber trotzdem nicht zwangsläufig unwissenschaftlich. Es stimmt zwar: Gerade diese Widerlegbarkeit gilt als Gütesiegel wissenschaftlicher Hypothesen und Theorien. „Insofern sich die Sätze einer Wissenschaft auf die Wirklichkeit beziehen, müssen sie falsifizierbar sein, und insofern sie nicht falsifizierbar sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit“, schrieb der Philosoph Karl Popper 1932. Mit dieser Überzeugung, die er in seinem Buch „Logik der Forschung“ sorgfältig ausgearbeitet und begründet hat, prägte er nachhaltig das Verständnis von Wissenschaft als eine Sache der Bildung und Überprüfung widerlegbarer Hypothesen (Falsifikationismus). Er betrachtete das auch als Abgrenzungskriterium der Wissenschaft von Metaphysik, Logik sowie Mathematik einerseits und der Pseudowissenschaft andererseits.
Allerdings sind andere Universen keine wissenschaftlichen Gesetzes-Hypothesen – analog beispielsweise zu Galileis Fallgesetz. Spricht man vom Multiversum, so ist dies eine sogenannte hypothetische universelle Existenzaussage. Sie lässt sich im Gegensatz zu räumlich oder zeitlich lokalisierten Existenzsätzen aufgrund unseres eingeschränkten Zugangs zur Welt nicht falsifizieren. Aber sie muss verifizierbar sein.
Allerdings ist die Verifizierbarkeit universeller Existenzsätze noch nicht hinreichend für ihre Wissenschaftlichkeit. Sonst wären beispielsweise auch fiktive Einhörner oder Gespenster ein Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen. Ein weiteres Kriterium muss hinzukommen – die theoretische Einbettung: Universelle Existenzsätze sind dann wissenschaftlich, wenn sie sich verifizieren lassen und einen Platz im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Theorie haben, insbesondere wenn sie von dieser vorausgesagt werden. Das hat schon Popper so gesehen.;
Sean Carroll vom California Institute of Technology. „Es ist ein Fehler, zu denken, das Multiversum sei eine Theorie, die von verzweifelten Physikern am Ende ihrer Vorstellungskraft erfunden wurde. Vielmehr wird das Multiversum von bestimmten Theorien vorhergesagt. Die Frage ist auch nicht, ob wir jemals dazu in der Lage sein werden, andere Universen zu sehen, sondern sie besteht darin, ob wir die Theorie überprüfen können, die impliziert, dass sie existieren.“;
Vielleicht werden sich Kosmologen in 10, 100 oder 1000 Jahren über die Wissenschaft Anfang des 21. Jahrhunderts wundern – und sich entweder fragen, warum sie so blind war und die Indizien für die Existenz anderer Universen nicht klarer gesehen hat, oder aber, weshalb sie so verrückt war, sich in solche Fantasien zu versteigen. Im Augenblick kann die Sache nicht entschieden werden. Auch deshalb ist es vernünftig und wichtig, die multiversalen Ideen so gut wie möglich auszuloten – eingedenk der Warnung, die Steven Weinberg 1977 ausgesprochen hat: „Unser Fehler ist nicht, dass wir unsere Theorien zu ernst nehmen, sondern dass wir sie nicht ernst genug nehmen.“
(bild der wissenschaft 1-2014 S.52f.)

·         Seit noch nicht einmal 20 Jahren gibt es ein „Standardmodell“ der Kosmologie, das alle Daten widerspruchsfrei beschreibt.
(Bild der Wissenschaft 6-2014 S.2)
Kosmischer Lauschangriff

·         Astronomie Erstmals ist-es Forschern gelungen, GravitationsWellen zu messen, winzigste Dellen in der Raumzeit, ausgelöst vom Crash zweier schwarzer Löcher. Das Spektakel erschütterte das Universum - und unser Verständnis vom All…
Detailgenau erzählt die Nachricht aus dem All von einem Spektakel, das sich vor rund 1,3 Milliarden Jahren in einer fernen Galaxie am Sternenhimmel der südlichen Hemisphäre zugetragen haben muss. Zwei schwarze Löcher, das eine schwer wie 29 Sonnen, das andere noch um sieben Sonnenmassen schwerer, wirbelten dort auf immer engeren Bahnen umeinander. Bis auf wenige Hundert Kilometer hatten sich die beiden Schwergewichte einander angenähert, ihr Tempo erreichte schwindelnde 200000 Kilometer pro Sekunde. Dann berührten sich die beiden Trumms und verschlangen einander augenblicklich. Acht Tausendstel Sekunden lang wabbelte das neu entstandene Gebilde, dann hatte es seine endgültige Gestalt gefunden: Als 62 Sonnenmassen schweres schwarzes Loch zieht es seither seine Bahnen. All das geschah im Bruchteil einer Sekunde, und doch reichte diese kurze Zeit aus, um drei Sonnenmassen in pure Energie zu verwandeln - das ist 50-mal so viel wie das Leuchten sämtlicher Sterne des sichtbaren Universums zusammengenommen. Das Echo dieser ungeheuren Energie-Eruption haben die Ligo-Forscher nun aufgefangen. …
Es ist ein eigentümliches Konzert, das zwei dieser Kolosse geben, wenn sie einander umkreisen. Zunächst geben sie nur ein eintöniges und sehr tiefes Gravitationsbrummen von sich, das unmerklich höher und intensiver Wird, Während sich die beiden ganz langsam näherkommen. Ins Hörfenster der beiden US-Detektoren verschiebt sich der Brummton erst Sekundenbruchteile vor dem fulminanten Finale. 17-mal pro Sekunde kreiseln die beiden schwarzen Löcher zu diesem Zeitpunkt umeinander, und plötzlich geht alles ganz schnell: Noch ein Dutzend Mal kreisen sie und wirbeln dabei immer wilder, der Brummton schwillt in einem mächtigen Glissando an, um dann unvermittelt abzuebben. Es ist erstaunlich, wie viel Information sich diesem kurzen Zirpen entlocken lässt. Der Zeitpunkt, an dem der Ton abbricht, verrät zum Beispiel, wie groß die beiden kollidierenden Objekte waren. Die Intensität des Signals wiederum lässt darauf schließen, in welcher Entfernung von der Erde sich der Crash zutrug. Im Fall des jetzt verkündeten Ereignisses sind diese Fakten allein schon eine physikalische Sensation: Bisher war nicht einmal bekannt, ob es schwarze Löcher mit 20, 30 oder gar 60 Sonnenmassen überhaupt gibt.
(Der Spiegel 7/2016 S.105)

·         Sieben Welten-Wunder
Warum wir im goldenen Zeitalter der Astronomie leben
Ausgerechnet im Sternbild Wassermann, Esoteriker mag es freuen, haben Himmelsforscher eine faszinierende Entdeckung gemacht. Gleich sieben erdähnliche Planeten kreisen dort um den 39 Lichtjahre von uns entfernten Zwergstern Trappist-1. Schon häufiger haben Astronomen mögliche Zwillingserden gefunden, aber noch nie so viele in einem einzigen Sonnensystem - ein Welten-Wunder. Auf mindestens drei der Gesteinsplaneten könnte es flüssiges Wasser geben, was als Voraussetzung für die Entstehung von Organismen gilt. Wenn dort Aliens existierten, wären sie allerdings gezwungen, ein Leben in ewiger Dämmerung zu führen. Der lachsrote, kühle Stern spendet nur ein Zweihundertstel des Lichts der Erdensonne. Dafür brächen bei den Bewohnern vielleicht weniger Kriege aus: Im Konfliktfall könnten die Streithähne auf bewohnbare Nachbarplaneten verbannt werden. Es sind ja genug Welten für alle da.
Der Planetenfund zeigt einmal mehr, dass wir in einem goldenen Zeitalter der Astronomie leben. Immer geht es um die ganz großen Fragen: Sind wir allein im Universum? Wie entstanden einst Sterne und Galaxien (siehe nächste Seite)? Wie wird alles enden? Laien erscheint es wie Magie ~ die Antworten finden sich in dem Licht der Sterne. Ihm seine Geheimnisse zu entreißen erfordert jedoch einen wachsenden Aufwand. So wird sich erst mit den Himmelsaugen der nächsten Generation enträtseln lassen, ob die sieben neuen Welten tatsächlich belebt sind. Bereits im kommenden Jahr will die Nasa das „James Webb“ Space Telescope ins All schießen, den Nachfolger des legendären „Hubble“-Weltraumteleskops. Und bis 2024 errichten die Europäer in der chilenischen Atacamawüste das größte jemals gebaute Spiegelteleskop. All diese Kathedralen der Himmelskunde kosten viel Geld; doch ihre Ziele könnten bedeutender nicht sein.
(Der Spiegel 9/2017 S. 101)

·         Ausgerechnet im Sternbild Wassermann, Esoteriker mag es freuen, haben Himmelsforscher eine faszinierende Entdeckung gemacht. Gleich sieben erdähnliche Planeten kreisen dort um den 39 Lichtjahre von uns entfernten Zwergstern Trappist-1. Schon häufiger haben Astronomen mögliche Zwillingserden gefunden, aber noch nie so viele in einem einzigen Sonnensystem – ein Welten-Wunder. Auf mindestens drei der Gesteinsplaneten könnte es flüssiges Wassergeben, was | als Voraussetzung für die Entstehung von Organismen gilt.
(Spiegel 9-2017 S.101)

·         Sind wir allein im All? Forscher wollen Botschaften ins All senden. 
Überlegene Eroberer - Zu den prominentesten Gegnern des Projekts zählt Physikgenie Stephen Hawking: „Wenn Aliens uns entdecken, könnte es uns so gehen wie den Azteken, nachdem sie von Cortez entdeckt worden waren.“ Falls es technische Zivilisationen im All gibt, sind sie uns mit hoher Wahrscheinlichkeit weit überlegen, denn unsere menschliche Hochkultur ist gemessen am kosmischen Zeitmaßstab blutjung. Wenn E. T. üble Absichten hegt, haben wir denen so wenig entgegenzusetzen wie die Indios vor 500 Jahren den Feuerwaffen der Spanier, warnt Hawking.
(tv today August 2017 S.16)

·          


Chaosforschung

 

 

·         Einstein (1941! JK):
“... wenn die Zahl der mitwirkenden Faktoren bei einem Komplex von Naturerscheinungen zu groß ist, lässt uns die wissenschaftliche Methode meist im Stich. Man braucht nur an das Wetter zu denken, für das eine Voraussage selbst auf wenige Tage
schon unmöglich wird. Und dennoch besteht kein Zweifel, dass wir dabei einem Kausalzusammenhang gegenüberstehen, dessen einzelne Komponenten uns im wesentlichen bekannt sind. Ereignisse auf diesem Gebiet entziehen sich unserer exakten Vorhersage nur wegen der Mannigfaltigkeit der mitwirkenden Faktoren, nicht wegen einer mangelnden Ordnung in der Natur.“
(Dürr: Physik und Transzendenz, Scherz 1988 S.77)

·         Europäisches Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (EZMW) in Reading in England;
anhand der aktuell tatsächlich ermittelten Wetter-Daten werden 41 Modelle mit geringfügig variierten Ausgangswerten gerechnet;
am dritten Tag gehen die Wege oft merklich auseinander; nach drei Wochen rechnet jedes Modell in seiner eigenen Welt;
kurzzeitige Prognose Gitternetz von 25 x 25 km; Halbjahresprognose 145 km Rasterweite
(Spiegel 10-2008 S.166)

·         Europas schnellster Computer in Jülich; 180 Billionen Rechenoperationen je Sekunde
(Freie Presse Chemnitz 19.6.08)

·         Die tägliche Wettervorhersage trifft mit einer Genauigkeit von 87% zu
(ZEIT 17.1.08 S.33)

·         Gottfried Wilhelm Leibniz
Er wollte die Welt mit Intelligenz in den Griff bekommen ... die aber machte nicht mit. Was wir dennoch von Gottfried Wilhelm Leibniz lernen können – 300 Jahre nach dem Tod dieses letzten deutschen Universalgenies.
Gerade "kleine Dinge machen oft große mächtige Veränderungen. Ich pflege zu sagen, eine Fliege könne den ganzen Staat verändern, wenn sie einem großen König vor der Nase herumsauset, so eben in wichtigen Ratschlägen begriffen" – ein Fall, den Leibniz, ganz er selbst, dem Leser sodann anschaulich ausmalt.
(Die Zeit 20.10.2016 S.35 http://www.zeit.de/2016/44/gottfried-wilhelm-leibniz-todestag-300-jahre-genie/komplettansicht )


Risikoforschung

 

 

·         Jahresbericht Bundesamt für Strahlenschutz 2006;
es gibt jedes Jahr 120.000 Hautkrebs-Neuerkrankungen in Deutschland, 3000 davon enden tödlich; besonders gefährdet Altersgruppe der unter 18-jährigen (80% der Lebensdosis der Haut wird bis dahin aufgenommen)
(taz 13.7.07)

·         Ortwin Renn:
Jährlich werden in Australien vier Menschen von Haien getötet – aber 486 sterben durch defekte Toaster;
Es gibt neue Aspekte, die wir überprüfen müssen. Denkbar wäre heute ein anderer Umgang mit dem strahlenden Müll: Man könnte ihn z.B. einer intensiven Neutronenstrahlung aussetzen, und dann wäre er bereits nach hundert Jahren nur noch so radioaktiv wie natürlich strahlendes Urangestein. Diese „Transmutation“ hätte erhebliche Folgen für die Risikobewertung der Kernenergie.; das Risiko für die heute lebende Bevölkerung würde sich wegen des Baus zusätzlicher Reaktoren und so genannter Spallations-Neutronenquellen sogar noch erhöhen;
Nanopartikel sind unsichtbar, wie etwa auch Elektrosmog oder Radioaktivität. Vor unsichtbaren Risiken aber haben die Menschen oft mehr Angst, als wissenschaftlich begründbar ist. Beispielsweise entstehen bei der Verbrennung von Dieselkraftstoff Rußpartikel in Nanogröße. Technikfolgenabschätzer rechnen damit, dass es – sobald sich herumgesprochen hat, Nanopartikel seien nicht unbedenklich – bei manchen Menschen zu einer psychosomatisch bedingten Dieselrußallergie kommen wird, unabhängig von der tatsächlichen Gefährdung.
(GEOkompakt Nr.3 „Das Abenteuer Technik“ 2005 S.164f.

·         Risikoforscher Ortwin Renn über die Folgen des Reaktorunfalls in Fukushima (Erfahrungen in der Ethik-Kommission);
wir haben uns darauf spezialisiert, neben den statistisch errechneten Risikowerten die von gesellschaftlichen Gruppen und Individuen getragenen Risikowahrnehmungen empirisch zu erfassen;
Ich spürte bald, wie schwer es ist, in einer emotional aufgeladenen Stimmung so etwas wie Ausgewogenheit und nüchterne Bestandsaufnahme zu vermitteln. Viele Journalisten winkten sofort ab, wenn sie merkten, dass ich nicht in den Jammerton der (An-)Klagelieder nach dem Motto „Ich habe es doch schon immer gewusst“ verfiel, sondern vielmehr darauf hinwies, dass sich das Risiko deutscher Kernkraftwerke durch Fukushima nicht verändert hatte. Selbst die Feststellung, dass andere Energieträger auch ihre Risiken mit sich bringen und dass man hier Risiken abwägen muss, stieß oft auf Unverständnis und gelegentlich sogar auf schroffe Ablehnung und Häme.;
Ein besonders schwieriger Punkt war die ethische Bewertung der Kernenergie. Hier prallten zwei diametrale Auffassungen aufeinander. Für die einen war die Möglichkeit folgeträchtiger Katastrophen, die potezielle Mutationswirkung radioaktiver Strahlung und die historisch kaum zu überblickende Zeit für die sicherzustellende Endlagerung radioaktiver Abfälle Grund genug, die Nutzung der Kernenergie kategorisch abzulehnen. Kategorisch bedeutet dabei: Bei einem solch hohen Risiko darf der Nutzen nicht gegengerechnet werden. Für die anderen bot eine solche Abwägung überhaupt erst die Grundlage für eine ethische Bewertung: Erst wenn ich alle Risiken und Chancen miteinander in Beziehung setze und die Bilanz von Nutzen und Risiko gegenüber anderen Alternativen in Vergleich setze, kann ich zu einem rational begründbarem Urteil kommen.
In letzter Konsequenz bedeutet das kategorische Urteil, dass alle Kernkraftwerke weltweit sofort abgeschaltet werden müssten. Zu diesem radikalen Schritt wollte sich aber niemand in der Kommission durchringen. Von daher war im Lager der kategorischen Kernenergie-Gegner die pragmatische Herangehensweise konsensfähig, auf ein langsames Auslaufen der Kernenergie zu setzen, um die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden. Umgekehrt zeichnete sich auch im Lager derjenigen, die eine bilanzierende Risiko-Nutzen-Abwägung bevorzugten, die Bereitschaft ab, die Möglichkeit von großen Katastrophen und von langfristigen Endlagerproblemen höher zu gewichten, als es den statistischen Erwartungswerten entsprach. Dass ich mich zum abwägenden Lager zählte, dürfte niemanden überraschen.;
Risiken von Risikowahrnehmungen zu trennen. Sieht man z.B. die statistischen Risikowerte für den durchschnittlichen Deutschen an, so wird man eindeutig erkennen, dass die Lebens- und Gesundheitsrisiken ständig abnehmen. Die Lebenserwartung steigt, die Unfälle in Beruf, Freizeit und Verkehr gehen zurück, und die Zahl der tödlich verlaufenden Erkrankungen ist im Lebensabschnitt von der Geburt bis zum 60. Lebensjahr stark rückläufig. Die Wahrnehmung der Risiken ist dagegen völlig anders: Es sind nicht nur 78% der Deutschen der Meinung, dass die Risiken für Leben und Gesundheit zunehmen, die Menschen fürchten sich auch vor allem vor Risiken, die sie als künstlich begreifen, etwa Konservierungsstoffe in Lebensmitteln, und die von Technik oder Fehlverhalten ausgehen, etwa von Kriminalität. Doch daran sterben in Deutschland die allerwenigsten.;
dass es in Deutschland rund 12 mal häufiger zu Selbsttötungen kommt als zu Tötungsdelikten – beide sind übrigens rückläufig;
wir sind nicht indifferent gegenüber der Risikoverteilung über die Zeit: Wir fürchten uns mehr vor einem – einmal im Jahr zu erwartenden – Unfall mit 365 Toten auf einen Schlag als vor 365 kleinen Unfällen mit jeweils einem Toten;
Duch den Rinderwahnsinn BSE sind ungefähr gleich viele Menschen in Europa ums Leben gekommen wie durch das unachtsame Trinken von parfümiertem Lampenöl: rund 150. Während BSE ein internationaler Skandal wurde, bei dem Minister ihren Hut nehmen mussten und völlig neue Kontrollinstanzen errichtet wurden, ist das Risiko durch Lampenöl kaum jemandem bewusst.
Ähnliches gilt für die Beurteilung der Kernenergie: Großräumige Katastrophen sind keinesfalls auf die Kernkraft beschränkt – auch die fossilen Energieträger können das Weltklima und damit die Lebensqualität, aber auch die Sicherheit und Gesundheit von Millionen Menschen gefährden. Und selbst bei den regenerativen Energieträgern gibt es weitreichende Risiken, wenn auch ganz anderer Natur: Sollte das Netz für einige Zeit zusammenbrechen, würde das für Deutschland und auch für andere Industrienationen eine schwere Krise bedeuten, die nicht nur essenzielle wirtschaftliche Verluste, sondern auch direkte und indirekte Schäden an Gesundheit und Leben von Menschen auslösen würde. Langlebige Abfälle gibt es zudem nicht nur in der Atomindustrie. Auch hochgiftige Schwermetalle werden in Salzbergwerken endgelagert und behalten dort ihre Toxizität für ewig. Eien Halbwertszeit wie bei radioaktiven Abfällen gibt es dort praktisch nicht. Und ein letztes: Bei jeder Flugreise nehmen wir eine zusätzliche radioaktive Belastung auf uns, die in der Summe alle routinemäßigen Emissionen der weltweit rund 440 Kernkraftwerke bei Weitem übersteigt. ;
Es kann heute ziemlich sicher davon ausgegangen werden, dass sich die Kernenergie in Deutschland durch effizientere Primärenergienutzung und eine weitere Erhöhung des regenerativen Energieanteils wirtschafts- und sozialverträglich ersetzen lässt. Der Weg über Effizienzverbesserungen und regenerative Energiequellen ist insgesamt risikoärmer als der weitere Einsatz der Kernenergie.
(bild der wissenschaft 12-2011 S.66ff.)

·         Unberechenbarkeit - Alles Zufall?
Zwölf Menschen sterben bei einem Terroranschlag. Warum gerade sie? Eine Frau findet die große Liebe. Warum gerade jetzt? Ein Mann wird vom Blitz getroffen – und überlebt. Warum gerade er? Ein Essay über die Macht des Unberechenbaren …
Der Mann, den es erwischt hat, ist 47 Jahre alt. Wie er aussieht, kann ich nicht sagen. Er liegt auf einem OP-Tisch, Schlauch im Mund, Körper abgedeckt, Gesicht auch. Den Schädel haben sie in einem Metallgestänge fixiert, die Kopfhaut durchschnitten und nach oben geschoben, sodass sie aufklappte wie ein blutiger Mund, dann haben sie die Knochenplatte entfernt. Jetzt liegt es frei. Das Gehirn. …
I. Pech in der Lotterie
Während ich zusehe, wie der Neurochirurg Schicht um Schicht ein Loch aushebt, das der Krebs wieder füllen wird, muss ich daran denken, was er mir über solche Tumore erzählt hat. Sie heißen Glioblastome, pro Jahr erkranken 5 von 100.000 Menschen daran. Genetische Einflüsse spielen keine Rolle, in unzähligen Studien wurden auch keine Umweltfaktoren gefunden. Dem Glioblastom ist es egal, wie viel Fleisch ein Mensch isst, wie oft er in der Sonne liegt, welche Gifte er einatmet. Hirntumore gibt es, weil es Gehirne gibt. Jedes Hirn braucht Zellen, die sich vermehren. Sie teilen und teilen sich, millionenfach, alles geht gut, und irgendwann passiert ein Fehler. Eine blöde Mutation, und der Krebs ist da. …
Wenn Heese in seinem Chefarztzimmer Ich-habe-schlechte-Nachrichten-für-Sie-Gespräche führt, dann ist es ihm wichtig, die Rolle des Zufalls zu betonen. Er hat sich sogar einen Begriff ausgedacht: "negativer Lotteriegewinn". Heese hofft darauf, dass sich seine Patienten nicht mit der Frage nach dem Warum foltern, wenn er ihnen erklärt, dass sie schlicht sehr, sehr viel Pech hatten. Und er weiß: In den allermeisten Fällen hofft er umsonst. …Gibt es vielleicht doch schlechte Gene in der Familie? Was ist mit Lebensmittelzusätzen? Pestiziden? Lampen mit Quecksilber? Wo stand das nächste Atomkraftwerk? "Das Handy (als Ursache) könnte ich akzeptieren", überlegt Becker. "Einfach nur Zufall, das wäre schlimmer."
Ich finde, das ist ein sehr interessanter Satz. Frank Becker und Heike Fuchs sind schlaue Menschen, sie verdrängen nichts, sie wissen um das schwarze Loch, das sich vor ihnen auftut. Es dürstet sie jetzt nach Gründen, sie wollen verstehen, warum das Leben ihnen diesen Horror auf die Tagesordnung gesetzt hat. Und Oliver Heese liefert ihnen ja einen Grund: den Zufall. Einfach nur den Zufall. Klingt wie eine Kränkung, irgendwie. Fühlt sich falsch an.
Aber warum? Ist Heeses Erklärung zu simpel? Zu abstrakt? Welche Rolle spielen Zufälle in dieser Welt? Wenn sich sogar die komplexeste Struktur des Universums dem Zufall ergibt – kann es dann sein, dass der Mensch viel mehr von Zufällen gelenkt wird, als er sich klarmacht? An wie vielen Lotterien des Lebens nehme ich täglich teil, ohne es zu ahnen? …
Ich kann eine Münze tausendmal werfen, dann schließe ich mit nahezu absoluter Sicherheit aus, dass nur Kopf kommt und niemals Zahl. Werfe ich aber die Münze viele, sehr viele Jahre lang, billionenfach, dann kann es schon sein, dass ich irgendwann zwischendurch eine Wahnsinnsserie hinlege: tausendmal Schwarz!
Komische Dinge passieren. Weil so vieles passiert.
Meine Chance als 40-jähriger Mann, morgen zu sterben, ist 1.835-mal höher als die, den Jackpot zu knacken. Trotzdem spielen Leute Lotto. Manche gewinnen sogar. Andere Leute kriegen einen Hirntumor. Oder sie setzen genau in der falschen Hundertstelsekunde einen Funkspruch ab. …
Den Soziologen Hartmut Rosa überraschen solche Geschichten nicht. An seinem Lehrstuhl in Jena haben die Wissenschaftler viele ganz normale Menschen gebeten, ihre Biografie zu erzählen. Fast immer leuchtete aus der Art, wie die Leute auf ihr Leben schauten, eine tiefe Sehnsucht: Das, was mir geschieht, soll mir nicht zufällig geschehen. Grausamer noch als die Erfahrung, ins kalte Räderwerk des Zufalls zu blicken, scheint die Furcht davor zu sein, sein Dasein nicht zu begreifen, sagt Rosa. "Jemand verliert ein Bein bei einem Unfall und findet: Es musste so sein. Es war gut für mich. Ständig ist da dieses Motiv: Das Schicksal will mir etwas mitteilen. Es meint mich." …Egal welche Forscher ich frage – von der Vision ihrer Vorgänger aus früheren Jahrhunderten, die Struktur der Welt bis ins Feinste zu durchleuchten und so den Zufall zu erledigen, von dieser Vision lassen sie nichts übrig.
Der Quantenphysiker Anton Zeilinger erinnert an die Existenz des "objektiven Zufalls", also daran, dass sich in der Welt des Allerkleinsten manche Ereignisse schlicht nicht vorhersagen lassen. "Ich sage allen Theologen immer: Selbst der liebe Gott kennt die Ursache nicht, er kann sie nicht kennen." …Man muss sich nur durch das Dunkel seiner Familiengeschichte nach hinten tasten. Hätte Georg Elser Hitler aus dem Weg geräumt, hätten die Deutschen vielleicht nicht Frankreich angegriffen, dann wäre nicht am 9. Juni 1940 der erste Ehemann meiner Oma in der Champagne gefallen, dann hätte nicht meine Oma meinen Opa geheiratet. Die Dominokette, an deren Ende ich selbst stehe, wäre unterbrochen worden. So viele winzige Wendepunkte, so viele Sekunden des Schicksals. Über die Generationen hinweg akkumulieren sich die Zufallseffekte, dass einem ganz schwindlig werden kann davon. Sie tun das natürlich in jeder Familie.
Und dann: der Moment der Zeugung. Eine Eizelle. 400 Millionen Spermien. Ich dachte immer, alle diese Spermien seien identisch, aber das stimmt nicht. Die genetische Information unterscheidet sich von Spermium zu Spermium, und zwar massiv. 400 Millionen Möglichkeiten. Hätte in jener Hundertstelsekunde irgendein anderes sein Ziel erreicht, ich wäre ein anderer als der, der ich bin.
Der Zufall ist nichts, was nur von außen auf mich hereinstürzt wie ein Unfall oder ein Regenschirm in einem leeren Abteil. Er steht am Grund meiner Existenz. …
Leben. Ein Astronom sagte mal: Die Chance, dass es entsteht, ähnelt der Chance darauf, dass ein Taifun über einen Schrottplatz rast, und aus den aufgewirbelten Teilen setzt sich ein Jumbojet zusammen. Vielleicht ist das ein zweites Mal geschehen, irgendwo in der Tiefe hinter den Punkten auf dem Schirm. Neulich auf einer Tagung haben die Planetensucher abgestimmt, da waren vier Fünftel der Meinung, es werde schon noch was auftauchen. Aber wohl nur Einzeller. Dass aus solchen Billigprodukten des Lebens automatisch Menschenartiges hervorwächst, daran glaubt so gut wie kein Forscher, der sich mit diesen Fragen befasst. …Ein Besuch bei dem Biologen Johannes Vogel, dem Direktor des Berliner Naturkundemuseums, hat mich davon überzeugt, dass es nicht so einfach ist. Vogel, ausgerechnet, aber natürlich nur aus Zufall verheiratet mit einer Ururenkelin von 
Charles Darwin, redete viel über die verschlungenen Wege der Evolution, die nichts anderes sein können als zufällig. Dann führte er mich in einen seiner riesigen Säle, schaltete das Licht ein, und ich stand vor einem Tyrannosaurus Rex und fühlte mich klein. Vogel zeigte auf das gigantische Skelett. "Wäre nicht ein Himmelskörper auf der Erde eingeschlagen und hätte den hier ausgerottet, dann würde er wohl heute regieren. Und nicht wir Säugetiere."
Kein Sieger glaubt an den Zufall, schreibt Nietzsche.
(Die Zeit 29.12.2016
http://www.zeit.de/2017/01/wahrscheinlichkeit-zufall-unberechenbar-fragen/komplettansicht )

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christliche Theologie

 

 

·         Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht
(Prediger 1,5)

·         Viel Wissen, viel Ärger, wer das Können mehrt, der mehrt die Sorge.
(Prediger 1,18)

·         Rudolf Bultmann (1966): „Einen Standpunkt außerhalb Gottes kann es nicht geben, und von Gott lässt sich deshalb auch nicht in allgemeinen Sätzen, allgemeinen Wahrheiten reden, die wahr sind ohne Beziehung auf die konkrete, existenzielle Situation des Redenden.“
(1967) “Der eigentliche Sinn des Mythos ist nicht der, ein objektives Weltbild zu geben; vielmehr spricht sich in ihm aus, wie sich der Mensch selbst in seiner Welt versteht; der Mythos will nicht kosmologisch, sondern anthropologisch – besser: existenzial interpretiert werden“
zur metaphorischen Konstellation religiöser Sprache gehört es, dass sie von Gott redet in Bildern der Welt. Indem sie von Erfahrungen mit der Welt spricht, spricht sie eine Erfahrung mit Gott aus. Sie erzählt zum Beispiel von wachsenden Kornfeldern, um die Hoffnung auf das kommende Reich Gottes zu begründen... die Welterfahrung hat durchaus Offenbarungsdimensionen ...
Sprachform Metapher: die M. ist kennzeichnend für religiöse Sprache und dazu geeignet, die Transzendenz zur Sprache zu bringen, ohne die Unsagbarkeit des Göttlichen anzutasten. Die Grundform der M. besteht aus einem Subjekt, dem mittels einer Kopula ein bestimmtes Prädikatsnomen beigestellt wird. Die M. „Die Natur ist ein Tempel“ bringt zwei Größen in einen Zusammenhang, die eigentlich nicht zusammengehören ... Die M. erschließt oder entdeckt eine (zusätzliche) Tiefendimension der weltlichen Wirklichkeit ... „Das göttliche Schaffen von (endgültig) Neuem ist wie die Entstehung von (überraschen) Neuem (in der Welt)“; ein Stern entsteht aufgrund zufälliger Fluktuationen in Nebeln aus interstellarem Gas. Das Neue, das hier entsteht, kann nicht aus dem Alten abgeleitet werden, der neu entstandene Stern ist neu im Sinn eines unvorhersagbaren Ereignisses, einer Überraschung ... M. nur solange sinnvoll, als die prinzipielle Differenz zwischen dem geschaffenen (Neuen) und dem entstandenen Neuen im Bewusstsein bleibt ... das Subjekt der M. ersetzt nicht das weltliche Verständnis des Prädikats, statt dessen unternimmt es den Versuch, jenes zu vertiefen ... das tiefere Verstehen, das durch die Metapher intendiert wird, ist ein angebotenes, kein erzwungenes
Theologie fasst das Prinzip der Schöpfung im Licht eines Wissens um Gott, das aus der Erfahrung von Tod und Auferweckung Jesu Christi gewonnen wird
zur Theologie gehört die Einsicht, dass ihr Gegenstand in jedem Fall mit dem persönlichen Lebensvollzug des Menschen unauflöslich verbunden ist;
Naturwissenschaften reden von der Welt unter Absehung von menschlichen Subjekten, Ausklammerung aller personalen Betroffenheit;
Der Gedanke eines schöpferischen Gottes dient nicht dazu, die Existenz der Dinge zu erklären. Vielmehr geht es darum, dem menschlichen Staunen darüber Ausdruck zu geben, dass die Dinge überhaupt sind. ... die Existenz wird nicht einfach hingenommen, sondern sie wird gewürdigt angesichts des (drohenden) Nichts ... das Staunen über das Sein der Dinge kommt zustande angesichts der Verderblichkeit und Verletzlichkeit alles Geschaffenen ... Gleichnisse von den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde (Matth. 6,26ff): Hinweis: es gibt (Selbst-)Erhaltung durch Fremdversorgung;
christliche Rede von Gott ist genausowenig zwingend, wie es etwa die Musik von Mozart ist
(Audretsch/Weder: Kosmologie und Kreativität, Forum Theol. Literaturzeitung, 1999)

·         Genesis: „Die Erde bringe hervor lebendige Tiere...“; das Lebendige aus dem Anorganischen entstanden, Gott redet die Erde an, die Geschöpfe sind somit Mittler der Schöpfung;
Der Mensch steht am 6. Tag des ersten Schöpfungsberichts im Zusammenhang mit den Tieren, (im zweiten wird er aus dem gleichen Material, aus Erde, gemacht; Tiere sind mögliche Partner des Menschen) – Nähe zur Darwinschen Theorie
(Dürr HP u.a.: Gott, der Mensch und die Wissenschaft, Augsburg 1997, S.76,101)

·         wenn wir Menschen nicht einfach Wesen sind, die auf Gott reagieren, sondern Kanäle für Gottes Macht und Einfluss, dann besäße Gott mit ihnen ein möglicherweise bedeutsames Werkzeug in dieser Welt; mit der Annahme eines freien Willens vereinbar, wenn Gott nur auf Einladung eingreift und es dem Menschen weiterhin freisteht, ob er den ANWEISUNGEN GEHORCHT;
eingreifender Gott schwierig? (Gott wird als rational und zuverlässig gedacht -  wie könnte er regelmäßig seine eigenen Gesetze brechen?);
Gottes Eingreifen über Quantenprozesse? Gott müsste im Regelfall auf viele Quanten gleichzeitig einwirken, damit merkbar etwas passiert;
Jona-Geschichte (Jona entscheidet sich, Gott NICHT zu gehorchen);
Glaube gehört zur Wirklichkeit mancher Menschen (indem er Wirkungen hinterlässt), macht sie stärker, besser, freundlicher, liebesfähiger, glücklicher, weiser, scharfsichtiger, lebensfähiger – hilft zum Leben
(Kitty Ferguson: Gott und die Gesetze des Universums, Econ Düsseldorf 2002, S.270,280,300,324, 384)

