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Beschreibung: Am Abend mancher Tage

Joachim Krause

„Am Abend mancher Tage

Eine Spurensuche in Mitteldeutschland“

 

 

als Buch erschienen im Wartburg-Verlag Weimar, 2008, Hardcover, 208 Seiten, 18,50 Euro,
ISBN 978-3-86160-401-3

                                    © Joachim Krause 2008

 

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Im Folgenden können Sie im Text „schnuppern“.
Die Überschriften aller Einzel-Kapitel sind angegeben.
In Abständen sind
LINKS eingefügt, über die Sie sich direkt zu bestimmten Textstellen bewegen können.
Wenn Ihnen das Buch gefällt – dann kaufen Sie sich doch bitte ein gedrucktes Exemplar und lesen Sie´s in Ruhe im Sessel weiter …

Hier finden Sie einige Informationen zum Autor

Hier finden Sie einige Rezensionen zu diesem Buch

 


INHALT:

 

Vorspruch Link

1. Aus den ersten Jahren (1946 bis 1953) Link
Lebenslauf-Skizze I

Nebel nach dem Urknall

Es beginnt mit Katastrophen und Wundern

Die Schwester brennt

Die Quakfrosch-Theorie

Drachentöter und Götterspeise

Der Mörderhahn wird geschlachtet

Wadenwickel

Froschkinder

Vertrauensbruch

Der Traum vom Fliegen: mit und ohne Atombombe

Wetterleuchten

 

2. Dorfkinderzeit (1953 bis 1961) Link

Lebenslauf-Skizze II

Aufbruch in die Neue Welt

Zwergschule Link

Sport mit Hindernissen

Der große Knall

Fahnenappell

Kirchturmhorizont Link

Beim „BäckeLink

Spielplatz Bauernhof

Besuch in der „Guten Stube“ und Scheunen-Artistik

Tetzners Holz und Dietzmanns Sandgrube Link

Kirschen klauen

Kinderarbeit Link

Kühe hüten und Sonnenfinsternis

Federvieh und Russenjagd

Liesel von der Post

Zu Hause leben und sterben

Röntgenreihenuntersuchung Link

Wirtshaus

Bach andämmen

Bettel-Kinder

Blasebalg-Treten

Die Einsamkeit von Straßendorf-Kindern

Umsiedler

Lange Leitung zum Fräulein vom Amt Link

Himmelhupp und Gliggser

Rodelspaß und Zwirnseln

Der Landfilm kommt

Nasspresssteine Link

Lebenskunde

Karbid und Motzen

Weiden-Ernte

Sintflut

Seuchenalarm

Feuerläuten

Der erste Fernseher Link

Absatz-Reißer

Eulenkinder

Als es noch Maikäfer gab Link

Für ´n Groschen frisches Brot

Hamsterschreck Link

Der Alltag zum Selbermachen: Von Heu-

und Kar­toffel-Anbau, Narzissenbeeten und

Was­serleitungsbau Link

Leibchen

Der Postbus

Zwischen Küche und Keller

Waschtag Link

Mein erster Indianer

Geburtstagsrituale, schwarzer

Streuselkuchen und Laubsäge-Stress

Sommerfrische

Goldene Zeiten

Der Frosch in der Wasserleitung

Autoreparatur mit Säge und Hobel Link

Goldrandteller und Messerbänkchen

Der Tunnel von Altenburg

Die Karpfen in der Badewanne

Karriereknick

Das Dienstfahrrad

In Stellung

Die Kammer mit dem Hammer

Doktor Hungers Kräutertee

Lebensperspektiven

Der schreiende Hase

Eisige Cola und Hula-Hoop

Hinter Mauern

Verwaltet und betreut Link

„Pfarrer Krause lehnt den Frieden ab“

Stalinismus hautnah Link

Flugblätter

Kartoffelkäfer und Klassenkampf Link

Frösi und Zündplättchen-Pistole

„Dokument !“

LPG Typ I Link

Projekt Offenstall

Radio Luxemburg

Wie weit schießt eine MPi?

Schlange stehen und Sparen Link

Friedensfahrt-Patriotismus

Intelligent - oder nicht?

Abgang

 

3. Flugversuche (1961 bis 1970) Oberschule und Studium Link

Lebenslauf-Skizze III
Oberschule Link
Wege zur Bildung – mit Schlitten und Moped

Westfernsehen Link

Blinde Flecken

Schlips und Schwips und Walzerschritt

Gucklöcher Link

Durchblick
Platten heben

Um Haaresbreite

Partytime

Der Rock ´n´ Roll – King

Kampfsport

Schnellkurs für Gitarre – fit in drei Minuten

Twist and Shout Link

Über Heinz Quermann zu den „Meridas

Mit „Gurkenwurm“ und „Rhabarberschnecke“ auf die große Bühne

Flugversuche

Urlaub in der Leinwandvilla Link

Das Wunder von Stralsund

Studentenleben

Erste Wahl Link

Anders sein als die anderen anderen

Der JAZZ-Dampfer

Sturz-besoffen

Chemie ist das, was kracht und stinkt ... (I)

Prager Frühling Link

Meine Wirtin

Chemie ist das, was kracht und stinkt ... (II)

Schluss mit lustig

Tramp

GST-Lager Link

Nicht gedient

Erdölkombinat Schwedt Link

Mutproben

Kohlkopf auf Nonnevitzens Dünen

Polenreise

Gipfelstürmerei

 

4. Das volle Leben – vor der Wende (1970 bis 1989)
    Beruf, Familie und Opposition
Link

Lebenslauf-Skizze III

Wohnglück mit Schlafbunker

ABC des Lebens Link

„Über mich“

Feindberührung Link

Alternative Konzepte?

Verbotene Welten

Frechheit siegt Link

Unterweltfestspiele

Knast als reale Möglichkeit

Gefährliche Offenheit

Trabant I: Überlebenstraining

Postkontrolle

Tschernobyl und die Folgen Link

Die Macht der Eingaben und der Zitate

Westkontakt

Wunderbare Jahre

Biermann-Abend in Weinberg Link

Post von Willy Brandt

Zeltplatzleben

Konrad Lorenz light

Seltsame Vögel

Am Abend mancher Tage

Italienische Schuhe

Der tollwütige Maulwurf

Ur-Ängste

Aufkauf von Obst Link

Ein Reis-Eintopf wird zur Legende: PLOW

Rezept zur Bereitung eines köstlichen PLOW Link

Von Ferngläsern und Schreibmaschinen

Jungwähler

Umwelt-Spionage Link

Erholungsgebiet mit „Industrieklima II“

Die Zähne der Kinder von Dohna

Ein potenzieller Brandstifter

Erziehung - antiautoritär

Déjà-vu

Behütet

Familie Schubert

Von Rom nach Wittenberg Link

Druck mit dem Drucken

Trabbi II: Schaf mit Stehplatz

Der Geigerzähler

„Unser Schulhof strahlt“

Trabbi III: Einheitsgrau
Denk mal
Das Fußballschaf

Nächtlicher Besuch am Schaukasten

Es geht sogar noch besser als im Westen!
Wessis im Wunderland
Die Zeit ist reif
Stalinallee
Informationsbeschaffung

Heißer Herbst

 

5. Neue Horizonte – das Leben nach der Wende (ab 1990) Link

Lebenslauf-Skizze V

Wende I (aus meinem Jahresbrief über das Jahr 1989) Link

Ein Wertgegenstand wird Restmüll

Konsum-Schock

Wende II (aus meinem Jahresbrief über das Jahr 1990)

Hoch hinaus

Vereins-Vorsitz

Der tiefste Schacht Europas Link

Wissenschaft mit Wünschelrute

1991 (aus meinem Jahresbrief)

1992 (aus meinem Jahresbrief)

1993 (aus meinem Jahresbrief)

Der Bock als Gärtner

Vom Kiffen und Bremsen

1998 (aus meinem Jahresbrief)

Loslassen

Beruf: Nachdenken über Gott und die Welt

 


Vorspruch

 

 

Wahre Geschichten?

Geschichten erzählen. Davon berichten, wie das so war, damals. Geschichten, die nur ich erzäh­len kann, einfach weil ich dabei gewesen bin. Aber ist das, woran ich mich erinnere, wirklich so gewesen, wahr auch in einem objektiven Sinne? Oder ist es wahr nur für mich, so aufbewahrt nur in meiner Erinnerung? Ist vielleicht vieles in der Wirklichkeit anders ge­wesen oder hat überhaupt nicht so stattgefun­den, oder an anderem Ort, oder mit ande­ren betei­ligten Personen? Wie geraten Erlebnisse als „mein Leben“ ins Gedächt­nis? Weil ich etwas als be­sonders eindrücklich erlebt habe, weil eine Begeben­heit, an der ich beteiligt war, von anderen im­mer und immer wieder erzählt wurde - mit Betonung auf bestimmten Details, gefiltert, geglättet, ausgeschmückt, weil manche Geschichten beim Erzählen „gut ankamen“? Und im Nebel des Verges­sens liegt begraben, was eben nie erzählt wurde und keine Chance hatte, bewahrt zu werden, oder was un­bequem war und schamhaft oder listig verschwie­gen blieb?

Ich bin mir im Laufe der Jahre unsicherer geworden, wo authentische Wahrheit ist und wo die Erlebnisse und Erzählungen anderer sich mit mei­nem Erinnern verschmolzen ha­ben.

Ich werde also versuchen, Geschichten zu erzählen vom Leben, wie ich es erlebt habe, eingebet­tet in ein bisschen Geschichte.

Private Dinge aus dem inneren Kreis der Familie sind dabei weitgehend ausgespart worden.

Als ich anfing zu schreiben, war ich neugierig, wie viele Geschichten so etwa zu einem - zu mei­nem - Leben gehören könnten. Würden es fünfzig, hundert oder noch mehr sein? Es sind nun knapp zweihundert zusammen gekommen.

 

 


1. Aus den ersten Jahren

    (1946 bis 1953)

 

 

Lebenslauf-Skizze I

Ich bin ein Nachkriegskind. Mein Vater war Pfarrer. Meine Mutter hatte ei­gentlich den Beruf einer „landwirtschaftliche Lehrerin“ erlernt. Aber Pfar­rersfrau zu sein, brachte für sie so viele Verpflichtungen und Verbindlich­keiten mit sich, dass sie zeitlebens „Hausfrau“ blieb. Wir lebten zunächst sechs Jahre in einer kleinen Stadt in Südwestsachsen. In dieser Zeit wur­den meine beiden Geschwister geboren, eine Schwester und ein Bruder.

 

Nebel nach dem Urknall

Geboren bin ich – wenn ich den Berichten anderer Leute und den hierzu vorliegenden Urkunden trauen darf - mitten im bitterkalten Dezember des Jahres 1946 im großelterlichen Haus in einem Thüringer Dorf. Ich konnte erst durch heftige Schläge dazu bewegt werden, überhaupt Luft zu schnappen, und ich muss - als Kind der Nachkriegshungerzeit - ziemlich mickerig von Gestalt auf die Welt gekommen sein, sodass meine Überle­bens-Chancen zunächst gar nicht rosig einge­schätzt wurden. Aber ich hielt durch, genährt von Muttermilch. Und ich konnte mich revanchieren. Meine Eltern bekamen für mich ja zusätzliche Lebensmittelkarten, die wiederum ihr Überleben er­leichtert haben. Im zarten Alter von zwei Wo­chen wurde ich in dicke Kissen gepackt und nach Sachsen gebracht. Dort lebte ich dann fast sieben Jahre lang in einem Mietshaus, das neben der Kirche einer kleinen Stadt stand. In meiner Erinnerung blieb, dass es dort viele Steine und Mauern gab, einen klitzekleinen Garten, und dass in jedem Treppenhaus und vor jeder Haustür viele viele andere Kinder wa­ren.

 

Es beginnt mit Katastrophen und Wundern

Was sind eigentlich so die frühesten Erinnerungen, die für mich zu greifen sind?
Noch Jahrzehnte später wehen manchmal Gerüche oder Töne vorbei, die irgendwelche Ur-Erleb­nisse zum Schwingen bringen, aufgeregt machen, aber das Graben und Grübeln nach konkret fassbaren und beschreib­baren Erinnerungen bleibt erfolglos – da war etwas Wichtiges, aber da waren keine Worte und Begriffe, es festzuhalten.
Dann nehmen einzelne Bilder konkretere Gestalt an. Oft sind solche Erin­nerungen laut und grell und aufregend – Katastrophen merkt man sich einfach besser.

 

Die Schwester brennt

Als meine kleine Schwester zwei Jahre alt wurde - da war ich schon drei­einhalb -, gab´s eine Geburts­tagsfeier. Ich sehe die Details noch sehr deut­lich vor mir: wie wir in der Küche saßen, wie das Schwesterchen seinen blonden Lockenkopf weit nach vorn reckte, um die lustig flackernden Ker­zen ausblasen zu können, wie die Flamme ihre Lockenpracht erfasste. Der Vater schnappte geistesgegenwärtig sein Kind, schleppte es zum Waschbecken, der Was­serhahn ward geöffnet und das Kind gelöscht.
Irgendwann in diesem Alter turnte meine Schwester auch einmal auf der Steintreppe in unserem Mietshaus herum, wuselte immer wieder in der Nähe der Mutter herum, die dabei war, die Treppe zu wischen. Neben ihr stand ein Eimer, voll mit koch-heißem Wasser. Er war schon für Mutters nächste Tätigkeit bestimmt, für die Wäsche im Waschhaus. Ein Fehltritt, ein spitzer Schrei – und Schwesterchen saß mit seinem süßen Po im Ei­mer. Aufregung, Arzt, Krankenhaus, sehr gedrückte elterliche Stimmung – und so blieb auch das im Gedächtnis eingebrannt.

 

Die Quakfrosch-Theorie

Wenige Monate später wurde mein jüngster Bruder geboren, zu Hause übrigens, wie es damals 1950 noch weithin selbstverständlich war; auch ich und meine Schwester waren zu Hause zur Welt gekommen. Man hatte uns Größere an diesem Tag wie immer in den Kindergarten gebracht, aber als wir nach Hause kamen, war beim Mittagessen irgendetwas an­ders, hektische Betriebsamkeit, un­gewohnte Geräusche. Kindliche Ver­mutungen wurden angestellt, schon meinte die Schwester es zu wissen: „Ein klein Kindlein ist angekommen.“ Meine boshaft-ironische Antwort ge­riet in die Familien-Überlieferung: „Wenn´s kein klein Kindlein ist, dann ist es ein Quakfrosch.“

 

Drachentöter und Götterspeise

Drei Jahre trabte ich tapfer an Mutters Hand quer durch unsere Kleinstadt in den Kindergarten Manchmal wurden auch zwei bis drei Kinder gleich­zeitig auf einem Fahrrad hin jongliert. Ge­merkt habe ich mir fast gar nichts, außer dem Namen von „Schwester Hildegard“ – es war noch ver­wirrender, denn diese „Tante“ war eigentlich „Diakonisse“.
Aber Heldentaten bleiben doch im Gedächtnis. Wir spielten im Freien an einer Mauer aus großen Natursteinen, als plötzlich die Mädchen schreiend wegliefen. Panik. Da war irgend etwas Schreck­liches. Ich fasste Mut, nahm meine Spielzeugschaufel fest in die Hand und wagte mich an den Ort des Grauens. Dort wartete auf mich ein grimmiges schwarzes Unge­heuer. Es hatte eine nie gese­hene grässliche Gestalt – das musste ein Drache sein. Fairerweise muss ich gestehen, dass ich kein Feuer aus sei­nem Maul kommen sah. Ich nahm die Schaufel, stürzte mich todesmutig - und in Erwartung mädchenhafter Verehrung - auf den Feind und hieb ihn in Stücke. Wirklich, ich habe den armen Kamm-Molch – ein solcher muss es gewesen sein – wohl getötet. Das tut mir heute leid, aber den Stolz von damals kann ich noch immer spüren.

Ein Wunder aus der Kindergartenzeit war auch bedeutsam genug, um er­innert zu werden. Einmal im Jahr war dort irgend ein Fest. Geheimniskrä­merei, Warten aller Kinder auf dem dunklen Gang vor dem Zimmer. Dann die offene Tür, Kerzenschein und – auf den Tischen stand etwas, das nur direkt vom Himmel stammen konnte. Grün und rot glitzerte ein verführeri­sches Geheimnis in Glas­schälchen. Götterspeise! Einmal im Jahr. Heiß ersehnt. Und dass die aus dem „Westen“ kam - dort musste der Himmel seinen Ort haben! -, das habe ich damals schon mitbekommen.

 

Der Mörderhahn wird geschlachtet

Ich war vier oder fünf Jahre alt und war zu Besuch bei den Großeltern. Großer Garten, Hühner, Neugier. Irgendwann beim Spielen im Hühner­garten war ich wohl dem stattlichen Hahn in die Quere gekommen, der hier der eigentliche Herrscher war. Jedenfalls stürzte er sich unvermittelt auf mich, kollerte und kratzte, saß schließlich auf meiner Schulter und hackte immer wieder auf meinen Kopf ein. In mei­ner Erinnerung war das gar nicht so schlimm, ich stand einfach da mit dem hackenden Hahn auf dem Kopf, wohl schon leicht unter Schock. Aber der Großmutter gefiel das überhaupt nicht, wie ihr Hahn immer weiter auf den blutenden Enkel los­ging. Großes Geschrei, der Enkel wurde geret­tet und gepflegt. Der Hahn wurde gefangen und kam noch am gleichen Tag erst unters Beil und dann in die Suppe – die ich mit essen durfte!

Irgendwann in dieser Zeit bin ich der gleichen guten Großmutter im Garten etwas bockig begeg­net, jedenfalls rannte sie dann - nach einer Weile auch lachend ob des absurden Wettlaufs, weil sie mich nicht einkriegte - kreuz und quer über Wiese und Beet hinter mir her, und in der Hand hatte sie einen „Ochsenziemer“ oder auch „Sieben-Riemer“. Das war ein durchaus übliches, kommer­ziell gefertigtes und gehandeltes Werkzeug, das aus einem schön gedrechselten Holzgriff be­stand, an dessen oberen Ende sieben halbmeterlange dünne Leder-Riemchen fest angebracht waren – damit konnte man wirksam Kinder „erziehen“. Zu der Zeit, als Großmutter damit hinter mir her rannte, war das Ganze wohl nur noch eine Droh­gebärde.

 

Wadenwickel

An das familiäre Zuhause der ersten Jahre sind kaum Erinnerungen geblieben. Die eine heißt: Krank sein. Das Gefühl von Langeweile, das stundenlange Starren an die Zimmerdecke über dem Bett, in dem man liegen bleiben musste. Die er­sehnte Abwechslung, wenn Mutter endlich wieder kam und den Wadenwickel er­neuerte, der das Fieber herunter treiben sollte. Kaltes nasses Tuch wird um hei­ßes Kinderbein gewickelt, dazu gab´s irgendeinen Hustentee – so einfach war das damals mit dem Gesundwerden, Ärzte habe ich als Kind kaum zu sehen be­kommen. Und wenn Nachbars Töchterlein Masern oder „Ziegenpeter“ hatte, dann wur­den wir alle zum Spielen hin ge­schickt, damit wir uns ansteckten und das, was zum Leben an Beschwernissen eben dazu ge­hörte, schnell hinter uns brin­gen konnten. Ab und zu wurden wir geimpft, mit der Pieksnadel gegen Pocken und Tuber­kulose oder würfelzucker-schluckend gegen Kinderlähmung. Das geschah als staatlich-fürsorgliche Selbstverständlichkeit, und ich halte das auch heute noch für richtig.

 

Froschkinder

Zur frühen Kindheit gehörten auch Spaziergänge in das nahe „Kirchen­holz“. Dort war ein Teich, an den ich mich erinnern kann, weil beim Liegen auf dem Bauch Erstaunliches und Wundersames zu Tage trat. Da krab­belte und wimmelte vie­lerlei Getier in einer kleinen Unterwasser-Welt. Käfer schwammen durch das Spiegelbild der Wolken, grimmige Libellen­larven entpuppten sich als ge­fräßige Räuber. Höhepunkt der Entde­ckungsreise war, dass ich - vorsichtig transportiert in einem Marmeladen­glas - einige seltsame schwarze Wesen mit nach Hause ins Kinderzimmer nehmen durfte: Froschkinder. Richtig hießen die Kaulquappen, so wusste ich bald aus dem Bilderbuch. Sie wurden in einem alten Topf einquartiert, ihre Wohnung mit Pflanzen möbliert, und dann sahen neugierige Kinderau­gen stundenlang zu, wie sie herumtollten, wie ihnen erst hinten, später dann vorn Beinchen wuch­sen, wie der Schwanz zum Stummel wurde. Am Schluss krabbelten sie in einem ange­schlagenen Blechteller auf Steinen herum. In meinem Frosch-Buch stand, dass sie nun richtige Frösche wer­den sollten. Sie wussten das aber nicht, behielten starrsinnig ihre Schwänze, und so trug ich sie eines Tages zurück zu „ihrem“ Teich.

 

Vertrauensbruch

Herr K. war mein Freund. Er war Zahnarzt, schon etwas älter, und ich ging gern zu ihm. Schon der weiße Kittel machte Eindruck, dazu roch es interessant, und geduldig erklärte er mir die Funktionsweise der technischen Geräte in seiner Praxis. Ich setzte mich immer gern auf sei­nen Stuhl und war neugierig, was kommen würde.

Eines Tages hatte er wieder einmal mit Lampe und Spiegel meinen Mund besichtigt, in allen Ecken mit seiner Nadel herumgestochert – und dann tuschelte er mit meinem Vater. Warum konnten die beiden nicht laut reden, es ging doch offenkundig um mich! Dann kam Herr K., hielt die Hand merkwürdig verkrampft hinter dem Rücken und forderte mich auf, den Mund zu öff­nen. Ich wollte – unter Freunden - erst wissen, was er vorhatte, ob es weh tun würde. Er verneinte, ich blieb angesichts der verborgenen Hand miss­trauisch – und mein Mund blieb zu. Nach einer Weile kindlichen Wider­standes riss dem Mann der Geduldsfaden, und er brüllte mich an. Der Mund ging auf, eine Zange erschien, ein Ruck. Das tat mehrfach weh. Ich hatte einen Zahn weniger und Tränen in den Augen und von Stund an Misstrauen gegenüber allen weißen Kitteln.

 

Der Traum vom Fliegen: mit und ohne Atombombe

Menschen haben zu allen Zeiten davon geträumt, fliegen zu können. Ich auch. Der Traum davon ist mir das erste Mal im Alter von sechs oder sie­ben Jahren gekommen, und er war wohl so wichtig, dass ich ihn später immer wieder einmal geträumt habe. Hintergrund für die „Urfassung“ war eine Mut­probe, bei der wir im Treppenhaus einen Wettbewerb veranstal­teten. Man musste versuchen, im­mer eine Stufe höher zu gehen und von dort bis hinunter zum Treppenabsatz zu springen. Und im Traum gelang es mir auf einmal, über beliebig viele Treppenstufen hinunterzuschweben, ich konnte es nicht nur - und war mächtig stolz -, sondern es war auch ganz einfach: Solange ich die Beine anzog, gab es keinen Bodenkontakt. Endlos immer weiter schweben können – ein herr­liches Gefühl. Am Ende des Traums stand jedes Mal der feste Entschluss, sofort nach dem Auf­wachen der Welt diese Entdeckung zu offenbaren. Und bisher hab ich das jedes Mal vergessen ...

Irgendwie muss auch mich kleinen Kerl die Atom-Bomben-Angst Anfang der 50er Jahre erreicht haben. Eines Nachts im Traum flog ich durch eine Welt, die vollgestellt war mit schwarzen militäri­schen Geräten, durchwogt von kämpfenden, ebenfalls schwarzen Gestalten, Lichtblitze flackerten durch die Szenerie - das waren wohl meine Vorstellungen vom Krieg. Ich saß beim Fliegen auf ei­ner Kugel - da spielte irgendwie Münchhausen hinein - und entdeckte plötzlich: Die Kugel, das ist eine Atom-Bombe. Schrille Angst, aber dann explodierte die Bombe auch schon. Und dann - bei jeder Wiederholung dieses Traumes besonders beeindruckend, weil ab hier in Farbe! - sah ich blau-fluoreszierend mein Gerippe; ich träume heute noch „Gerippe“, obwohl ich längst weiß, dass das richtiger „Skelett“ heißen müsste.

 

Wetterleuchten

Es waren heiße Tage in meinem letzten Kindersommer in der Stadt. Gedrückte Stimmung bei den Erwachsenen, die auch uns Kinder be­schwerte. Vater drehte öfter als sonst an dem schwarzen Radiokasten und lauschte den von Pfeifen und Quietschen (Störsender!) verzerrten Nach­richtensendungen des „Feindsenders“ RIAS („Radio Im Amerikanischen Sektor“ – von Westberlin). Irgendwo – noch weit weg - war die Welt auf­regend und ge­fährlich in Bewegung gekommen. Aber dann plärrten auch die rostig-grauen Lautsprecher-Trichter los, die überall in den Straßen unserer Kleinstadt hingen. Eine blecherne Män­nerstimme verlas immer wieder einen kurzen Text mit Mel­dungen und Befehlen, der dann wenig später auch in ge­druckter Form an die Häuserfassaden geklebt wurde. Aus­nahmezustand, Verbot der Zusammenrottung, abendliche Ausgangs­sperre, sofortiger Schusswaffengebrauch. Gesenkte Stimmen auf Trep­penfluren, immer neue Nachrichten und Gerüchte: von Arbeiter-Auf­stand, von Konterrevolution, von Terror und von Toten. Angst stand in den Ge­sichtern der Er­wachsenen, Angst, die auch in mich hineinkroch. Weglau­fen ging nicht. Aber Verkriechen unter Vaters Schreibtisch. Wenige Tage später war alles vorbei, wie ein schlimmes Gewitter abzieht, aber es blieb ein Schatten auf dem Alltag, der DDR-Staat hatte in meinem Kindergemüt einen ersten deutlichen Ein-Druck hinterlassen.

Dieser 17. Juni des Jahres 1953 war meine früheste Erfahrung mit Politik. Ein paar Wochen später kam ich in die Schule, wir zogen um aufs Dorf. All das Neue ließ schnell die dunklen Tage ver­ges­sen.

 

 

 


2. Dorfkinderzeit

    (1953 bis 1961)

 

 

Lebenslauf-Skizze II

Kurz nach meinem Schulanfang übernahm mein Vater eine Pfarrstelle auf einem Dorf. Dort ver­brachte ich meine gesamte Grundschulzeit.

 

Aufbruch in die Neue Welt

Im Spätsommer des Jahres 1953 entstand erhebliche Unruhe in der Fami­lie. Wir sollten umziehen. Möbel wurden gerückt, Kisten gepackt, Teppiche gerollt. Dann eines Tages emsiges Treiben treppauf und treppab. Die Zimmer leerten sich. Stunden später wurde ich hinuntergeführt vors Haus, wo ein ältlicher Möbelwa­gen schon mit unserem Familienkram bepackt war. Für mich war hinten auf der Ladefläche ein Plätzchen freigehalten. Ich setzte mich, die Hände hielten krampf­haft das schwappende Aquarium umklammert, in dem meine geliebten Guppys schwammen. Rings um mich war ein Urwald aus Grünpflanzen. Und dann setzte sich die Fuhre schwankend und ruckelnd in Bewegung. Richtung Dorf. Ein frem­des unbekanntes Land. Da gab es keine verlässlichen Wege, keine vertrauten Gesichter – und so fuhr eine erhebliche Portion kindlicher Angst und Be­klem­mung auf dem Mö­belwagen mit.
Meine erste Ent­deckung nach der Ankunft war, dass es in der Neuen Welt viel viel mehr Platz gab als in der Stadt. Der Horizont war unendlich weit weg, und auf dem Weg dort hin gab es sicher einiges zu ent­decken. Alles roch aufregend neu. Ne­ben meinem Bett stand an diesem Abend auch die Zu­ckertüte, die mich daran erinnerte, dass ich am nächsten Tag meine neue Schulklasse kennen lernen würde. Aufregend.

 

Zwergschule

Es war Mitte September, als ich zum ersten Mal den Berg hinaufging zur Schule. Ich wurde als „der Neue aus der Stadt“ vorgestellt und verkroch mich schüchtern auf der ersten Bank, kritisch beobachtet von dreizehn Dorf­kindern. Schulzeit auf dem Dorf Anfang der 50er Jahre. Der Unterricht fand in der alten Kirchschule statt. Ein Lehrer nebst Familie wohnte gleich in dem Gebäude. Er war ein so genannter „Neulehrer“, das hieß, dass er politisch nicht durch eine Tätigkeit in der Nazizeit belastet war, und des­halb hatte man ihn ohne große Umschweife oder umfang­reiche Ausbil­dung gleich zum Lehrer ernannt. Es gab viele Kinder und zu wenig Räume und zu wenig Lehrer. So fand der Unterricht im Normalfall in einem Raum mit zwei Klassen gleichzeitig statt. Das ging so: Mit der einen Hälfte löste der Lehrer an der Tafel Rechenaufgaben, die anderen erledigten inzwi­schen irgendwelche schriftlichen Arbeiten. Ein andermal verband der Leh­rer das Angenehme mit dem Nützlichen, und dann las ein Zweitklässler denen aus der „Ersten“ eine Geschichte vor. Zu Beginn und am Ende je­der Stunde wurde ein Schüler losgeschickt, der mit einer Glocke in der Hand treppauf und treppab rannte und das Zeitmaß kundtat. Und das Raumproblem fand eine für uns Pfar­rerskinder äußerst günstige Lösung. Der Schul-Unterricht wurde stundenweise in das Pfarr­haus ver­lagert, sodass wir vom Frühstückstisch in Hausschuhen herunterhuschen konn­ten. Zwergschule. Schlimm war´s nicht. Eher gemütlich, gemeinschafts­bildend. Und je Klassenstufe nur mit 10 oder 15 Kindern zu tun zu haben, das wäre heute für manche Päda­gogen wohl der Himmel auf Erden!
Ich erinnere mich an etwas merkwürdige Unterrichts-Fä­cher. Eines hieß „Handarbeiten“; auch wir Jungen sollten lernen, mit Stopf- und Häkelna­deln zu hantieren. Später lernten wir „UTP“, „PA“ und „ESP“ kennen. Das hieß in der Langform „Unterrichtstag in der Produktion“, „Produktive Arbeit“ und „Einführung in die sozialistische Produktion“ – letzteres vermittelte uns das ABC der sozialistischen Betriebswirt­schaftslehre.

In der dritten und vierten Klasse mussten wir jeden Schultag ins Nachbar­dorf laufen. Das meinte wirklich laufen, Busse oder gar PKW-besitzende Eltern gab es nicht, und so marschierte mancher kleine Kerl morgens drei Kilometer hin und mittags drei Kilometer wieder zurück nach Hause, das Ränzlein tapfer geschul­tert.

Zu unserer Standardausrüstung gehörte ein Ranzen - oft schon von Geschwisterkindern genutzt -, der auf den längeren Fußmärschen zur Schule natürlich auf dem Rücken getragen wurde. Im Ranzen waren damals nur wenige Bücher und Hefte. Aber immer darin war in den ersten Schul­jahren ein hölzernes Feder-Kästchen. Darin steckten ein paar Blei- und Buntstifte, vor allem aber ein Feder-Halter und ein verschraubbares gläsernes Tintenfässchen. Die Schreibfedern aus Metall konnten ausge­wechselt werden; es gab breitere und schmalere, und sie mussten immer erst eine Weile „eingeschrieben“ werden, ehe sie nicht mehr kratzten. Und dann galt es, die Feder vorsichtig ins Tintenfass einzutauchen - aber nicht zu tief, sonst gab es Kleckse im Heft! -, ein Wort oder zwei zu schreiben, erneut einzutauchen usw. Da die Tinte nur langsam trocknete, war immer ein Block mit Löschpapier zur Hand und durch Aufdrücken eines Lösch­blatts wurde der geschriebene Text ge­trocknet.

Irgendwann hatte jemand den ersten „Füller“. Zunächst ein unnötiger und unerreichbarer Luxus. Aber ein solcher Füllfederhalter erwies sich als viel komfortabler und klecksverhindernd, weil die Tinte hier gleichmäßig floss. Es gab sogar noch eine weitere Steigerung: Ich wünschte mir ein Jahr lang – und am Ende mit Erfolg - einen „GEHA-Schulfüller mit Reserve­tank“. Wenn bei diesem Wundergerät - „aus dem Westen“ - die Tinte im Füllhalter-Reservoir zu Ende ging, brauchte man nur einen ge­heimnis­vollen grünen Knopf zu drücken und konnte dann noch ein paar Minuten weiter schreiben.

Wir saßen auf altertümlichen Schulbänken, hohe, dunkle Holzmonster auf geschnörkeltem Eisengestell, mit eingelassenem gläser­nen Tintenfass und einer Mulde zur Stiftablage. Generationen von Schülern vor uns hat­ten sich darauf mit Schnitzereien und Malereien verewigt.

 

Sport mit Hindernissen

Unsere Sportstunden verbrachten wir in den ersten Schuljahren auf dem Schulhof oder im Pfarrgarten. Wir spielten „Faules Ei“ oder „Völkerball“ oder „Brennball“, das war eine kindgerechte Baseball-Variante. Bei schlechtem Wetter blieben wir gleich im Klassenzimmer. Dann hieß es: Ausklei­den bis auf Unterhemd und Turnhose, alle Mann hinter auf die letzte Reihe, und dann krabbelten wir paarweise im Wettstreit über die Bänke nach vorn. Eine andere Disziplin hieß: Herunter­rutschen auf schräg gestellten Bänken. Der ältere und an Sport nur mäßig interessierte Deutschlehrer notierte unkonzentriert die Sieger. Das war nicht so toll.
Mitte der 1950er Jahre bekamen wir dann einen ausgebildeten Sport­lehrer. Nun wurde im Dorf ein „Sportraum“ ge­sucht. An der Dorfstraße stand ein kleines Schuppengebäude, der Raum vielleicht 8 Meter lang, drei Meter breit. Im alten Gasthof fanden sich - aus früheren Turn­vereins-Tagen – einige angestaubte Matten, ein knarrender Barren, ein Bock, ein Pferd, und wir begannen begeistert diese Welt zu erkunden. Wenn wir „Bockspringen“ üben wollten, stellten sich alle Kinder draußen auf der an­deren Straßenseite an und liefen dann über die Straße, durch die Tür in den dunklen Raum, und sprangen über das Gerät. Wenn am Barren ge­turnt wurde, stießen größer Jungen schon einmal beim Schulterstand mit den Beinen an der Decke des Raumes an. Aber jetzt machte Turnen schon viel mehr Spaß. Der ehrgeizige Lehrer brachte uns etwas tapsigen Dorfkin­dern Disziplin und (Körper-)Haltung bei. Stolz tra­ten wir dem Sport­verein „TRAKTOR“ bei, nähten die gelben Embleme auf unsere blauen Turn-Hemden. In vielen Übungsstunden und mit manchem Muskelkater im Gefolge lernten wir die Welt von „Schulterstand“ und „Hocke“ und „Flick-Flack“ kennen – und eines Tages war es dann so weit. Ein wenig zitternd traten wir zu Wettkämp­fen an, zu Stadt- und zu Kreismeisterschaften – und wir gewannen! Viele Jahrgänge von kleinen Dorfschülern kriegten so Selbstvertrauen und einen Kick fürs Leben.

Der einmal geweckte sportliche Ehrgeiz trieb manchmal schon merkwür­dige Blüten. Ich erinnere mich an den Federball-Rekord, den ich nach vielen Wochen täglicher Steigerung mit Nachbars­junge Götz erzielt habe. Als Spielregel galt, den Federball immer abwechselnd zu schla­gen und ihn zwischendurch nicht auf den Boden fallen zu lassen. Fast drei Stunden „wanderten“ wir ballspielend kreuz und quer durch den großen Obstgarten und hörten schließlich nach 2222 Berührungen auf, weil es inzwischen stockdunkel gewor­den war. Ein andermal war unter uns Jun­gen „Stab­hochsprung“ als bisher nicht er­probte Sportart in Mode gekommen, und in Ermangelung besserer Möglichkeiten ent­wendeten wir zu Hause Mutters hölzerne Wäschestützen und sprangen damit über die bis zu zwei Meter hoch liegende Latte. So manche morsche Holzstange brach bei unserem eifrigen Hüpfen einfach mitten durch.

 

Der große Knall

Schule war wohl so schön normal, dass ich mir aus acht Jahren kaum etwas Be­sonderes gemerkt habe. Bis auf den großen Knall. Zwar kennt wohl jedermann den Spruch: „Chemie ist das, was kracht und stinkt, und was am Ende nie ge­lingt!“ Aber wir haben das live erleben dürfen. Unser junger Lehrer machte eines Tages vorn an seinem Pult ein Experiment. Aus einem Glas wurde ein Brocken Natrium hervorgeholt. Davon schnitt er ein - wirklich kleines - Stückchen ab und gab es in eine kleine Wanne mit Wasser, um uns vorzuführen, dass nun eine chemische Reaktion einsetzt und dabei Knallgas entsteht. Das Natrium-Stück­chen begann auf dem Wasser hin- und herzusau­sen. Und dann knallte es. Nicht nur der übliche Knallgas-Sound, so „Pfchiit“, sondern es krachte, richtig heftig. Als wir Schülerlein verängstigt wieder unter den Bänken hervorkrochen, konnte Bi­lanz gezogen werden. Der blasse Lehrer zählte durch – alle waren gesund geblieben. Aber der ganze Raum und wir Kinder war übersät von feinen Glassplittern, die zwei Zenti­meter dicke Deck­platte des Lehrertischs hatte ein sup­pentellergroßes Loch – und wir kriegten für den Rest des Ta­ges schulfrei.
Ich habe später - trotzdem oder gerade deswegen? - Chemie studiert.

 

Fahnenappell

Fester Bestandteil des Schullebens war der „Fahnenappell“.

Zu ihm versammelten sich an jedem Montag vor der ersten Unterrichts­stunde alle Lehrer und Schüler auf dem Schulhof. Wir traten im Karree an, dann trat ein „Junger Pionier“ - das waren die Mitglieder der sozialisti­schen Kinderorganisation - vor und schrie „Seid bereit!“, und das Volk antwortete brüllend „Immer bereit!“. Die blaue Pionier-Fahne wurde feier­lich am Mast hochgezogen. Dann kamen noch ein paar politische Richtigkei­ten, die uns der Di­rektor für die nächste Woche nahe legte, und danach stürmten alle ins Schulgebäude. Zu diesem Anlass sollten eigentlich alle „Pioniere“ in ihrer Uniform erscheinen (dunkle Hose, weißes Hemd), zumindest aber ihr rotes oder blaues Halstuch tragen. So waren „Abweichler“, wie ich einer war, schon äußerlich klar zu erkennen.

Die Jungen Pioniere hatten sogar ihre eigenen „Zehn Gebote“. Eines davon hieß zum Beispiel: „Junge Pio­niere halten ihren Körper sauber und gesund!“. So richtig ernst genommen wurde das aber alles nicht.

 

Kirchturmhorizont

Unser Dorf war in den 50er Jahren noch ein weithin in sich geschlossener Le­bensraum. Ältere Bauersfrauen haben berichtet, dass sie damals in der Regel nur ein Mal im Jahr in die nur drei Kilometer entfernte Stadt „gereist“ sind – sie hatten keine Zeit dafür, aber auch keinen Bedarf. Vieles erle­digte sich auf kurzen und in Generationen erprobten Wegen, einer lieferte das, was sein Nachbar brauchte, die lebens-notwendigen Verrichtungen fanden buchstäblich im Horizont des heimatlichen Kirchturms statt.

Da gab es in unserem Straßendorf auf einem Kilometer die Straße hinauf und hinunter in viel­leicht 40 Grundstücken:

Vieles machten die Leute noch selbst: Auf den Bauerhöfen gab es nicht nur in­tensiv genutzte Gärten - mit fruchtbarer dunkler Erde und gesäumt von akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken - für den eigenen Gemüse­bedarf, da wurde selbstverständlich auch ge­schlachtet, Vorräte an Obst und Wurst einge­kocht, aus Äpfeln Saft gemostet, und man buk selbst Brot, große runde Sechs-Pfünder.

 

Beim „Bäcke

Wir Nicht-Bauern hatten auch Brot zu essen. Das gab´s beim „Bäcke“ zu kaufen. Immer ofenfrisch, und das war schon das Verhängnis. Da wurde ich schnell noch losgeschickt, um ein Drei-Pfund-Brot zu holen, betrat das betörend duftende Ladengeschäft neben der Backstube, legte meine 78 Pfennige auf die Ladenta­fel, klemmte den Laib unter den Arm und verließ unter dem Gebimmel der Glocke den Laden. Und dann auf der Straße überwältigte mich jedes Mal ein Gefühl aus Hunger und Sucht, die Finger brachen eine Ecke aus dem Brot heraus oder puhlten ein Loch an unver­dächtiger Stelle. Unüber­trefflich, dieser Geschmack von richtig frischem Brot! Die Mutter zu Hause hatte nicht immer Ver­ständnis für die Löcher. Was ein Brot kostete, hätte einem in den 60er Jahren jeder auf der Straße sagen können. Zum einen war Brot in den Nachkriegsjahren noch ein Wertgegenstand - damals gab eine Familie in Deutschland die Hälfte ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus - und zum zweiten hielt die DDR aus Prinzip über Jahrzehnte die Preise für Grundnahrungsmittel konstant.

Meine Mutter machte auch gern Kuchen. Einen eigenen Herd besaßen wir nicht, nur eine elektrische Backform für kleine runde Kuchen. Das „Ab­backen“ von „richtigen“ Kuchen war Sache des Bäckers. Zu Hause wurde der Teig gerührt und geknetet, auf ei­nem runden Blech ausgebreitet und mit Früchten be­legt oder mit Streuseln bestreut. Das Blech wurde in den Hof getragen, vorsichtig auf dem Handwagen verstaut, und ich durfte zum Bäcker wandern. Dann stand ich in der Backstube, verwies auf den von Mutter bestellten Termin, und das Kuchenblech verschwand in der tiefen Höhle des heißen Backofens. Unser Kuchen blieb dort nicht allein, zum gleichen Termin lieferten auch andere Leute ihre Backware ab, und in jeden Kuchen wurde zur genauen Kennzeichnung eine Blechmarke ein­gestochen. Ein paar Stunden später holperte ich wieder mit dem Wagen das Dorf hinunter „zum Bäcke“, die duftenden Kuchen wurden an­hand ihrer Marken den jeweiligen Besitzern zugeordnet, ich bezahlte 30 Pfen­nige fürs Backen und trat den Heimweg an. Auch von den frisch duften­den, noch warmen Kuchen hat keiner je unser Haus erreicht, ohne dass es Knabberspuren gab.

Ein richtiges Back-Festival fand jedes Jahr im Advent statt. Da tauchte zunächst ein großer Trog in der Küche auf, die „Backmulde“, die nur zu diesem Anlass zum Einsatz kam. Darin wurden kiloweise Mehl und Zu­cker, Butter und Schmalz, Hefe und Milch verrührt und ver­knetet. Mandeln kamen dazu und Nüsse und Rosinen und Zitronat. Die letzteren Zutaten gab´s manchmal nur sehr sparsam. Das war davon abhängig, ob „Vater Staat“ dem Volk gütigerweise eine Weihnachts-Extra-Ration zukommen ließ oder ob die Westverwandten rechtzeitig an die stollenbackende Ost­verwandtschaft gedacht hatten. Der mehl­bestäubte Trog wanderte zu­nächst auf den Kachelofen, damit der Teig richtig „gehen“ konnte. Und dann gab es wieder den Weg mit dem Handwagen zum Bäcker. Der Ter­min war Wochen im Vor­aus bestellt. In der Backstube wurden aus dem großen Kloß in der Wanne ordentliche Stollen ge­formt und mit dem obli­gatorischen blechernen Namensschild gekennzeichnet. Dann konnten wir zunächst wieder nach Hause gehen. Manche misstrauischen Kundinnen blieben stundenlang beim Bäcker sitzen und behielten die Ofentür fest im Blick, um ganz sicher zu gehen, dass es wirklich „ihr“ Stollen war, der da später aus dem Ofen geholt wurde. Es hätte ja sein können, dass irgend­was vertauscht wurde und man einen Stollen ohne seine wertvollen West­rosinen oder seine Westmandeln kriegte ... Bei uns zu Hause lagerten dann zwölf und mehr braun­krustige Laibe auf Regalen und Schränken. Einige davon gingen als Weih­nachtsgeschenk auf Reisen, manche in Richtung Westen, woher die Zutaten stammten. Einmal wurde ein verges­sener Stollen zur Oster­zeit gefunden – und er erwies sich als „gut durchgezogen“ und durchaus noch essbar.

 

Spielplatz Bauernhof

Bauer zu sein bedeutete einen harten Alltag. Früh zeitig ging es los mit Füttern und Melken, dann raus auf das Feld, mittags zurück – jetzt waren zwei Stunden Pause für Mensch und Pferde -, nachmittags noch einmal raus, dann war Dämmerstunde, aber danach war noch einmal Arbeit an­gesagt bis spät in den Abend. So etwas wie Freizeit oder Urlaub war un­bekannt. Und die ganze Familie war fest in die Arbeits­rhythmen einge­spannt.

Manche armen Bauern pflügten mit einem Ochsen. Die meisten besaßen aber Pferde für die Feld­arbeit. Selten tuckerte auch ein Traktor durchs Dorf, z.B. eine Lanz-Bulldog aus Vorkriegszeiten.

In der Mitte der Vierseithöfe befand sich fast immer ein großer Misthaufen, umkreist von Schwal­ben, die nach Fliegen schnappten und in den überall vorhandenen Lehmpfützen reichlich Bauma­terial für ihre Nester fanden. Im düsteren Kuhstall war die Wand schwarz von Fliegen, deren sich die Kühe durch heftiges Schwanzwedeln zu erwehren versuchten. Neben der Kuh hockte auf ei­nem dreibeinigen Holzschemel die Bäuerin und molk das nervöse Tier; ein Ertrag von einem Ei­mer Milch am Tag war damals schon eine ordentliche Menge für eine Kuh. Die große zerbeulte Aluminium-Kanne mit der Milch für die Ablieferung (das „Soll“ für den „Staat“) kam dann raus auf die „Rampe“ an der Straße. Auf dem Hof wurde der Kartoffeldämpfer angeheizt. Darin garten gleich eimerweise Kartoffeln, die für das Viehfutter bestimmt waren, aber auch uns Kindern köstlich mundeten. Wir halfen, mengten gequetschte Getreidekörner in den Futterbrei, und manchmal wurde er auch mit „Siede“ gestreckt, das war die Spreu, die Getreidespelzen, von denen immer ein Haufen hinter der Dreschmaschine lag. Damals wurde das Getreide auf dem Feld noch vielfach von Hand mit der Sense gemäht und anschließend zu „Garben“ zusammengebunden. Später übernahm diese beiden Arbeitsgänge eine Ma­schine, die „Mäh-Binder“ hieß. Mehrere Garben wurden dann in Handarbeit zu „Puppen“ aufgestellt – die sahen aus wie kleine Häuschen und eigneten sich wunderbar zum Versteck-Spielen! Ausgedroschen wurde das getrocknete Getreide später auf dem Hof, in den ersten Jahren nach dem Krieg manchmal noch von Hand: Auf der Scheunen-Tenne schlugen vier Leute im Takt reihum mit Dresch­flegeln die Körner aus den Garben. Mit der Schaufel wurde hin und wieder das Gemisch hochgeworfen, wobei der Wind die Spelzen wegtrug und sich so die „Spreu“ vom Weizen trennte. Als ich mich dafür interessierte, wurde aber meist schon mit der Dresch­maschine gedroschen. Dann legte der Bauer den ledernen Treibriemen auf das Schwungrad der Dreschmaschine, das Ungetüm ratterte los, die Körner rieselten in den Sack und hinten stiebte die „Siede“ heraus.
Die Oma fegte mit einem Reisigbesen die „Heiste“, das war ein mit Ziegeln gepflasterter Hofteil vor dem Eingang zum Wohnhaus. Beim Spielen in der Scheune sammelten wir Kinder nebenbei auch die Eier ein, die die Hühner irgendwo (ab-)gelegt hatten; manchmal fanden wir auch ein gut verstecktes Gelege nicht, dann stolzierte drei Wochen später eine aufgeregte Glucke mit einer Schar gelber Küken auf dem Hof herum.

Die Bauern produzierten mit strengen staatlichen Auflagen und unterlagen ständiger Kontrolle. Sie hatten für alle erzeugten Produkte (Getreide, Kartoffeln, Rüben, Milch usw.) ein „SOLL“ zu erbringen, eine Pflicht-Menge, die an den Staat „abzuliefern“ war. Wenn sie etwas darüber hin­aus erwirtschafteten, konnten sie das als „freie Spitzen“ auch selbst ver­markten.

Zur Landwirtschaft gehörten die Pferde. Und die Pferde mussten immer mal zum Schmied geführt werden. Dort bekamen sie neue „Schuhe“ an­gemessen, Hufeisen. Die Schmiedewerkstatt war eine düstere Höhle, in der immer das Schmiedefeuer glimmte. Das Pferd wurde hineingeführt in die Werkstatt und stand ergeben zwischen Zangen und Rohren und Hämmern und Blechen. Der Schmied nahm den Huf in die Hand, suchte mit fachmännischem Blick aus vorhandenen Roh­lingen ein passendes Hufeisen aus. Dann wurde das Koksfeuer mit einen Handblasebalg zu heller Glut entfacht. Darin wurde das Eisen hellglühend er­hitzt, auf den Amboss gelegt und dann sprühten unter den Schlägen des schweren Hammers die Funken. Das Eisen wurde immer mal wieder an den Pferdehuf gehalten, bis es endlich die richtige Form hatte. Dann wurde es - noch heiß, wodurch es nun ganz fürchterlich nach verbranntem Horn stank - auf den Huf gepresst und mit besonderen Hufnägeln ange­nagelt. Manches Pferd ertrug das alles in stoischer Ruhe und ging dann klirr-klappernd die Dorfstraße hinunter. Manchmal musste aber auch ein zweiter Mann das nervöse Tier während der ganzen Prozedur festhalten und beruhigen.

 

Besuch in der „Guten Stube“ und Scheunen-Artistik

Besuch bei Bauern. Erste Regel: Wenn das Hoftor offen steht, darf man rein. Zweite Regel: Eine Klingel gibt es nicht – wenn die Haustür offen steht, nur im­mer gerade aus und weiter durch bis in die (Wohn-)Küche. Dort fand das Leben statt. Meist waren das Mehrzweck-Räume, stets gut ge­heizt, mit einem Sofa für die Mittagsruhe und einem großen Tisch für die Mahlzeiten. Ziemlich geheimnisvoll war in allen Bauernhäusern ein gleich daneben gelegener, viel größerer Raum, dessen Fenster oft dunkel ver­hangen waren und der nur selten betreten wurde, die „gute Stube“. Als Ende der 50er Jahre die ersten Fernsehgeräte Einzug in den Bauern­höfen hielten, bekamen sie – ihrem Wert entsprechend - ihren Platz in der guten Stube, die von da an auch regelmäßig von den Familien genutzt wurde. Ich als Kind aus einer nicht-Fernseher-besitzenden Familie war natürlich auch scharf auf das schwarz-weiße Geflimmer. Also schlich ich manchen Abend - gegen die aus­drückliche Weisung meiner Eltern - in die verdunkelten Stuben der Familien befreundeter Bauernkinder und genoss Freud und Leid irgend­welcher amerikanischer Familien­serien. Zu Hause gab´s dann zur Strafe kein Abendbrot.

Für uns als Kinder viel attraktiver als die Wohnzimmer waren die großen Scheu­nen der Bauern. Dort gab es nicht nur Eier zu finden, die die Hühner überall fallen ließen, da lagerte vor allem in riesigen Haufen goldenes Stroh. Man konnte ins Gebälk hochklettern und sich dann wohlig fallen lassen, Mutsprünge vorführen, vielleicht auch einen Salto-Sprung tief hin­unter riskieren; manchmal fiel man da­bei auch eine Etage tiefer bis auf die harte Tenne hinunter. Das war ein kratziges und durchaus lebensgefähr­liches Vergnügen.

 

Tetzners Holz und Dietzmanns Sandgrube

In den 50er Jahren war die dörfliche Welt noch recht übersichtlich, klein­räumig strukturiert und ge­rade deshalb sehr abwechslungsreich. Das Land gehörte den Bauern, die es auch als Familien­betriebe selbst bewirtschaf­teten. Es gab noch immer Standesunterschiede. Ein „Vierspänner“, d.h. ein Bauer, der vier Pferde einspannen konnte, war etwas Besseres als ein Zweispänner oder gar ein Land­wirt, der nur mit einem Ochsen pflügte. Viele Bauern hatten nicht nur ihre Felder, sondern besaßen auch ein eigenes Stück Wald. Am Ende von Tetzners Feld war dann eben „Tetz­ners Holz“. An anderen Stellen gab es Lehmgruben für die Ge­winnung von Lehmziegeln oder Sand­gruben, die dann auch nach ihren Besit­zern benannt waren („Junghannsens“ oder „Dietzmanns Sandgrube“). In diesen Gru­ben, die nur bei Bedarf betrieben wurden, gab es herrliche - und ge­fährliche - Spielplätze für Kinder, oft haben wir dort Höhlen gegraben und als Indianer vie­lerlei Abenteuer bestanden.

Es gab zusätzlich noch namenlose Hecken und Waldstückchen, die die Land­schaft auflockerten; eine kleinere Baumgruppe in Dorfnähe hieß „Maiglöckchen­wäldchen“, weil dort im Frühjahr Tau­sende der kleinen weißen Trauben blühten. Und zwischen den Feldstreifen lagen überall Feld­wege, oft nur im Abstand von hundert Me­tern, bestanden mit Holun­derbüschen, Pflau­men­bäu­men oder einzelnen Eichen. Manche waren seit Jahrhunderten genutzte Ver­bindun­gen ins Um­land, zum Beispiel der „Marktsteig“, auf dem die Bauersfrauen früher ihre Kiepen zum Markt in die Nachbarstadt geschleppt hat­ten.
In Senken der Landschaft begegneten uns herum­streifenden Jungen immer wieder kleine Teiche, die von Weiden gesäumt waren und bei Sturz­regen das Wasser aufhalten sollten. Dort versuchten wir uns als Angler oder beobachteten Wiesel.

Beliebter Ort für Spiele aller Art war „die Bach“. Der Dorfbach ist bei uns bis heute (grammatisch) weib­lich. Die Bach konnte man in stundenlan­gen Bemühungen versuchen „anzudämmen“. Man konnte Angeln bauen und versuchen, kleine Fi­sche zu fangen (Elritzen oder Schlammpeitzger – die wir „Schlammbeißer“ nannten). Man konnte sich von den älteren Dorf­bewohnern be­richten lassen, dass es zu ihrer Kinder-Zeit hier noch Krebse gegeben hatte. Mutproben fanden statt, zum Beispiel galt es, Bachwasser zu trinken, obwohl ei­nige Meter weiter oberhalb eine tote Ratte im Wasser lag, oder wir versuchten, an einer besonders breiten Stelle über die Bach zu springen.

Beginnend mit der „sozialistischen Umgestaltung“ in der Landwirtschaft sind viele von diesen Ele­menten aus der Landschaft ver­schwunden. Bachläufe und Teiche wurden zu­geschüttet, unter der Erde fortgeleitet oder mit Stall-Abwässern buch­stäblich „versaut“. Feld- und Flurwege wur­den zur Gewinnung größerer Flächen überackert, Feldgehölze und Wäld­chen störten die Geradeausfahrt moderner Groß­technik und verschwan­den. Und mit ihnen ver­schwanden auch Rebhühner, Hamster, Elritzen – und spielende Kinder.
In den 1950er Jahren wurde noch alles Stroh nach der Getreideernte geborgen und in den Scheunen eingelagert, um später als Einstreu in den Vieh-Ställen zu dienen. Als später die Mähdrescher Einzug hielten, wurde immer öfter das Stroh auch direkt auf dem Feld zu großen Ballen gepresst und aufgestapelt. Diese „Strohfeimel“ waren herrliche Abenteuerspielplätze, geeignet zum Burgenbau und für Sprungartistik.

 

Kirschen klauen

Wir hatten selber Kirschbäume im Garten. Aber fremde Kirschen sind erstens meist eher reif als die zu Hause, und sie schmecken einfach viel besser. Und frisch auf dem Baum sollten sie so­wieso verzehrt werden!
Es war ein bisschen Sport dabei. Da waren auf der einen Seite die Bauern, de­nen die Kirsch­bäume gehörten. Meistens hatten sie mehrere davon, oft außerhalb der Grundstücke gepflanzt an Wiesen- und Weg­rändern. Und die Bauern wollten ihre Kirschen eigentlich auch selbst ernten, die wurden auf den Markt gebracht oder für den Winter einge­kocht. Aber auch wir Kinder hatten Ap­petit - auf eben diese Kirschen. Vorsichtig wurde ein weiter Anmarsch von hinten übers Feld ein­geleitet, vom Dorf aus durften wir nicht gesichtet werden. Wir machten uns an die Bäume heran, die am wenigsten Einblick ermöglichten, schwangen uns hinauf und begannen zu futtern. Einer stand Schmiere. Und das war not­wendig, denn die Gegenpartei passte gut auf. Manchmal war richtig je­mand aus der Besitzer­familie zum „Stare-Hüten“ abkommandiert, und dazu gehörte neben dem Vertreiben der Stare eben auch, das schändliche Treiben von Dieben zu mel­den. Dann schnaufte wenig später ein brüllen­der Bauer den Weg herauf – oder er schlich sich leise heran, stand plötz­lich unter den Bäumen und griff sich einen der jugendlichen Diebe, der nicht schnell genug das Weite gesucht hatte, und das tat dann „handfest“ weh! Einmal rannte uns sogar Bauer Schnabel mit der Mistgabel hinterher – zum Glück hat sein Wurfgeschoss nicht getroffen!

Kirschbäume waren ein wertvoller Besitz. Auf halbem Weg hinüber zum Nach­bardorf stand direkt an der Straße, die von Kirschbäumen gesäumt war, das so genannte „Kirschhäusel“. Das war ein kleines gemauertes Gebäude, einzig und allein zu dem Zweck errichtet, um die mit Kirschen oder anderem Obst gefüllten Kisten in der Erntezeit lagern und vor dem Zugriff Fremder schützen zu können.

 

Kinderarbeit

Manchmal beneidete ich die „richtigen“ Bauernkinder. Es gab Zeiten im Jahr, da erschienen sie gleich für ein paar Tage überhaupt nicht zum Unterricht. Auf den Ent­schuldigungs-Zetteln, die sie von zu Hause mit­brachten, stand, dass sie für Arbeiten auf den hei­matlichen Höfen ge­braucht wurden. Die Bauernwirtschaften waren im Wesentlichen Familien­be­triebe. Und die Kinder waren Arbeitskräfte, auf die in Stoßzeiten nicht verzichtet werden konnte.

Ich bin ziemlich bald und ganz freiwillig zur Arbeit mit auf die Felder gezo­gen. Im Herbst ging´s zum „Kartoffeln-lesen“. Vornweg der Bauer mit dem Pferd, der zunächst einen „Damm“ Kartoffeln freilegte. Dahinter wir Kinder: Gebückt oder auf Knien rutschend sammelten wir die gelben Knollen zu­sammen und warfen sie in große Körbe. Erwach­sene trugen die vollen Kiepen weg und entleerten sie in einen Wagen am Feldrand. Zwi­schen­durch gab es kurze Pausen, in de­nen man den schmer­zenden Rücken gerade machen konnte und zu­sah, wie der Bauer das Pferd durch die nächste Kartoffel­furche trieb, wobei rotierende Gabeln die leuchtend gel­ben Knollen auswarfen. Dann galt es wieder, sie schnell in unsere Körbe zu sammeln, ehe Bauer und Pferd schon die nächste Reihe frei­legten. Der schönere Teil des Kartoffel­le­sens nahte punkt vier Uhr nach­mittags. Die Bauersfrau tauchte am Feldrand auf, schleppte auf dem Feldweg eine Kanne heran - sie hieß richtig „Lase“ -, in der köstlicher, mit Milch und Zu­cker versetzter Malz­kaffee schwappte, und in einem Korb brachte sie die Vesper-Brote, riesige vom Sechs-Pfünder-Brot geschnit­tene Scheiben mit gesal­zenem Schmalz oder Leberwurst oder Blutwurst. So mit den anderen am Feldrain zu sitzen und zu schwat­zen und dazu­zugehören – das war es wert, zuvor einige Stunden den Rücken zu krümmen! Am Ende des Ar­beitstages brannten dann manchmal noch Feuer aus getrocknetem Kar­toffel-„Krätsch“ (= Kraut), in deren Aschglut köstliche angekohlte Bratkar­toffeln geröstet wurden.

Im Frühsommer stand auf den Entschuldigungs-Zetteln der Bauerskinder als Grund des Fernblei­bens: „Rüben verziehen“. Rüben wurden zunächst in lücken­losen Reihen ausgesät. Dann zogen Gruppen von Frauen mit Hacken über die Felder und hackten Unkraut und überzählige Rübensaat aus. Anschließend kro­chen wir - Kinder und Frauen - auf Knien über den Acker und rissen von Hand aus, was jetzt noch den Aufwuchs der zarten Rübenpflänzchen störte. Da gab es in glühen­der Sonne und bei stein­hartem Boden manchmal Anlass zum Stöhnen, aber auch zum Staunen, wenn plötzlich mitten auf dem nackten Boden ein paar winzige Eier lagen und hoch oben eine Ler­chenmutter sorgenvolle Ablenkungs-Gesänge erklingen ließ. Und spätestens beim Vesperbrot war die Welt wieder in Ordnung. Und die 60 Pfennige Arbeitslohn je Stunde, die prompt am Ende jedes Arbeitstages ausgezahlt wurden, waren auch nicht zu verach­ten.

Übrigens gab es damals noch eine und zwei Mark nur als Geld-Scheine und 50 Pfennige kursier­ten nicht nur als Messing-Münzen, sondern es gab sie zusätzlich als kleine blaue Banknoten.

