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weitere Infos zum Buch „Fremde Eltern“

 

 

 

Berichte über Lesungen und Rezensionen

zum Buch „Fremde Eltern“

 

 

Zu einzelnen ausgewählten Beiträgen bitte hier klicken:

Der Spiegel 5.11.16 (Rezension)

MDR-Kulturwerkstatt 2.5.17 (Lesung und Gespräch 72 Minuten)

MDR-TV Nah dran 30.3.17 (Filmbeitrag 8 Minuten)

MDR-Kultur 9.10.16 (Rezension 4 Minuten)

Dresdner Neueste Nachrichten 24.4.17 (Rezension)

Leipziger Internetzeitung 5.9.16 (Rezension)

Freie Presse Chemnitz 3.2.17 (Rezension)

Der Sonntag, Sachsen, 9.10.16 (Rezension)

Blog-Beitrag Hans-Jürgen Zeis 27.8.16

CyberSAX Online Stadtmagazin Dresden April 2017 (Gespräch mit dem Autor)

Freie Presse Glauchau 8.10.2016 (Bericht von der Buchpremiere in der Stadtbibliothek Meerane)

Nachwort im Buch „Fremde Eltern“ von Christoph Dieckmann

 

 

 

 

DER SPIEGEL, 5.11.2016, Seite 54-55

 

 

Eine sächsische Familie

Nationalsozialismus

Seine Eltern hielt Joachim Krause stets für aufrechte, linke Pfarrersleute. Bis er auf dem Dachboden Briefe entdeckte, die ihre Verwicklungen in der NS-Zeit offenbaren.

 

Darf man das Briefgeheimnis seiner verstorbenen Eltern brechen? Darf man Mutter und Vater mit ihren eigenen Tagebuchnotizen bloßstellen, Verstorbene, die keine Chance mehr haben, sich zu erklären?

So haben die Geschwister Joachim, Ursula und Michael wieder und wieder diskutiert. „Das schlechte Gewissen plagte mich“, so Ursula, „dass Leser, die meine Eltern nicht persönlich kennengelernt haben, den ausschließlich dunklen Blickwinkel auf sie be­kommen würden.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pastorensohn Krause

„Wie schnell Menschen dem Hass verfallen“

 

 

Jahrzehntelang hatten auf dem Dachboden des Elternhauses in einem Dorf in Sach­sen einige Kartons und Kisten gestanden, sie waren ungeöffnet geblieben, solange die Eltern lebten. Im Jahr 2000 starb der evangelische Theologe Christian Krause, fünf Jahre nach seiner Frau Margarete.

Erst 2012 nahm sich Sohn Joachim der aufbewahrten Papiere an, sortierte, arbeitete monatelang die Dokumente durch, schrieb ab, machte Altes wieder lesbar, allein mehr als 1800 Briefe studierte er. Am Ende stand eine erschütternde Einsicht. „Ich habe meine Eltern dadurch noch einmal ganz neu kennengelernt“, sagt Joachim Krause, 69, Theologe wie sein Vater.

Weder er noch seine beiden Geschwister ahnten: Mutter Margarete, die so freund­liche Pfarrfrau, war einst eine fanatische Anhängerin Hitlers; Vater Christian war zu­mindest zeitweilig dem Faschismus verfallen; dessen Bruder Helmut ganz und gar. Joachim Krause hat die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe nun zu einem erschüt­ternden Buch zusammengestellt*.

Die Dokumente aus dem sächsischen Pfarrhaus lassen einen Einblick in das See­lenleben von Menschen aus gutbürgerlicher Familie zu, die – unterschiedlich stark - für Hitler schwärmten. Sie zeigen, wie Menschen verrohen können, belesene und christlich erzogene Bürgerkinder.

Insofern, meint Autor Krause, habe das Buch auch aktuelle Bezüge. Nicht zuletzt in Sachsen. „Wir sehen doch gerade, wie schnell manche Menschen die Fassung ver­lieren und dem Hass verfallen.“

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wird, sind Christian, Helmut und Margarete auf dem Weg zum Abitur. Die Brüder leben in der sächsischen Industrie­stadt Meerane. Der Vater von Christian und Helmut ist Lehrer, die Familie fest ver­wurzelt in der evangelischen Kirche, schon einer der Großväter war Pfarrer.

Christian, der Theologie studieren will, ist konservativ-national gesinnt. Aber er zweifelt an der neuen Ordnung: Er bekenne sich „mehr oder weniger freiwillig zum Nationalsozialismus“, schreibt er 1933, werde aber „immer in politischer Kritik meine eigene Meinung sagen“.