·         Weisheitsbücher – was bei der unvoreingenommenen Lektüre dieser Seiten der Heiligen Schrift beeindruckt, ist die Tatsache, dass in diesen Texten nicht nur Israels Glauben enthalten ist, sondern auch der Reichtum bereits untergegangener Zivilisationen und Kulturen. Wie nach einem besonderen Plan lassen Ägypten und Mesopotamien wieder ihre Stimmen hören, und manche Züge der altorientalischen Kulturen werden ... wieder ins Leben zurückgeholt.;
Nachdem der heilige Text ausgeführt hat, dass der Mensch mit seinem Verstand in der Lage ist, „den Aufbau der Welt und das Wirken der Elemente, ... den Kreislauf der Jahre und die Stellung der Sterne, die Natur der Tiere und die Wildheit der Raubtiere“ zu verstehen (Weisheit 7, 17.19.20)... erklärt er: „Denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen“ (Weisheit 13,5). Es wird also eine erste Stufe der göttlichen Offenbarung anerkannt, die aus dem wunderbaren „Buch der Natur“ besteht;
(Fides et ratio, Enzyklika von Papst Johannes Paul II. vom 14.9.1998, Bonn, S.22,24)

·         Geboren von der Jungfrau Maria...
Übertragungsfehler aus der hebräischen Bibel in die griechische (?);
In der alttestamentlichen Verheißung des Jesaja-Buches (Jes. 7,14) ist nämlich in der hebräischen Bibel davon die Rede, dass eine junge Frau (alma) schwanger wird und einen Sohn bekommen wird. In der griechischen Bibel der Juden ist schon vor Christus das Wort alma mit dem griechischen Wort für Jungfrau übersetzt worden. Von daher hat der Evangelist Lukas die Verheißung des Jesaja auf Jesus übertragen. Er musste dann notwendigerweise von einer Jungfrau erzählen, die den Sohn Gottes zur Welt bringt, wie es ähnlich ja auch in anderen Religionen und Kulturen des Mittelmeerraumes erzählt wird ...
kein Christ an das Mirakel einer Jungfrauengeburt glauben muss, zumal andere Evangelisten und auch der Apostel Paulus die Jungfrauengeburt Jesu gar nicht kennen ...
(Gott würfelt nicht – Chaos, Zufall, Wissenschaft, Bad Herrenalb 1993, S.182)

·         aus Hans Jonas, Auslegungen zu Psalm 8 (1984):
Gott, der sich entschied, sich dem Zufall, dem Wagnis und der endlosen Mannigfaltigkeit des Werdens anheimzugeben, gänzlich das Abenteuer von Raum und Zeit einzugehen, und nichts – keinerlei Lenkungsgewalt, keine Möglichkeit der Einmischung in die Gesetze des Weltenlaufes – für sich zurückzubehalten; den Bedingungen des Werdens lieferte Gott seine Sache aus, begann das evolutionäre Abenteuer der Sterblichkeit in ahnender Erwartung zu begleiten;
vom Werden der Galaxien bis zum Werden der Pflanzen und Tiere kann vor dem Erscheinen des Wissens die Sache Gottes nicht fehlgehen;
bis zur Heraufkunft der Menschheit, mit welcher die Unschuld aufhört und das Bild Gottes in die fragwürdige Verwahrung des Menschen übergeht, um erfüllt, gerettet oder verdorben zu werden durch das, was er mit sich und der Welt tut;
Gott begleitet diesen Prozess mit angehaltenem Atem, hoffend und werbend, mit Freude und mit Trauer, mit Befriedigung und Enttäuschung, und macht dies dem Menschen fühlbar, ohne in die Dynamik des weltlichen Schauplatzes einzugreifen (Ruf an die Seelen, prophetische Inspiration)
(EZW-Texte 138, S.10f)

·         fremde religiöse Überlieferungen, konfessionelle Vielfalt des Christentums:
Unterschiede nicht von der hybriden Frage her bewerten, wer die Wahrheit kennt, sondern als parallele Spuren der einen großen „Wahrnehmungsgeschichte Gottes“ ...
können wir in vielen nichtbiblischen religiösen Texten (Sonnenhymnus des Pharaos Echnaton, Koran-Suren) wichtige und für den Glauben heute hilfreiche Gottes- und Glaubenserfahrungen finden – und in biblischen Texten vieles, was Menschen heute eher abstößt, weil es sich auch beim besten Willen mit der Verkündigung Jesu nicht verbinden lässt. ...
Wahrnehmungen Gottes heute sind von geringerer Bedeutung als diejenigen, die biblisch überliefert werden (?) ...
Glaubensvorstellungen, die keinen erkennbaren Lebensbezug mehr haben, und Glaubensvorstellungen, die eine fatale Wirkungsgeschichte ausgelöst haben, müssen deshalb hinterfragt werden, auch wenn sie biblisch fundiert sind ...
“konstruierte Wirklichkeit“: die Welt, in der wir leben und von der wir als von einer bekannten Größe reden, entsteht erst in unserem Kopf. Ohne ein so entstehendes Weltbild, ohne eine Weltansicht (Weltanschauung? JK), bliebe es bei einer zusammenhanglosen Vielfalt von Einzelwahrnehmungen, gäbe es keine „Welt“, keinen Sinn. Doch der einzelne Mensch wird in eine bestimmte „Weltansicht“, in eine seiner Umgebung geläufiges Welt- und Menschenbild, hineingeboren. ... „Weltansicht als grundlegende Sozialform der Religion“ (Luckmann) ... in diesem Sinn haben alle Menschen – ob mit oder ohne Religionszugehörigkeit – mit Religion zu tun, und zwar in der Form der „unsichtbaren Religion“. Sie vermittelt „Wissen von der Welt im umfassenden Sinne eines letztfundierten Sinnrahmens“. ...
Biblische Texte sind kanonisierte kulturelle Texte. Das heißt: ihr Wortlaut darf nicht mehr verändert werden. Damit sie in der jeweiligen gottesdienstlichen Gegenwart überhaupt verstanden werden können, müssen sie permanent erklärt, also ausgelegt werden. ...
Unser heutiges kulturelles Gedächtnis (z.B. Grundgesetz) beruft sich zu Recht nicht nur auf die biblischen Texte und Kommentare. Sondern es wird genauso mitgeprägt durch die schrecklichen Erfahrungen, die die Religionen und Konfessionen im Umgang miteinander gemacht haben ...
Die Bibel der Christen enthält die Heilige Schrift der Juden ... die Heilige Schrift der Muslime enthält Überlieferungen mit, die aus den heiligen Schriften der Juden und Christen stammen ...
zweifeln daran, dass Gott einen Menschen danach beurteilen könnte, ob ein Mensch in eine christliche oder muslimische oder buddhistische Familie hinein geboren und dann in deren Glauben erzogen worden ist.... fragen vielmehr, ob der Glaube ihnen hilft, leben und sterben zu können, und binden Wahrheit an Lebens- und Sterbeerfahrungen von Menschen. Die meisten Laien sind den Verfechtern eines geschlossenen Systems Religion weit überlegen, weil sie auf diesem Lebensbezug des Glaubens bestehen. ...
Predigt: statt primär Schriftauslegung zu sein, müsste sie  primär Lebensauslegung sein ...
Dogmen und Bekenntnisschriften versuchen, die „Mitte der Schrift“ zu formulieren; sind nicht zeitunabhängig (entstanden, als konkrete Fragen entschieden werden mussten, solche Fragen treten immer neu auf); sind längst Teil der christlichen Tradition, (auch sie JK) bedürfen der Auslegung und der theologischen Kritik ...
Jesus sprach aramäisch (galiläische Provinz), schriftliche Überlieferung (30 Jahre später) in der Weltsprache Griechisch = Quantensprung! ...
Glaube ist die Individualform von Religion; im Glauben von Individuen geht es zuerst um das eigene Leben;
(95) Bei Martin Luther finden wir in der Erklärung zum ersten Glaubensartikel („Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde“) überraschenderweise kein Wort zu der kosmischen Dimension des Schöpfungswerkes. Die individuelle Beziehung des von Gott geschaffenen Menschen zu seinem Schöpfer, die sich in der Gabe des eigenen Lebens und in dessen Bewahrung zeigt, ist das einzige Thema. Aus Dank für diese Gabe  ... erklärt sich der Glaubende bereit, Gott mit seinem Leben zu dienen.
(106f) (In der Bibel zweimal der Bericht von einer Begebenheit:) König David hat erst durch eine Zählung herausfinden lassen, auf wie viele wehrfähige Männer er sich würde verlassen können. Weil er damit daran gezweifelt hat, dass Sieg oder Niederlage einzig von seinem Gott abhängen, werden als Strafe dafür 70.000 Menschen aus dem Volk von einem „Würgeengel“ seines Gottes getötet. Der ohne Zweifel ältere Bericht von dieser Geschichte (2.Sam.24) sagt, Gott selbst habe dem David aus Zorn über Israel die Idee zur Zählung eingegeben. Das 1.Buch der Chronik, das in Kapitel 21 dieselbe Geschichte überliefert, konnte diesen Punkt theologisch nicht mehr verantworten … Also ersetzt er in seiner Version Gott als Verursacher und schreibt: „Und Satan trat auf wider Israel und reizte David, Israel zählen zu lassen.“
Wie das Leben, das Menschen in ihren Lebensbeziehungen haben, gut gelebt und gegen seine Gefährdungen geschützt, also bewahrt werden kann, das sagt und vermittelt Religion. ...
Albert Schweitzer: „Gut ist Leben erhalten und Leben fördern; schlecht ist Leben schädigen und zerstören.“ ...
Religionsinterner Pluralismus meint das Nebeneinander unterschiedlicher Gottesbilder (einschließlich ihrer differenten Taten und Wesenszüge) und Gottesnamen inmitten ein und derselben Religionsgemeinschaft. ...
(109) Es ist ausgeschlossen, dass sich der historische Jesus in der Christologie des Johannesevangeliums wiedererkannt hätte. ...
Die Trinität sagt, dass Gott in der Begegnung mit den Menschen seine Gestalt ändern kann. ...
das Dogma vom trinitarischen Gott, in dessen Mitte der Gott-Mensch Jesus Christus steht, können Juden und Muslime nicht akzeptieren. Denn im Zentrum ihrer Gottesvorstellung steht der Monotheismus eines ganz und gar jenseitigen Gottes. Dass die Christen am Nebeneinander der vier Evangelien und der beiden Teile des biblischen Kanons festhalten, bedeutet deshalb heute wie in der frühen Christenheit ein ausdrückliches „Bekenntnis zur Pluralität“. ...
dass der in der empirischen Vielfalt sich ausdrückende Pluralismus zur Selbstoffenbarung Gottes in der Kulturgeschichte der Menschheit hinzugehört ...
Judentum, Christentum und Islam haben zur Zeit immer noch unvereinbare Gottesvorstellungen ...
größerer Überlieferungszusammenhang: die universale Wahrnehmungsgeschichte Gottes ...
an anderem Ort und zu anderer Zeit lässt sich das Wahrnehmungsoriginal so, wie es zustande gekommen ist, nicht mehr reproduzieren ...
“Texte“ sind „Gewebe“; In ihnen sind alte Begegnungen und daraus resultierende  Wahrnehmungen, aber eben auch immer neue Spuren der auf die Autoren bezogenen Erinnerungsarbeit ineinander verwoben ...
(130) “jungfräuliche Empfängnis“;
Es geht nicht um ein biologisches Mirakel. Jesus hat natürliche Eltern gehabt wie wir. (Joh 6,42: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen?); benutzt damals bekannten mythischen Stoff der göttlichen Zeugung von Götterkindern, Königen, Heroen und Philosophen – hiermit soll ausgedrückt werden, „wes Geistes Kind“ das Menschenkind Jesus ist; das Markusevangelium kennt keine Vorgeburts- und Geburtsgeschichte Jesu, nur seine Taufe ...
In allen schriftlichen Erinnerungen an den Auferstandenen ist es so, dass Menschen eine ihnen begegnende menschliche Gestalt wahrnehmen, die sie aber von ihrem Äußeren her nicht mit dem irdischen Jesus ... identifizieren können (Gärtner, Fremder) ... erst durch Erinnerung an Bekanntes wird er erkannt (mit Namen ansprechen, Wundmale, Abendmahlsgebet) ... Auferstehungsglaube literarisch „rückwärts“ gewachsen: die durch den Geist bestehende Beziehung zu Jesus besteht nach seinem Tode (verändert) fort, das leere Grab, der Leichnam Jesu sind „blinde Flecken“ (dazu gibt es keine „Bilder“ wie beim blinden Fleck im Auge), das Fehlende wird ergänzt ...
Zeugnisse der Begegnung von Menschen mit Jesus sind trotzdem authentische Erinnerungsgestalten, die im Prozess des „Hörensagens“ entstanden sind, ... Kein biblischer Text ist kodifiziertes „Wort Gottes“. ...
(140) „So sagt Gott“ ist jedenfalls sowohl auf der Kanzel als auch in theologischen Dokumenten von Kirchen ein anfechtbarer Satz. Nur wer sich als Prophet verstünde und sich auf eine ihm persönlich geltende Offenbarung berufen könnte, dürfte so reden.
Begegnungen mit Gott und ihre Wahrnehmung (Gotteserfahrungen) liegen vor jeder schriftlichen Überlieferung. Für diese Gotteserfahrungen haben wir Menschen keine besonderen Organe. Wir nehmen sie wahr und erinnern uns an sie wie an alles andere im Leben auch. ... Wird eine Wahrnehmung Gottes schriftlich dokumentiert ... alle heiligen Schriften sind sekundäre Erinnerungsgestalten Gottes ... bei Übersetzungen  fällt die Überschreibung der älteren Gedächtnisspuren aufgrund des kulturellen Wechsels umso gravierender aus. ... Nicht nur kulturelle und religiöse Vorprägungen, sondern auch persönliche und kollektive Erwartungen an Gott gestalten die Gotteswahrnehmung und ihre späteren Erinnerungsgestalten mit. ...
“Das war eine Offenbarung (für mich)“ ... wörtlich: ein Tun, bei dem etwas offen gelegt wird
(155) Jede Religion pflegt eine besondere Gedächtnisspur im Rahmen der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes. Aber Gott hat sich auch außerhalb der jeweils eigenen Überlieferungsgeschichte wahrnehmen lassen ... keine Religion kann deshalb mit bzw. in ihren Überlieferungen die universale Wahrnehmungsgeschichte Gottes wiedergeben. ...
Religiöse Texte können deshalb weder so angesehen werden, als fassten sie Gott zeit- und kulturunabhängig, noch als fassten sie Gott überhaupt. ...
(156) Der vielgeschmähte Synkretismus, das Einschmelzen von Überlieferungen aus unterschiedlichen Religionen, ist ebenfalls positiv zu bewerten – als ein Zeichen der Vitalität des Christentums (haben die Gestalt des Christentums kräftig mitbestimmt und dafür gesorgt, dass das Christentum sich in ihm ursprünglich fremde kulturelle Regionen ausbreiten konnte) ...
Dazu zwingt im Grunde schon der Glaube, dass Gott der Schöpfer aller Menschen ist.
Religionen sind „Modelle ..., an denen der Mensch versucht, sich selbst und die Welt zu deuten. Modelle sind nicht die Wirklichkeit. ... Wenn sich die Weltsicht ändert, sollten auch die Religionen den Mut haben, neue Modelle zu kreieren oder die alten neu zu interpretieren ...“
Entwurf riskieren, der ernst damit macht, dass Jesus Christus die Gottesvorstellungen der Vergangenheit als neuer Gott abgelöst hat ...
Gottes neues Gesicht wahrzunehmen: er hat die Gewalt gegen Jesus nicht wieder mit Gewalt verhindert, weil er ihr selbst abgeschworen hat (Mt 26,53) ... das ist in der Tat ein neuer Gott. ...
so viel muss möglich werden: dass nicht nur der Konfessions-, sondern auch der Religionswechsel mit Respekt begleitet werden wird ...
Jede Antwort bleibt nur als Antwort in Kraft, solange sie im Fragen verwurzelt ist. In der Bibel sind in großer Variation Antworten auf Fragen gegeben worden, die sich damals gestellt haben. ... Das große Problem des Kanons ist, dass er viele der uns heute umtreibenden Fragen gar nicht oder nur höchst mittelbar zu beantworten vermag, weil es sie damals noch gar nicht gab. Zu sagen, die Bibel habe alle Fragen der Menschheit beantwortet, ist ungeschichtlich und lieblos gegenüber den heute lebenden Menschen. ...
(186) Die Einsicht, dass Dogmen zeitbedingte Antworten auf zeitbedingte Fragen gegeben haben und daher notwendig vorläufige Aussagen sind ...
(191) [ein Gott, der ungerecht ist, in Betrügereien verstrickt (Hagar und Ismael, Esau und Jakob) widerspricht den Vorstellungen vieler Menschen heute von ihrem Gott; antijüdische Passagen im NT; Unterordnung der Frau; Verwerfung von Heiden und Juden; Fremdenhass = solche Textstellen „einklammern“; es muss gefragt werden, ob diese Überlieferungen auch heute Bestandteil des christlichen Glaubens und der Theologie sein müssen] ...
Gottes Liebe gilt der „Welt“ (Joh 3,16), wobei das griechische Wort kosmos, das für „Welt“ steht, keinesfalls nur die gläubige Menschheit meint. ...
So vielfältig biblisch und außerbiblisch belegt Erwählungsvorstellungen auch sind, von der unbegrenzten Liebe Gottes kann man nur glauben, dass sie (allen Menschen gilt und) die ganze Schöpfung meint. ...
(215) Theißen formuliert den Gedanken, dass „die Verminderung des Selektionsdrucks das heimliche Programm aller Kultur“ sei.
(220) (1. Mose 1,26ff:) „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen* machen nach unserem Bilde, uns ähnlich; die sollen herrschen ... Und Gott schuf die Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes (älohim) schuf er sie; und schuf sie (pl.) als Mann und Frau. ...“ [* Das im Hebräischen verwendete Wort adam ist hier ein Kollektivum und bedeutet so viel wie „Menschheit“. Es wird nie im Plural gebraucht und bezeichnet die Menschheit ...; adam kann aber auch den einzelnen Menschen und den Mann bezeichnen] ... Anschluss 1. Mose 5,1-3: „Als Gott die Menschen schuf, machte er sie Gott ähnlich; als Mann und Frau schuf er sie. Und er segnete sie und gab ihnen den Namen Adam, ... Als Adam 130 Jahre alt war, zeugte er einen Sohn, ihm selbst ähnlich, nach seinem Bilde; den hieß er Seth.“ [das Wort für „Bild“ ist dasselbe] ...
Paulus wandelt die Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit entscheidend um (1.Kor. 11,7): P. bezeichnet ganz traditionell (nur!) den Mann als Gottes Bild und die Frau als des Mannes Bild ...
(226) dass – zumindest nach 1.Mose,5,1-3 – die Menschen zugleich als nach Gottes Bild geschaffen und nach dem Bild des jeweiligen menschlichen Vaters gezeugt verstanden werden können
im Hebräischen bedeutet 1000 dasselbe wie „ewig“ ...
jüdische Könige werden bei ihrer Inthronisation von Gott adoptiert (Psalm 2,7; Gottes Sohn) ...
Menschenebenbildlichkeit Gottes; Menschen nehmen das Göttliche mit ihren Möglichkeiten wahr (sehen, hören, gelegentlich be-fühlen) ...
Sprache der Bilder neben der Wort-Sprache ...
Schöpfung Gen 1 als Beziehungsnetz; Scheidung schafft auch jeweils unmittelbares Gegenüber ...
Hebammen, die die Neugeborenen in dieses Leben „heben“, nennen diese Phase am Eingang ins Leben „Austreibung“; ... ist die Austreibung die Vertreibung ins Leben und zum Leben; ... Mit der im biblischen Mythos erzählten Vertreibung aus dem Paradies durchschneidet der Schöpfer die während der Paradieszeit noch nicht gekappte Nabelschnur zum Geschöpf Mensch, damit dieser nun selbständig leben kann. ...
dass zu diesem Fortgang der Schöpfung – es geht um mehr als nur ihre Erhaltung! – auch das Sterben hinzugehört, und zwar von Anfang an. ...
von den Vorstellungen von einem Schöpfer verabschieden, von dem kein Theologe je hat einleuchtend machen können, wieso die Schöpfung „sehr gut“ gewesen sei und dennoch im Menschen die todbringende Sünde lauere, von der wir dann erlöst werden müssten. ...
(275) (Verständnis von Tod als Strafe nach dem)
der Gedanke setzt einen Gott voraus, der die ganze Menschheit in Haftung nimmt dafür, dass die ersten Menschen einen  göttlichen Befehl missachtet haben.
(277) Mit der Vorstellung vom Tod als der „Sünde Sold“ wird dem Ungehorsam der Menschen die Macht zugesprochen, Gottes Schöpfung verändert zu haben
Bischof Wolfgang Huber (auf der Synode Berlin-Brandenburg 23.4.04): „Ich persönlich habe die Vorstellung, Gott sei auf ein Menschenopfer angewiesen, um den Menschen sein Heil zuteil werden zu lassen, mit meinem Glauben an Gottes Güte nie vereinbaren können.“ ...
(333) Theodizeefrage … Warum lässt Gott das zu? … die neuen Fragen heißen: Wie lange werden wir das Leiden der Armen noch zulassen? (Wann stehen wir an der Seite der leidenden Kreatur JK)?
(358) Alle Götter sind aus vorhergehenden Göttern hervorgegangen. Genauer gesagt heißt das: alle Götter sind neue Wahrnehmungsgestalten des früher anders wahrgenommenen Gottes. Doch sie enthalten, um als Götter erkennbar zu sein, wichtige Wesenszüge ihrer Vorgänger. ... auch der jüdische Gott Jahwe ist genauso wenig wie der am Ostermorgen aus dem Tod erstandene Gott der Christen, Jesus Christus, als Deus ex machina auf der Bühne der Religionsgeschichte erschienen, sondern hervorgegangen aus Vorläufern. Dazu gehören bei Jesus Christus sowohl jüdische Messias-Vorstellungen als auch griechische Vorstellungen vom therapeutischen Heiland Asklepios, ägyptische Vorstellungen vom getöteten und auferstandenen Gott Osiris sowie vom mythischen Sänger Orpheus. ...
(361) Jeder Wandel der Gottesvorstellungen schließt notwendige Abschiede ein. Trotzdem ist es sinnvoll, eine Bibel zu haben, in der alte Wahrnehmungsgestalten Gottes überliefert werden, an die niemand mehr glaubt. Ich denke an Vorstellungen von Gott als gewalttätigem Kriegsherr und Schutzgott, ...
Die Bibel ist für uns Heutige über weite Strecken hin Teil des religiösen Gedächtnisses der Menschheit. Als solche aber bindet sie uns nicht im Glauben, sondern hat sie eine reine Bildungsfunktion. ...
(Klaus-Peter Jörns: Notwendige Abschiede – Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloh 2004, S.14, 24, 26, 30, 39, 59, 62, 75f, 83, 85, 94f, 96, 106, 109, 110, 111, 114, 118, 124, 129, 130, 132, 140, 141, 155f, 169, 179f, 184, 186, 191, 198, 202, 218+220+222, 224, 230, 231, 232, 243, 269, 270, 282, 328, 358, 361)

·         (123) Gott ist in diesem Universum, und dieses Universum ist in Gott!;
Gottes Unermesslichkeit umgreift den Raum, sie ist nicht lokalisierbar. Er ist überall gegenwärtig, omnipraesens:
Gott ist weltimmanent: Von innen durchdringt er den Kosmos und wirkt auf ihn. Zugleich partizipiert er an seinem Geschick, hat Anteil an seinen Prozessen und Leiden.
Und zugleich ist Gott welttranszendent ... Unendlichkeit ... allumfassende transempirische Beziehungswirklichkeit; ...
Er greift auch nicht aus einem übergeschichtlichen Bereich mirakulös in die Geschichte ein. Er ist kein Zauberer, der Tricks anwendet.  ...
Gott als Person ...
je nach der konkreten Situation eines Einzelnen oder einer Gemeinschaft wird der Mensch mehr personale oder apersonale Begriffe oder Methaphern brauchen ... Apersonale Bilder (Meer, Horizont, Sonne) können unter Umständen von Gott ebenso viel aussagen wie personale, anthropomorphe (Vater, Mutter);
(133) Der erste biblische Schöpfungsbericht betont:
- die Transzendenz Gottes: Gott, über die Welt erhaben, erschafft die Welt allein durch das Wort. Die Sterne sind nicht Manifestationen des Göttlichen, sondern geschaffene Himmelslampen.
- die Würde des Menschen: Der Mensch ist nicht zum Diener der Götter geschaffen, sondern als Ebenbild Gottes; als sein Treuhänder und nicht als Tyrann und Ausbeuter ist er der übrigen Schöpfung übergeordnet.
- die Ordnung und Einheit der Schöpfung: Diese unterscheidet sich als Kosmos vom Chaos, sie ist ein wohlgeordnetes, strukturiertes, harmonisches Ganzes mit zahlreichen wechselseitigen Abhängigkeiten ...
Die Priesterschrift berichtet von keiner Schöpfung aus dem Nichts, sondern von einer Schöpfung der Ordnung aus dem Chaos.;
(134) zweiter Schöpfungsbericht ... konzentriert sich .... auf die Erschaffung des ersten Menschenpaares ... Nicht wie Gott Mann und Frau geschaffen hat, sondern was Mann und Frau sind – mit Geist und Leib Gottes Ebenbild und die Frau wesensgleiche Helferin des Mannes;
(135f) Weder Christen noch Juden müssen freilich glauben, dass die Bibel als Gottes direktes Wort vom „Himmel“ verkündet wurde – wie dies von Muslimen in Bezug auf den Koran erwartet wird: Dieser ist, jedenfalls nach traditionellem islamischem Verständnis, wortwörtlich für die Menschen diktiert und deshalb Satz für Satz unfehlbar wahr. Die Bibel aber versteht sich selber als Gotteswort im Menschenwort. Denn sie lässt überall erkennen, dass sie Satz für Satz von Menschen gesammelt, niedergeschrieben, bearbeitet und in verschiedenen Richtungen weitergeführt wurde. Als Menschenwerk ist sie deshalb nicht ohne Mängel und Widersprüche, Verhüllungen und Vermischungen, Beschränktheiten und Irrtümer. Jedenfalls eine höchst vielfältige Sammlung von deutlichen und weniger deutlichen, stärkeren und schwächeren, ursprünglichen und abgeleiteten Zeugnissen des Glaubens. Dieser historische Charakter der Schriften ermöglicht nicht nur Bibelkritik, sondern er erfordert sie geradezu. ...
Die Bibel ist also nicht nur einfach Gottes Offenbarung, sondern menschliches Zeugnis von ihr – in einer Sprache von Bildern und Gleichnissen ... Metaphern und Analogien, die dem Bereich menschlicher Tätigkeiten entnommen sind ...;
(172f) Wunder als Durchbrechung von Naturgesetzen lassen sich in der Bibel historisch nicht nachweisen ... es geht in der Bibel bei ihren Wundererzählungen ohnehin nicht primär um das erzählte Geschehen selbst, sondern um die Deutung des Erzählten, nicht so sehr um die Aussageform als um den Aussageinhalt. ...
Wunder stehen demnach in der Bibel als Metaphern, so wie in der Poesie Metaphern auch nicht die Naturgesetze aushebeln wollen. ...
verkünden einen Gott, der sich „einmischt“, engagiert;
(177) John Polkinghorne:
“Das tatsächliche Gleichgewicht zwischen Zufall und Notwendigkeit, Kontingenz und Möglichkeit, das wir wahrnehmen, scheint mir mit dem Willen eines geduldigen und subtilen Schöpfers übereinzustimmen, der zufrieden damit ist, seine Ziele zu verfolgen, indem er den Prozess initiiert und dabei ein Maß an Verletzlichkeit und Unsicherheit akzeptiert, das das Geschenk der Freiheit durch Liebe immer kennzeichnet.“;
(223) Die Bibel spricht ... keine naturwissenschaftliche Faktensprache, sondern eine metaphorische Bildersprache;
Bilder sind nicht wörtlich zu nehmen; sonst wird der Glaube zum Aberglauben.;
Bilder sind aber auch nicht abzulehnen, nur weil sie Bilder sind; sonst verkommt die Vernunft zum Rationalismus.;
Bilder dürfen nicht eliminiert oder auf abstrakte Begriffe reduziert werden, sondern sind richtig zu verstehen: Sie haben ihre eigene Vernunft, stellen Realität mit ihrer eigenen Logik dar, wollen die Tiefendimensionen, den Sinnzusammenhang der Wirklichkeit aufschließen. Es gilt also, die von ihnen gemeinte Sache neu aus dem Verstehens- und Vorstellungsrahmen von damals in den von heute zu übersetzen.;
(Hans Küng: Der Anfang aller Dinge, Naturwissenschaft und Religion, München 2005)

·         (304) Hermeneutik (vom Götterboten Hermes abgeleitet):
Man versteht darunter  die Deutung eines Texts aus ihm allein heraus, wobei man davon ausgeht, dass in ihm Informationen verborgen sind, die der Schreiber nicht explizit erwähnt hat, unter anderem deshalb, weil sie zu seiner Zeit und in seinem Lebensrahmen selbstverständlich waren.;
jeder Leser eines Textes (jeder Betrachter einer visuellen Szene) bringt (s)ein Vorverständnis mit, (bringt sich selbst mit ein JK);
(305) dass es in der Biologie – folglich im Gehirn – nicht nur kausale Faktoren gibt, die von einer geeigneten Biophysik verstanden und geklärt werden können, sondern auch historische Einflüsse und Auswirkungen, die nach einer hermeneutischen Erörterung verlangen.
(Ernst Peter Fischer: Die Bildung des Menschen -  was die Naturwissenschaften über uns wissen; Ullstein Berlin 2006)

·         (97) Gott im Werden der Welt (Schöpfungstheologie);
(99) Der Gottesglaube muss sich im Angesicht der Naturwissenschaft heute insbesondere mit der These theologisch auseinandersetzen, dass in der atomaren, biologischen und schließlich intellektuellen Evolution während der letzten – vermutlich – 15 Milliarden Jahre seit dem Beginn des Kosmos immer Neues fortgesetzt entstand. Dass also die Vorstellung einer einmaligen Schöpfung, die es im engeren Sinn zu bewahren gilt, nicht tragfähig ist. ...
(101) Aus der Sicht der langen evolutiven Geschichte des Lebens wird es zwingend sein, das statische Verständnis von Schöpfung bis in die Grundlage hinein zu einem dynamischen Schöpfungsverständnis fortzuentwickeln. Dabei wird man auf die verdrängte Sicht einer „creatio continua“, einer Schöpfung, die noch heute weitergeht, zurückgreifen können. Schöpfung ist heute noch: Evolution ist mit dem Schöpfungsakt identisch, auch wenn wir die Entwicklungsgeschichte der belebten und unbelebten Natur als zeitliches Nacheinander zu denken gewöhnt sind. ...
(102) Damit liegt das Problem auf dem Tisch, Gott auch in der Evolution, im Gesamtprozess zu denken, wobei die Formulierung des katholischen Theologen Teilhard de Chardin von der „Schöpfung im Werden“ das Nachdenken zunehmend wieder bestimmt. ... „Für unsere geöffneten Augen ist das Universum in Zukunft nicht mehr eine Ordnung, sondern ein Prozess“, hat Teilhard erklärt. ...
(103) Neuerdings hat es Jürgen Moltmann gewagt, das für evangelische Ohren Undenkbare anzusprechen und auf folgende Formel zu bringen: „Gott schafft die Welt und geht zugleich in sie ein.“ Gott also präsent in der Welt, nicht nur im glaubenden, geistlichen Menschen, nicht nur in der christlichen Gemeinde, sondern im offenen Prozess der Evolution, die noch nicht vollendet ist. Heute gelte es, auf die ursprüngliche biblische Wahrheit zurückzukommen: „Gott der Schöpfer von Himmel und Erde ist in jedem seiner Geschöpfe und in ihrer Schöpfungsgemeinschaft durch seinen kosmischen Geist gegenwärtig.“ .... Nein, sagt Moltmann, dies sein nicht der gefürchtete „Pantheismus“, sondern eher ein „Panentheismus“. ... „Wer den Namen Gottes kennt, der entdeckt die Weisheit und die Schönheit Gottes in allen seinen Werken ... Die wahre, natürliche Theologie ist nichts anderes als ein Wiedererkennen des Gottes, der sich geoffenbart hat und dem man glaubt.“ ...
(128ff) Ditfurth: Zu den unberechtigten Gefühlen einer objektiven Gegnerschaft zwischen einer naturwissenschaftlichen und einer religiösen Betrachtung der Welt gehört als typische Konsequenz die von den meisten Menschen gar nicht reflektierte Meinung, dass man gleichzeitig in zwei verschiedenen Welten lebt. Da ist einmal die Welt, in der wir als körperlicher Organismus funktionieren, gesund oder krank, leistungsfähig oder behandlungsbedürftig, da ist die Welt der Technik, der Autos und Haushaltsgeräte; da ist die Welt, in der die Physiker immer wieder erstaunliche Entdeckungen machen, die Strukturen des Kosmos beschreiben, schwarze Löcher, Quasare usw. Und dann gibt es für viele Menschen, solange sie gläubig sind oder zumindest trotz allem am Glauben festhalten wollen, trotz aller in ihren Augen unabweisbaren naturwissenschaftlichen Kritik als Refugium eine Welt, die als göttliche Schöpfung zu betrachten ist. Diese Welt stellt sich dann als eine ganz andere, eine zweite Welt dar, ... eine merkwürdige Form existenzieller Schizophrenie. ...
Insofern müsste von Schöpfung heute als einer werdenden, einem immer noch werdenden Prozess gesprochen werden. Schöpfung als Evolution ... einer meiner zentralen Vorschläge ... auf den ich zu meiner Enttäuschung von der theologischen Seite ... keine Reaktion gehört habe. Dass nämlich dieser ganze Kosmos und die Geschichte dieses Kosmos nichts anderes ist  als der Augenblick der Schöpfung. Dass wir von innen in diesem Kosmos und als Teil von ihm die Schöpfung miterleben, die für unseren evolutiv beschränkten Horizont und unseren begrenzten Zeitmaßstab vor vielen Milliarden Jahren begonnen hat ... dass das alles von einem jenseitigen Zeiterleben aus – populär unter dem Aspekt der Ewigkeit – der Augenblick ist, in dem die Schöpfung sich vollendet ... Wir sind die Neandertaler der Zukunft. Ich glaube, dass wir in der Geschichte dieses Kosmos ganz unvermeidlich auch Übergangsphänomene sind, wie es frühere uns vorangegangene Lebensformen, unsere biologischen Vorläufer, auch gewesen sind ...
Gott wird diese Welt ihrer Vollendung entgegenführen, ob mit uns oder ohne uns, und wir sind dafür verantwortlich, ob es mit uns oder ohne uns stattfindet ...
Ich komme auf diesem Weg mit Sicherheit nicht bis zum persönlichen Gott, an den die Christen glauben ... Aber ich komme zu der Aussage, dass das Werden der Welt, dass die innovativen Prozesse in dieser Welt, deren Ursache wir nie verstehen werden, stets von Strukturen geringerer Ordnung zu Strukturen immer höherer Ordnung verlaufen. Ich komme bis hin zu der Aussage, dass dieser Prozess, die Eigenschaften der Materie, die den Prozess anstoßen und ermöglichen, dass die Gesetze, die ihn steuern, dass die Tatsache, dass überhaupt dieses ganze sonderbare und wunderbare Gebilde existiert, dass das etwas ist, was mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht mehr erklärt werden kann. Dies ist die größte Annäherung, die ich zu dem Begriff Gott auf dem naturwissenschaftlichen Wege sehe. Dann beginnt der legitime Raum der Theologie.
(Wolf-Rüdiger Schmidt: Leben ist mehr, GTB Sachbuch 957, Gütersloh 1988)