 

Kühe hüten und Sonnenfinsternis

Es gab noch mehr Arbeiten auf dem Bauernhof, für die Kinder einge­spannt wur­den. Eine davon war „Kühe-Hüten“. Jeder Bauer hatte einige Kühe, die sommers täglich hinaus auf die Weide mussten. Feste Zäune um die Wiesen anzulegen lohnte nicht, elektrisch geladene Zäune gab es noch nicht, aber Kinder hatte je­der Bauer. Und so saß ich dann mit mei­nem Freund Lothar viele Nachmittage lang auf Wiesen herum, wir bliesen Pusteblumen aus, zählten Ameisen oder beob­achteten den Flug von Schäfchenwol­ken, immer ein halbes Auge auf die fünf Kühe habend, die träge vor sich hin käuten, dann aber manchmal urplötzlich zielstrebig in Nachbars Feld strebten, weil es dort im prallen Rübenblättergrün viel bes­ser schmeckte. Dann trie­ben wir die störrischen Biester zurück auf un­sere Wiese und träumten im Liegen weiter. Beim „Vesper“ wurden wir auch hier nicht vergessen, wir machten eine richtige, notwendige Arbeit und die war ihres Lohnes wert - in Gestalt von Schmalzbroten.
Beim Kühe-Hüten haben wir einmal auch eine totale Sonnenfinsternis er­lebt. Irgend­was hatte in der Zeitung gestanden. Wir hatten Glasscherben über einer Kerzen­flamme mit Ruß geschwärzt, und dann saßen wir auf unserer Wiese und warte­ten. Dann kam sie, beziehungsweise er kam, der Schatten, der die Sonnen­scheibe Stück für Stück auffraß. Die Kühe wur­den unruhig, die Vögel schwiegen. Immer dunkler wurde die Welt. Und wir guckten gebannt durch unsere Gläser. Und dann war´s vorbei, viel zu schnell - ich hatte mir ein Drama von mehrstündi­ger Dauer vorgestellt, das in Ruhe zu genießen war. Also Schluss mit der Grusel-Romantik, die ver­störten Kühe kümmerten sich wieder um das Gras.

 

Federvieh und Russenjagd

Beim Herumstöbern in Feld und Flur begegnete uns allerhand Getier. Manchmal piepste es aufge­regt im Getreide. Rebhühner stoben mit einem typischen pfei­fenden Geräusch im Tiefflug davon. Und wenn wir dann aufmerksam weiter gin­gen, saßen bald am Boden zwischen den Halmen vor uns winzig kleine Feder­bällchen und stellten sich tot. Rebhuhnküken! Man konnte sie sogar anfas­sen und hoch nehmen. Sie wurden stets wie­der frei gelassen und wuselten dorthin, wo die Alten lockten. Fasane stolzierten auch viele Jahre lang als regelmäßige Gäste auf der heimischen Wiese bei uns zu Hause am Hang herum, krakeelten und posaunten im dichten Gebüsch und schliefen hinten im Garten im Ge­äst der großen Eiche. Und Hasen - rich­tige Feldhasen, keine Kaninchen - begegneten einem immer und überall. Wer sommers oder winters über ein Feld stiefelte, stöberte bald einen die­ser Springer aus seinem warmen Loch-Lager auf.

Es gab auch gezieltes Hasen-Stöbern. Irgendwann an einem klaren kalten Win­tertag tauchten je­des Jahr „die Russen“ auf. Zwei, drei Lastwagen voller aschgrau gekleideter Soldaten rollten ins Dorf. Die jungen frierenden Muschkoten wurden losgeschickt und zogen in breiter Reihe über die kahlen Felder, unlustig Krach schlagend. Ihre Offiziere luden die Jagd­gewehre, stellten sich auf der Höhe auf und ließen sich die Hasen zutrei­ben. Dann knallte es hin und wieder, mal schlug ei­ner der braunen Läufer einen letzten Salto und blieb liegen, mal raste einer trotz der wütenden Rufe der Treiber quer durch ihre Linie in die Freiheit. Wir Kin­der zogen neugierig hinter den Sol­daten her. Und manchmal sahen wir auch, wie heimlich einer der Uniform-Bemützten einen toten Hasen nicht zum Sam­melplatz trug, sondern ihn unter der Jacke versteckte, gezielt irgendeinen Busch am Feld­rand ansteuerte - dort fand er dann eine Wodkaflasche, die als Tauschäquivalent von einem Dörfler deponiert worden war. Es gab auch Leute im Dorf, die in ähnlich funktionieren­den „Geschäfts“-Beziehun­gen von den Russen Benzin ertauschten, manchmal gleich fässerweise.

 

Liesel von der Post

Wer wissen wollte, was im Dorf los war, musste auf die Postfrau warten. Jeder Ortsteil hatte seine eigene Postfrau. Bei uns war das lange Zeit „Bergers Liesel“. Zu uns kam sie – weil wir am Ende des Dorfes wohnten – immer erst gegen Mittag. Die dicke Amts-Tasche am - natürlich gel­ben - Postfahrrad war da schon fast leer. Und während Zeitungen und Briefe hervorgekramt wur­den, sprach man über dieses und jenes und über diese und jenen – und war dann auf dem Lau­fenden, wer mit wem, und wo ein Kind geboren war, und wie es Schmidts Dorchen ging ... Manchmal gab´s auch einen - natürlich selbstgemachten - Eierlikör zum Abschied. Und je­den Sonnabend nahm die Postfrau ein Beutelchen mit getrockneten Brot­kanten mit, die wir während der Woche gesammelt hatten - für ihre „Karni­ckel“ zu Hause.

 

Zu Hause leben und sterben

In den Häusern rundum spielte sich das Alltagsleben der Menschen ab – in voller Breite.

Die meisten Kinder wurden in den 1950er Jahren noch zu Hause geboren. Und genauso selbst­verständlich fand dort auch das Sterben statt. Es gab keine Kühlzellen beim Bestatter, keine Lei­chenhalle auf dem Friedhof. Gestorbene blieben zu Hause, wurden von den Angehörigen zurecht­gemacht und einige Tage aufgebahrt. So waren Besuche möglich, man konnte von dem Verstorbenen Abschied nehmen und mit den Hinterbliebenen reden. Am Tag der Beerdigung wurde der Sarg am Sterbe-Haus abgeholt. Er rollte im offenen Wagen – von Pferden gezogen - aufgebahrt durchs Dorf, manchmal kilometerweit. Vornweg gin­gen der Pfarrer und der „Kreuzträger“, ein Kind im schwarzen Umhang. Hinter dem Wagen schrit­ten die Trauernden, die älteren Bauern trugen damals noch schwarze Anzüge und Zylinder.

 

Röntgenreihenuntersuchung

Die Lungenkrankheit „Tuberkulose“ hatte in der Nachkriegszeit verhee­rend gewütet. Nach und nach wurden Schilder an den bäuerlichen Ställen angebracht mit dem Hinweis „Tuberkolosefreier Rinderbestand“ und machten so deutlich, dass die Krankheit allmählich eingedämmt werden konnte. Um aber erkrankte Menschen rechtzeitig ausfindig machen und behandeln zu können, wurde in der DDR ein gigantisches Früherken­nungs- und Vorsorgesystem eingeführt.

Einmal im Jahr war deswegen das ganze Dorf auf den Beinen. Jeder Bür­ger musste antreten, um seine Lunge röntgen zu lassen. Dann stand ein großer bauwagenähnlicher weißer Wagen auf dem Platz vor dem Dorf­gasthof, auf der Seitenwand stand in großen Lettern geschrieben: „Rönt­genzug“. Die Leute standen Schlange, Karteikarten wurden verglichen, dann hieß es: „Bitte den Oberkörper freimachen“, dann war man allein in der großen Maschine, presste seine Brust an eine kalte Platte, „Luft an­halten“, es rasselte und war ir­gendwie unheimlich, und dann war der nächste dran. Wir Kinder gingen gleich in Schulklassen­formation während des Unterrichts dorthin.

Einmal im Jahr kam der Zahnarzt in die Schule und inspizierte die Gebisse aller Kinder. Und auch der Dorfarzt kam jedes Jahr und kontrollierte den Gesundheitszustand aller Kinder gleich im Klas­senzimmer. Wir wurden „abgehört“ und abgeklopft, bei Auffälligkeiten zur Behandlung in die nächste Sprechstunde bestellt. Und wir wurden gleich klassenweise in der Schule geimpft, z.B. gegen Pocken, Tuberkulose oder Kinderlähmung; Impfen war Pflicht, und das war gut so!

Da eine vollwertige Nahrungs-Versorgung für viele Kinder in der Nach­kriegszeit zu Hause nicht gewährleistet war, gab es für alle Kinder jeden Tag kostenlos einen Viertelliter „Schulmilch“. Und an der „Schulspeisung“ - als Mittagessen angeboten zu sehr moderaten Kosten - nahmen fast alle Schüler teil.

Die medizinische Versorgung wurde staatlich organisiert. Im Nachbardorf gab es ein „Landambu­latorium“, in dem ein vom Staat gegen Gehalt ange­stellter Arzt täglich Sprechstunden hielt. Einmal in der Woche kam auch ein Zahnarzt dorthin. Dem Arzt zugeteilt waren „Gemeindeschwestern“ in den einzelnen Dör­fern, die in den Gemeinde­schwesternstationen kleinere Versorgungsfälle selbst „verarzten“ konnten. Hier hielt der Arzt auch regelmäßig Sprech­stunden ab.

 

Wirtshaus

In der Dorfkneipe hatten wir Kinder eigentlich nichts zu suchen, höchstens gab´s da mal Limonade zu holen. Aber weils manchmal am Wochenende dort hoch her ging, schlichen wir doch hin und wieder in der Dämmerung hin. Durch die offenen Türen drangen die rustikalen Klänge der Tanz-Kapelle nach draußen. Paare knutschten an der Hecke des Kneipen­gartens. Besoffene entleerten sich. Schlägereien gehörten (leider) auch zu einem „richtigen“ Tanzabend. Erst gab´s Rempeleien aus nichtigem Anlass, dann krachte ein gläserner Liter-Bier­krug auf den Tresen. „Komm mal mit raus“, hieß es, und dann war Remmidemmi.

Viel interessanter für mich als 13-jährigen war ein Geld-Spiel-Automat, der in der Wirtsstube an der Wand hing. Da konnte man Spielmarken kaufen und dann versuchen, sie mit Geschick in die richtigen, gewinnträchtigen Löcher zu schnipsen. Ich war ein paar Wochen lang richtig süchtig, und habe alles Geld, das ich zu Hause in meiner Sparbüchse - und anderswo - fand, in diesem Kasten versenkt.

 

Bach andämmen

Durch unser Grundstück floss ein kleines Rinnsal, auf der anderen Stra­ßenseite war der Dorfbach - genug Verlockung für tagelange bauliche Unternehmungen. „Bach andämmen“ hieß das Stichwort, das ganze Gruppen von Jungs beflügelte. Wir rückten mit väterlichen Spaten an, erweiterten das Bachbett zu kleineren Seen, schleppten Bretter und Steine heran, um daraus Dämme und Sperrmauern zu errichten. Mit Schlamm und Grasbüscheln versuchten wir, die Bau­werke abzudichten. Das Wasser stieg, die Tümpel füllten sich, man konnte Schiffchen fahren las­sen ... und was eigentlich noch? Irgendwann zogen die Bautrupps ab, am Ende siegte immer das Wasser, das unsere Dämme durchbrach und die errichteten Barrieren wieder wegriss.

 

Bettel-Kinder

Einmal im Jahr brach im Dorf die „große Armut“ aus. Betroffen waren vor allem Kinder, kleinere zu­mal. In Lumpen und Decken und großväterliche Jacken gehüllt zogen sie klagend von Haus zu Haus. „Ich bin dr gleene Geenich, gebbt mr nich zu weenich, lasst mich nich zu lange schdehn, ich will e Heisel weidergehn.“ Und was der Sprüche mehr wa­ren. Wenigstens ein „Ge­dicht“ dieser Art musste je­der aufsagen können. Denn erst nach dieser Mühe kriegten wir was. Faschings­dienstag war Betteltag. In kleinen Gruppen zogen die Kinder verkleidet von Haus zu Haus, rumpelten an den Türen, warfen Konfetti in die Hausflure und zogen erst ab, wenn Bonbons oder extra geba­ckene „Kräppelchen“ - aus Pfannkuchen­teig - oder auch kleine Geldmünzen in ihre Beutel gefüllt wurden. Abends wurde die kleb­rige Beute zu Hause bilanziert.

Eine weitere Gelegenheit zum Betteln waren Hochzeiten. Während ein Paar in der Kirche feierlich vermählt wurde, sammelten sich heimlich am Weg den Kirch­berg hinunter kleine Wegelagerer. Hier, wo das Brautpaar auf jeden Fall vorbei kommen musste, wurde ein Seil quer über den Weg gespannt. Oft waren einige schnell gepflückte Blumen hineingebunden. Und dann erschien der würdevolle Brautzug. Wehe dem Bräutigam, der solche Spiele nicht kannte. Mancher war vorbe­reitet und hatte eine Tasche mit Kleingeld gefüllt, das er nun mit Schwung über das sperrende Seil warf. Auf der anderen Seite wartete eine Kinderschar, die sich jauch­zend auf den Geldregen stürzte und zum Dank anschließend das Seil los­band. Manchmal hatten wir besonderes Glück, wenn nämlich der Bräuti­gam sich in der Aufregung oder in Unkenntnis nicht mit Kleingeld einge­deckt hatte und nun erst einmal selbst bei den Hochzeitsgästen betteln gehen musste – da war unter den anschließend geworfenen Geldstücken auch manches Mark- oder Zwei-Mark-Stück. Ganz böse Buben haben manchmal auch zwanzig Meter weiter noch ein zweites Seil gespannt.

 

Blasebalg-Treten

In jeder Kirche in unseren Dörfern war eine Orgel zur Begleitung der sonntäglichen Gesänge im Gottesdienst. Meist gab es schon ein elektrisch getriebenes Gebläse, das Luft in die Orgelpfeifen blies und sie zum Klin­gen brachte. Aber in unserem Nachbardorf Pfaffroda war das noch wie vor hundert Jahren. Dort musste, wenn der Kantor Orgel spielen wollte, ein zweiter Mensch da sein und den Blasebalg treten. Manchmal war ich dieser Blasebalgtreter. Der Gottesdienst begann, ich hockte auf der Treppe zum Glockenturm - in Bereitschaft. Dann bekam ich ein Signal vom Kantor, dass jetzt Luft nötig sei. Ich rannte eine Etage höher in den Turm. Dort war eine Extra-Kammer. Darin befand sich ein großer Kasten, in zwei Teilen aus Holz gefertigt und mit Ziegenleder abge­dichtet. Der obere Kastenteil war beweglich. Man konnte ihn mit einem Tretbalken als Hebel nach oben drücken, dadurch wurde Luft angesaugt, und dann hatte man ein Luftreservoir, aus dem mit gleichmäßigem Druck ein regelmäßi­ger Luftstrom in die Orgel gehen konnte; der Blasebalg war also ein Luft-Vorratsgefäß, in der Funktion ähnlich wie ein Dudelsack. Zum „Luftpum­pen“ stellte ich mich auf zwei Balken, die im Wechsel nach unten getreten werden mussten, um den Blasebalg-Kasten ständig neu mit Luft zu füllen.

Misslich war es, wenn man – weil das Orgelspiel weit weg stattfand – das Blasebalgtreten zu zeitig beendete: Dann erstarb der Choral in einem jämmerlichen Gewimmer der Orgel.

 

Die Einsamkeit von Straßendorf-Kindern

Unser Dorf zog sich an einer Straße hin. Häuser und Gehöfte waren fast durchweg nur auf einer Seite errichtet worden. Einen richtigen Dorfkern gab es nicht. Das führte dazu, dass die Leute weit auseinander wohnten, dass es wenig Nachbarkinder gab, denen man einfach mal so über den Weg lief und die man zum gemeinsamen Spielen mitschleppen konnte. Wenn man überhaupt ei­nen Freund hatte, dann war es der, der zufällig am nächsten wohnte - und das konnte schon bei Klassenkameraden einen Kilometer weit sein. Man musste sich richtig verabreden für ir­gendwelche Lausbübereien, und deshalb saß ich oft dann allein in der Wohnung und las Indianer­bücher.

 

Umsiedler

Eigentlich sprachen alle im Dorf sächsisch. Aber manche Leute sprachen ganz anders. Wir beka­men mit: Das waren „Umsiedler“. Praktisch in jedem Haus waren in den Nachkriegsjahren solche Familien einquartiert. Sie waren nach dem verlorenen Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wor­den, stammten aus Dörfern, die jetzt zu Polen oder der Tschechei gehörten. Meist waren sie ohne Hab und Gut gekommen und lebten recht ärmlich; wie schlecht es bei ihnen zu Hause wirklich aussah, merkten wir in der Schule an der geflickten Kleidung und den fehlenden Schulbroten.

Ich habe erst später begriffen, dass es im Dorf doch ein Unterschied war, ob eine Familie schon immer dort lebte, oder ob jemand ein „Zugereister“, ein „Eingeheirateter“ oder eben ein „Umsied­ler“ war – die gehörten so ganz richtig nie „dazu“. Vier Jahrzehnte DDR-Zeit hatten eigentlich vieles im Sozialgefüge nivelliert. Die ehemaligen Bauern und deren Kinder waren in dieser Zeit Traktoristen, Schlosser, Viehpfleger, Agraringenieure, eben gleichberechtigte „Kollegen“ geworden. Aber doch feierten noch immer nur die Familien miteinander Geburtstage und Kindstaufen, deren Großväter „Vierspänner“ oder „Sechsspänner“ gewesen waren, die also vier oder sechs Pferde anschirren konnten; Leute mit nur einem Pferd oder gar ohne eigenen Grund und Boden lebten in einer anderen (Preis-)Klasse.

 

Lange Leitung zum Fräulein vom Amt

In den 60er Jahren ein Telefon zu haben, war ein großes Privileg. Die meisten Leute mussten an­dere Wege beschreiten, um Mitmenschen eine Nachricht zukommen zu lassen. In dringenden Fällen rief man dann bei jemandem an, der in der Nähe der Zielperson wohnte und von dem man wusste, dass er ein Telefon besaß, und bat ihn, doch einmal bei den Großeltern vorbeizugehen und ihnen folgendes auszurichten ... Oder man schickte ein Telegramm, das per Formular-Vordruck am Postschalter „auf­gegeben“ wurde oder auch übers Telefon. Dann rief man das „Fräulein vom Amt“ an, das den Text entgegennahm. Die Nachricht wurde dem Empfänger von einem Tele­grammboten überbracht und handschriftlich oder in Form ausgedruckter schmaler Textstreifen, die auf ein größeres Formular-Blatt aufgeklebt waren, ausgehändigt. Da stand z.B. VERGISS NICHT KOMMA DEN KUCHEN MITZUBRINGEN STOP MUTTER. Man konnte auch Tele­gramme mit bezahlter Rückantwort aufgeben, die Antwort war dann auf eine bestimmte Anzahl von Worten beschränkt. In diesem Fall wartete der Bote und nahm die Antwort gleich entgegen.

Bis in die 1970er Jahre hinein war freies Telefonieren nur im eigenen Orts­netz und in der unmittelba­ren Umgebung möglich. Alle anderen Gesprä­che wurden von Hand vermittelt, das bedeutete, man rief das Fernamt an, bekam, wenn man Glück hatte, eine nette Dame an den Apparat, sagte ihr, dass man ein Gespräch anmelden wolle, in welchen Ort und zu wel­cher Rufnummer. Manchmal konnte die gewünschte Verbindung gleich hergestellt werden, aber oft legten beide Seiten erst einmal den Hörer wieder auf, und 10 Minuten oder auch zwei Stunden später rief das „Fräulein“ vom Amt (die wurden wirklich so angesprochen) erneut an und konnte nun endlich den gewünschten Kon­takt herstellen.

Die Post hatte es in jenen Jahren auch nicht leicht. Wenn z.B. jemand aus Pirna an uns schrieb, konnte auf dem Brief stehen „Familie Krause, Schönberg bei Meerane, Pfarre“. Keine Postleitzahl, keine Hausnummer (obwohl unser Haus eine hatte). Oder wir waren zu suchen unter „Schön­berg/Sa.“, wobei es Sachsen in den 50er Jahren in der DDR offiziell gar nicht mehr gab.

 

Himmelhupp und Gliggser

Mit etwas Abstand habe ich – als Junge - die komplizierten Spiele beob­achtet, mit denen sich die Mädchen vergnügten. Eines davon hieß „Him­melhupp“. Ein gern genutzter Platz dafür war die Mitte der Straßenkreu­zung vor unserem Grundstück. Erstens kam da nur höchst selten ein Gefährt schneller als im Pfer­deschritt daher, und zweitens hatte die Straße noch keine Asphaltdecke, son­dern bestand einfach aus festgefahrenem Kies und Sand. Für das Spiel mussten zu­nächst viele rechteckige Felder auf den Boden geritzt werden. Dann wurden kleine Porzellanscherben gewor­fen, die bestimmte Felder treffen mussten. Diese Steinchen hießen „Gliggser“ - das bedeutete vielleicht so etwas wie „Glückser“, Glücks­steine. Und dann hopsten die Mädchen, mal auf einem Bein und mal auf zweien, mal vorwärts und mal rückwärts, und dabei sammelten sie die Steine wieder ein. Ohne auf eine Linie zu treten, verstand sich. Dann war die nächste dran.
Einmal habe ich dann aber doch bei so einem Mädchen-Wettbewerb mit­gemacht. Plötzlich hatten alle Kinder in der Nachbarschaft ein „Strick­liesel“. Die kleinen bunten Püppchen gab´s zu kaufen, aber es tat auch eine große hölzerne Garnrolle, in die vier kleine Nägel geschlagen wur­den. Mit einem solchen Gerät, mütter­licher Wolle und etwas Geschick war es möglich, einen bleistift­dicken hohlen Schlauch zu stricken. Daraus ließen sich zum Beispiel Topflappen fertigen. Uns aber hatte der Ehrgeiz gepackt, wer den längsten Strick produzieren konnte. Und so sah man wo­chenlang überall im Dorf Kinder, die in jeder freien Minute strick­ten und meterlange bunte Woll-Schlangen mit sich herum schleppten.

 

Rodelspaß und Zwirnseln

Richtiger Winter war früher natürlich jedes Jahr! Und wenn es dann end­lich kna­ckig kalt war und der Schnee die Landschaft weiß bedeckte, dann gab es kein Halten mehr. Nach der Schule flog der Ranzen in die Ecke und wir trabten, den Rodelschlitten hinter uns her ziehend, übers Feld. Rechts und links stoben die aufgeschreckten Hasen da­von. Unser Ziel waren die Hügel und Wie­sen-Hänge im Dorf, an denen sich auch die anderen Kinder sam­melten. Und dann stapften wir stundenlang immer wie­der zur Höhe hinauf, um die kurze Seligkeit des Hin­ab­gleitens zu genießen. Manchmal „kettelten“ wir auch zwei oder mehrere Schlitten fest zusammen und fuhren „Bob“, je­weils der auf dem hinteren Schlitten steuerte den vorderen. Eine dicht gedrängte Kinderschar hockte auf dem Schlit­ten-Wurm, der mit Schreien und Quieken zu Tale schoss und - nicht ganz unbeabsichtigt - unterwegs oft alle Insassen im tiefen Schnee ab­kippte. Spä­ter hatten wir manchmal auch Schneeschuhe an den Füßen. Da wurden fach­kundig Sprung-Schanzen aus Brettern und Schnee errichtet, über die wir kühn hinunter­sprangen ins Tal - manchmal auch tollkühn, nach 10 Metern Flug gab´s da schon mal einen verstauchten Knöchel, oder das Leben eines Ski-Bretts en­dete im „Spitzen-Salat“.

Auch der schönste Wintertag ging irgendwann zu Ende. Müde und hungrig schlappten wir über die Fel­der nach Hause. Und erst dort – in der Wärme der Stube – tauten die klammen Finger und frie­renden Füße langsam wieder auf, beglei­tet von einem typischen Schmerzgefühl, das „Zwirn­seln“ genannt wurde und erst langsam nachließ, wenn die Füße auf mütter­lichen Befehl in heißes Was­ser gesteckt wurden. Heißer Tee - natürlich Marke „Doktor Hungers Kräutertee“ - und viele Wurst­schnitten brachten den Abend dann wieder endgültig ins Lot. Und vorsichtshalber wurden an kal­ten Tagen vor dem Schlafengehen auch noch die Bettdecken am Wohnzimmer-Ofen aufge­wärmt.

Im Winter hatte auch der Schulweg seine besonderen Reize. Am Straßen­rand gab es tiefe Schneewehen. In diese konnte man sich hinein fallen lassen, dann die Arme ausbreiten, und am Ende sah der hinterlassene Eindruck aus wie ein Vogel, der sein Gefieder ausgespreizt hat. Wir waren voller Schnee, schön nass, und eine überzeugende Ausrede für die Ver­spätung in der Schule war auch noch fällig.

 

Der Landfilm kommt

Den ersten Film meines Lebens habe ich zu meinem sechsten Geburtstag gese­hen. Feierlich schritten Eltern und Tanten mit mir als Ehrengast in eines der zwei Kinos, die in der Kleinstadt ne­benan existierten, und be­wunderten „Das doppelte Lottchen“.
Wenige Jahre später gehörte Kino auch auf dem Dorf zum Alltag. Aller 14 Tage hingen neue Plakate am Kötheler Gasthof: „Der Landfilm kommt“. Und drunter stand noch, welchen Film für Erwachsene und welchen für Kinder er im Gepäck hatte. Der Landfilm war für uns Kinder ein Mann, der mit einem klapperi­gen Auto vor­fuhr, eine beeindruckende Menge an Gerüsten und Technik und Kisten auspackte und auf einer Seitenfläche des großen Tanzsaales Leinwand und Kino-Projektor installierte, ständig beobachtet und unterstützt von ei­ner neu­gierigen Kinderschar. Der Landfilm spielte für Kinder zum Preis von 25 Pfenni­gen, abends für die Erwachsenen wollte er 80 Pfennige Eintritt. Als Gegenleis­tung brachte er Kultur zu uns, manchmal heitere und unterhaltsame, meist aber revolutionär-beleh­rende Filme. Wiederholungen waren häufig; einige Jungen aus meiner Klasse hatten in kurzer Zeit das bedeut­same Werk „Schüsse an der Grenze“ fünfmal gesehen und sprachen die Dialoge mit. Aber da es noch kein Fernsehen gab, bot der Landfilm will­kommene Abwechslung und die Vorstellun­gen waren gut besucht. Wichti­ger Bestandteil des Programms war die Wochenschau „Der Augen­zeuge“, die zwangsweise zum Start gezeigt wurde, zwar immer schon Mo­nate alt war, aber ein Stück Information - und Agitation - über die große weite Welt draußen ins Dorf brachte. Kino war auch im kältesten Winter. Dann wusste das Publikum Bescheid, jeder klemmte ein paar Scheite Holz oder einen Beutel mit Braunkohlen-Briketts unter den Arm, in der Saalecke bullerte rotglü­hend ein Ei­senofen, und dort herum scharte sich das Volk.
Die Städter hatten´s besser. Im kleinen Nachbarstädtchen gab es zwei Kinos, die in den noch weit­hin fernsehfreien Zeiten der 50er, 60er und auch 70er Jahre guten Zulauf hatten.

 

Nasspresssteine

Ein Stück außerhalb des Dorfes gab es eine „Kohlengrube“. So richtig was von Grube war eigent­lich nicht zu sehen, wenn man von den ständigen Einbrüchen und Absenkungen der Straße ab­sah, die dort vorbei führte. Aber es war tatsäch­lich ein Braunkohlen-Schacht, meines Wissens der südlichste im Mitteldeutschen Revier. Man merkte das am Inhalt von einer Art großen Regalen, die die Straße säumten. Dort lagerten ordentlich ge­stapelt ziegelgroße dreckig-dunkle Quader. Sie bestanden aus sehr min­derwertiger Braunkohle - eher von Blumenerde-Qualität -, die ge­presst worden war, und sollten an der Luft trocknen. Nasspresssteine hießen sie amtlich und waren in den Nachkriegsjah­ren das einzige käufliche Heiz­material in unserer Region. Gewonnen wurde der Rohstoff in etwa zwan­zig Metern Tiefe, untertage, in mühsamer und gefährlicher Handarbeit mit Hacken und Schaufeln. Bei uns zu Hause wurden die Torfsteine im Keller gestapelt und zusammen mit Holz­abfällen im Kachelofen verbrannt. In den 60er Jahren wurden sie von Braun­kohlebriketts abgelöst. Vom Braun­kohlebergbau im Dorf zeugen heute nur noch Bergschäden in Gestalt ei­ner - durch Einbrüche - ungewöhnlich gewellten Straße.

Mit Braunkohle zu heizen war eine richtige Kunst. Zunächst mussten die im Keller gebunkerten Briketts mit Eimern in die Wohnung geholt werden. Der Kachelofen hatte zwei Türchen. Im oben liegenden Feuerraum des Ofens wurde auf einem Eisenrost aus Zeitungspapier und dünnen Holzscheiten ein kleines Nest gebaut und zum Brennen gebracht. Wenn der Schornstein richtig „zog“ und das Holz Feuer gefan­gen hatte, wurden vorsichtig und mit Sys­tem Briketts darum und darüber geschichtet. Die Ofentür wurde geschlos­sen, und nun konnte über die offene Tür des darunter befindlichen Asche­raums richtiger „Zug“ entstehen. Die Intensität des Brennvorgangs konnte durch das Öffnen oder Schlie­ßen der unteren Klappe geregelt werden. Wenn nach einer halben oder einer Stunde die Briketts „durchgebrannt“ waren – d.h. nur noch helle weißrote Glut zu sehen war -, konnte der Ofen „zuge­schraubt“ werden; jetzt waren also beide Ofentüren fest verschlos­sen. Die durch kleine Fugen und Spalten neben der Tür weiter einströ­mende Restluft reichte aus, um den Brennvorgang lang­sam zu Ende zu bringen. Wenn man den Ofen zu zeitig schloss, bestand die Gefahr, dass nicht vollständig verbranntes giftiges Kohlenmonoxid in den Wohn-Raum zurückströmte!

Da das Anheizen ein recht mühsamer Prozess war, wurde das Verfahren manchmal abgekürzt. Dann wurde mit einer Schaufel direkt aus dem Feuerraum eines „durchgebrannten“ Ofens ein Teil der Glut entnommen und vorsichtig zum nächsten Ofen getragen und bildete die Grundlage für ein neues Feuer. Im eisernen Aschekasten unter dem Feuerraum sam­melte sich die weißlich-graue Asche, die später durchs Haus hinunter zur Aschengrube getragen werden musste. Die Asche fand auch als Dünger im Garten und auf winterglatten Wegen als Streumittel Verwendung.

 

Lebenskunde

Unterricht für wesentliche Dinge, die man fürs Leben wissen muss und brauchen kann, gab´s gra­tis und nebenbei. In fast jedem Haushalt gab es mehr oder weni­ger gut gezimmerte Bretterkisten, in denen Stall-Hasen - die ja eigentlich Kanin­chen sind - hausten. Hin und wieder wurden die weib­lichen Tiere in eine Lederta­sche gepackt. Dann ging es ab zum Nachbarn, der einen Rammler hatte. Die beiden Tiere wurden zusam­mengesperrt, beschnupperten sich ein Weilchen, dann saß das männliche Tier kurz obenauf, knurrte und „rammelte“, und das war´s schon. Ein paar Wo­chen später „warf“ „die Alte“, und es gab junge Hasen zu besichtigen. So war das also mit dem Kinderkriegen. Der Hahn und die Hüh­ner in Kir­bachs Garten machten es ähnlich.

Eine Katze - manchmal war´s auch ein Kater - gehörte natürlich auch all die Jahre zu unserem Haushalt. Und Katzen begnügten sich nicht mit ihrem Job, Mäuse zu fangen, zweimal im Jahr lie­ßen sie sich auch von Katern umwerben. Im Ergebnis der lautstarken und nervtötenden Ge­sänge in den Hochzeitsnächten kamen re­gelmäßig kleine Katzen zur Welt, und einmal fand die Geburt ganz öffentlich auf dem Sofa im Wohnzimmer statt. Also war auch das klar.

Tiere gehörten zum Haushalt. Gehörten auch irgendwie zur Familie. Umso schlimmer, wenn dann einer unserer Hausgenossen starb. Manche Katze hat ein richtiges Begräbnis erhalten, mit Sarg (Schuhkarton), Blumenkreuz und Gedenk­stein.

Tiere zu haben war nicht nur Lust, es brachte auch Pflichten. Das „Kat­zenklo“ – bei uns ein eiserner Kasten, gefüllt mit Braunkohlenasche - musste täglich ge­leert und neu befüllt werden, die „Hasen“ hockten auf schnell wachsenden Mistbergen, die irgendwann ausge­räumt werden mussten, natürlich von mir, dem stolzen Besitzer.

 

Karbid und Motzen

Das ist einer der Gerüche, die ich nie loskriegen werde: faule Eier, etwas Ret­tich ... Karbid hatte jeder ordentliche Mann zu Hause, jedenfalls, wenn er nachts Rad fahren wollte. Da wurde nämlich die Karbidlampe angezün­det. Dazu war zunächst ein Behälter mit trockenen Karbid-Brocken zu füllen. Darüber befand sich ein kleines Gefäß mit Wasser. Aus diesem tropfte - vorsichtig zu regulie­ren mit einem Hahn - Wasser ins Karbid. Durch eine chemische Reaktion wird ein Gas freigesetzt (Azetylen), das man anbrennen kann. Das so erzeugte flackernde Licht half dem Mann, den Weg von der Männer­chor-Probe nach Hause zu finden.
Auch wenn der Schmied schweißen wollte, benutzte er Karbid zur Herstellung von Schweiß-Gas.
Und wir Jungens hatten noch ganz anderes gehört: Wer Karbidpulver in eine Blech­dose oder Glas­flasche füllt, gleich richtig viel Wasser reintut, das Gefäß schnell fest zu­deckelt und in einen Fischteich wirft, der hat  - nach einer ordentlichen Explosion - zu Mittag Fisch in der Pfanne. Ge­redet haben wir viel, getraut hat sich´s keiner. Aber die größeren halbwüchsigen Jungen ließen es schon manchmal schrecklich in den Sandgruben krachen.

Jedes Jahr im Frühling frönten wir Kinder - und auch manche Erwachsene - einem an­deren zweifelhaften Vergnügen. An Wiesenhängen und Weg­rändern fanden sich überall schwarze Brandstellen und glimmende Gras­reste. Wir gingen „motzen“ (mit „langem“ o zu sprechen). Mit der Begrün­dung, dass das gut sei für den Neu­austrieb des Grases im Früh­ling, wurde alles alte Gras abgefackelt. Und wenn sich die Flämmlein züngelnd durch dicht und dünn vorwärts fraßen, dann hatte das einen verführerischen Reiz, dem wir jahrelang einfach nicht widerstehen konnten.

 

Weiden-Ernte

Jedes Jahr einmal stand ein Mann vor unserer Tür. Er fragte artig meinen Vater als Grundstücks­eigentümer, ob er unsere Weiden schneiden dürfte. Er durfte natürlich. Und dann ging er hin an den Dorfbach, wo die Kopf­weiden stan­den. Aus ihren Stümpfen war im letzten Jahr ein Schopf ein­zelner, dünner, langer Ruten hervor geschossen. Und die brauchte er. Der Mann war nämlich Korbma­cher. Er flocht aus den Ruten, nachdem er sie getrocknet hatte, allerlei nützliches Gerät und Korbartiges. Und er pflegte gleichzeitig durch den regelmäßigen Schnitt unsere Weiden und sorgte dafür, dass sie nicht ins Kraut schießen konn­ten.

 

Sintflut

Aller paar Jahre gab´s eine Überschwemmung. So etwa im Sommer des Jahres ´54. Nach länge­ren Regenperioden oder in der Folge katastropha­ler Gewitter­güsse konnte der Dorfbach die Was­sermassen nicht mehr fassen. Eine wilde lehmig-braune Sturzflut schoss im Bachbett hinunter und trat bald über die Ufer. Kisten und Balken und allerlei Unrat aus den oberhalb gelegenen Grundstücken trieb in schneller Fahrt vorbei, bestaunt von neugierigen Kinderaugen. Das Spekta­kel dauerte nur ein oder zwei Stunden. Dann wurden wir zu Katastrophen-Touristen. Gummibe­stiefelt wanderten wir das Dorf hinauf. Und da war wirklich was los: Manche Grundstücke lagen deutlich tiefer als das Bachbett und hatten bei über­laufendem Wasser keine echte Chance. Zwar gab es Vorrichtungen, die dem Wasser den Weg in die Wohnstuben versperren sollten, aber oft sa­ßen dann doch hilflose Nachbarn neben ihrem tropfnassen Hausrat. Für uns Kinder war es interessanter, dass nun auch der Sportplatz tagelang unter Wasser stand und dort Fische herum­schwammen. Einmal, als nach einem Gewitterguss das Wasser quer durch unseren Garten ge­stürzt war, lagen zappelnde Fische sogar direkt vor unserer Haustür.

 

Seuchenalarm

Alle paar Jahre brach große Hektik aus. Plakate hingen an den Häuser­wänden und warnten vor der „Maul-und-Klauen-Seuche“. Quer über die  Dorfstraße wurden am Dorf-Ein- und Ausgang „Seuchenmatten“ errichtet, flache Holzkästen, mit Sägespänen gefüllt und mit einem Desinfek­tions­mittel getränkt – und da mussten unter Kontrolle alle Pferde und Fuhr­werksräder und Fuß­gänger durch, um die Krankheitserreger nicht weiter­zutragen.

 

Feuerläuten

Ich habe mir meine erste Uhr mit 14 Jahren zur Konfirmation gewünscht. Uhren brauchte man ei­gentlich nicht im Alltagsleben, die Rhythmen des Tages waren klar, und bei Notwendigkeit wurde daran erinnert. Den Puls­schlag der Zeit gaben die Kirchenglocken an. An Werktagen wurde früh um sechs Uhr - winters um sieben - ge­läutet: Der Arbeitstag begann. Dann ertönten die Glocken wieder mit­tags um 11: Das war das Signal an die Bauern auf den Feldern, damit sie rechtzeitig zu Mittag wieder auf dem Hof waren, um zu essen und sich selbst und den Pferden zwei Stunden notwen­dige Pause zu gönnen. Das dritte Mal läutete es abends um 6 Uhr - winters um 5 -, alle kehrten jetzt heim, und auf vielen Höfen gab es zunächst eine „Dämmerstunde“ im wahrsten Sinne des Wortes. Man wartete ab, bis es richtig dunkel wurde und „dämmerte“ zur Erholung vor sich hin, ehe die abendlichen Ar­beiten in Haus und Stall begannen.

Das Läuten - alle im Dorf sagten: „Lauten“ - der Kirchturmglocken war eine wichtige und höchst amtliche Tätigkeit. Jahrzehnte lang stieg „Thiemes Ida“ drei­mal täglich auf unseren Turm, schwenkte die Glockenseile und zog durch Drehen mächtiger Kurbeln die Gewichte der Turmuhr auf. Die lebendige ältere Frau hatte nicht nur das Alltags-Geläut zuverlässig zu besorgen, da gab es noch eine Menge weiterer sehr differenzierter Läute-Regeln.

Einmal schreckten uns Schulkinder unbe­kannte, bedrohliche Schläge der „großen“ Glocke - die Schule stand unmittelbar neben dem Kirch­turm. Thiemes Ida war eben auch für den Feueralarm zuständig. Im Nach­bar­dorf brannte „Dietzmanns Scheune“. Frau Thieme war durch einen Boten alarmiert worden – ein Telefon hatte praktisch niemand im Dorf. Nun stand sie unmittel­bar unter der großen Glocke und bewegte mit der Hand den schweren Klöppel, der gegen die Glocke schlug. Das war „Feuerläuten“ und klang ganz anders, als wenn die Glocke mit dem Seil in Bewegung gebracht wurde. Der Alarm ward im Dorf gehört, die Mitglieder der Frei­willigen Feuerwehr sammelten sich und rückten aus, und wir kriegten schulfrei, rannten mit Schulranzen zum Ort des Geschehens und lausch­ten angesichts von rauchenden Trümmern den gru­seligen Berichten und Vermutungen der anderen Schaulustigen.

 

Der erste Fernseher

Es ging Mitte der 50er Jahre wie ein Lauffeuer durchs Dorf: In der Stadt gibt es einen Fernseher! Wir Jungen machten uns sofort mit dem Fahrrad auf den Weg, um dieses Weltwunder zu besichti­gen. Mit vielen anderen Schaulustigen drück­ten wir uns die Nasen platt an der Schaufenster­scheibe eines Rundfunkladens und staunten. Eine kleine, rundliche Matt­scheibe - vielleicht 20 Zentimeter in der Diagonale - zeigte verschwom­mene, schwarzweiße, aber eben bewegliche Bilder. Zunächst nur für ein oder zwei Sende-Stunden am Tag. Schnell hielten die neuen Geräte Einzug in die ers­ten Bauernstuben. Wir guckten alles an, was kam, das Flimmerbild machte süchtig. Bald kam ein wichtiger Unterschied hinzu. Es gab näm­lich Ost- und West-Fernsehen. Um letzteres zu empfangen, brauchte man etwas Geschick, um provisorische Antennen aus aufgespannten Drähten zu bas­teln. Die „Tagesschau“ wurde fester abendlicher Programmpunkt, der „Weltspiegel“ oder Werner Höfers sonntäglicher „Frühschoppen“ machten fortan die Welt etwas größer.
In der DDR war West-Fernsehen politisch nicht erwünscht. Die Antennen wurden im Dachgebälk ver­steckt. Fast jeder guckte, aber man redete nicht drüber.

 

Absatz-Reißer

Gleich vor unserem Haus lag der „Pfarrteich“. Zum Baden war die schlammig-trübe Brühe weniger geeignet, obwohl wir auch das, genau so wie das Kahnfah­ren mit alten Badewannen oder das Flößen auf schwimmfähig gemachten alten Haustüren versucht haben. Aber paradie­sisch wurde es im Winter. Kaum gab es einige Tage Frost, schon standen wir Kinder zunächst angstvoll-sin­nend vor der lockenden silbrigen Eis­fläche, stießen bald Stöcke durch das Eis, um seine Stärke zu erkunden, und wenig später lag der erste mutig auf dem Bauch und robbte hinüber zur Insel in der Teichmitte. Wenn das gelang, ohne dass einer von uns einbrach, durchs eisige Wasser waten und zu Hause einiges erklären musste, dann ging die frohe Kunde durchs Dorf: „Es hält!“. Und bald tob­ten viele Kinder auf der manchmal noch immer warnend knackenden Eis­fläche herum. Einige brachten Schlittschuhe mit, die sie in heimatlichen Bodenkammern gefunden hatten. Die Schlitt­schuhe wurden mit krallen­förmigen Backen von der Seite her an die Sohle von Schuhen ange­schraubt. Und als Schuhe war uns Kindern dabei alles recht, was wir ge­rade an den Füßen trugen. Aber bei den wilden Jagden, die dann auf dem Eis stattfanden, strauchelte immer wieder mal einer. Die Schuhsohlen oder noch öfter die Absätze überlebten die heftigen Prüfungen nicht und rissen einfach komplett ab. Manchmal haben wir heimlich die Schuhe - es wa­ren ja in der Regel unsere einzigen Winterschuhe - selbst wieder zu­sam­mengenagelt, aber der Verschleiß war für die Eltern wohl ziemlich ruinös.

 

Eulenkinder

„Kinder - wollt ihr mal mit hoch auf den Kirchturm?“ Keine Frage, wir woll­ten! Das war ein Privileg für uns Pfarrerskinder und das war auch immer ein besonderer Tag. Es ging viele steile, staubige Stufen hoch, die übersät waren mit Tausenden toter Fliegen, noch eine Etage und noch eine. Vor­bei am Kirchenboden - wurmstichige Stühle und alte Kisten mit zerfleder­ten Büchern im Halbdunkel -, weiter zur tickenden Uhr, danach kam das Stockwerk, auf dem die drei Glocken hingen, und dann wurde es ganz dunkel. Es galt, eine Leiter zu ertasten, die sehr steil in totaler Finsternis nach oben führte. Der erste, der ganz oben ankam, musste eine schwere Abdeckplatte anheben und wegschieben, und dann konnten wir hin­aus­kriechen auf die „Aussicht“, eine mit Si­cherheitsbarriere umge­bene Platt­form, von der aus sich ein weiter Rundumblick auftat. Als Sahnehäubchen eines solchen Aus­flugs stiegen wir manchmal ganz vorsichtig noch eine Ebene weiter hinauf. Durch ein enges Loch gelangte man in den Turm­kopf. Wenn sich die Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, tauchten merkwürdige Wesen auf, gefiederte graue, weißliche und später braune Wollbälle, alle unterschiedlich groß. Da saßen stumm junge Schleiereulen und wunderten sich über den Besuch. Auf dem Weg wieder hinunter vom Turm steckten wir uns dann immer einige unschein­bare grau­schwarze Klumpen in die Hosentaschen. Wenn man diese Gewölle, die die Eulen als unverdauliche Reste ihrer Verdauung – wieder durch den Schnabel - auswürgen, vorsichtig zerlegte, fanden sich säuberlich abgenagte Schädel von Mäusen oder deren di­verse Gebeine – solche Funde zierten dann monatelang den Tisch im Jun­gen­zimmer.

 

Als es noch Maikäfer gab

Eigentlich gab es die Maikäfer immer - irgendwann im Mai ... Man ging hinaus, nahm sich einen beliebigen Baum vor, kurzes Schütteln an einem Ast, es machte KLACK, und unten lag ein Mai­käfer, oder auch zwei oder drei. Tagsüber schliefen die Käfer im Geäst, um dann in der abendli­chen Dämmerung brummend auf Brautschau zu fliegen. Dabei konnte man die schwerfälligen Tiere auch mit der Hand „abditschen“, das hieß zu Boden schlagen. Die Krabbeltiere wurden in Kartons mit Löchern gesammelt. Sie wurden fachkundig in Kategorien eingeteilt. Es gab nicht nur Männchen und Weibchen, wir unterschieden, je nach Farbe und Behaarung des Rücken­panzers, „Kaiser“, „König“, „Bäcker“, „Schornsteinfeger“, „Müller“. Sie mussten Wettren­nen austragen. Sie mussten im Gespann Nussschalen ziehen. Wir hielten die Hand in die Höhe und beobachteten, wie sie auf die höchste Stelle des Fingers stiegen, dort erst einmal „pumpten“, dann zunächst die äußeren harten braunen Flügel ent­falteten und danach noch die darunter lie­genden durchsichtigen zarten, und dann durften sie starten. Maikäfer gehör­ten einfach zu jedem Mai dazu.
Einmal gab es eine Plage: Auf allen Bäumen, Eichen wie Linden und Kirschbäumen, knisterte, knackte und kackte es - da krümelte es wirk­lich ständig. Die Obst­bäume - damals noch wichtiger Vitaminliefe­rant für den Winter - wurden täglich kahler unter der In­vasion. Die Eltern riefen den Notstand aus. Das hieß, täglich eine Stunde früher als sonst aufzuste­hen, um noch vor Schulbeginn die schlafenden Käfer zu überraschen. Mit System schüttelte die ganze Familie einen Baum nach dem anderen, die kältestarren Krabbeltiere fielen zu Tausenden herunter, wurden schnell eingesammelt, in einen Eimer ver­frachtet, und wenn der Eimer voll war, wurde kochendes Wasser hineingegossen. Die Brühkäfer durfte ich an­schließend zu Bauer Wiegner tragen, wo sie als will­kommenes eiweißrei­ches Zusatzfutter den Hühnern zum Fraße vor­geworfen wurden. Als Dank dafür, dass ich da mehr als eine Woche lang täglich mit einem Eimer er­schienen war, gab´s ein Körbchen Eier. Das war durchaus willkommen als Zusatz-Futter für meine Familie. Aber wir erlebten auch eine Über­raschung: Durch die tagelange Fütterung der Hüh­ner mit Maikäfern rochen und schmeckten die Eier penetrant nach gekautem Laub und Mai­käferkacke!

 

Für ´n Groschen frisches Brot

Für die Sonnentage im Sommer gab es das Sommerbad. Zu dem in der Nach­barstadt wäre es auf der Straße vier Kilometer weit gewesen. Aber einen Bus gab es noch nicht, und ein Fahrrad hatte auch kaum eines der Kinder. Also Fuß­marsch! Quer übers Feld war´s etwas kürzer. Früh mor­gens wurden zu Hause Beutel gepackt: Dreiecksbadehose, Bademantel und ein Glas gezuckerte Jo­han­nisbeeren für Mittag. Mütterliche Rat­schläge und Eintrittsgeld entgegen genom­men und dann begann eine Wanderung - mit Pausen. Da war hier ein Mauseloch zu besichtigen, dort lag ein gro­ßer Strohhaufen, auf dem man herumspringen konnte, in einem Waldstück knackte es einmal Neugier weckend und ein ander­mal bedroh­lich. Irgendwann war in der Ferne der typische Lärm eines Sommer­bades zu vernehmen, dann wurde an der Kasse bezahlt - 10 Pfennige für „ein Mal Kind ohne Garderobe“ - und ein langer Tag lag vor uns. Rumliegen, necken, un­tertauchen, schub­sen, springen vom „Dreier“ (Drei-Meter-Brett), rumstehen im Bade­mantel mit Zittern und blauen Lippen, und dann wieder hinein in die trübe braune Brühe; wenn man sich beim Tauchen auf den Grund legte, konnte man von oben nicht mehr gesehen werden. Irgendwann waren die mitge­brachten Vorräte aufge­braucht, aber der Magen meldete sich trotzdem. Dann wurde in den Tiefen des Badebeutels der Not-Groschen gesucht, jemand wurde ausgeguckt und mar­schierte los hin­aus zum Bäckerladen. Da lag das Objekt der Begierde im Regal: frisch gebackene duftende Brote. „Bitte für´n Groschen Brot“ – da gab es eine dicke Scheibe, die meist schon auf dem Weg ins Bad zurück angeknab­bert wurde, und über den Rest fiel die zu­rückgebliebene Kinderschar gie­rig her. Das gab Kraft für den Rest des Nachmit­tags. Gegen Abend zogen müde-gespielte Kinder schnatternd wieder zu Fuß über die Felder gen Heimat.

Im Sommerbad bekam ich auch im zweiten Schuljahr die Chance, „richtig“ Schwimmen zu lernen. Elter­liche Anmeldung des zitternden Knäbleins beim Bademeister, eine knappe theoretische Einfüh­rung, ein paar Übun­gen „Trockenschwimmen“ auf ei­nem speziellen tischartigen Gestell, und dann wurde ich schon das erste Mal zu Wasser gelassen. Ich baumelte an einer Art Angel: Von einem galgen­artigen Gestell am Beckenrand hing ein Seil herunter, an dem ich mit ei­nem Gurt angebunden wurde und nun prustend zu den An­weisun­gen des Bademeisters herumruderte.
Mutter nähte umgehend aus Leinenstoff zwei „Schwimm­kissen“, die über ein Band miteinander verbunden waren  – wenn der Stoff angefeuchtet wurde, konnte man über die Nähte Luft einblasen, die blasigen Beutel an der Brust befestigen und sich im Wasser tragen lassen. Einige Wochen später durfte ich mich dann „freischwimmen“. Das hieß, sich eine Viertelstunde lang schwimmend im „Tiefen“ - dem Be­cken für Schwimmer - aufzuhalten, ohne den Becken­rand anzufassen – und danach gab´s als Be­lohnung eine amtliche Urkunde in die nasse und zitternde Kinderhand. Ein Jahr später war der Ehrgeiz wieder so weit gekräftigt, dass es nun heißen konnte, die Prüfung für das „Fahrten­schwimmen“ abzulegen, was bedeutete, diesmal eine Dreiviertel­stunde lang im Kreis herum zu schwimmen und mutig vom Dreimeterbrett zu springen.

 

Hamsterschreck

Die Sommerferien hatten zwei erfreuliche Höhepunkte. Der eine war na­türlich der erste Ferientag und die Aussicht auf acht endlos lange Wochen Pause. Der zweite wichtige Termin war der Tag, an dem die Bauern ihre Getreideernte end­lich eingebracht hatten und gelbe stoppelige Felder hinterließen. Jetzt war Hamsterzeit! Da inzwischen Feldhamster aus unserer Landschaft so gut wie ver­schwunden sind, eine Kurzerklärung: Das ist ein braun-schwarz-gelb-weiß gemustertes Nage-Tierchen, ausgewachsen etwa 20 Zentimeter lang, freches breites Gesicht mit großen Backen­taschen, sammelt emsig Körner-Vorräte für lange Winter – und die holt es sich von den Feldern. Auch wir als Kinder hatten schon abenteu­erliche Geschichten gehört, wie dieser grimmige Schädling riesige Kammern gräbt, dem armen Landwirt zentnerweise Getreide klaut und dort tief unter der Erde ver­steckt. Das wollten wir genauer wissen. Also wurden die Hamster ein­fach ausgegraben. Aber so einfach war das gar nicht. In langjähriger Sommerfe­rien-Beschäftigung wurde die Technik immer mehr verfeinert. Da zog ein Trupp von Kindern los, bewaffnet mit einem oder auch zwei Spaten, Körben oder Beu­teln (für die erhofften Körnerschätze) und mit mehreren Zwei-Liter-Einweck-Glä­sern (als Transport-Gefängnis für eventuell erbeutete Tiere). Zunächst pirschten wir im Abstand von mehreren Metern in gerader Linie über das Feld, Ausschau haltend nach den typischen Erdhügeln. Fand sich nun auch ein Loch, aus dem die krü­melige Erde ans Tageslicht befördert worden war, dann wurde erst einmal im Um­kreis von 5 Me­tern nach weiteren Löchern gesucht. Ein richtiger lebenserprobter alter Hamster gräbt schon mal einen Bau, der ein ganzes System von Röhren umfasst, die jede mehrere Meter lang und alle mitein­ander verbunden sind. Da gibt es mehrere weit im Umkreis verteilte Ein­gangslöcher und auch „Noteinfahrten“ für die schnelle Flucht; das sind senkrechte Fall­rohre, die 50 bis 80 Zentimeter in die Tiefe reichen und in die sich der Hamster auf der Flucht hineinstürzt; ich habe oft die stum­melschwänzigen dicken Hinter­teile dort als letztes verschwinden sehen. Wenn alle Ein- und Ausgänge des Baus enttarnt waren, wurden alle bis auf einen fest mit Erdklumpen zugestopft. An dem einen verbliebe­nen Loch begann die Grabung, die bei größeren Bauen durchaus zwei Stun­den dauern konnte. Mit dem Spaten folgten wir Stich um Stich dem Tun­nelsystem. Jede Verzweigung wurde markiert, um dort eventuell später weiter zu graben, wenn Gang Nr.1 sich doch als Sackgasse erwies. Manchmal war ein Gang auch nur scheinbar zu Ende, weil der verfolgte Hamster von der anderen Seite her den Gang fest verstopfte und dabei emsig neue Wege grub. Irgendwo in den Röhren weiteten sich die Gänge zu Wohnstuben, ausge­polstert mit feinem trockenem Stroh oder zu Vor­ratskammern. Mehr als eine Handvoll Kör­ner haben wir darin nie ge­fun­den. Manchmal stießen wir beim Vor­antasten im Dunkel auch auf Kinder­stuben, ausgelegt mit noch feinerem Stroh-Verbiss und bewohnt von 8 oder auch 12, in den ersten Lebenstagen noch blinden, in der Gestalt an kleine rosa Nilpferde erinnernden Hamster-Jungen. Die gewichtigeren Hamster-Väter wohn­ten übrigens nie mit ihren Familien zusammen, son­dern unterhielten persönli­che Tunnelanlagen. Die plump wirkenden er­wachse­nen Tiere waren außerordent­lich gelenkig. Das merkte man schmerz­lich, wenn man einen Hamster endlich am Ende seines Ganges erwischt hatte, er in einer Sack­gasse feststeckte. Man sah nur das Stum­melschwänzchen, fasste ihn daran und zog ihn aus der Röhre. Manchmal machte der Hamster eine blitzschnelle Drehung - und er hing mit seinen scharfen Nagetier-Zähnen am Kinder-Daumen! Und Hamster waren auch schnell, im Freien mussten wir ganz schön rennen, um mit ih­nen Schritt zu hal­ten. Fangen ließen sie sich dann kaum noch, mit wütendem Fauchen wehrten sie sich, und mancher von ihnen hat sich, wenn er mit Kinder­schuh oder Spatenblatt gestoppt wurde, eine blutige Nase geholt; die Nase ist das empfindlichste Körperteil des Tieres, und auch vorsichtige Fangversuche endeten so für die Hamster oft tödlich. Mit zunehmender Jagderfahrung kriegten wir später jeden Hamster le­bend; sie knurrten wütend im Einweckglas und wurden im Triumphzug nach Hause gebracht. Und weil wir nach einiger Zeit richtige Profis waren, wurden nach erfolgreicher Grabung die bis zu 60 Zentime­ter tiefen Gruben fachmännisch wieder verfüllt; sie wären sonst eine gefährliche Fallgrube für Pferde gewesen. Die Hamster lebten die nächsten Tage und Wochen weiter in Aquarien oder Kisten, bis sie irgendwann entkamen oder wieder freigelassen wurden.

Einige von ihnen sind zu Trophäen geworden, die jahrelang die Wand des Kin­derzimmers schmückten. Den gefangenen Tieren wurde vom Kam­merjäger des Dorfes fachmännisch das Fell über die Ohren gezogen, rich­tig konserviert, auf Drahtgestellen aufgespannt und getrocknet und hing dann wie ein kleines Wild­schweinfell im Kinderzimmer an der Wand.

 

Der Alltag zum Selbermachen: Von Heu- und Kar­toffel-Anbau, Narzissenbeeten und Was­serleitungsbau

Bauer Schnabel kam manchmal auf einem klei­nen Wagen, gezogen von seinem Ochsen, das Dorf herauf in unser Grundstück gefahren. Er hatte sich überall et­was Land zusammengepachtet, und so schwang er auch am steilen Hang ge­genüber von unserem Haus die Sense und fuhr ein paar Tage später das ärmli­che dünne Heu nach Hause. In unserem gro­ßen Garten pflügte er ein Stück Wiese zwischen den Obstbäumen um und baute dort Kartoffeln und Getreide an. Überhaupt wur­den anfangs noch viele Flächen selbstverständlich genutzt, die in den Flurkarten eigentlich als „Unland“ eingetragen waren.

Selbst der 90-jährige Bauch-Alwin bestellte hinter dem Pfarrteich ein klei­nes Gärtchen, aus dem er sich mit Gemüse versorgte.

Jedes Eckchen Land wurde bearbeitet. Meine Mutter baute viele Jahre über im Garten als Klein­gewerbe Narzissen an. Die Beete wurden im zei­tigen Frühjahr mit Folien abgedeckt, damit die Knospen ein paar Wochen früher als im Freien erschienen. Gepflückt und in 50er-Paketen gebündelt wanderten die noch geschlossenen Blüten per Moped-Kurier zum Gärtner in die Nachbar­stadt oder wurden in kleinen Körbchen per Eisenbahn auch weiter weg ver­schickt. Das gab ein – allerdings kärgliches und mühsam erarbeitetes - Zubrot in die Familienkasse.
Im Herbst galt es, etwa 50 Obstbäume in zwei großen Gärten abzuernten. Jeder Apfel wurde von ho­hen Holz-Leitern aus geborgen, nach Gü­teklassen sortiert, im Keller zwi­schengelagert und im Herbst und Winter an Ver­wandte und Bekannte verschenkt oder verkauft. Ein Teil der Apfelernte wurde mit der „Gütertaxe“ in die Mosterei gebracht und kam einige Monate später als kost­barer Apfelsaft in den Keller. Ein Teil wurde auch zu Apfelwein vergoren – das war der einzige Wein, den meine Eltern viele Jahre lang getrunken haben; und das geschah nur selten, zu hohen Festtagen. Manchmal haben wir auch als größere Kinder eine Flasche für „Mutproben“ unter „Männern“ stibitzt. Die schöne Sache mit dem Apfelsaft-Vermosten funktio­nierte allerdings nur, wenn Vater rechtzeitig die nötigen „Most-Berechtigungs-Scheine“ ergattert hatte. Monate vor der Apfelernte musste man schriftliche Anträge ab­schicken oder sich zu be­stimmten Terminen in lange Warteschlangen einreihen, um die Berechtigung für die Abgabe von ein paar Zentnern Mostäpfeln zu bekommen.

Im Sommer begann die „Einkochzeit“. Von der Kirschen-, Birnen- und Beeren-Ernte sollte möglichst viel in die vitaminarmen Wintermonate hin­über gerettet werden. Vom Dachboden wurde der große Ein­kochtopf mit dem halbmeterlangen Thermometer geholt. Dutzende von Einweckgläsern - 1 oder 2 Liter Inhalt - wurden noch einmal sorg­fältig gereinigt. Die zu verarbeitenden Früchte wurden gewaschen, wenn notwen­dig auch ge­schält oder entkernt, und in die Gläser gefüllt. Eine zur Keimfreiheit aufge­kochte konzentrierte Zuckerlösung wurde zugegeben, dann kam der Glas-Deckel drauf, abgedichtet mit einem roten Gummiring und festgehalten von einer Metall-Klammer. Anschließend wurden meh­rere Gläser in den großen Topf gestellt und für längere Zeit auf 75 bis 90 Grad erhitzt, Dauer und Temperatur waren dabei von der Art der Früchte abhängig. Und dann standen die Gläser reihen­weise zum Abkühlen in der dampfgefüllten Kü­che, bis ein Test ergab, dass sie wirklich „zu“ waren. In unserem Keller fanden sich manchmal Gläser mit Kirschen, die auch nach 10 Jah­ren noch gut essbar waren. Auch leckere Gewürzgurken, saure Bohnen und Schnittbohnen - die wir vorher „geschnippelt“ hatten - wurden so konser­viert.

Einmal im Jahr rührte Mutter Eierlikör, weil es den im Laden auch selten zu kaufen gab. Frische Eier von Nachbars Hühnern, Puderzucker, Vanille-Pudding-Soßenpulver und „Primasprit“ - reiner Alkohol, „unterm Ladentisch“ aus dem Konsum be­sorgt - wurden nach erprobten Rezepten zusammengerührt, fertig war die köstli­che gelbe Tunke; es gab sie auch, mit Kakao versetzt, in schokoladig-brauner Variante.

Um auch uns Kinder rechtzeitig auf die Selbstversorgung einzustimmen, beka­men wir frühzeitig jeder ein Beet in persönliche Verantwortung, um dort irgend­was Nützliches für den Haushalt zu er­zeugen. Mein Beet war immer sehr klein und sehr voller Unkraut.