Schon ein halbes Jahr später hat der junge Mann seine Meinung scheinbar gewechselt. „Führertum gibt Kraft“, notiert er nun in seinem Tagebuch. Christian meldet sich freiwillig für ein Jahr zur Reichswehr, erst danach will er das begonnene Theologiestudium fortsetzen. Sein Bruder Helmut hat sich bereits für die Laufbahn in der Ar­mee entschieden. Margarete schreibt zu diesem Zeitpunkt viele Briefe an Christian, die beiden haben sich bei Jugend-Wanderfahrten kennengelernt. Sie notiert: „Deutschland lässt sich nichts mehr gefallen … Ich vertraue dabei fest auf Hitler. Er wird mit Gottes Hilfe unser Volk den rechten Weg führen.“

Aber Christians Weg führt in die Schweiz, wo er 1936 an der Universität Zürich ein Semester lang studiert. Und wieder ins Zweifeln kommt. „Wenn man im Reich ist, glaubt man, so fest als Nationalsozialist zu stehen, und nun fängt das Gebäude auf einmal an zu Wanken: Juden und Nächstenliebe. Was soll aus ihnen werden?“

Der angehende Theologe schwankt, auch als er zurück nach Sachsen kommt. Chris­tian tritt dem Nationalsozialistischen Studentenbund bei, fliegt jedoch wieder raus. Er wird Mitglied der Bekennenden Kirche, die den totalen Anspruch des „Führers“ nicht akzeptiert. Einerseits sieht er im Nationalsozialismus einen Schutz vor dem Bolschewismus, andererseits will er gegen den nun herrschenden „antichristlichen Geist“ protestieren. Deshalb verteilt er Flugblätter für die Bekennende Kirche.

Im April 1937 wird er von der Gestapo vernommen, er soll seine Begleiter verraten. Erst schweigt Christian, dann wird ihm ein Deal vorgeschlagen. Wenn er die Namen nenne, werde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Er nimmt das Angebot an.

Tagebücher, Briefe, Aufzeichnungen aus dem „Dritten Reich“ haben Forschung und Gesellschaft in der Vergangenheit intensiv beschäftigt. Durch Anne Frank wurde das Leben einer Verfolgten bekannt. Die Notizen des Naziideologen Alfred Rosenberg offenbarten das Denken eines Haupttäters jener Zeit.

Relativ selten sind hingegen Zeugnisse, die Einsichten in das Seelenleben einer normalen Familie gewähren, obgleich Millionen Menschen den Weg der Krauses gingen, vom zögerlichen, auch zweifelnden Anhänger bis zum glühenden Nazi.

Zahllose Deutsche dürften in ihrer Familiengeschichte ähnliche Entwicklungen finden und wären von ihren Eltern oder Großeltern vermutlich ebenso überrascht wie die Krause-Kinder - wenn sie denn auf dem eigenen Dachboden noch entsprechende Schriftstücke fänden.

Als sich Joachim Krause und seine Geschwister über die Papiere beugten, erschra­ken sie darüber, welche Rolle Nationalismus und Ausgrenzung im Leben ihrer Eltern und ihres Onkels spielten.

Vor allem ihre Mutter Margarete heißt als junge Frau alles gut, was die Nazis treiben. „Mit heißer Anteilnahme und Freude“ verfolgt sie im März 1939 den Einmarsch deut­scher Truppen in Böhmen und Mähren. „Ach dabei sein können!“ Christians Bruder Helmut ist bei diesem Einmarsch bereits als Offizier beteiligt. Stolz berichtet er Mar­garete: „Ich führte eine selbstständige Einheit … Der Jubel der Deutschen

war unbeschreiblich … Das deutsche Volk ist das größte der Welt!“

Als Hitlers Truppen am 1. September 1939 in Polen einfallen, jubelt Margarete: „Und nun geht es Schlag auf Schlag! Alles versinkt, und es bleibt nur ein Gedanke: Deutschland – Führer!“ Offizier Helmut schreibt von der Front: „Das Schicksal Polens hat sich erfüllt." Und er schickt Fotos nach Hause: von einem brennenden polnischen Dorf und jubelnden Menschen am Straßenrand. Zu Letzterem notiert er als Bildunter­schrift: „Jüdische Heuchler!“

Nichts davon war später, nach 1945, in der Familie zum Thema geworden. „Ich war irgendwie intuitiv überzeugt“, sagt Joachim Krause, „dass meine Eltern immer, und natürlich auch in der Nazizeit, auf der richtigen' Seite gestanden hatten.“ Er habe in ihnen „viel mehr Opfer als etwa Täter“ gesehen.

Zu seiner Jugendzeit schauten sie sich in der Familie Dokumentationen etwa über den Eichmann-Prozess an, außerdem Spielfilme über die Nazizeit. Über die eigene Beteiligung jedoch verloren die Eltern dabei kein Wort. Joachim Krause beschreibt in seinem Buch das Denken im Pfarrhaus so: „Holocaust, Krieg, das war natürlich pas­siert und das war schrecklich, aber es War NICHT unsere Schuld und NICHT unser Erbe - das betraf allein dieses andere ,Deutschlandʻ, da drüben im Westen.“

Ähnlich erinnert sich seine Schwester Ursula. Die Mutter habe ihr zur Schulzeit das Tagebuch von Anne Frank geschenkt. Als Pfarrfrau habe sich Margarete über die Judenverfolgung zutiefst erschüttert gezeigt und beteuert, „sie habe von alldem nichts gewusst“. Und der Vater? Er habe in den Sechziger- und Siebzigerjahren „in seinen Kirchgemeinde-Kreisen das aufrichtige und konsequente Verhalten“ des von den Nazis hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer und der Geschwister Scholl gelobt.