·         (107ff) Tod
Eine positive Aufnahme findet der Tod im hohen Alter. Er beendet ein erfülltes Leben. So berichtet Gen.25,8: „Abraham starb in gutem Greisenalter, alt und satt an Tagen, und wurde zu seinen Stammesgenossen versammelt.“
Das ist der Tod, den der Mensch sterben darf, nicht der, den er sterben muss. Auch Isaak, David und Hiob sterben „lebenssatt“. ... satt meint nicht den Überdrüssigen, sondern den Befriedigten.;
Nicht einmal in der Heilszeit fehlt das endliche Sterben, Jes. 65,16ff: „denn schon erschaffe ich einen neuen Himmel und eine neue Erde ... wer als hundertjähriger stirbt, gilt noch als jung ...“;
Das Alte Testament erinnert daran, dass ein lebenssattes Sterben zur Geschöpflichkeit des Menschen gehört. Schon in der Paradiesgeschichte des Jahwisten in Gen. 2-3 ist die feine Unterscheidung von verschuldetem Tod und geschöpflichem Tod zu bemerken. Die in Gen 2,17 für den Griff nach dem Erkenntnisbaum angedrohte Todesstrafe wird, obwohl sie durch das Gespräch mit der Schlange und den Genuss der verbotenen Frucht verwirkt wird, nicht durchgeführt, sondern in die Verfügung eines mühevollen Lebens verwandelt. Der endlich eintretende Tod jedoch wird ausdrücklich mit der Erinnerung an die Erschaffung des Menschen erklärt Gen 3,19: „... bis du zur Ackererde zurückkehrst, denn von ihr bist du genommen ... denn Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück.“
Dabei wird genau auf den Wortlaut der Erzählung von der Erschaffung des Menschen aus Staub von der Ackererde in Gen 2,7 Bezug genommen und gar nicht auf die Verfügung der Todesstrafe in Gen 2,17. Nachträglich wird in Gen 3,22 eingeschärft, dass „auf Dauer leben“ nicht Sache des Menschen, sondern Sache Gottes ist, und dass es dem Menschen deshalb auch nicht als Anmaßung und Raub zufallen soll; darum wird ihm mit der Vertreibung aus dem garten der Zugang zum Baum des Lebens verwehrt. So hat der Jahwist den Menschen als sterbliches Geschöpf aus Staub gesehen.
(Hans Walter Wolf: Anthropologie des Alten Testaments, EVA Berlin 1977)

·         (15) (erste Berufe)
Gen.4,2 Abel ward ein Hirt, Kain aber ein Ackerbauer;
17b Henoch Erbauer einer Stadt;
20b der Vater aller, die in Zelten und bei Herden wohnen;
21 die Zither und Schalmei handhaben;
22 die Erz und Eisen schmieden;
Gen 10,9 ein gewaltiger Jäger
9,20 Noah begann Weinberge zu pflanzen
(27) dass das christliche Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer zunächst einmal eine den Christen mit vielen anderen Menschen auf der Erde und in allen Phasen der uns bekannten Menschheitsgeschichte verbindende Funktion hat ...
(34) (zwei Traditionsstränge: Erschaffung der Welt und Erschaffung des Menschen)
Erschaffung des Ganzen in Gen.1, Erschaffung des Einzelnen, des Menschen, in Gen.2;
bei P ist in Gen1, 26-31 die vom Vorangehenden abweichende Darstellung der Menschenschöpfung noch zu erkennen;
Von den Schöpfungspsalmen kommen manche, wie 104, von der Weltschöpfung, andere, wie Ps8, von der Menschenschöpfung her;
Es ist kein Zufall, dass im Apostolikum nur vom Weltschöpfer die Rede ist („Schöpfer des Himmels und der Erde“), dagegen Luther in der Erklärung des Kleinen Katechismus das Gewicht ganz auf die Menschenschöpfung verlegt: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat ...“;
(35) Dass Menschen einen Gott als Schöpfer anrufen, dass sie vom Schöpfungswerk eines Gottes berichten, dass sie einen Schöpfer preisen, ist in Israel nicht eine neue Möglichkeit; hierin gehört Israel zusammen mit den Menschen in vielen Völkern, in vielen Religionen, in einer langen Reihe von Generationen, die alle so geredet und gedacht haben.;
(36) (aber in Israel ist) Geschaffensein von vornherein das von allem Göttlichen Unterscheidende (in anderen Kulturen können auch Götter geschaffen werden);
Wenn in Gen1,24 das Schema der Schöpfungswerke durch den Satz unterbrochen wird: „Die Erde bringe hervor ...“, so wird hier die Entstehung von der Schöpfung gewissermaßen umfangen ... eine andere Nachwirkung in Psalm 139,15, in dem noch die Entstehung des Menschen aus dem Mutterschoß der Erde nachklingt;
(45) von Jahwe besiegtes Chaosungeheuer:
6x Rahab, 4x Leviathan, 1 x Behemot, 6 x Meeresdrache, 3 x Übeltäter;
(49) Ägypten: „Er hat die Luft erschaffen, damit ihre Nasen leben können. Seine Ebenbilder sind sie, aus seinem Leibe hervorgegangen.“
Vorstellung der Menschenschöpfung als Formen aus Ton, in Ägypten: auf der Töpferscheibe;
(50) sumerischer Mythos, Schöpfergott Enki: „Er nahm einen Klumpen Erde und sprach zu sich selbst: Ich will einen Menschen machen ...“
(58) Was von Gottes Schaffen in Gen 1-3 gesagt ist, bleibt in eigentümlicher Weise auf die Urgeschichte begrenzt. Während die Taten Gottes in der Geschichte, etwa die Rettung aus Ägypten, durch Jahrhunderte weitergegeben werden und immer wieder in den verschiedensten Zusammenhängen auftauchen, sind weder Gen 1 noch Gen 2f Ausgangspunkt einer Traditionsgeschichte. Wenn in der christlichen Tradition gerade die Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen aus Gen 1 oder die Lehre vom Sündenfall aus Gen 2 eine überragende Rolle spielen, so fehlt etwas Entsprechendes im Alten Testament ganz ... Hierin muss die später verlorengegangene Erkenntnis nachwirken, dass das Schöpfungsgeschehen Urgeschichte ist und nicht Anfang der Geschichte. Von daher kommt die Tatsache, dass bei P der Schöpfergott einen anderen Namen hat als den, den er beim Beginn seines Wirkens in der Geschichte offenbart ;
(59) Es gibt im Alten Testament keine einzige Stelle, an der die Schöpfung oder der Schöpfer in einen direkten Zusammenhang mit dem Glaubensbegriff gebracht würde. Eine Verbindung wie „glauben an den Schöpfer“ oder gar „Schöpfungsglaube“ ist für die Sprache des AT nicht möglich.;
“Der Begriff „Glauben an Gott, den Schöpfer“ setzt die Möglichkeit einer Alternative voraus, also die Möglichkeit des Nicht-Glaubens. Diese Alternative gibt es für die Menschen des AT noch nicht...;
(69) WWundt: „Die Weltuntergangssage (auch die Flutmythen) bildet das mythologische Komplement zur Weltschöpfungssage“;
das Verhältnis dieser beiden Erzählungen zueinander nicht primär in einem zeitlichen Nacheinander, sondern eben komplementär zu sehen;
(70) häufig gehört zu den Flutgeschichten der Zug, dass von den aus der Flut Geretteten alle Menschen abstammen;
dass es im polytheistischen Bereich immer der Schöpfergott ist, der den Beschluss zur Vernichtung der von ihm geschaffenen Menschheit fasst;
(72f) die Erschaffung der Menschen lässt die Möglichkeit ihrer Vernichtung offen ...
Es geht in der Katastrophe der Flut um das Ganze wie es in der Schöpfung um das Ganze geht;
(73; 84) Jahwist schildert positive Möglichkeiten des Menschen, seine Errungenschaften, aber auch die erschreckenden Möglichkeiten, die dem Menschen in seiner Freiheit, gegen seinen Schöpfer zu handeln, gegeben ist;
das Dasein der Menschheit in der Urzeit ist nicht nur von Freveln und Grenzüberschreitungen, sondern auch von Fortschritten im Bewältigen ihrer Aufgabe bestimmt;
alle Kulturgüter sind für die biblische Urgeschichte menschliche Errungenschaften;
(85) der Mensch ist nicht zum Bedienen der Götter geschaffen, sondern zum Beherrschen, Bebauen und Bewahren der Erde;
(85) dem Menschen wird in Gen 2f trotz seines Ungehorsams und dessen Bestrafung das Leben und damit die Lebenskraft gelassen, der Acker und dessen Fruchtbarkeit; das Beherrschen der Tiere wird nicht rückgängig gemacht, auch nicht die Fruchtbarkeit des Leibes. Das alles ist im Verständnis des J Segenswirkung. Die Geschichte des von Gott geschaffenen, aus dem Paradies vertriebenen Menschen wird als Genealogie, als Geschlechterfolge, weitererzählt, d.h. als Geschichte weiterwirkender Lebenskraft.;
(86) der Schöpfer verleiht dem Menschen nicht die fertigen Produkte, sondern die Fähigkeiten, sie zu erwerben und zu schaffen;
(92) Credo in Israel: Vätergeschichte (nicht in der Urgeschichte);
Schöpfer, Schöpfung Ort im beschreibenden Gotteslob;
(94) das AT redet nicht von einer gefallenen Schöpfung oder von einer durch den „Sündenfall“ gefallenen Menschheit, sondern bezieht vielmehr im Erzählen der Geschichte Gottes mit seinem Volk auf mannigfaltige Weise dort, wo es sich ergibt, das in Israel Geschehende auf das am Anfang von Sünde und Frevel der Menschheit Gesagte.;
(112) (zu Gen 1,1 – 2,4a)
Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Darstellung in Enūma eliš nicht die babylonische Schöpfungsdarstellung ist, sondern eine von vielen; es hat sich darüber hinaus gezeigt, dass Gen 1 auch Motive aus ägyptischen Schöpfungsdarstellungen enthalten kann.;
in Gen 1 eine sehr eigentümliche Sprachgestalt, die sich an den das ganze Kapitel durchziehenden immer gleichen Sätzen zeigt. Die durch sie erreichte feierliche Monotonie erinnert an die Sprachform der Genealogien, für die ja das Wiederkehren immer gleicher Sätze bezeichnend ist. Diese Entsprechung wird sofort klar, wenn man Gen 5 (P), die unmittelbare Fortsetzung, im Anschluss an Gen1 liest;
(124) Reihenfolge der Schöpfungshandlungen in Enūma eliš. Sie ist der in Gen1 so auffällig ähnlich, dass hier irgendeine Beziehung nicht geleugnet werden kann ... dem Feiern der Götter (dort) entspricht das Ruhen Gottes (in Gen1);
Systematisierung, die P durch die Fassung der Weltschöpfung in das Schema der sieben Tage, in die „Schöpfungswoche“, wie einige Ausleger sagen, vorgenommen hat. P hat damit jedenfalls in das ihm überkommene Reden von der Schöpfung tief eingegriffen ... Die Reihe der sieben Tage wird durch den siebten Tag ein geschlossenes Ganzes. Dass damit auf den Sabbat gedeutet wird, ist klar, auch wenn ihn P nicht nennt;
(126) Was P darstellt, ist eben nicht eine „Abfolge von sechs Tagen und dem Sabbat am Ende“, sondern ein Ganzes oder eine gegliederte Zeiteinheit, die es vom Ziel her wird. Dann ist nicht eine Summe von sieben mal 24 Stunden gemeint, sondern die alle weiteren begründende Zeiteinheit, die in sich gleichmäßig gegliedert ist. Man kann dann die Schöpfungstage nicht nachrechnen, sie haben etwas wie Gleichnischarakter. P will sagen, dass mit der Schöpfung die geordnete Zeit begann, die in sinnvoll geordneten Epochen auf ein Ziel hinführt, das ein von Gott der Zeit gegebenes Ziel ist.;
(128) Als sicher kann nur vorausgesetzt werden, dass die Schöpfungserzählungen ursprünglich einmal nicht aus der Frage, wie die Welt und die Menschen entstanden, sondern aus der existenziellen Sorge um die Sicherung des Bestehenden und des Daseins erwachsen ist.;
(129) Gen1 Anfang des priesterschriftlichen Werkes ... Charakter einer feierlich-majestätischen Ouvertüre ...
es ist das Gesetz des Gottes, der Himmel und Erde geschaffen und also nicht nur Israel, sondern alle Kreatur und die ganze Menschheit gesegnet hat! Die Bedeutung des Festhaltens und Weitergebens einer Menschheitstradition, in der das Gegenüber Gottes Kosmos, Kreatur und Menschheit sind, nicht aber Israel, geordneter Kult und Observanz, ist nicht zu überschätzen.;
(131) Gen1,1 ist eine die Erzählung in einen einzigen Satz fassende Überschrift;
(136) hebräisches Verb „bara“ für schaffen – immer ist Jahwe Subjekt des Verbs bara, niemals ein Mensch, niemals ein anderer Gott, Niemals hat bara eine Präposition bei sich oder den acc. des Stoffes, niemals ist etwas dabei genannt, woraus Gott schafft;
(139) Wenn Gen1 damit beginnt, von Gott zu reden, so spricht der hier Redende nicht von einem Seienden, sondern von einem Wirkenden. Er redet auch nicht von einer „prima causa“; dieses neutralisierende Reden vom Schöpfergott wäre hier unmöglich. Gott ist in Gen1 ein Wirkender und ein Redender; darin ist er Gott, nicht aber in etwas hinter diesem Reden und Wirken Seienden. Als der Wirkende ist Gott Wirklichkeit, nicht jenseits des Wirkens. ... Es gibt hier keinen Wirklichkeitsbegriff, der von Gottes Wirken abstrahieren könnte oder der außerhalb des Wirkens dieses Wirkenden gründete. Wirklichkeit gibt es, weil Gott wirkt.;
(154) memphitische Theologie, wo in einer ägyptischen Kosmogonie Weltschöpfung durch das Wort eines Gottes dargestellt wird;
(157) Die Finsternis ist in Gottes Schöpfung notwendig, und insofern ist auch sie (Geschöpf und JK) gut;
(160) P spricht vom Himmel als einer festen Wand oder einem festen Gewölbe (dieses „Weltbild“ gibt das ihm überlieferte Reden von der Weltschöpfung wieder);
(162) Offenbar ist es gar nicht die Absicht des P, die Schöpfung so darzustellen, dass wir sie uns dann vorstellen können;
(163) eine andere Vorstellung (in der Bibel) spricht vom Himmel als einem ausgebreiteten Zelt (Ps104,2, Jes40,22);
dass sich über der Himmelsfeste Wasserfluten oder ein himmlischer Ozean befinden, ist im AT noch mehrfach gesagt (Ps104,3.13; Ps148,4; 2Kö17,2.19; Gen7,11ff). Durch Öffnungen im Himmelsgewölbe ergießt sich das Wasser auf die Erde.;
(164) Gen1,8: Erst mit der Benennung wird ganz klar, dass die in Gen1,6-7 erschaffene Feste, also dieser feste Körper, als der die Feste gedacht ist, der Himmel ist: dieser feste Körper wird Himmel genannt. Er ist so auch gemeint; an ihn werden die Gestirne gesetzt. Das bedeutet aber: „Himmel und Erde“ umfasst die Erde zusamt dem Himmelsgewölbe, nicht aber das Wasser über der Feste. ...
Die nach P von Gott geschaffene Welt ist nicht mit dem All identisch. Es ist damit weise zugegeben, dass ein Mensch weder das All noch das Nichts zu denken vermag. Die Bejahung Gottes als des Schöpfers der Welt bedeutet das Anerkennen der Grenzen menschlichen Denkens. Das gilt unabhängig von den sich wandelnden Vorstellungen darüber, wie die Schöpfung der Welt vor sich ging.
(165) der Begriff Himmel ist also ursprünglich mythisch und naturwissenschaftlich zugleich. ...
für das AT ist der Himmel nur noch Geschaffenes, er hat keinerlei göttlichen Charakter mehr ... Der Himmel ist nicht anders Geschöpf als die Erde; er hat daher auch durchaus keine nähere Beziehung zu Gott als die Erde (Dt10,14) ...
Da der Himmel Geschöpf ist wie die Erde, kann das AT auch von seiner Vernichtung beim Endgericht sprechen (Jes34,4; 51,6);
dass das mythische Verständnis des Himmels, das im alten Israel abgewiesen worden war, erst wieder im Zusammenhang mit einer sehr späten Vorstellung erneuert wurde, dass nämlich der Himmel zum Aufenthaltsort der Toten wurde, wie im späteren Griechentum und im Neuen Testament Hb12,22ff, Ag6,9ff 7,4ff. Die Vorstellung vom himmlischen Jenseits gab es lange vorher in Ägypten;
(166) Der Wechsel von Tag und Nacht begründet die Ordnung der Zeit, die Erschaffung der Feste das Oben und Unten, die Trennung von Wasser und Land das Hier und Dort.;
von unserer Auffassung freizukommen, als wolle der Schöpfungsbericht uns eine „Anschauung“ vermitteln, wie es bei der Schöpfung zugegangen sei. ... Ihr Ziel ist vielmehr, geltende Wirklichkeit zu setzen, die das gegenwärtige Dasein bestimmt; das in der Kosmogonie Erzählte ist nicht auf den die Schöpfung sich Vorstellenden, sondern auf den auf Grund dieser Schöpfung Existierenden bezogen.;
(167f) zu Gen1,9:
Die Erde wird nicht von Gott „gemacht“ wie die Himmelsfeste, sie wird vielmehr durch die Scheidung vom Wasser freigelegt ... Hier wird es ganz deutlich, dass eine creatio ex nihilo nicht gemeint sein kann; unsere Frage nach der Herkunft der Materie wird nicht beantwortet.
Hier wäre zu fragen, ob nicht dieses auf die menschliche Existenz bezogene Verstehen der Welt, wie es sich in der Weltschöpfung als Scheidung zeigt, dem modernen naturwissenschaftlichen Weltverständnis näher ist als das vom Vorhandensein der Materie ausgehende, in dem die Vorhandenheit der Welt in absoluter Gegenständlichkeit denkbar schien.;
(169) Zusammengehören von Scheiden und Benennen ... Unter gewissen Umständen existiert ein Bestandteil der Welt erst, wenn er einen Namen hat; ... neu entdeckter Stern ... neu entdeckte Insel;
(172ff.)
(Zum ersten Kapitel der Bibel – zum dritten „Schöpfungstag“, an dem die Pflanzen geschaffen werden: Gen1,11):
Und Gott sprach: Es ergrüne die Erde in Grünem!“ – Gottes Wort gibt jetzt die Schöpfermacht ab, d.h. das Wort wird zur Anordnung an das zuvor Geschaffene, selbst das weitere Neue entstehen zu lassen. … (in Gen.1,12 geschieht es dann: „Und die Erde ließ frisches Grün sprossen …“)
Damit aber, dass an dieser Stelle das Schaffen Gottes für das Entstehen offen ist, ist ein grundsätzlicher Gegensatz von Schaffen und Entstehen ist nicht mehr möglich und nicht mehr nötig. …
„Die Erde brachte hervor“. Was als Gebot formuliert „es ergrüne die Erde in Grünem“ hieß, wird in der Ausführung mit einem anderen Verb genannt: „die Erde bringe hervor“. Dasselbe Verb wird mit dem gleichen Subjekt dann noch einmal Gen.1,24 gebraucht, hier in der Formulierung des Befehls: „Die Erde bringe lebende Wesen hervor.“ Dieses „Hervorbringen“ ist zunächst einfach so gemeint: „etwas, was darinnen ist, herauskommen lassen“. Die Pflanzen sind in der Erde, und die Erde lässt sie herauskommen … Dahinter steht die über die ganze Erde verbreitete Vorstellung von der „Mutter Erde“, der Erde als Gebärerin alles Lebendigen und auch aller Vegetation;
Die beiden Verse können beispielhaft zeigen, wie das Reden von der Schöpfung nur in der Folge verschiedener Darstellungsweisen möglich ist; die (in diesem Text) in der Mitte stehende und eigentlich gemeinte Darstellung der Erschaffung der Pflanzen durch das Wort des Schöpfers schließt weder die uralte Vorstellung des Entstehens (des Lebens) aus der Erde noch das später aufkommende Fragen nach der Art und Weise des Entstehens aus …
(Entstehung des Menschen aus der Erde Ps.139,15);
(lateinisch evolvere meint „herauswälzen, herauswickeln, entströmen“ --> Evolution!!! JK) ....;
(176) zu Gen1,14-19:
Sonne und Mond werden unter anderem zur Herrschaft bestimmt; Zur Herrschaft wird auch der Mensch bestimmt (Gen1,26.28). Herrschen ist eine personale Funktion, in ihr klingt die Vorstellung der Göttlichkeit von Sonne und Mond noch entfernt nach.;
Gott segnet die Wassertiere und Vögel (Gen1,22) und den Menschen (Gen1,28), nicht aber die Landtiere dazwischen (sind sie, weil sie zum gleichen Tagewerk gehören wie der Mensch, in diesen Segen mit eingeschlossen?; in Gen8,17 sind sie in den Segen eingeschlossen);
(198) zu Gen1,26-28):
Die Erschaffung des Menschen wird nicht als Schöpfung durch das Wort dargestellt;
(205) Wenn einer der Punkte, in dem (in der alttestamentlichen Forschung) Einmütigkeit erreicht wurde, dieser ist, dass nach den Aussagen des AT die „Gottesebenbildlichkeit“ des Menschen nicht durch den „Sündenfall“ verloren ist ...
(211) Der Pharao heißt „Ebenbild“ als Stellvertreter des Gottes auf Erden.
(217) Gottesebenbildlichkeit – die die Ermöglichung eines Geschehens zwischen Gott und Mensch, nicht aber eine Qualität des Menschen an sich bedeutet.;
(218) Die Gottesbeziehung ist nicht etwas zum Menschsein Hinzukommendes, der Mensch ist vielmehr so geschaffen, dass sein Menschsein in der Beziehung zu Gott gemeint ist.;
(219f) Auf keinen Fall ist das Herrschen über die Tiere im Sinn der Ausbeutung durch den Menschen gemeint; der Mensch würde seine „königliche“ Stellung ... im Bereich des Lebendigen gerade verlieren, wären ihm die Tiere nur noch Gegenstand der Nutzung oder gar Ausbeutung. Dass eine Herrschaftsordnung zwischen Tier und Mensch errichtet wird, bedeutet, dass die Existenz der Tiere in ihr mehr als bloßes „Vegetieren“ sein soll; der Bezug, in den Mensch und Tier dadurch zueinander gebracht werden, ist auch für die Tiere positiv gemeint. ... Unsere Sprache hat eine Erinnerung daran bewahrt, wenn „beherrschen“ in einem übertragenen Sinn auch auf Beziehungen zu Gegenständlichem gebraucht wird: man kann eine Kunst, eine Technik, eine Sprache beherrschen. Eigentlich ist darin eine Beziehung zu Lebendigem gemeint.;
(221) Erschaffung (gleichzeitig) von Mann und Frau;
dass es nach dieser Auffassung ein „Wesen des Menschen“, eine Bestimmung des Menschen abgesehen von seiner Existenz in zwei Geschlechtern nicht geben kann. Der Mensch ist hier als ein Gemeinschaftswesen,, als ein zu zweit Existierender gesehen, und so etwas wie Menschlichkeit kann es dann auch nur bezogen auf den zu zweit existierenden Menschen geben.;
will die Priesterschrift mit den hinzugefügten Segensworten von der „Schöpfung“ in die „Erhaltung“ hinüberweisen.;
(226) zu Gen1,29:
Eine nachweisbare Periode, in der es weder für Menschen noch für Tiere tierische Nahrung gab, hat es nicht gegeben.;
(227) Ein Herrschaftsverhältnis, in dem der Herrscher nur Nutznießer seiner Untergebenen ist, ist im AT undenkbar. Es schließt immer in irgendeiner Weise ein Dasein für den Untergebenen ein ...;
(238) zu Gen1 zusammenfassend:
Während die kirchliche Lehre von der Schöpfung immer die Tendenz hatte, die Erschaffung der Welt und des Menschen in der Weise festzulegen, dass in in sich feststehenden Aussagen fixiert werden, Aussagen wie „Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen“, „Gott hat die Welt in sieben Tagen geschaffen“, „Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen“ usw., zeigte der Text selbst auf Schritt und Tritt die entgegengesetzte Tendenz. Die das Reden von Schöpfer und Schöpfung in Gen1 bestimmende Tendenz ist das ehrfürchtige Wahren des menschlicher Vorstellung nicht zugänglichen Geheimnisses der Schöpfung ... Haltung des Gott-Lobenden ....;
Stehenbleiben vor den Toren, die dem nach dem Anfang, nach dem Entstehen, nach den Ursprüngen fragenden Menschengeist nicht erschlossen werden. ... P lässt seine Stimme zusammen mit anderen Stimmen zu Wort kommen (Aufnehmen, Stehenlassen älterer Traditionen JK);
(239) Von der Schöpfung kann nur in der Vielstimmigkeit der sich durch die Geschichte erstreckenden Generationen geredet werden; es gibt von ihr kein Wissen, das abgeschlossen verfügbar wäre.;
P erzählt die Erschaffung von Welt und Mensch so, dass er den Hörer vor die Unfasslichkeit, die Unergründbarkeit, die Unvorstellbarkeit dessen stellt, wovon er berichtet ... wie P die Fragen, die wir stellen (WIE hat Gott die Welt geschaffen? JK) ganz bewusst nicht beantwortet.;
(242) Die einfache Tatsache, dass auf dem ersten Blatt der Bibel vom Himmel und der Erde, von Sonne, Mond und Sternen, von den Pflanzen und den Bäumen, von den Vögeln, den Fischen und den Tieren des Feldes gesprochen wird, sagt gültig, dass der Gott, den wir im Glaubensbekenntnis als den Vater Jesu Christi bekennen, es mit allen diesen Geschöpfen zu tun hat und nicht nur mit den Menschen. Ein Gott, der nur noch als der Gott der Menschen verstanden wird, ist nicht mehr der Gott der Bibel.;
P will nicht sein eigenes Verständnis des Hergangs der Schöpfung verabsolutieren und damit jedes andere für falsch erklären. Wenn er ältere Vorstellungen aufnimmt und in seinem Bericht mitreden lässt, ist nicht einzusehen, warum nicht auch die weitergehende Erforschung der Anfänge von der Grundhaltung her verstanden werden könnte, die die Darstellung des P bestimmt ...
(243) zeigt sich schon bei P deutlich eine Richtung auf naturwissenschaftliches Denken hin, dort, wo er kategoriale Scheidungen wertet, wo er die Gestirne auf ihre bloße Funktion reduziert, wo er die Entstehung der Pflanzen und Tiere in Gattungen begreift, und schließlich auch, wo er die Entstehung der Welt in Perioden sieht.... Gen1 schließt eine wissenschaftliche Erklärung der Entstehung der Welt und der Entstehung des Menschen nicht aus, sofern solche wissenschaftliche Erklärung für die gleiche ehrfürchtige Anerkennung des Schöpfers frei bleibt, die den Schöpfungsbericht des P bestimmt
(249) ab hier zu Gen2,4b-3,24):
Gen2,17 „denn am Tag, an dem du von ihm isst, musst du sterben(geschieht so nicht JK)
Gen2,18 „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei ...“ (nicht alles in der Schöpfung ist gleich perfekt, gut... JK);
(261) Gen2,18.23 Der erste Versuch Gottes gelingt nicht (Gen2,20), erst mit der Erschaffung der Gefährtin kommt das zunächst unzulängliche Schöpfungswerk zu seiner Vollendung;
(270) Vergleich Gen2 gegenüber Gen1 (HGunkel): „Die Erde ist ursprünglich trocken; es entsteht dann Wasser, Mensch, Bäume, Tiere und das Weib. Diese Reihenfolge ist ganz anders als bei P.“;
(283) zu Gen2,7: Ein Verständnis, nach dem der Mensch aus Leib und Seele bestünde, ist damit ausgeschlossen.;
(300) Zum Dasein des Menschen gehört eine Beschäftigung oder eine Arbeit (Gen2,15b) und als wichtigstes die Gemeinschaft mit einem anderen Menschen (Gen2,18-24). Die Arbeit ist hier also als Wesensbestandteil des Menschseins angesehen. Ein Leben ohne Arbeit wäre kein menschenwürdiges Dasein.;
(304ff) zu Gen2,16-17:
Verbot des Essens vom Baum der Erkenntnis; „Am Tag, an dem du davon issest, musst du sterben.“ das deutliche Aussprechen der Grenze, die mit dem Raum der Freiheit ... zusammengehört. Das Nein zu Gott, das durch diesen Raum der Freiheit ermöglicht wird, ist zuletzt ein Nein zum Leben; denn das Leben kommt von Gott.;
Dass der Tod am gleichen Tage eintreffen werde, ist also nicht gemeint. Das andere Extrem in den Möglichkeiten der Deutung ist: das („du sollst sterben“) solle bedeuten, der Mensch werde durch das Übertreten sterblich ...
Diese Deutung ist aber ausgeschlossen durch den festgelegten Sinn der sehr häufig für die Todesstrafe gebrauchten Formel („du sollst sterben“). Sie kann unmöglich bedeuten „du wirst sterblich werden“. ...
Die Todesstrafe hat ... den Sinn einer Warnung. Sie soll den Menschen davor bewahren, von dem Baum zu essen. Nachdem die Menschen von dem Baum gegessen haben, ist eine neue Lage eingetreten. In dieser Lage handelt Gott anders, als er es vorher angekündigt hatte. Diese „Inkonsequenz“ Gottes ist für die Erzählung wesentlich; sie zeigt an, dass das Handeln Gottes an seinen Geschöpfen nicht festgelegt werden kann, auch nicht durch vorher gesprochene Worte Gottes. Eben damit aber wird das Handeln und das Reden Gottes missdeutbar, und davon macht die Schlange Gebrauch.;
(308) im Gilgamesch-Epos in der Gestalt des Enkidu dargestellt: Enkidu lebt zu Anfang mit den Tieren zusammen (das entspricht der in Gen2,19-22 vorausgesetzten Möglichkeit, dass der Mensch unter den Tieren die Hilfe fände, die ihm entspricht): auch von ihm ist gerade vorher gesagt, dass er aus Erde gebildet wurde, auch er wird durch eine Frau verführt und lernt dann die menschliche Gemeinschaft kennen.
(316) zu Gen2,23:
Luther: “Männin“ (im Englischen woman als „wife of man“);
(324) „die Schlange, die Jahwe Gott gemacht hatte“ (ausdrücklich als Geschöpf Gottes bezeichnet!);
(363) zu Gen3,19:
Der Tod (das Wort wird hier vermieden) ist also in Gen3,19 nicht Strafe für die Übertretung des Menschen, er ist die Grenze für die Mühsal der menschlichen Arbeit (und darin klingt Positives an).;
(367) zu Gen3,21 „Und Jahwe Gott machte dem Menschen und seiner Frau Röcke von Fellen und bekleidete sie damit“ handwerkliches Tun Gottes (vgl. Luther Kleiner Katechismus zum 1. Artikel im Glaubensbekenntnis: von Gott Kleider und Schuhe JK);
(368) zu Gen3,23:
Der Mensch hat seine Bestimmung darin, auf der Erde und für die Erde zu wirken.;
(374) zur Erzählung Gen2-3:
in allen abendländischen Sprachen wurde „Der Sündenfall“ zur Überschrift der Erzählung;
Die Bezeichnung und die in ihr enthaltene Deutung hat eine Geschichte, die sich in ihren wichtigsten Stadien erkennen lässt. Sie stammt nicht aus der christlichen, sondern aus der spätjüdischen Überlieferung. Sie findet sich in 4.Esr7,118
„Ach Adam, was hast du getan,
als du sündigtest,
kam dein Fall nicht nur auf dich,
sondern auch auf uns, deine Nachkommen“;
Das zweite Stadium zeigt sich in der Paulinischen Theologie (Wurzeln in der spätjüdischen Auslegung erkennbar);
Das dritte Stadium stellt die volle Ausbildung der Erbsündelehre bei Augustin dar.
(376) katholischer Exeget HHaag: „Die gegenwärtige Auffassung der katholischen und evangelischen Dogmatik, nach denen der Urstand eine zeitliche Phase am Anfang der Menschheitsgeschichte war ... entsprechen nicht der Bibel. Sie kennt keinen „vorsündlichen Menschen“ und damit auch keinen Urstand.“;
Wenn durch das ganze AT hindurch die Erzählung Gen2-3 nicht tradiert wird, wenn sie nicht angeführt wird, nie an sie erinnert wird, wenn sie vor allem niemals in den Zusammenfassungen der Taten Gottes (Credo) begegnet, so ist dies ebendarin begründet, dass sie in Israel niemals als ein geschichtliches Ereignis neben anderen geschichtlichen Ereignissen aufgefasst wurde.;
(379) Es ist von Gen2-3 her nicht möglich, die Geschichte der Menschheit von Adam bis zum Kommen Christi so negativ darzustellen, wie Paulus das in Rö1,18-32 tut. Dass die „Ursünde“ eine Wirklichkeit für die ganze Menschheit ist, bedeutet nicht, dass alles, was die Menschen tun, vor Gott sündig oder verfehlt ist.
(Claus Westermann: Genesis, Kapitel 1-11, Teil 1, EVA Berlin 1985)