Selbstversorgung war überall gefragt. Als das Dorf endlich eine Wasser­leitung bekommen sollte, fehlten wieder einmal „offizielle“ Firmen oder Ar­beitskräfte, die das eigentlich hätten erledigen können. So griffen eben die Einwohner selbst zu Hacke und Schaufel, jeder hob die nötigen Grä­ben im Gelände oder quer durch seinen Garten selbst aus, die Rohre wurden unter sachkundiger Anleitung des Schmiedes verlegt, und wenige Wochen später floss das köstliche Nass aus dem Wasserhahn. Leider hatte nie­mand Pläne gezeichnet, wo die Leitungen nun genau in der Erde la­gen, was bei späteren Rohrbrüchen oft zu abenteuerlichen Suchaktio­nen führte.

 

Leibchen

Man wäre heute sicher gerührt von dem ärmlichen Eindruck, den wir da­mals beim Gang in die Schule gemacht haben müssen. Ich trug im Som­mer Lederhosen, weil die praktisch und spielfest waren, dazu Kniestrümpfe, die wir endlich – und darauf wurde sehnlichst gewartet – anziehen durften, nach­dem es dreimal gedonnert oder der Kuckuck drei­mal gerufen hatte. Irgendwann gab es dann auch die Er­laubnis, barfuss zu gehen. Wenn es im Herbst kalt wurde, kamen manche Bau­ernkinder mo­natelang in Gummistiefeln zur Schule.
Wir Jungen trugen immer noch kurze Hosen, aber jetzt steckten die Beine in langen Strümpfen, ausgebeult und Falten schlagend, grob gewebt und vielfach gestopft. Befestigt wurden die Strümpfe an Strumpfhaltern, die grau-rosa aus den Hosenbeinen hervorlugten. Die Strumpfhalter wie­derum waren Bestandteil eines Kleidungsstücks, das „Leibchen“ hieß, es war eine Art kurzes Unter­hemd. Ich habe das alles als eine peinliche und auch - weil die Strumpfhalter ständig aufgingen und dann das braune Ge­bammel am Bein herunter rutschte - anstrengende Veranstaltung im Ge­dächtnis.

 

Der Postbus

Die vielen Strümpfe, die wir lebhaften Kinder beim Spielen im Gelände ständig zerrissen und durchwetzten, waren der Grund für häufigere Besu­che der 80-jährigen Frau Gentzsch in unserem Hause. Frau Gentzsch kam mit dem Postauto. Das war damals das einzige so zu nennende öf­fentliche Verkehrsmittel, das auch ländli­che Regionen erreichte. Die alte Dame bestieg, beladen mit Korb und Tasche, morgens in aller Herrgotts­frühe in der Stadt, wo sie wohnte, das „Postauto“. Das war ein klobiges, rundliches Gefährt. Darin lagen zunächst in vielen Kästen und Kasten wohlsortiert die Briefe und Zeitungen für mehr als dreißig Dörfer. Und es gab vorn beim Fahrer ein paar freie Sitze für abenteuer­lustige Reisende. Nun begann für Frau Gentzsch eine kleine Welt­reise. Da wir am etwa in der Mitte der Route wohn­ten, juckelte der Bus zunächst durch 15 Dörfer, ehe sie nach zwei Fahrt­stunden aussteigen konnte und den Weg in unse­rem Grundstück heraufwackelte. Dann – nach ausgiebigem Frühstück und Schwatz über den Lauf der Welt – breitete sie auf dem Nähtisch ihre Utensilien aus, Garn­rollen und Nähseide und Stopfkissen und Schere, und arbeitete sich geduldig stundenlang durch Berge von Socken und Strümpfen und Hemden und Leibchen und Schürzen und Bettwäsche. Lö­cher wurden kunstvoll gestopft, Träger geflickt und Knöpfe befestigt. Der Wäscheberg nahm langsam ab, die regenerierten Nütz­lichkeiten stapelten sich daneben. Frau Gentzsch musste über Nacht da bleiben. Am nächsten Morgen erledigte sie schnell noch ein paar letzte Nadelstiche, dann wurde allerlei Dörflich-Nahrhaf­tes in den Korb ge­packt, der Lohn ausbezahlt - nach damaligen Ta­rifen so 80 Pfennige pro Stunde - und sie tippelte wie­der auf die Straße hinaus, bestieg das bullige Postgefährt und rollte nun durch die restlichen 15 Dörfer der Tour der Heimat­stadt entgegen.

 

Zwischen Küche und Keller

In der Küche fand ein wesentlicher Teil des Familienlebens statt. Hier war es auch im Winter im­mer erträglich warm; in den Schlafstuben wurden die Öfen praktisch nie geheizt. Im gemauerten Küchenherd bullerte immer ein Feuerchen. Der Herd hatte an der Seite einen eingebauten eiser­nen Was­serbehälter, der dick mit Kalk verkrustet war und als eine Art Wasserboiler diente. Aus der eiser­nen Deckplatte des Herdes konnten einzelne ring­förmige Teile entnommen wer­den – auf die offenen Stellen wurden dann Töpfe gesetzt, die so direkt vom Feuer erreicht wurden. Zum Es­senkochen stand zusätzlich noch ein kleiner Elektroko­cher mit zwei Platten bereit, und für die Zu­bereitung von kochendem Wasser gab es einen elektrischen Tauchsieder. Da dieser des öfteren ohne Aufsicht blieb, verkochte manchmal das Wasser, dann glühte die Heizspirale sehr eindrucks­voll und brannte durch. Es stank gewaltig in der Wohnung  - und wieder einmal war Ersatz fällig.

Ein Bad hatten wir nicht. In der Küche gab es nur die Wasserpumpe an der Wand und darunter ei­nen gusseisernen Ausguss. Daneben befand sich noch ein klei­nes Handwaschbecken aus bräun­lichem Porzellan. Gebadet wurde freitags in ei­ner Wanne in der Küche, die mit heißem Wasser vom Herd befüllt wurde. In der übrigen Woche trugen meine Eltern kaltes Wasser mit einer Kanne in ihr Schlaf­zimmer und wuschen sich dort in einer großen Porzellanschüssel. Ob und wie ich mich gewaschen habe, daran habe ich keine Erinnerungen, so als Junge ...

Unsere Toilette – mit dem Begriff hätte ich damals nichts anfangen können - war ein Plumps-Klo. Es existierte noch bis Anfang der 90er Jahre. Wenn man auf der Brille hockte, zog es manchmal ganz heftig von unten aus dem Fall­rohr, und die Gerüche waren auch nicht ohne. Zum Nachspülen gab es einen großen Krug, meist gefüllt mit bereits ge­brauchtem Wasser aus der Küche oder vom Waschen. Auf dem Klo stand auch ein schöner Ständer mit ei­nem mit Wasser gefüllten Handwaschbecken und ei­nem Handtuch für die kleine Hygiene. Und zum „Abwischen“ lag da immer ein Stapel Zeitungspapier, akkurat gerissen in postkartengroße Blättchen; das bot zwar Gelegenheit, die Zeit mit Lesen zu überbrücken, aber oft fehlte dann das Blatt mit der Fortsetzung des Textes.

Technische Geräte gab es kaum im Haushalt. Um verderbliche Nah­rungsmittel aufzubewahren, dafür hatten wir – je nach Jahreszeit – den „Fliegenschrank“, mit feiner Gaze bespannt, auf dem Dachboden oder ei­nen Platz unten im kühlen Keller. Viele Bauern nutzten Gewölbekeller, die au­ßerhalb des Hauses in einen Erdhang gegraben waren.

Der erste Kühl­schrank, den ich gesehen habe, enthielt einfach ein Fach, in das große Eisstücke eingelegt wurden. Solche Eisstücke konnte man vom Eismann kaufen, der mit einem tropfenden Auto und einer Klin­gel regelmäßig die Straße ent­lang fuhr. Später habe ich einmal in einem Nach­bardorf zuge­sehen, wie solches Eis gewonnen wurde: Als bei knackigen Tempe­raturen der große Dorfteich tief zugefroren war, kam der Eismann und sägte große balkenförmige Stücken Eis heraus, die er dann wohl irgendwo zwi­schenla­gerte.

Wir hatten keinen Kühlschrank, und deshalb stand im Sommer öfter „saure Milch“ mit auf dem Speiseplan. Wenn die Milch am Abend eines gewittrigen Tages schon einen „Stich hatte“, wurde sie in Suppenteller ab­gefüllt, einen Tag lang auf den Küchenschrank gestellt, und kam dann als di­cke saure Milch mit einer gelben Sahneschicht bedeckt auf den Tisch – mit Zucker und Zimt be­streut war das eine Köstlichkeit. Weitere solche Ge­nüsse waren Holunderbeersuppe mit Zwieback, Kaltschale oder der sonnabendliche Mittags-Kakao mit Butterbrötchen, natürlich mit der Verlo­ckung, zu „ditschen“ (= eintauchen, stippen).

Einmal in der Woche wurde beim Fleischer eingekauft. Das bedeutete, dass einer aus der Familie sich freitags aufs Rad schwang und fünf Kilo­meter weit in die Stadt radelte. Bei Fleischer Pfau wurde die Wunsch-Liste hervorgekramt und vorgelesen: Ein paar Bockwürste für das „schnelle“ Mittagessen am Sonnabend, ein Stück Fleisch für den Sonntags(!)braten, ein paar Knochen für Eintöpfe und Sup­pen, manchmal Kassler für „saure Kartoffelstücke“ oder auch – gut sortierte – „Flecke“. Nicht alles war vorrä­tig („hamm wer leider nich“), und mit guten Wünschen an die Frau Mutter und dem kleinen Päckchen mit dem Erworbenen im Beutel ging´s wieder nach Hause.

Unser Dachboden war riesig. Das brachte die Versuchung mit sich, dass alles, was im Moment im Haushalt störte, erst einmal dorthin wanderte – man würde später in Ruhe sortieren und wegwer­fen. Die ruhigen Zeiten kamen nie, und so sammelte sich im Laufe der Jahre allerlei dort an. Für uns Kinder war der Dach­boden ein Paradies für mancherlei Spiele und eine gründliche Untersu­chung der Kisten mit den abgelegten Sachen.

Im Keller war es etwas gruselig. Da lagen die Kohlen für den Winter - ordentlich gestapelt -, da gab es geräumige Regale, gefüllt mit der Apfel­ernte des Herbstes, in einem anderen Raum drängten sich große Gläser mit von Mutter natürlich selbst eingekochten Köstlichkeiten: Kirschen, Bir­nen, Marmeladen, Beeren, Ge­würzgurken, Bohnen. Aber dann wohnte da unten im Winter hin und wieder auch eine Bisamratte; sie kam vom nahe gelegenen Teich durch das Abwasserrohr und schätzte die Apfelvorräte sehr, und gelegentliche Begegnungen mit diesem schwarz-gelben zotti­gen Ungetüm waren doch recht ungemütlich.

 

Waschtag

In unserem Haus gab es einen Raum im Kellerbereich, der über eine Extra-Treppe von außen her erreichbar war, und der „Waschhaus“ hieß. Eine feuchte dunkle Höhle. Irgendwo hinten stand ein riesiger schwarzer Kessel, eingelassen in einen gemauerten Herd. An den Wänden stapelten sich große hölzerne Wan­nen, die von Eisenreifen zusammengehalten wurden. Ab und zu, im Abstand von einigen Wochen, kam emsiges Leben in diese Düsternis: Die Tage der „großen Wäsche“ standen bevor. Schon in den Tagen zuvor wurden die Wannen ins Freie befördert und dort ge­wässert. Erst durch Befeuchten bekamen die einzelnen, kunstvoll gebo­genen Bretter die beabsichtigte Form wieder, quollen auf und drückten mit der Festigkeit aneinander, die notwendig war, um darin das Wasser zu halten. Am Waschtag rückte zur tatkräftigen Mithilfe eine ältere Frauen aus der Nachbar­schaft an. Dampfschwaden zogen ins Freie. Seit dem frühen Morgen kochte im Kessel das Wasser; dieses musste mühsam in Eimern aus dem benachbarten Keller herüber geschleppt werden. Stets feucht verklumpte Pappschachteln mit FEWA und PERSIL standen bereit, daneben stapelte sich in Stücken die gelbli­che Kernseife. In Wannen und Bottichen war die (weiße) „Kochwäsche“ schon am Vortage „eingeweicht“ worden. Nun wurden die einzelnen Wäschestücke mit dem „Wäsche­stampfer“ gewalkt, auf einem Waschbrett intensiv gerubbelt, bei Bedarf gebürstet, gespült und herumgeschwenkt; Socken und stark verschmutzte Buntwäsche wurden bei Bedarf noch einmal eingeseift und zusätzlich be­handelt. Dann kamen die triefenden Teile in die „Wring­maschine“, eine Anordnung aus zwei Walzen, die mit einer Handkurbel gedreht werden konnten und das Wasser auspressten. Im Sommer wurden die weißen Wäschestücke zunächst zum Blei­chen auf der Wiese ausgelegt und hin und wieder mit Wasser aus der Gießkanne befeuchtet. Das benutzte heiße Wasch- und Spülwasser aus der ersten Runde wurde in Wannen aufbewahrt, denn nach der Kochwäsche wurden darin nacheinander helle und dunkle Bunt­wäsche, Strümpfe und Arbeits­kleidung gewaschen. Woll­wäsche kam extra dran. Dann endlich flatterten die großen weißen Bett­laken und die vielen Leibchen und Strümpfe or­dentlich aufgereiht im Winde. In den nächsten Tagen wurden dann die getrock­neten großen Wäsche-Stücke exakt zusammengelegt. Das begann bei den Bettlaken damit, dass sie nach dem Abnehmen von der Leine „gezogen“ wurden, das heißt, dass die steifen und aus der Form geratenen Tücher von zwei einander gegenüberstehenden Personen an den Ecken gefasst und mit maximal möglicher Kraft längs und in diagonaler Richtung gezerrt und so wieder in Rechteck-Form gebracht wurden. Alles wurde in einen großen Wäsche-Korb verpackt, auf den Handwagen ver­frachtet und ab ging die Fahrt zur „Rolle“ (anderenorts auch Wäschemangel genannt). Das war eine große Maschine, die in einem Haus einen Kilometer entfernt stand und stundenweise gemietet werden konnte. Dort wurden die Wäsche­stücke in ein spezielles „Rolltuch“ gelegt und auf einer runden Holzrolle - etwa einen Meter lang und 10 Zentimeter dick - aufge­wickelt. Anschließend wurde unter Beschwerung mit einem Kasten voller Steine die Rolle hin- und herbewegt, das Rolltuch wickelte sich ab und wieder auf und die Wäsche wurde dabei geglättet.

 

Mein erster Indianer

In der zweiten Klasse wagte ich mich auch an dickere Bücher her­an. Indianer wollte ich sowieso werden, im elterlichen Schrank stand der ab­gegriffene braune Band mit dem in altertümlichen Lettern gesetzten Titel „Le­derstrumpf“, und nachdem ich die ersten Seiten ver­schlungen hatte, war ich in einer anderen Welt. Ich zog durch kanadische Urwälder, lenkte Kanus durch wilde Strudel, befreite hilfsbedürftige junge Damen aus dem Griff wilder Feinde. Und ich konnte nicht mehr gut schlafen. Wochenlang ließ ich, wenn ich mal musste, sogar die Klo-Tür offen, weil ich mir nicht sicher war, ob nicht hinter dem Becken doch plötzlich ein Indianer auftau­chen würde und schnelle elterliche Hilfe erforderlich sein könnte.

Indianer haben mich immer begleitet. Da waren einmal jene kleinen Spiel­figuren, innen mit einem Drahtgerüst, außen aus einer tonartigen brüchi­gen Masse ges­taltet und farbig bemalt. Die standen jährlich auf der ge­burtstäglichen Wunsch­liste. Sie wurden mit Nadeln ausgestattet, die aus Mutters Nähmaschine entwendet waren. Abgebrochene Spaghet­ti-Stück­chen ließen sich zum Speer umwandeln oder mit Knetmasse zum Gewehr vervollständigen. Die gipsernen Kämpfer mussten dann im Garten zwi­schen Grashügeln und Gesteinsbrocken Heldentaten begehen. Wenn das Wetter schlecht war, wurden auch schnell mal die notwendigen Gras­brocken und Steine nebst den mitspie­lenden Kindern - mit schön drecki­gen Schuhen - ins Wohnzimmer ver­frachtet, und die Abenteuer fanden dort ihre Fortsetzung.

In leibhaftige Indianern verwandelten wir uns auch manchmal selbst – natürlich regelmäßig in der Faschingszeit. Und als alle meine Klas­sen­kameraden sich durch Bücher wie „Lederstrumpf“ und „Die Söhne der großen Bärin“ gelesen hatten, sprachen wir uns von Stund an nur noch mit „Schwarzfalke“, „Unkas“, oder „Tokei-ihto“ an, schritten feierlich umher, redeten merkwürdig gebro­chen miteinander, bastelten Pfeil und Bogen, schnitzten Friedenspfeifen, und dann trafen wir uns nachmittags – streng geheim verabredet - in der nächstgelegenen Sandgrube.

 

Geburtstagsrituale, schwarzer Streuselkuchen und Laubsäge-Stress

Indianerbücher gab´s leider nicht bei Bedarf, sondern immer erst zu feier­lichen Anlässen. Ein sol­cher geschenkträchtiger Tag war der Geburtstag. Geburtstage begannen immer mit dem feierlichen Einzug der Familie ins Wohnzimmer. Dort stand ein runder Tisch, festlich weiß gedeckt, auf dem in hölzernen Reifen Kerzen brannten, ein gro­ßes Lebens­licht in der Mitte und drumherum noch für jedes Lebensjahr eine kleine Kerze. Neben dem Kerzenreif waren die geheimnisvoll verpackten Geschenke aufgestapelt. Nun sang als erstes die Familie das traditionelle Geburtstagslied, den Kanon „Glück und Segen, Fried und Freude ...“. Dann war persönliche Gratulation angesagt, es folgte das öffentliche Auswickeln der Geschenke, an­schließend wurden die Kerzen ausgeblasen und alle ließen sich zum Frühstück nieder. Der Teller am Platz des Geburtstagskindes war – je nach Jahreszeit - von Blu­men oder grünen Zweigen umrankt. Danach war in der Regel erst einmal normaler All-, das heißt Schultag. Nachmittags kamen eingeladene Freunde zu Besuch. Es gab zu meinem Ge­burtstag traditionell extra „schwar­zen“ Streuselku­chen; schwarz hieß, dass er mit dunklem Kakao gebacken war. Danach fanden Spiele statt: Topfschla­gen, Eierlaufen, Murmel­bahn-Bauen, Mikado, Do­mino. Manchmal saß ich auch mit roten Ohren über dem neuesten Buch und meine Eltern durften sich um die Gäste kümmern. Wenn mein Vater Lust und Zeit hatte, wurde Kas­per-Theater gespielt, im Garten unter der Teppichstange. Das waren lange, an­spruchsvolle Aufführungen mit Epi­soden aus der deutschen Mär­chenwelt, die unter reger Anteilnahme von weiteren hinzuströmenden Nachbarskindern statt­fan­den.

Mit Geschenken wurden wir nicht gerade überschüttet, um so größer war aber auch die Freude über lang Ersehntes. Mein erstes eigenes Fahrrad – es war ein gebrauchtes – konnte ich mit 14 Jahren besteigen.

Bei Omas und Onkels und Tanten haben wir uns für erhaltene Geschenke natür­lich auch revan­chiert – nicht mit gekauften, sondern mit selbst­gemachten Prä­senten. Das war manchmal erheb­licher Stress, in den vorweihnachtlichen Wo­chen Papiersterne zu flechten, Topflappen zu häkeln, mit der Laubsäge kunst­volle Untersetzer auszuschneiden und was der nützlichen Taten mehr sind.

 

Sommerfrische

Dieses Wort hätte damals kaum jemand im Dorf verstanden. Urlaub war für die Bauersfamilien ein Fremdwort, man hatte ohnehin zu Hause rund um die Uhr genug zu tun, und dann vielleicht noch wegfahren in fremde Gefilde – das war einfach nicht üblich und teuer war´s noch dazu! Meine El­tern kannten das Wegfahren in die „Som­merfrische“ aus ihrer Kindheit. Aber leisten konnten sie sich das eigentlich auch nicht. Zum Glück hatten wir großzügige Großeltern, die als Sponsoren das Finanzielle re­gelten, und so konnte unsere Familie jedes Jahr drei Wochen auf Reisen gehen. Wir kra­xelten in der Sächsischen Schweiz herum, wanderten durch den Thüringer Wald oder sonnten uns am Ost­see­strand. Beim Heimkommen blieb bei mir im­mer ein zwiespäl­tiges Gefühl, wenn ich die daheim­geblie­benen Klassenkamera­den traf – ich kam mir unverdient privilegiert vor. Aber wenige Jahre später konnten auch in unserer Schule Lehrer Auf­sätze zum Thema „Mein schönstes Ferienerleb­nis“ schreiben lassen. Manche Kinder fuhren in staatlich organisierte Ferienlager, andere konn­ten nun gemeinsam mit ihren Eltern verreisen, für die die Kollektivierung der Landwirtschaft erstmals eine geregelte tägliche Arbeitszeit und die Möglichkeit für einen Jahresurlaub brachte.
Meine Eltern luden jeden Sommer Stadtkinder aus der weitläufigen Ver­wandtschaft für ein paar Wochen zu uns aufs Land ein.

 

Goldene Zeiten

Probleme mit Abfall waren in jener guten alten Zeit noch kein Thema. Es gab kaum Abfälle. Brennbares wanderte als willkommener Brennstoff in den Küchenherd. Für Altpapier gab´s Geld. Manche alte Zeitung beendete ihre Laufbahn auch auf dem Plumpsklo. Marmeladen- und Gurken­gläser, Bier- und Weinfla­schen – alles brachte gutes Pfandgeld und ging in den Kreislauf der im­mer knap­pen Rohstoffe zurück. Verpackung war weithin ein Fremdwort, wenn schon, dann lagen auch dafür im KONSUM alte Zeitungen. Trotzdem blieb natürlich allerlei übrig. Die Abwässer des gan­zen Dorfes flossen ungeklärt in den Dorfbach, da­mals allerdings noch ohne die Lauge von Waschmaschinen oder die braune Brühe aus dem großen Schweinestall. Das Plumpsklo ent­leerte sich in die geschlossene Jauchegrube vor dem Haus, die einmal jährlich geleert wurde. Und wohin kamen die festen Haushaltsabfälle? Ein Müllauto habe ich all die Jahre nicht gesehen. Nur bei großen Abbrucharbeiten oder für Umzugsreste be­stellte man sich jemanden und ließ abfahren. Die Abfälle, die es natürlich in unserem großen Haus trotzdem gab - vor allem handelte es sich um Heizungs-Asche - wurden in einem recht kleinen Bunker vor dem Haus gesammelt und dann einmal im Jahr ab­geholt. Und wenn dort im Bunker der Platz knapp wurde, fand sich immer irgendeine Ecke im Garten, wo noch was abgelegt oder vergraben werden konnte. Manche Nachbarn gingen auch jeden Morgen im Winter mit dem Asche-Eimer zur nahe­gele­genen alten Sandgrube. Die Gewissensbisse hielten sich in Grenzen.

 

Der Frosch in der Wasserleitung

Wenn wir zu Hause Wasser brauchten, gab es keinen Wasserhahn. Wir hatten eine Pumpe. Die hing im ersten Stock in der Küche an der Wand, ein zylindrischer halbmeterlanger Körper mit ei­nem Schwengel zum Pum­pen. Manchmal musste zu­nächst etwas Wasser oben in die Pumpe gegos­sen werden, als Quellmittel, weil irgendwelche Dichtungen eben doch nicht ganz dicht waren. Und dann wurde ein Eimer ins darunter be­findliche Ausgussbecken gestellt und - gepumpt. Nebenan in Vaters Ar­beitszimmer waren die quietschen­den Ge­räusche nicht zu überhören, und regelmäßig fiel auf seiner Seite der Putz von der Wand.

Das Saug-Rohr der Pumpe führte gerade hinunter in den Keller. Dort en­dete es in einem gemau­erten Behälter, der als Speicherbecken diente. In diesen Behälter wiederum mündete ein Rohr, das 30 Meter weit aus dem hinteren Teil des Gar­tens das Wasser heranführte. Dort hinten gab es einen zweiten, aus Natursteinen gesetzten Wasser-Speicher – eingegra­ben in den Berg und mit Tür und Schloss gesichert - der von einer Quelle aus dem Hang gespeist wurde. Von seinem Grund ging die Leitung zu un­serem Haus ab, das Rohr war übrigens aus Eichenholz gefertigt. Und manchmal gab die Pumpe in der Küche trotz gefüllter Speicher kein Was­ser her, dann hieß es su­chen und stochern. Einmal hatte sich einfach ein Fröschlein in die Leitung verirrt und war dort ein­geklemmt verhungert.

Bei derart kompliziertem Zugang zu Wasser war Sparen selbstverständlich für uns. Einmal in der Woche, freitags, wurde das Brett, das die große Bade-Wanne in der Küche ab­deckte, entfernt. Auf dem unter der Brennhitze von Holzscheiten glühenden Küchen-Herd brodelte Wasser in allen verfüg­baren Töpfen. Einer nach dem ande­ren ward in die Wanne ausgegossen, dazu kam eimerweise kaltes Was­ser. Und dann stiegen die Kinder in die Wanne, eins nach dem anderen wurde geschrubbt - das Wasser blieb immer das gleiche ... Die Eltern ba­deten in einer zweiten Runde.

 

Autoreparatur mit Säge und Hobel

Meine Eltern hatten ein Auto geerbt. Es war ein „P 70“, Vorgänger und eine Art älterer und größerer Bruder des späteren TRABANT, welcher am Anfang ja auch schlicht „P 50“ hieß. Mit dem grauen Papp-Auto sind wir ein paar Jahre durch die Gegend gejuckelt, bis meine Eltern ihn aus Kostengründen ab­geben mussten. Denn an solch einem Auto war immer mal etwas kaputt. Eines Tages waren handwerkliche Fertigkeiten ganz besonderer Art ge­fragt. Die Seiten­holme des Autos, an denen die Türen befestigt waren, bestanden innen aus Kanthölzern. Im Laufe der Jahre war Feuchtigkeit eingedrungen und sie begannen zu faulen. Die Suche begann, nach pas­sendem Holz und nach einem Holz-Fachmann, der sich das zutraute. Schließlich landete das Fahrzeug beim örtli­chen Stellmacher, der die Karosse ... ja, wie sagt man, klempnerte stimmt ja nicht, also „holzte“?

Die Handwerker mussten überhaupt Alleskönner sein: Als meine Eltern, die sich gern winterwandernd betätigten, neue Schneeschuhe brauchten, fer­tigte der Tischler selbstverständlich Skier an; die Bretter ma­ßen stolze 2,20 Meter. Der Tischler war auch für die Särge zuständig.
Der Schmied konnte nicht nur Pferden fachmännisch hufeiserne Maßschuhe auf die Sohlen brennen und nageln, er musste auch Er­satz für jedes erdenkliche Eisenteil in Küche oder Stall herstellen.
Und als mein Vater eine stabile Bretter-Bühne in der Kirche für Theatervorführun­gen brauchte, nahm sich dessen eben der Böttcher an, genauso wie dieser die Holzsäulen an der Haube des Kirchturms ausbesserte und mit verlöteten Zinn-Blechen vor Wind und Wetter sicherte.

 

Goldrandteller und Messerbänkchen

Wenn Geburtstag war oder Weihnachten, reisten wir zu Oma und Opa in die Stadt. Mein Großva­ter war seit 1913 Lehrer gewesen, aber wegen seiner (Mitläufer-)Mitgliedschaft in der NSDAP war er nach dem Krieg aus dem Schuldienst entlassen worden - da war die DDR ziemlich konsequent - und fris­tete sein Dasein erst mit einer Anstellung im städtischen Heimat-Museum und lebte später von einer kärglichen Rente.

In der großelterlichen Wohnung war vieles noch „wie früher“. So war das Schlafzimmer 1913 das erste und einzige Mal tapeziert worden, und die schwarze (!) Tapete mit roten Rosen darauf gab es noch Anfang der 90er Jahre. Bei Festen saßen wir feierlich in der „guten Stube“. Von der Decke hing eine Lampe herab an goldenen Ketten und mit Schnüren feiner Per­len unten rings um den Stoffschirm; sie stammte sicher auch noch aus späten Jugendstiljahren. Es gab - wie immer an Festtagen im Randgebiet zu Thüringen! - dunkles Fleisch in reichlich dicker dunkler Soße und mit Rotkraut und natürlich mit Klößen. Serviert wurde auf riesigen Tellern mit Goldrand. Und neben den Tellern lagen für die Erwachsenen Servietten, in silbernen Ringen gerollt, und es gab für alle „Messerbänkchen“, auf denen man benutztes Besteck hochlegen konnte.
Solcher Glanz blieb aber auf Feiertage beschränkt. Im Alltag trank mein Großvater seinen Früh-Kaffee – Malz, für mehr reichte es nicht - aus ei­nem Blech-„Dippel“ (= Töpfchen), und wenn mich die Oma mal zum Ein­kaufen schickte, wurde das Geld vorher abgezählt und nach besorgter Erledigung das Restgeld noch einmal nachgeprüft.

 

Der Tunnel von Altenburg

Einmal im Jahr war richtig Kultur. Da fuhren die Eltern mit den Kindern zum Weihnachtsmärchen nach Altenburg. Welt­reise. 12 Kilometer mit der Eisenbahn, dritte Klasse - die gab es wirklich noch-, jedes Ab­teil hatte seine eigene Tür nach draußen, man saß auf Holzbänken. Und die Auf­regung stieg. Dreimal hatten wir schon gehalten, in Lehndorf, Paditz und Nobitz, und dann – lange ange­kündigt und ersehnt – kam der Tunnel! Ir­gendein Herzog von Altenburg hatte sich mangels echter Berge „sei­nen“ Tunnel eben in der Ebene künstlich bauen lassen. Es wurde dunkel, kein Licht ging an, man konnte die Luft anhalten, Angst haben, seinen Nachbarn ärgern, ohne erwischt zu werden. Dann nach endlos lang er­scheinender Finsternis wieder fahles Licht, Bäume flogen am Fenster vor­bei, dann der Bahnhof von Altenburg. Im Theater gab´s jedes Jahr „Peter­chens Mondfahrt“. Aber der Tunnel war noch bes­ser.

 

Die Karpfen in der Badewanne

Vor unserem Haus war ein Teich, der aber dorfauf dorfab nur „Pfarrteich“ hieß. Das lag daran, dass er zum Grundeigentum der Kirchgemeinde ge­hörte. Der Teich war verpachtet, und darin wurden Fische gehalten. Im Herbst war „Abfischen“. Fässer und Wannen standen aufgereiht am Ufer. Schau- und Kauflustige standen herum. Der „Ständer“ des Teiches wurde geöffnet. Das war ein normalerweise verschlossener Abfluss, bei dem nun gewis­sermaßen der Stöpsel aus dem Teich entfernt wurde; der Teich be­gann leerzulaufen. In den übrig bleibenden Tümpeln und Pfützen zappelten die Fische. Männer in Gummihosen wate­ten durch den Schlamm und füllten ihre Kescher. Nach Inspektion wanderten die Fänge in unter­schiedliche Behälter, je nachdem, ob sie schon die nötige Größe hatten zum Schlachten oder ob sie wieder - für ein weiteres Jahr - im Teich ausgesetzt werden sollten. Karpfen und Schleien und Karau­schen wuselten in den Wannen, hin und wieder war auch ein Hecht oder sogar ein Aal dazwi­schen. Nasse Hände verpackten Fische in Zeitungspapier. Geldscheine wanderten in die Hosen­tasche des Pächters. Und ein Ritual wurde nie vergessen. Weil es eben der „Pfarrteich“ war, be­kam der Pfarrer - also mein Vater – symbolisch und kostenlos, als Deputat wie in alten Zeiten „seinen“ Karpfen. Das Tier wurde im Eimer zu uns nach Hause getragen, und dann schwamm es wochenlang in einem Brunnenloch hinten in unse­rem Garten herum; oder - wenn es nur noch kurze Zeit war bis zum Karp­fenessen - dann schwamm der Fisch auch mal ein paar Tage in der Ba­dewanne in der Küche.

 

Karriereknick
Mein Vater hatte in seiner Kindheit eine Internats-Schule besucht, und nun hatten meine Eltern solche Pläne auch mit ihrem Erstgeborenen – das betraf also mich. Ich wurde im fünften Schuljahr zu einem förmlichen Ge­spräch ins väterliche Amtszimmer geladen und erfuhr, wie mein Lebens­lauf weiter­gehen sollte. Thomaner in Leipzig sollte ich werden, gesanglich gebildet, schlau und ein gesitteter Mensch. Ich hörte mir die Planung mei­ner Karriere an – verstockt hinter dem väterlichen Schreibtisch auf dem Boden sit­zend und mit recht gemischten Gefühlen. In mein Dorfkind-Welt­bild passte mir das alles gar nicht. Folgsam bin ich dann aber doch ein paar Wochen später mit zur Aufnahmeprüfung gefahren. Zum Glück - so fand ich - kam ich zu spät. Ich war für den Chor wegen schon beginnen­den Stimmbruchs nicht brauchbar. Und so durfte ich nun weiter zu Hause Mäuse ausgraben.

 

Das Dienstfahrrad

Mein Vater war als Pfarrer zuständig für drei Kirchen, zu denen acht ehe­mals eigenständige Ortsteile gehörten. Er war also ständig zu Veranstal­tungen unterwegs. Sein Vorgänger – einige Jahrzehnte früher – hatte nur zwei Kirchen zu betreuen, und er war entweder zu Fuß gegangen, ehrgei­zig, immer mit Schrittzähler, oder hatte sich aufs Pferd geschwungen. Zu seinem Pfarrhaus gehörte damals noch ein richtiger Vierseithof mit 13 Hektar Land – das sicherte materiell die Existenz des Pfarrers und seiner Familie.

Mein Vater bekam für seine Dienstfahrten von der Kirchenbehörde als Dienstfahrzeug ein Fahrrad genehmigt, mit dem er viele Jahre bei Wind und Wetter unterwegs war. Das Fahrrad wurde später durch einen Klein­roller KR50 ersetzt, mit dem er nicht schneller, aber etwas komfortabler voran kam. Erst in den 70er Jahren – da ging er schon auf die Rente zu – wurde ein Trabant bereitge­stellt.

 

In Stellung

Meine Mutter kam manchmal mit ihren vielen Aufgaben im Management eines großen Haushalts, beim Bewirtschaften zweier riesiger Gärten, als Erzieherin von drei Kindern, zusätzlich beladen mit den Pflichten einer Pfarrfrau, nicht ganz be­friedigend zurande. Eine Haushalthilfe musste her! Christa stammte aus einer kinderreichen Familie unten im Dorf. Sie hatte gerade die achte Klasse beendet und sollte was Nützliches fürs Leben lernen. So zog das Mädchen bei uns ein, bekam ein Bett in der Kammer zugewiesen, in der die Schränke des Kirchen-Ar­chivs standen. Und dann gehörte sie eine Zeit lang zu unserer Familie. Christa war „in Stellung“, als Hausmädchen wirklich „Mädchen für alles“. Mal betreute sie uns Kinder, mal war die Treppe zu wischen und zu bohnern (Einreiben und Versiegeln der blan­ken Holzdielen mit braunem Bohnerwachs). Sie sah meiner Mutter beim Ko­chen über die Schulter und lernte Haushaltsbücher zu führen. Essen und Unterkunft wa­ren für sie frei, dafür wurde meine Mutter merk­lich von manchem Kleinkram ent­lastet.

 

Die Kammer mit dem Hammer

Die Wohnung war für drei Kinder längst zu eng geworden. Da spendierten die Großeltern für uns zwei Jungen ein eigenes „Zimmer“. Eine Ecke des geräumi­gen Dachbodens wurde zu einer Kam­mer ausgebaut. Dort oben haben wir jah­relang gehaust, sommers in der Hitze schmelzend und in strengen Wintern zum Überleben eingepackt unter dicken, am Kachelofen vorgewärmten Feder­betten. Hier störte uns selten jemand. Hier waren unsere Schätze gelagert. Hier wohnten in Kisten und Gläsern Hamster und Hornissen und Seidenraupen als vorüberge­hende Gäste. Hier stan­den die Indianerbücher bereit zum – verbotenen - Gelesen-Werden unter der Bettdecke. Hier wurden Briefmarken getauscht und Autokata­loge - aus dem Westen - fachmännisch ausgewertet. Und weil wir da oben unter dem Dach weit weg waren von jeder elterlichen Hilfsmöglichkeit, stellte ich zur Ab­wehr möglicher Räuber immer einen großen Hammer neben mein Bett. Manch­mal wachten wir nachts von leisem Getrappel auf. Das waren aber keine Räuber, sondern Mäu­sefamilien, die nächtens auf Nahrungssuche gingen oder auch Kegelturniere mit Nüssen veran­stalteten, die auf dem Dachboden zum Trocknen gelagert waren.

 

Doktor Hungers Kräutertee

Einmal im Vierteljahr klingelte es, und ein Mann stand vor der Tür - „der Hausierer“, flüsterten wir uns zu, während wir uns hinter der Tür versteck­ten. Er war zu Fuß das Dorf herunter gekommen, hatte einen hölzernen Bauchladen vor der Brust und eine dicke Tasche in der Hand. Er wurde in die Wohnung eingelassen, öffnete seine Taschen und Kistchen und Fächer und Tüten und breitete alles auf dem Küchentisch aus. Zum Vorschein kamen Seife und Kämme und Nadeln und Bänder und Schlüpfergummi und Schuhcreme und was ein Mensch eben so brauchen kann. Es war wohl weniger echter Bedarf als ein wenig Mitleid mit dem Mann, dass meine Eltern immer etwas kauften. Aber ganz gewiss war eines re­gelmäßig da­bei: „Doktor Hungers Kräutertee“, mal in Rollenform gepresst und mal in Tüten abgefüllt. Davon standen all meine Kinderjahre hin­durch größere Vorräte im Regal, und die musste ja nun auch irgendjemand trinken. Also gab es ihn früh und es gab ihn abends, diesen Tee, und der Geruch von Pfefferminze führt mich, wenn ich die Augen schließe, auch Jahrzehnte später noch zurück in die Dunkelheit unserer Vorratskam­mer.

 

Lebensperspektiven

An meinen ersten Berufswunsch kann ich mich noch gut erinnern – ich wollte Missionar werden. Motiv Nummer 1 dafür war wohl, auf diesem Wege „raus“ zu kommen, irgendwo anders zu sein auf dieser großen weiten Welt, dort, wo es In­dianer gab oder Löwen. Motiv Nummer 2 war, da es in exotischen Ländern - bei den „Wilden“ und in der Wildnis - natür­lich immer auch gefährlich ist, ein Luftgewehr mitnehmen zu dürfen, ganz le­gal - mir war der Umgang mit diesem „Spielzeug“ nämlich immer verbo­ten - und dazu zwei Kisten (!) Munition.

 

Der schreiende Hase

Feldhasen gehörten damals wie Rebhühner zum normalen Bestand auf den Feldern, Wild­schweine und Rehe dagegen gab es kaum. Die scheuen Tiere waren besonders im Winter allge­genwärtig und hinterließen überall ihre Spuren. Hin und wieder, wenn Gras gemäht wurde, fanden wir auch Nester, in denen junge Hasen saßen, sich tot stellten und uns stumm an­blickten.
Eines Tages lernte ich aber, dass Hasen auch schreien können. Aus einer Ecke unseres großen Obstgartens erklangen schrille hohe Töne, die durch Mark und Bein gingen. Als ich hinlief, saß da ein junger Feld-Hase, den eine Katze „erwischt“ hatte. Sie hielt ihn gepackt, und er schrie in Todes­angst. Die Katze bekam einen Tritt, und der Hase hatte für dieses Mal Glück gehabt.

Manchmal gellten auch Kinderschreie durch den Garten. Dann war je­mand von einer Wespe ge­stochen worden. Die gelbschwarzen Flügeltiere lebten in Erdhöhlen - ehemaligen Mäuselöchern - mitten auf der Wiese, die auch unsere Spielwiese war. Und die schmerzhaften Stiche waren Grund genug für eine - eigentlich verbotene - Vergeltungsaktion. Streich­holzschachtel, Zeitungspa­pier, trockenes Gras – damit gingen wir „Wes­pen ausräuchern!“. Mutige Knaben suchten das Eingangsloch zum Wes­pennest. Dann wurde Brennmaterial rund um das Loch ausgelegt und ent­zündet, um die Feinde zu vernichten. Aber manchmal gab es ein zweites Loch, aus dem die wü­tenden Wespen herausstürmten und sich auf uns stürzten, oder wir hatten nicht bedacht, dass sich ein Teil der Besatzung auch außerhalb des Nestes befand und bei der Rückkehr aggressiv ge­stimmt war – manchmal hatten wir jedenfalls nach der Aktion deutlich mehr Stiche als vorher.

 

Eisige Cola und Hula-Hoop

Die Zeitrechnung in der DDR wurde lange eingeteilt in die Zeit „vor“ und die Zeit „nach der Mauer“. das hieß, nach dem 13. August 1961, an dem die DDR den „antfaschistischen Schutzwall“ errichtete.
Meine Tante und mein Cousin waren schon 1957 „in den Westen ab­gehauen“. Und das hieß, Besuche hin und her gab es nicht mehr. Eigent­lich nicht - aber da war ja noch Westberlin, damals noch mit einer offenen Grenze. Und da durfte ich im Sommer 1960 mit hin fahren. Irgendwie krib­belig kamen mir die Eltern in der S-Bahn von Ost- nach Westberlin vor; zu Recht, wie ich später erfuhr: Sie schmuggelten ganz nebenbei in einem großen Koffer Besitz­tümer von „republikflüchtigen“ Bekannten in den Westen. Und dann waren wir - unkontrolliert – „drüben“. Ku-Damm-Flim­mer, Kinogang (ein Saurierfilm), und weil´s so heiß war: Wannseebad. Dort nervte ich zunächst den (West-)Cousin so lange, bis er einen Gro­schen - Westgeld! - in einen Automaten steckte, damit unten ein kleiner Anhänger mit einem Toten­kopf heraus kam – den musste ich unbe­dingt haben! Mein zweites Erlebnis war ein Kultur-Schock: Gönnerhaft wurde mir, der ich zu verdursten meinte, eine Cola gereicht, die ich gierig in mich hin­einschüttete. Gewohnt war ich nur die heimische, immer zuverlässig lauwarme rosa Fla­schenlimonade, und nun entlud sich eine eiskalte Cola-Explosion in mei­nem Inneren. Seitdem habe ich den Inhalt von Flaschen immer erst misstrauisch geprüft.

Auf der Rückreise war ich glücklicher Besitzer eines echten blauen Hula-Hoop-Reifens. Der Plaste-Ring von reichlich einem Meter Durchmesser musste um die Hüfte gelegt, von Hand in Be­wegung gesetzt und dann durch rhythmische Bewe­gungen des Beckens im Kreisschwung gehal­ten werden. Er durfte nicht herun­terfallen. Wettbewerbe begannen: „Ich kann fünfmal“, „Ich 13 Mal“ ... Mein bis heute gültiger Rekord wurde im heimat­lichen Wohnzimmer aufgestellt. Ein Buch lesend ließ ich den Reifen 75 Minuten lang über dem Tisch kreisen, bis ich wegen famili­ärer Missstim­mung - das Mittagessen wurde kalt - abbrach.

 

Hinter Mauern

Der politische Druck in den 50er Jahren war meistens doch weit weg von meinem Kindergemüt. Sommerbad und Kirschen-Klauen und Indianer-Spielen waren letztlich die stärkeren Eindrücke. Heimat, zu Hause – das war hier.

Und doch gab es da irgendwo eine ganz andere Welt, den WESTEN. Da lockten Kaugummis, Zündplättchenpistolen, hochglanzgestylte Auto­kataloge. Und da drohten Schreck­figuren, deren Namen uns in der Schule immer wieder ein­gebläut wurden, die für unser kindliches Hören wohl alle Schläger waren, nämlich „Hauer“, die Ollenhauer (SPD-Vorsitzender), Adenhauer (Bundeskanzler Ade­nauer) oder Eisenhauer (US-Präsident Eisenhower) hießen und Krieg wollten ...

Die Frage, ob es eine Alterna­tive sei, in den Westen zu gehen, beantwortete die DDR brutal im August ´61 mit dem Bau der Mauer. Jetzt war klar, wo wir hingehörten! Und den „Westen“ gab es – physisch erlebbar – nicht mehr. Nur noch in Gestalt von Paketen. Und im Fernsehen.

 

Verwaltet und betreut

Die sichtbare Präsenz der Staatsmacht beschränkte sich für mich auf den Dorfpolizisten, weil der auch unsere kindlichen Umtriebe manchmal miss­mutig beäugte, z.B. die jugendlichen Jagdpartien mit den väterlichen Luft­gewehren auf Spatzen oder die Übungsfahrten auf Feldern und Feld­wegen mit den elterlichen Mopeds.

Es gab aber auch einen Bürgermeister, der von Staats wegen und wegen des richtigen Partei­buchs eingesetzt war und wohl weder viel zu sagen noch viel zu tun hatte; meist waren das bie­dere und etwas ältere überfor­derte Parteifunktionäre.

Ein Teil der „Verwaltung“ geschah auch in Eigenverantwortung zu Hause. Da gab es nämlich das „Hausbuch“. Man konnte und durfte sich in der DDR lange Zeit (eigentlich) nicht frei bewegen und erst recht nicht außer­halb seiner eigenen vier Wände schlafen. Im Hausbuch waren nicht nur die ständigen, amtlich gemeldeten Bewohner eines Hauses eingetragen. Dort mussten (eigentlich) auch die kompletten Personalien jeder Person eingeschrieben werden, die auch nur für eine Nacht dort zu Gast war. Ich schreibe „eigentlich“, weil die Bücher doch sehr lückenhaft ausgefüllt oder völlig ignoriert wurden. Aber damit machte man sich (eigentlich) schon strafbar.

 

„Pfarrer Krause lehnt den Frieden ab“
Im Juni 1954, fand in der DDR eine „Volks­befragung“ statt. „Hinweg mit Adenauer und dem EVG-Vertrag!“ - 93,5 Prozent der Bevölkerung stimm­ten dafür (EVG war die später gescheiterte „Europäische Verteidigungsgemeinschaft“). Mein Vater war nicht zu dieser Abstimmung gegangen; er ging auch später nie zu DDR-„Wahlen“, weil es für ihn keine echten Wahlen – mit Aus-Wahl-Möglichkeiten – waren. Und schon stand sein Name in der Überschrift der regionalen Zeitung: „Das deutsche Volk entschied sich für den Frie­den – Pfarrer Krause lehnt den Frieden ab“. Anders als „jeder anständige Deut­sche“ wolle er „ta­tenlos zusehen, wenn sein Volk von gewissenlosen Ver­brechern hingemordet werden“ solle. „Was würde er einmal seinen drei Kindern antworten?“ Die Eltern saßen nachdenklich vor der Zeitung. Da war er wieder, dieser Druck. Was würde jetzt kommen? Drohte Verhaf­tung? Oder war das nur die Überreaktion dieses Herrn Rudolph, der als „politi­scher Leiter“ unterzeichnet hatte, oder doch eine deutliche War­nung?

Ich habe das Original dieses Zeitungsartikels aus dem Jahre 1954 nach der Wende in meiner – des Sohnes - Stasiakte wieder gefunden, abge­heftet als Beleg dafür, wie Sippenhaft aussehen kann.

Telefongespräche wurden in jenen Jahren erkennbar „mitge­hört“. Wichtige und politisch vielleicht brisante Post ver­traute mein Vater nicht dem Brief­kasten an, sondern dafür gab es (kirchliche) Kuriere. In den sonntäglichen Gottes­diensten saßen manchmal Fremde, die mit spitzen Ohren Staats­gefähr­dendes erlauschen sollten.

 

Stalinismus hautnah

Ich ging schon ein paar Monate zur Schule, als wir eines Tages – im März 1954 - mitten in der Stunde feierlich aufstehen und eine ganze Minute lang still stehen mussten. Wir gedachten des „Väterchens Stalin“, dessen erster Todestag begangen wurde, und mussten tief traurig sein, obwohl wir den Onkel gar nicht kann­ten ... Stalin-Kult und stalinistischer Terror, auch das prägte die 1950er Kinderjahre.

Unten in unserem Haus wohnte Kantor Kirbach mit seiner Frau. Er war jahrzehntelang Dorfschul­lehrer gewesen und ein gestrenger Mann. Nun genoss er seinen Ruhestand. Bis er eines Tages fassungslos meinen Va­ter zu sich ins Wohn­zimmer rief. Ich schlich neugierig hinterher. Auf dem Tisch lag eine Zeitung. Auf dem Titelblatt stand in dicken Lettern: „Mörder von 10000 Schweinen!“ und daneben war ein Bild von Kirbachs Sohn. Der war damals (1954) leitender Tier­arzt irgendwo im Thüringischen. Und er war politisch unbe­quem. Das brachte ihm das Misstrauen der Staats­organe ein, er wurde intensiv beobachtet. Und dann schlug das System unbarmherzig zu. In einem Schauprozess wurde er ange­klagt, schuld zu sein am Tod von Tausenden von Schweinen, die er böswillig nicht rechtzeitig gegen die Schweinepest geimpft habe – zum Schaden der Volkswirt­schaft der DDR. Das Urteil lautete auf 12 Jahre Zuchthaus. Seine Ehe ging in die Brü­che, und seine beiden minderjährigen Söhne mussten von den Großeltern aufgenommen, unterhalten und erzogen wer­den, und so lebten sie dann mehrere Jahre in unserem Hause. Der inhaftierte Tier­arzt kam nach 8 Jahren wieder frei, aber er war ein gebrochener Mann und starb wenige Jahre später.

Auch im Haus gleich gegenüber geschah Bedrü­ckendes. Der Adoptivsohn unserer Nachbarsleute, kehrte 1954 nach Hause zurück. Nur verhalten wurde getuschelt und gemutmaßt. H. hatte in den letzten Kriegsjahren seine Lehre absolviert und dann einen Arbeitsplatz gefunden. Als die Russen 1946 mit dem Uranbergbau im Erzgebirge begannen, wurde auch sein Betrieb verpflichtet, dafür Leute abzustellen – Zwangsverpflichtung! H. erhielt den Gestellungsbefehl, verspürte aber mit seinen 18 Jahren einfach keine Lust, Bergmann zu werden, gar noch unter sowjetischer Militärverwaltung. Und da machte er sich Hals über Kopf davon und ging über die „grüne Grenze“ in den Westen. Dort arbeitete er einige Monate, als ihn seine Mutter in einem Brief bat, wieder nach Hause zu kommen; der Vater war noch in Gefangenschaft. H. kehrte zurück und suchte sich eine Tätigkeit. Es vergingen einige Wochen, bis die russischen „Organe“ ihn wieder im Visier hatten. Seine Flucht nach der WISMUT-Rekrutierung wurde wie militärische Fahnenflucht behandelt! Die Polizei holte ihn zu Hause ab. Er kam vor ein Schnellgericht und wurde als „West-Spion“ verurteilt: Todesstrafe! Später wurde das Urteil „gemildert“ auf 30 Jahre in Sibirien. Aber auch dazu kam es nicht, weil H. schon im berüchtigten Zuchthaus Bautzen an Tuberkulose erkrankte. Erst fünfeinhalb Jahre später war er wieder zu Hause, gesundheitlich schwer gezeichnet. Er hat nie mehr richtig arbeiten können. Wie dieser Mann jeden Tag stundenlang rastlos in seinem kleinen gepflaster­ten Hof auf und ab ging, hat mich als Kind tief beeindruckt.

Zwei solche Schicksale schon im kleinen Horizont meiner Kinderwelt – es hat ihn wirklich gege­ben, den Terror der 50er Jahre.

 

Flugblätter

Flugblätter hießen nicht nur so, sie kamen wirklich geflogen. Aller paar Monate geschah es. Ent­weder waren sie in der Nacht gekommen und lagen als bunte morgendliche Aufregung auf Wiesen und Feldern. Oder sie flatterten – erst ganz winzige Pünkt­chen am Himmel, später als Zettel er­kennbar – in die Nach­mittags-Langeweile. Ihr Erscheinen löste hekti­sche Betrieb­samkeit aus. Zum einen bei uns Kindern, weil es einen Wett­bewerb gab: Wer findet die meisten? Zum anderen bei den „Staatsorga­nen“; das war manchmal der Parteisekretär der LPG, manchmal der Bür­germeister, manchmal der Dorfpoli­zist. Die mussten sich von Amts wegen kümmern. Die Zet­tel kamen näm­lich vom „Klassenfeind“ aus dem „bösen Westen“. Dort starteten große Gas-Ballons, die Pakete von Propaganda-Material trugen, der Wind trie­b sie zu uns in den - von dort her gesehen ebenso „bösen“ - Osten, und irgendwo, manchmal eben am Himmel über unserem Dorf, setzten sie ihre Last frei. Die Zettel waren bunt, und die Pa­rolen waren heftig. Es war kal­ter Krieg, und die Sprache war entspre­chend: „Sowjetzone“, „Sklaverei“, „Terrorherrschaft“, „Kanonen statt But­ter“, „Kasernen statt Wohnungen“ usw. Die Staatsorgane waren alarmiert und gingen auf Suche. Aber ein Großteil der Zettel befand sich längst in der Hand sammelwütiger Kinder - und interessierter Erwachsener. Und nun begann das immer gleiche Spiel. Hochnotpein­liche Befragung durch den Dorfpolizisten in den einzelnen Häusern dorfauf und dorfab: Hat hier jemand solche Zettel gefunden? Die seien abzulie­fern. Bei Strafandro­hung. Viele Zettel wurden trotzdem ver­steckt und heimlich gelesen. Ein paar Tage herrschte Partisanen-Stimmung, wir spielten Hase und Igel. Dann war wieder Alltag.

 

Kartoffelkäfer und Klassenkampf

Der Klassenfeind im Westen schmiss noch mehr Bösartig­keiten vom Himmel. Als Feind des Sozia­lismus entpuppten sich Kartoffelkäfer. Die hatten die Amerikaner - so wurde je­denfalls amtlich in­formiert - aus Flug­zeugen abgeworfen, um der Wirtschaft und den Menschen in der DDR zu scha­den. Wir Schulkinder wurden an die Kartoffel-Front geschickt. Einmal freiwillig einzeln und ein andermal zwangs­weise in Schulklassenstärke marschierten wir auf die Felder, wur­den über Aussehen und Tarnungen des gelb-schwarz ge­streiften käferlichen Feindes belehrt, mit leeren Mar­meladegläsern für den Fang der Bösewichte ausge­rüstet und schwärmten dann über die Felder aus für den Sieg des Sozialismus. Pro Käfer gab es sage und schreibe EINE MARK, für ein ganzes Glas, gefüllt mit rot-schwarzen Larven, immerhin noch 50 Pfennige. Da machte Klas­senkampf sogar Spaß. Bloß – es gab gar nicht so viele Käfer, ich habe 25 Jahre später viel mehr von ihnen überall auf Kartoffelfeldern gesehen, aber da gab es leider kein Geld mehr.

 

Frösi und Zündplättchen-Pistole

Damit wir einmal ordentliche Menschen werden sollten, die auch mit Geld umge­hen konnten, spendierten meine Eltern Taschengeld. Es gab 50 Pfennige in der Woche. Ich sollte davon nützli­chen Kleinkram erwerben, aber ich wollte die „Frösi“. Das war eine Kinderzeitschrift mit dem lyri­schen Namen „Fröhlich sein und singen“. Und die wollten meine Eltern nicht im Haus haben, weil sie zwar interessant und unterhaltsam war, aber eben neben­bei auch ziemli­ch heftige Agitation für das sozialistische Kinder­leben machte. Aber sie war bunt, inte­res­sant (die blau-rote 3-D-Brille, mit der man Bilder dreidimensional betrachten kann, habe ich heute noch!), die anderen Kinder durften doch auch ... Ich habe die Hefte trotzdem – zunächst heimlich und später dann auch mit elterlicher Zustim­mung - gelesen.

Auch an anderer Stelle gingen die Wertvor­stellungen der Generationen nicht konform. Ich bekam zum Geburtstag eine tolle Ta­schenlampe, die sich umschalten ließ auf grünes und rotes Licht. Aber die Freude währte nur solange, bis ein Klas­senkame­rad eine Pistole zum Tausch an­bot. Natür­lich aus dem Westen, ein Plaste-Colt, leicht defekt, aber zwei Rollen Zündplättchen gab´s noch dazu. Die Eltern wollten das sehr lautstark nicht. Aber irgendwann hatte ich dann keine Ta­schenlampe mehr und tief ver­steckt in ge­heimen Schub­laden lag das Objekt der Begierde bei meinen anderen Schätzen.

 

„Dokument !“

Bei Altenburg gab es einen schönen großen Wald. Bestens geeignet, um dort zu wandern, Pilze zu sammeln, in einem kleinen Steinbruch zu ba­den. Meine Eltern packten uns Kinder vorn und hinten aufs Fahrrad zum Familienausflug und wir radelten los. Aber wir waren nicht allein im Wald. Ein Großteil war Sperrgebiet, und da waren die Russen. Sie betrieben ei­nen Militärflugplatz und das war streng geheim und furchtbar wichtig. Eines Tages hatten die Eltern sich „verradelt“, wir hatten wohl auch Sperr­schilder übersehen, jedenfalls sprangen plötzlich aus dem Gebüsch brül­lende Sowjetsoldaten, die Maschinenpistole im Anschlag. Sie stell­ten sich vor uns auf und schrieen: „Dokument!!!“. Die Eltern guckten etwas hilflos; Ausweise hatten sie nicht dabei, und eine Sondererlaubnis natürlich erst recht nicht. Da griff meine Mutter in ihre Jackentasche, eine kleine rote Karte kam zum Vorschein und wurde den Wächtern hinübergereicht. Die besahen das Papier von allen Seiten, berieten kurz, gaben das Kärtchen zurück und wir hatten wieder freie Fahrt. Vater war etwas verunsichert ob der erfolgreichen Aktion und wollte das rettende „Doku­ment“ auch sehen: Es war die Dauer-Eintrittskarte für das Sommerbad in Meerane, die uns vor den Russen gerettet hatte.

Die Russen waren all die Besatzungsjahre hindurch immer irgendwie prä­sent, aber nur selten zu sehen. Manchmal kamen sie nachts. Dann rum­pelten stun­denlang Panzer auf der Dorfstraße ent­lang; die Straßen waren dann für die nächsten 10 Jahre hin.

Einmal gab es im Gefolge einer solchen Panzerrallye ein schreckliches Erlebnis, das sich mir tief eingeprägt hat. Am Straßenrand lag ein verletz­tes Pferd, das sich beim Zusammenprall mit einem Panzer eine schwere Beinverletzung zuge­zogen hatte. Sein Körper zuckte, die Augen waren weit offen. Kein Laut war zu hören, aber aller Schmerz dieser Welt schrie aus den Blicken dieser Kre­atur.

 

LPG Typ I

Das Jahr 1960 brachte Unruhe ins Dorf. Der kalte Wind der sozialistischen Kol­lektivierung der Landwirtschaft wehte durch die DDR. Die Zeitung erklärte tagtäglich, in welch glor­reichen Zeiten wir lebten: Die Bauern wandelten ganz „freiwillig“ ihr Privateigentum in genossenschaftlichen Besitz um. Viele Bauern sa­hen das überhaupt nicht so positiv. Ich sehe sie noch vor mir, gestandene Männer, wie sie ge­duckt, ratlos und mit feuchten Augen im Arbeitszimmer meines Vaters saßen. Was sollten sie tun gegen den wochenlang andau­ernden Druck? Jeden Abend kamen die Agita­toren aus der Stadt – manchmal gleich mit dem LKW -, saßen bei ihnen in den Bauernküchen und lockten und drohten. Bis einer nach dem ande­ren seinen Beitritt zur LPG (Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft) beantragte. Wir Kinder lernten derweil in der Schule, dass es „LPG Typ I“ gab - hier brachten die Bauern nur ihre Ackerflächen in die gemeinsame Bewirtschaftung ein - und dass bei „LPG Typ III“ zusätzlich auch alle Wirtschafts-Gebäude, Tiere und Maschinen genossenschaft­liches Eigentum wurden.

Vorher selbständige Bauern wurden Spezialisten in in­dustriell wirtschaf­tenden Agrarbetrieben: Schlos­ser, Traktorist, Ingenieur, Tier­pfleger. Die Umgestaltung veränderte das Dorf nachhaltig. Die kleinen Felder verschwanden, Feldwege und Flurge­hölze wurden radikal beseitigt. Auf riesigen Flächen von einigen hundert Hektar hielt neue Großtechnik Einzug. Hamster und Rebhühner ver­schwanden, ebenso wie die Pferde. So manches ehrwürdige Fachwerk-Gebäude in den Vierseithöfen verfiel. Ein neuer großer Schweinestall brachte einen neuen Geruch ins Dorf.

In der Schule gab es das neue Fach UTP („Unterrichtstag in der Produk­tion“). Da lernten wir nicht nur theoretisch (ESP = „Einführung in die sozia­listische Produk­tion“), wie toll der Sozialismus funktionierte, dazu gehörte auch handfeste Praxis in der neuen Landwirtschaft. Wir zogen ein­mal in der Woche - einen ganzen Schultag lang! - auf die Felder; da wurden Rü­ben verzogen oder Kar­toffeln gelesen. Oder wir waren im Stall, um dort auszumisten oder die Kühe zu „striegeln“, das hieß, ihnen die eingetrock­nete Kacke vom Fell zu bürsten. Oder wir saßen zwischen schwatzenden Bäuerinnen im Dachboden einer großen Scheunen. Dort wurde „Tabak gefädelt“, das heißt, frisch gepflückte grüne Tabakblätter wurden mit spe­ziellen Na­deln auf spezielle Tabakschnur gefädelt und zum Trocknen aufge­hängt.

Auch in Bauernfamilien, die sich lange gegen den Eintritt in die LPG gewehrt hatten, war Jahre später Interessantes zu hören: Sie fanden es gut, nun eine geregelte Arbeitszeit zu haben, gute Bezahlung, Urlaub - und „Kinderarbeit“ gab es auch nicht mehr.

 

Projekt Offenstall

In der glorreichen Sowjetunion, so lernten wir in der Schule, gab es Väter­chen MITSCHURIN. Dem Manne war es gelungen, auch jenseits des Polarkreises Weizen anzubauen und Wein zu ernten. Sein Erfolg bestätigte eindrucks­voll ein Dogma der sozialistischen Doktrin, dem zufolge Pflanzen, Tiere und Menschen sich letztlich jeder natürlichen (oder gesellschaftlichen) Umgebung erfolgreich anpassen könnten und würden.

Von der Sowjetunion lernen, hieß siegen lernen. Also wurden die neuen Konzepte auch in die DDR übertragen. Eine Kampagne schwappte über das Land, und jede LPG baute nun ihren „Offenstall“. Es war ja nicht mehr nötig, die Kühe im Winter in geschlossenen Ställen unterzubringen. Es sollte doch reichen, wenn sie ein Dach über dem Kopf hätten, und mit der Zeit würden sie sich eben an die frostige Umgebung anpassen.

Die Kühe, die schutzlos in die zugigen Unterkünfte getrieben wurden, ha­ben die Theorie offensichtlich nicht verstanden. Sie wurden krank, To­desfälle traten auf, und nach einiger Zeit wurde das ideologische Experi­ment stillschweigend beendet.

 

Radio Luxemburg

Mein Vater nutzte unser großes schwarzes Radio nur, um die politischen Tages-Nachrichten zu hören. Meine zwei Jahre ältere Cousine Karin kam zu Besuch, und sie zeigte mir, dass aus der Kiste viel mehr herauszuholen war. Sie kurbelte und drehte und steckte Drähte in die Antennenbuchse, bis IHRE Musik kam. Flott, laut, spritzig – und das stundenlang je­den Tag. Es waren bis dahin ungehörte Klänge in unserem Haus, die meinen Eltern wohl ziemlich auf die Nerven gingen, aber sie trugen´s mit Geduld. Und ich hörte mit: Radio Luxemburg. Für uns nur auf Mittelwelle zu empfangen, da rauschte es öfter oder der Sender verschwand auch minu­tenlang gänzlich. Manchmal funkten auch ge­zielt richtige „Störsender“ dazwischen, DDR-staatlich-amtlich eingesetzte Funk­stationen, die mit nervenden Quietsch- und Pfeifgeräuschen das Hören von „West-Sendern“ unmöglich machen sollten. Radio Luxemburg war wohl nicht so gefährlich, je­denfalls liefen die meisten Sendungen ungestört. Schnell war auch ich vom Musik-Bazillus infiziert. Der erste Titel, der sich mir als „Hit der Woche“ eingeprägt hat und an dessen Melodie ich mich noch heute erinnere, hieß „Johnny, sing dein Lied noch mal ...“ Die sonntägliche „Hitparade“ war über Jahre ein unbedingtes Muss und brachte – wegen der Konkurrenz zum familiären Mittag­essen – ziem­lich oft Zoff. Und es gab einen – natürlich streng ge­heimen – „Hitparaden-Club“ in der Schul-Klasse, in dem die wöchentlichen Hitlisten kursierten und die neuesten Trends diskutiert wurden.
Radios hatten damals manchmal ein „Magisches Auge“, ein grünlich leuchtendes Glasding, dem man ansah, ob ein Sender gut empfangen werden konnte. Vor allem aber steckten in den Geräten noch „Röhren“, die manchmal auch kaputt gingen und ersetzt werden mussten. Vor allem aber konnte man, indem man eine solche Röhre herauszog, den Sound beim Empfang des RIAS ganz entscheidend verbessern. Ich habe bis heute keine Erklärung, wieso durch Entfernen (!) eines Bauteils das Gerät besser funktionierte ...

 

Wie weit schießt eine MPi?

Eines Tages war Aufregung im Dorf. Gleich vier neue Häuser wurden ge­baut. Das allein hätte uns Kinder wohl kaum interessiert. Aber wie das ge­schah, das war schon merkwürdig. Da schachteten nämlich schweigsame Männer in blauen Hosen und Jacken die Baugruben aus, und sie trugen breite gelbe Streifen auf dem Rücken. Sie wurden von mehreren Unifor­mierten bewacht. Die taten das mit Gebrüll, und zur Unterstreichung ihrer Macht trugen sie Maschinenpistolen über der Schulter. Ich muss geste­hen, dass wir gar nicht versucht haben, mit den Sträflingen zu reden. Die Bewacher ließen sich auf Unterhaltungen mit uns Kindern ein, sagten aber über das Schicksal der Gestreiften nur knapp, dass das „Politische“ wä­ren. Sie haben aber gern Auskunft gegeben, auf welche Entfernung eine MPi noch trifft.

In eines der fertigen kleinen Häuschen zog später der Dorfpolizist ein. Drei Fenster waren vergittert, und da hatten wir im Dorf nun auch noch ein richti­ges Gefängnis, das aber in den darauf folgenden 30 DDR-Jahren wohl nie benutzt wurde.

 

Schlange stehen und Sparen

In der frühen DDR war eigentlich alles knapp. Jedenfalls das, was man gerade brauchte. „Strom­sperre“ zum Beispiel war ein immer wiederkeh­rendes Erlebnis jener Jahre: Da gab es eben einfach für ein paar Stunden – angekündigt in der „Spitzenbelastungszeit“ oder auch ohne jede Vorwar­nung – keinen elektrischen Strom. Also stand im Flur immer eine Kerze griffbereit und daneben lagen Streichhölzer.

Viele nützliche Dinge, nicht nur später die „Trabbis“, gab es nur auf Antrag oder mit Sonderge­nehmigung oder mit geduldigem Warten, Schlange-Stehen oder über (Tausch-) Beziehun­gen. Selbst wenn man die Zeitung der Sozia­listischen Einheits­partei, das „Neue Deutschland“, abon­nieren wollte, hieß es: Antrag stellen und dann Jahre warten. Noch viel begehrter und eigentlich über­haupt nicht zu kriegen waren das „Magazin“ oder der „Eulenspiegel“. Wer Briefmarken sam­meln wollte, benötigte einen Samm­lerausweis, und auch den gab´s natürlich nur auf Antrag. Te­lefon­anschlüsse, Fahrschulkurse, Schreibmaschinen, begehrte Bü­cher - alles wurde geplant und bürokratisch zugeteilt.

In den 50er Jahren gab es noch rationierte Lebensmittel „auf Marken“. Jeder Haushalt bekam postkartengroße Kärtchen. Auf diesen waren kleine Felder aufgedruckt, die zum Bezug von z.B. 150 Gramm Brot oder 25 Gramm Butter berechtigten. Beim Einkauf wurden die entsprechenden Abschnitte abgetrennt und einbehalten. In unserem Dorf-KONSUM gab es noch in den 60er Jah­ren Butter, und bis zum Ende der DDR-Zeiten Nüsse oder Apfelsinen nur auf Bescheinigung oder nach Strichliste. Und den­noch: Mit Geduld, mancherlei Listen und Tricks ging es doch immer ir­gendwie, und man hatte am Ende, was man wollte. Auf jeden Fall waren so ganze Völkerschaften ständig auf Versorgungstour, was auch Voll­beschäftigung garantierte. Und oft hatte man dann mehr Vorräte gehamstert, als man eigentlich brauchte.

Sparen war eine staatlich verordnete Tugend. In der Schule wurden wir zum Sparen erzogen. Es gab Hefte von der Sparkasse, in die wir regel­mäßig Marken klebten, z.B. 50 Pfennig im Monat fürs „Schulsparen“.

 

Friedensfahrt-Patriotismus

Jedes Jahr im Mai war für zwei Wochen Ausnahmezustand. Im Radio klang eine Fanfare, die viele Menschen elektrisierte. „Friedensfahrt!“ Es handelte sich um die „Radfernfahrt für den Frieden“, eine Rundfahrt, die durch Polen, Tschechien und die DDR führte. Stundenlang ließ ich Tag für Tag das Radio nicht aus dem Blick und verfolgte jeden der Strecken­berichte, dramatisch geschildert von Heinz-Florian Oertel & Co. Wir fie­berten mit unseren Helden, mit „Täve“ (der Mann hieß richtig: Gustav-Adolph Schur) und Bernhard Eckstein. Stürze brach­ten Bestürzung, und Siege erfüllten uns mit unbändigem Stolz. Es waren „un­sere“, die da ge­wannen, da wuchs irgendwo auch etwas Stolz auf diese DDR - wenigs­tens im Sport waren wir wer! Wenn die Strecke der Friedensfahrt durch unsere Region führte, radelten wir zur „Hohen Straße“ oder an die „Steile Wand“ von Meerane, um unseren Helden zuzusehen und zuzu­jubeln. Und danach fuhren wir tagelang selbst Rad­rennen auf den Dorfstraßen, und wir träumten davon, auch einmal Friedensfahrer zu werden.

Stolz war ich auch - auf wen eigentlich richtig? -, als 1957 der erste sowje­tische SPUTNIK die Erde umkreist hatte. Einige Jahre später bin ich extra bis tief in die Nacht hinein wach geblieben, um am Radio (!) den Moment mit zu erleben, in dem der erste von Menschen losgeschickte Flugkörper den Mond erreichte, „Luna“, wieder ein sowjetisches Projektil.

 

Intelligent - oder nicht?

Immer am Anfang des Schuljahres überprüfte der Klassenlehrer die Ein­tragungen im „Klassen­buch“. Dort standen die Namen der Schüler, und dann war einiges abzufragen. Eine Spalte er­fasste die „Klassenzugehörig­keit“ des Elternhauses, also die soziale Zuordnung nach den Kriterien der DDR. In ihrem Selbstverständnis war die DDR ja ein Staat der Arbeiter und Bauern – diese „Klassen“ galt es besonders zu fördern. „Arbeiter“ war klar definiert, aber schon mit der Kategorie der „Bauern“ gab es zuneh­mend Schwierigkeiten. „Richtige“ Bauern – das meinte solche mit der ver­ordneten sozialisti­schen Gesinnung - waren Ende der 50er Jahre nur die, welche den Schritt in die Genossenschaften gegangen waren, alle rück­ständigen und unbelehrbaren Eltern, die noch meinten, als Kleinkapita­listen allein wirtschaften zu können, waren zunehmend verdächtig. Es gab also im Klassenbuch „Bauern“ und „Bauern(G)“. Es gab auch die Katego­rie der „Handwerker“ (ebenfalls ein verdächtiger Stand). Und es gab die Möglichkeit, ein „I“ für „Intelligenz“ einzutragen – zu dieser Klasse gehör­ten Studierte wie Ärzte, Techniker, Lehrer usw. Mein Vater war Pfarrer. Was sollte der – systemtreue - Lehrer eintragen? Konnte ein Mensch mit diesem Beruf überhaupt intelligent sein? Mangels weiterer Ka­tegorien wurde in der Spalte für meine Eltern dann aber doch ein „I“ vermerkt.

 

Abgang

Die Kinderzeit hatte für uns noch ein klar definiertes Ende. Nach der ach­ten Klasse kamen wir „aus der Schule“. Ein Lebensabschnitt war vorbei. Manche Klassenkameraden begannen sofort mit einer Berufsausbildung, die anderen setzten ihre Schulzeit in der „Mittelschule“ (bis zur 10. Klasse) oder in der „Ober­schule“ (bis zum Abitur) fort.

Ende der Kinderzeit. Im Sommer ´61 geriet vieles in Bewegung, auch in der grö­ßeren Welt um mich herum. Im August baute die DDR-Führung in Berlin eine Mauer. Mein bester Freund, der mit mir in die neue Schule ge­hen sollte, war in diesen Tagen zu Besuch im Westen – würde er über­haupt wieder kommen? Un­bekanntes wartete, Neugier und Angst gingen mit durch den letzten Kindersom­mer. Das Leben blieb spannend.

 


3. Flugversuche – Oberschule und Studium

(1961 bis 1970)

 

 

 

Lebenslauf-Skizze III

Nach dem Abschluss der Grundschule besuchte ich vier Jahre lang – bis zum Abitur – die Erwei­terte Oberschule in der Nachbarstadt. 1965 ging ich zum Chemiestudium nach Dresden.

 

Oberschule
Ich besuchte in der benachbarten Kleinstadt Meerane die „Zwölfklassige Erweiterte Allgemeinbildende Poly­technische Oberschule“ (EOS), die uns zum Abitur führte. Das war gar nicht selbstverständlich. Mein Vater war als system­kritischer Pfarrer bei der Stasi aktenkundig. Unser Telefon – einer von einer Handvoll Anschlüsse im Dorf - wurde all die Jahre abgehört. Ich war nicht Mitglied bei den „Jungen Pionieren“ oder später bei der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ), hatte natürlich auch nicht an der staatlichen „Jugendweihe“ teilgenommen. Das alles, überhaupt meine Herkunft aus einem verdächtigen sozialen Umfeld, qualifizierte mich nicht gerade für einen Weg höherer Bildung in der DDR. Und so wurde der elterliche An­trag auf Zulassung zum Abitur zunächst auch abgelehnt. Aber einem Leh­rer gelang es, durch großen persönlichen Einsatz doch noch meine Zulas­sung zu ertrotzen.
Unsere Schule wurde ein Opfer der Zentralisierung in der Kreisstadt. Unsere Klasse war der vorletzte Jahrgang, der dort unterrichtet wurde. Die Schule war immer nur einzügig gewesen. Es gab keine Möglichkeit, so wie heute üblich ein Profil auszu­wählen oder später ungeliebte Fächer abzuwählen. Wir hatten (Frontal-)Unterricht in allen - auch den unbe­quemen - Fächern bis zum Schluss. Diese „Zwangsbeglückung“ halte ich, wenn man „Allgemein­bildung“ erwerben möchte, auch heute noch für sinnvoll. Wir haben so – obwohl wir uns in der DDR befanden und das Profil ein „mathema­tisch-naturwissenschaftli­ches“ war – auch vier Jahre soliden Lateinunterricht ge­habt, und dafür bin ich heute noch dankbar, weil das bei manchen tourismus-sprachlichen Pro­blemen gut weiterhilft und man sich auch bei Fremdwörtern oder medi­zinischen Fachchinesisch (was ja weithin Latein ist) vieles ganz gut zu­sammenreimen kann.

Ein Tag in jeder Schulwoche bis zum Abitur war weiterhin für „UTP“ reser­viert. Diesen Unter­richtstag in der Produktion verbrachten wir nun in einem großen metallverarbeitenden Betrieb (Dampfkesselbau), und wir feilten, schraubten, bohrten und drehten – so richtig professionell auch an der Dreh­bank. In drei Jahren absolvierten wir so eine recht solide handwerkliche Ausbildung. Und wer das wollte, konnte dann nach dem Abitur auch noch in einem vierwöchigen Ferien-Lehrgang ei­nen ordentlichen Facharbeiterbrief erwerben.

 

Wege zur Bildung – mit Schlitten und Moped

Mein Weg zur Allgemeinbildung führte vier Jahre immer die gleiche Straße entlang. Die Schule war fünf Kilometer entfernt. Von Bus, etwa gar einem Schulbus, war damals keine Rede. So schenkten mir die Großeltern ein gebrauchtes Fahrrad - ein 28er DIAMANT-Sportrad mit Dreigang­schaltung -, und mit dem stürmte ich an jedem Morgen - meist etwas zu spät - los, unterwegs schloss sich mir mein Banknachbar Rainer an, und wir hop­pelten über die löchrigen Straßen auf dem Lande und die kopfstein­gepflasterten in der Stadt. Ein paarmal war Glatteis, und die Rad­fahrver­suche endeten als Rutschpartie im Straßengraben. An solchen Tagen kamen wir Landkin­der dann eben zu Fuß - ´ne Stunde später - und zogen auf einem Schlitten die Schultasche hinter uns her.

Sehnsucht aller jugendlichen „Männer“ war ein motorisierter Untersatz. Erst hatte es Fahrräder mit Seitenmotor gegeben, die wegen Ihrer Knatte­reien „Hühnerschreck“ hießen; aber das war wohl mehr was für die älteren Herrschaften. Unserer Begier stand schon eine neue Zweirad-Generation zur Verfügung. Diese Mopeds waren noch im Wortsinne ein Motorrad mit Pedale, aber wenn man sie „antreten“ oder gar tatsächlich einmal als Fahrrad in Betrieb nehmen musste, waren sie auch für einen kräftigen Ju­gend­lichen verdammt schwer durch Treten zu bewegen. Sie hießen SR1  und SR2 (Simson-Roller)und später kamen KR50 (Kleinroller), „Schwalbe“ und „Star“ und „Sperber“ und andere „Vögel“ dazu - das waren dann schon Mokicks, also mit Kickstarter zu starten.

Schon bevor die offizielle Fahrerlaubnisgrenze von 15 Jahren erreicht war, machten alle Jungs heimliche Fahrten – mit den zu Hause still aus dem Schuppen entführten elterlichen Gefährten ging es über Feldwege und Felder. Aber manchmal gerieten wir im Fahrtrausch auch auf öffent­liche Straßen. Und da konnte es passieren, dass uns der „Dorf-Sheriff“ er­wischte; amtlich war er der ABV (der Abschnittsbevollmächtigte der Deut­schen Volkspolizei). Die Staatsgewalt stoppte das fröhliche Treiben, der Sachverhalt wurde grimmig protokolliert, das Moped als corpus delicti mit einem behördlichen Schloss versehen und so aus dem Verkehr gezogen. Aber dann gab es doch immer einen versöhnlichen Ausgang: Die Eltern erhielten einen amtlichen Bescheid, hörten sich den Hergang der Untat an, wurden als Erziehungsberechtigte verwarnt, das Moped durfte wieder in seinen Stall. Dort blieb es bis zur nächsten illegalen Tour.

 

Westfernsehen

Fernsehen war eine faszinierende Sache. In unserer Familie gab es - aus Kosten- und wohl auch aus erzieherischen Gründen - kein solches Gerät. Aber in vielen Bauernhöfen hatten die „Flimmer­kisten“ längst Einzug gehalten, und so schlichen wir abends aus dem elterlichen Haus, ließen uns in die - tagsüber zu diesem Zwecke verdunkelten - Wohnstuben der Klassenkameraden einladen und guckten stundenlang fasziniert in die Röhre, egal, was deren schwarz-weißes Geflimmer auf einem Schirm mit 20 Zentimetern Diagonale zu bieten hatte. Bei der reuigen Rückkehr nach Hause hieß die Strafe: „Ohne essen ins Bett!“ Aber das war´s mir wert.

Später erbten wir einen Fernseher von den Großeltern.

Ein besonderer Nervenkitzel war „West­fernsehen“, der verbotene Blick hinaus aus der kleinkarierten DDR-Welt, über die Mauer, in eine fremde Wirklichkeit mit Glamour und Wirtschaftswunder und Werbung. Der Zugang zum Paradies war nicht leicht, schon rein technisch betrachtet. Die Antenne baute sich jeder selbst. Bei uns zu Hause war es eine Holz-Leiste, die mit Kupferlitze (geflochtener Draht) bespannt war. Sie stand hinter dem Fernseher in der Wohnzimmer-Ecke und wurde bei Bedarf zur Verbesserung des stän­dig schwankenden Empfangs („Überreichweiten“) in die optimale Stellung ge­bracht. Für das „Zweite Programm“, das später dazu kam, wurde es schon etwas schwieriger. Man brauchte für dem Empfang einen Konverter, ein Kästchen, das die gute Tante aus dem Westen „einschmug­geln“ musste, und dann doch eine etwas leistungsfähigere Antenne, die von kreativen Bastlern angefertigt wurde und die so hoch oben wie nur möglich installiert werden musste, also - als ver­steckte Variante - auf dem Boden unter dem Dach oder auch offen sichtbar draußen auf dem First, ausgerichtet in Richtung bayerischer „Ochsenkopf“.

Im Herbst ´61, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer, betrat ich zum ersten Mal meine neue Schule, die „Goethe-Oberschule“. Fremde Gesichter, vielerlei neue Eindrücke – und gleich er­lebte ich dort auch noch „Klassen­kampf“ live. Eine Kampagne gegen das Sehen und Hören von „Westsendern“ lief an. Agitationsgruppen sägten „West­antennen“ von den Dächern anderer Leute! In der Schule wurde eine Unter­schriftensammlung gestartet, in der sich alle Schüler „freiwil­lig“ verpflichten soll­ten, keine „Westsender“ mehr anzuhören und anzusehen. Die Listen füllten sich. Ich unterschrieb nicht. Gerade erst hatte ich bei Radio Luxemburg neue musikalische Welten entdeckt, die mir wichtig wa­ren, und die abendliche „Tages­schau“ oder Werner Höfers sonntäglichen „Frühschop­pen“ wollte ich auch nicht lassen. Am nächsten Tag hing am Schwarzen Brett ein großer Zettel, auf dem drei oder vier Namen von Schülern, darunter meiner, bekannt gemacht wurden, weil sie Handlanger des Klassenfeindes seien und eigentlich an dieser sozialistischen Bil­dungseinrichtung nichts zu suchen hätten. Verunsicherung, Bockigkeit, Angst, elterliche Ge­spräche. Ein paar Tage später habe ich auch auf der Liste unterschrieben. Opportunismus, Anpassung, Unterwerfung? Ge­tröstet hat mich immerhin die Bemerkung eines drei Jahre älteren Schü­lers, der mir vor dem Schwarzen Brett die Hand auf die Schulter legte und meinte, so viel Mut wie ich habe er nicht ge­habt. Mut? Ein ganz kleines bisschen Stolz blieb so auch in der Niederlage. Ich hatte, wenn auch nur für einige Tage, eine eigene Mei­nung gehabt und vertreten, war nicht gleich mit geschwom­men im allgemeinen Strom der Gleichgültigkeit.

Die Kampagne verlief sich bald, und Westfernsehen wurde weiterhin in fast jedem Haushalt ge­guckt.

 

Blinde Flecken

Mein Vater fuhr, als ich noch zur Schule ging, jedes Jahr im Winter mit mir für eine Woche ins Erz­gebirge zum Ski­urlaub. Die Reise nach Johann­georgenstadt mit der Eisen­bahn war noch in den 1960er Jahren ein richti­ges Abenteuer. Schon in Zwickau stiegen in jeden Waggon zwei Unifor­mierte ein. Die Ausweispapiere der Mitreisenden wurden intensiv kontrol­liert, alle wurden nach ih­rem Reisegrund befragt. Der Grund: Wir waren in einem Gebiet unterwegs, das so richtig nicht zur DDR gehörte. Hier im Erzgebirge gewann die Sowjetunion seit 1946 Uran, das Metall, mit dem man Atomwaffen baut und Atomkraft­werke betreiben kann. WISMUT hieß die Firma zur Tar­nung, und auch der formal souveräne Staat DDR hatte hier nichts zu sagen. Ganze Landstriche wurden durch hektischen Raub­bau verwüstet, Tausende von Bergleuten opferten ihr Leben dem Bohr­staub und dem Umgang mit dem radioaktiven Material. Aber darüber wurde nicht geredet. Zwar hörte und wusste man so manches – aber dar­über breitete sich kollektives Schweigen. Am Ende der DDR-Zeiten hatte sich der Uran­bergbau bis nach Ronneburg in Thüringen ausgebreitet. Von meiner Woh­nung aus waren am Horizont deutlich die WISMUT-Halden zu sehen, hö­her als die Pyramiden von Ägypten – aber ich habe sie bis zur Wende einfach nicht wahrgenommen. Unbequem, unheimlich, und einfach aus­geblendet.

 

Schlips und Schwips und Walzerschritt

In der 11. Klasse war für die „Herren“ Tanzstunde angesagt. Die „Damen“ waren schon ein Jahr früher, im Alter von 16 Jahren, „dran“. Fräulein Nikolaus betrieb eine Tanzschule. Ihr oblag es seit Jahrzehnten, der von Verlotterung und Sittenverfall bedrohten Jugend ein paar Grundregeln betreffend äußerlicher Erscheinung und Anstand zu vermitteln sowie die Fähigkeit, sich ohne Stol­pern und Anderen-auf-die-Füße-treten auf einem Tanzparkett bewegen zu können.

In den ersten Übungsstunden waren wir „Herren“ unter uns. Wir lernten, gerade zu sitzen und zu stehen, ordentlich zu gehen und zu grüßen und uns zu verbeugen. Das war anstrengend, und die ganze Truppe versam­melte sich nach dem amtlichen Übungsteil in der „Ente“, einer benach­barten Kneipe. Dort fand die Auswertung statt, es gab Pfefferminzlikör und andere verruchte Getränke und - zunehmend laute - Gespräche unter Männern. Natürlich über Frauen. Über die Damen näm­lich, die für die Tanzstunde einfach notwendig und auch ersehnt waren. Es handelte sich da ja um weibliche Wesen zum Anfassen - im Wortsinne!

In den folgenden Wochen wurden mehr oder weniger mutig Kontakte ge­knüpft, es gab einige Rangeleien und Geplänkel – und dann stand es fest, wer nun mit welcher Schönheit „die Tanz­stunde machen“ würde. Und dann standen die Damen auf der einen Seite der Tanzfläche, schick ge­kleidet, damals so in der Übergangszeit zwischen schwingendem Petticoat und Minirock, und die Herren standen auf der anderen Seite, mit Jackett und Schlips und blankgeputzten Schuhen. Der Mann am Klavier spielte die ersten Takte - richtig live! -, und die Herren stürzten auf die andere Seite, alles sortierte sich paarweise, und wir versuchten, Fräulein Niko­laus´ Vorgaben umzusetzen. Das Ganze endete mit einem „Tanzstunden­ball“ mit allem Drum und Dran. Die Her­ren mussten die Damen von zu Hause abholen, inklusive dienernder Überreichung von Blumen und verlegener Konversation mit den Eltern. Dann wurde Taxi gefahren. Im Saal, beob­achtet von Eltern- und Tantenaugen, galt es zunächst, schwitzend den verschlungenen Pfaden der Polonaise zu folgen, später war Gelegenheit, beim Walzer auf fremde Füße zu treten, oder man musste bei verordne­tem Partnerwechsel mit einer Dame klarkommen, die einen Kopf größer und doppelt so schwer war wie man(n) selbst. Nachdem wir unter intensi­ver Beobachtung der zahlreich erschienenen Verwandtschaft bewiesen hatten, dass wir auch mit Messer und Gabel essen und Wein ohne Kleckereien austrinken konnten, waren wir in den Ritua­len des Erwach­senwerdens eine Runde weiter gekommen. Natürlich hat´s in der Tanz­stunde ge­kribbelt. Und das war nicht nur der Sekt zum Ball! Da wurde es manchmal spät. Aber da es ohne­hin mit dem Fahrrad zurück aufs Land ging - im Anzug! -, war das nicht so schlimm. Zu Hause bin ich zu nächt­licher Stunde öfter über Dachrinne und Balkon in den ersten Stock hoch­geturnt, um die Eltern nicht zu schrecken.

Meine Tanzstundendame erwies sich als äußerst „nahrhafte“ Verbindung, sie stammte aus einer Bäckerei, und so spazierte ich allsonnabendlich mittags nach Schulschluss mit einem ganzen Schwarm von hungrigen Klassenkameraden im Gefolge dorthin zum fröhlichen Futtern von Ku­chenrändern.

 

Gucklöcher

Manchmal kam Bewegung in die verkrustete DDR. In den 60er Jahren er­schienen Schallplatten von den Beatles; die Entdeckung, die das für die DDR möglich machte: Sie waren „Arbeiterjungen“! Oder ich konnte – über Beziehungen – eine Scheibe von Bob Dylan erwerben; und die gab es z.B. auf einem Label, das offiziell gar nicht existierte: „PHONOCLUB“; wie man da Mitglied werden konnte, habe ich nie herausfinden können. Ich gründete selbst eine Beat-Band, wir sangen natürlich - und erstaunlicher­weise ohne verboten zu werden - englisch-sprachige Titel. Gemeinsam mit einem Freund schrieb ich damals ein Lied für den „Schlagerwettbe­werb“ der DDR, das über­raschend in den Endausscheid gelangte. Daraufhin wurden wir von Kulturfunktionären ermutigt, weiterhin eigene Werke zu schreiben. Ein Lektorat entschied dann darüber, ob ein eingereichter Titel den Ansprüchen der sozialistischen Kulturpolitik genügte. Was den textlichen Inhalt solcher Stücke anlangte, war manchmal fast alles möglich und manchmal schwang eine ängstliche Kulturpolitik den großen Hammer der Verbote.

Nach und nach wuchsen meine Haare bis auf die Schultern hinunter, in der Studienzeit kam ein Bart dazu. Das war auch ein Stück Protest, Anderssein – und es wurde immerhin tole­riert.

 

Durchblick

In meiner Kinderzeit rannte ich ständig mit anderen Kindern durch Wald und Flur, und dabei habe ich nie was von Sehstörungen bemerkt. Nur im Schulzimmer rutschte ich im Laufe der Jahre von der letzten Bankreihe immer weiter nach vorn, weil´s da irgendwie besser ging mit dem Erken­nen.

Eines Tages saß ich im Arbeitszimmer meines Vaters und spielte mit sei­ner Brille. Als ich die mir auch mal selbst auf die Nase setzte, hatte das einen unerwarteten Effekt. Ich entdeckte, dass die Wand-Tapete ein Muster hatte – das war mir bis dahin entgangen. Ich war da schon relativ stark kurzsichtig.

Bald hatte ich eine Brille. In der Schule war so was ja ganz nützlich, aber im wirklichen Leben? Da war Brille doch einfach peinlich, zumal einige Mädchen, auf deren Akzeptanz ich doch zunehmend Wert legte, das böse Lied sangen: „Einer mit ´ner Brille ist mein letzter Wille“. So trat ich drau­ßen weiter ohne Brille in Erscheinung. Das war manchmal nicht ganz ein­fach. Ohne Brille hatte die ganze Welt etwas verschwommene Konturen. In der Tanzstunde hieß das zum Beispiel: Merke dir die Farbe des Kleides der Auser­wählten, deren Gesicht du auf der Gegenseite des Saales sowieso nicht erken­nen kannst.

Dass das Tragen einer Brille vorteilhaft sein kann, davon überzeugte mich endgültig Jahre später ein Vorfall im Ostseeurlaub. Tagelang hatte ein kräftiger Wind aus Süden vom Land her geweht, das hatte eine Art Ebbe zur Folge, das Meer war zurückgewichen, und man konnte auf einem 50 Meter breiten Sandstreifen herumspazieren. Ich hatte diesmal meine Brille auf der Nase – und prompt fand ich im feuchten Sand ein massives Sil­berarmband mit gefassten Bernsteinen.

 
Platten heben

Die Sommerferien waren in der DDR immer 8 Wochen lang, dauerten von Anfang Juli bis Ende August. Da wurde manchmal die Zeit lang, und au­ßerdem war eigenes Geld sowieso immer knapp. So entschlossen sich viele, ein paar Wochen arbeiten zu gehen.

Mich trieb´s drei Sommer lang zur Autobahn. In Meerane gab es eine Autobahnmeisterei, die die Aufgabe hatte, einen Streckenabschnitt von etwa 60 Kilometern Länge in Ordnung zu halten: Winterdienst, Hecken pflegen, Fahrbahn instand halten, Müll beräumen usw.

Drei Wochen lang erlebte ich nun alle Höhen und Tiefen des Bauarbeiter-Daseins mit. In dieser Zeit wohnte ich bei der Familie eines Klassenkameraden in der „Autobahnsiedlung“. Der Ar­beitstag begann im Sommer irgendwann zwischen vier und fünf Uhr in der Frühe. Kurze Beratung zur Einteilung der Arbeit, dann wur­den LKW beladen und kleinere Arbeitsgruppen fuhren an ihre Ein­satzorte.

Unsere Haupttätigkeit hieß: „Platten heben“. Die Autobahn – so lernte ich - war in den dreißi­ger Jahren ziemlich hektisch gebaut worden. Die Bauauf­träge gingen an örtlich ansässige Baufir­men, die jeweils ein paar hundert Meter Strecke zugeteilt bekamen, den Untergrund vorbereite­ten und dar­auf später die Betonplatten für die Fahrbahn gossen. Aber obwohl es na­türlich genaue Vorschriften für einzusetzende Materialien und Technolo­gien gab, hatte eben doch jeder ein biss­chen anders gebaut, den sand­geschütteten Untergrund mehr oder weniger gut verdichtet, mal war die eine und mal eine andere Zementqualität eingesetzt worden usw. Nach Jahrzehnten zeigten sich nun massive Schäden. Der Untergrund arbei­tete, Wassereinbrüche und Frost und Hitze lie­ßen die Platten abrutschen oder drückten sie hoch, wobei sie manchmal verkanteten; dadurch konn­ten an den Fugen Höhenunterschiede von einigen Zentimetern entstehen!. Unsere Aufgabe war es nun, die Platten wieder auszurichten, damit die Autofahrer ohne Hoppeleffekte auf der Au­tobahn fahren konnten. Um das hinzukriegen, wurden morgens auf das Auto 50 Säcke Zement verladen, ein Kubikmeter Sand, ein paar riesige Bohrhämmer, ein Betonmischer; hinten an den LKW wurde ein fahrbarer Kompressor mit Dieselmotor angehängt. Dann fuhren wir zur Baustelle. Einer wurde weiterge­schickt zum Bierholen, die anderen sperrten den Baubereich ab. Ich glaube, so richtig exakt ge­messen wurde nun gar nicht, die Bewertung der Plattenstände erfolgte mehr nach ge­schultem Au­genmaß des „Poliers“. An den Ecken der in ihrer Lage verän­derten Platten wurden die Bohrma­schinen angesetzt und vier bis fünf Zentimeter dicke Löcher durchgebohrt – das war bei 15 Zentimetern Stahlbeton eine Hundearbeit! Inzwischen lief die Mischmaschine und rührte Beton an. Auf das Bohrloch wurde eine Art Trichter aufgesetzt, durch das der Betonbrei mit Druckluft unter die Platte gepresst wurde. Dabei spielten Erfahrung und Gespür eine große Rolle. Keiner wusste ja, wie es unter der Platte aussah, ob da viel Hohlräume zu füllen wa­ren - da strömte manchmal eine Beton-Ladung nach der anderen ohne erkennbare Wirkung in den Unter­grund - oder ob die Platte auf festem Untergrund auflag. In diesem Fall konnte schon eine kleine „Unter­füllung“ dazu führen, dass die Platte nach oben sprang, verkantete, und dann musste der ganze Rest der Platte die­sem neuen Niveau angeglichen werden.

Noch eine Absonderlichkeit von „Planwirtschaft“ habe ich mir gemerkt. Frühmorgens wurden ei­nige Dutzend Zementsäcke verladen, die waren damit verplant, abgerechnet, abgebucht. Wenn dann tagsüber einmal we­niger Zement nötig war als im Durchschnitt, wurden die übrig gebliebenen Säcke vor der Rückfahrt abgeladen, aufgeschlitzt und den Hang runter gekippt. Dabei war Zement ja eigentlich auch Mangelware ...

Am Sonnabend - der war damals noch bis mittags wirklich ein „Werktag“ - wurden alle Mitarbeiter, ob Meister oder Hilfsarbeiter, in Zweiergruppen entlang der Autobahn abgesetzt, und sie sammel­ten Kilometer um Kilo­meter von Hand den Müll auf, den die Autofahrer im Laufe der Woche aus dem Fenster geworfen hatten. Gegen Mittag wurden alle von einem Fahr­zeug wieder aufgesam­melt.

Manchmal lautete die Aufgabe für uns schülerische Hilfskräfte auch: „Hecken schneiden“. Rechts und links der Autobahn wuchsen Hecken, die manchmal Hunderte Meter lang waren. Sie mussten geschnitten werden, von Hand mit der großen Heckenschere. Dann waren wir stundenlang auf uns allein ge­stellt, und in den nächsten Tagen hatten wir mächtige Blasen an den ungeübten Händen.

Zu unseren Aufgaben gehörte es auch, das auf dem Mittelstreifen der Autobahn geschnittene Heu zu bergen – auch das erfolgte bei laufendem Fahrbetrieb!

 

Um Haaresbreite

Unser Bautrupp arbeitete auf der Autobahn. Die war mit rot-weißen Gummihüten halbseitig gesperrt, außerdem galt im Baustellenbereich „60“ als Geschwindigkeitsbeschränkung. Plötzlich schrillten Signaltöne. Ein Polizeifahrzeug näherte sich mit Blaulicht und raste mit „100“ an mir vorbei durch die freie Gasse. Ich blickte noch erschrocken hinterher, als die Kollegen vor mir heftig zu winken begannen. Was hatten Sie? Ich winkte unlustig zurück. Aber in diesem Moment verspürte ich einen leichten Luftzug. Ein riesiger dunkler Schatten rauschte an mir vorbei. Das Polizeifahrzeug sollte eigentlich einen Schwertransport geleiten. Irgendetwas aber hatte die Besatzung des Begleitfahrzeugs bewogen, Tempo zu machen, und der Transporter hatte daraufhin ebenfalls Gas gegeben – und nun donnerte er mit „90“ durch die Baustelle. Das Fahrzeug transportierte einen riesigen Ring aus Stahl, der bestimmt einen Meter weit über die Absperrung in unsere Arbeitsstelle hineinragte. Wenn ich wenige Zentimeter weiter draußen gestanden hätte ... Die Kollegen, harte Bauarbeiter-Typen, hatten hilflos zugesehen und waren nun ziemlich blass. Ich hatte weiche Knie, kriegte ein Bier und hatte erst einmal arbeitsfrei.

 

Partytime

Es gab einen neuen Geheimtipp: „Party“. Keine Ahnung, was und wie, aber auch wir wollten „in“ sein, also wurde geplant und verabredet. Meine Eltern waren einverstanden und finanzierten die Versorgung mit Speisen und Getränken. Mein Schwester­lein besaß einen Plattenspieler, den ersten weit und breit. Mir hatte die gute Westtante gerade zwei West-Schallplatten mitgebracht, ein Freund brachte noch eine weitere der schwarzen Scheiben mit. Und dann war im Wohnzimmer Party angesagt. 10 schüchterne junge Leute, nach einer Stunde gab´s die ersten musikalischen Wiederholungen. Irgendwie hatte ich mir das aufregender vorgestellt.
Aber nun ging´s reihum weiter: Fast jeder aus der Tanzstundentruppe war mal dran mit „Party“, und so war fröhliches Jugendleben garantiert.

 

Der Rock ´n´ Roll – King

In der Tanzschule hatten wir Foxtrott und Quickstep und Rumba und Wal­zer gelernt. Aber in der Wirklichkeit der Tanzsäle, die wir danach besuch­ten, waren ganz andere Künste und Ausdrucks­formen gefragt. Der „Rock ´n´ Roll“ war Mitte der 1960er Jahre schon was Nostalgisches für uns. Es gab in unserer Stadt den „Rock ´n´ Roll – King“, eine legendäre Figur, der „es“ mit „Überwurf“ und „Durchziehen“ konnte. Aber solches Treiben war politisch verdächtig und deshalb verboten. Und so hatte der King ständig Ärger. Wegen solch „westlich-dekadenten“ Benehmens gab es im­mer wieder Schwierigkeiten mit der Staatsmacht – die Folge waren z.B. „Saal­verbot“ oder Geld­strafen. Wir jüngeren gingen sehr bürgerlich-sittsam zum Tanz, mit Sakko und Schlips und Mantel - mein bester Freund trug sogar einen Hut (mit 17 Jahren!). Öffentliche Tanz-Veranstaltungen be­gannen abends um sieben und waren punkt Mitternacht zu Ende, 15- und 16-jäh­rige mussten schon um zehn raus. Zu Hause übten wir - vor dem Spiegel und mit Seitenstechen als Nebenwir­kung - neue Anstößigkeiten, „Twist“ zum Beispiel, und wenig später fassten sich Männlein und Weiblein nicht mehr an, sondern jeder verrenkte sich nach bestem Vermögen solo auf dem Par­kett.

 

Kampfsport

Irgend jemand von uns hatte im Fernsehen gesehen, wie coole Typen Ziegelsteine und ähnliche Gegenstände mit eiserner Hand zertrümmerten. Fortan gab es Karate-Übungen in den Schulpau­sen. Zwei aus unserer Klasse hatten damals in der Schule die Verantwortung für das „Kartenzim­mer“, in dem Landkarten und Bildtafeln für den Unterricht gelagert wurden. Solche Karten hatten oben und unten je eine runde Holzstange. Und nun entdeckten wir: Da gab es doch eine Menge alte zerflederte Karten, die niemand mehr brauchte! Also wurden die Holzstäbe herbeigeholt, zwi­schen zwei Schulbänke gelegt, und mutige Männer versuchten, sie mit der Handkante zu zer­schlagen, was manchmal gelang, nebenbei aber auch zu schmerzhaft-geschwollenen Händen führte.

 

Schnellkurs für Gitarre – fit in drei Minuten

Die Musik, die uns vom Hocker riss, konnten wir viel zu selten hören. Ton­bandgeräte waren uner­reichbar teuer, Platten gab es nur im Westen. Da blieb nur die Möglichkeit, stundenlang am Radio zu sitzen und zu kurbeln und zu warten, ob im Knarren und Auf-und-ab-Schwellen des Empfangs (Mittelwelle!) irgendwann drei Minuten Glück zu erhaschen waren.
Ein älterer Mitschüler konnte Gitarre spielen, und das hatte mich sehr be­eindruckt. Also kaufte ich mir auch – für 70 Mark Ost – eine einfache Holzgitarre. Damit es mehr „schepperte“, zog ich Stahlsaiten auf, und weil ich gesehen hatte, dass Gitarristen etwas in der Hand hatten beim An­schlagen, malträtierte ich die Gi­tarre mit einem Fünf-Pfennig-Stück zwi­schen Daumen und Zeigefinger. Ich hatte ein dünnes Heft erstanden, in dem einige Griffe auf der Gitarre vorgestellt waren. Und dann ging´s zur Sache: auto­didaktischer Schnellunterricht live! Das lief so: Im Radio wurde ein Lied angesagt, das ich gern mitspielen können wollte. Während der ersten Strophe war Zeit, die Gitarre auf die richtige Ton­lage zu bringen, in der zweiten Strophe konnte ich versuchen, intuitiv aus meinem begrenzten Re­pertoire an Griffen die zu diesem Stück passenden auszuwählen, und die Begleitung bei der drit­ten und letzten Strophe ging dann meist schon ganz leidlich. Das war eine harte Schule für Gehör und Spiel-Technik, aber das gute Gefühl („ich kanns“!) wog mehr als die Schmerzen und Schwie­len an den Fingerkuppen. Das heftige Draufhauen - die Musik sollte ja laut sein - bekam den zarten Saiten nicht immer, mancher Draht riss, und weil ich mir monatelang keine neue E-Saite kaufen konnte, habe ich eben meinen Grundkurs auf einer fünf-saitigen Gitarre gemacht. Zu­sätzlich galt es, die englisch gesungenen Texte abzuhören, aufzuschrei­ben und zu übersetzen – das war ne­benbei eine erfolgreiche Methode, um Englisch zu lernen.

 

Twist and Shout

1963/64 hatte auch uns das Beatles-Fieber voll erreicht. Und mangels Schallplatten entdeckten wir: Man konnte doch auch selbst singen! Und es geschah so. In der 12. Klasse brachte ich am Sonnabend – das war re­gulärer, wenn auch verkürzter Schultag - auf dem Fahrrad meine Gitarre mit in die Schule, und dann standen wir in jeder Pause in der Zim­merecke und schrieen uns die Stimme aus dem Hals bei „Twist and Shout“. Manchmal zogen wir uns auch für solche Gesangsübungen in den Heizungskeller der Schule zurück.

Eines Tages wurde ein Umlaufzettel unter den Bänken in der Klasse her­umgereicht: „Wer gründet mit mir einen Schlager-Club?“ Ein netter Mit­schüler hatte den Text ganz sparsam verändert, und als der Lehrer den Zettel in die Hand bekam, las er genüsslich vor, wer sich inzwischen als Mit­glied im Schläger-Club eingetragen hatte.

Über Heinz Quermann zu den „Meridas

Es gab einen legendären Rundfunkmoderator in der DDR, der immer im Lande unterwegs war auf der Suche nach „Jungen Talenten“. Irgendwann verirrte er sich auch in unsere Kleinstadt. Jeder, der was Unterhaltsames bieten konnte, war aufgefordert, sich zu melden. Ich hatte meine Holz­gitarre, kannte ein paar Lieder, fasste Mut und meldete mich an. Zur Generalprobe stand ich allein mit meiner Klampfe vor einem Mikro und sang in den leeren großen Saal hinein. Der Text meines Beitrags war eng­lisch: „The House of the Rising Sun“ – ich hatte den Text mühsam im Radio ab­gehört. Irgendwie passte mein Stück künstlerisch oder ideolo­gisch aber dann doch nicht ins Pro­gramm und so konnte ich die Abend­veranstaltung nur als Zuschauer aus den Falten des Vorhangs beobach­ten. Aber das Unternehmen hatte doch Folgen für mein weiteres „Musiker-Leben“. Auf der Bühne stand eine Band namens „Meridas“, und mit deren musikalischem Leiter hatte ich bei den Proben mancherlei musikalische Gemeinsamkeiten feststellen können. Merida ist übrigens ein Städtchen in Mittelamerika, von dem wir nichts wussten und wo auch nie einer gewe­sen war. Aber es war „draußen“ und „drüben“ und war damit etwas Exoti­sches, eignete sich als Symbol für Ver­lockendes und Verbotenes. Und so hieß also die Band, die an unserer Schule gegründet worden war, MERIDAS. Die Band spielte – sittsam in Pepita-Jacken gekleidet – die Musik, die wir alle hö­ren wollten, schnell und laut und rockig und englisch und westlich.
Ich hatte damals mit einigen Freunden eine eigene Band gegründet, die „Pacemakers“. Wir knie­ten uns zu fünft in die Proben und hatten, in der Zeitung als offizielle Band des „Jugendklubhauses“ angepriesen, sogar ei­nen Auftritt. Es blieb unser einziger. Der selbst­gebaute Verstärker - es war einer für die ganze Gruppe! -, brannte beim Auftritt spektakulär ab.

Wenige Wochen später stieg ich bei den „Meridas“ ein. Etwas überra­schend für mich kam die Mitteilung, dass ich fortan Bassgitarre spielen sollte. Ich hatte solch ein Gerät noch nie in der Hand gehabt, aber das In­strument war schon gekauft – wodurch ich gleich mit 500 Mark Schulden star­tete. Immer freitags war Probe, am Wochenende dann und zur Faschingszeit und in ähnlichen Festzeiten auch noch öfter gab es einen oder auch zwei Auftritte („Muggen“) von jeweils fünf Stun­den Dauer - und dafür 25 Mark auf die Hand. Die Veranstaltungsorte lagen im Umkreis von 30, 40 Kilo­metern. Ich „reiste“ immer - zusammen mit der Technik und den Instrumenten - hinten auf der La­defläche eines kleinen, offenen LKW unter der flatternden Plane. Bei unseren Auftritten war noch alles „echt“, es gab keine Tricks, etwa ein „Hallgerät“ für mich als Sänger bei schwächelnder Stimme. Wir spielten zum Teil einen erdverbundenen Rock, getragen von zwei röhrenden Saxo­phonen, machten auch hin und wieder ein Zuge­ständnis mit Schnulzigem zur „Damenwahl“, aber Profil erlangten wir schnell, indem wir „unsere“ Musik spielten, Titel von den BEATLES. Wir hatten sogar einen richtigen Fanclub, der zu jeder Veranstaltung anreiste - am Stammtisch mit Wimpel.
Die Band bekam einigen Ärger mit mir als ihrem Sänger und Gitarristen. Ich hatte nämlich keine ordentliche Musikschulausbildung mit Abschluss zu bieten, was für eine „Spielerlaubnis“ - die be­hördlich notwendige Zulas­sung zum Auftritt auf öffentlichen sozialistischen Bühnen - und für die „Einstufung“ (wichtig für die Stunden-Vergütung) eigentlich unerlässlich war. Aber extra wegen mir wurde das Reglement geändert, eine „Grup­peneinstufung“ durchgeführt (Live-Auftritt und Bewertung nach Gehör), und wir durften loslegen. Ein reichliches Jahr meines Lebens habe ich jedes Wochenende auf der Bühne gestan­den, während der Woche meine Stimme kuriert und die Texte neuer Lieder abgehört. Bald war ich Besitzer von drei Gitarren. Zu Hause hing eine Holztafel an der Wand, auf der ein Gewirr von Drähten angepinnt war – Dutzende von Gitarrensaiten, die meine heftigen Attacken beim Anschla­gen nicht „überlebt“ hatten und gerissen waren. Es war eine intensive Zeit, aber da ich „nebenbei“ auch studierte, war irgendwann zu entscheiden, was nun Vorrang haben sollte, und da fiel die Entscheidung: Der Hauptberuf sollte Chemiker sein.

 

Mit „Gurkenwurm“ und „Rhabarberschnecke“ auf die große Bühne

Schon in der Band „Meridas“ hatten wir - Gerhard Zachar, der spätere Lei­ter der DDR-weit bekannten Gruppe LIFT, und ich - hin und wieder mit eigenen Kompositionen experimentiert. Und wir probierten dabei manchmal auch selbstgemachte, deut­sche Lied-Texte aus. Die Verwendung deutscher Worte wäre wohl im „Wes­ten“ in den 60er Jahren in der Beat-Szene undenkbar gewesen. Nun gab es damals in der DDR offiziell (noch) keine Beat- oder Rockmusik. Aber es gab den „Schlagerwettbewerb“. Wir wollten versu­chen, dort mit unseren Ideen unterzukommen und reichten im Jahr 1967 zwei Titel ein, unter den Codenamen „Gurkenwurm“ und „Rhabarberschnecke“. Es geschah Er­freuliches: Einer der Titel kam auf Anhieb in den Endausscheid – das „Herbstlied“. Wir hatten nur Text und Klavierbegleitung geliefert. Ich hatte mich bei diesem Stück zum ersten Mal als „Texter“ versucht, und von Stund an trug ich das Eti­kett, ein „Textdichter“ zu sein. Nun hatten wir keinen Einfluss darauf, wie „unser“ Stück arrangiert wurde und wer es singen würde – das Ergebnis war dann eine doch ziemlich schlagermäßige Inszenie­rung. Aber es war unser Einstieg in eine neue Welt, die uns neue Möglichkeiten eröffnete. Ich zog meinen schwarzen Konfirmationsanzug an, reiste nach Magde­burg ins Interhotel. Wir wurden in die riesige Veranstaltungs-Halle kut­schiert, schwitzten uns durch die Generalprobe mit Scheinwerfern und Fern­sehkameras. Und dann war es so weit: Premiere für UNSER Lied! Frank Schöbel, Chris Doerk und andere DDR-Stars waren unsere Sitznachbarn. Später standen wir schüchtern beim Empfang am kalten Büffet. Und die ganze Zeit über hielten wir eine Schallplatte in der Hand, auf der unser Lied drauf war, unsere Namen standen! ... Leute vom Rundfunk sprachen uns an, ob wir nicht weitere Stücke hätten, die wir mal vorstellen könnten. Wir hatten Glück, dass die DDR-Kulturpolitik gerade auf der Suche nach neuen Ansätzen, nach neuen Leuten war. Wir nutzten die Chance, schrieben neue Texte und Melodien, und bald er­schien öfter etwas von uns auf Schallplatten oder wurde im Rundfunk pro­duziert. Letzteres war damals noch die Regel, Plattenproduktionen die Ausnahme. Am Anfang liefen unsere Titel noch in der Rubrik „gehobener Schlager“ und wir hatten auch keinen Einfluss auf die Auswahl der Inter­preten, aber Anfang der 1970er Jahre gab es eine Öffnung hin zu DDR-eigener Beatmusik, und da wurde es auch möglich, die eigenen Titel mit der eigenen Band zu pro­duzieren und rockiger zu machen. Ich stand da aber längst nicht mehr mit auf der Bühne, sondern schrieb nur noch Texte, für LIFT und KARAT und HORST KRÜGER und THEO SCHUMANN ...

 

Flugversuche

Wir hatten im Sommer 1965 unser Abi in der Tasche, und nun wartete die große weite Welt auf uns. Erst einmal sollte es an die Ostsee gehen, als gemischte Gruppe von Männlein und Weiblein, mit Zelten, FKK in Sicht­weite, ohne Lehrer, ohne Eltern.
Die Anreise erfolgte für den größeren Teil der Truppe mit dem Zug oder per Anhalter. Ich saß bei einem Freund als Sozius hinten auf dem Motorrad, merkte schon nach den ersten Kilometern, dass ich die falschen Schuhe trug – Sandalen! - und wurde auf einer Strecke von 600 Kilometern ganz schön durchgerüttelt.

Auf dem Zeltplatz war Selbstverpflegung angesagt. Ich habe in den letzten Tagen vor dem Härtetest schnell noch zu Hause bei Muttern einen Schnellkochkurs absolviert; Blumenkohl mit Holländischer Soße und Spaghetti mit dicker To­matensoße kann ich heute noch richtig gut zelebrieren. Aber meist gab es dann doch fertige Tütensuppen oder Spiegelei mit Rotwein. Die Suppen­tüten und geleerten Flaschen wurden auf­gewahrt und daraus eine Aus­stellung gestaltet, die am Ende ziemlich beeindruckend war.

Wir spielten Volleyball und trieben Schabernack. Ein grimmig drein­blickender Familienhäuptling hatte es gewagt, an „unserem“ Strand eine richtige deutsche Strand-Burg zu errichten, was höchst unüblich war. Einen ganzen Tag lang hatte er gegraben, und ein entsprechend beein­druckendes Bauwerk ärgerte uns nun. Oben auf dem Zeltplatz gab es nun aber – eigentlich zur Brandbe­kämpfung vorgesehen – ein Gestell, in dem einige rote Spaten und Schaufeln standen. Als es dunkelte und niemand mehr am Strand war, holten sich die bösen Buben diese Grabwerkzeuge, schlichen zum Strand und ebneten in mühevoller Arbeit die Trutzburg ein, so vollständig, dass zuletzt nicht einmal mehr die Stelle auszumachen war, an der sie einst gestanden. Am nächsten Morgen lag die ganze Schar unschuldig blickend in sicherer Entfernung und erbaute sich an der Fassungslosigkeit des Erbauers. Er hat dann im zweiten Anlauf eine nor­male Mulde ausge­hoben, wie das alle taten.

Im Grenzgebiet war es streng verboten, offenes Feuer zu machen - es hätten ja Signale an den Klassenfeind sein können. Wir waren aber jung und Feuer war was Schönes, und in diesem Urlaub haben wir nicht nur offene Feuer oben auf dem Zeltplatz gemacht - was im Wald schon richtig dämlich und gefährlich war! -, sondern auch am Strand loderten die Flammen; richtig dicke Stämme knisterten und glimmten da bis in den frü­hen Morgen. Und als doch einmal Grenzsolda­ten vorbeikamen, waren die auch so jung wie wir, haben bei uns gestanden, mit uns getrunken und zur Gitarre gesungen, und zum Abschied haben wir uns über die Glut hinweg einen Guten Morgen ge­wünscht. Das klingt ein bisschen unwirklich, aber auch so konnte die DDR-Wirklichkeit sein.

Wir waren eine Gruppe junger Männer, die eben das Abi erfolgreich hinter sich gebracht hatten, die kräftig waren, sportlich und nicht ganz ausge­lastet. Eines Tages war stürmische See, riesige Wellen, die zum Toben einluden. Natürlich hatten die Rettungsschwimmer längst den roten „Sturmball“ hochgezogen, das bedeutete striktes Badeverbot. Aber wen kümmerte das schon! Und so stürzen sich sechs Jungen in die schweren Brecher, ließen sich überrollen, tauchten darunter durch. Ein herrliches Gefühl war das. Aber als nach einiger Zeit jemand zufällig zum Strand hin­überblickte, zeigte sich uns dort ein völlig unbekanntes Gelände. Wir wa­ren weit weit abgetrieben durch eine starke Strömung, die uns aber weiter fest im Griff hatte und immer weiter aufs offene Meer hinauszog. Wir woll­ten aufbrechen in Richtung Strand. Das wollten wir zwar, aber es erwies sich als ziemlich schwierig. Es dauerte sehr sehr lange, bis das Was­ser endlich flach wurde und wir müde an den Strand wateten.

 

Urlaub in der Leinwandvilla

Ich bin insgesamt mehr als 20 Mal, und dann in der Regel für drei Wo­chen, zum Zelten gefahren - zunächst als „Kind“ in elterlicher Begleitung, dann als Jugendlicher unter Gleichaltrigen und zuletzt als Familienvater. Und immer ging es auf den gleichen Zeltplatz, auf dem ich in der Summe fast anderthalb Jahre meines Lebens verbracht habe.

Ort des Geschehens war der nach dem Dörfchen Nonnevitz benannte Zeltplatz (auch der Platz für Betriebsferienlager am „Bakenberg“ gehörte dazu) an der Nordküste der Insel Rügen. Dort er­streckte sich ein Sand­strand über mehrere Kilometer Länge, manchmal in flachen Dünen aus­lau­fend, meist aber direkt mit einem Steilufer von 5 bis 15 Metern Höhe dahinter. Unmittelbar dahinter begann der Hochwald aus Kiefern und Bu­chen mit Grasboden und spärlichem Unterholz. Dort oben standen die Zelte, je nach Bedürfnissen der Bewohner geschützt etwas weiter hinten im Wald oder auch ganz vorn auf der Kante – dann zwar mit exklusivem Seeblick, aber auch dem manchmal doch recht stürmischen Wind direkt preisgegeben.

Aber der Reihe nach: Sehnsucht nach Urlaub am Meer reichte natürlich nicht, um auch dort sein zu dürfen. Man brauchte dafür eine Erlaubnis, genannt „Zeltschein“, die es nur auf Antrag gab. Man besorgte sich also zunächst das entsprechende Formular. Der Antrag wurde ausgefüllt. Den „Spielregeln“ genügend hätte man eigentlich nur aller paar Jahre einmal auf einen bestimmten Zelt­platz fahren dürfen. Aber es gab allerlei Tricks, das doch öfter hinzukriegen. Manche Zeltgenossen organisierten auf „ih­rem“ Stamm-Zeltplatz Malkurse oder botanische Führungen oder räumten den Müll weg und wurden so zu unverzichtbaren und privile­gierten Dauer­gästen. Man musste eigentlich auf seinem Zeltplatzantrag nicht nur den gewünsch­ten Zeltplatz angeben, sondern zusätzlich zwei „Ersatzplätze“ – also schrieb man zusätzlich „Pre­row“ und „Binz“ hin, diese „Edelplätze“ waren mit Sicherheit immer ausgebucht, sodass Nonnevitz zwangsläufig „übrig blieb“. Manche schickten auch mehrere Anträge gleichzeitig ab, mit immer den gleichen Personen, die namentlich genannt werden mussten, aber mit wechselnden Namen als Antragsteller, um ihre Chancen zu erhö­hen. Der Antrag musste noch vor Ende des alten Jahres bei der zentralen Vermittlungsstelle in Stralsund sein, um für den nächsten Sommer Erfolg zu haben. Meist wurde unser Antrag nicht einfach in einen Briefkasten geworfen, sondern als „Einschreiben“ geschickt, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Nun begannen bange Wochen des Wartens, dann kam per Post die Zulassung – oder die Ablehnung. Im letzteren Fall hatte man noch immer die Chance, mit einer „Eingabe“ Widerspruch einzulegen und auf erho­lungsbedürftige Kinder, berufliche Terminzwänge oder ärztliche Empfehlungen für einen Aufenthalt an der See hinzuweisen, und dann klappte es in der Regel doch noch.

Der zweite Punkt war nun die Organisation der Beförderung von Men­schen und Gepäck quer durch die DDR. Privat-Autos waren Anfang der 1960er Jahre noch ein seltener und für uns uner­reichbarer Luxus. Wir reisten in den ersten Jahren mit der Eisenbahn, auf der Insel Rügen dann die letzten 70 Kilometer idyllisch mit einer Kleinbahn, die auf der „Wittower Fähre“ übergesetzt wurde und damals noch bis Altenkirchen dampfte). Das Gepäck wurde ebenfalls mit der Bahn los­geschickt: riesige alte Rei­sekisten aus Großmutters Zeiten, die dann im Zelt gleich als Kleidertru­hen und Küchenvorratskiste dienten. Der Rest der Reise vom Bahnhof ab er­folgte mit einem so­genannten „Gütertaxi“, das schon von zu Hause aus bestellt worden war - eigentlich waren Güter­taxis für gewerbliche Fahrten gedacht - und das nun spottbillig nicht nur die Familie, sondern auch das gesamte Gepäck zum Zeltplatz brachte. Am Ende des Urlaubs erschien das Gütertaxi wieder und alles lief umgekehrt. In späteren Jahren gab es auch eine Gepäckstelle der Bahn direkt auf dem Zeltplatz, weitab von je­dem Schienenanschluss, oder man schickte sein Gepäck an eine extra auf dem Zeltplatz eingerichtete Saison-Poststelle.

Dann suchte man sich seinen Zeltplatz zwischen den Bäumen und baute die Zelte auf. Anfänger-Fehler bei der Standortwahl wurden nachdrücklich bestraft. Meine Eltern hatten im ersten Zelt­urlaub eine lauschige Vertie­fung im Wald ausgewählt, um sich vor Wind zu schützen. Als es dann schon in der ersten Nacht heftig regnete, lief die Kuhle voll Wasser, die Luftmatratzen und das ganze Inventar soffen einfach ab!. Wir hatten an­fangs noch einfache Hauszelte mit schrägem Dach. Dadurch waren die Unterkünfte nicht nur niedrig und nur im Hocken, Kriechen oder Sitzen zu bewohnen, sondern man musste bei Regen auch ständig Acht geben, die Dachteile nicht zu berühren, weil sonst sofort an der Innenwand die Trop­fen zu laufen begannen. Wenn nachts hef­tige Gewitter aufzogen, spran­gen manchmal auch nackte Männer im strömenden Regen mit dem Spa­ten herum und gruben schnell noch rund um die Zelte Gräben für den Wasserabfluss.

Im Vorraum des Zeltes wurde eine „Küche“ eingerichtet. Gekocht haben wir in den ersten Jahren mit Brennspiritus; das erwies sich als ein wind­anfälliges und langwieriges und teures Unternehmen: je Mahlzeit wurde 1 Liter Sprit benötigt. Später kochten wir mit Propangas. In der Nähe des Zeltes wurde mit dem Spaten ein Loch gegraben, die sandigen Wände mit Brettern gegen Einsturz gesichert und das Ganze mit einem Deckel ver­schlossen – das war der „Keller“ für Butter oder Gemüse und Getränke. Wasser war ein kostbares Gut. Es musste im „Wassersack“ – das war ein Fünf-Liter-Gummibeutel mit zuschraubbarer Einfüllöffnung und ei­nem Hahn zum Auslassen - oder in Eimern zu Fuß geholt werden, von einem (wirklich ei­nem für den ganzen Zeltplatz) Wasserleitungshahn, der auch noch mehr als einen Kilometer von den Zel­ten entfernt war; einige Jahre später gru­ben Hunderte Urlauber freiwillig den Graben für eine neue Wasserleitung, die von da an näher am Zeltplatz sprudelte. Der Wassersack hing neben dem Zelt an einem Gestell aus Brettern und Ästen, in dem auch Zahnputzbecher und andere Utensilien zu finden wa­ren – das war der „Waschplatz“. Zu ihm gehörte auch ein zweites Loch, das als Ausguss, Spuck- und Sickergrube diente.