·         (478) zu den Genealogien in Gen4,17-26 und Gen5:
(Angaben zu den Jahreszahlen zwischen Adam und Sintflut)
beträchtlich sich unterscheidende Überlieferung der Zahlen in M, G und Sam (älteste vorliegende biblische Texte: M masoretischer = hebräischer Text; G griechischer Text (Septuaginta); S samaritanischer Text JK) ...
Die Summe der Jahre, und damit das Datum der Flut, ist in M 1656, in Sam 1307, in G 2242.
Wohl aber hat die Tatsache des Nebeneinanders dreier verschiedener Zahlensystem in den drei Textüberlieferungen M, Sam und G eine Bedeutung für die Exegese. Diese liegt darin, dass die Tradenten damit die Grenze ihres Wissens über die Urzeit zu erkennen gegeben haben. ... Keines von ihnen ist das richtige oder das ursprüngliche, weil es so etwas hier nicht mehr geben kann. In ihrem Nebeneinander wollen sie anerkannt werden; in ihm verweisen sie auf die Grenze allen Wissens von der Urzeit.
Gen. 4,26 „Adam erkannte noch einmal seine Frau ....“
Gen.5,1-3. „(1) Das ist die Geschlechterfolge nach Adam: Am Tag, da Gott den Menschen erschuf, machte er ihn Gott ähnlich. (2) Als Mann und Frau erschuf er sie, er segnete sie und nannte sie Mensch an dem Tag, da sie erschaffen wurden. (3) Adam war 130 Jahre alt ...“
(an allen unterstrichenen Stellen steht im Bibeltext „Adam“ JK) Adam ist in diesem Satz (Bezug auf Vers 2 JK) zweifelsfrei kollektiv gemeint (also: Menschen JK) , während in der Überschrift von Vers 1a und ab Vers 3 Adam Eigenname ist. Dem steht betont der Name „Mensch“ gegenüber, der allen gemeinsam ist. Die Benennung dieses Geschöpfes durch Gott steht bewusst erst hier und nicht in Gen1,26-31, weil hier mit der in die Geschichte sich erstreckenden Genealogie der Name des Individuums aus dem Namen der Gattung Mensch heraustritt.
(Claus Westermann: Genesis, Kapitel 1-11, Teil 2, EVA Berlin 1985)

·         Apostel Paulus ... seine Bedeutung für die christliche Kirche ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Er, ein hochintellektueller Mann, den bäurischen Aposteln weit überlegen, war nicht nur der Chefideologe des Urchristentums. Er, der Jesus nicht mehr gekannt hatte, eignete sich vielmehr die christliche Lehre an, um daraus erst eine Theologie zu machen. Die Erbsünden-, Erlösungs- und Gnadenlehre, eigentlich alle Fundamente des Christentums, stammen von Paulus. Und sogar die Evangelien – was man sich in diesem Zusammenhang vergegenwärtigen muss – wurden erst nach den Paulusbriefen geschrieben.
(ADAC Reiseführer ROM 2005, S.130)

·         Die Schöpfung in Gen. 2 ist nicht schon im ersten Arbeitsgang perfekt, sondern der schöpferische Gott bessert nach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt ...“
(65) die vor allem auf Augustinus zurückgehende Erbsündenlehre, der zu Folge die Ursünde Adams und Evas durch Zeugung weitergegeben wird;
(74) Gen 1: Als Glaubensaussagen, die unabhängig vom antiken Weltbild Gültigkeit beanspruchen, sind wohl die folgenden zu nennen:
Der eine, einzige Gott (Monotheismus) ist Schöpfer des Alls. Die Welt ist Gottes gutes Werk und selber nicht Ausdruck göttlicher oder dämonischer Mächte. Der Mensch ist in seiner Zweigeschlechtlichkeit als Bild Gottes geschaffen und trägt nach dessen Vorbild Verantwortung für die Schöpfung. Der Sabbat soll ein Tag heiliger Ruhe sein, ein Tag der Besinnung des Menschen auf seinen Schöpfergott. ...
Immer wenn vom Schaffen durch Gott die Rede ist, verwendet die Priesterschrift das Wort bara, ist im ganzen Alten Testament ausschließlich dem Schaffen Gottes zugeordnet, nie wird es für das menschliche Schaffen verwendet, nie findet sich dabei irgendeine Angabe von Rohstoff oder Material, aus dem Gott schafft;
(76) Gen 2ff: Der Mensch (hebräisch ADAM) stammt materialiter vom Lehm oder Staub des Ackerbodens (ADAMA) ab, zu dem er auch zurückkehrt. Im Wort ADAM steckt aber auch das hebräische Wort DAM, was Blut bedeutet. das „blutvolle“ Leben des Menschen stammt aus der Erde, der Schöpfung Gottes, und kehrt dahin auch wieder zurück. Wer des Menschen Blut vergießt, es wieder ausgießt in den Acker (wie Kain, der seinen Bruder Abel tötet), der betätigt sich gewissermaßen als Antischöpfer.
(79) Urgeschehen in den ersten Kapiteln der Bibel: „Dies nun geschah niemals, ist aber immer“ (so der Römer Sallust); Alttestamentler Zeller: „Urzeit-Geschichten erzählen nicht Einmaliges, sondern Erstmaliges als Allmaliges“
(81) Mensch als Bild Gottes – gemeint ist ein an Gottes schöpferischem Wohlwollen orientiertes Verhalten gegenüber der übrigen Schöpfung;
(82) Der Mensch ist nur als Bewahrer ein Bewahrter (Noah in der Sintflut soll die Mitgeschöpfe retten)
(Ulrich Lüke: Das Säugetier von Gottes Gnaden, Evolution-Bewusstsein-Freiheit, Herder Freiburg  2006)

·         in den USA gehen 84 % der Einwohner davon aus, Gott sei an der Erschaffung des Menschen in irgendeiner Weise beteiligt gewesen;
in Deutschland glauben nur 16 % der Bevölkerung an eine Schöpfung á la Bibel;
+ Der Mensch hat sich in Millionen von Jahren aus anderen Lebensformen entwickelt,
   Gott hat diesen Prozess gesteuert ... JA USA 31 %; D 33 %
+ Gott hatte auf diesen Prozess keinen Einfluss ... USA 12 %, D 46 %
+ Gott hat den Menschen in seiner jetzigen Form erschaffen,
   genau so, wie die Bibel es beschreibt .... USA 53 %, D 16 %
(Spiegel 52/2005 S.136ff)

·         Generalsynode der VELKD 2006:
Die Generalsynode bittet die evangelisch-lutherischen Theologischen Fakultäten zu erwägen, als Reaktion auf den Vortrag Benedikts XVI. in der Universität Regensburg, die fundamentale Frage über das Verhältnis von Glaube und Vernunft aus evangelischer Sicht so darzustellen, dass diese Sicht sich auch den römisch-katholischen Partnern erschließen kann.
(VELKD Informationen 119 S.19)

·         Apostelgeschichte 8,37:
dieser Vers steht nur in einer einzigen frühbyzantinischen Handschrift; wird daher auch von Vertretern des so genannten griechischen Mehrheitstextes weggelassen; wie dieser Vers überhaupt in den Text kam, nach dem Luther seine Übersetzung anfertigte – Erasmus hatte zwei Fassungen der Apostelgeschichte, in einer fehlte der Vers ganz, in der anderen stand er nur als textlich unsichere Randbemerkung, Erasmus behielt ihn wohl bei, weil er damals schon Teil der Vulgata war, die in der katholischen Kirche als offizielle lateinische Bibelübersetzung galt
(ideaSpektrum 42/2002 S.5; Leserbrief Riesner, Prof.f.NT Dortmund)

·         Gerd Theißen (Neutestamentler in Heidelberg) unterscheidet zwei Phasen der Evolution: die biologische und die kulturelle Evolution. Während die biologische Evolution durch die „harten“ Gesetze von Mutation und Selektion gekennzeichnet wird, ist es die Kultur, die eine Selektion mindert. So ist die vom Menschen vollzogene kulturelle Evolution immer darum bemüht, Lebens- und Überlebenschancen auch dort zu schaffen, wo natürlicher Selektionsdruck diese nicht gewährt. Damit ist die kulturelle Evolution als Gegenbewegung zur natürlichen Selektion anzusehen. ... biblischer Glaube wird zum Aufruf gegen das Selektionsprinzip ... Der Gott, der sich in der Bibel offenbart, will die Menschen aus den Gesetzen der biologischen Evolution hinausführen, wie er sein Volk aus Ägypten führte ... Antiselektionismus ist der gemeinsame Nenner für Gottes Handeln in der Bibel und das seinem Handeln entsprechende menschliche Verhalten. ... Moltmann: entweder muss Gott alles Negative in der Welt zugerechnet werden oder Gottes Macht unterliegt einer Beschränkung ... Selbstbeschränkung Gottes ... damit die Möglichkeit für die Schöpfung, sich frei zu entfalten
(Publik-Forum 25.4.1995)

·         Was ist Religion?
einige Merkmale, die die meisten der mehreren tausend bekannten Religionen besitzen:
- Transzendenz: der Glaube an außer-/übernatürliche Mächte
- ultimative Bezogenheit: das Gefühl der Verbundenheit, Abhängigkeit, Verpflichtung
- höchste Bestimmung: das Gefühl der Sinngebung, sowohl für das Individuum wie auch für die Gemeinschaft
- Mystik: die Erfahrung des „Heiligen“ bis hin zum Erlebnis von Einheitsgefühlen mit dieser Macht
- Mythos: die Welterklärung und -legitimation bis hin zur Annahme eines unheilen Zustands in der Gegenwart und eines Heils- und Erlösungsversprechens
- Moral: transzendente Wertordnung aus Geboten und Verboten
- Ritus: symbolisch aufgeladene Handlungen oder Gegenstände beispielsweise zur Abweisung des Bösen, zur Reinigung oder für bestimmte Lebensphasen und –übergänge;
Von den heute 6,6 Milliarden Menschen sind über 90% religiös;
Zwar ist Religiosität im engeren Sinn nicht angeboren, sondern im sozialen Umfeld erlernt: Welcher Religion man angehört, hängst hauptsächlich vom Glauben der Eltern oder anderen nahestehenden Personen ab. Dagegen scheint Spiritualität – Selbst-Vergessenheit, Neigung zur Mystik und die Identifikation mit einem größeren Ganzen -, die oft, wenn auch nicht immer, mit Religiosität einhergeht, eine starke genetische Komponente von fast 50% zu besitzen (Zwillingsstudien);
(bdw 2/07 S.32ff Warum Glaube nützt)

·         (111ff) Gott und Welt
Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen; Vorstellung Gottes als des Außerweltlichen oder Übernatürlichen;
Pantheismus (All-Eins-Lehre): Gott und Welt sind ein einziges Wesen;
Atheismus (entgötterte Weltanschauung): es gibt keinen Gott; fällt im wesentlichen mit dem Monismus oder Pantheismus unserer modernen Naturwissenschaft zusammen;
Schopenhauer: „Der Satz des Pantheismus „Gott und die Welt ist eins“ ist bloß eine höfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben.“
(Ernst Haeckel: Die Welträtsel, Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1899)

·         1. Mose 1, 27:
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.
1. Mose 5, 3:
Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde, und nannte ihn Seth;
(Bibel)

·         Starke Unterstützung findet bei der christlichen Rechten (in den USA JK) der Staat Israel. Die Forderung nach einer israelfreundlichen Politik der US-Regierung wird dabei eschatologisch begründet: Danach gilt die Gründung des Staates Israel als Zeichen für die bevorstehende Wiederkehr Christi, die ohne die Existenz eines jüdischen Staates in seinen biblischen Grenzen nicht erfolgen könne. Insofern spricht man sich u.a. gegen die Rückgabe besetzten Landes und gegen die Gründung eines eigenen Palästinenserstaates aus.
(Das Parlament, Beilage: Aus Politik und Zeitgeschichte 6/2007 S.27)

·         (5) dem Menschen ist die Freiheit gegeben, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden (Gen3,1-7);
Die Gottebenbildlichkeit ging durch den sog. Sündenfall nicht verloren (vgl. Gen 9,6)
(OEKU: Versöhnung mit der Schöpfung, Grundlagendokument; 2004)

·         (182ff)
zu Gen 1,1ff:
Die vorgeordnete Überschrift „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (d.h. alles) Gen 1,1 fasst den Sinn der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zusammen und gibt damit zugleich die Richtung an, in der sie gelesen werden soll. Ausdrücklich wird mit einem besonderen Verbum „schaffen“ (bara) herausgestellt, dass Gott keines vorgegebnen Stoffes bedarf. Indem dieses Wort im Alten Testament Gott allein vorbehalten bleibt, wird die Schöpfung zugleich jeder Ähnlichkeit menschlichen Tuns und so jeder Anschaulichkeit enthoben. Eine Vorstellung des göttlichen Wirkens ist ja nur möglich, wenn eine Analogie zu menschlichem Handeln besteht. Das Wort (bara) ...sagt aber nichts .... über das WIE der Weltentstehung, d.h. es lässt die Frage, „wie es gewesen ist“, offen ...;
Auch die formelhafte Wendung „er sprach ... und es geschah so“ verzichtet auf die Vorstellung des Hergangs; denn einen Handwerker kann man bei seiner Tätigkeit abbilden, nicht jedoch ein Wort, das im Sprechen die Dinge ins Leben ruft;
Sonne und Mond werden nicht mit Namen genannt; weil die mythische Personifikation aufgegeben ist, können die Gestirne als in der Welt vorfindliche Größen rein sachlich betrachtet werden. So führt der Glaube zu einem Denken, das sich an das der Beobachtung Zugängliche ... hält;
zu Gen 2,4bff:
berichtet weit mehr als nur die Erschaffung des Menschen. Zwar entsteht nicht (wie in Gen 1 JK) die Welt in sieben Tagen, aber Gott baut mit Acker, Pflanzen und Tieren um den zunächst einsamen Menschen die begrenzte Umwelt des Bauern auf. Hier ist nicht das Urmeer vorgegeben; Gottes Schöpfung vollzieht sich vielmehr als Bewässerung einer Wüste. Das dem Landleben ferne Meer mit den Fischen liegt außerhalb des Blickfelds; auch die Gestirne werden nicht erwähnt ... Überträgt Gott nach Gen 1,26ff den Menschen die Herrschaft über andere Geschöpfe, so führt er (nach Gen 2,19f) dem Menschen die Tiere zu, damit er ihnen Namen verleihe;
zu Gen 2+3:
Allerdings sieht die Erzählung im Tod nur das Ende der Mühsal, noch nicht – wie Röm 5,12; 6,23 – die Folge der Sünde;
zu verschiedenen Schöpfungsvorstellungen:
finden sich gelegentlich Vorstellungen, die nicht einmal die allgemeine Aussage: Schöpfung ist Handeln Gottes, enthalten:
Psalm 139,15f: „Mein Gebein war dir nicht verborgen, als ich im Geheimen gemacht wurde, gewirkt in den Tiefen der Erde. (Bereits) meinen Embryo sahen deine Augen“;
Hier schaut – der Vorstellung nach (anders Vers 13) – Gott nur zu, wie der Mensch im Schoß der Erde „gewirkt“ wird. Die Heimat des Menschen ist nach einem weit verbreiteten Mythos die „Mutter Erde“, die aus sich alles Lebende hervorbringt (vgl. Gen 1,11; Ps 90,2f; Hi 1,21;38;8,28; Jes 55,10) ...
Nach anderen Texten kann Gott den Himmel wie ein Zelt ausspannen, die Erde einer Platte gleich feststampfen (Jes 42,5; 44,24), die Erde gründen (Jes. 48,13, 51,13+16; Spr 3,19), d.h. vielleicht auf Fundamente im Wasser aufbauen (Ps 24,2; Psw 104,5; Hi 38,4ff), die Erde, die Berge, den Menschen und die Tiere wie ein Töpfer formen (Jes 45,18; Am 4,13; Gen 2,7+19, Jer 18,3f) usw. ... Als Vorstellungen lassen sie sich nicht ohne weiteres ausgleichen und harmonisieren, ja können sich widersprechen: es gibt wohl ... nicht einmal ein einheitliches „Weltbild“ ... Die bloßen Vorstellungen vom WIE der Schöpfung waren bereits im Alten Testament selbst nicht mehr entscheidend ... Spricht sich darin nicht eine gewisse Freiheit aus?
(Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, EVA Berlin 1981)

·         Noch im Paradies, so sagt die Bibel, bekam Adam den Auftrag, für jedes Tier unter dem Himmel einen Namen zu finden. Es muss eine höllische Aufgabe gewesen sein, die Adam aber offenbar mühelos meisterte. Ähnliches vermag heute niemand mehr: Schon bei den Vögeln wird es schwierig, niemand kennt alle Schmetterlinge, und kein Sterblicher wird je alle Arten von Ameisen aufzählen können ... Zauberhaft ist die Artenvielfalt – aber mit rund 1,8 Millionen bekannten und viel mehr unbekannten Arten ...
(Spiegel 40/07 S.166)

·         Nächstenliebe gibt es nicht erst im Neuen Testament:
Auch im Alten Testament gibt es ein Liebesgebot. Es steht z.B. im Dritten Buch Mose 19,18: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Dabei sind nicht nur Angehörige des eigenen Volkes „Nächste“, sondern auch Menschen aus der Fremde, ja sogar Feinde (2.Mose 23,9 und 4)
(Chrismon 2-2008 S.26)

·         Warum in Luthers Kleinem Katechismus das 2. Gebot „unterschlagen“ wird;
als im dritten und vierten Jahrhundert nach Christus der Reliquien- und Devotionalienhandel aufkam, konnte man das 2. Gebot, das Verbot, ein Bildnis anzufertigen, es anzubeten und kniend zu verehren, nicht mehr gebrauchen. Die katholische Kurie hat es zuerst abgestuft und später ersatzlos gestrichen. Um wieder auf die Zahl 10 zu kommen, wurde einfach der Vers 17 mit dem Schlussgebot geteilt, sachlich den Sinn verfehlend. Der Noch-Katholik Martin Luther hat zwar die Bibel an der besagten Stelle richtig übersetzt … aber in seinem Kleinen Katechismus geflissentlich dieses 2. Gebot außen vor gelassen. Denn immerhin besaß sein Schutzherr Friedrich der Weise über 5000 Reliquien …
(Chrismon 4-2008 S.78)

·         Vorlesung Universität Berlin Winter 1932/33
(7) Darum ist die Schöpfungsgeschichte in der Kirche allein von Christus her zu lesen, und erst dann auf ihn hin
(15) Genesis 1 Vers 1 bis 2
dass der Anfang keine zeitliche Bestimmung ist. Hinter den zeitlichen Anfang kann man immer zurück. Aber es ist das schlechthin Einmalige, das den Anfang qualifiziert ..
Dies schlechthin unwiederholbare, einmalige, freie Geschehen am Anfang, das nun keinesfalls mit der Zahl 4800 oder einer derartigen Datierung verwechselt werden darf, ist die Schöpfung.
(25) Vers 4a
Dass das Werk gut ist und sein soll und nicht allein der Wille, das ist biblische gegen kantische Einsicht. …
Weil die Welt Gottes ist, darum ist sie gut.
(28) Vers 4b bis 5
dass es Zeiten (die über den physikalischen Tag weit hinausgehen) des Wachens und des Schlummerns in der Natur, in der Geschichte, in den Völkern gibt – das alles ist es, was die Bibel meint, wenn sie von der Schöpfung des Tages redet … Es tut dem biblischen nDenken keinen Eintrag, ob die Schöpfung im Rhythmus von Jahrmillionen oder in einzelnen Tagen geschehen ist, wir haben keinen Anlass, das letztere zu beteuern noch das erstere zu bezweifeln … Die Tagewerke Gottes sind die Rhythmen, in denen die Schöpfung ruht.
(29) Vers 6-10
Hier sind wir ganz im alten wissenschaftlich naiven Weltbild. Die Vorstellungen erscheinen uns Heutigen geradezu absurd. …
Es geht nicht mit der Verbalinspiration …
(35) Vers 11 bis 13, 20 bis 25
Die Erde wird zur Mutter des Lebendigen, aus ihrem toten Dunkel soll von nun an das Leben hervorbrechen
(39) Vers 26 ff.
Will der Schöpfer sein eigenes Bild schaffen, so muss er es in Freiheit schaffen …
etwas Neues, noch nicht Dagewesenes … Hier ist kein Übergang von irgendwoher, hier ist Neuschöpfung. Das hat mit Darwin gar nichts zu tun. … Es liegt uns gar nichts daran, den Zusammenhang des Menschen mit der tierischen Welt zu verleugnen, im Gegenteil; aber es liegt uns alles daran, das eigentümliche Verhältnis von Mensch und Gott darüber nicht zu verlieren. …
Der Mensch soll herrschen, herrschen freilich als über die Schöpfung Gottes und herrschen als ein solcher, der von Gott den Auftrag und die Kraft des Herrschens empfängt. Das Freisein von der Kreatur ist nicht etwa das ideelle Freisein des Geistes von der Natur, sondern dieses Freisein des Herrschens schließt gerade die Bindung an die beherrschte Kreatur ein. Der Acker und das Tier, dessen Herr ich bin, ist die Welt, in der ich lebe, ohne die ich nicht bin …
in meinem ganzen Sein, in meiner Geschöpflichkeit gehöre ich ganz zu dieser Welt, sie trägt mich, nährt mich, hält mich. Aber meine Freiheit von ihr besteht darin, dass mir diese Welt, an die ich gebunden bin wie ein Herr an seinen Knecht, wie der Landmann an seinen Boden, unterworfen ist, dass ich über sie, die meine Erde ist und bleibt, herrschen soll und sie umso mehr meine Erde ist, je stärker ich sie beherrsche. …
(52) Genesis 2, Vers 7
der Mensch, den Gott nach seinem Ebenbilde, d.h. in Freiheit geschaffen hat, ist der Mensch, der aus Erde genommen ist. Stärker konnten selbst Darwin und Feuerbach nicht reden, als hier geredet ist …
Der Mensch „hat“ nicht einen Leib und „hat“ nicht eine Seele, sondern er „ist“ Leib und Seele
(57) Vers 8 bis 17
Mythos, kindliche phantastische Ausmalung der grauen verborgenen Vorzeit – so sagt die Welt. Gottes Wort, Geschehen am Anfang der Geschichte, jenseits der Geschichte und doch in der Geschichte; Weltentscheidung, wir selbst die Betroffenen, die Gemeinten, die Angeredeten, die Angeklagten, die Verurteilten, die Ausgestoßenen … unsere Vorgeschichte, wirklich unsere eigene, jedes einzelnen Anfang, Schicksal, Schuld, Ende – so sagt die Kirche Christi
(70) Vers 18 bis 25
Gott bildet zunächst aus dem Erdboden, aus dem er den Menschen genommen – Mensch und Tier haben nach der Bibel denselben Leib! – Tiere. Vielleicht, dass er unter diesen Brüdern – denn das sind sie doch, die Tiere, die mit ihm gleichen Ursprungs sind – einen Beistand fände … Es ist meines Wissens nirgends in der Geschichte der Religionen in solch bedeutsamem Zusammenhang vom Tier geredet worden
(81) Genesis 3 Vers 1 bis 3
Nur als die fromme Schlange ist sie böse …
mit der ersten frommen Frage in der Welt ist das Böse auf den Plan getreten …
(84) Vers 4 bis 5
das erste Gespräch über Gott, das erste religiöse, theologische Gespräch
(Dietrich Bonhoeffer: Schöpfung und Fall, Theologische Auslegung von Genesis 1 bis 3, EVA Leipzig 1960)

·         In den Schöpfungserzählungen geht es um das Geschenk, das Gott den Menschen gemacht hat, und darum, dass ich mich Gott als meinem Schöpfer verdanke – nicht nur vor ewigen Zeiten, sondern immer.
Ist die Schöpfungserzählung (der Bibel) also metaphorisch gemeint?
Nei, sie stimmt so wie die Feststellung: Ich liebe dich. Da ist etwas tatsächlich geschehen, auch wenn es empirisch-rational nicht nachprüfbar ist
(chrismon 4/2008 S.11)

·         Internetportal mit Zugriff auf unterschiedlichste Bibel-Übersetzungen:
www.bibelwissenschaft.de

·         (Die Weisheit als Mit-Schöpferin)
Machtvoll entfaltet die Weisheit ihre Kraft von einem Ende zum anderen
und durchwaltet voll Güte das All …
Eingeweiht in das Wissen Gottes bestimmt sie seine Werke …
sie kennt das Vergangene und errät das Kommende …
sie weiß im Voraus Zeichen und Wunder
und kennt den Ausgang von Perioden und Zeiten …
Mit dir, Gott, ist die Weisheit, die deine Werke kennt
und die zugegen war, als du die Welt erschufst
(Bibel, Weisheit 8,1ff.;9,9)

·         Das Augsburger Bekenntnis
Artikel 2
Von der Erbsünde
Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner dass auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden.
Damit sind alle verworfen, die die Erbsünde nicht für eine Sünde halten, damit sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, in Verachtung des Leidens und Verdienstes Christi. …
Artikel 16
Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment
Von der Polizei ((Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment wird gelehrt, dass alle Obrigkeit in der Welt und geordnetes Regiment und Gesetze gute Ordnung sind, die von Gott geschaffen und eingesetzt sind, und dass Christen ohne Sünde …. rechtmäßige Kriege führen, in ihnen mitstreiten … können …
Hiermit werden die verdammt, die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei. …
Artikel 17
Von der Wiederkunft Christi zum Gericht
Auch wird gelehrt, dass unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tage kommen wird, um zu richten und alle Toten aufzuerwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude zu geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und zur ewigen Strafe verdammen wird.
(Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, 1994, Nr. 807)

·         Apostolisches Glaubensbekenntnis (1950)
Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
der empfangen ist vom Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
niedergefahren zur Hölle,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren gen Himmel,
sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters,
von dannen er kommen wird,
zu richten die Lebendigen und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
Eine heilige christliche Kirche,
die Gemeinde der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung des Fleisches
und ein ewiges Leben.
AMEN.
(Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, 1950, Anhang Der Kleine Katechismus, Seite 68f.)

·         Umfrage: unter getauften evangelischen Kirchenmitgliedern lehnen 30% die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod ab;
Prof. Rolf Wischnath: Erklärungsmuster für das Verstehen des Todes Jesu, das bis in unsere Tage hinein Schaden angerichtet hat: Opfertheorie, nach der ein durch die Sünden der Menschen beleidigter und zürnender Gott wieder zufriedengestellt werden kann und sich  nur durch das Opfer seines eigenen Sohnes befriedigen lässt; das ist keine legitime Deutung des Todes Jesu
(Der Sonntag, Kirchenzeitung Sachsen, Ausgabe Ostern 12.4.09 S.3)

·         vor einigen Jahren wurde der Vorschlag eingebracht, das Augsburger Bekenntnis von 1530 zum Grundbekenntnis der EKD zu machen; damit könne der kirchliche Status der EKD theologisch noch besser begründet werden, argumentierten die vor allem aus lutherischen Kirchen kommenden Befürworter
(Der Sonntag, Kirchenzeitung Sachsen, 4.10.09 S.2)

·         (Beitrag zu einem Vortrag von Prof. Matthias Petzoldt, Uni Leipzig;)
Luther in der Vorrede zum Jakobusbrief: „Was Christum nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenn´s auch der Petrus oder Paulus lehret, wiederum, was Christum predigt, das ist apostolisch, wenn´s gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täten.“;
Die römisch-katholische Kirche bekräftigte im Trienter Konzil die Rolle der kirchlichen Tradition und des Lehramtes als Autoritäten neben der Bibel. Dagegen formulierte die altprotestantische Dogmatik mit den damaligen wissenschaftlichen Methoden der Scholastik eine strenge Verbalinspirationslehre. Um die Notwendigkeit eines kirchlichen Lehramtes auszuschließen, musste gezeigt werden, dass die Schrift gar nicht dunkel ist; und es musste das Maß der menschlichen Mitwirkung am Offenbarungsvorgang reduziert werden. Darum wurde gemäß dem scholastischen Kausalitätsprinzip Gott als die Hauptursache (causa principalis) der Schrift bezeichnet, während die menschlichen Verfasser lediglich werkzeugliche Ursachen (causa instrumentalis) waren.;
Die Irrtumsfreiheit wurde dann auch nicht nur für die theologischen, sondern auch für die historischen, geologischen u.a. Aussagen der Schrift in Anspruch genommen.;
(confessio, Informationen über Weltanschauungen und Ökumene, Zeitschrift, Dresden 6-2008, S.18f)

·         Pfarrerin Barbara Lötzsch:
Biologisch verstanden – eine Fehlanzeige
Wurde Jesus wirklich von einer Jungfrau geboren?
Warum sollte Gott einen derart komplizierten und un-menschlichen Weg wählen, um Mensch zu werden;
die Jungfräulichkeit der Maria, biologisch verstanden ist also eine Fehlanzeige. Da hilft es auch nicht, sich auf die Bibel zu berufen. Die angebliche „Jungfrau“ aus Matthäus 1, Vers 23 nimmt eine Vision von Jesaja 7, Vers 14 auf. Dort ist aber schlicht von einer „alma“, einer jungen Frau im heiratsfähigen Alter, die Rede. …
Unser Heil entscheidet sich allerdings daran gottlob nicht!
(Der Sonntag, Kirchenzeitung für Sachsen, 20.12.2009 S.10)

·         Leserbriefe zu vorigem Artikel – Jungfrauengeburt;
1. Matthäus und Markus lassen keine Zweifel an der biologischen Gottessohnschaft Jesu. Wer die Jungfrauengeburt Mythos nennt, stempelt beide Evangelisten zu Narren … Wer die Jungfrauengeburt (der Zeugung durch den Heiligen Geist) leugnet, muss die ganze Schöpfung, alle biblischen Wunder und letztlich die Wahrheit des Wortes Gottes selbst leugnen.
2. Je mehr wir uns von den Wundern der Bibel abwenden, umso mehr verliert unser Glaube an Kraft … Führende Kräfte, vor allem des hauptamtlichen Dienstes, sollten wieder bewusster die Wunder Gottes lehren und einfordern
(Der Sonntag 10.1.2010 S.9)

·         Bericht über den 2. Christlichen Gesundheitskongress (Januar 2010 in Kassel, 1400 Teilnehmer);
Referent Grundmann, der in den USA an der Universität von Valparaiso den Lehrstuhl zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Religion und den Heilkünsten innehat, legte dar, dass die Welt nicht nur durch einen einzigen Schöpfungsakt Gottes am Anfang geschaffen wurde, sondern auch jetzt von ihm am Leben gehalten werde… Leben ist keine Selbstverständlichkeit, es hat nur deshalb Bestand, weil es von Gott gewollt ist … Weil Gott am Werk ist, heilen Krankheiten und ist ärztliches Bemühen von Erfolg gekrönt … christliche Heilkunde weiß sich auch verpflichtet der Hoffnung und Erwartung, dass Gott in die Krankenhaussituation hineinreden und handeln kann
(Der Sonntag 31.1.2010 S.3)

·         Sämtliche Geschichten, die von Jesu Geburt und vom zwölfjährigen Jesus im Tempel handeln, sind vermutlich Legenden.
(chrismon 12/2009 S.28)

·         zum neuen EKD-Ratsvorsitzenden, Präses Nikolaus Schneider;
Aufhorchen ließen seine Stellungnahmen zu einer theologischen Debatte, die vergangenes Jahr lief. Es ging um die Frage, ob Gott für die Sünden der Menschen gestorben sei, wie die Theologen es früher gern sagten. Dazu erklärte Schneider: „Gott braucht kein Sühneopfer, denn er muss nicht besänftigt werden.“
(taz 25.2.2010 S.02)