Mancherlei Hocker, Stühle, Campingtische und Regale wurden mit ver­schickt und leisteten vor und in den Zelten gute Dienste. Die Leute waren erfinderisch. Ein Bekannter z.B. stellte seinen Autoanhänger hochkant hinten ins Zelt und baute Regalböden ein. Ich schickte jedes Jahr - für 60 Pfennige Porto hin und wieder zurück, und damit´s ein ordentliches Paket war, mit einer Schnur drum­herum - per Post eine nackte große Holzplatte auf den Zeltplatz, aus der wir einen großen Familientisch bauten.

Zur Erledigung kleiner und großer „Geschäfte“ gingen traditionsbewusste Camper auch Anfang der 1960er Jahre noch mit dem Spaten in den Wald. Inzwischen war aber schon hygienischer Fortschritt eingezogen. Weiter hinten zwischen den Bäumen standen nun einfach gezimmerte Holz­buden, die – in Einzelkabinetten und hinter Türen geschützt – Platz für mehrere erleichterungsbedürftige Menschen boten. Diese großen „Kisten“ waren nach unten offen und standen über Gruben, in die nun alles plumpste. In die Gruben wurde mehrmals täglich Chlorkalk gestreut, was den Besucher zu kurzem tränenreichem Aufenthalt zwang, aber vor allem den krabbelnden Fliegen­maden das Leben schwer machte und somit der Hygiene dienlich war.

Auch der Zelt-Urlauber musste essen und trinken. Zur Versorgung gab es in den ersten Jahren ei­nen (!) Kiosk auf Rädern, in dem man Milch und Brötchen erwerben konnte, aber nur, wenn man zeitig genug – eine Stunde vor Verkaufsbeginn - in der Schlange stand, und wenn das Liefer­fahr­zeug dann auch wirklich kam. Es gab auch Brathering, Letscho, Dosenbohnen, Weißkraut, Schnaps und noch einige andere Sachen, wirk­lich das Notwendigste für den täglichen Bedarf. Satt geworden sind wir immer. Später wurde eine richtige Kaufhalle errichtet, es gab ein Kino, ei­nen Fischstand, manchmal lockte Brathähnchenduft.

Zur Beleuchtung für Lesen und Klogang dienten uns Petroleumlampen (Baustellenlampen) oder Windlichte, Kerzen, die zum Schutz gegen Wind in alten Marmeladengläser gestellt wurden.

Im Laufe der Jahre wurde der Zeltplatz zu einem zweiten Zuhause. Wir gehörten immer mehr „dazu“. Man (er-)kannte die Nachbarn zur Rechten und zur Linken, die jedes Jahr wieder an ihrem Lieblingsplatz wohnten, die Kinder spielten zusammen, gemeinsame Feste wurden gefeiert.

 

Das Wunder von Stralsund

Es ging wieder einmal an die Ostsee. Diesmal wollten wir, ein Klassen­kamerad und ich, mit dem Fahrrad hinfahren. Und damit es nicht ganz so weit war, nutzten wir für die ersten 200 Kilometer eine Mitfahrmöglichkeit mit einem Kinderferientransport per Bahn in die Nähe von Berlin. Unsere Räder hatten wir parallel als Gepäck der Reichsbahn anvertraut. Nun warteten wir in Vorurlaubs­stimmung in Bad SaarowPieskow –Süd, badeten im Scharmützelsee und fragten im­mer mal auf dem Bahnhof nach unseren Rädern. Das meines Freundes war sofort da, mein Fahrrad aber blieb verschollen. Nach einer Woche in gelangweilter Nervosität und angesichts von un­ergiebigen amtlichen Suchmeldungen blieb uns nichts anderes übrig, als mit der Eisenbahn Rich­tung Ostsee aufzubrechen.

Dort war dann normaler Urlaub, die Sache mit den Fahrrädern war erst einmal weit weg gerückt. Dann aber fuhr ein Teil meiner Familie an einem Regentag 60 Kilometer weit nach Stralsund, um dort ein Museum zu be­suchen, einzukaufen usw. Man kam zufällig am Bahnhof vorbei, mein Bru­der besichtigte neugierig eine große Ansammlung von Fahrrädern, die dort zur Verschickung be­reitstanden, und er entdeckte DORT, wo es ei­gentlich nichts zu suchen hatte und gar nicht sein KONNTE, mein Fahr­rad!

Studentenleben

Ich wollte Chemie studieren. Davor war noch eine Hürde zu nehmen: die Aufnahmeprüfung. Also wurde zu Hause noch einmal intensiv der Schul­stoff gebüffelt, dann kam eine bang-lange Bahn-Fahrt ins fremde unbe­kannte Dresden. Und dann fand dort ein Gespräch als Eignungstest statt, das mir deutlich machte, dass es zwischen auswendig gelernten Merksätzen und dem Zurechfinden in der wirkli­chen Welt der Wissenschaft noch manches zu klären gab. Ich wurde nämlich nicht ab-gefragt, was ich gelernt ha­ben hätte müssen können. Ich wurde mit Problemen konfrontiert, denen ich ganz sicher noch nicht begegnet war. Man wollte sehen, ob und wie ich damit kreativ umge­hen könnte. So hatte ich zwar auswendig gelernt, dass man zum Beispiel Nitratverbin­dungen mit Diphenylamin als Indikator nachweisen kann, nun aber musste ich mich live – und vor Zeugen - an die chemische Struktur dieses Stoffes heranraten. Ich wurde auch gefragt, was hinter dem Satz stehe, der in der Beurteilung in meinem Schul-Zeugnis zu lesen war: „K. ist nicht Mitglied der FDJ.“ Farbe bekennen, Argumente sagen ...

Ich kriegte meine Zulassung und war nun Student. Und ich war in Dres­den.
Dresden war 1965 noch immer in weiten Teilen zerstört. Im „Stadtzentrum“ zwischen Hauptbahn­hof und Altmarkt befand sich eine staubige leere Sand- und Trümmerwüste, durch die eine Stra­ßenbahnlinie quietschte, vorbei an einem einsamen kleinen Hotel.

Unser Studium lief in weiten Teilen noch wie Schule ab. Es gab Studienpläne, die Semester für Semester vorschrieben, welche Disziplinen und Vorlesungen und Seminare in welcher Reihenfolge absolviert werden mussten. Das hatte den Vorteil, dass die Vermittlung solider Grundkenntnisse am Anfang stand und Kürübungen später kamen. Es gab eine festgelegte Studien­zeit, in der man seine Bemühungen an ein schnelles Ende zu brin­gen hatte. Chemie zu studieren war gleich von Anfang an ein ziemlicher Gewaltakt. Von Montag früh 7 Uhr an war das Labor geöffnet, und so an jedem Tag bis spät abends, auch sonnabends, da allerdings nur bis mit­tags. Man begriff sehr schnell, dass es überlebensnotwendig war, auch wirklich jede „freie“ Viertelstunde zwischen Vorlesungen und Seminaren dort zu verbringen. Wir lernten noch richtig handfest Analysen zu machen, ohne irgendwelche hochtechnologischen Gerätschaften, nur mit Rea­genzglas, Tinkturen, Bunsenbrenner und Papierfiltern, und wir mussten komplexe Substanzen nach Auftrag zusammen„kochen“. Knallharte Prü­fungs-Kolloquien zwischendurch mit Durchfallquoten von manchmal 100 Prozent zeigten uns, welche Differenz noch zwischen unserem beschei­denen Erkenntnisstand und dem Nobel­preis lag. Der Stress führte dazu, dass nach dem ersten Jahr die Hälfte der Mitstudenten die Segel gestri­chen hatte.

Wie die meisten Studenten bekam ich - obwohl ich doch Pfarrerssohn war - ein staatliches Stipen­dium. Das waren 140 Mark monatlich. Wie fast alle „Neuen“ wohnte ich zunächst in einem neu gebauten Studentenwohn­heim, spartanisch mit Doppelstockbett, aber o.k., das Ganze für 10 Mark Miete im Monat. Im Sommer flogen wir Studenten für 8 Wochen raus aus dem Heim, dann wurde es an devisenträchtige West-Touristen als Hotel vermietet. Mittagessen gab es zu sehr studentenfreundlichen Preisen in der Mensa, die auch abends noch nahrhafte Angebote für Labor-Spätarbeiter bereit­hielt. Eine Zugfahrt über 220 Kilometer von meinem Heimatort nach Dres­den, hin und zurück, kostete ermäßigt 4,60 Mark; so viel bzw. wenig habe ich auch später noch als Berufstätiger für eine „Arbeiterrückfahrkarte“ be­zahlt.

 

Erste Wahl

Unser Studium begann im Herbst 1965 nicht im Vorlesungssaal, sondern in der Wirklichkeit. Der Sieg des Sozialismus verlangte einen studenti­schen Ernteeinsatz. Und so lernten wir die zukünfti­gen Studienkollegen beim Skatspielen im Sonderzug kennen. Der strandete irgendwo in Mecklen­burg. Vier Wochen lang sahen wir nur nieselberegnete Kartoffeln. Ge­schlafen wurde in feuchten Mas­senquartieren. Wir waren in Norddeutsch­land, und so gab es viel Schnaps.
Zwischendurch war eine Wahl in der DDR angesetzt. Wir alle waren „Erst­wähler“. Ein Bus kam zu uns aufs Feld, die Arbeit wurde kurz unterbro­chen, wir stellten uns alle vor der Vordertür in einer Reihe an, stiegen ein, es folgte die Ausgabe der Wahlzettel. Eine Wahlkabine, nach der Neugie­rige Ausschau hielten, war nicht zu sehen. Unter freundlicher Kontrolle universitärer Politniks erfolgte der Einwurf der – unveränderten - Zettel in die Wahlurne. Das ganze Verfahren hieß: „Offene Stimmabgabe für die Kandidaten der Nationalen Front“. Dann ging´s hinten raus und wieder aufs Feld zu den Kartoffeln. Etwas gemischte Gefühle blieben angesichts von so erlebter „Demokratie“.

Gearbeitet wurde „nach Leistung“. Für einen Korb eingesammelter Kar­toffeln gab es 10 Pfennige. Nach vier Wochen reichte das verdiente Geld bei mir für den Kauf des - heiß ersehnten - Platten­spielers. Der letzte Schrei hieß „Stereo“ – das musste er können! Und die erste Platte, die ich mir gekauft habe, war dann eine klassische Scheibe, weil´s nur da Stereo-Aufnahmen gab. Das war zwar eigentlich gar nicht meine Welt, aber so entdeckte ich völlig neue (musikalische) Welten.

 

Anders sein als die anderen anderen

Studieren heißt ja, sich mit Eifer zu bemühen. Manchmal war das doch ziemlich anstrengend, und dann kam der Wolf-Dietrich aus dem Nachbar­zimmer zu mir und meinte, dass nun genug studiert sei - oder, wenn er es vergaß, ging ich eben zu ihm-, und dann schlenderten wir hinaus in den lauen Abend, stiegen am Bahnhof in die Straßenbahn, setzten uns auf das Treppchen in der offe­nen Tür des Waggons und zündeten unsere Zigarren an. Andächtig bliesen wir Ringelwölk­chen zur Straße hinaus, und ich kann mich noch an das erschreckte Gesicht eines Autofahrers erinnern, der beim Anfahren an der Haltestelle plötzlich zwei Zigarren-paffende Ge­sichter auf Augenhöhe neben sich hatte. Die Fahrt endete ein Viertel­stündchen später am „Großen Garten“, einem Park. Dort stand an einem kleinen See „der Baum“, unser Baum, dessen Äste sich flach ausbreiteten, und auf denen wir dann stundenlang - mit und ohne Zigarre - lagen und über Gott und die Welt spekulierten.

Im ersten studentischen Sommer habe ich auch Lesen neu entdeckt. In der Schule hatte ich nach und nach verlernt, von Büchern noch etwas zu erwarten. Zu lange hatten wir Gedichte bis zum Erbrechen kaputt-analy­siert, uns unter allen nur denkbaren Blickwinkeln mit den Schicksalen von Leuten beschäftigen müssen, deren Probleme so überhaupt nicht die un­seren waren ... Jedenfalls hatte ich lange kein Buch mehr freiwillig in die Hand genommen. Und dann lagen wir Chemie­studenten auf dem schatti­gen Gras im Hof unseres Instituts, und der lange M. kramte ein Buch hervor und las daraus vor. Nie gehörte Dinge erheiterten mein Studenten­gemüt, die Galgen­lieder von Morgenstern, Menschlichkeiten von Eugen Roth, Kuddeldaddeldu-Geschichten von Ringelnatz - und das alles war so herrlich verrückt und neu. Ich lieh und las und lernte – manche der Ge­dichte kann ich heute noch auswendig aufsagen.

Mein Lesetrieb wurde auch durch andere Impulse neu angestachelt. Über Weihnachten war ich zu Hause gewesen. Meine Mutter hatte von einer Schulfreundin aus dem Westen ein Buch geschenkt bekommen. Es war ein Roman – puhhh! Aus Langeweile blätterte ich am letzten Urlaubstag darin, und las mich fest und las und las in einem Ritt bis ans Ende - fast hätte ich den Zug ver­passt. Es war der Roman „Homo Faber“ von Max Frisch, der mich gepackt hatte. Er passte gerade in meine Lebensphiloso­phie, weil er gar nicht dazu passte. Ich war gerade so was von cool und rational, und was nicht vernünftig, wissenschaftlich, erklärt werden konnte und wo vielleicht gar Staunen oder Gefühle oder so was eine Rolle spielen sollten, erschien mir höchst verdächtig und überflüssig fürs Leben. Ich habe in der Folge alles von Max Frisch verschlungen und mit ihm über Identität nachgedacht. Ich fing an, auch all die absurden Dramen seines Schweizer Landsmanns Friedrich Dürrenmatt zu lesen, ich kaufte mir Theaterkarten. Die Welt war wieder ein Stück größer geworden.

 

Der JAZZ-Dampfer

Ein Termin im Wonnemonat Mai wurde uns in der Studentenzeit zur lieben Tradition. Da nämlich stach der „Jazzdampfer“ - nicht in See, aber er fuhr auf der Elbe.
Früh am Morgen wurden zu Hause Picknickkörbe gepackt (feste und vor allem flüssige Nah­rung), Liege-Decken gerollt, Sonnenhüte und Wander­stöcke gesucht. Dann strömte ein lustiges Völkchen beiderlei Geschlechts zum fähnchengeschmückten Schiff, das vertäut am Kai in der Altstadt lag. An Deck spielte schon die erste Band. Die ersten Flaschen wurden ent­korkt und kreisten (am Tagesende duzten sich alle). Dann tutete der Dampfer, legte ab und schaufelte sich - es war natürlich ein Schaufelrad­dampfer - langsam die Elbe aufwärts. Die Bands an Bord wech­selten ab, das Publikum beklatschte anfangs noch fachkundig die Soli der Musikan­ten, später wa­ren die Ansprüche nicht mehr so hoch und alle sangen ein­fach mit, was sie kannten. Gegen Mittag legten wir irgendwo in der Säch­sischen Schweiz an, alle strömten hinaus auf die Elbwiesen, die Bands spielten weiter, die Massen lagerten und hörten zu und feteten. Ein paar Stunden später wurde zum Rückzug geblasen: Das Tutehorn des Damp­fers mahnte mehrmals, sodass auch berauschte Schläfer eine Chance hatten. Beschwingte und schwankende Gestalten enterten das Schiff, und mit Musik ging´s wieder heim, elbabwärts. Manchmal sprangen mutige Fahrgäste in den Fluss und wurden mit Hallo wieder eingesammelt.
Trunken - war´s die Musik, war´s der Wein? - stolperten wir die Planken hinunter und freuten uns schon aufs nächste Jahr.

 

Sturz-besoffen

Ich war mit meinem Sakko - mit eingewebten Glitzerfäden! - und mit Schlips in der Stadt zu Tanze gewesen. Es gab Bier (gegen den Durst) und Wermut-Wein (wegen der Damen), beides offenbar reichlich. Ich war mit Mutters Moped da. Am Ende der Veranstaltung schwang ich mich stolz auf das Ross und raste be­schwingt nach Hause. Lustig sprang ich über Schlaglöcher und umkurvte die Steine. Bis es plötz­lich mörderisch krachte. Das Moped fuhr noch. Einiges tat weh. Erst nach einer Weile merkte ich: Die Brille war weg; und als sie gefunden wurde, fehlten die Gläser. Zu Hause versuchte ich mich in die Wohnung zu schleichen, aber die Mutter stand schon im Flur. Sie guckte ängstlich, ich auch, als ich mich im Spiegel sah und auch der Rest der Schäden offenbar wurde: die „gute“ und einzige (West-)Hose war zerfetzt, darunter am Knie klaffte eine tiefe Schürf-Wunde. Es dauerte einige Wochen, bis ich wieder fit war, und als Erinnerung habe ich eine Penizillinallergie behalten.

 

Chemie ist das, was kracht und stinkt ... (I)

Im anorganischen Grundpraktikum standen wir jeden Tag stundenlang im Labor. Jeder hatte sein Hand-Regal vor sich stehen, in dem in Dutzenden kleiner Fläschchen die verschiedensten Säuren und Basen, Lösungsmittel und Indikator-Substanzen für den alltäglichen Gebrauch enthalten wa­ren. Überall im Laborraum gab es Regale voller weiterer Gläser und Ampullen mit Stoffen, die seltener benötigt wurden. Dazu noch Schutzbrille, Bun­senbrenner, Trichter und Filter, Lötrohr, Reagenzgläser, Kolben und Kühler – viele Glasgeräte lernten wir nach und nach selbst zu „bla­sen“ und zu reparieren.
In der ersten Runde machten wir mit den Substanzen Versuche nach ei­nem streng vorgegebenen Schema, protokol­lierten die Beobachtungen und versuchten dann im Studierstübchen oder in der Bibliothek heraus­zufinden, was da in Gläsern und Kölbchen passiert war und wie sich das theoretisch erklären ließ. Wenn man sich fit fühlte und meinte, nun aber wirklich alles verstanden zu haben, meldete man sich zu einem „Kol­loquium“ an. Da saß uns dann einer der wissenschaftlichen Assistenten gegen­über und fragte und fragte – und die in der Regel zwei Studenten am Tisch begriffen so nach und nach, dass sie noch gar nichts verstanden hatten. Durchgefallen! Also wieder zurück zu den Bü­chern, ein paar Tage später gab es eine zweite Chance. Aber inzwischen lief die Zeit weg!
Denn erst, wenn das „Koloq“ bestanden war, konnte Runde 2 beginnen. Es gab einen Extra-Raum mit vielen Fächern in einem Regal. Und dort stand nun ein Schälchen mit Namensschild des jeweiligen Studenten, und darin waren manchmal kristallene Substanzen zu erkennen, manchmal hatte der Assistent sie aber „netterweise“ auch schon im Mörser zerrieben, und manchmal war das Ganze auch schon in „sup­piger“ Konsistenz, weil der Assi „freund­licherweise“ etwas Wasser dazugekippt hatte oder weil manche Substan­zen auch sehr schnell Wasser aus der Luft aufnehmen. Die genaue chemische Zusammen­setzung dieser unbekannten Mischung galt es nun aufzuklären. Es konnten alle chemischen Elemente enthalten sein, die in diesem Abschnitt behandelt worden waren - plus alle aus den bereits früher abgeschlossenen Kapiteln. Wenn also z.B. unter anderem Schwefel das Thema war, konnte nun elementarer Schwefel drin sein oder Sulfide oder Sulfite oder Sulfate, und davon gab´s ja nun auch noch lösliche (jedenfalls in bestimmten Lösungsmitteln) und unlösliche Salze der verschiedensten Art. Man sah sich die Substanz also erst ein­mal an. Manche typischen Kristallformen gaben unter dem Mikroskop schon wichtige Hinweise. Ein andermal half Schnuppern weiter. Manche Substanzen gaben von selbst charakteristische Gerüche ab, andere „duf­teten“ erst nach Zugabe von Säuren. Dann kam die Flammenprobe: Ein Krümel wurde in die Flamme des Bunsenbrenners gebracht; wenn die Flamme sich färbte – etwa violett oder grün oder rot – konnte man daraus erste Schlüsse ziehen. Gelbes Leuchten konnte bedeuten, dass Natrium in der Sub­stanz war. Weil aber Spuren von Natrium - z.B. aus dem salzigen Hand­schweiß - eigentlich überall vorhanden waren, kam man da leicht auf eine fal­sche Fährte! Weiter wurden Lösungen hergestellt - von den Substan­zen, die sich auflösen ließen; andere versuchte man durch Zugabe von Säuren oder Basen oder Ammoniak usw. in Lösung zu bringen. Zu den klaren Lösungen wurden tröpfchenweise Substanzen zugegeben, diesmal aber, um unlösliche Verbindungen herzustellen, die in charakteristischer Weise und eventuell auch mit typischer Färbung „ausflockten“ oder „aus­fielen“, also zu Boden sanken.

Langsam tauchten Vermutungen auf, was nun „drin“ sein konnte. Es galt, die genauen chemi­schen Kombinationen anzugeben, also wenn Sulfit und Natrium und Barium und Jodid gefunden wurden – war das nun ursprüng­lich Natriumsulfit oder Natriumjodid gewesen? Irgendwann wurde Mut ge­fasst, das ermittelte Ergebnis in das persönliche Protokollbuch eingetra­gen und das Heft ins Analysen-Ausgabe-Regal gelegt. Zitternd ging man am nächsten Tag in den Analysenraum. Dort fand man entweder ein neues Schälchen, das bedeutete: Falsch geraten! Und damit ging alles wieder bei Null los, denn in der Schale war nun eine völlig andere Stoff­mischung, die es zu enträtseln galt. Oder es fand sich eine bestätigende Unterschrift im “Sudelbuch“, und das bedeutete, dass man mit den Versu­chen für das nächste Themengebiet beginnen, dann zum „Kolloq“ antre­ten, dann die Analy­sen zu diesem Kapitel „auflösen“ durfte ...
Zum Abschluss des nervigen ersten Laborjahres, bei dem viele Mitstu­denten nach ständig ver­fehlten Analysen und zu wiederholenden Prü­fungsgesprächen aufgaben, kam die „große Ana­lyse“. Da konnte zur Krö­nung nun grundsätzlich jede Substanz drin sein, mit der wir uns in diesem Jahr mal beschäftigt hatten. Da waren auch besondere Bösartigkeiten möglich. Ich erinnere mich an einen Kommilitonen, der zwei Wochen lang verzweifelt suchte und suchte und nur ein Element fand: Natrium. Natrium? Das war aber praktisch sowieso immer da ... Er schrieb ver­zweifelt seine Vermutung auf: „Natrium­oxid“ - und es war richtig!
Es gab noch eine zweite Art von Analysen, und da ging es um Mengen. Man bekam z.B. ein Rea­genzglas mit der Mitteilung, darin sei ein Eisen­salz gelöst. Und nun sollte man rauskriegen, wie viel Eisen da drin war. Erst einmal wurde das Eisensalz vorsichtshalber zur 3-wertigen Stufe oxi­diert. Es konnte ja auch ein zweiwertiges Eisensalz sein, und das war schlechter zu „fangen“. Durch Zugabe von Ammoniaklösung wurde das Eisen - genauer war es natürlich Eisen-III-Hydroxid - als dicker brauner Schlamm sichtbar. Der Schlamm wurde in einen Trichter gegossen und durch ein Filterpapier abgetrennt. Das Filterpapier wurde getrocknet und „ver­ascht“ (= verbrannt), übrig blieb Eisenoxid, das anschließend gewogen wurde. Spezielle Waagen in einem be­sonderen Wägezimmer machten das mit einer Genauigkeit von Tausendstel Gramm möglich. Dann musste noch die Masse der Filterasche abgezogen werden (die stand auf dem Filter drauf), und wenn man nun noch seinen persönlichen „Sudelfaktor“ berücksichtigte, hatte man mit etwas Glück die Menge ermittelt, die sich auch der Assistent notiert hatte.

 

Prager Frühling

Auch für einen Studenten in der DDR brachte das 1968er Jahr eine poli­tisch aufregende Phase. Auch bei uns und in uns gärte es. Prag war von Dresden nur zwei Zugstunden ent­fernt. Der Pra­ger Frühling steckte an. Mit Freunden bin ich 1968 dreimal in die Goldene Stadt gefahren. Die Grenzüber­fahrt brachte auch eine interessante Erfahrung: Ich war zum ersten Mal „draußen“ aus dem geschlossenen System „DDR“.

An der Moldau hatten wir nächtelange Diskussionen mit tschechischen Studenten. Überall herrschte spürbar Auf­bruchsstimmung. Auf den Stra­ßen erlebten wir erstaunt of­fene politische Diskussionen, wie im Londoner Hyde-Park stiegen Leute auf Kisten und verkündeten ihre Ideen. Überall sa­hen wir in neugierige und er­wartungsvolle Gesichter. Das alles musste doch auch bei uns möglich sein!

Auf einem nächtlichen Spaziergang hatte ich ein bedrückendes Erlebnis. Ein Stück vor uns pin­selten Jugendliche etwas auf das Straßen-Pflaster der Karls-Brücke. Beim Näherkommen lasen wir: „smrt kommunistam“. Unser fragender Blick wurde mit einer eindeutigen Geste beantwortet: Hand am Kehlkopf entlang; Kopf ab! - Tod den Kommunisten!

Ein paar Wochen später standen sowjetische Panzer auf dem Prager Wen­zelsplatz! Wut, Trauer, ohnmächtiger Protest. Ich trug fortan einen von meiner Schwester gestrickten Schlips in den tschechischen National­farben, die Manschettenknöpfe am Hemd waren gelötet aus tschechi­schen Kronen-Münzen. Einen verzweifelten Solidaritäts­brief an meinen Prager Freund Jindra fing die Stasi ab und heftete ihn in meine Akte.

 

Meine Wirtin

Zu Beginn meines zweiten Studienjahres zog ich aus dem Wohnheim aus, der Ruhe wegen, und weil das erwachsener war. Meine Wirtin hieß Frau Helbig. Sie war Invali­denrentnerin und bekam 120 Mark Rente im Mo­nat. Von mir kriegte sie 40 – davon konnte sie gerade ihre eigene Miete bezahlen. Mein Zimmer war bestückt mit Bett und Schrank und Sessel und Ofen und Tisch, auch be­saß es eine Nasszelle, bestehend aus Waschschüssel und Wasserkrug. Dort wurde ich in den nächsten vier Jahren er­satzmütterlich umsorgt und manchmal auch bekocht. Gratis war die laute Volksmusik aus dem Radio­apparat nebenan in der Küche, die jeden Abend lief, aber ich setzte mich in meinen Sessel mit übergestülpten Kopfhörern und dröhnte mich mit „meiner“ Musik voll.

Frau Wirtin lebte sparta­nisch. Sie kaufte sich montags 100 Gramm Fleisch, das wurde am ersten Tag gekocht und davon eine Suppe gegessen, dienstags war das Fleisch selbst dran, und für Mittwoch blieben immer ir­gendwelche „Reste“. Himmlisch waren ihre Kartoffelpuffer, die in dieser ganz besonderen Ausfüh­rung nur möglich waren, weil sie gebraten wurden in einem Tiegel, den ihr Vater selbst geschmie­det hatte.

Zu meinen Pflichten gehörte es, winters jeden Tag vier Eimer Braunkohle­briketts aus dem Keller in den zweiten Stock zu tragen.

Zum Abschied nach vier Jahren Wohngemeinschaft schenkte mir „meine Wirtin“ eine in wochenlanger Handarbeit gestickte Weihnachtsdecke.

 

Chemie ist das, was kracht und stinkt ... (II)

Chemie zu studieren, war auch ein Abenteuer. Ständig hatten wir mit Sub­stanzen zu tun, die nicht nur interessant, sondern auch gefährlich waren; selbst Zyankali war frei zugänglich. Aber da wir die Chemikalien jeden Tag in der Hand hatten, stumpfte manchmal die Wachsamkeit ab.

Mein Hauptfeind war Schwefelsäure. Sie sorgte nicht nur für gelblich-braune Flecken auf unseren Laborkitteln, sie fraß auch Löcher hinein. Schlimmer aber: Schwefelsäure fraß besonders effektiv Löcher in Blue-Jeans aus dem Westen. Schon ein kleiner Spritzer genügte – und die Hose war hin!

Wir sahen mit unseren gefleckten Kitteln nicht nur abenteuerlich aus, wir rochen auch manchmal, und das nicht nur im Labor. Im Fach organische Chemie musste ich einmal für meinen Betreuer, der das Zeugs für seine Doktorarbeit brauchte, kilogrammweise Mercaptane herstellen. Das sind Stoffe, die schon in geringsten Mengen bestialisch stinken, man denke etwa an verwesenden Kohl und faule Eier in einem ungelüfteten Klo. Und genauso roch ich nun auch, ohne das jedoch selbst noch wahrzunehmen. Als ich in den öffentlichen Bus einstieg, um ins Wohnheim zu fahren, wurde ich von empörten Fahrgästen kurzerhand auf die Straße gesetzt.

Ein andermal „kochte“ ich mit drei Kollegen „Präparate“, und weil wir dabei mit - feuergefährlichem und hochexplosivem - Äther zu tun hatten, ge­schah das in einem besonders gekennzeichneten und gesicherten „Äther-Raum“. In diesem Raum gab es keine Flammen. Um Reaktions-Gefäße auf die erforderliche Temperatur zu erhitzen, wurden Wasserbäder be­nutzt. Jedenfalls standen wir da und kochten so vor uns hin, als in der Nähe der einzigen Tür eine Stichflamme in die Höhe schoss. Äther wurde mit Natriummetall getrocknet, und Natrium und Spuren von Wasser – das zündet eben manchmal. Jetzt hätte es eigentlich richtig krachen können, aber zum Glück geschah das nicht. Wir wären gern weggerannt, aber der Fluchtweg führte an der Flamme vorbei. Panische Erstarrung allerseits. Ich beschloss, dass irgendwas passieren musste, nahm das brennende Glasgefäß in die Hand, öff­nete die Tür und trug die Flamme – mit steif-gestreckten Armen so etwa wie ein olympisches Feuer – langsam durch den Gang des Instituts hinaus ins Freie und warf den Kolben dort auf die Wiese. Es war keine Heldentat ge­wesen, mehr ein Reflex fürs Überleben. Erst nach dem Schock merkte ich, dass ich ziemlich böse Brandwunden hatte. Aber immerhin stand das Institut noch.

Eine Substanz hatten wir bei den anorganischen Analysen ständig im Gebrauch: Schwefelkohlen­stoff, eine etwas penetrant nach Rettich rie­chende, interessant das Licht brechende, aber auch sehr gut brennbare Flüssigkeit. Es gab wegen der Feuergefährlichkeit natürlich eine Vor­schrift, nämlich die Reste in gesonderten Behältern zu sammeln, aber in der Hektik des Laboralltags wurden immer wieder auch Reagenzgläser mit dem Lö­sungsmittel im normalen Ausguss „entsorgt“. Und das kam wohl häufiger vor. Jedenfalls – so ergab die spätere Aufklärungsaktion – hatte jemand wieder ein­mal Reste von metallischem Natrium in den Ausguss gekippt, Wasser, Knallgas usw., das kleine Feuerchen krabbelte den Ausguss hin­unter, fand in den Tiefen der Kanalisation reich­lich Schwefelkohlenstoff vor, und so gab es eine heftige Explosion, bei der überall im Institut die Gullydeckel herausflogen.

Überhaupt: die Vorschriften und der Schlendrian. Einmal musste ich, um eine Substanz herzu­stellen, mit Brom arbeiten. Als reines Element ist das eine braune Flüssigkeit, die leicht verdampft und giftig und gefährlich ist für die Schleimhäute. Also lautete die Vorschrift im Umgang damit, Gummi-Handschuhe zu tragen und immer unter der Abzugshaube zu arbeiten, damit die aggressiven Dämpfe nicht eingeatmet werden. In der Hektik waren trotzdem bereits einige gelb-braune Ätz-Flecken auf meiner Haut entstanden. Eines Tages musste wieder eine bestimmte Menge Brom abgemessen werden, und ich nahm eine Pipette zur Hand, um die entsprechenden Milliliter der Brühe abzumessen. Zum Ansaugen war ein Gummiballon vorgeschrieben, aber ich saugte die Luft einfach mit dem Mund an. Ich habe nicht flüssiges Brom in die Luftwege bekommen, es waren „nur“ Bromdämpfe, die meine Schleimhäute abbekamen. Aber das war eine echt „reizende“ Geschichte, mit deren Nachwirkungen ich noch lange zu tun hatte.

Auch ein andermal ging es um Düfte, aber da waren sie meine Rettung. Im Praktikum Organische Chemie war eine Aufgabe, am eigenen Arbeits­platz mit einfachen Gerätschaften und in kleinsten Mengen - Halbmikro-Maßstab hieß das, es ging um Grammmengen des Endprodukts - kompli­zierte Substanzen aus einfachen Ausgangsstoffen in mehreren Reak­tionsstufen herzustellen. Bei mir ging es um 1 Gramm Bromhexin - das kennen viele vielleicht als aromatische Substanz, die bei Erkältungskrank­heiten auf Zucker geträufelt und geschluckt wird. Der erste Schritt führte in die große Bibliothek. Dort galt es, in dicken Nachschlagewerken ein Herstellungs-Verfahren zu finden, mit dem früher schon einmal jemand erfolgreich Bromhexin hergestellt hatte. Ich fand ein „Kochrezept“, dem zu­folge ich in acht Stufen nacheinander zu Bromhexin gelangen sollte. Der Assistent akzeptierte das Verfahren, ich durfte grammgenau die Mengen der Ausgangssubstanzen bestellen, die nach der Theorie benötigt wurden, und dann ging´s los mit Lösen und Kochen und Destillieren und Bromieren über die acht Stufen. Die Substanzmengen wurden immer geringer, die Gerätschaften zur Verarbeitung immer zierlicher. Am Ende, oh Glück, be­fand sich in der Spitze ei­nes kleinen Kölbchens der begehrte Stoff, ein Tropfen nur, aber immerhin. Das Gefäß ward si­cher im Laborschrank aufbewahrt, denn nun kamen erst einmal Ferien. Zwei Wochen später wollte ich mein Produkt stolz dem Assistenten präsentieren. Als ich aber den Schrank öffnete, war wohl das Kölbchen noch da, nicht aber mein Bromhexin. Es war nicht gestohlen, aber schlicht ver­dampft - trotz Ver­schlussstopfen; jetzt verstand ich erst richtig, was eine „leicht flüchtige“ Substanz ist. Der Assi meinte: „Sie haben jetzt nur eine Chance“, öffnete das Gefäß, roch daran – und ich bekam für ein noch vorhandenes Duft­wölkchen mein Testat.

 
Schluss mit lustig

Wenn Studenten in der DDR mal originell oder spaßig sein wollten, konnte das böse Folgen ha­ben.

Jedes Jahr fand der „Chemiker-Ball“ statt, ein Tanz- und Trink-Ereignis, das nach erprobten Spielregeln vorbereitet wurde. Die Leute vom jeweils zweiten Studienjahr waren dafür zuständig, dass organisatorisch alles klar ging mit Musik und Verpflegung, dass die übrigen Fachrichtungen - vor allem die Damen - davon erfuhren, dass alle wichtigen Leute aus dem chemischen Umfeld persönlich eingeladen wurden, und sie hatten dafür zu sorgen, dass es eine Ballzeitung und ein selbstgestaltetes Bühnen­programm gab, möglichst mit viel Feuerwerk.
Die Leute vom Jahrgang ein Jahr vor uns hatten eine – ihrer Meinung nach blendende – Idee. Sie wollten, auch zur Aufbesserung der Semester-Feier-Kasse, eine Tombola veranstalten. Und damit es da attraktive An­gebote gab, schrieben sie an Hochschulen und Chemiefirmen in „West­deutschland“, schilderten ihr Anliegen und baten um Sachspenden z.B. in Gestalt von - für uns im Osten schwer erreichbaren und unmäßig teuren - Fachbüchern, Kleingeräten, Chemikalienproben usw. Die Briefe waren raus, aber nun bekam „die Partei“ davon Wind. Ein Tribunal wurde insze­niert, bei dem die „Rädelsführer“ sich zu rechtfertigen hatten. Wie hatten sie es wagen können, solche „Bettelbriefe“ an den „Klassenfeind“ zu schi­cken, der nun wohl meinen müsse, Studium in der DDR sei ohne West­hilfe nicht möglich. Wer ihnen den Auftrag dazu erteilt habe ... Alles Erklä­ren nützte nichts, die Ertappten wurden öffentlich gebrandmarkt, einige Reuige durften - unter be­sonderer Aufsicht und sicher mit mancherlei Erpressungen - weiter studieren, für Unbelehrbare er­fuhr der Studiengang erst einmal eine Unterbrechung und sie gingen „zur Bewährung in die Volkswirtschaft“ - Arbeiter zu werden war im „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ eine Strafe!

Kurze Zeit später gab´s einen zweiten Eklat, der als „SNOP-Affäre“ in die Annalen einging. Wir wohnten im Wohnheim auf zwei gegenüberliegenden Korridoren. Und die Mitstudenten auf der anderen Seite hatten aus Ulk SNOP gegründet, eine „Studentische Nationale Oppositionspartei“. Die Truppe machte allerlei närrische Aushänge und Aktionen im Wohnheim. z.B stand an einer Zimmertür als Bewohner ausgeschrieben: „stud. chem. Paul Lenin“. Der – eigentlich harmlose - Spaß währte nicht lange. Die Staatsmacht erfuhr von dem schändlichen Treiben, und sie fuhr wie ein Blitz dazwischen. Es gab einige strenge Verweise, auch wieder einige Exmatrikulationen „auf Bewährung“. Da war´s nach­träglich gut, dass wir auf der anderen Seite des Ganges nicht hatten „mitspielen“ dürfen, sonst wäre mein Studentendasein wohl schon an dieser Stelle zu Ende gewe­sen.

 

Tramp

In meinen Schüler- und Studentenjahren habe ich oft an Landstraßen und - verbotenermaßen - auch an Autobahnen gestanden. Trampen hieß das Zauberwort, das auch längere Reisen erschwing­lich machte und Aben­teuer, aber auch Unsicherheit bedeutete. Ich war mit Familien unterwegs. Ich habe mit Dienstreisenden geplaudert. Sogar in Testfahrzeugen bin ich mitgefahren: In Mee­rane wurde der „Trabant-Kombi“ gebaut, und ein Testfahrer, der ein Prototyp-Fahrzeug Zigtau­sende Kilometer ohne Pause stressen musste, hat mich einmal gleich auf einen Ritt die 500 Kilometer bis zur Ostsee mitgenommen. Am anstrengendsten war das Mitfahren hinten auf den leeren Ladepritschen von LKW; das ist sehr laut und auch gefährlich, weil einen heftige Bremsungen oder Kurvenfahrten völlig un­vorbereitet erwischen. Einmal hielt am Berliner Ring das Dienstauto eines hohen russi­schen Offiziers. Peinlich bleibt mir in Erinnerung, dass ich zwar eben zum Abi in Russisch eine „1“ erhalten hatte, aber nun in aller Er­nüchterung feststellen musste, dass mir die einfachsten Worte für ein ganz normales Alltagsgespräch fehlten. Und manchmal verging einem auch – mangels Erfolg - schlicht die Lust am alternativen Reisen. Ich stand einmal fünf Stunden lang an der Ausfallstraße in Stralsund, weil einfach zu viele den Daumen in den Wind hielten und in die gleiche Rich­tung wie ich wollten. Nachts gegen vier kam ich dann endlich am Auto­bahnkreuz bei Leipzig an, hatte den ganzen Tag nichts gegessen, und als dort jemand eine Ziga­rette anbot, habe ich sie gegen´s Verhungern ge­raucht ...

 

GST-Lager

In meinem Jahrgang hatte ein junger Mann, der einen Studienplatz ergat­tert hatte, das Glück, zu­nächst dem Zugriff der „Nationalen Volksarmee“ zu entgehen. Wir mussten nicht zur „Fahne“ - das Studium hatte Vorrang. Aber eben nur grundsätzlich. Andere Fakultäten an unserer Uni machten während ihres Studiums ein paar kurze Lehrgänge und hatten damit ihre Wehrpflicht erfüllt. Wir beneideten sie darum, denn wir Chemiestudenten mussten zwar genau wie sie in Reih und Glied antreten, aber uns wurde das nicht amtlich als Wehrdienst angerechnet. Zweimal in den Som­mer­ferien wurden wir zu einem GST-Lehrgang zusammengetrommelt. GST hieß die „Gesellschaft für Sport und Technik“ – das war eine paramilitäri­sche Organisation, in der Technik-begeisterte Typen Tauchen, Fliegen oder Orientierungslauf und Motorsport betreiben konnten. Wir bekamen Uniformen, eine (Spielzeug-) Maschinenpistole, und dann übten wir: zeitig aufstehen, Fah­nen-Hissen, Waschen im Freien, Exerzieren auf dem Appell-Platz, Mar­schieren mit Kompass und Karte durch den Wald, Schießen, Anschleichen usw. Die Gruppe, die ich eigentlich kommandieren sollte, wurde beim Appell ge­tadelt, weil die Jungens im Wald gelegen hatten statt den „Feind“ zu su­chen.

Es war die Zeit des Krieges in Vietnam, und von uns - Studenten in einem sozialistischen „Bru­derland“ – wurde handfest „Solidarität“ eingefordert. Per Tagesbefehl wurde verkündet, dass jede Hundertschaft Studenten eine - diesmal aber eine richtige - Maschinenpistole „spenden“ sollte/wollte, das machte pro Mann 5 Mark! Aber so einfach lief das nicht, es gab ungeplante Diskussionen in der Truppe. Schon das Verfahren mit der Pauschal-Pro-Kopf-Spende gefiel uns nicht, aber bei den er­regten Gesprächen im Schlafraum tauchten auch viel grundsätzlichere, gar pazi­fistische Gedan­ken auf. Das Ergebnis der Verschwörung hieß: Wir spen­den nicht! Und einige sagten noch klarer: Wir schießen auch nicht mehr, hier, im Wehrlager! Das war unerhört! Das roch nicht nur nach, das war Auflehnung, das war Widerstand, hatte da etwa jemand eigene Gedan­ken? Aus der Dresdner Fakultät reiste die Politabteilung in großer Beset­zung an, es gab Gruppengespräche und Einzel­gespräche, Drohgebärden und richtig handfeste Drohungen. Am Ende gaben manche der „Auf­stän­dischen“ klein bei. Dazu gehörte ich, ich meinte erkannt zu haben, dass ein konsequenter Pa­zifismus nicht in jeder Lebenslage durchzuhalten sei, aber natürlich hatte ich auch Angst. Für meinen besten Freund, der sich „unbelehrbar“ zeigte, folgte die sofortige Entlassung aus dem La­ger, wenig später wurde er auch von der Hochschule exmatrikuliert und zur „Bewäh­rung in die Produktion“ geschickt. Danach durfte er gleich noch seinen vollen Wehrdienst ableisten, als Be­weis für seine geläuterte Gesinnung, was ihm auch noch die Erfahrung einbrachte, beim Ein­marsch der Trup­pen des Warschauer Paktes bei der Niederschlagung des „Prager Früh­lings“ im Jahr 1968 wochenlang mit diesmal scharfer Munition als Reserve im Grenzwald zu liegen. Später hat er zu Ende studieren können.

 

pazifismus als belügen des eigenen ich. diese haltung nicht als ausweg, sondern als kapitu­lation vor der entscheidung. die unmöglichkeit, das individuum plötzlich herauslösen zu wol­len aus der gesellschaft, in die es hineingeboren ist. das widernatürliche, dass man sich ohne gegenwehr schlagen, sogar töten lassen will. natürlich wäre die welt besser, wenn alle so dächten, aber die harte prüfung des ich zeigt, dass man für sich selbst nicht garantieren kann, dass man es nicht wird durchstehen können bis zum letzten. pazifismus als glaube an das beispiel, als hoffnung auf bekehrung des mörders, wenn er uns ohne gegenwehr und ohne klage leiden sieht. wenn du deine familie, deine freunde retten kannst, indem du den mörder, der schon zielt und sicher die vernichtung auslösen wird, indem du ihn tötest, vorher, bist du dann wirklich schuldig? wem hätte dein tod genützt, ihm vielleicht, der schon die nächste granate abschießt? das töten des anderen statt des getötetwerdens durch ihn – stufe von tieren?
(ins tagebuch geschrieben 1967)

 

Nicht gedient

Ein zugewiesener Studienplatz hatte Vorrang vor der Einberufung zur Ar­mee, das schützte aber nur vorübergehend.

Ich wollte da aber nicht hin! Nach dem Ende des Studiums bekam ich so zunächst - auf Anraten eines Mitstudenten - erhebliche Rückenbeschwer­den, die ich mir ärztlich bestätigen ließ und ge­gen die ich auch jahrelang behandelt wurde. Wenn man so etwas schon lange hatte und Behand­lungen nachweisen konnte, sollte das im Ernstfall gegen Ansinnen einer Armee-Einberufung hel­fen. Der Ernstfall trat aber in meinem Fall gar nicht ein. Denn der Professor, bei dem ich meine Diplomarbeit gemacht hatte und der mir dann auch eine Anstellung in seinem Institut ermöglichte, verstand den vorsichtigen Hinweis auf die missliche Möglichkeit einer Ein­berufung richtig und rea­gierte. Er setzte ein kurzes Schreiben an das Wehrkreiskommando auf mit der Aufforderung, mich mit dem Wehrdienst zu verschonen, meine Arbeit an Forschungsvorhaben sei für den Bestand der DDR unverzichtbar. Der Brief tat seine Wirkung: Ausgefertigt mit ei­nem beeindruckenden Briefkopf (Prof. Dr. Dr. h.c. mult., Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der DDR ...) bewirkte die Übergabe des Schreibens, dass der bedienstete Uniformträger die Hacken zusammenschlug und dafür zu sorgen versprach, dass meine Akte ganz unten in den Stapel käme.
Erst als ich Anfang 30 war, erinnerte sich die Armee wieder an mich und schickte mir eine Einla­dung. Ich wurde untersucht, bekam eine Schieß­brille verordnet und sollte eigentlich für ein halbes Jahr einrücken. Ich be­stand jedoch darauf, von meinem Recht auf Verweigerung des Wehr­dienstes Gebrauch zu machen und bei den Bausoldaten zu dienen. Die­ses Ansinnen löste har­sche Reaktionen aus, aber offenbar waren solche Sonderwünsche einfach nicht vorgesehen, und ich habe danach von der Armee nichts wieder gehört. Die blecherne Erkennungsmarke – „im To­desfall in zwei Teile zu zerbrechen“ - habe ich noch immer.

 

Erdölkombinat Schwedt

Zu unserem Studium gehörten auch Praktika in der Industrie, und eines davon führte mich im 1968er Sommer ins Erdölkombinat nach Schwedt. Das war ein hochmoderner Industriekomplex; in Schwedt kam die Erdöl­leitung mit dem Namen „Freundschaft“ aus der Sowjetunion an, und hier wurden daraus Kraftstoffe und Treibstoffe und Schmiermittel usw. destil­liert. Der eigentlich etwas abgelegene Standort Schwedt, oben im agra­risch geprägten Nordosten der DDR gelegen, war Ausdruck für die ge­plante Industriepolitik der DDR. Es war Prinzip, dass jede, auch eigentlich schwache, Region was Wichtiges bekommen sollte. So wurde der In­dustriepark dorthin geklotzt. Tausende junge Leute zogen hin. Meist taten sie das freiwillig, es gab Wohnungen, gute Arbeitsbedingungen und gute Bezahlung; an­dere wurden nach ihrem Studium auch zwangsweise an solche Standorte vermittelt. Dass nun so viele junge Leute dort wohnten und Familien gründeten, hatte skurrile Auswirkungen. Im Schwed­ter Neu­baugebiet standen acht DDR-Standard-Schulen, exakt gleicher Bautyp, in einer Reihe hintereinander - damit die Kinder sich nicht verirrten, waren an den Giebeln verschiedene Blumen-Symbole angebracht.

Wir Studenten wurden richtig in die Produktionsabläufe eingetaktet, lern­ten nun z.B. kennen, was „Rollende Woche“ hieß: Drei Wochen lang ging´s im Dreischicht-Rhythmus ohne Wo­chenende durch, dann war eine Woche frei. Das schlauchte doch ziem­lich, sodass ich mich nur erinnern kann, dass nachts die Mücken nervten und dass in diesem Sommer eine neue Platte der Beatles veröffentlicht wurde, „Hey Jude“, heißerwartet, aber dann wegen der endlosen Länge doch enttäuschend.

Mitten in die Zeit dieses Praktikums knallte eine große Enttäuschung. Der „Prager Frühling“ wurde mit dem Ein­marsch russischer Truppen in die Goldene Stadt er­stickt. Ohnmächtig und voller Wut und weit weg von den Freunden in Prag begann ein trüber Herbst.

 

Mutproben
Am Ostseestrand wurden wir immer gut bewacht und beobachtet und be­schützt, damit niemand auf den Gedanken kam, vielleicht auf Boot oder Luftmatratze das geheiligte Territorium - als „Re­publikflüchtling“ - zu ver­lassen. Vor allem wenn die See ruhig und spiegelglatt war, hätte man auf solcherlei Ideen kommen können. Aber zur Abschreckung fuhr da immer ein Kampfschiff der DDR-Marine auf, machte ein paar hundert Meter vor der Küste fest und blockierte demonstrativ und als optisches Ab­schreckungssignal den Blick und den Weg nach der schwedischen Küste.

Als da wieder einmal so ein Kahn lag, juckte mich der Hafer und ich be­schloss, den Beschüt­zern einen Besuch abzustatten.

Ich gab mein Vorhaben bekannt und schwamm los. Das alles hatte so nahe ausgesehen, aber nun dauerte die Hintour endlos lang, vielleicht eine Stunde. Als ich mich dem Schiff näherte, löste ich doch einige Verwir­rung aus. Erst flogen einige Leuchtpatronen knapp über mich hinweg, als ich noch näher kam, gab´s Wischwasser auf den Kopf und böse Sprüche von oben. Ich drehte ab und schwamm den langen Weg zurück.

Ein andermal war wieder ruhige See, ich schwamm hinaus. Hinter mir trübte es sich ein, Küsten­nebel, der sich am Strand breit machte und lang­sam aufs Meer hinauszog. Nach einer Weile war nur noch Wasser um mich und Nebel. Zwar hörte ich noch Stimmfetzen vom Strand her, es klang nahe, die Richtung nach Hause war aber nicht mehr zu orten. Ich schwamm hier hin und dort hin, Panik entstand, Endzeitgedanken. Nach quälend langer Zeit hatte ich dann doch irgendwann wie­der trockenen Sand unter den Füßen.

 

Kohlkopf auf Nonnevitzens Dünen

Ich hatte damals immer eine Gitarre bei mir, auch auf dem Zeltplatz, auch am Strand. Ich beglei­tete Studentenlieder, Unsinns-Reime, wenn´s sein musste auch einmal ein Volkslied, und wenn´s mir Spaß machte, sang ich allein Lieder von den Beatles oder Protestsongs. Eines Tages setzte sich ein fremder Typ zu unserer Runde und begann eigene Lieder zu singen, mit deutschen Texten, eines davon hieß „Kohlkopf auf Nonnevitzens Dü­nen“. Er machte das professionell, beeindruckend, und es regte mich an zum Nachmachen. Ich hörte ein paar Abende zu und beschloss dann: Das pro­biere ich auch. Ein Notizheft wurde gekauft, und noch im gleichen Ur­laub entstanden erste Ge­dichte als Liedtexte). Der Typ hieß übrigens Kurt Demmler und war später einer der wichtigsten „Texter“ in der „Singebewe­gung“ der DDR und in der Rockszene. 10 Jahre später hat er im Rund­funk ein Lied mit einem Text von mir gesungen – da war ich schon mächtig stolz drauf.

 

Polenreise

Wir hatten unser Diplom endlich in der Tasche. Mein Freund bekam von seinem Vater als Beloh­nung das Auto zur Verfügung gestellt, und er lud mich ein, mit nach Polen zu fahren.

Er war schon früher dort gewesen, kannte ein paar Leute unterwegs. Überwältigt waren wir von der Gastfreundschaft, die wir erlebten. Ein Ehe­paar überließ uns sein Ehebett, sie schliefen inzwi­schen irgendwo in einer Kammer. In einer anderen Familie wurde die Tochter von der Schule „frei­gestellt“, d.h. sie schwänzte auf Befehl der Eltern, damit wir, die Gäste aus Deutschland, rundum ordentlich begleitet und betreut werden konnten.

Als wir einmal von der Autostraße aus eine kleine Kirche sahen und dort im Schatten eine Rast einlegten, trat ein verschwitzter Landarbeiter zu uns und erklärte in holprigem Deutsch, dass er den großen Gutshof, vor dem unser Auto stand, seit der Abreise der „Herrschaft“ immer in Ord­nung gehalten habe und ihnen jederzeit wieder übergeben könne - die deutsche „Herrschaft“ war da aber immerhin schon 25 Jahre weg. An anderer Stelle wurde uns deutlich, warum die Zustände (Bauwerke, Bewirtschaftung) in den ehemals deutschen Gebieten sich sehr viel desola­ter darstellten als in den „urpolnischen“ Regionen, die wir weiter im Osten kennenlernten: Hier wa­ren Menschen angesiedelt worden ohne „Bodenhaftung“, sie waren selbst vertrieben worden aus Gebieten, die inzwischen zur Ukraine ge­hörten, und sie waren sich noch 1970 gar nicht sicher, ob es sich lohnte, hier Wurzeln zu schlagen – vielleicht kämen die Deutschen ja doch noch einmal wieder ...

Wir zelteten in der Hohen Tatra, erkundeten von Zakopane aus das blau-schwarze Hochgebirge. Da wir jung waren und ehrgeizig, wollten wir auch den höchsten Berg Polens besteigen, den Rysi. Wir hatten kurz auf die Karte gesehen, da war es nur zwei Kilometer weit, und im Vollgefühl unse­rer Kräfte beschlossen wir, den Berg mal noch so nebenbei als Nachmit­tagsspaziergang zu er­klimmen. Wenn wir auf die Höhenlinien in der Karte geachtet hätten, wäre uns klar gewesen, dass es nicht nur zwei Kilometer weit, sondern auch fast die gleichen zwei Kilometer nach oben ging. Wir stürmten bergan, ungeübt wie wir waren, ohne Atemtechnik und derglei­chen. Froh gelaunt und eilenden Schrittes überholten wir einen anderen Wanderer, der bedächtig voranschritt. Dann gab´s erste Atemnot, wir leg­ten eine Verschnaufpause ein, und da kam der „alte Mann“, den wir doch eben noch so zügig überholt hatten, und er stapfte langsam, aber stetig an uns vorbei. Das war ärgerlich, wir brachen wieder auf, überholten ihn auch bald, aber dann mussten wir erneut ver­schnaufen. Jetzt lief uns nicht nur der Mann, sondern auch die Zeit davon, und irgendwann bra­chen wir den Versuch ab. In den folgenden zwei Wochen haben wir die Karten lesen und die Situ­ationen und unsere Kräfte besser einschätzen gelernt; es gab einen zweiten, gut vorbereiteten Anlauf, und da haben wir den Gipfel er­reicht.

Wir entdeckten bei unseren touristischen Planungen, dass in der Nähe der alten Königsresidenz Krakau auch Auschwitz liegt. Im Geschichtsunter­richt hatten wir zwar davon gehört, aber das alles war doch ziemlich abstrakt geblieben, und wir hatten keine Ahnung, was uns dort erwarten würde. Aus der Beliebigkeit touristischer Neugier wurde schnell Betroffen­heit. So konzentriert hatte die Erinnerung an das Leid von Millionen von Menschen schon eine unheimliche Wucht. Als wir in einer Kammer stan­den, die vollgestopft war mit Schuhen von ermordeten Häftlingen, stand neben mir ein altes Mütterchen, gekrümmt, und starrte schweigend ins Leere. Dort wurde mir klar, dass es für sie kein Museum war. Vielleicht suchte sie unter den alten Schuhen, die hier herumlagen, die Schuhe, die eines ihrer Kinder getragen hatte, damals, und da fühlte ich mich plötzlich doch sehr als Deutscher.

 

Gipfelstürmerei

Studenten-Kurzurlaub. Uns blieb nur eine Woche Zeit in der slowakischen Hohen Tatra. Es war herrliches Wetter, alle wichtigen Wanderwege hatten wir bereits im Geschwindschritt „abgewan­dert“. Ein Ziel aber war noch unerreicht, sollte aber auf jeden Fall noch bezwungen werden. Der höchste Gipfel des Gebirges, der Gerlach, lockte unwiderstehlich. Zwar hatten wir gelesen: Es ist gefährlich, es gibt keine markierten Wege, man darf den Berg nur mit einem Führer besteigen. Aber was kümmerte das uns. Der Aufbruch erfolgte in aller Frühe, zwei Knaben und zwei Mäd­chen machten sich auf die Socken. Nach zwei Stunden war die Einstiegsstelle erreicht. Über den Gebirgskamm zogen dunkle Wolken herein, ein kurzes Bedenken, aber: Wenn wir jetzt nicht auf­brechen, wird´s in diesem Urlaub nicht mehr. Die Mädchen kehrten nach ein paar hundert Metern um, weil es doch ziemlich hart losging mit Hangeln an Ketten und Balancieren über Eisfelder, auch verdichteten sich die Wolken zunehmend. Aber mein Bru­der und ich stürmten hinauf. Der Weg war notdürftig mit „Steinmännern“ markiert - aufgeschichteten Steinpyramiden -, aber immer öfter waren auch die nicht mehr zu finden. Es begann heftig zu regnen, später kam noch Schnee dazu. Nebel machte die Orientierung fast unmöglich. Wir trafen auf einen Tschechen in unserem Alter, der al­lein unterwegs war, aber auch er hatte keine Ahnung, wo der richtige Weg langging. Nach oben – das konnte nicht falsch sein, und so kämpften wir uns, inzwischen völlig durchweicht und durchfro­ren, über glitschige Geröllfelder weiter aufwärts. Immer einmal ging einer auf Suche nach links oder rechts, ob´s da besser aussah. Stunden später hatte einer von uns doch die Gipfel­stange gefunden. Wir waren stolz, geschafft und ratlos, denn alle Ver­suche, nun einen Weg für den Abstieg nach unten zu finden, endeten an steil abfallenden Felswänden. Zum Glück hörten wir nach einiger Zeit Stimmen, eine Gruppe - ordentlich mit Bergführer - kam durch den Nebel herauf. Wir schlossen uns ihnen auf dem Rückweg ein Stück an, und dann hasteten wir von Steinmann zu Steinmann den Berg hinunter, der Schnee­regen war nicht mehr zu spüren, längst war es dunkel geworden, aber ir­gendwie fanden wir aus den Geröllfeldern heraus, dann rannten wir im Laufschritt noch zwei Stunden über einen steinigen Pfad hinunter ins Tal, bestiegen die Bahn, die uns zum Zeltplatz zurückbrachte.

Viele Jahre später hat mir ein Freund erzählt, wie er mit seinen beiden Söhnen am gleichen Berg zusehen musste, als zwei Wanderer zu Tode stürzten.

Im gleichen Urlaub erlebten wir bei einer Wanderung ein Gewitter im Hochgebirge, was sehr be­eindruckend und beängstigend ist. Wir wander­ten auf der „Magistrale“, einem Höhenweg, der schutzlos außerhalb der Vegetationszone in Geröllfeldern verläuft. Innerhalb von Minuten kam überraschend ein heftiges Gewitter über den Kamm gezogen. Ein unun­terbrochenes Inferno von Blitzen und Donnern umtobte uns von allen Seiten. Wir konnten uns eine Stunde lang nur ohn­mächtig im strömenden Regen zwischen die Steine pressen und warten ...

 


4. Das volle Leben – vor der Wende

    Beruf, Familie und Opposition
    (1970 bis 1989)

 

 

 

Lebenslauf-Skizze III

Von 1970 bis 1982 war ich als Chemiker und wissenschaftlicher Mitarbei­ter in einem Dresdner Forschungsinstitut tätig und hatte dort mit Kor­rosionsschutz und der Messung von Luftverunreinigungen zu tun. 1971 habe ich geheiratet. 1972, 1973, 1979 und 1989 wurden unsere vier Kin­der geboren. Von 1979 bis 1982 studierte ich im Fernstudium Theologie. Seit 1982 war ich dann bei der Evangelischen Landeskirche in Sachsen als Fachreferent für weltanschauliche und ethische Fragen im Bereich Naturwissenschaft-Technik-Medizin tätig. Im gleichen Jahr zogen wir als Familie von der Großstadt aufs Land, zurück in das Dorf, in dem ich schon als Kind gelebt hatte.

 

Wohnglück mit Schlafbunker

Vier Jahre lang hatte ich als Student in meinem Zimmer bei der „Wirtin“ gewohnt. Nun war ich verheiratet, meine Frau erwartete unser erstes Kind, wir brauchten eine Wohnung für uns allein.

Der Wunsch war erlaubt, aber es gab einige Hürden zu überwinden. Zu­erst musste ein Woh­nungsantrag gestellt werden. Damit aber wirklich was passierte, war es wichtig, immer wieder zu drängeln und zu schmeicheln auf dem zuständigen Wohnungsamt, Befürwortungen von dieser und von jener Stelle ein­zuholen und vorzulegen. Irgendwann war das Amt mürbe und stellte endlich die „Zuweisung“ für eine Wohnung aus. Aber diese Wohnung lag am anderen Ende der Stadt. Wir setzten eine An­nonce mit einem Tauschangebot in die Zeitung, und wir hatten Glück. Eine alte Dame meldete sich, aber die hatte erst tausend Wünsche, wie ihre neue Wohnung sein sollte: Wasser rein, Gas raus, rosa Zimmerdecke mit Wolkenmuster. Damals haben wir gelernt, wie man Wände ab­wäscht, tapeziert, einen Ofen „kehrt“ (Deck­kacheln abmachen, eimerweise Asche herauskratzen, Kacheln mit Lehm­pampe wieder aufkleben). Dann war noch unsere ertauschte Wohnung herzurichten, und wir konnten endlich einziehen, mit unserem ersten Kind, das inzwischen geboren war.

Das Haus, in dem wir jetzt wohnen würden, lag hoch oben an einem Hang. 82 Treppenstufen führten von der Straße hinauf, für den Transport der Kohlen zum Heizen waren neben der Treppe Schienen verlegt, auf denen eine kleine Lore hochgezogen werden konnte.

Wir bewohnten zwei Zimmer á 11 Quadratmeter, dazu gehörte eine kleine Küche, zum Kohlen­keller ging es von der Küche aus vier Stufen nach oben (!), wir Eltern schliefen in einer bunkerähn­lichen schmalen Kammer, die 1,20 breit und 3 Meter lang war, in einem Doppelstockbett.

Wir wohnten „Souterrain“, also etwas unterirdisch, was aber auch bequem war. Der Garten befand sich auf gleicher Höhe wie unsere Fensterbretter, und die Kinder konnten gleich zum Küchen­fenster hinausgereicht werden.

Die Zimmerdecken hatten ein interessantes Muster, das wir lange für Stuckkunst oder so was hielten. Kleine Kreise von zwei Zentimetern Durchmesser waren da einer neben dem anderen ein­geprägt, das Muster ging gleichmäßig über die ganze Decke. Später erfuhren wir von der Vor­mie­terin, wie das zustande gekommen war. In der Wohnung über ihr wohnte eine Familie mit Kindern, bei denen es manchmal turbulent zu­ging. Das Trippeln und Hopsen wurde eine Etage tiefer als nervig emp­funden, und so kam der Besenstiel zum Einsatz, mit dem durch heftige Stöße nach oben Signale gegeben wurden, einprägsam Abdruck um Ab­druck.

Wir hatten endlich was eigenes und fanden´s gut so und kauften uns einen großen Kleiderschrank. Die Windeln wurden auf dem Küchenherd in ei­nem großen Topf gekocht. Meine Frau schrieb, während die Tochter zwi­schen ihren Beinen herumkroch, Diktate eines Röntgenarztes ab - vom Tonband ins Schreibmaschinen-Protokoll. Und weil´s so schön war und wir so alternativ waren, nahmen wir einige Wochen später noch eine junge Frau mit Kind auf, die zu Hause „rausgeflogen“ war.

 

ABC des Lebens

An einem Wintertag Anfang des Jahres 1973 betrat ich eine kleine Bara­cke und saß dann zu­sammen mit 20 doch recht abenteuerlichen Gestalten auf Tischen und alten Polster­möbeln, und wir diskutierten und diskutierten ... Ich war in der „offenen Jugendarbeit“ der Weinbergskirche in Dresden gelandet, und was ich hier erlebte, hat mich geprägt, hat mich verändert, hat mich viele Jahre fest gehalten. Manch­mal 15 und später auch manch­mal 150 junge Leute trafen sich dort einmal in der Woche. Sie kamen aus sehr unter­schiedlichen sozialen Milieus, aber sie hatten ei­nes gemein­sam: Sie wollten das „ABC des Lebens“ buchstabieren, nachdenken über Sinn und Ziel ihres eigenen Daseins, und sie wollten dieses andere Leben auch wirklich ausprobieren. Da wurde erregt debattiert über (antiautoritäre) Er­ziehung, Generationsfragen, den Sinn des Soldatseins, Gewalt und Pro­test, Musik (von Bob Dylan und Chicago und Wolf Biermann), Lite­ratur (selbstge­machte und verbotene). Da wurden Pläne ge­schmiedet für die Gründung von „Kommunen“ auf dem Lande - zum Test wurde erst einmal unser Trabant von drei Familien ge­meinsam genutzt, was ganz gut klappte.

In diesen Jahren lernte ich die DDR noch einmal ganz neu kennen. Es gab Ausgrenzung und Will­kür und brutale Macht immer noch, ich hatte das bloß nicht erlebt bisher. Plötzlich hatte ich Freunde aus dem Arbei­termilieu, die im Knast gewesen waren, die als „asozial“ galten und vom Staat auch so behandelt wurden, ich erlebte Verhaftungen aus nichtigem Anlass. Ich begeg­nete Künstlern aus einem ganzen „Untergrund“-Netz­werk. Ich lernte „Tramper“ kennen, die mit Schlaf­sack auf dem Rücken und ein paar Adressen in der Tasche unterwegs wa­ren, einziges Ziel: das nächste Konzert „ihrer“ Bluesband.

 

„Über mich“

Hab viel gesehen, manches nicht verstanden,

doch weiß ich täglich mehr.

Stand an vielen Türen, hatte keinen Mut,

doch ging ich wieder hin.

Hab viel versprochen, manches nicht gehalten,

jetzt denk ich vor dem Wort.

Hab viel genommen, wenig nur gegeben,

doch fing ich grad erst an.

Kannte viele Worte, die andre gerne hören,

jetzt sag ich, wer ich bin.

Hab viel begonnen, manches nicht beendet,

doch ich hab was getan.

(Rock-Gruppe PANTA RHEI - später KARAT, 1973,
Text: Joachim Krause, Musik: Herbert Dreilich)

 

Feindberührung

Für den 12. November 1973 hatte mich ein Termin per Post­karte ereilt. Zur „Klärung eines Sach­verhalts“ sollte ich im Volkspolizeikreisamt (VPKA) erscheinen. Der Termin passte mir gar nicht. Die Geburt unseres zweiten Kindes stand unmittelbar bevor, ich hatte unterwegs einen neuen Kin­der­wagen erwor­ben, unten drin im Wagen-Korb lag ein gerollter Bettvor­leger. So ausgerüstet mel­dete ich mich im Polizeigebäude an der Information. Meine Frage nach „Zimmer 211“ löste merk­würdige Reaktionen aus: hek­tische Betriebsamkeit, Getuschel, klappende Türen, Telefongesprä­che. Dann end­lich der Verweis, nach oben zu gehen. Dort saß ich wieder lange vor einer ver­schlossenen Tür. Irgendwann wurde ich hineingebeten. Halb­dunkel, zwei Herren in Zivil, Ausweise vor meiner Nase. Stasi. Panik. Aber zunächst waren sie ganz freundlich. Fragten nach Persönli­chem, nach Beruf und Freunden. Ich habe doch gute Kontakte zu Musikern aus der Rock-Szene. Es wurde härter, bedrohlicher: Ich wüsste doch sicher, dass da mit den Steuern getrickst würde, dass die Verstärkertechnik illegal aus dem Westen käme. Und um klar zu beweisen, dass ich da­mit nichts zu tun habe, sollte ich doch mal erzählen, was ich denn so wüsste ... Ich wusste zwar einiges, wollte aber nichts gegen meine Kumpels sagen, wollte aber auch die Herren nicht unnötig verärgern. Eiertanz, Angstschweiß. Ein zarter Hinweis, dass ich irgendwann nach Hause müsste, wurde ab­schlä­gig beschieden: Dieses Gespräch würde so lange gehen, wie es eben ge­hen müsste. Passendes Detail: Die Tür hatte innen und außen keine Klinke. Die Zahl der Herren nahm zu, sie waren austauschbar, betraten und verließen nach irgend­einer Regie das Zimmer, waren mal verständ­nisvoll und dann mal sehr aufgeregt und in Drohpose. Was ich für Freunde hätte. Ob ich denn dies und jenes von dem und jenem wüsste. Dass ich natürlich nicht verdächtig wäre, aber dass ich vielleicht was aufklären könnte, eigentlich gehe es durchweg um Verstehen und Helfen ... Kon­zentrationsübung. Fluchtreflexe. Ich wollte hier raus. Aber da war diese Tür ohne Klinke. Nach zwei oder drei Stunden war endlich Schluss. Vor­läufig, wie sie sagten. Im Aufstehen wurde mir ein Zettel vor die Nase ge­legt, den ich doch bitte unter­schreiben möge. Reine Routine: dass das heute Gefragte und Gesagte unter uns bliebe und dass ich bereit sei, das Gespräch demnächst fortzu­führen. Fast hätte ich unter­schrieben, nur um hier endlich wegzukommen. Da ging im Hinterkopf eine rote Lampe an. Nein, sagte ich, mit meiner Frau werde ich drüber reden. Die Herren wa­ren böse, aber gerade ihre Unsicherheit bestärkte mich. Der Zettel blieb ohne Unterschrift.

Zu Hause folgten stundenlange Gespräche, mit meiner Frau, mit Freun­den, zu denen ich befragt worden war. Schlaflose Nächte. Dann schrieb ich einen Brief, Eilsendung und Ein­schreiben, man­gels Namenskenntnis adressiert an „Zimmer 211“ im VPKA Dresden. Und darin sagte ich end­gültig NEIN: Konspira­tive Gespräche mit mir allein und über Dritte würde es nicht geben.

Erst zwanzig Jahre später ist mir richtig klar geworden, dass diese kleine Unterschrift mein Leben vielleicht völlig verän­dert hätte. Meine Stasiakte beginnt mit einem dünnen Hefter, in dem ich als „IM-Vorlauf“, als poten­zieller Mitarbeiter der „Organe“ geführt werde. Dort ist nach dem geschil­derten Gespräch auch ordentlich ein Umschlag abgeheftet worden, auf den das Wort „Verpflich­tung“ gestempelt ist. Und dieser Umschlag war leer geblieben. Damit war mein potenzielles „IM“-Dasein schlagartig been­det. Es gab im Denken der Stasi aber nur Freund oder Feind, und so wurde im Abschlussprotokoll festgelegt, „die Bearbeitung des Kandidaten in einem IM-Vorlauf ein­zustellen und ihn im Namen der OpV-Bearbei­tung unter Operative Personenkontrolle zu nehmen.“ In den nächsten 17 Jah­ren war ich Staatsfeind unter intensiver Betreuung, und die von der Stasi erstellten Konzeptionen für meine „Betreuung“ sahen nun vor, die Grup­pierungen, in denen ich lebte, „systematisch zu zersetzen und zu liquidie­ren“.

Auch ich zog konkrete Schlussfolgerungen aus dem Stasi-„Gespräch“, in das ich doch ziemlich unvorbereitet geschlit­tert war. Ich sprach in der Folgezeit mit Freundinnen und Freunden, die schon ähnliche Erfahrungen auf Ämtern oder mit überraschenden Besuchern zu Hause gemacht hat­ten, und bot für die Jugendlichen in unserer offenen kirchlichen Jugend­arbeit regelrechte Schulungs- und Trainingsabende an: Wie verhalte ich mich, wenn ich eine Vorladung erhalte, wenn unerwartet fremder Besuch klingelt? Was habe ich für Rechte, wie kann ich „die“ ärgern, verunsi­chern?

 

Alternative Konzepte?

Unser Nachdenken über alternative Gesellschaftskonzeptio­nen war inten­siv und nahm konkretere Gestalt an. Ende der 70er Jahre habe ich an ei­nem Manuskript geschrieben mit dem Titel: „Die andere Hälfte“. Da wollte ich aufzeigen, was diesem Sozialismus fehlte, die Kluft deutlich machen zwi­schen dem schönen Anspruch und der ganz anderen Wirk­lichkeit unseres Alltags. Ich wollte das System DDR messen an seinen eigenen hohen Zielvorgaben. Ich habe Rosa Luxemburg, auch Marx und Engels gelesen – und mit deren Zitaten argumentieren gelernt.

Das unfertige Manuskript ist dann aber leider irgendwann mit in den Ofen geraten, als wieder ein­mal jemand verhaftet wurde und die Wohnung „sauber“ sein musste.

 

Verbotene Welten

Es war ein nieseliger Abend in Leipzig. Mein Freund H. sagte nur: Komm mal mit. Wir stiegen in sein Auto. Verschlungene Wege durch die Stadt, plötzliches Abbiegen, Umwege, Blicke in den Rückspiegel, ob uns jemand folgte. Mir wurde zunehmend mulmig zumute. Dann hielten wir auf einer kaum beleuchteten Straße, betraten ein verfallenes Haus, H. klopfte merkwürdige Sequenzen – ein offenbar ver­einbartes Signal, auf das hin sich die Tür auftat.

Drinnen standen einige Leute herum, die ich nicht kannte und die auch mich misstrauisch muster­ten. Aber dann wurde es interessant. In mehre­ren Räumen lagen - auf Tischen und Regalen aus­gebreitet – Bücher. West-Bücher! Begehrtes und Verbotenes, was ich sonst nur aus Katalo­gen oder aus Gesprächen kannte, Politisches und Philosophisches und Umwelt und Wirtschaft und Psychologie – hier lag das alles zum Anfassen und Blättern bereit. Wer Westgeld bei sich hatte, konnte sogar gleich jetzt zufassen und kaufen und mitnehmen.

Das Leseglück wurde jäh durch einen Zwischenfall unterbrochen. Es klopfte erneut an der Tür, aber es war wohl nicht der vereinbarte Code, denn alle erstarrten. Erst der Versuch, das Klopfen mit Schweigen zu ig­norieren, aber nach wiederholtem Pochen ging doch jemand zur Tür. Inzwi­schen hatten wir uns alle darauf eingestellt, dass gleich die Staats­macht erscheinen würde, Knastgedanken. Aber es war dann doch ein vertrautes Gesicht, der Neuankömmling hatte sich nur beim Klopfsignal verzählt ...

 

Frechheit siegt

H. war in Ungarn gewesen und hatte Bücher gekauft, Westbücher, vor allem Philosophisches und Politisches. Einen ganzen Stapel davon hatte er auf der Rückfahrt im Zug bei sich. Aber an der Grenze zwischen der ČSSR und der DDR in Dečin war Schluss. Bei der Kontrolle wurden die „Feindliteratur“ entdeckt und sicher gestellt. Der Verlust schmerzte. Ein paar Wochen später saß er mit sei­ner Frau bei uns in der Wohnung - und wir machten böse Pläne. Die Grenzer hatten ihm mit deut­scher Gründlich­keit eine Quittung ausgehändigt, auf der stand, dass „die Einfuhr der Bü­cher in die DDR nicht gestattet sei“, sie lagen aber noch dort unter Ver­schluss, waren theoretisch weiter sein Eigentum. Wir wollten nun versu­chen, die Bücher doch noch irgendwie rüber zu kriegen. Wir wür­den noch einmal an die Grenze fahren. H. wollte sich dort seine Bücher abholen und in Richtung Tschechien weiterfahren. Dann aber würden wir am nächsten Bahnhof aussteigen über die „grüne“, damals unbewachte, Grenze durch die Sächsische Schweiz zurückwandern. Nun wurde schon über Zugfahrpläne und das Reagieren auf unangenehme Eventualitäten gesprochen. Unsere Frauen waren dagegen, aber die Abenteuerlust siegte, und dann saßen wir im Zug nach Dečin. Wir fuhren getrennt, taten so, als ob wir uns nicht kannten. H. ging am Grenzkontrollpunkt ziel­strebig ins Büro, ich stand mit Bauchschmerzen auf dem Bahnsteig und überlegte, was in welchem Fall nun zu tun sei. Da aber kam H. schon wieder heraus, hatte eine schwere Tüte in der Hand und lief - Konspiration hin oder her - direkt auf mich zu. Wir könnten mit dem nächsten Zug nach Dresden zurückfahren, sagte er. Dem Zollbeamten drinnen war so etwas noch nie vorgekommen. Er hatte, als H. seine Quittung vorlegte und die Aushändigung „seiner“ Bücher verlangte, diese nach kurzer Zeit im Nachbarzimmer gefunden. Er fragte, was H. nun tun werde. Als dieser sagte, dass er die verdächtigen Gegenstände wieder nach der ČSR aus­führen werde, meinte der Grenzer nur tro­cken, das könne er machen wie er wolle, ihm sei es zu blöd, das nun vielleicht auch noch zu kon­trollieren, von ihm aus könne er die Bücher auch nach Hause mitnehmen ...

So etwas haben wir uns viel zu selten getraut.

 

Unterweltfestspiele

Es war 1973 in den Tagen der „Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ in Berlin. Ich fuhr U-Bahn. Plötzlich blieb der Zug auf freier Strecke stehen, irgendwo unter den Straßen Ostberlins. Das Licht im Wagen erlosch. Zu­erst gab es den üblichen Tumult, Kreischen, Grölen – die Jugend war un­ter sich. Dann deutete einer auf das Fenster. Alle starrten auf das Bild, das langsam aus dem Dunkel hervortrat. Man blickte in einen stillgelegten U-Bahn-Schacht. Der Tunnel war von matten Glühlampen spärlich er­leuchtet. Und dort saßen überall Uniformierte, mit Stahlhelm, schwer be­waffnet, rauchten oder dösten vor sich hin. Dann ging das Licht im Wag­gon wieder an. Die Fahrt ging weiter, der Spuk war vorbei.

 

Knast als reale Möglichkeit

Im Spätsommer 1980 wurde H. ver­haftet. Er hatte gemeinsam mit ande­ren in Leipzig politische Literatur aus dem Westen gezielt in die DDR eingeführt und verbreitet. Auch bei mir standen Bücher wie „Die Alterna­tive“ von Bahro oder Werke von Solschenizyn aus diesen dunklen Kanälen in Schrank, und ich hatte auch öfter Schall­platten- und Bücher-Pakete zur Post gebracht, aus deren Er­lös im Westen der Bücherkauf finanziert wurde. Nun schlug der Blitz ganz in meiner Nähe ein. Ver­haftung, Haussuchung, Beschlagnahmungen. H. war mit sei­ner Fa­milie auf dem elterlichen Bauernhof zu Besuch. Dort, in der ländlichen Einsam­keit, traute sich die Stasi: 12 ihrer Leute waren aus Leipzig gekommen, hatten den Hof beob­achtet und griffen nun zu. Ein zufällig auch anwesen­der Freund von H. überbrachte uns - wir saßen nichts ahnend drei Kilometer entfernt im Garten - die böse Nachricht. Aber auch Entwarnen­des konnte er mitteilen: Ich war am Abend vorher noch drüben zu Besuch gewesen und wir hatten einige Ma­nuskripttexte ausgetauscht. Der Freund hatte einige Blätter, die von mir stammten, als Nachtlektüre mit auf sein Zimmer genommen, und als die Stasi schon im Haus war, ging er in aller Ruhe aufs Klo und spülte einige besonders böse Papiere das Rohr runter.
Trotzdem, jetzt herrschte Panik. Angstschweiß trat auf, wenn ein unbe­kanntes Auto auf der Straße vorfuhr – kommen sie jetzt auch zu uns? Sie kamen nicht. Aber ich wusste: Sie hatten bei der Haussuchung auch Bü­cher beschlagnahmt, die mir ge­hörten. Mein Selbstbewusstsein kehrte wie­der, und ich schrieb einen Brief an den Staatsanwalt in Leipzig, in dem ich ihn aufforderte, mir mein – doch wohl irrtümlich und rechtswidrig kon­fisziertes – Eigentum, Westbuch um West­buch genau aufgelistet, wieder auszuhändigen. Und Frech­heit siegte: Wenige Wochen später übergab mir ein Kurier irgendwelcher Staatsorgane ein Päckchen mit meinen be­schlagnahmten Büchern und Briefen. Die Erkenntnis hieß: Man hat auch in der DDR Rechte, und - aber auch nur - wenn man die ein­klagt, kriegt man (manchmal) auch Recht. Da war offenbar Spielraum im System DDR, und diese Grenzen galt es aus­zuloten!

Als - erst viele Monate später - der Gerichtsprozess gegen H. statt­fand, haben wir die Staatsmacht erneut ge­testet und verunsichert. Grund­sätzlich waren auch „politi­sche“ Verfahren vor Gericht öf­fentlich. Also erkundeten wir mühsam den genauen Ort und Termin der Verhandlung. Freunde und Bekannte wurden in Kenntnis gesetzt und zum Hinkommen ermutigen. Dann erschienen wir zum anberaumten Gerichtstermin: Klop­fen und Klingeln an der lange ver­schlossen bleibenden Tür des Untersu­chungsgefäng­nisses, entschlossenes Vorbeischreiten an den verdutzten und verun­sicherten Uniformierten, hektische Betriebsamkeit im Verhand­lungs­raum, der weder von den vorhandenen Stühlen her noch seitens der Richter und Anwälte auf Öffentlichkeit vor­bereitet war, solidarischer Blick­kontakt zu den be­reits her­angeführten Beschuldigten, stolze Teilnahme an der verzögert und nervös zelebrierten Eröffnung der Verhandlung. Dann erfolgte der von uns erwartete amtliche „Ausschluss der Öffentlichkeit“. Aber wir gingen erho­benen Hauptes. Wir hatten es uns selbst und „denen da“ gezeigt: Wir lassen uns nicht (mehr) alles so ein­fach gefallen!

Trotzdem waren solche Erfahrungen mit Gefängnisnähe Anlass, sich in der Familie nüchtern die Frage zu stellen: Wie viele Jahre Knast kommen in Frage, und wann ist Aus­reise angesagt? Schön theoretisch war sie schon, diese Frage. Ich glaube, die Verständigung mit meiner Frau hieß: höchs­tens ein Jahr. Bei einer längeren Haftstrafe hätten wir einen Ausrei­seantrag gestellt. Makaber, aber der Westen war in dieser Sicht immer eine Rettungsmöglichkeit, mit der wir für den Krisenfall rechneten.

Von Stund an gab es auch bei uns zu Hause eine Liste mit Namen, die im Ernstfall zu informieren waren.

H. wurde übrigens von Wolfgang Schnur verteidigt - genau: von dem Stasi-IM Schnur! Ich hatte H.s Frau dazu geraten, sich diesen Anwalt zu nehmen. Aber wir waren vorsichtig. Sie sollte erst einmal zuhören, was er tatsächlich über den Fall wusste, ihm nicht mehr sagen als unbedingt nötig, und vor allem: keine Namen! Schnur hat auf Freispruch plädiert, und nach einem Jahr war H. wieder draußen.

 

Gefährliche Offenheit

An einer Stelle war das System DDR besonders verletzlich: Offenheit, Öf­fentlichkeit waren nicht vorgesehen. Vieles ge­schah nach Spielregeln, die in internen Zirkeln verabredet wurden. Ent­scheidungen waren nicht durch­sichtig. Weder war ihr Zustandekommen nachzuvollziehen, noch waren Verantwortliche greifbar. Mechanismen einer Mitwirkung oder Kontrolle durch die Öffent­lichkeit waren nicht vorgesehen. Für alle Lebensbereiche waren Struktu­ren vorgegeben, und damit war jeder andere Weg oder jede andere Organisationsform auch schon ausgeschlossen. Alles, was nicht offiziell angeordnet oder organisiert war, war eigentlich verboten ...

Und nun kamen da Leute und machten „offene“ Jugend­arbeit. Treffs, zu denen einfach jeder kommen konnte, bei denen jeder sagen durfte, was ihm wichtig war. Und die verborgenen Zuhö­rer, die in „dienstlichem“ Auf­trag dabei waren, wurden von uns auch offensiv aufgefordert, kritische Botschaften doch weiterzutransportieren!

Für die Stasi war De-Konspiration, also das Auffliegen-lassen der Ge­heim-Sphäre, z.B. das (öf­fentliche) Reden über Kontakte zu diesem „Organ“ oder über dort gehabte Gespräche die schrecklichste Sache überhaupt. Also lautete die Regel Nummer 1, die wir untereinander weiter­sagten: Wenn schon jemand eine solche Begegnung der besonderen Art hatte, dann solle er mit allen möglichen Leuten darüber reden und das auch den Schlapphüten mitteilen!

Ich habe immer sehr freizügig und ganz offen Kontakte Richtung Westen gesucht. Oft geschah das sogar dienstlich von der Arbeitsstelle aus. Durch Abschicken von besonderen Postkarten hatte man die Chance, an wich­tige fachliche Informationen heranzukommen (Sonderdrucke aus Fachzeit­schriften); um an andere lesenswerte Druckerzeugnisse heran­zukommen, schrieb ich auch Briefe direkt an Autoren und Verlage. Der Rücklauf klappte recht gut, wurde also nicht unterbunden, aber die Vorgesetzten und manche Behörden hatten schon erhebliche Schwierigkeiten mit derlei „Westkontakten“, die es eigentlich gar nicht geben sollte.

 

Trabant I: Überlebenstraining

Ich bin eigentlich, was Technik anbelangt, ziemlich blind. Aber für´n Tra­bant hat´s doch gereicht. Wenn man sich in diesem Auto umsah oder die Motorhaube öffnete, war sehr übersichtlich alles zu sehen, was zu einem Auto gehört, und wie das funktioniert, konnte man auch verstehen. Denn um mit dem Trabant zu überleben, musste man mancherlei wissen, was und wo und wie, und man musste oft selbst Hand anlegen. Es gab z.B. einen Feuerlöscher. Als eine Freundin sich einmal unser Auto geborgt hatte, ist der tatsächlich zum Einsatz gekommen, bei einem Brand im Motorraum mitten auf der Kreuzung. Es gab einen Reserve-Hahn für die Benzinzufuhr. Wenn der Motor plötzlich stot­terte - es gab keine Vorwar­nung durch eine Tankanzeige im Cockpit -, tauchte der kundige Fahrer blitzschnell nach rechts unters Lenkrad ab und drehte einen kleinen Hahn nach links. Ich führte für den Notfall immer eine Rückzugsfeder für den Bowdenzug vom Gaspedal mit; wenn diese un­scheinbare Spirale aus Draht brach – auch das habe ich erlebt – tourte der Motor auf Vollgas hoch und röhrte auf vollen Touren; eine missliche Situation, wenn man die 15 Pfennige für die Feder gespart hatte! Man hatte auch immer einen Keil­riemen dabei - clevere Leute schworen auf West-Nylon-Strümpfe als Er­satz-Variante. Wenn der Riemen riss, war die Stromversorgung des Trabbi hin. Da war es gut zu wissen, dass man in diesem Fall die Lichtmaschine locker schrauben musste, um den Ersatzriemen einfädeln zu können. Auch nur Trabbifahrer konnten wissen, dass es Schmier­filze für die Unter­brecherkontakte der Zündspule gab und wo diese zu finden und wie sie im Kri­senfalle auszuwechseln waren. Dazu musste man die Vorderräder scharf einschlagen. Dann konnte man am Rad vorbei eine Dose ertasten - die war natürlich mörderisch verdreckt -, eine Klemme beiseite drücken, den Deckel abnehmen – und dort waren die kleinen Bösewichte, die manchmal verölten. Aus diesen und anderen Gründen hatte jeder Trabbi­fahrer immer ein mittel­großes Ersatzteillager, teils im Auto und teils zu Hause. Und wenn´s irgendwo Schalldämpfer gab, legte man sich auch vor­sichtshalber einen hin für die nächste Reparatur.

 

Postkontrolle

Anfang der 80er Jahre wurde unsere Post aus dem Westen intensiv „ge­filzt“. Briefe verschwan­den, jedes Weihnachts­päckchen war erkennbar durchwühlt. Manchmal konnten einem die Kon­trolleure aber auch richtig leid tun! Eines Tages nahm mich ein Abteilungsleiter in meinem Institut auf die Seite und berichtete, dass eben zwei Herren bei unse­rem Direktor gewesen seien und sich bitter über meine Pro­vokationen beklagt hätten. Ich hatte ganz ehrlich keine Ah­nung, was ich angestellt haben sollte. Was war passiert? Die beiden Herren waren mit der Kontrolle meiner Post be­auftragt. Kürzlich war ein großes Paket mit 20 Rollen Klopapier aus dem Westen gekommen. Welche Bösartigkeit war da zu vermuten? Die Herren bekamen den Auftrag, das Papier von einer Rolle nach der anderen kom­plett abzuwi­ckeln - vielleicht war da drin ja eine konspirative Botschaft versteckt - und danach natürlich wieder ordentlich aufzurol­len. 20 Mal! Und nichts gefunden! Ich konnte verstehen, dass sie sauer waren. Des Rätsels Lösung war banal. Ein Freund aus dem Westen war bei uns zu Besuch gewesen. Wie so oft zu DDR-Zeiten gab es gerade kein Klo­papier, und er hatte sich auf unserer Toilette mit zerrissenen Zeitungen herumplagen müssen. Und da wollte er uns eben mit 20 Rollen samtenen West­papiers was Gutes tun.

Über solche Geschichten, die natürlich ge­nüsslich weiter erzählt wurden, konnte als Real-Satire ge­lacht werden - wie über die schönen DDR-Witze -, und das tröstete über den bitteren Ernst man­cher Lage ganz gut hin­weg.

 

Tschernobyl und die Folgen

An einem strahlenden Apriltag des Jahres 1986 explodierte der Atom­reaktor in Tschernobyl. Bis dahin hatte es eine breitere oder gar öffentli­che Debatte über Pro und Kontra der Kernenergie in der DDR nicht gege­ben. Der Informations­bedarf war riesig. Wie arbeitet eigentlich so ein Atomkraft­werk, was kann bei einem Unfall passieren, welche Gefahren bestehen für die Bevölke­rung, ist die Kernenergie unver­zichtbar oder gibt es Alternativen? Ich schrieb in den Folge­monaten den Text für eine Bro­schüre, die interessierten Mitmenschen helfen sollte, sich in der Debatte zu­rechtzufin­den und selbst eine Meinung zu bilden. Vervielfältigt – mit 1000 Exemplaren, das war für DDR-Verhältnisse eine hohe Auf­lage - wurde das Heft im „Kirchlichen Forschungsheim“ in Wittenberg, einer Schaltstelle für die systemkritische Um­weltarbeit in der DDR. Wir gaben dem Heft etwas schlitz­ohrig den Titel „... Nicht das letzte Wort“ (Kernener­gie in der Diskussion). Das war ein Hone­cker-Zitat, mit dem er in ei­nem Interview nach den Ereignissen von Tschernobyl einer endgültigen Be­wertung ausgewichen war. Und da unser Heft ohnehin illegal erschien - natürlich stand wie im­mer darauf „Nur für den innerkirchlichen Dienst­gebrauch!“ - und wir grund­sätzlich mit offenen Karten spielen wollten, und natürlich auch weil wir gespannt waren, was passieren würde, war es nur folge­richtig, dass ein Exemplar direkt per Post an Erich Honecker ging.

Interessant war der weitere Vorgang - das haben wir aber erst nach der Wende aus staatlichen Ar­chiven erfahren. Hone­cker hat unser Begleit­schreiben tatsächlich in die Hand be­kommen und persönlich abgezeich­net. Und er hat die Ange­legenheit nicht etwa an die Stasi weitergeleitet, son­dern um Prüfung durch Fachleute gebeten. Wenige Tage später lag eine Expertise über Heraus­geber und Verfasser vor, wir bekamen das amtliche Etikett „oppositionell und staatsfeindlich“. Wenige Wochen später waren wir aber nicht etwa im Knast, sondern erhielten eine Einladung in das zuständige „Staatliche Amt für Atom­sicherheit und Strahlenschutz“ zu einem Fachgespräch über den Inhalt des Heftes.

So etwas machte durchaus Mut, weitere „staatsfeindliche Aktionen“ dieser Art ins Auge zu fassen.

 

Die Macht der Eingaben und der Zitate

In diesem Land gab es kaum einklagbare Rechte, aber es gab eine Macht des kleinen Mannes, die in den so genannten „Eingaben“ steckte. Man durfte und konnte sich beschweren, wenn einem etwas nicht passte, und die staatlichen Stellen waren verbindlich verpflichtet, innerhalb von vier Wochen die Angelegenheit zu bearbeiten und zu klären. Und so be­schwerte auch ich mich: weil ich keinen Ersatzreifen für mein Auto bekam, weil aus einem Westpaket Schallplatten beschlag­nahmt worden waren, weil ein Dresdner Kraftwerk zu sehr qualmte. Einmal schrieb ich an den Ge­nossen Mod­row, damals Bezirkssekretär der Einheitspartei in Dresden, weil plötzlich einige Dutzend Mili­tärmaschinen auf den Dresdner Zivilflug­hafen standen und von morgens 6 Uhr an pausenlos über die Stadt donnerten. Unerträglicher Lärm, schlaflose Kinder, genervte Nachbarn. Keine Ant­wort. Ich wartete genüsslich den Ablauf der omi­nösen Vier-Wochen-Frist ab, dann rief ich in der Bezirks­leitung der SED an. Und löste das erhoffte Beben aus. Hektische Betriebsamkeit, Entschuldigun­gen,

ein schriftli­cher Zwischenbescheid schon am nächsten Tag. Und eine Woche später erhielten wir in unserer Wohnung amtlichen Besuch. Zwei hoch dekorierte Offiziere der NVA, die in voller Uniform erschienen, brei­teten auf dem Tisch geheime Karten aus, er­läuterten uns die militärische Lage im Luftraum über Dresden – und sie sagten zu, dass die morgend­lichen Flüge ab sofort erst eine Stunde später starten würden, und ohne­hin würden die Maschinen kurzfristig wieder verlegt.

Als wirksam erwies sich auch das Zitieren von Stimmen und Zeugnissen, die die DDR zu ihren Heiligtümern erklärt hatte, auf die sie stolz war und auf die sie sich selbst immer wieder berief. Marx und Engels, Honecker und die Schlussakte von Helsinki, die Menschrechtskonventionen der UNO oder die Umwelt­gesetze der DDR, Parteitagsbeschlüsse oder veröf­fentlichte Zah­len – darauf konnte man sich berufen, und man hatte damit gute Trumpfkarten für die Diskussion mit amtlichen Stellen.

 

Westkontakt

1987 durfte ich ganz privat zu Besuch in den Westen reisen. Das kam überraschend, weil der An­lass eigentlich keine zu­lässige Begründung für einen „Antrag“ war. Ich hatte ange­geben, dass ich zum „50. Geburtstag des Paten(!)-Onkels meines Sohnes“ eingeladen war. Und trotz dieser windi­gen Begründung ließ man mich „raus“. Ob man hoffte, dass ich drü­ben bleiben würde?

Dann stand ich in der größten Münchner Buchhandlung - für einen lese­besessenen DDRler schlichtweg das Paradies! -, knüllte meinen Merkzet­tel in der Hand mit der Notierung der wichtigen Bücher, die ich suchen wollte – und es war schrecklich: Es gab nicht nur die von mir gesuchten Bücher, sondern ringsum in den Regalen standen Dutzende andere, de­ren Titel genauso verlo­ckend klangen. Ich habe nach zwei Stunden ent­nervt, verstört und ohne Buch dieses Haus ver­las­sen. Das Schlaraffenland Westen brachte ganz unerwartete Probleme. Es war schön dort, es gab gute menschliche Begegnungen und irritierende, es gab viel Staunens­wertes: die Funktionsweise einer Ölheizung, der Besuch bei einem Ethik-Leistungskurs in einem Gymnasium, Angebot wie auch Preise im Delika­tessen-Tempel. Das für uns im Osten so wertvolle Westgeld wurde im Westen ganz schön schnell alle, zur Wirklichkeit gehörten auch Arbeits­lose und Obdachlose.

Irgendwann saß ich – den Kopf voller Eindrücke und die Plaste-Tüten voller Mitbringsel – im Zug nach Hause. Das war für mich völlig klar: Es ging wieder nach Hause, dort gehörte ich hin. Und diese Fahrt zurück in die DDR hatte eine ganz besondere Bedeutung für mein Selbstverständnis. Ich kam freiwillig wieder, ich hätte mich auch anders entscheiden können. Ab jetzt galt endgültig: gleiche Augenhöhe!

 

Wunderbare Jahre

Ein schmales Büchlein machte heimlich die Runde. Rainer Kunze, einer „von hier“, einer von uns, hatte Geschichten niedergeschrieben, über Er­lebnisse in der DDR, und sie gingen uns nahe, weil sie unsere eigenen Erfahrungen wiederspiegelten. Der Band „Die wunderbaren Jahre“ war leider nur im „Westen“ erschienen – dem DDR-System galten die Erzählungen als staatsgefährdend und waren konsequenterweise verboten. Aber wie konnten wir dennoch erreichen, dass mehr Menschen „hier“ so etwas zu lesen bekamen, für die die Geschichten doch eigentlich bestimmt waren?
In dem staatlichen Institut, in dem ich damals arbeitete, gab es ein ORMIG-Gerät, eine Maschine für einfache Vervielfältigungen. Das Gerät war natürlich nur „für den Dienstgebrauch“ zugelassen und stand folglich unter Verschluss und Genehmigungspflicht. Aber wir wussten, wo es stand und wie es funktionierte.

Ich zog zwei Kolleginnen ins Vertrauen, und sie waren bereit, jeweils ei­nen Teil des Buchtextes von Rainer Kunze abzuschreiben. Sie wussten, dass das strafbar war und dass sie ihren Job ris­kierten – und sie taten es dennoch -, und so konnten einige Wochen später einige Dutzend Leute das begehrte Buch in einer kleinen „Sonderausgabe“ nutzen.

Unser Instituts-Fotograf hat für mich Foto­kopien ganzer Bücher angefertigt (z.B. „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome), die dann im Kol­legen-Kreis und anderswo in Dresden kursierten.

H. hatte ein Paket „importiert“ mit 40 Exemplaren eines brisanten Bu­ches: „Die Alternative“ von Rudolf Bahro. Ich kaufte eins für mich. Mein Gruppenleiter im Institut, mit dem ich mich gut verstand, bekam etwas mit, fragte, ob er viel­leicht auch ... Er hatte Westgeld, ich brauchte Kaffee. Also ging er in den Intershop und erwarb vier Pfund Kaffee, und dafür erhielt er „seinen“ Bahro, der nun auch eine Wanderung durch viele Hände be­gann).

Ich habe viele Menschen gekannt, die überhaupt keine Widerstandkämp­fer sein, sondern einfach nur in Ruhe in der DDR leben wollten - und die trotzdem Mutiges taten. Solche Mit-Menschen zu haben, machte das Weiterleben in der DDR leichter - und den Gedanken an´s Weggehen schwe­rer.

 

Biermann-Abend in Weinberg

Die DDR hatte Wolf Biermann ausgewiesen. Einige Tage später trafen wir uns wie jede Woche in der „offenen Jugendarbeit“ der Weinbergskirch­gemeinde. Die Stimmung war aufgeheizt, Wut und Verzweiflung, hundert junge Leute, es kochte.

Zunächst begann der Abend ganz banal. Ich war diesmal zuständig für die Verpflegung der Mas­sen, hatte aber vergessen, Brot zu holen. Ich stürzte also hektisch im Trabbi los und fuhr oder parkte etwas auffällig. Eine Poli­zeistreife „griff“ mich, aber als ich ihnen erklärte, warum ich etwas konfus sei, nämlich weil hundert Leute darauf warten, dass ich was zu essen brächte, zeigten sie Verständnis und wünschten mir sogar gute Fahrt.

Ich kam mit dem Brot zurück und erzählte zum Start der Veranstaltung von meiner entspannten Begegnung mit der Staatsmacht - das entkrampfte die Situation etwas.

Dann las Jojo eine - in der DDR gedruckte - Geschichte vor, die Parabel vom Hahn und dem Regenbogen: Immer wenn dieser wundersame Hahn krähte, erschien ein Regenbogen am Himmel, und wenn die Men­schen dann darunter hindurchgingen, dann konnten die, die reinen Herzens wa­ren oder verliebt, fliegen, die anderen aber, die machtbesessen oder grausam oder verlogen waren, die mussten fortan auf allen Vieren gehen. So haben wir an diesem bösen Abend doch lachen können. Die Stasi hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Im Umfeld der Kir­che waren Beob­achter postiert und im weiteren Umkreis wurden alle Fahrzeuge erfasst. Meiner Stasiakte habe ich später entnommen, dass so alle Autobesitzer auf unserer Straße vorübergehend ins Fahndungsraster gerieten.

 

Post von Willy Brandt

Ich verehrte Willy Brandt wegen seiner klugen und erfolgreichen Ostpolitik gegenüber der DDR und der Sowjetunion, die zu spürbarer Entspannung und Erleichterungen geführt hatte. Dann kam die „Guillaume-Affäre“. Die DDR hatte erfolgreich einen Spion im Bundeskanzleramt einge­schleust, der Willy Brandt beraten hatte. Brandt trat zurück. Als ich davon erfuhr, habe ich spon­tan einen Brief an ihn geschrieben, seinen Abgang bedauert und ihm für sein Wirken gedankt. Der Brief plumpste ganz offiziell in einen normalen Briefkasten mit einer geratenen Anschrift, etwa „Bundeskanzler Willy Brandt, 5300 Bonn, BRD“. Er muss normal befördert worden sein - andere derartige Briefe von mir hat die Stasi immer wieder abgefangen und in ihre Akten geheftet -, denn einige Wochen später erhielt ich Post mit einer Abstempelung „Ollenhauerhaus in Bonn“, das war die Partei­zentrale der SPD. Darin steckte eine Karte mit einem handschriftlichen Dank von Willy Brandt.

Es war schon erstaunlich, dass mein Brief „hingefunden“ hatte und dass auch die Antwort nicht „verlorengegangen“ war.

 

Zeltplatzleben

Mein Freund B. hatte den Ehrgeiz, zum Zelten praktisch ohne Mobiliar anzureisen und alles selbst zu bauen. In den ersten Tagen nach der An­kunft saß die Familie noch auf dem Fußboden, Bernd war ständig unter­wegs, kam mit Ästen aus dem Wald oder mit Brettern vom Strand und fer­tigte daraus Regale und Kisten und Hängematten und ähnlich nützliche Dinge. Eines Tages entdeckte er einen schönen festen Draht, der im Wald herumlag, rollte ihn auf, und als der Draht kein Ende nahm, kniff er ihn einfach mit der Zange ab. Ein paar Stunden später entstand große Aufre­gung auf dem Zeltplatz, Grenzsoldaten bevölkerten den Wald. Bernds Basteldraht war das Telefonkabel der Grenz­truppen der DDR gewesen ...

Zu unserem Zeltplatz-Freundeskreis gehörten eine Anzahl sangesfreudi­ger und instrumenten-kundiger Mitmenschen. Wir wurden gefragt, ob wir nicht ein Konzert für Urlauber in der Kirche von Altenkirchen ausgestalten könnten, und wir beschlossen, mit 8 Leuten vierstimmig zu singen. Das bedeutete aber erst einmal üben. Zu den Proben gingen wir abseits vom Zeltplatz ein Stück in den Wald. Die Gerüchteküche meinte, als im Fich­tendickicht Schützchoräle erklangen, da sei jetzt wohl eine „Sekte“ auf dem Platz). Ein paar Tage später sangen wir unser Programm in der Kir­che. Zur Verabschiedung baten wir nicht um Geld, sondern schilderten dem andächtigen Publikum unsere Not: Wir brauchten auf dem Zeltplatz Zwiebeln zum Kochen, aber die waren gerade nirgendwo zu kriegen - wenn jemand solche hätte, möge er die Gabe in der Sakristei der Kirche hinterlegen. Ein paar Tage später ward unser Wunsch tat­sächlich erfüllt.

Ein Doktor der Theologie aus Berlin „bewohnte“ die Strandburg neben uns. Er hatte Kinder, die mit unseren Kindern spielten, und so hockten wir öfter zusammen. Er hatte aber auch eine Schwiegermutter, und die betrieb einen privaten Fischladen mit Räucherei in Saßnitz. Frischfisch war eigentlich auch an der Ostsee „Bückware“. Sol­che Dinge gab´s nur, wenn die Verkäuferin sich hinter der Ladentafel bückte und für besondere Kunden begehrte Raritäten „fand“. Und gar Aale galten als längst verschollene sagenhafte Fischart ... Aber die Schwie­germutter hatte das alles, der Doktor holte mit dem Trabbi eine Ladung, und dann brutzelten in mehreren Pfannen Dutzende (!) Aale, dazu gab´s noch panierte Schollen. Wir spendierten den Rotwein zum Menue und re­vanchierten uns, indem wir unsere Westbücher als Urlaubslektüre verlie­hen.

 

Konrad Lorenz light

Sommerurlaub. Drei lange Wochen im Zelt an einem See in Brandenburg. Paddeln, Wandern, Ba­den, Gewitterangst – alles war schon gewesen. Die Kinder langweilten sich. Dem Vater musste was Neues einfallen. Ich be­schloss, mich als Bootsbauer zu versuchen. Ein passendes Brett war bald gefunden, nach einigen Beilhieben war die Form eines Schiffsrumpfes zu ahnen. Es schwamm. Aber den Kindern reichte das noch nicht. Es sollte ein Segelschiff sein. Das mit dem Mast war ja noch einfach – ein Loch wurde in das Brett gebohrt, ein gerader Ast hineingesteckt und festgekeilt. Aber woher nun ein Segel nehmen? Die rettende Idee: einfach ein Blatt Papier aus dem Schreibblock, Format A4, oben und unten ein Loch hi­neingerissen, vorsichtig über den Mast gezogen – und nun blähte sich stolz das weiße Segel im Wind. Und wenn das Schiff ordentlich zu Wasser gelassen wurde und richtig zum Wind stand, fuhr es wirklich los. Allseits Freude, und wir spielten Seefahrt.

Bis plötzlich etwas Eindrückliches geschah. Weit drüben am anderen Seeufer kam Bewegung auf. Ein Schwan, der dort all die Tage immer majestätisch auf und ab geschwommen war, die Ruhe in Person, begann plötzlich mit seinen mächtigen Flügeln zu schlagen, rauschte und flatterte ganz gewaltig und setzte sich in Bewegung. Dicht über dem Wasser raste er in gerader Linie direkt auf unsere kleine Bucht zu. Das wirkte schon ziemlich bedrohlich. Der Schwanenvater hatte uns schon fast erreicht, als er Hals über Kopf seinen Sturmlauf „bremste“ und irgendwie unsicher und verlegen wenige Meter vor uns herumschwamm. Alarm beendet. Die Kin­der wurden beruhigt. Aber was war da passiert? Nach einigen Tagen habe ich den ungewollten „Versuch“ noch einmal wie­derholt. Unser Schiff kriegte eine neues blendend weißes Papiersegel, und dann wurde damit einfach hin- und hergefahren ... Und es klappte. Einige hundert Meter weiter war ein Schwanen­paar in Begleitung einiger grauer Küken auf Fa­milienausflug. Als sie nach wenigen Minuten unser Segel bemerkten, lie­ßen die Eltern ihre Kinder im Stich - so wichtig war ihnen der weiße Fleck! - und rasten über den See los in Richtung auf unser unschuldiges Schiff­chen. Wieder bedrohliches Rauschen, dann Notbremsung wenige Meter vor uns und verlegenes Abdrehen der großen Vögel. Wahrscheinlich hat­ten sie aus der Ferne unser harmloses Papiersegel wegen Farbe und Größe für einen Schwanen-Konkurrenten gehalten, der an „ihrem“ See nichts zu suchen hatte und der verjagt werden musste. Das Revier musste verteidigt werden, das war so wichtig, dass sogar die eigenen „Kinder“ im Stich gelassen wurden. Ein weißer Fleck von der richtigen Größe reichte aus, um das Verhaltensprogramm anzuschalten und abzuspielen. Ich habe meine Beobachtungen zur Verhaltensforschung später an eine Tier­zeitschrift im Westen geschickt, wo der Beitrag auch ge­druckt wurde; die Stasi hat das verwirrt protokolliert.

 

Seltsame Vögel

Ein sonniger Nachmittag im Frühsommer. Wir saßen plaudernd auf der Terrasse, der Tee dampfte in den Gläsern. Im Garten lärmten und sangen die Vögel. Plötzlich war da etwas Neues! Wir hat­ten es beide gehört, sa­hen uns zunächst verunsichert an und begannen dann zu raten, welcher Vogel wohl so singen könnte. Wir versuchten auch, die Richtung zu bestimmen, aus der die Töne kamen, um den Sänger vielleicht zu entde­cken. Merkwürdig, der Gesang kam von tief unten, ir­gendwo aus dem Gebüsch neben den Erdbeeren. Nun war die Neugier doch größer als das nachmittägliche Ruhebedürfnis. Vorsichtig schlichen wir in die Richtung, wo weiterhin der Gesang ertönte. Ganz unten auf der Erde? Da war es: Eine dicke Igel-Mutter wackelte durch die Beete, und hinter ihr torkelten fünf kleine Stachel-Bällchen im Gänsemarsch. Sie ließen sich von uns gar nicht stören, sondern wanderten weiter – und sie sangen dabei. Die Igel­familie unterhielt sich mit quietschend-melodischen Tönen, die an das Zwitschern von Vögeln erinnerte. Seltsame Vögel. Es stellte sich heraus, dass sie zu einem Nest unterwegs waren, einem Haufen von vorjährigem Laub und Gras, in dem sie untertauchten und leise weiter zwitscherten. Wir stülpten eine Kiste über die Sommerwohnung als Schutz gegen Re­gen und neugierige Kinder. Und da haben unsere Singe-Igel in den nächsten Wochen gelebt. Als Futter stellten wir ihnen aber doch kein Vo­gelfutter vors Haus, sondern sie fraßen gern schmatzend den Inhalt von Dosennahrung für Katzen.

 

Am Abend mancher Tage

Am Ende des Jahres 1980 habe ich einige Stunden lang am Radio geses­sen. Die hundert besten Pop-Musik-Titel des Jahres in der DDR wurden gespielt. Ich wartete auf ein Lied, zu dem ich den Text geschrieben hatte: „Am Abend mancher Tage“. Es blieben nur noch wenige Titel bis zu Platz 1, hatte ich´s doch verpasst? Am Ende gab´s die große Überraschung. „Mein“ Lied stand auf dem ersten Platz!

 

       Am Abend mancher Tage

  1. Am Abend mancher Tage - da stimmt die Welt nicht mehr:
    Irgend etwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.
    Und man kann das nicht begreifen,
    will nichts mehr seh´n -
    und doch muss man weitergeh´n
  2. Am Abend mancher Tage - da wirft man alles hin.
    Nun scheint alles, was gewesen, ohne Sinn.
    Und man lässt sich einfach treiben,
    starrt an die Wand.
    Nirgendwo ist festes Land.

Ref. Gib nicht auf,
      denn das kriegst du wieder hin!
      Eine Tür schlug zu,
      doch schon morgen wirst du weiter seh´n ...

3.   Manchmal ist eine Liebe erfroren über Nacht.
      Manchmal will man hin zur Sonne - und stürzt ab.
      Manchmal steht man ganz allein da,
      ringsum ist Eis,
      alles dreht sich nur im Kreis.

Ref. Gib nicht auf ...

4.   Am Abend mancher Tage - da stimmt die Welt nicht mehr:
      Irgend etwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.

      Und man kann das nicht begreifen,
      will nichts mehr seh´n -
      und doch muss man weitergeh´n

            ... und man läßt sich einfach treiben,
            will nichts mehr seh´n,
            und doch wird man weitergeh´n ...

       (Rock-Gruppe LIFT, 1979,
       Text: Joachim Krause, Musik: Wolfgang Scheffler)

 

Italienische Schuhe

Ich brauchte neue Schuhe. Und ich hatte riesiges Glück. In einem Laden, den ich aufsuchte, gab es Halbschuhe, die mir gefielen, Leder, dezent rot­braun, gefälliges Design – und sie waren aus Italien! Das konnte eigentlich nicht wahr sein, und dazu waren sie gar nicht teuer. Ich griff zu, trug meine Errungenschaft ab sofort stolz an den Füßen. Aber wenige Tage später musste ich entde­cken, dass sich die Sohle löste. Bei West-Schuhen ... Ich trug die Treter in das Geschäft zurück. Dort war meine Größe zum Glück noch vorrätig, und ich erhielt Ersatz. Aber eine Woche später war auch da die Sohle ab. Als ich erneut im Laden aufkreuzte, herrschte dort betrete­nes Schwei­gen. Ich bekam keine Ersatzschuhe mehr, sondern mein Geld zurück. Mit einer Erklärung und Entschuldigung: Die DDR hatte bei einem Großeinkauf auf dem internationalen Markt gemeint, mit diesen Schuhen - für extrem niedrige Preise - ein Schäppchen gemacht zu haben. Zu spät erst hatte man gemerkt, dass Schuhe erworben worden waren, mit denen gar niemand laufen sollte, sondern die man in Italien Toten mit in den Sarg gibt ...

 

Der tollwütige Maulwurf

Unsere Kinder spielten mit Nachbars Rangen gern in der „Drachen­schlucht“ gegenüber, einem kleinen Tal mit alten Bäumen und mancherlei interessantem Müll und Schmetterlingen und ande­rem Getier.

Eines Abends kam der Sohn nach Hause und erzählte, dass die Kinder­schar am Nachmittag einen Maulwurf gefunden und mit ihm gespielt habe, er sei aber nun leider tot und man habe ihn feierlich begraben.

Meine Frau hatte aber am gleichen Tag in der Zeitung gelesen, dass in unserem Stadtgebiet bei Wildtieren die Tollwut ausgebrochen. Und so war Panik angesagt. Ein totes Tier, spielende Kinder ... Ein Anruf beim Veteri­näramt ergab: Wenn das so ist, müssen Sie das Tier finden und zu uns bringen, nur mit einer Untersuchung können wir Tollwut ausschließen, sonst müssen alle Kinder. die mit dem Tier Kontakt hatten, geimpft wer­den, was bei Tollwut ziemlich langwierig und unange­nehm ist. Nach einer schlaflos verbrachten Nacht, in der es auch noch pausenlos geregnet hatte, musste der Sohn die Mutter in die Drachenschlucht begleiten. Mit einiger Mühe wurde der Maul­wurf tatsächlich gefunden, konnte untersucht werden, und es gab Entwarnung.

 

Ur-Ängste

Eine Freundin war bei uns zu Besuch, in Dresden, oben auf dem Hang. Dämmerlicht, Rotwein, das Gespräch plätscherte so dahin. Plötzlich war da etwas. Irgendwas stimmte nicht. Dann sahen wir, wie im Aquarium, das im Bücherschrank stand, das Wasser hin und her schwappte. Aus der be­nachbarten Küche kamen merkwürdige Geräusche. Ich ging hinüber und sah, wie dort Gläser auf dem Tisch hin und her rollten. Wir alle wussten, obwohl wir das noch nie erlebt hatten: Das ist ein Erdbeben! Die Kinder wurden aus dem Bett gerissen, aber ehe wir die Treppe hinuntergehen konnten, war alles schon wieder vorbei. Der Puls raste noch, aber war das wirklich ...? Am nächs­ten Tag stand es amtlich in der Zeitung, dass die Erde gebebt hatte, es war also doch nicht der Rotwein gewesen.

 

Aufkauf von Obst

In der DDR gab es, nicht nur wegen der ständigen Mangelwirtschaft, son­dern auch als grundsätz­lich ganz sinnvolles Prinzip die staatliche Vor­gabe, dass alle heimischen Ressourcen an Obst ge­nutzt werden sollten. Damit das funktionierte und sich auch lohnte, war festgelegt, dass in jeder angebotenen Menge Obst aufgekauft werden musste, und dafür gab´s auch noch richtig Geld, was das Pflücken lohnte. So kriegte der Staat et­was Obst in die Verkaufsstellen, aber der Bürger hatte einen Anspruch darauf, dass sein Obst immer aufgekauft werden musste, auch in Jahren mit „Obstschwemme“.

Wir haben also immer im Herbst unsere Äpfel und Birnen - vorsichtig ge­pflückt und wohlsortiert in Tafelobstqualität - in die Verkaufsstellen der HO („Handelsorganisation“) gebracht, und zehn Minuten später waren sie schon in der Auslage zu finden Dabei war der staatlich vorgegebene Auf­kaufpreis manchmal höher als der - ebenfalls festgelegte - Verkaufspreis, zu dem sie nun angeboten wurden.
Es gab aber auch die Pflicht zum Aufkauf von „Mostäpfeln“ minderer Qua­lität, die nur für die in­dustrielle Verarbeitung oder zur Saftherstellung ge­eignet waren. Mit Kisten und Säcken standen wir in der Schlange der Lie­ferer, die Äpfel wurden gewogen, in andere Kisten umgefüllt, und wir be­kamen dafür gutes Geld. In knappen Jahren wurde das Obst auch wirklich schnell abtranspor­tiert und verwertet, aber wenn zu viel gewachsen war, waren die Verarbeitungskapazitäten einfach überfordert, dann wurde trotzdem aufgekauft, aber anschließend standen manchmal die über­quel­lenden Kisten wochenlang in der Sonne und das Obst faulte, umschwärmt von Wespen, in den Kisten vor sich hin. Irgendwann wurde alles wegge­schmissen.

Viele besserten mit der Haltung von kleinen und großen Tieren ihr Einkommen auf: Hühner, Karnickel, Schweine, Mastochsen wurden zu Hause gefüttert und verkauft – an den „Staat“, denn der zahlte garantierte und relativ hohe Aufkaufpreise. Da lohnte es sich eben, die Hühnereier im „Konsum“ zunächst „abzuliefern“ und diese fünf Minuten später – es waren die gleichen Eier (!), nun aber für´s halbe Geld - für den eigenen Bedarf zurückzukaufen. Wer rechnen konnte, holte auch das Futter für sein Viehzeug zu staatlich subventionierten Tiefstpreisen in der Verkaufsstelle, einmal einen Kasten Trinkmilch und ein paar Brote für´s Schwein und ein andermal Haferflocken für die Gänschen oder Wintermöhren für die Schafe.

 

Ein Reis-Eintopf wird zur Legende: PLOW

Das befreundete Ehepaar A. hatte eine Zeitlang in Moskau studiert. Und neben manchen anderen spannenden Erfahrungen brachten sie ein Kochrezept mit, das sie von einem Kollegen aus Usbekistan übernommen hatten. Eines Tages wurden wir eingeladen: Es gäbe PLOW (gesprochen „Ploff“). Nie gehört, aber neugierig machten wir uns auf den Weg. In der ganzen Wohnung waberten würzige Dämpfe. Später türmte sich auf dem Tisch auf einem großen Holzbrett ein Berg aus Reis, aus dem Möhren und Fleischstückchen hervorragten, und dessen Gipfel mit Zwiebelringen belegt war. Alle versammelten sich erwartungsvoll in enger Runde um den Tisch. Teller, Essbesteck ? – Fehlanzeige. Wir lernten, dass in Moskau der Originalplow oft einfach auf einer „Prawda“ (Zeitung) als Unterlage ausgebreitet worden war, und dass dieses Gericht stilvoll eben nur mit den Fingern gegessen würde. Zunächst etwas zögerlich begannen wir, uns in den heißen Reisberg hineinzuarbeiten. Klebrig, deftig, würzig, köstlich! – das war unsere Erstbegegnung mit einem Gericht, das in den Folgejahren im Freundeskreis zur Legende wurde. Im Laufe der Zeit wurde das Originalrezept den Geschmackserwartungen von Mitteleuropäern sowie den Bedingungen und Möglichkeiten der DDR angepasst. Manche Gewürze mussten ersetzt werden. Von den zwei in der DDR angebotenen Reissorten erwies sich nur der „Brühreis“ als geeignet. Der musste allerdings zuerst aus der Tüte geschüttet und ausgelesen werden (kleine Steinchen und Ratten-Köttel waren immer zu finden). Und dieser Reis brauchte manchmal eine Stunde, um weich zu werden! Frische Möhren gabs auch nicht immer – also wurde mit Gemüse aus dem Glas experimentiert. Um für einen PLOW an der Ostsee die nötigen Zwiebeln zu bekommen, haben wir einmal sogar die Besucher eines Chorkonzertes (das wir gestalteten) um Naturalspenden gebeten – mit Erfolg. Und was für eine Fleischqualität man erwischte, war immer auch ein Glücksspiel – manchmal haben wir heftig an den Sehnen und Schwarten alter Kühe herumgesäbelt. Wenn man sich mit Freunden traf – zu Geburtstagen oder Kindstaufen – immer öfter dampften PLOW-Berge auf den Tischen. PLOW gabs sogar am Arbeitsplatz: In dem Institut, in dem ich damals arbeitete, war es eigentlich Tradition, dass zu Geburtstagen in der Abteilung eine Torte „ausgegeben“ wurde. Ich habe diese Regel durchbrochen, einmal in jedem Jahr die Küche okkupiert – und dann saßen eigentlich wohlerzogene Akademiker im Kreis, schnappten sich gegenseitig die besten Fleischbrocken vor der Nase weg und schleckten genüsslich die letzten Reiskörnchen von den Fingern. Auch unter erschwerten Bedingungen war PLOW ein Muss. Zu unseren Zelturlauben an der Ostsee schleppten wir immer den DDR-typischen, für die PLOW-Bereitung bestens geeigneten Fünf-Liter-Schnellkochtopf (SKT) aus Aluminium mit. Es war nicht ganz einfach, quasi im Freien rund um den Campingkocher eine Großküche zu improvisieren, aber jede Woche einmal wurden vier oder fünf Campingtische in einer langen Reihe zusammengestellt, sauber abgewischt, die PLOW-Hügel wurden direkt auf der Tischplatte errichtet - und dann luden wir die ganze Nachbarschaft mit Kind und Kegel ein, und 20 und mehr Menschen saßen beim fröhlichen Palaver stundenlang beisammen. Ich habe inzwischen bestimmt hundert Mal PLOW gekocht, und dabei alle Extreme probiert. Als ich einmal zum Geburtstags-PLOW eingeladen hatte, konnte mein Freund H. auf einer Dienstreise nur vormittags mal kurz vorbeikommen. Und da habe ich ihm zu Ehren eben extra einen „Ein-Mann-PLOW“ zubereitet. Und der größte PLOW, dessen Zubereitung ich zu verantworten hatte, wurde von mehr als hundert Menschen gegessen. Es war mein Abschiedsfest im Dresdner „Weinberg“. Da saßen ein Dutzend nette Helfer schon Stunden vor dem Mahl bei der Vorbereitung zusammen und „schnippelten“ Gemüse. Ich erinnere mich an vier Eimer, gefüllt mit geschnittenen frischen Zwiebeln, an mehrere Kinderbadewannen mit Bergen geschnittener Möhren. Gekocht wurde parallel in zwei Küchen. Unsere Freunde wohnten auf der anderen Straßenseite, so war Blickkontakt von Küchenfenster zu Küchenfenster möglich, die Telefonleitung glühte, und manchmal wurde ein Bote auf die andere Seite geschickt, um Salz zu holen oder ein paar Tüten Reis zu bringen. Sechs riesige Töpfe dampften, nahmen nach und nach die Zutaten auf – und später am Abend im Garten an kerzenbeschienenen Tischen wurden tatsächlich alle Gäste satt.
Der Mann, der an allem „schuld“ war, hieß Bachrom. Er war Astrophysiker, und er kam eines Tages zu Besuch nach Dresden. Und: Er würde PLOW für uns kochen, er, der Meister, und „richtigen“ PLOW! Ich ließ es mir nicht nehmen, live dabei zu sein. Abends gegen 8 Uhr sollte das Essen stattfinden, ich ging also schon am Nachmittag hin, um nichts zu verpassen. Bachrom saß – in Socken und im schwarzen Anzug – in der Küche der Familie A. und aß Marmeladenschnitten; das schmecke doch viel besser als jeder PLOW, meinte er. Im Topf schmorte (als kompaktes Stück) ein 2-Kilogramm-Rinderbraten vor sich hin. Das dauerte natürlich, aber Bachrom hatte alle Zeit dieser Welt. Die Gäste trudelten ein, gespannt, hungrig, es wurde 8, es wurde 9, in der Küche war keine Hektik. Es gab ja Marmeladenbrote. Endlich war der Braten durch, wurde zerschnitten, der Rest der PLOW-Zutaten kam in den Topf, und endlich gegen 10 wurden die Gäste an den Tisch gebeten, und sie stürzten sich – dem Verhungern nahe - auf den Reishügel, der schnell zusammenschrumpfte. Bachrom saß entspannt in der zweiten Reihe, angelte sich immer mal gelassen ein Reisbällchen – und er war etwas verstört, denn bei ihm zu Hause war PLOW-Essen nicht ernährungsorientierter Selbstzweck, sondern eine schöne Nebensache, um Gäste zu ehren, stundenlang in Gemeinschaft zusammenzusitzen, und in aller Ruhe und Gelassenheit mehr oder wenige wichtige Dinge zu bereden.