·         (13) Wird zum Beispiel das Prinzip der Auslese besser an die Umwelt angepassten Lebens, wie es weithin für die Evolution des Lebens gilt, zum Leitprinzip der Ethik, dann erscheint das biologisch weniger gut ausgerüstete menschliche Leben als „lebensunwert“.  … Selbst wo das nicht zu den verbrecherischen Exzessen der nationalsozialistischen Lebensauffassung führt, liegt der Fehler dieser ganzen Denkstruktur darin, dass sie die Aufgabe unserer Vernunft und Reflexionsfähigkeit darin sieht, ein angebliches Gesetz der unbewussten Natur zu vollziehen. Dieser „naturalistische Fehlschluss“ ist heute weit verbreitet. Wir können ihn auch da am Werke sehen, wo man das Werden und Vergehen der kosmischen Galaxien als Anweisung hört, bei der Gestaltung unseres Lebens von der grundsätzlichen Nichtigkeit unseres menschlichen Daseins auszugehen. Übersehen wird dabei, dass wir mit einem Urteil unseres Verstandes der Natur diese Bedeutung für uns erst geben.
(20) Im Grundsatz bedeutet der biblische Glaube an den Schöpfer, dass die Welt als ein selbstständiges Gegenüber Gottes verstanden wird, welches Menschen in eigener Freiheit erkennen und gestalten dürfen. …
Die Menschen, die auf der Erde leben, sind darum auch keine Marionetten Gottes, sondern freie Partnerinnen und Partner des Schöpfers, die den Auftrag haben, seine Schöpfung zu bebauen und zu bewahren.
(22) Glaube tritt nur dort auf, w es gerade nicht um Wissen geht. Was ich wissen kann, brauche ich nicht zu glauben.
(23f) … die Dimension des unmittelbaren Erlebens unseres Daseins und des Daseins anderer Menschen, aber auch der Natur, wie sie auf uns in ihrer Schönheit und ihrer Bedrohlichkeit wirkt …
da spricht uns der Kosmos in einer anderen Sprache an als mit den Formeln der Wissenschaft …
(26) … der Galube hat … keine wissenden Einblicke in so etwas wie eine Schöpferwerkstatt Gottes. Ihn spricht vielmehr die menschliche und natürliche Wirklichkeit so an, dass dadurch das Vertrauen zu Gott als dem Schöpfer ausgelöst wird. …
(26) Die großen Religionen Asiens – der Hinduismus und der Buddhismus – führen die Wirklichkeit der Welt und des Menschen nicht auf einen Schöpfer zurück. Sie richten sich auf die Erlösung und Befreiung von dieser Welt. Die Art und Weise, wie uns die Natur und unsre menschliche Daseinsart anspricht, hängt darum immer auch damit zusammen, welche Vorstellung vom Göttlichen wir schon mitbringen.
(27) Glaube an den Schöpfer aber heißt, dass uns das göttliche Schöpfungshandeln entzogen ist und von allen innerweltlichen Entwicklungen unterschieden bleibt.
(28) unterscheiden wir … zwischen der Wahrnahme der Wirklichkeit als Natur und als Schöpfung (Kreatur). Die Naturwissenschaft lehrt uns zu verstehen, wie die Natur, die wir als Schöpfung eines Schöpfers glauben, strukturiert ist. Der Glaube vermittelt uns die Gewissheit, dass die Schöpfung, wie sie sich als Natur darstellt, bejaht ist, so dass wir selbst alles, was geworden ist, dankbar und staunend bejahen können.
(30) Der Glaube an Gott den Schöpfer, wie er sich am Beginn der Bibel artikuliert, wurde so auch zum Element einer Weltanschauung, in der die Erde im Mittelpunkt des Universums stand. Sie war in Europa die herrschende Weltanschauung von der Zeit der alten Kirche bis zum Beginn der Neuzeit. Auch wenn diese Weltanschauung aufgegeben werden musste, wirkt sie bis heute wie eine Nötigung auf viele Christen, irgendwie über den göttlichen Anfang des Universums und des Lebens Auskunft zu geben
(31f) (zu 1.Mose 1 und 2)
Wir nennen dergleichen Geschichten heute „Mythen“. Das heißt, es sind Erzählungen, die den Zustand der Welt, wie ihn die antiken Menschen in Vorderen Orient erlebten, mit einer Ursprungsgeschichte begründen. Solche Mythen sind nicht spezifisch biblisch, auch die beiden alttestamentlichen Schöpfungsgeschichten nicht. …
(Kreationismus) … macht aus Mythen, welche Erfahrungen aus der Welt des Erlebens mit Ursprungsgeschichten zur Geltung bringen, quasi wissenschaftliche Einsichten …
Außerdem kennt das Alte Testament noch andere Vorstellungen von der Weltschöpfung, wie z.B. die von einem dramatischen Kampf Gottes gegen eine chaotische Macht, die er besiegt (vgl. Psalm 74,13ff.; Psalm 104,7 u.ö.)
(33ff) Doch die Profilierung des Glaubens an den Schöpfer schuf zugleich nein Problem, das die frühe Kirche in eine ihrer größten inneren Krisen stürzte. Wenn sich die Welt der Liebe Gottes verdankt, warum bereitet sie den Menschen darum so viel Elend und Leid? Naturkatastrophen, Krankheiten, Übel aller Art, das Gesetz des unbarmherzigen Kampfes aller gegen alle, Tod und Vergehen sind doch ein hervorstechendes Merkmal des Daseins auf der Erde. Warum sollte ein Gott der Liebe eine derartig unvollkommene Welt schaffen, in der das „Seufzen der Kreatur“ (Römer 8,22) ein Grundton der Geschöpfe ist? ….
Marcion… in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts …: Mit dieser Welt … hat der gute Gott, der in Jesus Christus auf dem Plan ist, nichts zu tun. Wenn ein Schöpfer diese Welt geschaffen hat, dann ist es ein miserabler, ein unfähiger und böser Weltenhandwerker (ein „Demiurg“). Der gute Gott … sendet aus diesem Grunde in seiner Güte Jesus Christus in diese Welt, um sie aus den Klauen eines solchen Demiurgen zu befreien. …
Indem die christliche Kirche der Anfangszeit gegen Marcion am Glauben an den Schöpfer festhielt, hat sie im Unterschied dazu eingeprägt, dass die Erde trotz ihrer Schattenseiten ein Ort ist, auf dem Menschen dankbar und sinnvoll leben können. Sie hat es als Auftrag Gottes für das Leben von Menschen angesehen, sich gegenseitig in den Nöten beizustehen, welche diese Erde ihnen bereitet. Sie hat den Mut von Menschen gestärkt, selber dafür einzutreten, dass die Schöpfung für uns immer bewohnbarer wird.
(36) Dieses Bekenntnis lebt im Widerstand gegen alle Erscheinungen, die von unserer Erfahrung her gegen den Satz Gottes aus der Schöpfungsgeschichte sprechen, der da lautet „und siehe, es war sehr gut“ (1.Mose,1,31).
(38) Gottes Urteil über die Schöpfung, dass sie gut sei, gilt so gesehen einer Wirklichkeit, die auch noch im Werden ist und sich nicht bloß im Gewordensein erschöpft.
(39) Theorie (Theo-ria heißt auf griechisch Gottes-Anschauung)
(52f) John Polkinghorne / Cambridge:
Indem Gott das „Risiko“ eingeht, die natürlichen Systeme freizusetzen, schränkt er seine Allmacht und Allwissenheit ein und nimmt leidend an den Prozessen des Zerfalls teil. …
Verwicklung des Schöpfers in sein eigenes Werk … (Krötke:)eine Denkweise, welche der biblische Glaube an den Schöpfer eigentlich ausschließt …
Wenn es sich also tatsächlich nahe legt, die Wirklichkeit des Universums, zu der wir selbst gehören, als einen Prozess zu verstehen, so ist doch höchste theologische Vorsicht geboten, wenn die Tendenz besteht, Gott selbst zu einem Moment dieses Prozesses werden zu lassen.
(54) (biblische Darstellungen und Glaubenstraditionen) … lassen das Ende der Erde und der Menschenwelt mit dem Ende des Universums zusammenfallen. Davon geht jedoch keines der (physikalischen) Szenarien des Weltendes aus
(55) Während sonst alles in einem naturgesetzlich sinnvollen Zusammenhang gesehen wird, wird den einzigen im Universum auftretenden Erscheinungen, die diesen Sinn entdecken und artikulieren können – nämlich uns -, Sinnlosigkeit bescheinigt … Dergleichen befriedigt keinen denkenden Menschen, dem der Kosmos nun einmal die Fähigkeit zugespielt hat, so etwas wie ein Ziel und sich selbst als Ziel zu denken.
(56) Vergeistigung des Materiellen wäre dann der eigentliche Sinn des Auftretens von Menschen. Die Möglichkeit, dass unser Geschick nicht mit dem des Materiellen zusammenfällt, tut sich auf.
(60) Eine Schöpfung, die sich nicht als Schöpfung wahrnehmen kann, ist sinnlos. Darum fällt uns bewussten Wesen trotz aller unserer Begrenztheit auf der Erde die Aufgabe des ausdrücklichen Kundgebens des Schöpfers zu.
(61) (Der Mensch) ist nicht nur ein passives Bild Gottes. Er kann und soll seine Gott entsprechende Geschöpflichkeit in Freiheit gestalten. Ihm wird, weil nur er das inmitten der übrigen Schöpfung tun kann, damit auch eine Verantwortung für die ganze ihm zugängliche Geschöpfwelt zugesprochen, die auf der Linie des Handelns des Schöpfers selbst liegt. Er ist dazu bestimmt und ausgerüstet, mit seinen menschlichen Möglichkeiten und in seinen Grenzen für die Schöpfung einzutreten, wie sie von Gott eigentlich gemeint ist.
(63) Wer sich als Ebenbild Gottes versteht, ist niemals legitimiert, sich in eingebildetem Größenwahn über andere Menschen zu erheben und mit seinen Herrschaftsmöglichkeiten in der Schöpfung herumzuwüten.
(65) Bei jedem konkreten Fall des Entstehens einer Art muss nach weiteren Faktoren gefragt werden, die im Erbgut und aus der Umwelt heraus das Entstehen einer bestimmten Art begünstigen.
(66) … meldet sich fast unvermeidlich die Vermutung, ob nicht der ganze Prozess der Evolution des Lebens mit innerer Gesetzmäßigkeit zu immer komplexeren Lebensformen und schließlich zum Menschen drängt.
(71) … das Feld einer kulturellen Evolution, auf dem die Menschheit beständig Fortschritte zu einer größeren Freiheit von ihrer Verhaftung an die materielle und biologische Natur gemacht hat und machen wird.
(Wolf Krötke: Erschaffen und erforscht, Mensch und Universum in Theologie und Naturwissenschaft, Wichern-Verlag Berlin, 2002)

·         (33) Für das Alte Testament ist als verbindliche wissenschaftliche Ausgabe des hebräischen Textes seit 1937 der Kodex B 19 A der Öffentlichen Bibliothek in Leningrad im Gebrauch, eine aus dem Jahre 1008 u. Z. stammende Handschrift;
verbindlicher Text für die römische Kirche ist die lateinische „Vulgata“ des Hieronymus, die dieser um 400 u. Z. als Übersetzung aus hebräischen und griechischen Vorlagen angefertigt hat
(Walter Beltz: Gott und die Götter, Biblische Mythologie, Aufbau-Verlag Berlin 1975)

·         liest man schon im Alten Testament beim Propheten Amos (Amos 9,7) folgende Frage Gottes:
“Seid ihr nicht wie die Söhne und Töchter von Kusch für mich, ihr Söhne und Töchter Israels? Habe ich nicht Israel heraufgeführt aus dem Lande Ägypten und die Philister aus Kaftor und Aram aus Kir?“ Amos lässt Gott nicht weniger sagen, als dass er nicht nur Israel, sondern auch Nubier (die Kuschiten), Philister und Aramäer zu einem befreienden Exodus geführt hat, also nicht nur mit Israel, sondern auch mit anderen Völkern eine eigene Befreiungsgeschichte hat.
(taz 4.5.2010 S.16)

·         Prozesstheologie …
dass Gott und Universum eng verbunden werden und Gott über die Veränderungen des Universums selbst in der Zeit veränderlich ist ;
deutet sie die Wirklichkeit dieser Welt als einen großen Prozess, an dem Gott selbst beteiligt ist, ja selber sogar Teil dieses Prozesses ist;
Der kreative Prozess ist also durch das Werden von neuen Ereignissen bestimmt, die ihrerseits ihre Realität durch vorangegangene Ereignisse erlangt haben, Jedes Ereignis ist eine relative Neuheit, weil ein neues Ereignis nie voraussetzungslos ist. Das Neue, das einzigartig und noch nie dagewesen ist, kommt nur zustande, weil Gott die Möglichkeit für etwas Neues bereitstellt. Das Bereitstellen von Möglichkeiten, respektive das Bewahren von allen schon einmal gemachten Erfahrungen in der Welt, ist Gottes Beteiligung an der Schöpfung und wird als Gottes „Absolutheit“ bezeichnet. Gottes Allmacht besteht also nicht im Vorauswissen des Laufes der Welt, sondern in der Bereitstellung aller Möglichkeiten im Hinblick auf die Konkretisierung von neuen Ereignissen.:
Prozesstheologie versteht die Beziehung von Gott und Welt als eine gegenseitige Abhängigkeit. Weder Gott noch die Welt sind für sich genommen ganz, einzig in ihrer Beziehung aufeinander sind sie ganz;
Prozesstheologie beschreibt die Schöpfung also nicht allein als eine von einem „außenstehenden“ Gott in autonomer, souveräner und unangefochtener Manier durchgeführte Aktion, sondern als Prozess einer vielgestaltigen, mehrstufigen und mehrdimensionalen wechselseitigen Beziehung zwischen Gott und Welt
(Stephan Degen-Ballmer, reformierter Prozesstheologe, Schweiz)

·         Ist Gott auch für Krankheiten und Unglücke verantwortlich?
Bibel:
Amos 3,6:
Geschieht ein Unglück in einer Stadt,
ohne dass der HERR es bewirkt hat?
Jesaja 45,6-7:
Ich bin der HERR und keiner sonst.
Der das Licht bildet und die Finsternis schafft,
der Heil vollbringt und Unheil schafft,
ich der HERR, bin es, der all dies vollbringt.

·         Chefredakteur Arnd Brummer:
Also gut: Ich glaube nicht an einen strafenden Gott. Ich halte es da mit dem evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher. Ich glaube an einen Gott, der wusste, was er tat, als er Menschen schuf. Er hat nicht zufällig fehlbaren Typen das Leben eingehaucht, die einen freien Willen haben, nach Erkenntnis streben und dabei alle möglichen Torheiten begehen. Und den größten Mist machen sie, wenn sie es gut meinen. Warum aber soll Gott sie dafür bestrafen, dass er sie so geschaffen hat?
(chrismon 06-2011 S.20)

·         Matthias Ring, Bischof der alt-katholischen Kirche Deutschlands:
Nun bin ich kein Kind mehr, habe Theologie studiert, bin Bischof und würde mich, hörte ich eine himmlische Stimme so zu mir sprechen wie zu Don Camillo, beunruhigt einem befreundeten Arzt anvertrauen. Ich gebe zu, ich rechne nicht damit, dass Gott in der Art und Weise sein Wort an mich richtet wie einst zu Mose im Dornbusch. Würde mich jemand fragen, wie er sich das vorzustellen habe, würde ich ihm sagen, es habe sich vermutlich nicht um eine akustisch wahrnehmbare, sondern um eine innere Stimme gehandelt;
Eine bestimmte Art frommer Menschen mag dies als skan­dalösen Glaubensmangel empfinden, aber ich müsste ansonsten für die biblische Zeit Phänomene anerkennen, die mir heute unmöglich scheinen. Im Grunde müsste ich mich als Mensch aufspalten in einen von Herzen Glaubenden, der Denken und Vernunft ausklammert, und einen, der im 21. Jahrhundert lebt und seine Existenz auf Verstandesgebrauch und Vernunft aufbaut. Mein Anspruch an mich ist ein anderer: mit Vernunft und Verstand von Herzen zu glauben.;
wenn selbst unter Kirchenmitgliedern der Glaube an einen Gott, wie ihn die Kirchen lehren, schwindet – das sagen uns alle religionssoziologischen Untersuchungen. An einen persönlichen Gott glauben zum Beispiel nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung (Religionsmonitor 2008) je nach Altersgruppe noch 30 bis 43 Prozent der Befragten.;
Die Alt-Katholiken mussten sich zwangsläufig als eigene Kirche organisieren.
Glaube und Moderne nicht als Widerspruch zu erleben, sondern miteinander zu versöhnen – dieser Anspruch steht auch an der Wiege des Alt-Katholizismus. Vordergründig entstand meine Kirche aus dem Protest gegen die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils (1870). Dieses lehrte, dass der Papst in Fragen des Glaubens und der Moral unter bestimmten Bedingungen unfehlbare Lehrentscheidungen treffen könne und dass er die oberste Gewalt in der Kirche innehabe. Diejenigen, die diese Dogmen ablehnten, sahen in ihnen eine Neuerung, die sich weder durch die Heilige Schrift noch durch die Tradition begründen ließ. Sie hingegen wollten beim „alten“ katholischen Glauben bleiben und erhielten deshalb den heute so missverständlichen Namen „Alt-Katholiken“.
Missverständlich deshalb, weil es eben nicht die Ewiggestrigen waren, die sich nach 1870 in einer eigenen Kirche organisierten, sondern jene Katholikinnen und Katholiken, die die Kirche für die Moderne öffnen wollten.;
Ich glaube an Gott, aber im Sinne eines vernünftigen und aufgeklärten Christentums. Mit diesen sicherlich missverständlichen Begriffen meine ich ein Christentum, das die Erkenntnisse der Theologie, insbesondere der historischen Wissenschaft und Bibelwissenschaften der letzten 200 Jahre, zur Kenntnis nimmt und nicht in den Hörsälen der Universitäten ihr Dasein fristen lässt. Ich staune immer wieder, wie wenig davon in der Verkündigung vorkommt. Da höre ich zum Beispiel in einer Predigt „Jesus sagte“, und wir wissen genau, dass es sich dabei um ein Wort des Evangelisten handelt und nicht um ein Jesus-Wort. Oder es wird so getan, als hätten sich kirchliche Institutionen, auch das kirchliche Amt, nicht entwickelt, sondern seien von Jesus so eingesetzt ­worden. Meint man, man könne diese Erkenntnisse den „nor­malen“ Christinnen und Christen nicht zumuten?;
Anstatt immer gleich die Rechtgläubigkeit bedroht zu se­hen, würde ich mir mehr Mut zum experimentellen Nach­denken über Gott wünschen.
(chrismon 09-2011 S.36)

·         Der kürzeste Witz über die Allmacht besteht nur aus einem Satz: »Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen Das soll heißen, dass der Allmächtige sich nicht um die kleinen Pläne seiner Geschöpfe kümmert. Der Mensch denkt, und Gott lenkt
(Die Zeit 15.9.2011 S.72)

·         (27) „Glauben“, lehrt man an der Päpstlichen Universität Gregoriana, gelte nur auf der „oberen“ Ebene der eigentlichen, der christlichen Offenbarungswahrheiten (Dreifaltigkeit, Menschwerdung …). Glauben habe jedoch nichts auf der „unteren“, natürlichen Ebene der Vernunft nichts zu suchen. Da müsse allein die Ratio, das Wissen herrschen: evidente Einsichten und rationale Argumente.

(30f.) Glauben? Glauben?? Das ist doch keine Antwort! Ich möchte wissen! …
Was ging mir da plötzlich auf? Dass mir in dieser Lebensfrage ein elementares Wagnis zugemutet wird, ein Wagnis des Vertrauens! Welche Herausforderung: Wage ein Ja! Statt des abgründigen Misstrauens im Gewand des Nihilismus oder Zynismus riskiere ein grundlegendes Vertrauen zu diesem Leben, zu dieser Wirklichkeit! Statt eines Lebensmisstrauens wage ein Lebensvertrauen: ein grundsätzliches Vertrauen zu dir selbst, zu den anderen Menschen, zur Welt, zur fraglichen Wirklichkeit überhaupt.

(57) Bei aller Freude an der Natur kann ich kein Naturmystiker sein. Das heißt: Die Naturerfahrung ersetzt mir nicht die Gotteserfahrung. Ich beobachte, Betrachte, respektiere, bewundere die Natur, aber ich glaube nicht an die Natur, kenne auch ihre finstere Seite. Ich mache sie nicht zum Gott, bin kein Alles-Vergötterer, kein Pan-theist.
Von der modernen Naturwissenschaft überzeugt, bleibe ich mir stets bewusst, dass die gesamte Natur unter den grausamen Gesetzen der Evolution steht: Das „Überleben des Bestangepassten“ gilt von den Molekülen bis zu den Raubtieren … Ein „Gesetz“ von Natur- und Menschheitsgeschichte schwierig zu vereinbaren mit einem erfreulichen menschlichen Zusammenleben, aber auch mit einem göttlichen „intelligent design“. …
Deshalb mache ich mir auch keine Illusionen: Immer und überall können Lebewesen nur überleben, wenn sie andere Lebewesen schädigen, gar vernichten. Wir Menschen unsererseits können nicht mehr und nicht weniger, als den Schaden so gering wie möglich zu halten.

(59f.) Bei allen Bedenken gegenüber der Naturmystik kann ich Albert Einsteins „kosmischer Religiosität“, der kein menschenartiger Gottesbegriff entspricht“, durchaus etwas abgewinnen … Allerdings nehmen wir heute ernst, womit Einstein aufgrund pantheistischer Neigungen noch Schwierigkeiten hatte: dass Ordnung („Kosmos“) und Notwendigkeit nur die eine Seite des Universums ist. Die andere ist die Unordnung („Chaos“), das Unscharfe, Unbestimmbare, Zufällige, was sich in der ganzen Entwicklung des Kosmos, aber insbesondere in der Quantenmechanik zeigt, die Einstein deshalb ablehnte.

(62) „Glauben Sie an die Evolutionstheorie?“, werde ich besonders in den USA von fundamentalistischen Bibelgläubigen gefragt …
Da antworte ich: „An die Evolutionstheorie glaube ich nicht, denn sie ist für mich wissenschaftlich erwiesen“.

(76) … weil auch für die große Mehrheit der Katholiken das „Was ich glaube“ und „Was die Kirche zu glauben vorschreibt“ (so die Katechismus-Formulierung) weit auseinanderklaffen, und dies in moralischen wie in dogmatischen Fragen.

(78) Die Globalisierung erfordert, wenn sie nicht inhumane Effekte haben soll, auch eine Globalisierung des Ethos! Angesichts der Probleme von Weltpolitik, Weltwirtschaft und Weltfinanzsystem braucht es ein Weltethos, das von den Weltreligionen mitgetragen werden kann, aber auch von Nichtglaubenden, Humanisten, Laizisten.

(84f.) Grundkriterium Menschlichkeit …
“Gut“ ist nicht einfach das was, wie Traditionalisten und Integralisten meinen, schon immer und überall galt: Das „gute Alte“, die Tradition, erwies sich schon oft als menschenfeindlich.
Gut ist aber auch nicht einfach, wie Revolutionäre und Revoluzzer stets meinen, das Neue: Das „tolle Neue“, die Revolution, erwies sich oft als ebenso wenig menschenfreundlich.
Nein, gut ist für den Menschen, ganz elementar formuliert, was – ob alt oder neu – ihm hilft, wahrhaft Mensch zu sein.

(129) Wenn ich … sehe, was da kirchlicherseits neuestens wieder in mittelalterlichem Geist an „Wundern“ approbiert und durch „Heiligsprechungen“ sanktioniert wird, wie alte Legenden als historische Fakten verkündet, dubiose Wallfahrten gefördert und das fromme Volk einfach für dumm verkauft wird, und wenn ich mich dann frage: „Was ich glaube?“, lautet meine klare Antwort: Nein, dies alles glaube ich nicht, und kein Theologe der Welt wird mich überzeugen können, dass solches wesentlich zu meinem Gottesglauben, zumal christlichen Gottesglauben, dazugehöre.

(152ff.) Man kann sich der Musik, gerade der klassischen, die ein verständnisvolles Hören erfordert, schlicht verweigern. Ich kann einfach abschalten, äußerlich und innerlich. Musik lädt mich zwar zum Hören ein, aber erzwingt kein Zuhören. Musikhören ist ein Akt der Freiheit. Und in noch ganz anderer Weise gilt das auch für das Ja-sagen zu einer metaempirischen Wirklichkeit: Es geht hier erst recht um eine freie Zustimmung …
Unter Umständen können nämlich Musiker, auch Dichter, Künstler, überhaupt religiöse Menschen Wirklichkeiten erahnen, erspüren und in ihren Werken ausdrücken, die den physikalischen Raum, den Energie- und Zeitraum sprengen. …
(Musik existiert ja aber in dieser Welt, ist physikalisch – z.B. durch Schwingungen – präsent; wenn Künstler andere Wirklichkeiten erahnen, kann das ja auch nur durch grundsätzlich messbare physikalische Wirkungen geschehen JK)
Die Musik ist nicht mehr nur ein Gegenüber, sondern ist das Umfangende, Durchdringende, von innen her Beglückende, mich ganz Erfüllende. Mir drängt sich der Satz auf: „In ihr leben wir, weben wir und sind wir.“ Doch das ist bekanntlich ein Wort des Neuen Testaments, der Apostelgeschichte …
Chiffren, Spuren, die eine andere Wirklichkeit erahnen lassen als nur die physikalisch-physiologisch-empirische. …
Es besteht also für mich stets ein Grund zur Dankbarkeit, nicht nur den Menschen, sondern einer anderen Instanz gegenüber, die mein Leben trotz allen Widersinns sinnvoll sein lässt. Die den Ur-Grund darstellt für ein erneutes, erneuertes Vertrauen auf die Fügung und Führung in meinem Lebenswerk, die Verdanktheit unserer Existenz. …
Gott als Name für den tragenden Sinn-Grund des Ganzen …
Ich galube an Gott, Urgrund und Ursinn aller Dinge. Glauben verstehe ich hier im vollen und radikalen Sinn:
+ nicht nur „glauben, dass“: dass Gott existiert;
+ nicht nur „jemandem glauben“: seinen Worten glauben
+ sondern „an ihn glauben“: auf Gott mein ganzes, unbedingtes und unwiderrufliches Vertrauen setzen. …
Doch – wie wäre es, wenn am Ende herauskäme, dass ich mich in meinem Glauben getäuscht habe? Dann hätte ich, das ist meine Überzeugung, dennoch ein glücklicheres Leben mit Gott gelebt als ohne ihn.

(167) In der christlichen Tradition ist die naive vormoderne Erklärung von paranormalen Bewusstseinsphänomenen durch dämonische oder göttliche Einwirkung längst einer differenzierten psychologischen Diagnose gewichen. Visionen, Auditionen, Eingebungen sind dem Psychiater aus seiner Arbeit mit schizophrenen, manischen oder exaltierten Patienten geläufig und werden heute kaum noch religiös gedeutet.

(173) Albert Einstein … hat Einwände gegen ein personhaftes Gottesverständnis geäußert. Ich nehme sie ernst. Wenn er von kosmischer Vernunft oder wenn östliche Denker von dem „Einen“, vom „Nirvana“, „Leere“, „Absulutem Nichts“, „Leuchtender Finsternis“ sprechen, dann wird man die verstehen müssen als oft paradoxen Ausdruck der Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Absoluten, das sich weder in Begriffen noch in Vorstellungen einfangen lässt – also eine „Theologia negativa“ („kein Reden von Gott“ JK) gegenüber allzu menschlichen „theistischen“ Vorstellungen von Gott.

(181) Für mich ist die Bibel nicht nur literarisches Weltkulturerbe, nicht nur ein Teil des abendländischen Bildungskanons, sondern ein einzigartiges Zeugnis gläubiger Gotteserfahrungen durch die Jahrhunderte.

(183) Das Christentum erscheint vielen indischen Besuchern etwa barocker katholischer Kirchen keineswegs als monotheistische, sondern durchaus als polytheistische Religion. Nur das Katholiken all die Zwischenwesen zwischen Gott und den Menschen nicht als Götter, sondern als Engel und Heilige ansprechen und um Hilfe anflehen. Und die Trinitätsspekulation der Kirchenväter und Theologen, die den Menschen Jesus von Nazaret schlicht auf dieselbe Stufe mit dem im Neuen Testament stets exklusiv „ho theos – der Gott“, genannten Vater setzen, dessen „Sohn“ Jesus ist, stellt nicht nur für Juden und Muslime die Einheit Gottes in Frage.

(187) „Allmächtig“ … ist nicht mein bevorzugtes Gottesattribut. In der griechischen Übersetzung der Hebräischen Bibel wird das Wort für „zebaot“ (Herr der „Heerscharen“) eingesetzt, im Neuen Testament aber – abgesehen von der Apokalypse (und einem Zitat bei Paulus) – auffälligerweise vermieden. Erst in der Theologie der Kirchenväter und der mittelalterlichen Scholastiker erhält dieses Prädikat Gottes besonderes Gewicht. …
Iim Prinzip würde ich vom Neuen Testament her andere Gottesprädikate wie „all-gütiger“ oder (wie im Koran) „all-erbarmender“ Gott bevorzugen. Oder, wenn das Wort nicht so verniedlicht worden wäre, schlicht „lieber Gotte“ – als Ausdruck dessen, was, christlich gesehen, die tiefste Beschreibung Gottes sein dürfte: „Gott ist die Liebe (1.Joh. 4,8.16).
Als allzu äußerliche, anthropomorphe Vorstellung empfinde ich, Gott als allmächtiger „Herr“  und „Herrscher“ „kontrolliere“ oder „steuere“ sämtliche Ereignisse im Kosmos, auch die scheinbar zufälligen, sogar die unbestimmten subatomaren Abläufe. Wie stünde es denn da um all die Verschwendungen und Sackgassen der Evolution, wie um die ausgestorbenen Arten, wie um die elend umgekommenen Tiere und Menschen? Und wie um die unendlichen Leiden und all das Böse in dieser Welt und Weltgeschichte? Darauf hat die Konzeption von einem allmächtigen Herr-Gott keine Antwort.

(192ff.) Haben aber diese uralten Schöpfungsberichte, die nicht in mathematischen Formeln und physikalischen Modellen reden, sondern in Bildern (Metaphern) und Gleichnissen (Parabeln), heute überhaupt noch etwas über den Ursprung zu sagen? Durchaus, es sind Wahrheiten, über die auch Naturwissenschaftler nachdenken sollten, weil sie nicht nur für die Wissenschaft, sondern vor allem für unser Leen relevant sind:
dass Gott der Ursprung von allem und in jedem ist;
dass er in der Weltgeschichte mit keinem bösen dämonischen Gegenprinzip in Konkurrenz steht;
dass die Welt im Ganzen und im Einzelnen, dass auch Materie, Menschenleib und Geschlechtlichkeit grundsätzlich gut sind;
dass der Mensch Ziel des Schöpfungsprozesses ist …
Doch zur Vermeidung von Missverständnissen, die für Naturwissenschaftler nahe liegen, füge ich sofort hinzu: Der Schöpfungsglaube verlangt keineswegs, mich für diese oder jenes der wechselnden physikalischen Weltmodelle zu entscheiden. Er benennt die Voraussetzung aller Weltmodelle und der Welt überhaupt und ist mit verschiedenen Weltmodellen vereinbar

(190) Gott ist nicht die Evolution, wie Pierre Teilhard de Chardin missverständlich formuliert hat, sondern Gott ist in der Evolution.

(194f.) Wie auch immer der Übergang vom Unbelebten zum Leben im Einzelnen genau erklärt wird, er beruht auf biochemischen Gesetzmäßigkeiten und somit auf der Selbstorganisation der Materie, der Moleküle. Wie sich aus der Urmaterie durch elektrische Entladungen immer komplexere Moleküle und Systeme gebildet haben, so aus Nukleinsäuren und Proteinen das auf Kohlenstoff basierende Leben. Ich habe begriffen: Schon auf der Ebene der Moleküle regiert also das von Darwin zunächst in der Pflanzen- und Tierwelt festgestellte Prinzip der „natürlichen Auswahl“ und des „Überlebens der Bestangepassten“. Diese Tendenz zur „Fitness“ treibt die Entwicklung auf Kosten der weniger gut angepassten Moleküle nach „oben“. So kommt es zur Entwicklung von einzelligen, dann mehrzelligen Lebewesen und schließlich von höheren Pflanzen und Tieren. …
In den Einzelprozessen ist das Geschehen ähnlich wie in der Quantenmechanik von der Zufälligkeit bestimmt, verläuft aber zugleich von Anfang an nach steuernden Naturgesetzen. …
Der Evolutionsprozess als solcher offenbart keinen Sinn. Den Sinn muss der Mensch ihm selber geben. Auch für den Biologen herrscht somit kein intellektueller Zwang, sondern die Freiheit der Wahl. Doch wird er kaum an Gott glauben, wenn er Gott in der Evolution missversteht als eine übergeschichtliche Person, die kraft ihrer Schöpfermacht den geschichtlichen Menschen und die Völker auch gegen die Gesetze der Natur und die Ordnungen der Welt von Zeit zu Zeit mit Wundern überfällt und überwältigt.
So stellt sich selbstverständlich die Frage: Können wir in dieser Welt der Evolution denn überhaupt noch an Wunder glauben? Die Bibel ist voll davon, von Anfang bis Ende. … Wie bringe ich diese Wundergeschichten mit dem streng kausalen Entwicklungsprozess zusammen, wenn da elementare Naturgesetze durch „Naturwunder“ durchbrochen werden? Nun habe ich selbstverständlich Verständnis dafür, dass auch heute noch Menschen, die von den Ergebnissen der Naturwissenschaft wenig berührt sind, solche biblischen „Naturwunder“, die den lückenlosen Kausalzusammenhang verletzen, wortwörtlich nehmen wollen. Ich bin gegen „Zwangsaufklärung“. Doch aufgeklärte Gottgläubige sollten für die „Naturwunder“ nicht gekünstelte naturwissenschaftliche Erklärungen suchen müssen, sondern … die Ergebnisse der modernen Bibelwissenschaft ernst nehmen; sie sind auch für den Naturwissenschaftler interessant.
So wird er mit mir differenzieren können: Es gibt Wundergeschichten, bei denen es sich zumeist um kaum bestreitbare historische Ereignisse handeln dürfte: insbesondere die vielen charismatischen Heilungen Jesu, zu denen auch die Austreibung von krankmachenden Dämonen gehört.
Bei einer zweiten Gattung von Wundergeschichten handelt es sich einfach um erstaunliche, aber nicht ganz unübliche Naturereignisse: so etwa die Mücken- oder Heuschreckenplage und andere Plagen beim Auszug aus Ägypten.
Bei der dritten Gattung jedoch handelt es sich offenkundig um legendär ausgeschmückte Geschichten: etwa die Sonne, die dem Buch Josua zufolge über Gibeon stillsteht, aber auch im Neuen Testament – und dies sollte man auch in Predigten nicht verschweigen – das Wandeln auf dem Wasser, die Sturmstillung, die wunderbare Speisung Tausender, die drei Totenerweckungen … Das sind ja die eigentlichen „Naturwunder“, die man nicht wortwörtlich nehmen muss.
Auch für den Naturwissenschaftler ist es hilfreich zu wissen: eine wirkliche Durchbrechung von Naturgesetzen lässt sich in der Bibel historisch nicht nachweisen. Warum? Weil die Menschen zur Zeit der Bibel an Naturgesetzen überhaupt nicht interessiert waren. Solche waren ihnen nicht bekannt. Man dachte nun einmal nicht naturwissenschaftlich und verstand die Wundergeschichten folglich auch nicht als Durchbrechung von Naturgesetzen. …
Anders als die historischen Heilungswunder stehen die sogenannten „Naturwunder“ demnach in der Bibel als Metaphern, und wie in der Poesie, so wollen auch diese Metaphern die Naturgesetze nicht aushebeln.

(214) Allzu lange hat man in der offiziellen Lehre, in Enzykliken, Katechismen, Hirtenbriefen und Predigten dem „Volk“ die Resultate der historischen Bibelkritik vorenthalten und es zum Beispiel über die Entstehung der Evangelien und die unterschiedlichen Genres biblischer Erzählungen im Dunkeln gelassen. Bis heute fehlt es vielen Menschen an – unterdessen leicht verfügbarem – Grundlagenwissen über die christliche Botschaft und Tradition.

(218) Wer also ist ein Christ? Nicht derjenige, der nur „Herr, Herr“ sagt und einem „Fundamentalismus“ huldigt, sei er biblizistisch-protestantischer, autoritär-römisch-katholischer oder traditionalistisch-östlich-orthodoxer Prägung. Christ ist vielmehr, wer auf seinem ganz persönlichen Lebensweg (und jeder Mensch hat seinen eigenen) sich bemüht, sich an diesem Jesus Christus praktisch zu orientieren. Mehr ist nicht verlangt.

(234ff) Theodizee – Rechtfertigung Gottes …
Warum hat Gott das Übel nicht verhindert?
Entweder Gott kann es nicht: dann ist er nicht wirklich allmächtig.
Oder er will nicht: dann ist er nicht gut, gerecht und heilig.
Oder er kann nicht und will nicht: dann ist er machtlos und missgünstig zugleich.
Oder er kann und will: warum dann aber all die Schlechtigkeit in der Welt? …
So kann und muss ich insbesondere zum Grauen des Holocausts dies sagen: Wenn Gott existiert, dann war Gott auch in Auschwitz! … Unbeantwortbar aber bleibt die Frage; Wie konnte Gott in Auschwitz sein, ohne Auschwitz zu verhindern? …
Leid, übergroßes, unverschuldetes, sinnloses Leid – individuelles wie kollektives – lässt sich nicht theoretisch verstehen, sondern bestenfalls praktisch bestehen

(Hans Küng: Was ich glaube, Piper, München, 2009)

·         (S. 31) Theisten, Deisten und Pantheisten

Ein Theist glaubt an eine übernatürliche Intelligenz, die das Universum erschaffen hat und die iimmer noch gegenwärtig ist, um das weitere Schicksal ihrer ursprünglichen Schöpfung zu beaufsichtigen und zu beeinflussen. In vielen theistischen Glaubenssystemen ist dieser Gott eng in die Angelegenheiten der Menschen eingebunden. Er erhört Gebete, vergibt oder bestraft Sünden, greift durch das Vollbringen von Wundern in die Welt ein, zürnt über gute oder schlechte Taten und weiß, wann wir sie begehen (oder auch nur daran denken, sie zu begehen).

Ein Deist glaubt ebenfalls an eine übernatürliche Intelligenz, aber deren Tätigkeit beschränkt sich darauf, die Gesetze aufzustellen, denen das Universum unterliegt. Der deistische Gott greift später nie mehr ein und interessiert sich sicher nicht für die Angelegenheiten der Menschen.