 

Rezept zur Bereitung eines köstlichen PLOW

a) Das braucht man:

(für 12 „plowerfahrene“, hungrige Esser;
die Mengen können reduziert und die Relationen abgewandelt werden,
Vorsicht aber vor zu viel Salz oder Pfeffer!)

b) So macht mans:

Das Fleisch wird in kleine Stücke geschnitten (2-3 Zentimeter große Würfel, wie Gulasch). In einem großen Topf (am Ende muss ALLES hineinpassen, also möglichst 5 Liter oder mehr) wird zunächst das Öl erhitzt. In das heiße Öl wird unter Rühren das Fleisch gegeben. Unter schwacher Hitze wird das Fleisch weiter erhitzt, bis sich die ersten Stücke bräunen (zwischendurch rühren, damit das Fleisch nicht am Boden festbrennt).

Inzwischen werden die Zwiebeln (grob) und der Knoblauch (fein) geschnitten und dann zu dem Fleisch gegeben, umgerührt und weiter gekocht, bis die Zwiebeln glasig geworden und praktisch verschwunden sind.

In der Zwischenzeit (oder schon vor Beginn des Kochens) werden die gewaschenen Möhren in 3 bis 4 Zentimeter lange Stücke zerteilt und anschließend kreuzweise geschnitten, sodass grobe Stifte entstehen (etwa 1x1x4 Zentimeter). Variante: Manche Köche raspeln die Möhren auch nur grob.

In den Topf mit dem vorgebratenen Fleisch- und Zwiebel-Gemisch werden nun zunächst die Möhren-Stäbchen gegeben. Ab jetzt darf nicht mehr umgerührt werden! Man füllt kochendes Wasser auf, bis es etwa 2 bis 4 Zentimeter über den Möhren steht. Man erhitzt vorsichtig, bis alles köchelt (Fleisch und Zwiebeln sollen möglichst nicht nach oben „durchkochen“). Dann gibt man den Saft einer Zitrone sowie Salz und Pfeffer zu (vorsichtig, die oben angegebene Richtmengen beachten, wenn sich das ganze vermischt hat, sollte man die Brühe kosten und evtl. nachwürzen).

Die Brühe sollte jetzt etwa 2 bis 3 Zentimeter hoch über den Möhren stehen. In die köchelnde Brühe gibt man nun den gesamten Reis - schön locker einstreuen, denn er soll nun in der Brühe ziehen und ihren Geschmack aufnehmen. Der Reis muss vollständig (1 bis 2 Zentimeter hoch) von der Brühe bedeckt sein.
Deckel drauf, auf schwacher Flamme am Kochen halten. Man sollte die Reisschicht während des Kochens immer einmal durchstechen und lockern, und wenn der Reis das Wasser aufgenommen hat, sollte man immer einmal etwas kochendes Wasser zugeben, damit er von Feuchtigkeit bedeckt bleibt. Man kann auch gegen Ende des Kochvorgangs immer einmal mit dem Stiel eines Holzlöffels bis zum Topfboden durchstechen, dann brodelt die Brühe von unten hoch. Und auch am Topfrand kann man immer mal mit einem Eierkuchenwender oder anderen flachen Küchengegenstand (Schaumkelle) den Reis von der Topfwand trennen und nach innen drücken (damit auch der außen an der kühleren Topfwand liegende Reis mal auf hundert Grad kommt). Der PLOW muss immer feucht bleiben. Durch Kosten – Proben am Topfrand entnehmen, da dauerts am längsten mit dem Garwerden – wird festgestellt, wann der Reis „durch“ ist. Der Reis kocht immer deutlich länger, als auf der Verpackung steht!
Es ist durchaus sinnvoll, dann zwar die Heizung abzustellen, aber die Reisschicht des PLOW noch einmal „durchzugraben“ und ihn dann weitere 10 Minuten lang mit geschlossenem Deckel ziehen zu lassen.

c) So wirds serviert und verzehrt:

Der PLOW wird im Original mit den Fingern gegessen – das klingt gewöhnungsbedürftig, ist aber sehr kommunikativ. Das bedeutet aber, dass mehrere Personen eine gemeinsame „Quelle“ nutzen. Bei 12 Leuten werden das zwei oder auch drei Ess-Plätze am gemeinsamen Tisch sein. Man benötigt – wenn man den PLOW nicht direkt auf der gesäuberten Tischplatte servieren will – 2 oder 3 größere Kuchenteller oder Kuchenbretter oder Holzplatten (z.B. Schneidebretter).
Auf jeder Unterlage wird jetzt ein PLOW „gebaut“, der am Schluss ähnlich aussieht wie ein großer Napfkuchen. Zunächst entnimmt man dem Topf den Reis und baut daraus die unterste Schicht auf die Teller. Dann werden die Möhren darüber geschichtet und ganz zum Schluss wird die oberste Schicht aus Fleisch und Zwiebeln gebaut. Mit dem Eierkuchenwender oder einem anderen flachen Gegenstand werden nun dir Ränder angedrückt und das Ganze zu einer Halbkugel-förmigen Torte geformt.
Man schneidet noch 2 bis 3 frische zarte Zwiebeln in Scheiben und streut die Ringe oben auf den PLOW. Über das Ganze (alle Einzel-PLOWs) wird noch der Saft einer Zitrone geträufelt.
Man sollte die Gäste den PLOW erst sehen lassen, und zu Tisch bitten, wenn alles fertig gestaltet ist.
Als Getränk wird im Original grüner Tee gereicht, aber in Mitteleuropa ist alles andere auch erlaubt.

Die Finger sind das Ess-Besteck! Servietten können also hilfreich sein.

Der PLOW wird von unten her gegessen. Man beginnt also am Reis zu kratzen, formt kleine Bällchen und führt sie zum Mund. Das Fleisch ist –eigentlich und zunächst – tabu. Es fällt später herunter und darf dann gegessen werden. Es ist zulässig, dass der Hausherr mit seiner sauberen Hand zwischendurch oben auf den PLOW drückt und ihn flach macht.

Eigentlich bleiben keine Reste übrig. In Usbekistan geht der Hausherr freundlich herum, formt Reisbällchen und stopft sie den Gästen persönlich in den Mund. Wir haben aus den Resten manchmal am nächsten Tag eine köstliche PLOW-Suppe gerührt.

Guten Appetit!

 

Von Ferngläsern und Schreibmaschinen

Es gab in der DDR vieles nicht, aber eigentlich gab es doch fast alles. Die Dinge waren nur nicht zur rechten Zeit am rechten Ort, wo der Kunde sie gerne gekauft hätte. Man musste entweder die richtigen Leute kennen - „Beziehungen“! - oder man musste den richtigen Riecher dafür haben, wann es wo etwas gab.
Ferngläser gab es in Dresden schlecht, obwohl Carl Zeiss in Jena doch gute Gläser herstellte. Aber ich musste nur einem Kollegen, der zur Dienstreise nach Berlin aufbrach, meine Bitte sagen, dann machte er – neben dem dienstlichen Besuch im Ministerium – einen Abstecher in einen bestimmten Laden, und am nächsten Tag war ich stolzer Besitzer eines Feldstechers.

Ein andermal suchte ich eine Schreibmaschine, aber es gab eben keine. Nach längeren Recher­chen hatten mir Eingeweihte verraten, wie das ging: Man musste einfach - ohne Voranmeldung und ohne Beziehungen zu ha­ben - montags früh um 8.30 Uhr möglichst als erster Kunde vor einem be­stimmten Fachgeschäft in der Räcknitzstraße stehen. Und tatsächlich, das klappte: Es gab immer vier bis fünf Schreibmaschinen. Nun hatte ich auch mal was zu bieten! In den nächsten Monaten habe ich die ganze Ver­wandtschaft mit solchen Geräten versorgt.
In der ständigen Suche nach irgendwas aber merkte man manchmal zu spät, dass man nach stundenlangem Stehen in einer Schlange etwas er­worben hatte, was man so dringend eigentlich gar nicht brauchte ...

 

Jungwähler

Peter ging in unserer Familie ein und aus, trank literweise Tee, diskutierte nächtelang über Gott und die Welt und die DDR. Nun stand ihm etwas Wichtiges bevor. Er durfte das erste Mal zur Wahl gehen (es war so etwa 1980). Wir hatten vor­her über das Pro und Contra geredet, er war entschlossen, hinzugehen. Er war früh als erster im Wahllokal erschienen, bekam – wie jeder „Erst­wähler“ – einen Blumen­strauß. Er hätte nun, den DDR-Spielregeln für eine Wahl folgend, folgendes tun müssen: den Wahlzettel in Empfang nehmen und dann auf direktem Weg zur Wahlurne gehen und den unveränderten Schein einwerfen. Das hieß „offene Stimmabgabe für die Kandidaten der Nationalen Front“, wäre politisch erwünscht und staatbürgerlich korrekt gewesen.
Peter aber ließ sich, geduldig und eben als demokratie-unerfahrener Neu­ling, zeigen, wo die Wahlkabine stand, was entsetzte Blicke der Wahlhel­fer hervorrief. Aber es gab wirklich eine Kabine – weit hinten in der Ecke. Er schritt tapfer dorthin, machte irgendwas und steckte dann seinen Wahl­schein in die Urne.
Abends nahm er mich mit zur öffentlichen Auszählung der Stimmen. Peter guckte sich das interessiert an, aber als alles fertig war und das Protokoll verlesen wurde, sagte er knapp: „Falsch, mein Zettel war jetzt nicht dabei, ich habe nämlich mit NEIN gestimmt.“ Es gab eine erneute Auszäh­lung, bei der nun nicht nur sein Stimmzettel „gefunden“ wurde, zusätzlich ka­men noch einige weitere NEIN-Stimmen zutage, die in der ersten Runde im vorauseilenden Staatsgehorsam „übersehen“ worden waren.

 

Umwelt-Spionage

Die DDR hatte seit 1970 ihr „Landeskulturgesetz“, hier gab es einen der ersten Umweltminister in Europa, Um­weltschutz war schon früh in die Verfassung geschrieben worden – aber in Wirk­lichkeit war die DDR an vielen Stellen wie ein Saustall. Ich war seit 1982 auch Umweltbe­auftragter bei der Kir­che in Sachsen. In dieser Tätigkeit be­gegnete ich zwangsläu­fig vielen Dingen, über die offiziell geschwiegen wurde: Da litten Hunderte von Kindern in Dohna an Umweltschäden, die durch eine örtliche Chemie­fabrik verursacht waren. Da berichteten mir staatliche Be­dienstete – die ich  heimlich in ihrer Wohnung traf - über die tat­sächlichen Ursachen und das Aus­maß des Wald­sterbens im Erzgebirge, da druckte eine Apo­theker(!)-Zeitschrift aus Versehen konkrete Daten zu Schwermetallbelas­tungen in Nahrungsmitteln im Raum Freiberg.

Um solche Sachen küm­merte ich mich: Fakten sammeln, Verlässlichkeit der In­formationen prüfen, Infor­mationen in die Öffentlichkeit bringen. Die „Organe“ diffamierten das zwar als „staats­feindlich“, aber angesichts der genau re­cherchierten und be­legbaren Fakten waren sie hilflos. Irgendwie war das ja auch peinlich, wenn öffentlich vorgerechnet werden konnte, dass sogar Daten im Statis­tischen Jahrbuch der DDR ge­fälscht waren. Z.B. waren bei der Schwefel­dioxidbelastung der Luft trotz stark gesteigerter Braun­kohleverbrennung eine Million Tonnen des schädlichen Gases einfach aus der Bilanz „ver­schwunden“.

 

Erholungsgebiet mit „Industrieklima II“

In dem Institut, in dem ich arbeitete, befassten wir uns mit Korrosions­schutz. Im engeren Sinne ging es dabei darum, das Rosten von Eisen­werkstoffen zu verhindern. Aber auch alle möglichen anderen Metalle galt es zu schützen. In einem Sondereinsatz entwickelten Kollegen von mir sogar mal ein Verfahren, mit dem ein berühmter Sandsteinfelsen in der Sächsischen Schweiz, die „Bar­barine“, vor dem Zerbröseln gerettet wurde; durch Imprägnieren mit irgendwelchen Silikonwerk­stoffen wurde der Fels zusammengeklebt. Korrosion hat viel mit Luftschadstoffen zu tun. Und da­von gab es in der DDR mancherlei. Vor allem die hohen Schwefeldioxid-Konzentrationen, verur­sacht durch die allgegenwärtige Verbrennung der schwefelhaltigen Braunkohle, machten Eisen- und Stahlkonstruktionen schwer zu schaffen. Wir versuchten, Anstrichstoffe zu finden, die das Ei­sen wenigstens ein paar Jahre schützten. Aber an manchen Industrie­standorten war die Luft der­art aggressiv, dass unsere besten und dick aufgetragenen Lackschichten schon nach einem hal­ben Jahr die ersten Rostflecke zeigten. Im Erzgebirge war die Stahlkonstruktion von Gitter­masten für Fernsehumsetzer, die eigentlich 50 oder 80 Jahre halten soll­ten, schon nach 8 Jahren „hin“. Ehe ich das Wort Waldsterben gehört hatte, wusste ich, dass in unseren Belastungskarten man­che Erholungs­orte des Erzgebirges unter „Industrieklima II“ eingeordnet waren.

Wir testeten Anstrichstoffe unter den konkreten Belastungssituationen an verschiedenen Industrie­standorten. Dienstreisen dorthin verschafften mir einen Einblick, was sich hinter „Leuna I“ oder „Leuna II“, verbarg, was „Buna“ in Schkopau bedeutete oder wie Industriegiganten wie „Bitterfeld“, „Wolfen“, „Piesteritz“, „Coswig“, „Schwarze Pumpe“ usw. aussahen. Der „Blick von hinten“ in die DDR-Kombinate war sehr lehrreich. Diese Vorzeigebetriebe waren groß­zügig, manchmal auch großkotzig errichtet worden, aber im Laufe der Jahre war der Glanz verblichen. In Leuna forderte mich z.B. ein Begleiter auf, den sowieso vorgeschriebenen Schutz-Helm doch wirklich aufzuset­zen, man wisse nie, was da von oben aus den Rohrbrücken herunter­tropfe; „wenn hinten aus einer Leitung nichts mehr raus­kommt, legen wir lieber gleich eine neue Leitung“. In Bitterfeld stiegen wir auf ein Dach hoch, auf dem unsere Testplatten gelagert waren. Schon im Treppenhaus hatte ich mich gewundert, warum da überall Glasvitrinen standen, in de­nen Gasmasken für unterschiedliche giftige Gase gelagert waren. Oben auf dem Dach hatte ich das Pech, in die dicke Abgasfahne aus einer be­nachbarten Produktionsanlage zu geraten, hochkonzentrierter Ammoniak setzte mich schlagartig außer Ge­fecht; zum Glück gelang es meinen Be­gleitern, mich schnell wieder wach zu klopfen.

 

Die Zähne der Kinder von Dohna

Seit 1982 war ich als Naturwissenschaftler bei der Kirche angestellt. Ich war für „Glaube und Na­turwissenschaft“ zuständig, sollte mich also um Fragen kümmern, wo Entwicklungen in Naturwis­senschaft und Technik, bei Weltbildern oder im medizinischen Bereich Herausforderungen für den christlichen Glauben darstellten. In der konkreten DDR-Situation mit ihren gravierenden Umwelt­problemen und dem staatlich verordneten Schwei­gen dazu war eine meiner Aufgaben, mich zu konkreten Fragen sachkun­dig zu machen, darüber zu informieren und Betroffenen Hilfe anzubie­ten.

Mein erster Fall hieß „Dohna“. Dohna ist ein Städtchen in der Nähe von Dresden. Ein Freund von mir war dort Zahnarzt und erzählte mir von be­drückenden Beobachtungen. Praktisch alle Kinder und Jugendlichen aus dem Ort, die er behandelte, hatten typische Zahnschäden. Die zweiten, bleibenden Zähne, die nach dem Milchgebiss durchbrachen, waren oft gelblich bis schwarz ver­färbt, waren spröde, schnell brachen also Teile ab. Ein Blick in viele Münder zeigte ein Ruinen­feld. Grund für diese Schäden war der Ausstoß von Schadstoffen aus einem im Ort ansässigen Betrieb, dem „Fluorwerk“. Das Werk arbeitete mit Flusssäure und ihren Salzen. Schon im Routine­betrieb wurden schädliche Gase freigesetzt, manchmal gab es aber auch Havarien, und dann wehten giftige Nebel durch den ganzen Ort. Das Trinkwasser war belastet, die Früchte, die in den Gärten geerntet wurden, enthielten hohe Fluorkonzentrationen. Nun wird ja manchmal Fluor Zahnpasten zugesetzt oder in Tablettenform empfohlen, um die Mineralisation der Zahnsubstanz zu verbessern. Aber in Dohna erhielten alle Einwohner zwangsweise und tagein tagaus eine ex­treme Überdosis. Dadurch wurden die Zähne zu hart und spröde.
Das Problem war bekannt - und ein Fall für die Wissenschaft. Die betrof­fenen Bewohner blieben im Unklaren. Ich erfuhr durch eine Indiskretion davon, dass drei Zahnärztinnen an dem Problem geforscht hatten und nun ihre gemeinsame Doktorarbeit verteidigen würden. Verteidigungen wa­ren eine öffentliche Angelegenheit, mein Freund lieh mir einen weißen Arzt-Kittel - woraufhin ich prompt mit „Herr Kollege“ angesprochen wurde -, und dann saß ich im Hörsaal und hörte das, was ich nie hätte hören dürfen – die Fakten zum Schicksal der Kinder von Dohna.
Inzwischen hatte ich auch selbst recherchiert und in medizinischen Fach­zeitschriften der DDR einiges zu dem Fall gefunden. Einen der Autoren, Mediziner in Dohna, suchte ich auf, um von ihm noch einiges über die Hintergründe zu erfahren. Denkste. Vielleicht hatte er ja einfach Angst, weil er mich gar nicht kannte und weil er wusste, in welch gefährlichem Terrain wir uns bewegten. Beunruhigt hat mich aber doch - ganz grund­sätzlich - seine Reaktion. Ich erzählte ihm, was ich aus den Facharti­keln an Informationen entnommen hatte, worauf er trocken meinte: „Da habe ich etwas falsch ge­macht. Das, was ich da aufgeschrieben habe, war nur für Fachkollegen gedacht. Sie hätten das nicht verstehen dürfen.“

 

Ein potenzieller Brandstifter

Das Institut, an dem ich arbeitete, lag am Stadtrand. Genauer war es eine ehemalige Wohnbara­cke, in der wir nun forschten. Wir hatten moderne Chemie-Labors, eine hochkarätige Spezial-Bib­liothek, mehrere Werkstät­ten, ein Fotolabor, und es gab nette Kollegen. Eine meiner Spezialauf­ga­ben im „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ war es, zu Geburtstagfeiern mit dem Auto zur Arbeit zu kommen, unterwegs beim Bäcker in Weißig anzuhalten und eine Quarksahnetorte zu kaufen. Die musste ich dann - je nach gerade vorhandener Zahl feierwütiger Kollegen – ganz gerecht in exakt gleichgroße Stü­cke zu zerteilen, was bei 7 oder 11 gar nicht so ein­fach ist. In der Weihnachtszeit schleppte ich auch schon mal meinen Plattenspieler mit auf Arbeit und wir stellten uns gegenseitig unsere Lieb­lingsplatten vor. Solche Sorgen also hatten wir manchmal.

Eines Morgens fuhr ich mit dem Bus zur Arbeit, aber schon beim Näher­kommen war klar: Irgend­etwas stimmte nicht. Auf den zweiten Blick Er­schrecken: Dort, wo gestern noch mein Arbeitsplatz gewesen war, stan­den rauchende Trümmer. Ein Teil unserer Baracke war völlig abgebrannt, auch mein Zimmer existierte nicht mehr. Feuerwehrleute räumten ihr Ge­rät ab. Einige Kollegen standen versteinert in Gruppen zusammen, andere stürzten hektisch herum. Da kam ein Abteilungsleiter auf uns zu und sprach mich gezielt an – man wolle mich als ersten befragen. In einem provisorisch eingerichteten Untersuchungsraum saßen einige mir völlig fremde Menschen - ich rate mal: Feu­erwehrfachleute und Stasi -, und nun wurde ich hochnotpeinlich ausgeforscht, was ich gestern als letztes getan, wie ich meinen Arbeitsplatz verlassen, was ich in der letzten Nacht getrie­ben habe usw. Es war schon ziemlich beklemmend und unheimlich. Und es sah nicht gut aus: Die Experten hatten z.B. durch Untersuchung der zusammengeschmolzenen Reste aus meinem Labor herausgefunden, dass ich den Hahn an der Propangasflasche nicht zugedreht hatte; aus Faulheit sperrte ich immer nur die Gasleitung am Bunsenbrenner ab. Aber ich durfte erst einmal gehen, andere Kollegen wurden befragt. Zum Glück war einige Stunden später klar, dass es „nur“ eine normale Brandstiftung war - ein institutsfremder Mensch hatte aus Liebeskummer gezündelt - und dass kein politischer oder staatsfeindlicher Hintergrund bestand. Ge­rade dieser Verdacht aber, erfuhr ich später, hatte mir die „Ehre“ einge­bracht, als Hauptverdächtigter in Frage zu kommen. Ich lag politisch etwas quer zur DDR, und das machte mich eben auch zu einem potenziellen Brandstifter.

 

Erziehung - antiautoritär

Wir hatten Kinder. All unsere Freunde hatten Kinder. Wir hatten nach ge­machten schlechten Erfahrungen das Gefühl, dass wir in der DDR-Gesell­schaft ziemlich AUTORITÄR behandelt wurden. Darauf reagierten wir - es war die 68er Zeit, auch im Osten! - allergisch und waren alle etwas ANTI.

Und da machten wir uns Gedanken, über Erziehung im Allgemeinen, über neue Lebensentwürfe: Wer war bereit, irgendwo auf dem Lande eine Kommune mit zu gründen?

Mit Heißhunger verschlangen wir die Bücher des britischen Reformpäda­gogen Alexander S. Neill über sein Projekt „Summerhill“, über seine Erfah­rungen mit „antiautoritärer Erziehung“, seine theo­retischen Ansätze dazu. Neill hatte wichtige Anregungen für sein Erziehungskonzept in Hellerau erhalten, einem Stadtteil von Dresden, nur wenige Kilometer von uns ent­fernt. SO ungefähr konnte es aussehen! Mehr Loslassen, mehr Freiheit, mehr Offenheit – danach war uns doch auch zumute. Nicht immer vor­schreiben, selber suchen lassen, auch um den Preis von Irrwegen. Be­gleiter sein, nicht Spitze einer Marschkolonne.
Die Berichte in den Büchern machten beschwingt und mutig. Die Praxis zu Hause in unseren Wohnzimmern war etwas beschwerlicher. Die Kinder mussten nun nicht mehr zu einer festen Zeit ins Bett, sie durften auch mal auf dem Wohnzimmerteppich einschlafen, es war kein Problem, wenn sie Zucker aufs Schnitzel wollten. Was aber tun, wenn sie nach eins in der Nacht immer noch im Zimmer herumtobten, wenn sie den selbstge­wünschten Essensmix nun gar nicht mochten ...?

So richtig ein Programm mit festeren Vorstellungen ist die Idee von der antiautoritären Erziehung für mich nie gewesen, eher ein flockiger, verlo­ckender Traum, der einen die gewohnten Verkrus­tungen hinterfragen ließ.

In der alltäglichen Erziehungspraxis ging´s bei uns bald wieder ziemlich „normal“ zu.

 

Déjà-vu

Ich ging mit Kollegen aus dem Institut zum Mittagessen. Sie redeten über das Fußballspiel, das am Nachmittag in Dresden stattfinden würde. Ich fragte: „War das nicht gestern? Ich habe doch darüber was in der Zeitung gelesen.“ Mein Irrtum ward aufgeklärt, das Spiel würde tatsächlich erst heute Nachmittag stattfinden. Ich erzählte, dass ich im Traum Zeitung ge­lesen habe. Ich konnte mich noch genau erinnern, dass ich die Zeitung erst herumdrehen musste, um den Spielbericht zu lesen. Ich wusste na­türlich auch das Ergebnis noch: 2:1.
Am Nachmittag fand das „echte“ Spiel statt. Es endete 2:1.

 

Behütet

Schräg gegenüber von unserem Wohnhaus im Dorf stand das kommunale Ge­meindeamt. Ich dachte eigentlich, dass wir zu einem ganz konstruktiven Verhältnis zwischen Kirche und Staat hier im Kleinen gefunden hätten. Beim Lesen meiner Stasiakte Jahre später wurde ich aber eines Besseren belehrt. Auf Vorschlag der misstrauischen Bürgermeisterin wurde im Ge­meindeamt jahrelang die ganze Wohnung im ersten Stock freigehalten. Von dort hatte man freie Sicht auf unser Grundstück, um „feindliche“ Be­wegungen zu beobachten. Eine später tatsächlich dokumentierte Beob­achtung sah z.B. so aus, dass unsere Jungs gerade „Pirat“ spielten und auf unserem Küchenbalkon eine selbstgefertigte Totenkopfflagge gehisst wurde – da wurde nun lang und breit sinniert, welchem Feind der Republik damit welche Botschaft signalisiert werden sollte ...
Jeder, der fortan mit dem Auto in unser Grundstück einfuhr, hatte die Chance, aktenkundig zu werden.

Nach der Wende entdeckten wir in einem kleinen Nebenraum im Gemein­deamt ein Bündel dünner Drähte, das aus der Wand kam; hier bestand die Möglichkeit, in kritischen Zeiten die Telefone im Ort gezielt anzuzapfen.

 

Familie Schubert

Unser Freund B. hatte – mit einem Plakat auf dem Rücken – gegen die Verhaftung von Rudolf Bahro protestiert, und nun saß er in Untersuchungshaft. Verschiedene Leute aus seinem Umfeld bekamen in den nächsten Tagen Besuch. Herren erschienen an der Wohnungstür und wollten Gespräche führen. Für einen solchen Fall hatten wir unter uns immer den Tipp weitergegeben, penetrant nach dem Namen zu fragen. B.s Freund in Leipzig fragte also seinen Besucher, der ordentlich mitteilte, er hieße Schubert. Bei einer Befragung in Dresden in gleicher Sache stellte sich heraus, dass auch hier der Mann vom „Organ“ Schubert hieß. Als dann an noch anderer Stelle wieder der gleiche Name genannt wurde, roch das doch sehr nach geschulter Identität.

 

Von Rom nach Wittenberg

Anfang der 70er Jahre bekam ich ein dünnes Büchlein in die Hand, das mein Weltbild und meinen weiteren Lebensweg nachdrücklich verändert hat. Der „Club of Rome“ beschäftigte sich schon länger mit Krisensignalen in der Welt wie Bevölkerungswachstum, Rohstoffverbrauch und Umwelt­belas­tung, und er hatte einen Bericht dazu erstellen lassen, der die „Gren­zen des Wachstums“ ansagte. Das war in einer Welt, die in Ost und West auf „schneller-höher-weiter“ orientiert war, in der Fort­schritt gleichgesetzt wurde mit Expansion und Wachstum, unzeitgemäß und ein Schock. Mein Fortschrittsoptimismus jedenfalls kriegte einen deutlichen Knacks und wich der Nachdenklichkeit. Ich habe sofort das ganze Buch mit Hilfe unse­res freundlichen Institutsfotografen als Fotokopie vervielfältigt und in Um­lauf gebracht. Ich habe Dias von Grafiken angefertigt und begonnen, im kleinen Kreis meiner Freunde Vorträge zu halten. Ich habe mich mit dem Autor des Buches in den USA in Verbindung gesetzt, und er schickte mir sein einziges deutschsprachiges Belegexemplar – aber auch den ausführ­lichen wissenschaftlichen Bericht. Dass ich den besaß und bereit war, ihn zur Auswertung zur Verfügung zu stellen, habe ich damals der Strategie­abteilung beim ZK der SED mitgeteilt, die sich zwar mit einem freundlichen Brief bedankte, aber das Buch (offiziell) nicht lesen wollte – oder nicht lesen durfte.

Bei der Beschäftigung mit dem Thema UMWELT begegneten mir in Dres­den Gleichgesinnte, was in den nächsten Jahren zu einer intensiven Zu­sammenarbeit führte. Ende der 1970er Jahre ging ich mit einem Freund gemeinsam in die breitere Öffentlichkeit. Ein meditativer Diavortrag in der zent­ralen Kreuzkirche mit anschließender Diskussion war der Startschuss für eine organisierte Be­schäftigung mit Umweltfragen im Raum der Kirche. Der „Ökologische Arbeitskreis“ wurde gegrün­det, und in Arbeitsgruppen wurde fortan ein schnell breiter werdendes Themenspektrum naturwis­senschaftlich-fachlich, gesellschaftspolitisch, pädagogisch und theologisch bearbeitet.

Zur gleichen Zeit hörte ich auch zum ersten Mal vom „Kirchlichen For­schungsheim“ in der Luther­stadt Wittenberg, einer kleinen, aber schlag­kräftigen Einrichtung, die in den folgenden Jahren ein dicker Knoten im Netz der kritischen kirchlichen Umweltarbeit in der DDR wurde. Ich kam zu spät nach Wittenberg, denn die gerade noch unbesetzte Stelle eines na­turwissenschaftlichen Mitarbei­ters in dem Institut, mit der ich geliebäugelt hatte, war nicht mehr zu haben ... Ich lernte aber neue interessante Leute kennen. Ein Dutzend kritische Wissenschaftler aus allen Teilen der DDR ar­beiteten im „Erde-Kreis“ zusammen. Er hieß so, weil hier eine Broschüre entstand, die mit dem doppelbödigen Titel „Die Erde ist zu retten“ sowohl eine fundierte Analyse des Zustands der Um­welt in der DDR versuchte als auch Handlungsempfehlungen - für die Gesellschaft, für die Kirche, für den Einzelnen - vermittelte. Das Heft erschien in mehreren, immer wieder aktualisierten Auflagen und fand Verbreitung weit über den kirchli­chen Bereich hinaus. Ver­vielfältigt wurden die Hefte im kirchlichen Halb-Unter­grund. Der Aufdruck „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ war für den Staat immer ein Signal zur Zurückhaltung, weil er sich nicht offen mit der Kirche anlegen wollte, der hier auch gewisse Freiräume zugestanden wurden. Das Forschungsheim gab in mehrmonatigen Abständen eine Zeitschrift mit einer Auflagenhöhe von 2000 Stück heraus, in der auch aktuelle Probleme dargestellt und diskutiert werden konnten, die „Briefe zum Konflikt Mensch – Erde“. Es erschienen weitere Broschü­ren, z.B. zum Thema Waldsterben („Wie man in den Wald rußt ...“), zu „Anders Gärtnern macht Spaß“. Ich begann, mich auch als Autor zu versuchen, schrieb ein Mutmach-Heft „Fang an – Tipps für umweltgerechtes Verhalten im Alltag“ und nach dem Unfall in Tschernobyl ein Papier mit grundlegenden Infor­mationen zur Nutzung der Kernenergie und das Pro und Contra dazu („... nicht das letzte Wort – Kernenergie in der Diskussion“). Der Staat fand unsere publizistische Tätigkeit gar nicht gut, intervenierte auch immer wie­der bei der kirchlichen Obrigkeit, aber von dort her stärkte man uns immer wieder den Rücken und verteidigte unseren Einsatz als Aufgabe der Kir­che in der Gesellschaft, und so waren wir unbequem, wurden aber gedul­det. In der Dresdner Öko­gruppe hatten wir diskutiert, ob das Thema Um­welt nicht zu wichtig sei, um es nur so nach Feier­abend nebenbei zu be­arbeiten. Wir hatten erwogen, dass ein Freundeskreis von Spendern in ei­nem gesicherten Arbeitsverhältnis durch verbindliche monatliche Zahlun­gen eine Stelle finanzieren könnte. Wir schrieben auch Appelle an kirch­liche Dienststellen, für diesen Themenbereich haupt­amtliche Stellen zu schaffen. Dann stellte sich heraus, dass bei der Sächsischen Evangeli­schen Kirche gerade eine Stelle frei geworden war, deren Inhaber sich damit beschäftigt hatte, wie christlicher Glaube aussehen und gelebt wer­den kann in einer Welt, die von Naturwissenschaft und Technik nachhaltig geprägt ist, welche weltanschaulichen und ethischen Fragen sich daraus ergeben. Die Stelle war da und sollte auch wieder besetzt werden, unser Antrag auf Einrichtung einer hauptamtlichen Stelle mit Schwerpunkt Um­welt lag auf dem Tisch, ich führte einige Gesprä­che im Landeskirchenamt – und dann wurde ich gefragt, ob ich das nicht machen wolle. Ich ent­schied mich für den Berufswechsel, und fortan war ich auch Umwelt­beauftragter meiner Kirche. Das eröffnete mir gute neue Arbeitsmöglich­keiten, und die weiter bestehenden Kontakte zu den Netzen in Wittenberg und anderswo erwiesen sich in den Folgejahren als sehr hilfreich.

 

Druck mit dem Drucken

Bedrucktes Papier hatte in der DDR einen ganz anderen Stellenwert als in der Postwurfgesell­schaft des Westens. Unsere Materialien zu Umwelt­themen erschienen nur in begrenzter Aufla­genhöhe, ein paar hundert bis wenige tausend Exemplare je Heft, aber die wurden uns aus der Hand gerissen, durchgelesen, zu Hause als Rarität archiviert oder zerfledert an Dritt- und Viert­leser ausgeliehen. Dabei war die Qualität manchmal grot­tenschlecht. Eine Variante der Ver­vielfältigung hieß ORMIG. Der Text wurde - möglichst im ersten Anlauf fehlerfrei, man hatte nur ei­nen Ver­such! - auf eine besondere Matrize geschrieben. Von einem zweiten, un­tergelegten Blatt übertrug sich dabei blaue Farbe auf die Buchstaben, die angeschlagen wurden. Die Matrize wurde dann in einem Gerät auf eine Rolle gespannt, die sich mit einer Hand­kurbel drehen ließ. In einem Vorratsgefäß befand sich Alkohol, der einen Filz nässte, der sei­nerseits Papierblätter befeuchtete, die auf einer zweiten Walze gegenläufig an die Druck-Vorlage gepresst wurden. Dabei übertrug sich immer ein wenig von dem blauen Farbstoff auf das Papier. Von Umlauf zu Umlauf und von Blatt zu Blatt verblassten die Kopien. Wenn man Pech hatte, waren nur 20 Exemplare lesbar, bei frischen „West“-Vor­lagen gingen auch mal 120 durch.

Für größere Auflagen eignete sich ein Verfahren, bei dem auch Matrizen beschrieben wurden, al­lerdings wurden hier die Buchstaben durch den Schreibmaschinenanschlag fein herausgestanzt, und durch die entstan­denen Öffnungen wurde dann Druckfarbe gepresst, die zähflüssig auf ei­ner Walze verteilt war.
Jedes Mal, wenn wir etwas drucken wollten, hatten wir auch mit anderen DDR-spezifischen Pro­blemen zu kämpfen. Woher sollten wir das Papier kriegen? Wir brauchten für eine Auflage einer Broschüre z.B. 80 500-Blatt-Pakete A-4-Papier. Der Drucker wünschte sich zwar eine bestimmte Pa­pierqualität, aber er kriegte immer eine Mischung quer durch das DDR-Angebot. Konkret fuhr ich, wenn es wieder einmal so weit war, mit dem Trabbi auf Dienstreise, Anhänger hintendran. Ich informierte mich im Te­lefonbuch von Dresden oder Karl-Marx-Stadt oder wo ich gerade war, über die Anschriften von Geschäften mit Bürobedarf. Die klapperte ich dann systematisch ab. Rein in den Laden, Frage nach Papier: Gab´s über­haupt welches?. Spätestens bei der nächsten Frage, wie viele Pakete ich denn nun bekommen könne, guckten manche Verkäufer schon misstrau­isch. Also lieber etwas weniger, um keinen Verdacht zu erregen, und wei­ter zum nächsten Laden. Der Hänger füllte sich, da lagen nun 13 Pakete mit handgeschöpft Bütten, 18 hatten weiße holzfreie Qualität, 25 Päck­chen enthielten eine gelblich-graue raue Papiersorte, bei der kleine Holz­spän­chen zu erkennen waren usw. Entsprechend „bunt“ sahen später auch die gedruckten Hefte aus.

Wenn wir die fertigen Drucke endlich abholen durften, bekamen wir sie als lose Blätter in die Hand, als Bündel von je einer Seite. Dann wurden ein paar Freunde zusammengetrommelt, der erste ging mit Seite 1 im Kreis um einen großen Tisch herum und legte die Blätter nebeneinander, da­hinter lief der nächste und legte jeweils Seite 2 drauf, dann kam Seite 3 usw. usw.

 

Trabbi II: Schaf mit Stehplatz

Der Trabbi war ein Allroundgerät. Man konnte mit ihm einfach „Auto“ fah­ren. Aber da ging noch mehr! Bei den jährlichen Urlaubsfahrten war er uns ein zuverlässiger Lastesel. Es musste ja der gesamte Haushalt für die Familie für drei Wochen Camping transportiert werden, einschließlich Kinderbett und Küchenzelt und Lieblingsbär. Also wurde ein Anhänger geliehen und bela­den, bis die Räder schief standen. Dann kam ein Dachgitter auf den Trabbi, das die Zeltsäcke aufnahm, umhüllt von einer haltbaren, aber hässlichen Plaste-Plane. Innen war das Auto auch gut gefüllt, es musste nur etwas Platz bleiben für die zwei Kinder, die bei der nächtlichen Fahrt in der Hutablage ruhten.

Noch Schlimmeres hatte der Trabbi zu bewältigen, wenn es eine reichli­che Apfelernte gegeben hatte. Dann wurde das Fallobst zur Mosterei ge­bracht, und damit sich´s lohnte, das Auto bis unters Dach vollgestopft und der Rest im Hänger verzurrt. Als Rekord erinnere ich mich an 28 Säcke zu je 30 bis 50 Kilogramm auf einer Fahrt.

Ein bisschen gewöhnungsbedürftig waren für die Mitdörfler hinter dem Gartenzaun unsere jährli­chen Fahrten mit dem Schaf. Bei uns standen immer ein paar Schafe im Garten, die die Wiese kurz hielten. Einige wur­den im Herbst verkauft, weil wir nur einen Mini-Stall hatten. Aber ein weibli­ches Tier blieb immer da, und seine Aufgabe war es, uns die Läm­mer fürs nächste Jahr ins Haus zu bringen. Das passiert aber auch bei Schafen nicht von allein, da musste man „zum Bock“ fah­ren. Der stand bei einem Bauern im Nachbardorf, und ihm wurden im Herbst die Schafe zu­geführt zum nachwuchszeugenden Sprung. Einmal nur hatten wir ver­sucht, das Schaf an einer Leine durchs Dorf zu führen, aber halb, weil wir vor Lachen nicht mehr konnten, halb, weil wir ziemlich ohnmächtig an dem Tier zerrten, gaben wir auf und machten´s fortan anders. Im Trabbi wurde vorn der Beifahrersitz ausgebaut. Das Schaf wurde hineingeschoben. Hinter dem Schaf auf der Rück­bank saß meine Frau und hinderte das Tier daran, sich zu setzen. Während der Fahrt guckte das Schaf etwas ver­dutzt durch die Frontscheibe – und die Passanten guckten noch verdutzter zurück. Aber es lohnte sich, denn im nächsten Jahr blökten wieder junge Lämmer im Garten.

 

Der Geigerzähler

In den 1980er Jahren begannen wir in der „kirchlichen Umweltbewegung“, systematisch die Um­weltsituation in der DDR „aufzuklären“ - im doppelten Sinne verstanden, als Erfassung der Fakten und als In­formation der Be­völkerung. Mitstreiter M. hatte - als Autodidakt - begonnen, sich mit den materiellen Hinterlassenschaften und den Gesundheitsschäden zu beschäftigen, die im Gefolge des Uran­bergbau der „SDAG WISMUT“ („Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft“) in Sachsen und Thürin­gen auftraten.
Freunde aus der grünen Bewegung im „Westen“ hatten für ihn einen Gei­gerzähler besorgt. Ein netter „Grenzgänger“ schmuggelte ihn in die DDR. Interessant war für mich, später in der Stasiakte zu lesen, dass die Stasi von Anfang an gewusst hatte, dass wir dieses Gerät besaßen, aber sie griffen nicht zu, sondern ließen uns messen. Offenbar war die Stasi selbst daran interessiert, so in­direkt etwas über den WISMUT-Bereich zu erfah­ren, der nämlich auch für diese sonst allmächtige Organisation weithin tabu war.

Wir hatten nun jedenfalls ein richtiges Messgerät, das uns brauchbare Aussagen über die Strahlenbelastung lieferte. Wir fuhren zu zweit im Trabbi über Land, besuchten alte Bergbauanla­gen, inspizierten Halden und – heimlich – noch aktive WISMUT-Einrichtungen. Immer tickte der Geigerzähler und wir notierten die Messwerte.
Wir bemerkten, dass es überall „tickte“, vor allem, wo Granit aus dem Erzge­birge lag. Aber auf man­chen Halden oder an Becken mit Abfallschlämmen aus der Urangewinnung war die Aktivität noch deutlich höher. Und oft wa­ren diese Anlagen ja auch längst für die normale Bevölkerung zugäng­lich. Die weitaus höchsten Messwerte ergaben sich an völlig unerwarteten Stellen, z.B. im Keller von alten Häusern im Erzgebirge, wo es hinter dem Regal mit dem Eingemachten einen direkten Weg, einen alten Schacht­eingang in den Berg gab, oder im Schotter auf Feldwegen Dutzende Kilo­meter weit weg vom Bergbau. Die WISMUT hatte Gestein, das als min­derwertiges Erz einge­stuft worden war, als Wegebaumaterial verschenkt, manche LPG hatte es dankbar abgeholt und zur Befestigung ihrer Wege eingesetzt – da lag nun aber manches Stück stark radioaktives Erz in der Landschaft herum und strahlte.

M. schrieb eine Studie zum Uranbergbau und seinen Folgen in der DDR mit dem doppel­bödigen Titel „Pechblende“. Das Heft wurde 1988 „Nur für inner­kirchlichen Dienstgebrauch“ in Tausend Exemplaren ge­druckt und in den betroffenen Gebieten gezielt verteilt. Für M. hatte das bedrückende Folgen. Ich erinnere mich, dass er einmal zu einem Vortrag gebeten worden war in eine Kirchgemeinde in Thüringen. Im Vor­feld gab es mas­sive Versuche staatlicher Behörden, über die Kirchen­leitung die Veranstaltung verbieten zu las­sen, der Ortspfarrer erhielt die unverblümte Mitteilung, dass „empörte Bergleute“ bei der Veran­staltung erscheinen würden und die Sicherheit des Referenten leider nicht zu ga­rantieren sei ... Ich hielt dann an M.s Stelle einen Vortrag in der voll besetzten Kirche über „Bewahrung der Schöpfung – konkret“, und so hörten die WISMUT-Gesandten mancherlei über DDR-Umweltprobleme.

 

„Unser Schulhof strahlt“

Es war im April 1989. Meine Familie saß beim Mittagessen zusammen. Ich war gerade mit M. von einer Tour zurückgekommen, bei der wir nach strahlenden Altlasten des Uranbergbaus gesucht hatten. Dabei fahndeten wir nicht nur gezielt an verdächtigen Orten, sondern wir legten während der Autofahrten den Geigerzähler einfach eingeschaltet auf den Rücksitz, und wenn die Piep-Töne in schnellerer Folge erklangen, dann waren wir wieder einmal „fündig“ geworden; in solchen Fällen war das uran-haltige, strahlende Gestein als Schotter im Straßenbau eingesetzt worden.
Wir diskutierten über unsere neuesten Entdeckungen, als meine Tochter plötzlich mitteilte „Auf unserem Schulhof strahlt es auch.“ Nun konnte sie das zwar so genau nicht wissen, aber einer ihrer Klassenkameraden hatte mal erzählt, dass beim Anlegen des Schulgeländes vor 10 Jahren auch Gestein aus dem Uranbergbau verwendet worden sei. Die Mitteilung elektrisierte uns. Eine halbe Stunde später schlichen wir auf dem Schulgelände im Nachbardorf herum und ließen den Geigerzähler piepsen. Und der Verdacht bestätigte sich: Hier steckte zweifellos WISMUT-Material unter der Asphalt-Decke! Schnell wurden einige besonders auffällige Messorte grob auf einer Lageskizze eingetragen. Ein paar Wochen später schickte ich per Brief eine Auflistung der Messwerte von einigen „Fundstellen“ in der Region – auch die vom Schulhof meiner Kinder - an das dafür zuständige „Staatliche Amt für Atomsi­cherheit und Strahlen­schutz“ (SAAS), um so auf die von uns entdeckten Gefahren aufmerksam zu machen. Damit hängten wir uns ziemlich weit aus dem Fenster, denn es war nicht abzu­schätzen, was nun passieren würde. Natürlich bekam die Stasi sofort Wind davon; eine Kopie des Briefes wurde in „meiner“ Stasi-Akte abge­heftet. Aber offiziell erfolgte eine sehr „normale“ Reaktion, die wir so gar nicht erwartet hatten. Das SAAS schickte umgehend seine eigenen Leute zwecks amtlicher Kontrollmes­sungen auf den Schulhof. Dort wurde an verschiedenen Stellen die Asphaltdecke aufgehackt. Gesteinsproben wanderten zur Untersuchung nach Berlin. Und dann gab es viel Aufregung und Stress, denn der auch nach DDR-Maßstäben (das heißt wegen Nicht-Einhaltung von Grenzwerten) unzulässige Zustand wurde tatsächlich umgehend in Ordnung gebracht. Noch im Juli wurden alle betroffenen Flächen mit erheblichem Aufwand durch eine zusätzliche 10 Zentimeter dicke Schicht aus Beton und Bitumen abgedeckt und abgeschirmt. Danach lagen die Messwerte – das bestätigten auch meine heimlich durchgeführten Kontrollmessungen – im zulässigen Bereich.
Die Schulhof-Affäre hatte noch ein paar pikante, DDR-typische Begleiterscheinungen. Bei unserer ersten Messung war der Hausmeister der Schule aufmerksam geworden und hatte dann interessiert unser Tun verfolgt. Er erzählte aufgeregt dem Physiklehrer vom Ticken und Pfeifen des Geigerzählers - der aber meinte, er solle sich nicht verrückt machen lassen, das sei nur Panikmache. Sofort anschließend aber lief der Lehrer, Genosse zudem, eilends zum Bürgermeister und informierte diesen von den gefährlichen und illegalen Aktivitäten des Vaters K. Der wütende Bürgermeister wiederum wies den Hausmeister der Schule an, „ab sofort jeden vom Schulhof zu schmeißen, der da irgendwelche Messungen macht“. Ich ahnte von alledem nichts, und weil ich eigentlich immer versuchte, mit offenen Karten zu spielen, besuchte ich einige Tage später ausgerechnet den Physiklehrer in der Schule und berichtete ihm von meinen Entdeckungen - mit wenig Resonanz.
Und in meiner Wahrnehmung gehörte auch folgende Episode noch zu den Nachwirkungen: Ende September 1989 wurde ich mit meiner Frau offiziell zu einem Elterngespräch in die Schule „geladen“. Es ging um den weiteren Bildungsweg unseres 15-jährigen Sohnes. Anwesend war neben dem alten Schuldirektor und der neuen Direktorin auch der Physiklehrer, der zugleich Klassenlehrer war. Und nun erfuhren wir: Der Zugang zum Abitur sei für unseren Sohn leider nicht möglich, er „würdige das Fach Russisch herab“ und „stelle die Errungenschaften des Sozialismus in Frage“. Konkret hatte er z.B. in einer Diskussion gemeint, wenn derzeit im Staat DDR offenbar vieles zwischen Gesellschaftstheorie und Lebenspraxis nicht mehr übereinstimme, dann müsse man vielleicht auch bereit sein, die Verfassung ändern. Das alles geschah zwar spät im Herbst ´89, aber noch immer lief eben vieles in den alten Gleisen und pädagogischen Denkgewohnheiten! Jetzt aber überschlugen sich die Ereignisse, und schon am gleichen Abend diskutierten auf dem „Klassen-Elternabend“ mutig gewordene Mütter und Väter kritisch und heftig und laut mit der schulischen Obrigkeit über die Gefahren von Wismutschotter auf dem Schulhof und Asbeststaub in der Turnhalle. Und die Verfassung der DDR änderte sich wenig später auch.
Der Bürgermeister war übrigens einer von ganz wenigen, die nach der Wende eingestanden, Fehler gemacht zu haben. Er entschuldigte sich für sein Verhalten in der Schulhofgeschichte bei mir.

 

Trabbi III: Einheitsgrau
Meine Frau hatte im Postamt zu tun. Ich saß geduldig wartend als Chauf­feur draußen in unserem grauen Trabbi. Endlich kam sie die Treppe her­unter, ging zielstrebig auf den Trabant los, dessen Tür offen stand, knallte sich auf den Beifahrersitz, haute dem Mann am Steuer auf den Schenkel und fragte: „Warum fährst du nicht los?“
Nur – der Mann neben ihr war nicht ich, und der Trabbi, in den sie einge­stiegen war, einheitsgrau wie der unsere, war ein fremder, der ein paar Meter weiter vorn auf der Straße parkte ...
 
Denk mal

Anfang des Jahres 1989 war ich auf Dienstreise in Norwegen, also im Westen, oder doch mehr im Norden ...

Wir hatten etwas Freizeit. Drei Ossi-Teilnehmer erkundeten Oslo. Wir be­suchten das Munch-Museet mit den großformatigen Munch-Gemälden, die Ausstellung am Hafen über Thor Heyerdahls Weltreisen, und dann hatten wir Hun­ger. In einem normalen Lebensmittelgeschäft entdeckten wir in der Auslage ein kleines rundes Pfund-Brot – und mussten dafür 8 Westmark bezahlen. Nahrungsmittel sind hier so teuer, weil sie uns das wert sind - so erfuhren wir später von Eingeborenen. Norwegen möchte weiter eine eigene bodenständige Landwirtschaft haben, die auch produziert. Aber nach Weltmarktkriterien lohnt sich das überhaupt nicht, Importe wären viel günstiger. Die Norweger sind bockig und sagen: Das leisten wir uns! Aus solcherlei Gründen sind sie später auch nicht der EU beigetreten.

Ich habe dann noch eine private Extratour gestartet. Mit der Straßenbahn hinauf zur berühmten Holmenkollen-Schanze. Herrlicher Blick auf die Bucht vor Oslo, Spielzeug-Flugzeuge, die weit unter mir zur Landung ein­flogen. Und dann stand ich vor einem Denkmal. Es wurde von den dank­baren Norwegern für ihren König errichtet. Nach der deutschen Besetzung Norwegens im April 1940 stand König Haakon zwei Monate lang an der Spitze des Widerstands, erkannte die von den Nazis eingesetzte Regie­rung nicht an, ging dann nach England und stand dort der norwegi­schen Exilregierung vor. Das Denkmal machte mich nachdenklich. Hier stand kein Herrscher mit Fernblick auf einem Sockel, kein Krieger hoch zu Ross – nein, ich stand vor der lebensgroßen Bronzeskulptur eines skilaufenden Königs, begleitet von seinem – ebenfalls in Bronze gegossenen - Hund.

 

Das Fußballschaf

Wir wohnten auf dem Dorf. Wir hatten Kinder. Wir hatten eine Riesen-Wiese, die bewirtschaftet werden musste. Gründe über Gründe, auch Schafe zu halten. Nun sah´s im Garten ländlich aus, die Kinder konnten streicheln gehen, das Gras blieb kurz – und man konnte mit dem Verkauf von Schafwolle in der DDR richtig Geld verdienen.
Unser Mutterschaf hatte drei Lämmer geworfen. Aber ein Schaf ist biolo­gisch nur für zwei Junge eingerichtet, am Euter gibt es nur zwei „Zapfstel­len“ zum Milchtrinken. Das Muttertier wusste das wohl, und es hat daher konsequenterweise ein Junges „verstoßen“ – es wurde im Wortsinne im­mer wieder beiseite gestoßen, bekam nichts zu trinken und wurde schnell schwächer. Erfahrene Bauern, die wir befragten, sagten: „Duutschlahn!“ Das hieß: totschlagen, das wird sowieso nichts. Das konnten und wollten wir nicht. So stellten wir eine Plaste-Wanne, gefüllt mit Heu, als Liegestatt in die Küche, kochten Milasan-Babynahrung, füllten dies Lebenselixier in eine Babyflasche - und das Schaf trank, taumelte und stand! Es hat, auch dank mancher Fütter-Nachtschichten, überlebt. In den nächsten Tagen hatten wir Besuch. Die Freundin hörte ein zartes Blöken aus der Küche, deutete es aber falsch. „Ich wusste ja gar nicht, dass ihr noch ein Kind ...“. Das Schaf gehörte in den nächsten Wochen richtig zur Familie. Wir mussten uns mit allerlei Tricks aus dem Grundstück schleichen, weil uns das Tier gern auch auf der Straße begleitete. Wir haben mit ihm auch Fußball gespielt. Und als das Schaf später längst normal im Garten wohnte, klin­gelten eines Tages früh zeitig die Handwerker, da schlüpfte als erstes das Schaf ins Haus, rannte die Treppe hoch und bettelte in der Küche.

 

Nächtlicher Besuch am Schaukasten

Am Zaun vor unserem Haus hing der Schaukasten der Kirchgemeinde. Er war da, manchmal sah auch jemand nach den Aushängen, aber ein Blickmagnet war er nun nicht gerade. Umso er­staunter war ich, als ich eines Morgens gegen fünf – normalerweise war ich so früh sonst nicht auf den Beinen - einen Blick aus dem Fenster warf und ungewohnte Betrie­bigkeit vor unserem Grundstück bemerkte. Im Dämmerlicht sah ich einen Trabbi am Stra­ßenrand stehen. Zwei Männer bauten ein Fotostativ auf und fotografierten – den Schaukasten!

Mir war sofort klar, dass sie ein (geheim-)dienstliches Interesse hergeführt hatte. Die Jugendlichen in der „Junge-Gemeinde“-Gruppe der Kirchge­meinde hatten zwei Tage zuvor eine heftige Diskus­sion geführt. In weni­gen Tagen stand die Kommunalwahl in der DDR an - es war die letzte im Frühjahr ´89 -, und da war viel Kritisches zu bereden über „Wahlen“ gene­rell. Im Ergebnis des Abends hatten die Jugendlichen ihre Einsichten und Gefühle zum Thema in Plakaten gestaltet, und diese waren in den Schau­kästen der Kirchgemeinde öffentlich ausgestellt. In unserem Schau­kasten war ein Bild zu sehen, bei dem ein Mensch durch eine Gasse von grauen Gestalten den Weg zur Wahlkabine ging. Überhaupt in die Wahlkabine zu gehen, war nach dem Staatsverständnis der DDR schon ein öffentliches Ärgernis, und wenn, dann ähnelte das Ganze tatsächlich einem Spieß­rutenlauf.
Die Leute von „Horch und Guck“ hatten nun jedenfalls ihre Beweise für die Untat im Kasten. In den nächsten Tagen gab es einige heftige Gespräche zwischen Pfarrer und Staatsmacht, was in der Öffentlichkeitsarbeit der Kirche zulässig sei und was nicht.

 

Es geht sogar noch besser als im Westen!

Ich „durfte“ auf Dienstreise in die Schweiz fahren, in ein idyllisches Schlösschen am Genfer See. Erste Entdeckung: Es gibt Privateigentum ...
Zweite Entdeckung: Schweizer sind stolz darauf, Schweizer zu sein. ...

Dritte Entdeckung: Ich war mit der Bahn unterwegs. Und da ich nicht wusste, ob ich jemals wieder in die Schweiz kommen würde, hatte ich die Reiseroute als Rundfahrt geplant. Es ging das Rheintal runter, über Basel rein, Genf, zurück über Bern, Zürich, Bodensee, München. Deshalb war es mir ein wichti­ges Anliegen, gleich nach der Ankunft einen Fahrplan zu inspizieren, um optimale Termine für die Rückfahrt zu finden. Enttäu­schung, denn von den sonst so ordentlichen Schweizern hatte niemand einen Fahrplan. Weil, so lernte ich, der Schwei­zer keinen Fahrplan braucht. In der Schweiz kann man sich darauf verlassen, dass man von zeitig morgens bis nach Mitternacht sicher überall noch einen Zug­anschluss bekommt. Von jedem Bahnhof bzw. von jeder Haltestelle fährt mindestens im Stundentakt - auf stark frequentierten Stre­cken auch häufi­ger - immer zur gleichen Minuten-Zeit, also 8.05, dann 9.05, 10.05 usw. ein Zug ab. Bei der Ankunft am nächsten Knotenpunkt kann man sich dar­auf verlassen, dass zur gleichen Zeit Züge auch aus allen anderen mögli­chen Richtungen eintreffen, man steigt in Ruhe um, und nach 5 bis 8 Mi­nuten fährt alles wieder sternförmig ausein­ander. Die gleiche Passung gibt es auch am nächsten und am übernächsten Knotenpunkt, und das alles klappt auch um Mitternacht noch; wenn sich die Fahrt eines ganzen Zuges nicht mehr lohnt, kann der Kunde zum Bahntarif ein Taxi kommen lassen. Auch viele Busse, Schiffe und Bergbahnen sind an das System angetak­tet. Praktisch alle Schweizer, die hin und wieder mit der Bahn fahren, hat­ten damals schon ein „Halbpreisabo“: Man kauft sich einen Pass für reich­lich hundert Schweizer Franken, und dann gelten halbe Preise auf allen Verkehrsmitteln. Mich hat das da­mals sehr beeindruckt, weil wir zu Hause gerade in Überlegungen steckten, wie das marode Reichsbahn-System der DDR modernisiert werden könnte – das Vorbild Schweiz wäre ein Mo­dell nicht nur für uns, sondern auch für die Bundesrepublik West gewesen.

 

Wessis im Wunderland

Kurz vor der Wende besuchten uns vier junge Männer aus Münster. Sie waren noch nie in der DDR gewesen und konnten sich über Dinge wun­dern, die wir gar nicht mehr beachteten. Eines Tages fuhren sie im Niesel­regen in unsere triste Kreisstadt auf Erkundungstour. Erst nach Stun­den kamen sie zurück, und sie erzählten beeindruckt von ihren Entdeckungen. Da hatten sie doch z.B. einen Laden gefunden, da wurden wirklich Re­genschirme repariert! Im Westen war so was längst ein Wegwerfartikel, aber hierzulande wurden Risse und Löcher kunstvoll gestopft.

Wenn an unserem großen Urlaubszelt ein Reißverschluss klemmte, gab es selbstverständlich eine Werkstatt, die das richten konnte, da wurden schon auch mal rundum neue Ösen eingesetzt oder neue Fensterfolien eingenäht.

Man hatte in der DDR einen rechtlich verbrieften Anspruch darauf, dass es für jeden Gegenstand, den man gekauft hatte, mindestens 10 Jahre lang alle Ersatzteile geben musste. Die konnte man im Notfall auch direkt beim Hersteller besorgen. Wenn also der Griff an der Thermoskanne gebro­chen war, wurde er für 70 Pfennige als Päckchen losgeschickt, und ein paar Tage später kam das Ersatzteil. Auch zerbissene Mundstücke für meine Pfeife fanden so immer wieder Nachfolger.

 

Die Zeit ist reif

Ende der 80er Jahre gärte es in der DDR. Politische Bevormundung, Um­weltprobleme, militaristi­sche Kraftprotzerei ... es gab einen regelrechten Problemstau. Alle merkten es, seit Gorbatschow gab es auch neue Spiel­räume, die Zeit war einfach reif. Irgendjemand musste doch wenigstens anfangen, darüber zu reden!

Die Kirchen – weltweit, aber nun auch in der DDR – waren bereit, dafür eine Plattform zu bieten, stellvertretend für die Gesellschaft ein Gespräch zu beginnen, in dem Bestandsaufnahme, aber auch Zukunftsperspektiven Thema sein sollten. Welche Themen aber bewegten die Menschen vor­rangig? Der Prozess startete mit einer offenen Frage, die ins Land hinaus ging: Welche Pro­bleme bewegen DICH, welche inhaltlichen Fragen sind in unseren Tagen, in unserer Gesellschaft besonders dringlich? Die Reso­nanz war überwältigend. 11.000 Zuschriften kamen zurück, teils Stich­worte auf Postkarten, teils mehrseitige Konzeptentwürfe für die Gestaltung einer neuen Ge­sellschaft.
Ich saß damals in einer Gruppe, die alle Vorschläge auszuwerten hatte, die sich mit Umweltfragen, Lebensstil, Schöpfungsverantwortung usw. be­schäftigten. Es war beeindruckend, mit wie viel Herzblut da manches ge­schrieben war, und in welcher Deutlichkeit sich schnell auch Schwer­punkte für die weitere Arbeit herauskristallisierten.

Die Vorschläge unserer und anderer Auswertegruppen bildeten die Grundlage für die Arbeit der „Ökumenischen Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, die nun ihre Tätigkeit be­gann. In dieser Versammlung saßen Vertreter aller wichtigen Kirchen der DDR, „Amtliche“ und Laien in guter Mischung, Theologen und Naturwis­senschaftler und Lehrer und Ar­beiter. Die Vollversammlung tagte dreimal, aber in dem Jahr ihrer Existenz wurde in insgesamt 12 thematischen Ar­beitsgruppen zwischendurch heftig gesessen, gestritten und um Formulie­rungen für Texte gerun­gen, die als Ergebnis der DDR-Öffentlichkeit als Diskussionsangebot vorgestellt werden sollten. Es ging um deutliche, klare Aussagen zu schmerzlich verdrängten Themen, es galt aber auch aufzu­passen, dass die Staatsmacht nicht durchdrehte, sondern sich auch als Gesprächspartner verste­hen konnte.