Pantheisten schließlich glauben überhaupt nicht an einen übernatürlichen Gott, sondern benutzen das Wort „Gott“ als Synonym für die Natur, für das Universum oder für die Gesetzmäßigkeiten, nach denen es funktioniert.

Deisten unterscheiden sich von Theisten darin, dass der Gott der Deisten keine Gebete erhört, sich nicht für Sünden oder Beichte interessiert, unsere Gedanken nicht liest und uns nicht mit launischen Wundern in die Quere kommt.
Im Gegensatz zu den Pantheisten halten die Deisten Gott dennoch für eine Art kosmischer Intelligenz, während er für die Pantheisten ein metaphorisches oder poetisches Synonym für die Gesetze des Universums darstellt.
Pantheismus ist aufgepeppter Atheismus, Deismus ist verwässerter Theismus.

(Dawkins zitiert Einstein – hier verändert von JK aus dem Original wiedergegeben:)
“Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös.“
(Albert Einsteins gesprochenes Glaubensbekenntnis, wahrscheinlich 1932 auf Schallplatte gesprochen, Abdruck: Zeitschrift „Die Naturwissenschaften“ 53 (1966) Heft 8, S. 198)

In diesem Sinne bin auch ich religiös, allerdings mit der Einschränkung, dass „unserer Vernunft nicht zugänglich“ nicht bedeutet: „für immer und ewig unzugänglich“. Indes, ich nenne mich lieber nicht „religiös“, weil diese Bezeichnung missverständlich ist …

(Richard Dawkins: Der Gotteswahn, Ullstein Taschenbuch, Berlin 2008)

·         Historisch interessant !
Synode der EKD 1965 zum Schriftverständnis


(S.3) … das Hauptthema der Synode: „Wort Gottes und Heilige Schrift“. Mit dieser Thematik griff die Synode das brennende Problem auf, das gegenwärtig in unserer Kirche zur Diskussion steht. Untergräbt nicht die moderne Theologie das Zutrauen zur Heilige Schrift? Unterwirft sie die Schrift nicht Maßstäben der Vernunft und der Philosophie, nach denen Gottes Wort nun einmal nicht gemessen werden kann? Inwieweit ist die Bibel Gottes Wort, nachdem feststeht, dass ihre Worte von Menschen verfasst sind und bestimmte politische und gesellschaftliche Verhältnisse zur Voraussetzung haben? …

(21) Manfred Hausmann …
Der Mensch … hört nach Menschenweise … Er hört daran vorbei, wenn er die Bibel als eine Volksdichtung versteht, was sie in ihrer sprachlichen Urgewalt, Märchenhaftigkeit und Zartheit auch ist, oder als eine Wesensschau des Menschen, was sie auch ist, wie es denn in der Weltliteratur kein zweites Werk gibt, das ein in seiner Nüchternheit so zutreffendes und in seiner Abgründigkeit so erschreckendes Menschenbild entwirft wie sie, oder als säkulare Geschichtsdarstellung, was sie auch ist, als ein volkskundliches Quellenwerk, als einen Leitfaden für menschliches Verhalten, als eine bis in die höchsten Höhen sich erhebende religiöse Ethik, als eine vielschichtige Zusammenfassung von frühzeitlichen, mittleren und späten Mythen, was alles sie auch ist. …
(26) Der Vorgang, durch den alte Wörter ganz neue Dimensionen erhalten, wenn sie biblische Inhalte aufnehmen, wiederholt sich in ähnlicher Weise bei der Übergabe alttestamentlicher Begriffe an die griechische Sprache. Das heißt an eine Sprache, die ihrem rationalen Wesen nach die hintergründigen hebräischen Wörter nicht verarbeiten kann. Deshalb ist die Überantwortung der alttestamentlichen Theologie an die griechische Umgangssprache ein Widerspruch in sich. Sie ist ebenso unmöglich uns widersinnig wie die Menschwerdung Gottes. Und doch geschieht die eine wie die andere.
Im Gegensatz zu früheren Zeiten, die in jedem biblischen Wort den Atem Gottes spüren wollten, glauben wir heute zu wissen, dass die Bibel von irrenden und sündigen Menschen für sündige und irrende Menschen geschrieben ist. …
Sie ist uns bleibt Gottes Wort. Sie ist es und sie bleibt es auch dann, wenn wir nicht mehr jeden einzelnen Satz wortwörtlich gelten lassen. …
(29) Wenn Gott redet, dann redet er nicht im leeren Raum. Seine Rede ist keine abstrakte Rede, sondern Anrede. Er verkündigt keine beziehungslosen Weisheiten, keine Weisheiten als solche, sondern er sendet sein Wort in ganz bestimmter Absicht in eine ganz bestimmte konkrete geschichtliche Situation hinein. …
Paulus verfasste keine theologischen Traktate, sondern redete zu bestimmten Zeiten bestimmte Gemeinden an, weil bestimmte Schwierigkeiten, Gefahren und Probleme aufgetaucht waren … Er diskutierte mit ihnen nicht über irgendwelche interessanten Themen, sondern er sprach über das, was ihnen auf den Nägeln brannte …
(31) „Israel“ heißt „Kämpfer gegen Gott“ …

(39) Werner Krusche …
… wird der Pfarrer entweder resignieren und der notwendigen Auseinandersetzung ausweichen, oder er wird zu einer Doppelexistenz verführt – dass er für sich behält, was er weiß, und predigt, wie man es erwartet -, da er ja dauernd befürchten muss, als „ungläubig“, als ein Mann mit einem „gebrochenen Verhältnis zur Bibel“ … diskreditiert zu werden. …

(42f) Der Streit um die Bibel in der Kirche ist nun aber ebenfalls angelegt im Wesen der Bibel selbst, nämlich insofern wir es in ihr mit Gottes Wort zu tun haben, das als Zeugnis geschichtsgebundener Menschen von Gottes in der Geschichte geschehendem Heilshandeln an Menschen in bestimmten Geschichtssituationen ergangen ist und weiterbezeugt werden will an Menschen in wieder neuen Geschichtssituationen. Die damit gegebene Problematik konnte solange nicht in den Blick kommen, als man in den biblischen Zeugen Menschen sah, die im Akt ihres Zeugnisses durch Inspiration aus ihrer Geschichtsgebundenheit befreit und über sie erhöht und zu Empfängern göttlichen Wissens wurde, als man das Geschichtshandeln Gottes im Sinne einer historica sacra, einer von der profanen Geschichte ontologisch unterschiedenen Geschichte ansah, und als man die Situation des Empfängers des Zeugnisses als eine im wesentlichen gleiche verstand, als die immer gleiche Situation des sich gegen Gott empörenden Menschen, des Sünders. In dem Augenblick aber, in dem durch das erwachende, die Neuzeit signalisierende Geschichtsbewusstsein das Bewusstsein der historischen Distanz und des geschichtlichen Wandels aufbrach, mussten auch diese drei Voraussetzungen – Inspiration der Zeugen als Entrückung von ihrem geschichtlichen Ort, Heilsgeschichte als ontologisch andere, dem Geschichtszusammenhang entnommene Geschichte, grundsätzlich gleiche Situation des Menschen zu allen Zeiten als Sünder – problematisch werden. Das erwachende geschichtliche Bewusstsein wurde der – immer schon vorhandenen und nur nicht erkennbaren – Geschichtsgebundenheit der Bibel inne – der Zeugen, des Bezeugten und der Empfänger des Zeugnisses und damit des Zeugnisses überhaupt. Und damit wurde die Bibel zu einem in der Kirche umstrittenen Buch. Sie wurde umstritten zwischen denen, die in der Behauptung des Geschichtscharakters der Bibel ihre Auslieferung an die Relativität des Geschichtlichen und damit die Aufhebung ihrer Singularität als Gottes unwandelbares Wort sahen, und denen, die gerade in der Geschichtlichkeit der Bibel den dem Menschen lebendig begegnenden Gott wirksam sehen …
Ich habe Angst, einen an der Bibel irre zu machen, und ich habe Angst, jemand den Zugang zur Bibel zu versperren …
(46f) Die Zeugen (des Zeugnisses der Bibel) sind Menschen in einem Zeitraum von tausend Jahren …
Sie sind Zeugen als geschichtliche Wesen  und also in der damit gegebenen Begrenztheit ihres Weltwissens, ihrer Vorstellungswelt, ihrer Denkstruktur. …
Sie gaben ihr Zeugnis im Umkreis ihrer geschichtlichen, biographischen und psychologischen Möglichkeiten. Und gerade so und nur so sind sie Zeugen …
Es wäre eine Aufhebung des Zeugnischarakters der Bibel, würde man behaupten, sie sei irrtumslos und unfehlbar in allem, was sie sagt, auch in ihren weltbildlichen Aussagen. Vielmehr hat das biblische Zeugnis teil an der anthropologischen Begrenztheit seiner Zeugen …
Karl Barth: … „Wir können es nicht übersehen, nicht leugnen und nicht ändern: Wir stoßen in der Bibel hinsichtlich alles dessen, was ihr Welt- und Menschenbild betrifft, beständig auf Voraussetzungen, die nicht die unseren sind, und auf Feststellungen und Urteile, die wir uns nicht zu eigen machen können.“.
An einem Punkte haben das allmählich die meisten begriffen. Es bestreiten heute nur noch wenige Fundamentalisten, dass das biblische Zeugnis vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel das alte geozentrische Weltbild voraussetzt (noch der Schreiber der Offenbarung rechnet selbstverständlich damit, dass die Erde so groß ist, dass ein Drittel der Sterne auf ihr Platz hat – Offb. 12,4). Wir haben unter schweren Kämpfen gelernt, dass die Bibel uns die Geschichte von Gottes Heilshandeln bezeugen und uns nicht nebenbei auch noch über alle möglichen biologischen und astronomischen Sachverhalte belehren will und dass die Wahrheit des Zeugnisses nicht auf Gedeih und Verderb verbunden ist mit den Vorstellungen, in denen es ergeht und die wir uns – nicht aus Unglauben, sondern zufolge besserer biologischer und astronomischer Kenntnisse – nicht mehr zu eigen machen vermögen und nicht mehr zu eigen machen brauchen …
Wir haben damit eine unerhört weittragende Unterscheidung zu machen gelernt: die Unterscheidung zwischen Gemeintem und Gesagtem, zwischen der Botschaft und den Vorstellungen, in denen sie ausgesprochen ist. Wir müssen uns freilich klar machen, dass das unsere Unterscheidung ist. Die biblischen Zeugen selbst haben diese Unterscheidung nicht gemacht und nicht machen können; sie waren von ihrer damaligen Naturerkenntnis aus selbstverständlich der Meinung, dass ihr Zeugnis nicht nur hinsichtlich des WAS, sondern auch hinsichtlich des WIE, dass nicht nur die Botschaft, sondern auch ihre naturwissenschaftlichen Angaben richtig waren …
(49f) Die biblischen Zeugen hatten ein völlig anderes Verhältnis zur Historie als wir … Sie konnten ganz sorglos das Geschehen mit einer Deutung zusammen darstellen – und verstanden das Ganze dennoch als Darstellung. 
Sie waren ja Zeugen und nicht neutrale Berichterstatter …
Dabei führt nicht die Historie zum Bekenntnis, sondern das Bekenntnis deutet und gestaltet die Historie. …
Bericht von den Worten und Taten des irdischen Jesus und Bekenntnis zu dem erhöhten Herrn sind in ihrem Zeugnis unauflöslich amalgamiert, wobei der Anteil der Historie und des Bekenntnisses jeweils sehr unterschiedlich ist …
dass manches, was wie Historie klingt, eine Bekenntnisaussage in der Form der Historie ist.
(52f) Aber wir haben auch in der Überlieferung der Verkündigung Jesu mit der Tatsache zu rechnen, dass Worte, die als Worte des irdischen Jesus berichtet werden, so nicht von ihm gesprochen worden sind.
Die biblischen Zeugen haben nicht an Unbekannt … geschrieben, sondern sie haben Menschen in einer ganz bestimmten geschichtlichen Situation vor Augen, die sie nicht ignorieren, von der sie nicht absehen können …
Paulus hätte den Brief an die Galater nicht nach Thessalonich schicken können
(54) Die Unterschiedlichkeit der Evangelien lässt sich also nicht so simpel erklären, wie das oft versucht wird, indem man sagt: wenn vier Zeugen des gleichen Geschehens – z.B. eines Verkehrsunfalls – den Vorfall berichten, so ist klar, dass ihre Berichte voneinander abweiche.. Das stimmt, wenn die vier Zeugen gleichzeitig und unabhängig voneinander berichten. Aber ebendies trifft für die Evangelien nicht zu; ganz abgesehen davon, dass die Evangelisten nicht selbst Augen- und Ohrenzeugen waren, haben sie nicht gleichzeitig und unabhängig voneinander berichtet, sondern zumindest zwei von ihnen – Matthäus und Lukas – haben das Zeugnis des ersten – Markus – gekannt. Wenn ihr Zeugnis anders lautet als seins, so ist das also nicht selbstverständlich (wie bei den vier Verkehrsunfalls-Zeugen), sondern dann haben sie sein Zeugnis bewusst und mit Absicht korrigiert. Und zwar nicht nur im Sinne der Komplettierung, weil sie sein Zeugnis für unvollständig gehalten hätten, so dass es von ihnen noch um einiges zu ergänzen gewesen wäre. Freilich auch nicht in dem Sinne, dass sie sein Zeugnis als unzutreffend beurteilt hätten, so dass es von ihnen richtigzustellen gewesen wäre. Sondern sein Zeugnis war unzureichend für die neue Situation, in die hinein sie ihr Zeugnis zu geben hatten …
nach Markus 9,1 sagt Jesus: „Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes mit Macht gekommen ist.“ Dies ist ein Hinweis auf die Nähe der Parusie (erwartete Wiederkunft Christi JK) : einige der Zeitgenossen werden sie erleben. Sie werden das Reich Gottes kommen sehen. Lukas bezeugt dieses Wort Jesu neu für seine Hörer, die mit der sich dehnenden Zeit rechnen lernen müssen, indem er das Wort „kommen“ streicht. Jesus sagt dann (Lukas 9,27): „Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes gesehen haben.“ …
(57) Dass die biblischen Zeugnisse nicht historische Tatsachenberichte sein können, zeigt die jedem aufmerksamen Bibelleser auffallende Tatsache, dass die historischen Angaben sich  nicht zur Deckung bringen lassen und gelegentlich sich widersprechen.
(59) … hat uns die historisch-kritische Forschung die Augen geöffnet. Sie hat uns damit einen großen Reichtum erschlossen, aber zugleich auch vor schwere Probleme gestellt. Diese Probleme hat sie nicht künstlich erzeugt, sondern nur sichtbargemacht. Sie hängen mit der aufgezeigten Geschichtsgebundenheit des biblischen Zeugnisses zusammen. Weil die Bibel das Zeugnis geschichtsgebundener Menschen an geschichtsgebundene Menschen von Gottes geschichtlichem Handeln ist, darum ist historisch-kritische Bibelforschung nicht nur erlaubt, sondern notwendig.
(60) … die historisch-kritische Forschung … verkündigt nicht, sondern erklärt
(64) Wenn R. Bultmann davon spricht, dass die biblischen Schriftsteller im mythischen Denken gelebt und mythologisch geredet haben,- weil sie als Kinder ihrer Zeit gar nicht anders reden konnten -, dann meint er damit nicht etwa nur, dass die biblischen Zeugen hier und da mythologische Vorstellungen ihrer religiösen Umwelt (wie etwa die Vorstellung von der übernatürlichen Geburt eines göttlichen Kindes oder von einem Weltgericht, von Dämonen und Engeln) aufgegriffen und zur Bezeugung der in Jesus Christus zentrierten Geschichte Gottes benutzt haben, so dass wir vor der Aufgabe stünden, diese gelegentlich anzutreffenden mythologischen Vorstellungen zu entmythologisieren und also zu erklären, was mit ihnen gemeint ist. Bultmanns Behauptung von der mythologischen Redeweise der biblischen Zeugen ist ungleich radikaler und umfassender: die biblischen Zeugen benutzen nicht gelegentlich mythologische Vorstellungen, das biblische Zeugnis hat nicht nur ein paar mythologische Züge, sondern das ganze biblische Zeugnis ist von vorn bis hinten mythologisch. Mythologisch reden heißt nach Bultmann nämlich: objektivierend, gegenständlich von Gott und Gottes Handeln reden. Und da die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite gegenständlich von Gott und der Geschichte seines Handelns redet, ist ihre Rede von der ersten bis zur letzten Seite mythologische Rede …
unangemessene Fragstellung … neutestamentliche Botschaft … verkürzt
(69) H. Braun … Aus dem richtigen Satz, dass man von Gott nicht sprechen könne, ohne vom Menschen zu sprechen, wird bei ihm der falsche Satz, dass man von Gott nur reden könne, wenn man vom Menschen redet ... Gott ist ein Geschehen, das sich zwischen Mensch und Gott vollzieht … Das Heil Gottes ist „in rechter Mitmenschlichkeit … zu finden“ …;
(73) Mir erscheint die Theologie wie eine Wissenschaft, die mit den Schwierigkeiten fertigzuwerden versucht, die sie selber künstlich erzeugt hat.

(79ff) “Wort an die Pfarrer“ (in Magdeburg beschlossen)
… In dem Bemühen um sachgemäßes Verhalten und Auslegen der Bibel ist es unausbleiblich, dass der Pfarrer der Geschichtsgebundenheit der biblischen Schriften ansichtig wird. Er erkennt sie als Zeugnis von Menschen, die Gottes Geist in Dienst genommen hat, um Gottes Heilstaten an seinem Volk zu bezeugen. Aber wie dieses Volk selbst in ganz verschiedenen Geschichtssituationen existiert, benutzt Gott auch das, von uns aus gesehen, begrenzte Weltwissen, die, an unserem Maßstab gemessen, unzureichenden und unzutreffenden geographischen, historischen, astronomischen, biologischen Vorstellungen dieser Zeugen und ihr so ganz von dem unseren verschiedenes Verhältnis zu historischen Fakten…
(Der Pfarrer) möchte sich keinesfalls in den scheinbar unangreifbaren Bereich der „Bibelgläubigkeit“ zurückziehen, welche die unbedingte Autorität der Heiligen Schrift nur dann gewahrt sieht, wenn der Charakter der Bibel als Geschichtsbuch unbezweifelbar ist, die absolute Richtigkeit aller ihrer Aussagen feststeht und „alles geglaubt“ wird. …
Der Heilige Geist ist nicht der Feind, sondern der Freund sachgerechter, sich ihrer Grenzen bewusster historischer Verstehendmethoden, so wahr er die biblischen Zeugen nicht ohne, sondern mit ihrem Weltwissen und ihrer Denkstruktur, d.h. in ihrer Geschichtsgebundenheit zum Zeugnis ermächtigt und in ihrem Zeugnis geleitet hat. …

(86ff.) „Wort Gottes und Heilige Schrift“
… Die Kirche hat die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments als Kanon, d.h. als Anweisung, als Normierung und als Maßstab für ihren Dienst erkannt und anerkannt. …
Darum dürfen wir die Gabe der wissenschaftlichen Methode nicht ablehnen und sie in Gegensatz zu einem „Glauben an die Bibel“ ersetzen…
haben wir erkannt, dass die Verfasser der biblischen Schriften ein anders Verhältnis zu den historischen Fakten gehabt haben als wir modernen Menschen. Es ging ihnen nicht um historisch exakte Wiedergabe von Vorgängen und Aussprüchen. Sie haben bei ihrer Überlieferung und Neuerzählung einzelner Begebnisse nur das eine Ziel, das wirkliche Geschehen der Offenbarung Gottes hier auf Erden für ihre jeweilige Gegenwart zu bezeugen. Wir alle sollten diesen Unterschied der Einstellung zu geschichtlichen Ereignissen zwischen damals und heute beachten und verstehen, damit wir nicht erschrecken oder uns entrüsten, wenn heutige Exegeten  manche biblischen Berichte in ihrer Fachsprache Sage oder Legende nennen. Die Unterscheidung zwischen der Frage nach der Verkündigungswahrheit eines einzelnen biblischen Berichtes und der Frage nach der historischen Wahrheit kann uns helfen zu der Erkenntnis, dass die Wahrheit der biblischen Botschaft nicht mit der historischen Wahrheit einzelner biblischer Berichte steht und fällt. Die Heilige Schrift ist eine Sammlung von menschlichen Worten und Schriften, die in bestimmter geschichtlicher Lage gesprochen und geschrieben worden sind. …
Das Urteil der Kirche, die den Kanon zusammmengestellt und aus den damals in der frühen christlichen Gemeinde gelesenen Schriften ausgewählt hat, ist nicht unfehlbar …

(Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland Frankfurt/Main und Magdeburg 1965: Das Wort Gottes und die Heilige Schrift, Luther-Verlag, Witten, 1965)

·         Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben;
Das hat Paul Watzlawick seinerzeit so erklärt: „ Wenn wir nach langem Sucxhen und peinlicher Ungewissheit uns endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben, kann unser darin investierter emotionalre Einsatz so groß msein, dass wir es vorziehen, unleugbare Tatsachen, die unserer Erklärung widersprechen, für unwahr oder unwirklich zu erklären, statt unsere Erklärung diesen Tatsachen anzupassen.“
Das macht verständlich, warum die Kirchen nicht einmal die Erkenntnisse ihrer historisch-kritisch arbeitenden Theologen aufnahmen. Diese wissen nämlich, dass für die Auslegung der Bibel ein „historisch sachgemäßes und dem neuzeitlichen Wahrheitsbewusstsein verpflichtetes Textverständnis nötig“ ist, - so der protestantische Theologe Jan Gertz. In der Sonntagsgottesdienstpraxis beider großer Kirchen wird das aber zumeist vermieden.
Der jüngst zum Kardinal aufgestiegene Chefhistoriker des Vatikans, Walter Brandmüller, sagt: Die Frage, ob ein im Neuen Testament als Wort Jesu ausgegebenes Zitat auch tatsächlich von Jesus stamme, sei unerheblich. Wenn es im Neuen Testament stehe, sei es „Wort Gottes.“ Und für Papst Benedikt XVI. ist die christliche Offenbarung ein „geschlossenes System“. Darin ist definitionsgemäß kein Raum für den Zweifel. geschlossene Systeme sind unreformierbar …
Glaubensvorstellungen von gestern erscheinen im Lichte heutigen Wissens als Aberglaube. Jeder junge Mensch erlebt irgendwann, dass die zauberhaften Bilder seiner Kindheit sich eben als bloße Bilder entpuppen: Nikolaus, Weihnachtsmann, Osterhase. Die Angst, die Gläubigen seien nicht reif genug, aufgeklärt zu werden, beherrscht anscheinend auch die Kirchen. Dabei müssten zweitausend Jahre reichen zum Erwachsenwerden.
(Die Zeit 1.12.2011 S.66)

·         Albert Schweitzer;
100 Jahre nach der Gründung des legendären "Urwaldhospitals" im afrikanischen Lambarene: Was bleibt vom Idol Albert Schweitzer, vom Orgelspieler, Bach-Forscher, Philosophen und Theologen?;
Schon schwieriger fällt das Urteil über den Theologen. Gewiss, das Buch über die Leben-Jesu-Forschung und über die Mystik des Apostels Paulus sind nach wie vor mit Gewinn zu lesen. Doch am Ende wird man die Abneigung der Straßburger Fakultät, ihrem Privatdozenten einen Ruf auf einen Lehrstuhl zu erteilen, ebenso nachvollziehen können wie die Entscheidung der Missionsgesellschaft, Schweitzer nur als beginnenden Arzt und bleibenden Musiker (das Tropenklavier!) nach Lambarene zu schicken, ihm ansonsten aber wegen seiner heterodoxen Ansichten ein Predigtverbot aufzuerlegen. Man wird sich hüten, Schweitzers tiefe Frömmigkeit und fromme Vorbildlichkeit in Zweifel zu ziehen. Aber das theologische Problem lässt sich damit nicht aus der Welt schaffen, wie sich gerade an der Frage nach dem historischen Jesus zeigt. Schweitzers Buch gibt eine gute Übersicht über die Problemgeschichte, mündet dann aber in ein Bild des frommen Juden Jesus von Nazareth, der sich über den unmittelbaren Anbruch des Reiches Gottes schlicht getäuscht und deswegen nur eine "Interimsethik" verkündet hatte. Wenn man Schweitzers "Theologie" ganz hart abklopft, bleibt von einer protestantischen Konfession oder gar Lehre nicht viel übrig außer einer Person, die eine einzigartige Liebesethik vertreten hat.
Um es zuzuspitzen: Keine christliche Theologie, welcher Konfession auch immer, kommt um das Konzil von Chalcedon des Jahrs 451 n. Chr. herum, auf dem von Jesus Christus gesagt wurde: wahrer Mensch und wahrer Gott. Verkürzt man dieses orthodoxe Paradox entweder nach der einen oder nach der anderen Seite, in Richtung auf eine bloß außermenschliche Geistfigur oder auf einen bloß empirischen, wenngleich "hochstehenden" Menschen, fällt man aus der christlichen Theologie heraus.;
Es ist jedenfalls nicht ohne innere Logik, dass Schweitzer in der protestantischen Kirche und Lehre keine amtliche Heimat gefunden hat – dafür aber von den Unitariern, einer pantheistischen religiösen Vereinigung ohne theologisches Lehr- und Leitbild, zu den ihren gerechnet wird. 1963, zwei Jahre vor seinem Tod, hat er sogar die Schirmherrschaft über die Unitarische Kirche in Berlin übernommen.;
Schweitzer findet seinen archimedischen Punkt in dem Topos "Ehrfurcht vor dem Leben": "Gut ist: Leben erhalten, Leben fördern, entwicklungsfähiges Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Böse ist: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten." Ob sich jedoch aus diesem emphatischen Appell eine schlüssige und widerstandsfähige Ethik entwickeln lässt, muss nach wie vor zweifelhaft bleiben.
Anekdotisch zeigt sich dies in einer kleinen Lambarener Szene: Da zog man unter den Augen des "Doktors" das Wildschwein Josephine auf – als es aber anfing, Hühner zu fressen, wurde es auf Schweitzers Anordnung hin getötet. In einem Brief, in dem es um den Pazifismus in der Schweiz ging, war es Karl Barth mit Blick auf Josephines Schicksal "ein gewisser Trost", dass "zuletzt auch Albert Schweitzer es nicht unterlassen konnte, nach der ultima ratio zu greifen". Systematischer gefasst: Gewiss ist das Leben schlechthin das Feld, auf dem sich alle Ethik zu bewähren hat, aber das Leben als solches kann dafür nicht die ethischen Normen liefern; alles andere wäre ein naturalistischer, vitalistischer Zirkelschluss. Das wird besonders deutlich an dem Selbstzeugnis Schweitzers: "Ich bin Leben, das leben will in mitten von Leben, das leben will.";
(Die Zeit 11.4.2013 S.17 - http://www.zeit.de/2013/16/albert-schweitzer )

·         Was ist eigentlich gut an der Schöpfung?
Was ist eigentlich gut an der Schöpfung? Tiere fressen sich ­gegenseitig, die Natur lässt sich nicht bändigen, Menschen kommen unter die Räder. Das klingt nicht gerade nach einem Paradies;
Gute Schöpfung? Einen jährlichen „Tag für Gottes gute Schöpfung“ begeht zum Beispiel die Evangelisch-methodistische Kirche. In etlichen Predigten und Publi­kationen ist regelmäßig die Rede davon, dass die Schöpfung gut sei. Dem Autor Albert Sahnwaldt, einem gelernten Gärtner, späteren Lehrer und Mitarbeiter einer evangelischen Akademie, erscheint das allerdings als Stereotyp. Er sagt: Die Schöpfung ist nicht das Paradies (so auch der Titel seines Buches). Im Tierreich herrsche das Gesetz vom „Fressen oder Gefressenwerden“. Krankheitserreger, Schmarotzer, Giftschlangen, tödliche Nahrungskonkurrenten – was an ihnen soll gut sein?
Gibt es einen sinnvollen Plan?
Die Frage nach der guten Schöpfung und deren Schöpfer stellt sich noch drängender, wenn es zu Natur- und Hungerkatastrophen kommt. Eine mitleidlose Natur, die Menschen in den Tod reißt, kann wohl nicht gut sein. An eine „gute Schöpfung“ vermag noch weniger zu glauben, wer Opfer von Kriminellen geworden ist. Oder wer von Bankleuten an den Rand des wirtschaftlichen Ruins und der seelischen Verzweiflung getrieben wird. Folgt das etwa einem sinnvollen Plan der Schöpfung, der letzten Endes doch einen guten Ausgang nimmt?
Man könnte sich unter Hinweis auf den biblischen Schöpfungsbericht herausreden und sagen: Erst als Adam und Eva trotz Verbots vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ gegessen hatten, verkehrten sich das angenehme Leben und die tägliche Arbeit in eine Plage, und erst seitdem machen sich Tod und Untergang im Leben breit. In der Bibel gilt die Sünde der ersten Menschen nämlich als Ursache von Tod und Verderben. Diese Linie zieht sich bis in den Brief des Apostels Paulus an die Römer (5,12) durch.
Heute setzen Theologen den Akzent anders: Nicht der erste Mensch, jener Adam aus dem Paradies, hat das ganze Desaster angerichtet. Adam gibt es bis heute. Adam heißt, aus dem Hebräischen übersetzt: der Mensch. Er ist mit seinem Verhalten Repräsentant der ganzen Menschheit. Dass die Schöpfung nicht mehr gut ist, ist demnach unser aller Schuld. Aber auch mit dieser Überlegung bleibt das Dilemma ­bestehen: Sie erklärt überhaupt nicht, warum die Schöpfung oft so räuberisch, so gewalttätig, so ungerecht ist – eben alles andere als gut.
Wir glauben an das Gute
Wenn Juden und Christen von Gottes guter Schöpfung sprechen, gehen sie nicht über die Realität hinweg. Sie behaupten auch nicht, dass Religion und Glaube die Gesetze der Natur außer Kraft setzen können. Der Satz, dass die Schöpfung gut sei, ist nämlich keine wissenschaftliche Sachaussage, keine Beschreibung, sondern ein ­Bekenntnis: Wir glauben an das Gute.
Christen waren Schrittmacher im Tierschutz, in der Friedensbewegung, in der Fürsorge für Arme, in der Bildung. Sie üben Solidarität, wo Menschen wirtschaftlich unter die Räder kommen und es ihnen schwerfällt, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Sie stellen sich auf die Seite derer, die von anderen kulturell ausgegrenzt werden.
(Chrismon 10-2012 S.26f. - )

·         Margot Käßmann, 55, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), über das erneuerte Eheverständnis der evangelischen Kirche, Maria und Josef als Patchwork-Familie und die Frage, wo denn nun das Höllenfeuer brennt;
SPIEGEL: Frau Käßmann, glauben Sie eigentlich noch an Himmel und Hölle?
Käßmann: … Ob es eine ewige Verdammnis der Sünder und eine Hölle gibt, diese Frage überlasse ich lieber Gott.
SPIEGEL: Wie sieht es aus mit der Jungfrauengeburt, also der biblischen Überlieferung, dass Maria bei der Geburt Jesu noch unberührt war?
Käßmann: Da bin ich ganz Theologin des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, dass Maria eine junge Frau war, die Gott vollkommen vertraut hat. Aber dass sie im medizinischen Sinne Jungfrau war, das glaube ich nicht. …  Ich denke, dass Josef im biologischen Sinne der Vater Jesu war.;
Käßmann: Einige tun sich mit dem historisch-kritischen Blick auf die Bibel schwer, auch wenn ich den Grund nie ganz verstanden habe. Es hat meinen Glauben nie gefährdet, die Bibel als ein Buch zu sehen, in dem Menschen ihre Erfahrungen mit Gott über die Jahrtausende aufgezeichnet haben. Ich muss den Geist der Bibel erkennen und verstehen. Der Apostel Paulus sagt es sehr schön: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
(Der Spiegel 30-2013 S.44ff. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-104058619.html)

·         Friedrich Schorlemmer
„Und Jesus ist für mich auch nicht Gott, sondern Gottes Gesandter …“;
„Ich glaube nicht an Jesus, aber ich glaube wie Jesus.“;
„Mein Beten ist geprägt vom Lebensentwurf Jesu, der mich nicht nur überzeugt, sondern mich auch ergreift. Ich habe mich befreit von einer Weltbildvorstellung, wie sie unser Apostolisches Glaubensbekenntnis voraussetzt. Das ist nicht mein „Glaube“ …“
(Credo, Glaubenskurs der mitteldeutschen Kirchenzeitungen, Nr.10, S.3)

·         Der historische Jesus
Konsens ist heute, dass die Autoren der Evangelien keine Augenzeugen warten. Ihren Berichten liegen andere Texte und mündliche Quellen zugrunde, die bereits Stilisierungen, Deutungen und Legendarisches enthielten. Die Evangelisten wählten dieses Material aus, ordneten es neu an und veränderten es entsprechend ihrer konkreten theologischen Zielsetzungen. Sie beschreiben also weder den „historischen Jesus“ noch sind ihre Jesusbilder völlig unhistorisch. Natürlich starb Jesus am Kreuz. Natürlich sprach er vom Reich Gottes und in Gleichnissen. Natürlich radikalisierte er dioe Thora, klagte Nächsten- und Gottesliebe ein und wendete sich Randgruppen zu. Vieles, was darüber hinausreicht, ist aber strittig oder gehört gar dem Bereich der Spekulation an. …
Dass man ohne neue Textfunde allenfalls mit Wahrscheinlöichkeiten argumentieren kann.. Die Kriterien, Hiostorisches von Unhistorischem zu unterscheiden, lernt jeder Theologe während seines Studiums. Ein Jesuswort ist zum Beispiel umso wahrscheinlicher historisch,
+ je häufiger es in voneienander unabhängigen Texten anzutreffen ist,
+ je näher es am Sprachgebrauch des Aramäischen ist und
+ je weniger davon ausgegangen werden kann, dass es eine theologische Einfügung des Autors (z.B. von Lukas) ist
(Credo, Glaubenskurs der mitteldeutschen Kirchenzeitungen, Nr.8, S.4)

·         Interview mit dem Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider;
… ZEIT: Was ist aus theologischer Sicht das Schwierigste am Thema Homosexualität?
Schneider: Dass es in der Bibel sieben Stellen gibt, die gleichgeschlechtliche Liebe scheinbar explizit verbieten, sie unter den Zorn Gottes stellen, sie als ein Gräuel bezeichnen. Wir Protestanten leben aus unserer Bindung an die Heilige Schrift. Und das Ringen um das rechte Verständnis von Gottes Wort und Weisung ist so alt wie die Bibel selbst.
ZEIT: In der Bibel steht ja nun allerlei, auch völlig Widersprüchliches. Kennen die normalen Gläubigen wirklich diese sieben Stellen?
Schneider: Unsere Kritiker kennen sie jedenfalls. Aber um biblische Texte richtig zu verstehen, reicht das wortwörtliche Zitieren nicht. Zum Beispiel: Die vermeintliche gleichgeschlechtliche Liebe, von der im 1. Buch Mose 19, 3–14 die Rede sein soll, betrifft die Vergewaltigung von Männern. Das heißt: Da ist gar nicht von einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Beziehungen die Rede, um die es uns heute geht. Da liegt das Problem, wenn man einzelne Bibelstellen ohne eine reflektierte Lehre des Verstehens, das heißt ohne Hermeneutik, einfach wortwörtlich nimmt.
ZEIT: Und was ist mit dem Auftrag an Adam und Eva, dass sie hingehen sollen und sich vermehren?
Schneider: "Seid fruchtbar und mehret Euch" – natürlich. Das wird auch den Tieren gesagt (1. Mose 1, 22)! Aber Sexualität dient nicht allein der Zeugung von Kindern, sondern ist für zwei Menschen wichtig unter dem Gesichtspunkt der Freude, des Vertrauens, der Lust. All das hat sein eigenes Recht. Sexualität wird nicht erst legitimiert durch Nachkommenschaft.
ZEIT: Können Sie Ihren Kritikern nicht mit dem Gebot der Nächstenliebe kommen? Das schlägt doch wohl die schwulenfeindlichen Bibelstellen!
Schneider: Ja. Zunächst aber möchte ich die verwerfenden Bibelstellen erklären. Dann wird deutlich: Sie hindern uns nicht daran, gleichgeschlechtlich liebende Menschen anzuerkennen.
ZEIT: Klingt ein bisschen defensiv.
Schneider: Das ist nicht defensiv. Das macht ernst damit, dass uns unsere sexuelle Orientierung, die sich kein Mensch selbst aussucht, nicht von der Liebe Gottes trennt.
ZEIT: Die Bibel kann also irren?
Schneider: Die Bibel ist eine untrennbare Mischung aus Gotteswort und Menschenwort. Und Menschen können irren. Deshalb muss ich immer fragen, wie Gott mich heute durch das biblische Wort anspricht.;
Schneider: … dass Gott Recht und Gerechtigkeit liebt, das sind Grundnormen, die unsere Gesellschaft prägen, auch im politischen Diskurs. Zum Fundament unserer Demokratie gehören neben dem Christentum aber auch die antike Philosophie, das römische Recht und die europäische Aufklärung.
ZEIT: Wir religiös soll Politik sein? Sind Sie wie manche christliche Politiker der Meinung, dass die Demokratie ohne Kirche nicht auskäme?
Schneider: Ich würde sie dann gefährdet sehen. Aber wahr ist auch: Demokratie wurde überhaupt erst gegen den Widerstand der Kirchen erstritten. Es gab viele Kirchenvertreter, die andere Formen staatlicher Ordnung bevorzugten. Das gehört zur Wahrheit dazu: Der christliche Glaube wurde ein Fundament unserer demokratischen Gesellschaft – trotz mancher Gegenbewegungen der Kirchen.;
Schneider: Keiner von uns hat unmittelbaren Zugang zu den Gedanken Gottes. Einige Christen reden mir deshalb ein bisschen zu viel darüber, was Gott jetzt genau will. Sie behaupten, zu wissen, was keiner wissen kann. Denn aus der Bibel ergibt sich zu aktuellen Fragestellungen immer eine Bandbreite von Interpretationen und Orientierungen.
ZEIT: Voriges Jahr kam in Deutschland die Forderung nach einem Blasphemiegesetz auf. Wegen des satirischen Films Unschuld der Muslime wollten manche die Verhöhnung von Religion verbieten. So ein Gesetz würde aber letztlich untersagen, Gott zu leugnen. Wie steht Ihre Kirche dazu?
Schneider: Was ein neues Blasphemiegesetz angeht, bin ich zurückhaltend. Das große Problem ist nicht die Verspottung Gottes, sondern die religiös motivierte Aufstachelung zur Gewalt. Gegen Hassprediger vorzugehen ist eine staatliche Aufgabe, unabhängig von Blasphemie. Ich möchte keinesfalls, dass einzelne Prediger, welchen Glaubens auch immer, hier ungestraft zum Mord an Andersgläubigen aufrufen dürfen. …
(ZEIT 19.9.2013 S.66 - http://www.zeit.de/2013/39/nikolaus-schneider-evangelische-kirche-toleranz )

·         Fast 40 Prozent der Evangelischen glauben nicht an Gott oder sind unschlüssig. Es ist aber auch schwierig: Heiliger Geist, Auferstehung der Toten, solche Sachen.  Jetzt können Skeptische, Suchende und Anfänger einfach mal ausprobieren.;
"Ich bin keine Sünderin“, sagt eine Frau im Glaubenskurs in Nürnberg, „das lasse ich mir von niemandem einreden.“ In einem württembergischen Gottesdienst sprechen die Leute nur jene Sätze des Glaubensbekenntnisses mit, die sie wirklich glauben. Es ist oft still. Und in einem hessischen Einkaufszentrum wird nach der Predigt geklatscht. Sofern sie gefiel.;
Von den Konfessionslosen kommt am Ende keiner. Voll wird der Glaubenskurs trotzdem – mit 18 Gemeindemitgliedern, die sich von einem der Sätze in der Einladung angesprochen fühlten. „Das mit dem Glauben ist mir bisher immer irgendwie fremd geblieben.“ Oder: „Nach allem, was ich erfahren habe, kann ich nicht mehr glauben.“ Der Pfarrer hat versprochen: Niemand wird bedrängt, man darf auch künftig nur zu Weihnachten in die Kirche.
Mit Sekt und Buffet beginnt der erste Abend schon mal gastfreundlich. Pfarrer Eisele hält zunächst einen Vortrag über ­Gottesbilder. Etwa den Buchhaltergott, der angeblich alles sieht, notiert und später gegen einen wendet – „der stand im Zentrum einer ungenießbaren christlichen Erziehung“, sagt Eisele. Eine Frau hebt den Finger: Darf ich kommentieren? Na klar. „Im ­Mat­thäusevangelium droht Jesus mit Höllenstrafen“, sagt sie. „Dazu kommen wir noch“, sagt der Pfarrer. „Hier schon mal: ­„Geschätzte 365 Mal sagt Gott in der Bibel ‚Fürchte dich nicht!‘ Gott kommt uns mit seiner Liebe entgegen.“;
Seltsam nur: Die meisten, die sich anmelden, sind bereits ­Mitglied der Kirche. Was ist denn mit deren Glauben los?
Es gibt Zahlen dazu, und zwar aus der renommierten „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“: Rund 20 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder glauben nicht an Gott; weitere 18 Prozent wissen nicht, was sie glauben sollen. Warum sie trotzdem in der Kirche bleiben? Viele finden die kirchliche Zuwendung zu den Schwachen gut, sie schätzen die Kirche als eine Art Riegel gegen die Verrohung der Gesellschaft. Anderen liegt etwas an einer kirchlichen Bestattungsfeier.
38 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder glauben also nicht oder sind sich unschlüssig. Weitere 40 Prozent glauben an ein „höheres Wesen“, nur 22 Prozent an einen Sind also ziemlich viele Evangelische schwach im ­Glauben? Man könnte das ja mal den Cheftheologen der evangelischen Kirche fragen: Thies Gundlach, theologischer Vize­präsident des Kirchenamtes der EKD.
Wie ist das mit den Schwachgläubigen?
Thies Gundlach: Das ist ja ein furchtbarer Ausdruck, eine Wertung! Ich würde sagen: Das ist ein suchender oder ein fragender Glaube, ein manchmal zweifelnder Glaube.
Zweifeln Sie auch manchmal?
Natürlich. So ein Glaubensleben atmet doch. Ich kenne auch ­Phasen, in denen Fragen und Zweifel die Oberhand gewinnen. Dann frage ich mich, ob Gott das eigentlich sieht, was ich mache. Sieht er meinen Weg, meinen Kummer, sieht er die Herausforderung, vor der ich stehe, begleitet er mich wirklich?
Und wenn ich nur an ein „höheres Wesen“ glaube – wahrer Chris­tenglauben ist das nicht, oder?
Ich begegne solchen Menschen mit großem Respekt. Denn da ahnt jemand, dass es in dieser Welt mehr gibt als Schwarz und Weiß und Eins und Zwei. Solche religiöse Musikalität ist noch nicht identisch mit dem christlichen Glauben, aber die Übergänge sind fließend. Keiner soll über den Glauben des anderen urteilen. „persönlichen Gott“.;
Ein Besucher fragt aus seinem Kinosessel heraus: Kann man humanistische Grundwerte leben, ohne zu glauben? Ja, sagt der Pfarrer.;
Es gibt Eltern, die sehen die Kirche als reinen Dienstleister, nicht als Gemeinschaft: „O. k., wenn ich in der Kirche sein muss, damit mein Kind getauft wird, trete ich ein. Wann kann ich ­wieder austreten?“ Fachleute nennen dieses Verhalten Ritualabschöpfung.;
Einmal sollten die Leute nur jene Sätze des Glaubensbekenntnisses laut sprechen, die sie glauben. Fast still war es bei „geboren von der Jungfrau Maria“, nur schwaches Murmeln war zu hören bei „Auferstehung der Toten“.
Das Glaubensbekenntnis macht vielen Evangelischen zu schaffen. Gerade mal die Hälfte glaubt an ein Leben nach dem Tod. Ist das schlimm? Das soll Thies Gundlach von der EKD beantworten.
Muss ich denn alles im Glaubensbekenntnis glauben?
Thies Gundlach: Es wäre ein maßloser Anspruch, wenn man alle diese Sätze zu hundert Prozent für sich persönlich übernehmen müsste. Es ist ein Geschenk, wenn man sie mit innerer Gewissheit mitsprechen kann. Manchmal aber ist es nur ein halber Satz – das darf dann so sein. Ich verstehe dieses jahrhundertealte Bekenntnis als ein riesiges Dach, das ich mit meinen kleinen Glaubenskräften ein Stück mittrage in die nächste Generation.
Könnte man statt „Auferstehung“ etwas nüchterner sagen: „Ich glaube, dass ich nach dem Tod nicht von Gott getrennt werde“?
Ja, auch so kann man das übersetzen. Unser Leben endet in Gott und nicht weg von ihm. Das ist die ganz große Verheißung. Daran zu glauben, hat für mich etwas Befreiendes.;
Hilft Beten? Eine muntere Debatte hebt an. Eine sagt: Wenn man etwas ganz doll will – lass es gut gehen, bitte! –, das helfe. Aber was ist dann mit einem Krebskranken, der trotz ­Betens nicht wieder gesund wird, hat der nicht genug geglaubt, ist also selbst schuld? Gott ist doch kein Wunschautomat! „Nein“, sagt Pfarrerin Elke Wewetzer, „aber er leidet mit uns, und er lässt sich auch mal umstimmen von uns.“;
In ostdeutschen Glaubenskursen geht es um andere Fragen als in westdeutschen: Wie ist das denn jetzt mit Glaube und Naturwissenschaft? Kann man die vier Evangelien nicht zusammenschrumpfen, wenn sich doch eh so viel widerspricht? Und wieso die Zehn Gebote? Man hatte doch schon die „10 Gebote der Jungpioniere“.
(Chrismon 2-2014 S.13ff. - http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2014/lieber-gott-mach-mich-fromm-20493 )

·         Ein superfeiner Kerl
Er galt vielen als Apparatschik. Dabei war Peter Hintze einer der klügsten und witzigsten Berliner Politiker. Erinnerungen an einen sehr freien Menschen …
Nein, an ein Leben nach dem Tod hat der Christ Peter Hintze nicht geglaubt. Die Geschichte mit der Wiederauferstehung, das sei auch so eines der zahlreichen Missverständnisse zwischen Mensch und Gott, die er aufzuklären versuchte.
Sein Eintreten für eine Zulassung der vorgeburtlichen Diagnostik, PID, und für die Möglichkeit, dass Ärzte Sterbehilfe leisten, war immer auch ein Plädoyer gegen die Angst und für die Selbstbestimmung. Hintze war gläubig, aber er war kein Anhänger eines Kinderglaubens. Er glaubte mit dem Kopf. Bei der Auferstehung etwa gehe es darum, dass das Leben sich eben nicht im Jenseits entfalte, sondern im Hier und Jetzt. Auferstehung sei mithin nicht als quantitatives Ereignis zu sehen – Leben, Strafe durch Tod, Auferstehung, neues Leben –, sondern als qualitatives Ereignis: Es gibt die Möglichkeit, immer wieder aufs Neue zu beginnen. An der Kirche störte ihn, dass sie "so stark mit Furcht arbeitet". Peter Hintze betete abends mit seinem Sohn, aber wenn er alles öffentlich gesagt hätte, was er über die Kirche und ihre Lehre dachte, "wären mir wahrscheinlich die Ordinationsrechte entzogen worden". …
(Die Zeit 1.12.2016 S.10 http://www.zeit.de/2016/50/peter-hintze-bundestagsvizepraesident-nachruf/komplettansicht )

·         Die Theologin Margot Käßmann ruft dazu auf, den Dialog mit anderen Religionen zu suchen. Für sie persönlich sei Jesus der Weg zu Gott, andere Menschen hätten andere Wege, und das sei gut so.
(Sonntag 28.5.17 S.2)

·         Glaube und Naturwissenschaft gehen schwer zusammen, findet Winfried Kretschmann – und sucht trotzdem weiter nach Gott. Ein Gespräch mit dem grünen Ministerpräsidenten über die Macht von Daimler, den Stuhl für Seinen Enkel und das Christliche im säkularen Gewand
… Kretschmann: Ich bin aber nicht der fromme Katholik, wie viele immer behaupten, nur weil ich prominent bin. Ich gehöre zu den skeptischen Gläubigen, den Zweiflern.
Was macht. Sie gläubig und was macht. Sie skeptisch?
Kretschmann: Skeptisch bin ich schon deshalb, weil ich gelernter Biologe bin und an die Evolutionstheorie glaube. Die Evolutionstheorie mit dem Gottesglauben in Beziehung zu bringen grenzt immer an die Quadratur des Kreises. Evolutionstheoretisch spricht nichts dafür, dass es ein höheres Wesen gibt. Als Lehrer habe ich mal mit meinen Schülern einen sehr profunden Text zu dem Thema gelesen – von einem Professor namens Ratzinger. Das habe ich ihm später dann auch erzählt, als er Papst geworden war und ich ihn besucht habe. Schon in diesem Text wird deutlich, was für ein gewaltiger Spannungsbogen das ist, Vernunft und Glaube zusammenzubringen. Ich würde der Kirche auch raten, sich mehr um das Thema zu kümmern….
Sie haben auch diese große Liebe zur Natur. Ist das auch eine Brücke zur Gotteserfahrung? Kretschmann: Für mich jedenfalls nicht. Wenn ich durch die Natur wandere, botanisiere ich. Und es ist nicht so, dass ich da religiöse Erweckungserlebnisse hätte. Aber ich freue mich an der Schönheit der Schöpfung. Das ist auch das Motiv, warum ich die Grünen mitgegründet habe: um die Natur zu erhalten. Das war aber nicht religiös begründet, zu der Zeit war ich der Kirche fern. …
(Publik Forum 24-2016 S.41)

·         (Heiner Geißler, ehemaliger Generalsekretär der CDU)
SPIEGEL: Haben Sie mal für einen Wahlsieg gebetet?
Geißler: Nein, niemals. nicht.
SPIEGEL: Schon immer?
Geißler: Mein Glaube hat riesige Löcher und Zweifel bekommen. Ich glaube auf jeden Fall nicht an den Gott der evangelischen oder katholischen Theologie.
SPIEGEL: Der, von dem in der Bibel die Rede ist? Geißler: Ja, dieser. Ein Gott, der geliebt werden will und deswegen den Menschen den freien Willen gegeben hat. Und der dann in Kauf nimmt, dass es Auschwitz gibt? In diesem Moment, in dem wir reden, verhungern Zehntausende Leute, werden vergewaltigt, gefoltert, geschlagen. Und das nicht nur in dieser Sekunde, sondern seit Zehntausenden Jahren in jeder Sekunde. Da muss man sich doch fragen: Wo ist er? Sieht er noch, was hier los ist? Warum versteckt er sich? Seit Zehntausenden Jahren hat sich Gott nicht gezeigt und lässt uns allein. Das alles kann nicht stimmen.
(Spiegel 38-2017 S.45)

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Jüdische Theologie (Pinchas Lapide, Yuval Lapide u.a.)

 

 

(8; 89) Aufschrei „Das Weib schweige in der Kirche!“ (1 Kor 14,34)  wegen des Ärgers mit ein paar Frauen in Korinth;
situativ und ortsgebunden zu verstehen;
(Ergänzung:
historischer Hintergrund: In der korinthischen Gemeinde gab es  die Priesterinnen des Kults der Astarte: Sie haben mit offenen Haaren nach Schamanenart Prophezeiungen ausgesprochen. Als diese Frauen Christinnen wurden, sagte Paulus: „Also, so geht es nicht mehr, ihr sollt die Haare zusammenbinden und schweigen.“
so Bärbel Wartenberg-Potter, taz 21,11,06)

(8) Christen sollten eigentlich „Paulinisten“ heißen

(9) (ab hier fiktiver Brief an Paulus):
hast du deinen Messias als „Sohn Gottes“ verkündigt ... in der hebräischen Bedeutung ... da dieser Begriff jemanden bezeichnet, der makellos in den Wegen der Thora wandelt

(13) fest steht jedenfalls, dass du den Glauben Jesu in einen Glauben an Jesus umfunktioniert hast
(13) seltsame Einstellung zu den Töchtern Evas: du behauptest, dass die Frau lediglich ein Abglanz des Mannes sei (1 Kor 11,7) und dass die Frauen sich unterordnen sollten (1 Kor 14,34; empfiehlst, dass ein Mann keine Frau berühre (1 Kor 7,1) und am besten nicht heirate (1 Kor 7,7) – dass all dies dein eigenes Sondergut ist, das keineswegs der Thora oder der rabbinischen Lehrmeinung entspricht

(14) „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel (Israel) trägt dich!“ (Röm 11,18)

(20) Jedenfalls hatte Jesus von Nazareth keine Ahnung von Trinität, griechischer Gottessohnschaft, der Zwei-Naturen-Lehre oder gar der Zwei-Reiche-Lehre

(22) Bei Jesus ist das Wörtlein „tun“ das häufigste Zeitwort in seinem Vokabular (Erfüllung der Gebote, er erwartet von jedermann aktive Mitarbeit bei der Vorbereitung des Reiches Gottes auf Erden); bei Paulus kein Wort davon, da ja die Erlösung ... bei Golgatha schon geschenkt worden sei;
Reduktion der 30-jährigen Jesuologie der Evangelien bei Paulus auf eine abrupte Christologie von drei Tagen;
Welch ein Verlust für das Christentum: Denn im Eiltempo des Credos von geboren – gelitten unter Pontius Pilatus – gestorben und begraben wird all das beispielhafte Tun und Lassen des Meisters aus Nazareth unter den Teppich gekehrt

(seltene Stelle in der jüdischen Überlieferung:
Es handelt sich um die Drei-Äonen-Lehre. Sie teilt die gesamte Heilsgeschichte in drei Epochen auf:

  1. zweitausend Jahre Tohuwabohu (Chaos)
  2. danach folgten 2000 Jahre Thora – gekrönt von
  3. 2000 Jahren des messianischen Reiches

Diese Vorstellung gewisser jüdischer Kreise sowohl vor wie nach der Zeit des Paulus besagt also, dass mit Anbruch der Messias-Epoche die Thora-Herrschaft zu Ende gehe ...Ist es möglich, dass Paulus diese in normativen jüdischen Kreisen nicht allgemein akzeptierte Deutung der Messianologie inspiriert hat?;
Wenn die „Tage des Messias“ beginnen, gehen die Tage der Thora-Herrschaft zu Ende. Die Wahl hieße also: Gesetz oder Erlösung. Der ganze Glaube des Paulus stand bei dieser Alternative auf dem Spiel.

(27) Während sich die evangelische Theologie insgesamt weitgehend an Paulus orientiert, um seine Christologie zur ausschlaggebenden Kirchenlehre zu erklären, gestehen bekannte Theologen wie Günther Bornkamm, dass Paulus  wohl „die umstrittenste Figur des Neuen Testamentes“ sei, weil er „aus jüdischen Schriften und heidnischen Büchern ein Dogmengebäude errichtet, ...“

(29) Jesus war kein Theologe – weil er Jude war. Wie die Propheten vor ihm gab er konkret biblische Antworten auf dringliche Lebensfragen, wie etwa die Armut, die römische Steuerfrage, dern Bruderzwist – und das tägliche Brot. Jedweder Versuch, die Geheimnisse Gottes zu enträtseln und fein säuberlich zu systematisieren, hätte ihn sicherlich als blasphemische Arroganz angewidert.

(30) Und weil Paulus geschrieben hatte „Christus ist des Gesetzes Ende“ (Röm 10,4), wurde Jesus, der geschworen hatte, dass Himmel und Erde vergehen würden, ehe ein einziges Jota von der Thora verginge (Matth 5,17ff), zum Abschaffer der Thora umfunktioniert, die mit ihm angeblich ihre Gültigkeit verloren habe.

(31) dass derselbe Paulus unter den unbereubaren Gnadengaben Gottes, die Israel auch nachösterlich angehören, auch die „Gesetzgebung“ nennt (Röm 7,12?JK); dass die Vokabel „telos“ nicht nur „Ende“, sondern auch „Ziel, Abschluss,, Vollendung“ oder „das letzte Stück“ bedeuten kann, dass der Apostel zwei Mal darauf hinweist, dass Jesus selbst dem Gesetz gemäß gelebt habe ....;

(32) Denn für alle Talmudmeister war es selbstverständlich, dass das Heil – oder: der Anteil an der kommenden Welt, wie es auf hebräisch heißt – einzig und allein durch Gottes Gnadenliebe zu erreichen ist. Anders gesagt: Das Prinzip der „sola gratia“ (allein durch Glauben JK) galt für das normative Judentum seit eh und je als unumstrittene Tatsache. „Wie kann ein Mensch gerecht werden oder ein Mann rein sein vor seinem Schöpfer?“ So fragt schon Hiob (Hiob 4,17) gut rhetorisch und Psalm 143 antwortet mit Nachdruck: „Vor dir, oh Gott, ist kein Lebendiger gerecht!“;
(40) Messias und Messianität sind urjüdische Begriffe, deren Inhalt und Zuversicht genauest in den Worten der Propheten Israels verankert sind. Ein Messias, der geheimnisvoll auftritt und dessen Wirkung unsichtbar ist, erfüllt nicht die Weissagungen des Jesaja, Micha und der anderen.

(43) Paulus irrte, als er den Thessalonikern voreilig versprach, sie würden mit ihm zusammen die Wiederkunft Christi und die endzeitliche Entrückung erleben (1. Thess. 4,17; auch 1 Kor 15,15 JK)

(46) dass Paulus die Erbsünde in der Genesis-Geschichte erfunden habe – da das Wort Sünde bekanntlich bei Adam und Eva nicht wörtlich vorkommt – um sie durch ein Menschenopfer zu entsühnen

(50) Luther in seinen Tischreden:
“Die Ebräische Sprach ist die allerbeste und reichste in Worten, und rein, bettelt nicht, hat ihre eigene Farbe, so dass es ihr keine nachtun kann. ... Wenn ich jünger wäre, so wollte ich diese Sprache erlernen, denn ohne sie kann man  Die Schrift nimmer mehr recht verstehn. Denn das Neue Testament, obs wohl in Griechisch geschrieben ist, doch ist es voll von Ebraismus und ebräischer Art zu reden. Darum haben sie recht gesagt: Die Ebräer trinken aus der Bornquelle; die Griechen aus den Wässerlein, die aus der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus den Pfützen.“

(55) Von den 82 Zitaten, die Paulus aus der Hebräischen Bibel bringt, stimmen rund 30 mit der Septuaginta überein; 36 weichen beträchtlich  von ihr ab; 12 Zitate weisen wesentliche Sinnveränderungen auf; der Rest besteht aus äußerst freien Paraphrasen, die kaum dem Sinn, geschweige denn dem Wortlaut des Originals entsprechen;
(56) Die sogenannte Übersetzung der Septuaginta wurde, der Tradition gemäß, von 72 jüdischen Schriftgelehrten in Alexandrien um 270 vor der Zeitrechnung vom Hebräischen Original ins Griechische übertragen. ...
Ein allegorisches Wort der Rabbinen in Jerusalem besagt: Der Tag, an dem die Septuaginta vollendet wurde, schmerzt Israel wie der Tag der Tempelzerstörung.

(57 stellvertretend für viele andere Fehler sei die Übersetzung der bekannten ALMA = junge Frau aus Jesaja 7,14 erwähnt, die in der Septuaginta zur inzwischen weltberühmten PARTHENOS = Jungfrau verjungfert worden ist.;
(73ff) Jakobusbrief, von Luther nicht von ungefähr zur „strohernen Epistel“ abgewertet;

liest sich wie eine antipaulinische Philippica gegen dessen Rechtfertigungslehre;
Paulus: „gerecht allein durch Glauben“ (Röm 3,24ff; Gal 3,24; ); Jakobusbrief (2,24) „dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein“;
das Wort „allein“ (durch den Glauben) hat Luther bewusst eingefügt, es steht nicht im Originaltext;

(Pinchas Lapide: Paulus zwischen Damaskus und Qumran, Gütersloh, 1993)

 

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(16) Gottesbenennungen ... ein Verstoß gegen das zweite Gebot: das Verbot, irgend etwas Irdisches zu verabsolutieren, um es dann an Gottes Statt anzubeten. Das gilt auch für die Versprachlichung Gottes, denn letzten Endes ist doch alle Menschenrede von Gott nichts anderes als hilfloses Gestammel, ein verzweifeltes Ringen um das letztlich Unsagbare ...
“Du sollst dir kein Schnitzbild machen noch irgendein Abbild ...“ (Ex. 20,4) – das gilt auch für die theoretischen Gottesbilder aller Theologien.
(17) so sprechen wir Menschen von ihm eben menschenartig, und das heißt: in Bildersprache;

poetische Bilder und Gleichnisse;
(18) wir haben die Wahrheit Gottes nur im blassen Abglanz vieler Bilder, aber in keinem Sprachbild geht er ganz auf
(18f.) Die Bibel reserviert das hebräische Zeitwort „bara“ (schaffen) nur für Gott. Das kommt in der ganzen weiten hebräischen Bibel nur im Zusammenhang mit Gott vor. …
„Bara“ bezeichnet ein souveränes allmächtiges Handeln, das keine menschliche Entsprechung kennt. …

(22) (Wenn es am Anfang der Bibel heißt): Im Anfang schuf Gott, heißt es nicht, Gott hat geschaffen, was eine Beendigung der Schöpfung bedeuten würde.
- Das heißt, die Schöpfung geht weiter? Auch heute noch? -
Das steht da: „Gott schuf“ und schafft weiter, wobei Sie das hebräische Zeitverständnis mit einbeziehen müssen, das nicht die krasse Dreiteilung des Deutschen oder der indogermanischen Sprachen kennt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sondern Zeit wird im Hebräischen wie ein Fluss betrachtet, der ewig weiterströmt und niemals stehen bleiben will. Das ist das Zeitwort von „Gott schuf“. So heißt es im täglichen Gebet der Synagoge: „Ich glaube mit voller Überzeugung, dass der Schöpfer, gelobt sei sein Name, alle Geschöpfe erschaffen hat, und dass er allein das Schöpfungswerk vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird.“ Damit ist nicht nur der Grundgedanke einer fortschreitenden, vorwärts und aufwärts strebenden Evolution zum Ausdruck gebracht, sondern auch die Erlösung als endzeitliche Vollendung des Schöpfungswerkes mit einbezogen.
Alle drei Zeitformen werden hier im jüdischen Glaubensbekenntnis in nahtloser Kontinuität aneinender gereiht, denn die Schöpfung ist ja im Denken des alten Israel kein einmaliges Heilshandeln Gottes, sondern eine tagtägliche segensreiche Gegenwart.

„Er erneuert jeden Tag das Werk seiner Schöpfung“, ist ein häufig wiederholter Gedanke im rabbinischen Schrifttum ...

… ein „Weitergeschaffen-Werden“. Ja, unser gesamtes Zeitalter mit all seinen fortschrittlichen Entwicklungen mutet wie eine kurze Momentaufnahme an, ein winziger Ausschnitt aus einem jahrmilliardenlangen Werdegang der von Gott angebahnten, noch unfertigen Genesis. Es mag wohl sein, dass der heutige Mensch nicht „das letzte Wort“ der Schöpfung ist, sondern das vorläufige Ergebnis einer langen Entwicklung, die auf Zukunft hin offen bleibt.

(25) Himmel und Erde als Kontrastpaar ist ein Synonym für das Weltall ... Gott schafft in Paaren: Sonne und Mond, Licht und Finsternis, Trockenes und Meer

(29f) Gen 1,1 IM Anfang (gibt eine größere Dimension) schuf GOTT (hier: elohim = Göttlichkeiten); schuf ist Einzahl = d.h. ein Gott, aber endlos in seinen Offenbarungsweisen;
(33) Gott schenkt uns Menschen volle Freiheit (ein oft fürchterliches Geschenk), um ohne Gängelband das Leben in dieser Welt zu meistern
(37) Der Hebräer, der diesen Text (Gen1) auf Pergament oder auf Tierhaut brachte – nachdem 100 Generationen vor ihm es, am Lagerfeuern in der Wüste hockend, geschliffen und gefeilt haben in einem langtausendjährigen Prozess des Weitererzählens, des Nachdichtens und des Nachdenkens -, der Hebräer hatte ein Weltbild, das natürlich mit unserem wissenschaftlichen nicht übereinstimmt. Aber der Mann wollte beileibe keine wissenschaftliche Forschung referieren oder aufschreiben, sondern einen Versuch machen, auf die Urfragen zu antworten, auf die die Wissenschaft auch Antworten sucht.
(39) das wichtigste am dritten Tag ist, dass Gott nicht mehr alleine schafft …
“Und sprießen lasse die Erde Gesproß“. Das heißt, die Erde liegt nicht mehr stumpf brütend da, nur ein Geschöpf … Sie hilft Gott beim Schaffen. Die Kreatur hat von nun an ihren tätigen Anteil an Gottes Werk … vom dritten Tag an hat Gott Mitarbeiter am fortschreitenden Schöpfungswerk … Das Mitschaffen der Elemente, der von ihm geschaffenen Dinge, die jetzt weiterarbeiten unter seiner Souveränität, delegiert sozusagen von ihm aus durch die Schöpfungskraft, die ihnen verliehen wird …
(40) Gott deckte all seinen Geschöpfen den Tisch – noch ehe sie da waren;
(41) so wie Gott am dritten Tag die Kreativität an die Bäume und Pflanzen delegiert hat, so delegiert er seine Kraft der Erleuchtung, die er am ersten Tag bewiesen hat, am vierten auf die Himmelskörper, die von nun an leuchten werden (verliehene Leuchtkraft)

(44) das ganze Sechstagewerk hat seine Architektur, und sie bestätigt Herrn Darwin in gewisser Weise ... zumal wir bedenken müssen, dass in der Bibel „tausend Jahre in den Augen des Herrn wie der gestrige Tag“ gelten (Ps 90,4) – wobei auch „tausend Jahre“ .... Zeitalter von Jahrmillionen umfassen können.

(47) „Gott segnete sie ...“: fruchtbar sein können, die Sexualität ist ein Segen Gottes

(49) der Mensch am gleichen Tag wie die Tiere geschaffen;
keine Scheidung zu den Tieren; keine Krone der Schöpfung,
die Tiere sind älter als du, ehrwürdiger;

(52) Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes, dass er zwar die Herrschaft über die Erde und die ganze Schöpfung bekommen hat, aber als Vizekönig ... das heißt, er ist Treuhänder dieser Schöpfung, die er erhalten, bewahren soll

(53) keineswegs zu bewahren, sondern zu entfalten und weiterzugeben, also besser weiterzugeben, als man es bekommen hat

(53) hier steht nicht, dass Mensch über Mensch herrschen soll, denn alle sind Ebenbilder Gottes

(56) „sehr gut“ steht über dem Zusammenklang der ganzen Schöpfung, nach dem Herrschaftsauftrag, als Geschenk dargeboten (wenn ihr weiter so weise regiert, wie ich es euch vorgetan habe, dann kann man das in der Tat sehr gut nennen), eher ein Wunsch (Gottes) als eine Feststellung

(60) Gott ist ein radikales Risiko eingegangen mit der Schöpfung seines Ebenbildes. Denn er hat den Menschen frei geschaffen; und Liebe ohne Freiheit gibt es nicht.... Gott hat den Menschen geschaffen in einer radikalen Verunsicherung und nicht in einer Vorprogrammierung, die wie eine Marionette einem ganz klar gesteckten Ziel entgegengeht ... Gott hat den Menschen verlassen, indem er ihm die totale Freiheit gab. Er hat sich auf ihn verlassen, aber mit dem Bewusstsein des Risikos, dass er diese Welt auch zerschmettern, auch zerstören kann ...

(61) Die Rabbinen sagen: Zur Liebe gehören vier Dinge ... die Freiheit des Geliebten ... das Mitleiden ... die Ähnlichkeit ... das Anderssein

(68) nicht zwei (verschiedene) Erschaffungsberichte;
Gen 2 sagt uns das WIE der Schöpfung, was der erste Bericht uns verschweigt

(71) „Adama“ ist die Erde, „Adam“ ist der Erdling, der aus ihr entstanden ist. Mehr noch: eine dreifache Nabelschnur bindet uns an Mutter Erde. Aus ihr sind wir genommen, zu ihr ist unsere Heimkehr, von ihr ernähren wir uns alle. ... Adam und Adama in einer ewigen Schicksalsgemeinschaft verbunden, die keiner von uns zu lösen vermag;
(72) „Adam“ als Eigenname des ersten Menschen;
“Adam“ als Gattungsbegriff „Mensch“, der sowohl alle Nachkommen Adams gemeinsam als auch ein jedes Menschenkind als Einzelwesen bezeichnen kann. In beiden Fällen weist „Erdling“ als Inbegriff der Erdgebundenheit auf die Hinfälligkeit unseres Menschentums hin;
im Hebräischen der Propheten ist der Sammelname für jeden Zweifüßler „Menschensohn“ (eigentlich: Adamssohn), wie Jesus selbst sich auch nennt

(73) Gott pflanzt nach der Erschaffung des Menschen das Paradies, den Garten Eden
Das ist ein Garten Gottes, und er gehört ihm, und der Text lässt keinen Zweifel daran, dass Adam nur als Treuhänder eingesetzt wurde, um ihn zu bearbeiten, zu bebauen und zu betreuen, also kein Schlaraffenland, wo alles von selber wächst. Es bedarf der menschlichen Arbeit auch im Paradies.

(74) Dem Verbot (vom Baum der Erkenntnis zu essen JK) geht ein Gebot voran. Es heißt: „Iss doch von allen Bäumen des Gartens“

(75) Erkenntnis von Gut und Böse ...
Erkenntnis hat im Hebräischen etwas mit Sex und mit Liebe zu tun. „Adam erkannte Eva“ heißt in der Tat, er ehelichte sie; und Erkenntnis ohne Liebe, sagt der Hebräer, ist kein richtiges Erkennen, denn nur, was du wirklich liebst, das kannst du in tiefsten Grund auch erkennen.