Ich war als Berater der Ökumenischen Versammlung berufen worden und war dann fachlicher Leiter der Arbeitsgruppe, „Energie für die Zukunft“, die die Energiepolitik der DDR analysieren, ihre Folgewirkungen vor allem im Umweltbereich darstellen und mögliche Perspektiven für die Zukunft skiz­zieren sollte.

Die Themengruppen rauften sich zu gemeinsam getragenen Formulierun­gen zusammen. Die Aussagen waren klar und deutlich, manches vielleicht auch etwas blauäugig. Der Staat bellte hef­tig, aber er biss nicht.
Leider sind dann im Vereinigungstaumel die zusammengetragenen Ideen schnell weggespült wor­den. Manches davon war noch in die Programme neuer politischer Bewegungen wie „Demokratie Jetzt“ oder „Neues Forum“ eingeflossen. Es wäre spannend gewesen zu erkunden und zu erpro­ben, ob da vielleicht auch Einsichten und Ansätze drinsteckten, die einem wirk­lich erneuerten Deutschland gut getan hätten ...

 

Stalinallee

In der kirchlichen Umweltarbeit der DDR hatte ich mich schon länger mit Energiefragen beschäf­tigt. Ich galt darum wohl als exotischer Geheimtipp. Jedenfalls erhielt ich Anfang 1989 eine unge­wöhnliche Einladung nach Berlin. Kein innerkirchlicher Zirkel, wurde mir gesagt, Fachleute. Etwas geheimnisvoll die Vorbereitung, kein Veranstaltungsort („wir holen Sie am Bahnhof ab“). Ich fuhr hin, den üblichen POLYLUX (Overheadprojektor) in der Hand, und wurde von einem mir unbe­kannten Herrn per Auto in die Stalinallee kutschiert; die hieß natürlich schon lange „Frankfurter“, aber sie sah immer noch aus wie „Stalinallee“. Wir betraten ein Eckhaus, kamen in eine höchst geräumige „Bonzen“-Wohnung, ich schätze mal: 50 Quadrat­meter Wohnzimmer mit riesigen Fenstern, wo sich nach und nach 50 Menschen versammelten. Damen und Her­ren mittleren Alters, die interes­siert meinen Ausführungen lauschten, offenbar ziemlich sachkundig und kompetent waren; wahrscheinlich arbeiteten die meisten in irgendwelchen Behörden oder Ministerien. Wir habe zwei Stunden lang im offenen Ge­spräch um Fragen gerungen, die unsere gemeinsame Zu­kunft betrafen. Und das ging, obwohl wir eigentlich auf verschiedenen Seiten standen. 1989 eben - Aufbruch.

Informationsbeschaffung

Es war 1989, da standen manche Mauern schon nicht mehr ganz fest. Ich leitete damals eine Ar­beitsgruppe der DDR-Kirchen zu Energiefragen, suchte Informationen und Gesprächspartner, und so stand ich eines Ta­ges im Institut für Energetik in Leipzig. Ein interessantes Gespräch lag schon hinter mir, darin war es auch um Energieperspektiven für eine er­neuerte DDR gegangen. Mein Gesprächspartner hatte aus seinem Tresor ein paar Papiere mit strategischen Überlegungen ge­holt, Geheim­haltungsstempel drauf, und mir zur halblegalen Einsicht mal kurz mit in die Bibliothek gegeben. Eine Stunde Zeit, viel zu wenig, um sich Sinnvolles aus den vielen Tabellen zu merken. Ich habe flink die Papiere in meine Tasche gepackt, still die Bibliothek verlassen, draußen den Trabbi ange­worfen und bin zu einer kirchlichen Einrichtung gerast, von der ich wusste, dass dort ein Kopiergerät stand - es war noch DDR, und solche Geräte waren eine Rarität! Ich habe hek­tisch Dutzende von Seiten kopiert, dann ging´s schnell den ganzen Weg zurück, Haare gekämmt, und die Papiere wurden mit Unschuldsmine dankbar wieder abgeliefert.
Die Kopien in meiner Tasche haben uns dann sehr viele spannende In­formationen gebracht.

 

Heißer Herbst

Im Herbst 89 überschlugen sich die Ereignisse. Auf der einen Seite war die DDR nach außen hin noch ziemlich robust. So habe ich im Oktober 1989 – drei Wochen später war die Mauer weg – noch bange 12 Stunden in Berlin gesessen, weil ich den Pass für eine längst genehmigte Dienst­reise nach Wilhelmshaven nun doch nicht bekommen sollte.

Dabei kochte und brodelte es schon seit Wochen. Nach und nach ließen oppositionelle Gruppie­rungen die Tarnkappen fallen und wurden öffentlich erkennbar. Aber das meiste geschah auch im September noch höchst konspirativ - so konspirativ, dass sogar in meinem Terminkalender ein fal­sches Datum und ein falscher Ort für die folgende Begebenheit eingetra­gen sind. Es war wohl am 17.9., es war aber nicht in Leipzig, wie da steht, son­dern es war in Berlin, und es war keine Vortrags­veranstaltung, sondern ein Treffen, zu dem ich von einem Freund – telefonisch, erkennbar dring­lich, aber ohne konkrete Inhaltsangabe - eingeladen worden war. Ich fuhr nach Pankow. Dort ver­sammelten sich im Haus und im Garten der Evan­gelischen Superintendentur immer mehr Men­schen, schweigsam - man kannte nur wenige von den anderen -, Grüppchenbildung. Es waren fast nur Leute aus Berlin, und ich stellte gemeinsam mit zwei weiteren Freun­den fest, dass wir die einzigen aus der „Provinz“ waren, weil man offenbar gemerkt hatte, dass Berlin eben doch nicht die ganze DDR ab­deckte. Je 1 oder 2 Vertreter der wichtigsten oppositionellen Gruppen waren da, vom „Neuen Fo­rum“, von „Demokratie jetzt“, vom Demokratischen Aufbruch“, von der DDR-SPD. Es war wohl auch das erste Mal, dass diese Gruppie­rungen formell Kontakt miteinander hatten. Alle hatten ihre - legendären und für uns in der „Provinz“ bis dahin nicht greifbaren - Verlautbarungen, Programme und Aufrufe da­bei, die ich natürlich begierig einsackte. Die zwei SPD-Bundestagsabgeordneten, mit denen wir uns eigentlich treffen wollten, wurden an der Grenze gestoppt, aber die Kontaktgespräche „un­ter uns“ waren doch sehr ergiebig.

Für den 1. Oktober hatte ich erneut eine Einladung nach Berlin erhalten. Diesmal sollte der „De­mokratische Aufbruch“ offiziell als Organisation gegründet werden. Ich hatte bei einem Freund übernachtet, der dann – neugierig geworden -  gleich mitkam. Als wir die Straße zur Samariterkir­che hinaufliefen - dort wollten wir uns bei Rainer Eppelmann treffen -, standen schon Stasiautos und Stasibeobachter demonstrativ auffällig und in großer Zahl herum. Wir trafen zwei weitere „Spaziergänger“ aus Dres­den, die zu dem Treffen wollten, und die hatten schon neue Zielkoordi­naten erfahren: Das Treffen sollte nun in Ehrhart Neuberts Wohnung in der Innenstadt stattfinden. Wir fuhren ein Stück weit mit dem Auto der Dresdner, wurden aber erkennbar verfolgt. Wir stellten das Auto ab, flitz­ten in die U-Bahn und fragten uns zum Treffpunkt durch. Aber vor Neu­berts Haus standen schon bewaffnete Polizisten, die niemanden hinein ließen. Andere Ausgesperrte auf der Straße flüsterten uns einen weiteren Ausweich-Treffpunkt zu. Also neue Verfolgungsjagd in U-Bahn-Schächten – es ging nun zum Kirchgemeindehaus Alt-Pankow im Berliner Norden. Dort warteten schon einige bekannte Gesichter. Etwas ratlos angesichts der Situation saßen wir herum. Aber nach kurzer Zeit waren alle wieder draußen. Aufregung: Polizei war vorgefahren, ei­ner stand am Gartentor, auch hier durfte jetzt niemand mehr rein oder raus! Ein paar Meter weiter am Gehsteig war ein LO geparkt (sprich Ello, ein DDR-LKW-Typ, der vor allem bei Polizei und Feuerwehr im Einsatz war), dessen Motor lief und bei dem hinten die Plane geöffnet, die Klappe heruntergelassen und eine Leiter angestellt war – fertig zum Einladen! Eine Drohgebärde nicht ohne Wirkung! Es lief dann aber nicht ganz so heiß. Teilweise wurde es sogar grotesk. Wir - drin­nen - bekamen Hunger, durften aber nicht raus. Aber wir konnten über den Gartenzaun mit den Uniformierten und den unsrigen, die ausgesperrt waren, reden – und dann durften die draußen für uns drinnen was zu essen besorgen, gaben es dem Uniformierten und der gab´s uns über den Zaun. Gründen konnten wir nun nichts. Aber wir haben natürlich diskutiert. Zu meiner Rechten saß Ibrahim Böhme, später Vorsitzender der DDR-SPD - und Stasi-IM! -, zu meiner Linken saß Wolf­gang Schnur, später Vorsitzender des „Demokratischen Aufbruchs“ - und ebenfalls Stasi-IM! – was ich damals natürlich weder wusste noch ahnte. Die Situation war ungemütlich, und eigentlich wollte ich auch nach Hause. Zur Entkrampfung der Situation tauchte dann der Berliner Bischof auf, er war bereit, mich in seinem Auto ein Stück mitzunehmen, und so war ich wieder draußen.

Am 28. Oktober gab es dann einen zweiten Anlauf zur Gründung des „Demokratischen Auf­bruchs“. Die Versammlung unter Leitung von Schnur lief teils erzbürokratisch, teils sehr basisbe­wegt ab. Die inhaltlichen Ziele waren für mich nicht klar erkennbar, oder sie waren nicht die mei­nen. So habe ich dann auch Nein gesagt auf die Frage nach einem Sitz im Vor­stand. Überhaupt bin ich danach wieder zu meiner alten Gewohnheit zu­rückgekehrt, keinem politischen Verein bei­zutreten, damit ich unver­krampft mit allen reden kann.

 


5. Neue Horizonte – das Leben nach der Wende

    (ab 1990)

 

Lebenslauf-Skizze V

Ich hatte das Glück, nach der Wende in meinem Beruf weiterarbeiten zu können. Manche Fragen, mit denen ich vorher intensiv zu tun hatte, z.B. die Auseinandersetzung mit DDR-spezifischen Umweltproblemen, waren nun nicht mehr aktuell. Andere Fragen sind systemneutral spannend geblieben – z.B. der sich abzeichnende Klimawandel – oder stellten sich nun neu, wie etwa ethische Fragen am Anfang und am Ende des mensch­lichen Lebens.

Im Folgenden sind auch einige Ausschnitte aus meinen „Jahresbriefen“ wieder­gegeben, in denen ich Freunden und Bekannten davon berichte, was ich im letzten Jahr erlebt habe und was mich bewegt.

 

Wende I
(aus meinem Jahresbrief über das Jahr 1989)

... jetzt ist wieder Dezember. Aber eben Dezember im 89er Jahr, und da steht alles Kopf. Ich kneife mich manchmal und frage, ob das alles wirklich wahr ist, oder ob ich in einem Traum - ein sehr schöner meist, manch­mal inzwischen aber auch ein Albtraum - eingefangen bin. Totale Reisefreiheit - für uns, bisher nicht für Euch drüben! -, völlig verwandelte Menschen, daneben schnell verfallende Monumente, Entlar­vungen über einen Feu­dalstaat im 20. Jahrhundert, aber eben nicht nur Empörung, sondern auch Rache-Geschrei, viele haben einfach vergessen, dass sie alle bis vor we­nigen Wochen noch die­ses blöde Spiel perfekt mitgespielt haben, dass in diesem Klima sehr viele korrupt und bestechlich gewesen sind, jeder stolz war auf seine „Beziehungen“. Ich bin hin- und hergerissen. Keine Nach­richtensendung möchte man verpassen, um den Lauf der Zeit nicht zu verschlafen. Überall möchte man sich nun einmischen, mitgestalten, end­lich gibt es die Möglichkeit dazu. Aber dann auch schnell Resignation: Auf der Straße, das ist nicht mehr nur der Aufbruch des Volkes („Wir sind das Volk!“), das hat jetzt auch die Dimension einer DEMO-kratie, eines Er­zwingens ständiger Verände­rungen unter dem Druck der Parolen von der Straße. Andere - meist mäßigende - Meinungen wer­den in Sprechchören niedergeschrieen, auch Leute vom „Neuen Forum“ müssen sich inzwi­schen als „Verräter“ titulieren lassen. Es gibt einen starken Trend ins Nationale und nach rechts. Die Bonzen, die den Sozialismus gepachtet hatten, haben auch alle guten linken Ideen für die Leute höchst verdächtig gemacht. Ich kenne SED-Genossen und Lehrer, die Morddrohungen er­halten oder deren Kinder verprügelt werden. Ich lese in der Zeitung, dass über Beschlüsse von Gerichten – es geht um ganz zivile Sachen wie Zahlung von Mietrückständen oder Unterhalt - die Verurteilten laut la­chen und sich nicht daran zu halten gedenken. Die ehemals berühmte Demo von Leipzig erinnert jetzt schon wieder ein wenig an Weimarer Zeiten. Rücktritte sind bis in die unteren Ebenen an der Tagesordnung, unter dem Druck von Demos und Unterschriftensammlungen schließen Betriebe ... Meine Tochter Birgit hat immer mal gefragt, was ANARCHIE ist. Ich glaube, jetzt er­leben wir so etwas, aber das nun in Mitteleuropa – viele hier haben zu­nehmend Angst. Es geht alles so schnell und trifft uns unvorbereitet. De­mokratie will gelernt sein, dieses mühselige Geschäft haben wir noch vor uns. Neuwahlen müssen sicher schnell stattfinden, um diesem Land eine legitimierte Regierung zu ge­ben, aber wenn ich mir die neuen Gruppie­rungen und Parteien ansehe und die alten in ihrem schlechten Zustand dazu – angesichts der fehlenden inhaltlichen und personellen Profile wird eine sinnvolle Wahl eigentlich unmöglich. Im Hintergrund ja auch immer die Frage, ob es eine eigen­ständige DDR überhaupt noch lange geben wird. Ich befürchte, die schweigende Mehrheit hat schon entschieden, be­wusst oder resigniert: Wir lassen uns einkaufen und vom reichen West­onkel sanieren. Mir gefällt das nicht ganz, das scheint mir doch ein zu einfacher Weg zu sein. Wir sollten unsere Schwierigkeiten hier, an denen wir doch alle ein bisschen mit Schuld haben, erst einmal selbst in Ordnung bringen. Natürlich mit westlicher Hilfe und von mir aus in einer konföderati­ven Ordnung – aber so viel Stolz sollten wir doch haben, den Karren selbst aus dem Dreck zu zie­hen und erst einmal in Ruhe zu erkunden, was wir unter neuen Bedingungen leisten können, was aus unseren letz­ten 40 Jahren wir retten und sichern wollen. Ich glaube, viele hier ahnen gar nicht, was das neben Apfelsinen und Bananen noch heißen würde, wenn uns der reiche Nachbar jetzt gleich schluckt: härtere Bandagen im Sozialen, weit höherer und ungewohnter Arbeitsstress, Sich-selbst-um-alles-kümmern-dürfen aber auch –müssen ... Ihr merkt, ich alter Mann hätte gern eine etwas ruhigere Gangart.

Dabei ist das alles doch so wunderschön. Eine spontane Bürger­versammlung in unserem Dorf macht sich Gedanken um eine politische, kulturelle, ökologische Verbesserung der Heimat. Freunde berichten mit belegter Stimme am Telefon, dass sie dabei waren bei der Erstürmung der Bastille, sprich der Besetzung des verhassten Stasi-Hauptquartiers durch Bürgerkomitees. Das gute Gefühl, dass nun nachts keine Anrufe mehr kommen werden, dass Freunde verhaftet sind, dass man vor Angst Schriftstücke verbrennt ...

 

Ein Wertgegenstand wird Restmüll

Schafe sehen schön aus in einem ländlichen Garten. Schafe zu halten brachte aber zu DDR-Zei­ten auch richtig Geld. Der Staat DDR kaufte Schafwolle für etwa 70 Mark pro Schaf auf. Und zu­sätzlich brachten Schafe ja auch noch Fleisch in den Kochtopf. Nach der Wende war alles schlag­artig anders. Es gab keinen Staat mehr, der Wolle kaufte, also wo­hin damit? Eines Tages stand eine Annonce in der Zeitung: In Lengefeld, 40 Kilometer weit weg, würde dann und dann Schaf­wolle aufgekauft. Wir luden ein paar Säcke mit Wolle, die sich angesammelt hatte, frohgelaunt in den Trabbi und fuhren hin. Lange Schlange, na ja, das kannten wir noch, also anstellen. Dann aber gab´s lange Gesichter. Für 1 Kilogramm Wolle - das ist etwa das, was auf einem ganzen Schaf drauf ist - erhielten wir 70 Pfennige! Da war es auch kein Trost, dass das West-Pfennige wa­ren.

 

Konsum-Schock

In den ersten Wochen und Monaten nach der Währungsunion (1.7.1990) hatten wir zwar Westgeld in der Hand, aber noch gab es keine West-Läden in unserer Nähe. Lange Kolonnen von Trabants und Wartburgs wälzten sich Tag für Tag über die Grenze, hin zu den Tempeln des Glücks in Hof oder Bayreuth. Auch wir hatten uns anstecken lassen und machten uns auf die Reise. Irgendwo hielten wir dann vor einem ALDI. Der Markt war hoffnungslos überfüllt, also: Schlangestehen bei der Wagenausgabe, Schlangestehen vor dem Eingang. Dann waren wir endlich drin. Aber auch hier gab es nur eine einzige dichte Menschentraube, die langsam in Dreierreihen in Richtung Kasse weiterrückte und in der wir willenlos mitschwammen. Aus den Regalen, an denen wir vorbeigedrängt wurden, packten wir das eine oder andere in unseren Wagen. Mitten im Gewusel zogen sich ungerührt Leute an und aus, um Kleidungsstücke zu probieren. Die Viertelstunden vergingen, das Knurren in der Masse wurde merklich lauter. Irgendwann verloren wir schlicht die Nerven, ließen einfach unseren Einkaufswagen stehen und flohen.

 

Wende II
(aus meinem Jahresbrief über das Jahr 1990)

... Die Schule im allgemeinen ist überhaupt ein Phänomen. In gerader, kaum gebremster Fahrt nebst fast allen Lehrern aus der alten Zeit fährt der Zug weiter. Neue Schlagworte (wie im Wes­ten), neue Schulmodelle (wie im Westen), neue Strukturen (ich sitze jetzt in einer Schulkonferenz) – man staunt. Manches ändert sich auch wirklich, aber die Menschen - auch die Lehrer sind ja sol­che - wohl viel langsamer. Befreiung und gleich wie­der neue Anpassung; mir ging da vieles zu glatt.

Was ist über mich zu sagen? Fetter geworden - ist´s der Kummer oder der Wohlstand?. Anzug gekauft - die Zeiten machen´s nö­tig. Viel zu tun - das ist ja für uns Ossis plötzlich auch was  Wertvolles  geworden nebst zuge­höri­gem Arbeitsplatz. Im vergangenen Jahr war ich zum Teil in ganz neuer Weise gefordert. Da fand ich mich eingeladen an die verschiedensten Runden - oder eckigen - Tische. Mitreden beim Aufar­beiten der Vergan­genheit und bei Neu-Entwürfen für die Zukunft. Das war spannend, sehr lehrreich, wenn auch im Rückblick meist auch Nulleffekt vom wirklichen Ergebnis her - die  Wirklichkeit veränderte sich einfach noch schneller. Schule der Demokratie, Bändigen der Aggressionen der alten und neuen Kräfte - es war schon der Mühe wert, dass der Umsturz im Gespräch stattfand. Plötzlich waren unsere lange im Untergrund ausgebrüteten Ideen salonfähig. Mancher staatliche Widersacher aus alten Tagen klopfte unsereinem locker marktwirtschaftlich-gewendet auf die Schulter: „Wir konnten doch schon immer gut miteinander ...". Bärtige Gesichter waren gefragt im Fernsehen. Ich hatte ja mal im heißen Herbst ´89 den „Demo­kratischen Aufbruch" mit gegründet. Schon vergessen? Das war die „Alli­anz-für-Deutschland-Partei“ mit Stasi-Häuptling Schnur an der Spitze. Aber die politische Richtung war mir sehr schnell ver­dächtig, und so war ich bald, wie früher immer, in keinem Verein mehr, habe es genossen, dass man so mit allen weiter gut reden konnte, ohne gleich in Schubladen einsortiert zu werden.

Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, schon wieder unbequem zu sein; Opposition, wie in den letzten 20 Jahren gelernt. Ich geb´s zu: Mir ging das alles viel zu schnell. Ich wünsche mir noch immer mal ein paar Monate Zeit, das alles zu kapieren, was sich da gedreht hat. Wenn´s nach mir ge­gangen wäre, säßen wir vielleicht heute noch irgendwo zwischen Krenz und de Maiziere mit ei­ner erst halb eingerissenen Mauer. Fürchterliche Vorstellung - aber ich bin eben ein vorsichtiger Mensch, der einen durch­schaubaren Schritt nach dem anderen machen möchte.

Aber ich hab´s schon genossen, was da so passierte. Die bisher so unterwürfig-an­gepassten DDR-Menschen: Plötzlich waren sie aufgewacht und gingen selbstbewusst zu ihren re­volutionären Wanderungen, pünktlich montags nach Feierabend - zum Glück war im Herbst ´89 das Wetter stabil gut. Da kippte die verhasste Mauer unter dem Druck von fröhlichen Menschen, die zunächst „rüber“ gingen mit der freundlichen Drohung „Wir kommen wie­der!"; viele davon sind dann doch endgültig gegangen, dahin, wo es mehr Geld gibt und weniger Probleme. Bis nachts gegen zwei habe ich am Fernseher erlebt, wie – ausgelöst durch ein paar nebulöse und deutbare Sätze in einem Interview des Politbüromitglieds Schabowski - das Bauwerk von einer Flut fröhlicher Menschenmassen einfach überspült wurde, das mein Leben seit meinem 14. Lebensjahr so sehr geprägt hatte. Da kam die späte Erfüllung meiner 68er Träume: Wieder versam­melten sich - und diesmal siegreich - fröhliche Menschen auf Prager Stra­ßen, und die Tschechen hatten einen sympathischen Dissidenten-Präsi­denten; solch ein Analytiker mit Tiefgang und Durchblick hat uns in der „DDR“ sehr gefehlt.

Und noch vieles hat mir Spaß gemacht. Manchmal muss ich mich mit Ge­walt daran erinnern, dass es schon ein Wunder ist, als „OV" nicht vorsorg­lich in ein Lager gebracht worden zu sein. Ich war solch ein „Operativer Vorgang“ bei der Stasi. Der „Firma“ habe ich überhaupt einiges zu ver­danken; z.B. einen „Ehrendoktor-Titel“: Ich werde in meinen Stasi-Akten als „Dr. Krause“ geführt – hihi. Oder wie herrlich entkrampft das Verhältnis zwischen Ost und West ist, wenigstens im militäri­schen Bereich: keine Feinde weit und breit in Sicht, welch mühsames Geschäft für Generäle! Und gleich daneben auch Angst an der gleichen Stelle: Wie gestalten wir reich-gemachten Ossis und alle Deutschen unser neues Verhältnis zu den östlichen Nachbarn, die es ja mit einem Neu­anfang - ohne reichen West­onkel - noch viel schwerer haben? Schon zeigen es denen manche mei­ner Mitbürger gern: Dicke Brieftasche mit richtigem Geld – und nun tischt mal auf! In Tsche­chien kostet 1 x Mittagessen plus Getränke für die ganze Familie 5 DM.

Jaja, meine Mit-Ossis habens nicht leicht mit mir. Weil ich das Gerede von „Revolution“ nicht hö­ren kann (die Zeit war reif, Gorbi sei Dank); weil ich das Gejammere nur schwer ertrage vom Wie-sind-wir-doch-betrogen-wor­den (da haben doch viele ihr Schäfchen im Trockenen gehabt und sich selbst und andere kräftig mit betrogen); weil ich mir zwischen fast 16 Millionen Widerstandskämp­fern etwas merkwürdig vorkomme.

Dass viele auf die D-Mark hin gehofft und gewählt haben, ist mir irgendwo verständlich, wie auch das schnelle Lossagen von der eigenen Vergan­genheit. Aber dass die gewünschte Hochleistungsge­sellschaft ihre Kehr­seite hat, dass hartes Geld auch hart erarbeitet sein will, dass man nur aus ei­ner starken Position heraus ein großes Stück vom Kuchen kriegt - das haben viele sich nicht vor­stellen können und erleben es nun schmerz­lich am eigenen Leibe. Arbeitslosigkeit, mit der man nicht gelernt hat um­zugehen, die ist längst Realität in allen Nachbarhäusern. Die Industrie in unserer Heimat bricht flächendeckend zusammen. Fernost macht Textilien billiger und Trabis will  kei­ner mehr - also gibt es Zehntausende freige­setzte Arbeitskräfte und wenig Hoffnung auf eine schnelle Trendwende.

Da sind die vielen neuen Freiheiten und Werkzeuge, mit denen wir nicht gelernt haben umzugehen, z.B. Streiks. Der Reichsbahnstreik im Novem­ber brachte mir einen Zwangsaufenthalt im Westen ein. Ich denke da auch an Drogen, neue Kriminalität, PS-Raserei, Kreditversuchungen. Für mich ist das schon ein richtiger Kulturschock, was wir so erleben. Hineingewor­fen in eine völlig anders aufgebaute Gesellschaft - die gleiche Sprache kann da sehr irreführen-, die auf Hochtouren läuft, dazu noch belastet mit Sorgen um den Arbeitsplatz, Schwierigkeiten mit der eigenen Identität usw. - da fällt es schon schwer, innerhalb von wenigen Monaten all das zu verstehen und richtig anzuwenden, was die lieben Wessis im Laufe von 40 Jahren langsam und ohne Bruch gelernt haben. Wie fülle ich die vielen nicht vertrauten Formulare aus, um meine Rechte und Pflichten wahrzu­nehmen, wie gehe ich mit Konsum-Versuchungen um, ohne mich zu ver­schulden, wie lebe ich mit Risiko sinnvoll und wo wird´s gefährlich, wie beiße ich mich durch den für mich zutreffenden Berg von Gesetzen, wel­ches neue Amt ist wo und was muss ich dort ...? Da kriegt man schon manchmal seine Wut, wenn man aus Wessi-Mund erfährt, dass in der DDR eine ordentliche Verwaltung ja überhaupt erst einmal aufgebaut wer­den muss - das klingt, als kämen wir aus der Steinzeit, dabei hatten wir eine aufgeblähte, aber leider ungeeignete Büro­kratie deutschester Art . Und dass West-Fachleute in Justiz und Verwaltung unverzichtbar sind für die „FNL" (die „fünf neuen Länder“) - die kennen eben einfach ihr altes und unser gemeinsames neues System und wir nicht. Immer kriege ich gute Ratschläge von Wes­sis, die nichts, aber auch gar nichts neu lernen müssen, die so weiterleben dürfen wie ge­wohnt, da fühle ich mich doch bestraft von den neuen wie von den alten Besserwissern. Das ist auch die Quittung für 40 Jahre für­sorgliche staatliche Aufsicht mit Maulkorb, für das DDR-Leben ohne Risiko im warmen, wenn auch nicht zu komfortablen Nest.

Ich jammere dem Alten keine Träne nach, aber ich befürchte, wir werden noch viele Verschieden­heiten und Missverständnisse entdecken, ehe wir EIN VOLK sind. Die Losung „Wir sind  d a s  Volk" hat mir übrigens da­mals besser gefallen; aber das mit dem  e i n e n  Volk ist ja irgendwo auch sehr sehr normal, nur hatte man´s fast vergessen.

 

Hoch hinaus

Eines meiner Kinder hatte mir einen Zettel auf den Schreibtisch gelegt: Ich solle mal beim Bischof anrufen, es gehe um eine Terminabstimmung. Solche Kontakte gab es nicht allzu häufig. Ich suchte also die Telefonnummer heraus, griff nach dem Hörer und wählte. Zunächst knisterte es, dann meldete sich eine weibliche Stimme: „Hier Herrgott.“ Ich musste etwas schlucken und stotterte dann: „So weit nach oben wollte ich eigentlich gar nicht – kann ich vielleicht mal den Landesbischof sprechen?“ Die Verwirrung wurde aufgeklärt. Die Chefsekretärin des Bischofs hieß tatsächlich Herrgott.

 

Vereins-Vorsitz

Die Wendezeit brachte mir erstaunliche Ehrungen und neue Aufgaben ein.
So wurde ich für ein halbes Jahr Vorsitzender von GREENPEACE für das Land DDR - ein Land in Abwicklung. Das brachte erstaunliche und er­nüchternde Einsichten in das Machtgefüge und die Arbeitsweise eines Umweltkonzerns.

„Greenpeace DDR e.V.” wurde im Juni 1990 in Berlin als Verein gegrün­det. 17 Gründungs-Mitglie­der waren formell dabei, das war dann aber auch schon „Greenpeace DDR“ im eigentlichen Sinne. Alle Leute, die in der Folgezeit Mitglieder bei Greenpeace wurden, waren nur Mitgliedsbei­trag zahlende Fördermitglieder ohne Stimmrecht bei irgendetwas.

Ich wurde – für mich etwas überraschend – zum Vorstandsvorsitzenden gewählt, hatte aber, da die Geschäfte straff von Greenpeace International und aus Hamburg ferngesteuert wurden, in der Folgezeit kaum etwas zu entscheiden. Nur die Abwicklung des Vereins ein halbes Jahr später musste ich selbst tätigen. Das war relativ schwierig, weil das vor einem richtigen Notar passieren musste, mit Siegel und so, und ein solcher war 1990 in Ostdeutschland nur mühsam und erst in 30 Kilometern Entfernung zu finden.

 

Der tiefste Schacht Europas

Mit der Vereinigung übernahm die Bundesrepublik Deutschland-West auch die Zuständigkeit über einige schwierige Hinterlassenschaften der DDR im Umweltbereich. Dazu gehörte die „SDAG WISMUT“ (Sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft), ein Staat im Staat DDR, der bei der Gewin­nung von Uran ganze Landstriche verwüstet und durch radioaktive Altlas­ten verseucht hatte, und durch dessen hartes Arbeitsregime Tausende von Bergleuten zu Tode gekommen oder schwer geschä­digt worden wa­ren. Diese Vergangenheit galt es nun aufzuarbeiten, die Umweltschäden mussten saniert und den Geschädigten zu ihrem Recht verholfen werden.

Im Umweltministerium in Bonn hatte man anfangs kaum Vorstellungen vom tatsächlichen Umfang der anstehenden Aufgaben. „Wir dachten, wir schicken da mal ein paar Beamte hin, und dann läuft´s ...“ sagte mir später ein Ministerialer. Immer mehr Probleme wurden in der Presse publik, die Wut in der Bevölkerung wuchs. Umweltminister Töpfer kam nach Schneeberg, um sich selbst einen Eindruck von der Situation zu ver­schaffen. In einer bis auf den letzten Platz besetzten Kirche hörte er sich die Vorwürfe und Fragen der Bevölkerung an und versuchte, Antworten zu geben. Ein Verdacht, der ihm entgegenschlug, war: Könnte die WISMUT jetzt, in der unklaren Über­gangssituation, vielleicht belastende Unterlagen über die gesundheitlichen Auswirkungen des Uranbergbaus auf die Berg­leute und die Bevölkerung manipulieren oder verschwinden lassen? Töp­fer versprach, da schnell etwas zu tun.

Ein paar Tage später bekam ich aus heiterem Himmel einen Anruf aus dem Bonner Ministerium. Ob ich - doch wohl einigermaßen sachkundig im Uranbergbau, bekanntermaßen in kritischer Dis­tanz zum DDR-System und wegen meiner Tätigkeit bei der Kirche auch in einer neutralen Mittler-Position - mir vorstellen könne, Herrn Töpfer bei der Sicherung der Ge­sundheitsunterlagen der WISMUT zu beraten. Ich konnte, und dann saßen ein paar Tage später zwei Ministeriale in meinem heimatlichen Arbeits­zimmer und besprachen mit mir Genaueres. Dann musste ich noch „amt­lich“ beauftragt werden, was mir eine nächtliche Fahrt mit dem Zug im schwarzen Anzug nach Bonn einbrachte. Dort wurde ich sehr förmlich die Leiter der Hierarchie hochgereicht, plauderte also erst einmal eine halbe Stunde mit meinem Kontaktmann, dann wurde ich weitergereicht zum Abteilungs­leiter (der offensichtlich Schwierigkeiten damit hatte, dass auch ich Fragen stellte oder Position bezog), und dann saß ich endlich beim Staatssekretär, der mir feierlich eine Urkunde über meinen Beraterstatus aushändigte. Anschließend ging´s als Abschluss feierlich zum Essen, und obwohl das Lokal, wie sich herausstellte, nur einige Hundert Meter ent­fernt war, zwängten wir uns zu fünft in die gepanzerte Dienstlimousine des Ministeriums, fuhren um die Ecke, und dann tafelten und tranken wir aus­giebig.

Zu Hause angekommen habe ich mich dann in diese „ehrenamtliche Ne­bentätigkeit“ gestürzt. Erst nach und nach wurde mir die wirkliche Dimen­sion des Molochs WISMUT deutlich. Da gab es nicht nur Dutzende von Standorten, an denen im Laufe von 40 Jahren nach Uran gesucht und ge­graben worden war. Da gab es noch mehr Einrichtungen des eigenständi­gen „Gesundheitswesens WISMUT“: Arztpraxen, Ambulatorien, Poliklini­ken, Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen, Ar­chive usw.. Ich musste mir mühsam einen Überblick verschaffen; die WISMUT-Insider waren mit Unter­stützung sehr zurückhaltend. Und dann habe ich eine Einrichtung nach der anderen besucht und Berichte über den vorgefunde­nen Zustand geschrieben und Empfehlungen für die Sicherung der Akten gegeben. Zum Glück hat sich nach meinen Beobachtungen in keinem Fall der Ver­dacht bestätigt, dass gezielt gesundheitsrelevante Unterlagen „beiseite geschafft“ worden wären. Aber es gab schon manchen Miss­stand. Ich fand Karteikästen in der Besenkammer einer Baracke, es gab Einrichtungen, die hatten den Kumpels einfach „ihre“ Unterlagen mit nach Hause gegeben, ich musste einem ehemaligen WISMUT-Arzt seine halbe Krankenkartei wieder wegnehmen lassen; er hatte einfach die Akten aller Bergleute, die früher bei ihm in Behandlung waren, bei der Privatisie­rung seiner Praxis als Kundenstamm mit „übernommen“.

Der Briefbogen, auf dem ich zum „Beauftragten“ ernannt worden war, er­wies sich als ein General­schlüssel. Wo ich auch anklopfte im ehemals hermetisch abgeschlossenen „WISMUT“-Imperium – plötzlich öffneten sich mir alle Türen. Ich konnte - auch wenn es jetzt gleich sein sollte! - mit jedermann reden, ich durfte in Akten lesen, die mich interessierten und ich konnte besichtigen, was mir wichtig er­schien. So bin ich eines Tages auch noch zu der Ehre gekommen, in den tiefsten Schacht Eu­ropas einzufah­ren. In zwei Etappen ging es mit dem Fahrkorb bis auf 1800 Meter hinun­ter. Da es in dieser Tiefe eigentlich 60 oder 70 Grad heiß ist, gab es „im Berg“ eine gigantische Klimaanlage, die mit kalter Frischluft („Bewette­rung“) das Arbeits-Klima erträglich machte. Weil die Wege vom Fahr­schacht bis zum Arbeitsplatz oft mehrere Kilometer weit waren, fuhr da unten eine Kleinbahn. Und dann standen wir vor dem „Erz“. Von Uran wurde in der DDR nie gesprochen, bei der WISMUT war immer nur von „Erz“ oder „Metall“ die Rede. Mein Geigerzähler tickte nicht mehr, sondern ging zu einem fiependen Pfeifton über. Ich durfte auch einmal versuchen, mit einem der schweren Presslufthämmer ein Loch ins Gestein zu bohren und bekam ein Gespür dafür, welch harte Kno­chenarbeit das auch heute noch ist.

Ein andermal besuchte ich eine Abteilung, die sich mit den Berufskrank­heiten der Uranbergarbei­ter beschäftigt hatte. Etwas bedrückend war es schon, in nüchternem Mediziner-Latein Erläute­rungen zu Tausenden von Gewebe-Proben zu erhalten, wenn diese Präparate jeweils der Beleg für den tödlich verlaufenen Lungenkrebs eines Menschen sind.

Irgendwann später habe ich einmal auf einer Tagung vor Fachleuten über meine Recherche­ergebnisse berichten sollen. Ich hatte mir ein Stück Uranerz mitgebracht, das ich vor mir auf den Tisch legte. Im Laufe des Gesprächs holte ich meinen Geigerzähler aus der Tasche, um die vor­han­dene Radioaktivität „hörbar“ zu machen. Interessant war, wie meine Nachbarn zur Rechten und zur Linken, allesamt nüchterne Naturwissen­schaftler und beim Thema Strahlung eigentlich recht gelassen, von einer Sekunde auf die andere unruhig wurden und darum ersuchten, dass das Erzstück aus dem Raum verschwand. Über Strahlengefahren theoretisch zu reden oder ihnen wahrnehmbar zu begegnen, das war eben doch zweierlei.

 

Wissenschaft mit Wünschelrute

Ich wollte mich kundig machen, welche modernen Untersuchungsmetho­den und Messgeräte es gab, um Radioaktivität nachzuweisen, in der Luft, im Gestein, in Lebensmitteln. In Schlema im Erzgebirge existierte eine Ar­beitsgruppe, zusammengesetzt aus diplomierten und promovierten Natur­wissenschaftlern, die bereit waren, mich einen ganzen Tag lang zu betreuen.

Eines blieb mir besonders eindrücklich. Wir waren hinaus gefahren auf eine Bergwiese, um dort die Radonbelastung im Erdboden zu messen. Und damit wir ordentlich was messen konnten, sagte man mir, müssten wir an einer Spalte messen, wo der Untergrund zerklüftet war. Man zeigte mir zunächst, dass in der Landschaft in einigen hundert Metern Entfer­nung deutlich eine geologi­sche Verwerfung zu sehen war, eine Bruch­kante, an der sich schon vor langer Zeit Gesteins­schichten um hundert oder mehr Meter gegeneinander verschoben hatten.

Nun galt es, diesen Spalt auch in der Nähe zu orten, um Messungen durchzuführen. Um den Spalt zu finden, ging einer der Geologen an sein Auto und holte ein paar gebogene Drähte hervor. Als ich interessiert guckte, war es ihm irgendwie peinlich, aber er sagte: Das ist eine Wün­schelrute, das machen alle so, das funktioniert noch am besten. Wün­schelrute – das war für mich was Ver­dächtiges, aus dem Esoterikkabinett, und nun gar noch in der Hand eines WISMUT-Geologen? Die Wissen­schaftler bemerkten meine Irritation und meinten, das könne ich gleich auch selbst einmal ausprobieren. Auf der Wiese war ein Entwässerungs­system installiert worden, von dem nur im Ab­stand von jeweils einigen zig Metern Betondeckel zu sehen waren. Von einem dieser Gullys zum nächsten verliefen jeweils in gerader Linie Rohrleitungen, das war klar. Nun bekam ich die Wünschelruten in die Hand gedrückt; in diesem Fall waren es etwa 4 Millimeter dicke Drahtstan­gen aus Schweißdraht (Eisen), etwa 60 Zentimeter lang, davon die letzten 15 Zentimeter recht­winklig nach unten gebogen. Ich sollte in jede Hand einen der Drähte nehmen, die Hand um die kurze Seite geschlossen, locker, damit sich die Drähte be­wegen konnten. Nun wurde ich an eine Stelle geführt, die etwas außerhalb der Verbindungslinie zwischen zwei Gully-Öffnungen lag. Und dann hieß es: Einfach geradeaus losgehen, Stäbe voran. Es war verrückt, aber die langen Seiten der Stäbe bewegten sich nach einigen Schritten plötzlich erkennbar nach außen! Ich ging ein Stück weiter, versuchte es diesmal in der Gegenrichtung – und wieder kam ein Ausschlag, genau über der unter mir liegenden Wasserleitung.
Ich war etwas durcheinander.

Später zu Hause habe ich mir aus verschiedenen Metalldrähten solche Stäbe gebaut. Nur Eisen funktionierte gut. Ich bin im Garten umher ge­gangen, dort, wo wir vor 20 Jahren unsere Haus­wasserleitung vergraben hatten, ich habe die unterirdische Telefonleitung geortet, ich habe in ei­nem anderen Grundstück erfolgreich die Abwasserleitung gesucht, ich habe Mitmenschen die Drähte in die Hand gedrückt.

Der heiße Test fand statt, als Monate später mitten auf unserer großen Wiese plötzlich Wasser zutage trat. Die Vermutung war, es könne die alte Wasserleitung sein, die vom Sammelbecken hinten im Garten das Wasser ins Haus führte. Ich bin mit meinen Drähten ein paarmal hin- und herge­gangen, und dann habe ich mutig mit dem Spaten ein tiefes Loch gegra­ben. In anderthalb Metern Tiefe stieß ich tatsächlich auf die Leitung, die aus Eichenholzröhren gefügt war. Ich hatte mit meiner Wünschel­ruten­messung nur 10 Zentimeter daneben gelegen!

Fazit spielerischer Studien: Manchmal klappt´s und manchmal klappt´s nicht. Wenn ich sicher bin, dass da wirklich was zu finden ist, dann habe ich relativ gute Chancen, auch fündig zu werden. Ich würde mir aber nie wagen, für jemanden eine Wasserader oder Quelle zu suchen, wo der Erfolg unsicher und die (Fehl-)Investi­tionen erheblich sein könnten. Und ich habe festgestellt: Wer relativ locker rangeht, kann´s besser, als jemand, der verkrampft ist. Und bei benebeltem Kopf (Schnupfen z.B.) geht gar nichts.

 

1991 (aus meinem Jahresbrief)

Es war - den dürftigen Auskünften der Sippe nach - wohl ein recht unauf­fälliges Jahr, normal eben. Geschichten zum Lachen fallen mir keine ein, meinte meine Frau. Dieses Gefühl hab ich auch, obwohl ich mich und andere eigentlich recht oft in Hektik und Dauer-Stress erlebe, aber warum eigent­lich? Das wird an den Zeiten liegen. Der Umbruch greift doch viel tiefer in das Alltagsleben ein, als mancher zunächst gemeint hatte. Unsicherheit mit dem Arbeitsplatz, ständig sich verändernde Preise und Tarife, bisher unbekannte Formulare und Behörden in Hülle und Fülle, die vielen Dinge, um die man sich jetzt selbst kümmern darf, aber eben auch kümmern muss, das Balancie­ren zwischen notwendiger Hilfe und oft begleitender Bevormundung aus dem Westen - solch ein Leben strengt einfach an. Und so hat jeder viel mehr als früher mit sich selbst zu tun, einige Kon­takte sind eingeschlafen - mancher wird´s an ausbleibenden Briefen oder sparsame­ren Besuchen gemerkt haben. Und ein Thema ist in jeder Runde, in der man zusammensitzt, nach spätestens ein paar Minuten ganz vorn: GELD - woher, wieviel, wohin? Das hab ich früher bei Gesprä­chen im Westen nie verstanden, wie man um dieses eigentliche Hilfsmittel zum Leben so viel Gewese machen kann; jetzt hat´s auch uns voll er­wischt. ...

Wir stellen uns also um: auf neue Teesorten (passionierte Teetrinker wer­den es nachempfinden können, wenn die gewohnte Lieblingsmarke nicht mehr zu haben ist), auf neue Einkaufsgewohn­heiten (einmal in der Woche mit ein paar Kisten in den Supermarkt statt wie bisher täglich mit Körbchen und Plausch in den Dorf-„Konsum": der ist längst wegrationalisiert wor­den), auf mehr Ellenbogen im menschlichen Miteinander, auf mehr Selbstdarstellung (ich denke da an junge Möchte-gern-Manager in lila Modejäckchen). ...

Jammern kann man viel hören, ich kann´s manchmal nicht mehr erhören, dieses „Wie-haben-wir-doch-gelitten-wie-hat-man-uns-betrogen-wie-schlecht-gehts-uns-jetzt". Natürlich haben manche schreckliche Repres­sionen erdulden müssen, manche haben die Wahrheit wirklich nicht ge­wusst – (aber wo haben die eigentlich gelebt?). Einige finden sich nun am Sozialhilferand dieser reichen Gesell­schaft wieder. Aber die meisten ha­ben im „Sozialismus" in ihrer bequemen Nische gekuscht, und den meis­ten geht es jetzt materiell deutlich besser als vor einem Jahr. Die Bewälti­gung der Vergan­genheit, der eigenen kleinen wie der großen - mit all dem Stasi-Ballast -, wird uns noch eine Zeit­lang beschäftigen. Ich hoffe, dass wir uns auch die Zeit dafür nehmen und nicht zum zweitenmal in diesem Jahrhundert im Aufbruchsrausch alles verdrängen. ...

In diesem Sommer ist auch unser großer Teich vorm Haus verschwunden, schlicht eingetrocknet. Eines Tages wurden vom Pächter die großen Fi­sche gerettet, etwas später haben wir einige hundert Winzlinge, die in den letzten Pfützen strampelten, in den Bach befördert - und dann blieb tief aufgerissener Schlamm übrig. Es sah aus wie auf manchen Fotos aus Dürregebieten. Nun jammern die Kinder im Dorf, weil erstmals seit Jahren das beliebte Schlittschuhfahren ausfällt. Bange Frage: War´s nun schon der Treibhauseffekt oder war´s nur ein normaler Schlenker im Wetterge­schehen?

 

1992 (aus meinem Jahresbrief)

... Ich fahre dann gleich zu einem Seminar, bei dem wir nicht nur an Adventsplätzchen knabbern wollen, sondern an der Frage, wie das ei­gent­lich mit dem Christ-Sein in der Marktwirtschaft aussieht: Kann sie wirklich so „sozial" und „ökologisch" gemacht werden - und wie geht das? -, dass man laut JA sagen kann ? Und wenn nicht, was dann ...? Jedenfalls ist das schon spannend, mitten im weihnacht­li­chen Marktgetümmel solches zu tun. Es haben sich übrigens ganze sieben Leute zum Seminar gemel­det; die anderen haben offensichtlich mit dem Glück und mit den Tücken prakti­scher Marktwirtschaft genug zu tun. ...

Eindrücke: Das Leben ist hektischer geworden. Die Kontakte un­tereinan­der sind seltener geworden, im Dorf, aber leider auch zu manchen von Euch – haben wir wirklich keine Zeit ...? Beim Zahnarzt wird jetzt manch­mal bar gezahlt. Wenn man schon mal auf die Autobahn muss, trifft man auf LKW in lüc­kenloser Schlange, die die Seg­nungen des Westens in den Osten fah­ren. In der Gegenrichtung nach Westen fahren die Pendler und die Weg­zieher - die Jungen, die Beweglichen - auf der Suche nach Arbeit und mehr Geld. Wenn ich Ter­mine in hundert Kilometern Entfernung habe, brauchte ich früher mit dem Trabi anderthalb Stun­den, jetzt muss ich zwei Stunden zusätzlich (!) einplanen, um trotz Verkehrschaos und Umleitun­gen rechtzeitig dazusein (Aufschwung Ost?). Der Wohl­standsmüll ver­stopft die Täler. Wir lesen weniger, meist nur noch irgendwelche Formu­lare, die uns die Bürokratie schickt. Trotz ge­stiegener Miete (jetzt 500 Mark West statt 39 Mark Ost vor vier Jahren) und ähn­licher dramatischer Veränderungen - es geht uns gut. Materiell besser als in der alten Zeit, wir haben Arbeit (schon ein Wert an sich), die auch noch Spaß macht. ...

Manchmal sind es auch ganz kleine Dinge, die uns froh machen. So steht in unserer bisher im Winter wegen eisiger Kälte kaum nutzba­ren Küche jetzt ein von Nachbarn ausrangierter Dauer­brandofen (25 Jahre alt!), es ist gemütlicher geworden. Noch knarrt im Wohnzimmer vor dem Kachelofen die Ofenbank, nächstes Jahr soll im Haus eine Heizung gebaut werden. Jemand hat uns aus gehamster­ten DDR-Alt-Bestän­den ein neues (ge­ruch-dichteres) Becken für unser Plumps-Klo ver­sorgt  - bis bald auch hier ein WC sein soll.

 

1993 (aus meinem Jahresbrief)

Idyllisches Landleben in Schönberg? In diesem Jahr auch Alarm, der uns ziemlich in Trab gebracht hat. Wir erfuhren nur durch Zufall, dass eine wildgewordene West-Firma den Antrag gestellt hatte, das ganze Gebiet zwischen Meerane und Schönberg bei der Suche nach Kies, Lehm, Kalk­stein usw. in einen 340 Hektar großen Ta­gebau zu verwandeln, und der sollte gleich hinter „unserem“ Teich beginnen. Große Aufregung, Grün­dung einer Bür­gerinitiative, Suche nach Verbünde­ten in den Verwaltun­gen, Briefe, Zeitungsartikel, Unterschriftensamm­lungen ... Wir immer mit­tendrin, selbst Karen – unsere Jüngste - trat eines Morgens im Nachthemd durch die Küchentür und sprach: „Ich komme wegen dem Ge­steinsabbau und möchte Unter­schriften sammeln." Nebenher war es interessant zu beobachten, wie die Leute im Dorf, weil es um ihre Hei­mat ging, aus dem gewohnten Trott kamen, sich interessierten und auch engagierten. Eine wichtige Erfahrung für uns brachten auch die kleinen Gespräche an den Haustüren beim Un­terschriftensammeln - man redete mit Leuten, zu de­nen es sonst kaum Kon­takte gegeben hätte, nicht nur über Gesteins­abbau, sondern auch über Ar­beit, Familiäres; es war spannend. Und es war hektisch und schön alter­nativ: Der Landesbeauftragte (der ich bin) fuhr in bunten Bermuda­shorts und grellrotem T-Shirt nebst Gattin auf dem Fahrrad in die Stadtverwal­tung, und dort war Krisensitzung mit dem Bür­germeister, der nebenbei sein Schnitzel „mampfte" ... Aber das gute Fazit nach all der Aufregung lautet: Der Aufstand hat sich gelohnt, die Bagger kommen endgültig nicht!

XIV 1148/83 - sagt das jemandem was? Oder die Erläuterung „OV Grü­ner", TV 4 im ZOV „Kon­flikt"? Für mich waren das auch Böhmische Dör­fer, bis ich im Frühjahr anfing, meine Stasi-Akten zu lesen. 1993 auch als Jahr der Akten. Da fand sich - in vier „Vorgängen" seit 1968 zusammen­getra­gen - viel Banales und Belangloses, Dummes, Bösartiges und Giftiges, neben- und durchein­ander, es gab Wahres und Falsches. Namen von Informanten tauchten auf, auch aus dem nähe­ren Umfeld, z.B.███████████████ Mit solchen schwarzen Bal­ken ist in den Ak­ten das ge­löscht, was den Le­ser nichts angeht, also mach ich´s auch hier so, weil´s nicht so wichtig ist und nicht weiterhilft. Schmerzlich und das Haupt-Problem war eigentlich, dass wir zwar gerne ab­schließend mit ei­nigen hätten re­den wollen, damit man normal weiter miteinander leben kann, dass ein sol­ches Gespräch aber nicht zustande­kommt.
(Späterer Nachtrag: Ich habe den Stasi­hauptmann, der mich in Berlin jahrelang in einem „Zentralen Operativen Vorgang“ bearbeitet hat, nach der Wende mal bei einer Buchlesung getroffen. Dort stellte er seine Lesart der Dinge dar, konnte sich an vieles erst erinnern, wenn man faktensicher bohrte, Wahrheit scheibchenweise. Und er schrieb mir als Widmung in sein Buch „Mit frdl. Grüßen“!)

 

Der Bock als Gärtner

Ich saß in der Bezirksstelle der Gauck-Behörde und las in meinen Stasi­akten. Der für mich zu­ständige Bearbeiter hatte mir ein Formular auf den Tisch gelegt. Wenn ich bei der Lektüre auf Decknamen stoßen sollte, die ich entschlüsseln konnte, sollte ich das aufschreiben. An einer Stelle der Akte berichtete ein „IM“, dass er gezielt Kontakt mit mir gesucht hatte, und dass wir uns dann tatsächlich auch einmal getroffen und unterhalten hat­ten. Die Schilderung war so präzise, dass mir der Vorgang wieder klar vor Augen stand: Da war ich bei einem Arzt gewesen, der sich lange um einen Gesprächstermin bemüht hatte, und der sich nun mit mir ausführlich über Umwelt­probleme in der DDR unterhielt. Der Name fiel mir auch ein, und ich schrieb ihn in das Formular. Als der Bearbeiter den Zettel an sich nahm, stutzte er und meinte, das könne nicht stimmen. Er lief weg, kam nach 10 Minuten wieder und sagte: Sie hatten recht. Peinlich. Der von mir „enttarnte“ IM arbeitete inzwischen als Betriebsarzt bei der Gauck-Be­hörde.

 

Vom Kiffen und Bremsen

Eines Tages kam Besuch für mich. Zwei Leute klingelten uns früh aus dem Bett. Polizeiausweis, Haus­suchungsbefehl, Verstoß gegen das Betäu­bungsmittelgesetz - eine Anzeige läge vor. Die aber hatte ich - in Doof­heit und Unkenntnis der Gesetze - selbst erstattet! Ich hatte näm­lich in der Zeitung gele­sen, dass der Anbau von Hanf, soweit er kein THC enthält (Tetrahydrocannabinol ist der Hauptwirkstoff von Cannabis / (Haschisch), also zum Rauchen als Marihuana nicht geeignet ist, in Deutsch­land nicht mehr genehmigungspflich­tig ist, sondern nur noch „angezeigt" werden muss. Zusammen mit einem Buch über die Wunder­pflanze Hanf hatte ich ein Tütchen Samen erhalten, ich wollte die Pflanzen einmal wachsen sehen und habe die Körnchen in die Erde gestreut. Und dann hatte ich, um nichts falsch zu machen, in deutscher Gründlich­keit der Be­hörde davon Mitteilung gemacht. An der fraglichen Stelle im Garten, wo nichts gewachsen war, hat die Kripo sich das „nichts" zeigen und erläutern lassen. Ich musste danach noch zu einer amtlichen Vernehmung reisen, und Monate später be­kam ich es schriftlich, dass außer Spesen nichts gewesen war.

Endlich hat sich für mich auch ein (Alp-)Traum erfüllt. Ich wollte immer schon wissen, wie das ist, wenn man im Zug die Notbremse zieht. Das weiß ich jetzt. Ich saß etwas aufgeregt in einem Zug, weil ich Angst hatte, meinen Anschlusszug nach Hause nicht mehr zu erreichen. Als nun der Zug auch noch – kurz vor dem Dresdner Hauptbahnhof - auf freier Strecke anhielt, wollte ich sehen, was los war, griff blind nach oben und zog den vermeintlichen Fensterriegel nach unten - es war aber der Griff der Not­bremse, den ich erwischt hatte. Großes Zischen setzte ein, Bremsen­gerumpel. Ich hatte erst einen Fluchtreflex, fand aber dann doch den Weg zum Zug­begleiter, der noch gar nichts bemerkt hatte, der Lok­führer kam aber schon gesaust, und zum Glück ließ sich der Schaden so schnell be­heben, dass wohl keiner der anderen Fahrgäste überhaupt etwas mitbe­kommen hat. Also hatte ich den „Test“ doch recht geschickt gemacht! Natürlich wurde noch ein Protokoll ausgefüllt wegen möglicher Scha­densforderungen, aber da kam später nichts mehr nach ...

1998 (aus meinem Jahresbrief)

... Irgendwann im Frühsommer lag eine Gruppe jugendlicher Entde­cker bäuchlings am Teichufer und staunte, was da im flachen Wasser alles krabbelte und schlän­gelte und ruderte. Mein Töchterchen hat dann mit mir ein altes Aquarium mit Steinen und Wasser gefüllt und es wohnlich mit Wasser­pflanzen eingerichtet. Ein paar „Froschkinder“ (Kaulquappen) wurden vor­sichtig eingefangen und zusammen mit Schnecken, Wasserkäfern und weite­ren Krabbeltieren in die neue Heimat umquartiert. Als Ehren­gäste - und ziemlich mühsam zu fangen - nahmen wir noch ein Pärchen Teich-Molche mit. Das Männ­chen entpuppte sich als ein kampflustiger kleiner Drache mit gespreiztem Kamm, schwarz-weiß ge­streiftem Gesicht und einem himmelblau-orangenen Bauch. In den nächsten Tagen drückten neugierige Kinder sich die Nasen an der Glasscheibe platt. Bald wuchsen den ersten Froschbabys Beine ... Für mich war das alles nach 45 Jahren eine schöne zweite Entdeckungsreise durch die Natur gleich vor der Haustür.

 

Loslassen

1999: Neulich bin ich nachts gegen vier Uhr aufgewacht. Und dann habe ich gewartet auf das, was immer um diese Zeit passiert: dass der alte Trabi vorfährt, dass später in der Wohnung die Türen kra­chen, geschäf­tiges Teller-Klappern in der Küche einsetzt. Ich wollte mich wie immer kurz ärgern - aber es ist diesmal still geblieben.

Eigentlich hatten wir uns schon fast damit abgefunden, mit den Turbulen­zen, die das Zusammen­leben mit erwachsen werdenden Kindern bringt. Manchmal kann einen das schon nerven, diese Zeit der Umbrüche, des Ausprobierens, die quälend langen Monate zwischen Schule und Bun­deswehr und Beruf und Studium. Wenn die groß gewordenen „Kinder“ zwar noch im elterlichen Hause sind, aber so ganz anders leben, ihren völlig eigenen Rhythmus haben, nachts spät oder gar nicht nach Hause kommen, dafür mittags noch im Bett liegen. Computer-Partys, Disco, Sport - immer unterwegs, nie richtig zu greifen, für häusliche Pflichten schon gar nicht zu begeistern. Manchmal kommen wir Eltern uns ein wenig vor wie Verpflegungsstelle und Hotel und Wäsche-Service: alles organisieren, aber ja keine Fragen stellen oder Ratschläge geben! Die bange Frage taucht auf: Haben wir was falsch gemacht? Und dann wünscht man den Kindern (und sich selbst): Flieg doch endlich aus, bloß raus aus dem Nest, mach endlich alleine, was dir Spaß macht ...!

Und eines Tages ist es dann wirklich so weit. Der Termin für den Studien­beginn oder die Auf­nahme einer „richtigen“ Arbeit ist da. Umzug, ein eige­nes Zimmer ist gemietet. Im bisherigen Kin­derzimmer wird sortiert und ausgemistet. Wäsche und andere nützliche Dinge wandern päck­chen­weise aus dem Haus. Anderes nimmt seinen Weg auf den Dachboden, dorthin, wo schon das alte Spielzeug aus Kindertagen liegt, wo die Schul­hefte verstauben - Erinnerungen an frühere Ab­schiede.

Elterliche Augen verfolgen aufmerksam jeden Schritt (sie dürfen sich´s nur nicht anmerken las­sen!). Bange Fragen: Was erwartet unsere Kinder da draußen? Haben wir sie genügend darauf vorbereitet, nun auf eigenen Füßen zu stehen, wirklich für sich selbst verantwortlich zu sein?
Und was wird aus uns Zurückbleibenden? Der Abschied war ersehnt und doch ist er schmerzlich. Bedeutet der frei gewordene Platz am Tisch mehr Erleichterung und Freiheit, oder ziehen nun auch Leere und Einsamkeit ein?
Abschied nehmen, loslassen, Neues beginnen - das gehört zum Kreislauf des Lebens.

Mach´s gut, „Kind“, du darfst gehen, du wirst ankommen, unsere Gedan­ken begleiten dich und gute Wünsche sowieso.

Wir halten erst einmal ein Zimmer und ein Bett frei. Vielleicht schreckt uns demnächst nachts wie­der das Aufheulen eines Trabi-Motors hoch. Dann wird auf jeden Fall vieles anders sein.

 

Beruf: Nachdenken über Gott und die Welt

Seit 1982 bin ich im Auftrag meiner sächsischen Landeskirche tätig als „Beauftragter für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt.“

Im Alltag bedeutet das hauptsächlich, dass ich im Lande unterwegs bin. Ich werde eingeladen von Menschen, die in dieser Welt hier und heute leben, und die Antworten suchen auf ihre Fragen. Ich habe die Antworten oft auch nicht, aber ich stehe zur Verfügung, um Informationen zu geben und die Nachdenklichkeit zu befördern. In Gesprächsrunden und Seminaren oder bei Fortbildungen ging es dabei in den letzten Jahren z.B. um folgende Themen:

·         „Gentechnik – Frevel oder Fortschritt?“

·         „Lebensstil – gut leben statt viel haben!“

·         „Wir sind Sternenstaub – der Mensch im Kosmos“

·         „Schöpfung contra Evolution? – Glaube und Naturwissenschaft zwischen Weltbildern und Bibelverständnissen, Ideologie und Ethik“

·         „Hirnforschung und Willensfreiheit“

·         „Wie viele Menschen (er-)trägt die Erde?“

·         „Organspende – Pflicht aus Nächstenliebe oder Verstoß gegen die Menschenwürde?“

·         „Unter die Lupe genommen – Biomedizin, Gentechnik, Ethik“

·         „Ist die Welt ein Würfelspiel? – Entdeckungen der Chaosforschung“

·         „In Würde sterben – Sterbebegleitung, Sterbehilfe, Euthanasie“

·         „Klimawandel – vom Menschen verursacht?“

Mal bin ich bei Jugendlichen, mal in einem Akademikerkreis, mal bei Senioren. Immer erlebe ich andere Menschen, werden mir neue Aspekte deutlich, stellen sich unerwartete Fragen. Die begonnenen Gespräche führe ich auch auf meiner Internetseite www.krause-schoenberg.de weiter.

Ich muss schon von Berufs wegen neugierig bleiben.