(76) Gut und Böse ... heißen auf Hebräisch eigentlich: fördernd und schädlich. Gut ist, was dem Menschen frommt, was ihm hilft, was ihn fördert. Schlecht ist das, was unnütz ist oder ihm schaden könnte. ... der Baum als Prüfstein menschlicher Selbstdisziplinierung

(77) eine dritte Schule von Rabbinen seit langem meint, dass nämlich das Gute hier das Leben ist ... das Böse oder das Schlechte ist der Tod ... Fortpflanzung ist die beste Waffe gegen den Tod. Dann aber ist das Böse der Tod schlechthin oder das Bewusstwerden der Sterblichkeit, das mit dem Essen der Früchte dieses Baumes kommt ...

eine vierte Schule der Rabbinen sagt, dass hier die Freiheit des Menschen beginnt, die ihm von Gott verliehene Freiheit. Der freie Gott will freie Mitarbeiter, er will keine Marionetten oder Hampelmänner. Wie macht er dem Adam diese Freiheit bewusst? Durch das Verbot. Denn ein Verbot hat nur Sinn, wenn das Gegenteil auch eine Möglichkeit ist ... Dem Adam wird hier die fürchterliche Freiheit verliehen, die unsere Gattung ... vor allen anderen Geschöpfen unter der Sonne auszeichnet.;
(79) Das Verbot des Essens erging an Adam allein ... weil Eva noch nicht geschaffen war

(89) Gottes Verbot, das auch heute noch gilt, besagt: Du darfst nicht alles tun, was du kannst, auch wenn es dich verlockt. An diesem Baum als Prüfstein seiner Selbstbeschränkung hat Adam versagt. das ist seine Sünde, die ihm nun als Nacktheit bewusst wird.

(90) Der Apfel in der abendländischen Kunst kommt aus einer Fehlübersetzung der lateinischen Vulgata ... Ihr werdet sein wie Gott, scientes bonum et malum, wissend das Gute und das Böse ... „malum“ heißt „Apfel“ und „böse“;
es geht einzig und allein um die Übertretung des göttlichen Verbotes oder um den Gebrauch der von Gott gegebenen Freiheit. Beide Deutungen sind legitim.

(91f) die Rabbinen sagen: Eva mag mitschuldig sein, hauptschuldig aber ist Adam, an den das Verbot erging ... (er ist einfach Mit-Esser, denkt  nicht nach, wägt nicht ab, kein innerer Kampf ...)

(94) Adam findet gleich zwei Sündenböcke: die Frau die du mir gegeben hast ... dass hier die Hauptsünde Adams liegt

(97) verflucht werden nur zwei, die Schlange und der Ackerboden, gestraft werden fünf (Mann, Frau, Schlange, Ackerboden, Dornen und Disteln)

(98) Auch die Kreatur, auch die Pflanzen sind mitbetroffen von dieser Schuld. ... dass die ganze Schöpfung einen Knacks bekommen hat, durch die Schuld des Menschen ... einen Knacks, aber kein unheilbares Übel, was nicht wieder gut gemacht werden kann ... es ist korrigierbar ...

(99) EVA hat drei Bedeutungen im Hebräischen ... Mutter alles Lebendigen ... die Sprecherin (mit der Schlange zu viel gesprochen ? ...) ... die Sinngeberin (erspürt den tieferen Sinn ...)

(101) Es gibt eine mystische Deutung, die da sagt, der Sündenfall sei der Beginn der wahrhaften Menschwerdung. Wären wir alle im Paradies geblieben, hätte Adam sich geweigert, von der Frucht des Baumes zu essen, wie es ihm aufgetragen wurde, so wären wir unserer Sendung als Menschlinge, den tausend Herausforderungen des Menschenschicksals in dieser unheilen Welt, niemals gerecht geworden. Nur durch die Wegschickung aus dem Paradies, das keine Herausforderungen stellte, sondern wo alles mit normaler Menschenarbeit gedieh und Früchte brachte, wären wir nicht die Menschen, die wir heute sind, mit all dem Guten und Bösen, das uns heute innewohnt. Also ist die Wegschickung aus dem Paradies der Anfang einer Entwicklung, die die lateinischen Kirchenväter „felix culpa“ (glückliche Schuld) nennen

(Pinchas Lapide: War Eva an allem schuld?, Gespräche über die Schöpfung, Grünewald Mainz, 1985)

 

 

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(10) Die Wissenschaften insgesamt erforschen die Materie, das schon Gegebene in all seinen Erscheinungsformen und all seinen Wirkungsweisen.. Die Bibel hingegen geht vom Geber alles Lebens aus, dem wir unser Dasein verdanken. Die Wissenschaft nimmt Gottes Werk unter die Lupe. Der Glaube sucht Gott selbst. Die Wissenschaft befasst sich mit der Weltzeit (wie wir sagen), mit der Chronologie, welche die Menschen mit ihren Werkzeugen und ihrem Instrumentarium erkunden können. Die Religion hingegen hat es mit der Urzeit und der Endzeit zu tun; ihre Fragen zielen auf die ersten und auf die letzten Dinge, die außerhalb des Kompetenzbereiches der Professoren liegen, deren Wissbegierde eigentlich nur „die Mitteldinge“ unserer Welt erfassen kann.

(11) Theologie als „Wissenschaft von Gott“ oder „Gotteskunde“ hat es im Judentum eigentlich nie gegeben. Das bloße Wort schon hat für jüdische Ohren einen blasphemischen Beigeschmack. Alles, was wir wissen, ist: dass wir Ihn nie kennen, von Ihm nie etwas wissen können. ...
Wissbar und erforschbar hingegen sind Gottes Werke; denn um sie zu verstehen, hat uns Gott die Denkkraft den Intellekt geschenkt. ...
(12) Mit einem Satz wurde der ganze Kosmos zur Naturordnung proklamiert, geschaffen und gestaltet von einer einzigen Macht, die schlagartig die absurden Tier-Götter und die vergotteten Himmelskörper aller Magie entleerte, um diesem Universum und all seinen Bewohnern einen ursächlichen Anfang, ein zielbewusstes Weiterleben und ein hoffnungsvolles Ende zu schenken.
“Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Mit diesem Gotteswort kam das Ende der Schreckensträume aller Dunkelzeiten, das Leben auf Erden bekam einen Sinn. „Es ward Licht.“ ...
“Die Thora spricht in der Sprache der Menschen“, so lautet ein oft wiederholter Leitsatz der Rabbinen. der alle Anthropomorphismen (Gott habe eine Hand, einen Mund, einen Fuß, ja sogar eine Rückseite) zu Stilblüten reduziert und vor jeder Wortwörtlichkeit im Schriftverständnis ausdrücklich warnt. So wird jedem Juden anheimgestellt, ob er der dramatischen Weise der Weltschöpfung in Gen 1 und 2, der poetischen Beschreibung in Psalm 104 oder der salomonischen in der Spruchweisheit (Spr 8,22-31) den Vorzug gibt. Die Tatsache der Schöpfung ist der erste der dreizehn Glaubensartikel, die tagtäglich in der Synagogenliturgie bekräftigt werden. Jedoch die Art und Weise dieser Schöpfung bleibt offenes Glaubensgut für alle in der großen Exegetenrepublik, die wir den Talmud nennen.
(13) So heißt es also seit Maimonides tagtäglich in der Synagoge: „Ich glaube mit voller Überzeugung, dass der Schöpfer – gelobt sei Sein Name – alle Geschöpfe erschaffen hat und dass er allein das Schöpfungswerk vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird“, womit sowohl der Grundgedanke der Evolution als fortschreitende Schöpfung wie auch die Erlösung als endzeitliche Vollendung mit einbezogen werden. ...
Und im täglichen Morgengebet heißt es bei jedem Sonnenaufgang: „Er, der aufleuchten lässt die Erde und ihre Bewohner durch Barmherzigkeit, erneuert an jedem Tag durch seine Güte unablässig sein Schöpfungswerk. Wie vielfältig sind doch Deine Werke Herr! Die Erde ist übervoll mit Deinen Gütern!“
“Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Eine Fülle von Einsichten kann der gläubige Bibelleser dieser wortkargen, lakonischen Aussage entnehmen, wenn er das Gotteswort ernst nimmt, ohne es wörtlich zu nehmen.
Nur Gott kann schaffen, ein Zeitwort, das die Hebräer für „Genesis“ reservieren; denn nur er kann „ex nihilo“, aus dem Nichts, etwas hervorbringen. ...
(15) Warum schuf Gott die Welt?
Die Meister der Kabbala antworten: Aus Liebe – denn die Liebe allein bedarf eines Gegenübers, eines Partners, der anders ist als du und dennoch dir im Wesen verwandt bleibt, so dass wir Menschen ganz anders sind als Gott und dennoch ihm im Ebenbilde gleichen.
Daraus folgern die Kabbalisten: .... dann ist Gott weder Prinzip noch Ideologie noch einsamer Herrscher ... sondern das ansprechbare Du, das nur im Dialog und im Zueinanderstreben der Liebe zu erfahren ist ...
(15f) Wer „am Anfang“ sagt, der lässt ein Weitergehen mitschwingen und deutet auch für die Hellhörigen auf ein gezieltes Ende hin. ...
Weil Gott „Himmel und Erde“ schuf (was in der Stenographie der Hebräer dem Weltall gleichkommt), wird die Natur von Anfang an in die Geschichte mit einbezogen. Da alles von Gott kommt, gibt es keinen Riss zwischen Menschen und Natur, keinen Dualismus zwischen Leib und Geist, keine Entzweiung zwischen Subjekt und Objekt, keinen Graben zwischen Heilsgeschichte und Profanpolitik, oder gar Misstrauen zum Rohstoff, zum Fleisch, das angeblich sündig ist, bzw. zum Buchstaben, der angeblich tötet.
Juden kennen keine dreistöckige Welt, die aus Himmel, Erde und Hölle besteht, noch kennen sie einen dreischichtigen Menschen, der aus Es, Ich und Über-Ich zusammengeflickt ist (wie Sigmund Freud es will).
Daher lieben Juden auch die Materie, die nicht weniger Gottes Werk ist als der Geist, das Genie, die Liebe und die Schönheit.. Juden sind im Grunde heilige Materialisten; denn jedwede Zweiteilung in edlen Geist und gemeinen Stoff scheint bibelwidrig und eine Blasphemie gegen des absoluten Monotheismus. Wir wissen, dass auch der Materie eine Gottgewolltheit innewohnt, die zur Heiligung ruft und jedweden Missbrauch als Verstoß gegen das Buch der Schöpfung verpönt. ...
(17f) Von der Pflanze heißt es nicht mehr wie beim Licht oder beim Firmament: es werde Licht, es werde Himmel; es heißt nicht mehr: Es werde Gespross; sondern diesmal sagt Gott: „Sprießen lasse die Erde Gespross!“ (Gen. 1,11). Die Verbalform im Hebräischen ist das aktive Kausativum, das Selbst-Erwirken: Die Kreatur soll nicht stumpf brütend daliegen, während Gottes Wort an ihr geschieht. Sie hat ihren Anteil an Gottes Werk. Der Fruchtbaum hat seinen Samen in sich, aus dem ein neuer Baum wachsen wird nach seiner Art. ...
Je höher wir aufsteigen in den Ordnungen des Daseins, desto deutlicher wird: Gott will diese Welt nicht als eine Puppenspiel, bei dem er selbst alle Drähte in der Hand hat und kein Ding sich bewegen kann, ohne dass Gottes Finger an seinen Gelenken zieht.
Gott, der lebendige Gott, will eine lebendige Welt, Wesen, die ihren eigenen Weg gehen, die die Erde füllen und sich auf ihr tummeln nach eigenem Urteil.
Diesen Worten entnehmen die Rabbinen, dass Gott eine Schöpfung will, die sich selbst weiter entfaltet, die vorwärts und aufwärts drängt. Gott hätte doch Bäume, Fische und Früchte selber erschaffen können. Er wollte aber am Schöpfungswerk Mitarbeiter, denen er freie Kreativität gewährte. ...
(20) allein der dritte Schöpfungstag genießt den Vorzug, dass es zweimal an ihm heißt: „Und Gott sah, dass es gut war“ (Gen. 1,10 und 1,12) – wobei mit dem zweifachen „gut“ der Anfang des Mitschöpfens der eben erst erstandenen Geschöpfe gemeint ist. Denn nun ist Gott der Partner und nicht mehr allein. ...
(21) wird bis zum heutigen Tag ... jede Geburt bei den Talmudvätern als Schöpfungsfest gefeiert ...
Warum schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbild? fragen die Rabbinen. Damit er die Welt weiterbaue und die Arbeit verrichte, die Gott vor ihm begonnen hatte, wobei die Rabbinen den Auftrag der Imitatio Dei sehen. Beim Schöpfen und beim Arbeiten beginnt die Nachahmung Gottes. Nicht erst bei der Barmherzigkeit und der Liebe, sondern schon beim Arbeiten und beim Ruhen am siebten Tag. ...
(23) (Sintflut) dass diese Selbstverderbung der Menschen als Verstöße gegen die Nächstenliebe, dass nämlich „der Menschen Bosheit groß war auf Erden“ (Gen 6,5), geschildert wird und nicht als Verletzung der Gottesliebe, wie es beim Turmbau zu Babel der Fall war (Gen 11). ...
(24) Im Midrasch heißt es von Gott, er habe – nachdem er 26 Welten zerstört, von der keine die war, die er gewollt hatte, und eine siebenundzwanzigste, die unsere, geschaffen habe – gesagt: ... Möge sie doch Bestand haben! Die Wunschform wird hier zur Gottesaussage: Nicht einmal Gott selbst hat die Garantie dafür, dass die Welt Bestand hat, da dies nur dann geschieht, wenn der Mensch etwas von dem Seinen hineinlegt, weil Gott den Menschen braucht, wie die Rabbinen sagen. Gott hätte niemals die Welt nur dazu geschaffen, dass sie einfach nur seiner göttlichen Spur oder seinem Fahrwasser nachfolge.
Die Schöpfung stellt ein Wagnis dar, das Gott eingegangen ist und an dem der Mensch teilzunehmen hat. ...
(26) („Macht euch die Erde untertan“ Gen 1,28) Nur so ist das Untertanmachen der Erde gemeint: als verantwortliches regieren, das Schalom erwirkt, Friede und Eintracht, Gerechtigkeit und Fürsorge für die Schwachen, für die Schutzlosen und die außermenschliche Kreatur. ...
Die Erdherrschaft folgt im ersten Kapitel des Buches Genesis unmittelbar auf die Tatsache, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Gott sprach: „ Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, damit sie herrschen über ....“ (Gen 1,26) ... Das kann nur heißen, dass der Mensch als Statthalter Gottes auf Erden Sein Erbreich so sorgsam und fürsorglich beherrsche, wie Gott selbst es ihm vorbildlich vorgeherrscht hat. ...
(27) heißt es schon auf der folgenden Seite der Schrift: “Und Gott gab ihnen (ihm JK) den Garten Eden, um ihn zu bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15). Wenn an Adam der Befehl erging, sogar das Paradies zu betreuen, wo alles mühelos und unter idealen Umständen gedieh – so meinen die Rabbinen -, um wie viel mehr muss er unsere Erde betreuen und beschützen, die nur im Schweiße unseres Angesichts ihre Früchte sprießen lässt. ...
(28) Wer aus dieser Bibel einen Freibrief zum Raubbau oder zur Umweltzerstörung herausliest, der vergewaltigt das Gotteswort, begeht mutwillige Lästerung – oder er kann nicht lesen. Für das Judentum ist dieses Gotteswerk weder Beutestück noch eine gefallenen Schöpfung, sondern Gottes Eigentum, das auf der ersten Seite der Schrift sechsmal gutgeheißen wird.
Juden wissen um die Sünde in uns, aber sie kennen keine Erbsünde, die die Schöpfung befleckt. Genesis ist und bleibt im Judentum ein Auftrag zur Weltveredelung, ein Aufruf, dieser Welt die Treue zu halten, ein Mahnruf gegen jede Vergeistigung des Heils und gegen jede bibelwidrige Weltflucht nach Utopia. ...
(30) “Du bist es, der aus Ägypten ausgezogen ist!“ Dieser Kernsatz ist das Herzstück der jüdischen Passazeremonie ... an einer weiteren Stelle noch klarer: „...was der Herr an mir getan hat, als ich aus Ägypten zog.“ ...
(31) (UND) „Nicht nur Israel zog aus Ägypten“, sagen die Rabbinen in Auslegung des Schriftverses Ex 12,38, ... „sondern mit ihnen zog die ganze Menschheit aus dem „Haus der Knechtschaft“. ...
(49) jedem Bibelwort wohnen siebzig Auslegungsmöglichkeiten inne ... keine allein (als Dogma) richtig ... „Alle siebzig stehen gültig da vor Gott“, so heißt es in einem Hebräer-Spruch, der alt war, als Jesus zur Welt kam. ...
Leitsatz, der im 5. Buch Mose siebenmal wiederholt wird: „Durch diese Gesetze sollt ihr leben!“ ...
(158) (Rabbi Moses Mendelssohn:) dass Wunder zur Bewahrheitung aller Religionen bemüht werden könnten und daher als Beweis für keine gelten ...
(161) Jede Blume, jeder Baum bleibt ein unerforschliches Wunder Gottes und seiner Natur. Wir aber brauchen einen van Gogh oder einen Goethe, um uns daran zu erinnern. Menschen bestaunen eine Sonnenfinsternis, aber verschlafen das tägliche Wunder des Sonnenaufgangs. ...
sagte Hillel, dass die Gabe des täglichen Brotes ein größeres Wunder sei als die Spaltung des Schilfmeeres

(Pinchas Lapide: Mit einem Juden die Bibel lesen, Calwer Kösel Stuttgart 1982)

 

 

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·         Wie liest ein Jude die Schöpfungsgeschichten der Bibel?
(Mitschriften zu einem Seminar mit Yuval Lapide 2006)


rabbinische Exegese:
auf einem gedruckten Blatt
oben: hebräischer Text
daneben: aramäischer Text
darunter: „klassischer“ (rabbinischer) Kommentar
darunter: Kommentar zum Kommentar

der Text ist „heilige Schrift“, von Gott offenbart, lange mündlich weitergegeben;
erst nach dem Exil schriftlich;
es handelt sich also ursprünglich um gesprochenes Wort
man muss, um den Text zu verstehen, die hebräische Sprache kennen!
Hebräisch wurde seit der Zerstörung des Tempels 70 n.Chr. nicht mehr gesprochen,
blieb über viele Jahrhunderte reine Kultsprache;
bei Gründung des Staates Israel wurde die Sprache „wiederbelebt“ -
damit für den Juden heute direkte Anknüpfung an uralte Bedeutungen möglich (??? JK)

neben der eigentlichen heiligen Schrift gibt es (den TALMUD und) die MIDRASCHIM;
eine (verbindliche) literarische Tradition;
gleichnishafte, bildreiche Kommentare zur heiligen Schrift
(Ergänzungen, Erläuterungen, Erklärungen, Verstehenshilfen, Glättungen, Herstellen von Verbindungen zu anderen Texten der Bibel JK)
Midrasch heißt: Erforschen;
der große Midrasch ist entstanden etwa von 500 v.Chr. bis 1000 n.Chr.; seitdem abgeschlossener Textbestand; von der Aufklärung unbeeinflusst geblieben
Midrasch-Geschichten lernen z.B. Kinder in der religiösen Unterweisung;
“ein Midrasch erzählt, was zwischen Kain und Abel passiert ist – die Bibel sagt das (leider) nicht so genau“ (Y.L.)

[fröhliche und unerschütterliche Gewissheit bei Y.L.:
wir modernen Juden verstehen mit unserem modernen, wieder belebten Hebräisch die alten Texte richtig, erfassen ihren Sinn genau(er);
die Tradition der rabbinischen Auslegung ist von Gott inspiriert/geführt worden und hat ihren richtigen Sinngehalt bis zu uns unverändert bewahrt;
historisch-kritisches Herangehen an die heiligen Texte ist unangemessen und unnötig;
Y.L.: die ganze Thora ist von Gott irrtumslos offenbart worden; kritische Rückfragen sind eine Verletzung der Heiligkeit dieses göttlichen Wortes
JK]

Y.L.: jedes Schicksal eines Menschen ist in der (Heils-)Planung Gottes vorgesehen und wichtig und richtig; auch die Naturkatastrophen (z.B. Tsunami) hängen mit dem Verhalten des Menschen zusammen, Reaktionen der gekränkten Erde (Adama), die Erde wird böse (??? JK)

In der Auslegung der Schrift wird jedes Wort untersucht: Warum steht dieses Wort hier und nicht ein  anderes, warum ist die Reihenfolge der Worte gerade diese ...?

im Folgenden Bezugnahme auf die Übersetzung der Bibel von Buber/Rosenzweig

Text der heiligen Schrift Gen 1:
hat eine heilige Intention, keine naturwissenschaftliche;
die Bibel ist nicht primär ein naturwissenschaftliches Buch;
“ein Tag“ ist nicht gleichzusetzen mit einem heutigen Kalendertag
(Verweis auf Psalm 90: „tausend Jahre wie ein Tag“;
Altersangaben bei den Patriarchen ???;
Lapide später: es könnten auch 7 Millionen Jahre gewesen sein)

Gen.1,1: Im (!) Anfang
(hier steht bereschit; am Anfang wäre sprachlich anders ausgedrückt: bereschona - damit wäre eine Reihenfolge gemeint);
es geht um einen Ur-Anfang, den „Anfang aller Dinge“
“schaffen“ heißt: aus dem Nichts etwas entstehen lassen

wichtig ist der Rhythmus, die (heiligen) Einheiten 6 bzw. 7 für das Werden der Welt

Warum steht da nicht: GOTT schuf am Anfang ...?
Gott bleibt der verborgene Gott, er stellt sich in seinem Schaffen, in seiner Schöpfung vor;

Gott als elohim = die Gottheiten (Plural)?;
der Gott, der alles in sich vereinigt

Gott gewinnt im Laufe der Geschichte(n) immer mehr Aspekte,
je mehr (unterschiedliche) Erfahrungen Menschen mit ihm machen
Gott kommt den Menschen immer näher, wird greifbarer, fleischlicher, menschlicher;
Gott ist (später) ALLES, was der Mensch braucht (Erfüllung seiner Sehnsüchte und Wünsche, aber auch „Erzieher“)

Gen1,2
“Braus (Dynamik) Gottes schwingend (erhabene Bewegung wie Adler) über (Gott steht über allem, alles blickt zu Gott hinauf) dem Antlitz der Wasser (vielgestaltiges Element)“;
“Finsternis über Urwirbels Antlitz“
im Anfang war nicht nur das Prinzip CHAOS, sondern auch das Prinzip FINSTERNIS;
alles in der Welt hat ein Antlitz

Gen.1,3:
Gott sprach: Es werde Licht
grammatisch: nicht abgeschlossene Vergangenheit, es fing in der Vergangenheit an und geht in die Zukunft hinein weiter, Gott hört nicht auf zu sprechen

Gen1,4
“Gott sah das Licht: dass es gut ist
(Licht ist eine Qualität Gottes, und es ist immer (fortdauernd) gut
scheiden: Ordnung ist ohne Scheidung nicht möglich;
die Finsternis wird nicht abgeschafft, aber eingegrenzt, untergeordnet;

Gen1,5:
“Gott rief dem Licht“ (rief dem Licht zu);
Licht wird hier nicht nur benannt (andere Tagesdefinition!),
sondern es erhält damit eine Aufgabe (Bedeutung, Berufung)

(Panentheismus JK):
Gott ist in allem drin, Gott spricht ständig mit seiner Schöpfung, mit seinen Geschöpfen (die Geschöpfe haben/erhalten auch „(mit-)schöpferische“ Aufgaben / Eigenschaften JK)

“Gott sprach ...“ das ist keine abgeschlossene Vergangenheit;
es fing in der Vergangenheit an, aber geht in die Zukunft hinein weiter;
Gott hört nicht auf zu sprechen;
“Gott rief dem Licht: Tag ...“ (Aufgabe, Zuweisung, auch Definition ? JK)
es geht auch um ein Prinzip: dass es (einen) Tag und (eine) Nacht gibt
“Abend ward und Morgen ward: ein Tag“ (falsch bei Luther: der erste Tag);
es wird (zum ersten Mal) dunkel und (zum ersten Mal) (wieder) hell – ein neuer Anfang, „Auferstehung“, es geht weiter !;
die Schöpfung braucht auch die Dunkelheit (jeder Tag fängt im Judentum mit dem Abend an!);
du bekommst das Licht nur um den Preis der Dunkelheit;
Finsternis ist keine eigenständige (böse) Macht, nur die Abwesenheit von Licht

Gen1,7
“Gott machte ...“
er könnte beim Sprechen bleiben, aber er will uns Menschen einen Anreiz geben, auch etwas zu machen

Gen1,8
“Dem Gewölb rief Gott: Himmel“ Du hast die Aufgabe, Himmel zu sein

Gen1,9
das Trockne war schon da, wird jetzt erst sichtbar

“dass es gut ist“
Gott sieht dabei immer das Gesamte an, der ganze Kontext stimmt

neben Prinzip der „Scheidung“ zunehmend auch das Prinzip der „Individualisierung“ (Differenzierung):
Wasser: oben und unten, Land und Meer
Erde bringt verschiedene Pflanzen hervor;
“nach seiner Art“ es soll Vielfalt geben; individuelle Selbstständigkeit (Freiheit) und Begrenzung (Zugehörigkeit zu einer Art)
Gott hat unterscheidbare Arten gewollt (wenn das durcheinander gerät – Gentechnik – wird’s gefährlich! Y.L.)

Gen.1,11
die Erde wird in die Autonomie entlassen, alles soll aus sich heraus etwas hervorbringen
das Leben ist erst (noch) verborgen und entfaltet sich nun in die Freiheit
“Frucht macht“ = die Pflanzen tun mit, Autonomie (bei Luther „tragen“ sie nur)

Gen1,14ff
Sonne und Mond, in der Umwelt Israels als Götter verstanden, werden entmachtet, entthront, sind keine Götter, sind Funktionsträger (leuchten);
sind Diener Gottes, er schreibt ihnen eine Aufgabe zu;
sie „walten“ (haben Kompetenz und noch etwas Macht);
aber: Gott machte sie (sie unterstehen seiner Macht);

Gen1,20ff
“das Wasser wimmle“ Schöpfung gewinnt immer mehr Vielfalt
Leben löst sich von der Erde
[Exkurs: von „lebenden“ Wesen ist erst ab 1,21 die Rede; Leben regt sich, pflanzt sich fort, (ver-)mehrt sich – im engeren Sinne sind nur die Tiere und Menschen Lebewesen; die Pflanzen sind das grüne Kleid, gehören zur Erde, die Gestirne, die sich auch bewegen, gehören zum Gewölb JK]

“Fruchtet“ aktiver Akt, Tiere schaffen aus sich heraus etwas Neues, das geht nur mit Segen Gottes

Gen1,26ff
“Wir wollen einen Menschen machen ...“
Adam: “Erdling“, „Mensch“, geschlechtsneutral („Mann“ ist „isch“, „Frau“ ist „ischa“)
der erste Mensch war „männlich, weiblich“; beides zugleich, ein Mann-Weib;
Midrasch hier: der Mensch ist ursprünglich doppelgesichtig, doppelgestaltig;
hat vorn Gesicht und Genitalien eines Mannes, auf der Rückseite ist er Frau;
androgyn, „männlich, weiblich schuf er sie“;
der Mensch hat (hier zunächst) noch kein Gegenüber (so Gen2,18);
erst nach der „operativen Trennung“ durch Gott (Gen2,21f) gibt es Mann und Frau getrennt, nun können sie sich ansehen und fortpflanzen;
der Befehl zur Fortpflanzung ergeht zwar schon in Gen1,28 an den Menschen, aber der Vollzug ist erst nach der Trennung Gen2,21f möglich;
nach jüdischem Verständnis ist der so genannte 2. Schöpfungsbericht (ab Gen2,4b) nur eine Konkretisierung von Gen.1 (nicht etwa eine eigenständige Erzählung, die gar noch die ältere wäre);
Mann und Frau waren ursprünglich eine Einheit;
weil aber alles in Zweiheiten / Gegensätzen existiert,
wird der Mensch getrennt, dadurch wird Leben praktisch möglich,
aber so entsteht auch die Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit
hebräischer Ausdruck für Ehe ist „Heiligung“ (in der Vereinigung wird das Heil wiedergefunden);

Gen1,28
“schaltet über das Fischvolk ...“
(= herrschen im Auftrag Gottes, wie die Gestirne, die auch „schalten“);
das Wort „schalten“ hat zwei Bedeutungen: Größe, Regieren – aber auch: Absteigen, Fallen;
wenn wir unser Menschsein (Ebenbild Gottes) verspielen, werden wir unter die Tiere fallen ...;
der „Erdling“ als Statthalter, Stellvertreter Gottes auf Erden;
“in seinem Bilde“ (das heißt das Bild, die (Guss-)Form, die für den Menschen vorgesehen war) UND „im Bilde Gottes“ (zugleich Abbild des Göttlichen);

Gen1,31
“sehr gut“ Midrasch: weil jetzt auch der Mensch da ist (Wortspiel: Buchstaben von ADAM vertauscht ergibt SEHR);

Gen2,15
der Mensch soll den Garten „bedienen und behüten“

Gen3,1ff
Die Schlange (Verführer) ist im Hebräischen männlich !

Essen vom Baum der Erkenntnis:
das Böse ist, dass wir uns in unserer Freiheit über gesetzte Grenzen hinwegsetzen (der Baum ist der (erste) Testfall);
Sünde ist die Unfähigkeit des Menschen, Grenzen zu akzeptieren;

(Die grundsätzliche Fähigkeit/Bereitschaft zur Übertretung des Gebotes, die Versuchung in Gestalt der Schlange, ist schon VOR dem so genannten SÜNDENFALL da JK)

Y.L.: Durch die Missachtung des Gebotes werden die Menschen erwachsen, mündig (vorher im Paradies waren sie im Kindergarten, so Buber)

Theodizee:
“Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel,
ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil.
Ich bin der Herr, der das alles vollbringt.“
(Jesaja 45,7)
„der ich da Licht mache und schaffe die Finsternis,
der ich Frieden gebe und schaffe Unheil.
Ich bin der Herr, der dies alles tut.“
(Jesaja 45,7)


Erbsünde?

“Wie durch den einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.“
(Paulus: Römer 5,12)
“Denn der Sünde Sold ist Tod.“
(Paulus: Römer 6,23)
“Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben.
(5. Mose, 24,16)

Y.L.: es gibt im Judentum den Terminus „Erbsünde“ nicht;
Die Überschrift „Der Sündenfall“ ist schon bei Luther falsch – denn der Begriff „Sünde“ kommt in diesem Abschnitt überhaupt nicht vor (erstmals Gen.4,7 – bei Kain und Abel);
besser: „Erster Ungehorsam“
es gibt keine (biologische) Vererbbarkeit der Sünde;

“Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse.
Wenn du gehorchst den Geboten des Herrn, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der Herr, dein Gott, wird dich segnen ...
Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, so verkündige ich euch heute, dass ihr umkommen werdet ...
Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst ...“
(5. Mose 30, 15ff)

Ansicht des Judentums: Ich habe jederzeit (auch nach dem „Sündenfall“) die Freiheit der Wahl zwischen gut und böse;
die Sätze des Paulus gründen in seinen persönlichen Erfahrungen, sind seine (private) Bewertung als Theologe, spätere Zutat, dem entspricht keine biblische Offenbarung

Gen 3,22 bei Buber:
Gottes Befürchtung:
“Da,
der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse. Und nun
könnte er gar seine Hand ausschicken und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen und in Weltzeit (d.h. ewig JK) leben!“
Folge: Vertreibung der Menschen aus dem Garten und vom Baum.
Aber: Die Cheruben sind da, „den Weg zum Baum des Lebens zu hüten.“ (Gen 3,24).
[Der (Rück-)Weg bleibt offen ...
Jesus sagt beim letzten Abendmahl:
“Nehmet, esset“ (Matth. 26,26, 1. Kor. 11,24)
Aufnahme der Worte aus Gen. 3,22?, Aufhebung des Verbotes, Einladung, Weg zum ewigen Leben jetzt frei ? JK]


Gen3,14
“Schlange ... sei verflucht“; “sei verflucht der Acker ...“
nur der Acker und die Schlange werden verflucht, nicht der Mann und die Frau;
Fluch in Deutschen: schwer, düster, verhexen, bestrafen;
Fluch im Hebräischen: belastete Beziehung, Abgetrennt-Sein;
der Mensch stand in enger Beziehung zur Erde (Adama – Adam); durch das Essen der Frucht (die von der Erde kommt) ist die Beziehung gestört, die Erde bringt weiter Korn hervor, aber nun auch Disteln und Dornen als Zeichen der Störung, die Natur wird ärgerlich;
später wird Kain verflucht, d.h. von den anderen Menschen ab-gesondert;

Gen.3,21
Gott kleidet die Menschen; er liebt sie auch nach dem Ungehorsam

Die Rabbiner sagen: es war letztlich von Gott eingeplant, dass der Mensch vom Baum der Erkenntnis isst, damit ein weiterer Entwicklungsschritt stattfindet; Gott hat es als Möglichkeit zugelassen;
aus Fluch wird Segen;
(Gott weist den Menschen auf den Baum hin – das lockt erst JK)

Gen4,1 (vorher schon Andeutung in Gen3,20)
erst unmittelbar nach der Vertreibung aus dem Paradies (!) erfüllt sich der Segen Gottes an den Menschen „praktisch“: Fortpflanzung beginnt!
Eva = Mutter des Lebendigen; jetzt beginnt das Leben (der Mensch ist gereift, voller Erkenntnis, jetzt beginnt die Arbeit, jetzt bekommt er Kinder);
“Adam erkannte Eva“ – erkennen hier der gleiche Wortstamm wie beim Baum der Erkenntnis;
das Erkennen geht weiter, auch außerhalb des Paradieses;
Erkennen nicht nur über den Kopf (verstehen), im Geschlechtsverkehr kehrt der Mensch in die alte Verbundenheit zu Gott zurück;
auch außerhalb des Paradieses ist die Einheit (bruchstückhaft) möglich;
“erworben habe ich mit IHM (Gott)“ – Eva erlebt die Verbundenheit mit Gott in der Zeugung und Geburt;

Gen4,2
“Diener des Ackers“

Gen4,17
“Kain erkannte sein Weib“
Kain lebt nach dem Brudermord weiter; das Leben geht durch ihn weiter (er ist gesegnet?);

(Seminar mit Yuval Lapide: „Zum Anfang aller Dinge – ein jüdisches Lehrhaus“ Die Schöpfungsgeschichten der Bibel durch einen jüdischen Theologen erklärt; Ev. Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis 30.10. bis 1.11.06)


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