In den Briefen und Tagebüchern klingt er anders. „Dieser Kampf gegen den Bol­schewismus hat schon seinen Sinn“, berichtet Christian Krause 1941 als Soldat von der russischen Front. Das Theologiestudium liegt größtenteils gerade hinter ihm, nun schreibt er aus der Schlacht: „Es ist doch Tatsache, dass auch wir lieber Tote als Gefangene machen. Diese machen viel zu viele Scherereien. Besonders mit den Juden wird es nicht so genau genommen. Und ich sehe ein, dass es nötig ist. Wenn die Träger des Bolschewismus nicht brutal ausgerottet werden, wird nie Ruhe und Sicherheit in der Sowjetunion einkehren.“

So wird der Leser des Buches mit hineingezogen in den Krieg und in die unter­schiedlich starke Beteiligung der drei beinahe Gleichaltrigen. Dieser Krieg und die Kriegspropaganda scheinen wie Strudel zu sein, die alles mit sich reißen. Helmut schreibt im September 1941: „Im Westen kämpfen wir gegen die Neger, im Osten gegen die Bolschewisten und Mongolen und überall gegen die Juden.“ Im Oktober fällt er in diesem Kampf. Die gedruckte Mitteilung der Eltern zum Tod lautet: „Er hat, in zweijährigem Kampf für Führer und Vaterland an allen Fronten stehend, bis zu seinem letzten Atemzuge in treuer Pflichterfüllung und in Ergebenheit in Gottes Wil­len gekämpft.“

Christian erhält 1942 einen Heimaturlaub, von Stalingrad geht es zur Zweiten Theo­logischen Prüfung nach Dresden. 1943 heiratet er Margarete, 1945 gerät er in ameri­kanische Gefangenschaft. Bis zuletzt wehrt sich seine Frau gegen den Gedanken an die Niederlage Nazideutschlands. Noch im April 1945 notiert sie: „Jeder Tag zeigt deutlicher, wie sich die Geister scheiden. Es ist traurig, dass so viele schwankend und unzuverlässig sind.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hochzeitspaar Margarete, Christian Krause 1943:

„Führertum gibt Kraft“

 

Im Mai 1946 übernimmt Christian Krause eine Pfarrstelle in Meerane. Am 16. Januar 1948 durchläuft er ein Entnazifizierungsverfahren, er darf Pfarrer bleiben. Die Auf­zeichnungen enden.

Aber nicht das Buch. Die Kinder Joachim, Ursula und Michael haben ihre Einsichten und Fragen nach der Lektüre der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen zu Papier gebracht.

Joachim fragt sich, wie er als Jugendlicher auf diese Familiengeschichte reagiert hätte. Er glaubt: „totales Unverständnis, Türenknallen, vielleicht sogar Auszug aus dem elterlichen Haus“.

Und heute, nach der Lektüre? „Ich bin vorsichtiger geworden beim Bewerten und Beurteilen, und zum Verurteilen sehe ich mich schon gar nicht berechtigt“, sagt er. „Immer wieder hat mich die Frage beschäftigt: Wie hätte ich mich wohl damals ver­halten? Ich weiß es nicht.“

 

Stefan Berg

 

* Joachim Krause (Hg.): „Fremde Eltern: Zeitgeschichte in Tagebüchern und Briefen 1933-1945“. Sax; 408 Seiten; 24,80 Euro

 

 

2.5.2017

Gespräch über das Buch und ausführliche Leseproben in der KulturWerkstatt bei MDR-Kultur (72 Minuten)

Hier anhören: http://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/fremde-eltern-buch-100.html 

 

 

30.3.2017

Vorstellung des Buches im MDR TV – Reihe „Nah dran“ (7 Minuten)

Mediathek: http://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/a-z/video-94626_zc-ca8ec3f4_zs-73445a6d.html

 

 

9.10.2016

Vorstellung des Buches in MDR-Kultur (4 Minuten)

Hier anhören: http://www.krause-schoenberg.de/meinefremdeneltern-mdr9-10-16.mp3

 

Hier der Text des vorstehenden Beitrages:

Margarete, die Arzttochter aus dem Dorf Ehrenhain, und Christian, Lehrerssohn aus dem nahe gelegenen Meerane, lernten sich bei Jugendwanderfahrten kennen. 1933 – sie war 18, er 19 – sprachen sie das erste Mal von Liebe. Allerdings (C.:) „Ich darf sie nicht küssen, ich darf sie nicht umfangen.“ (M.:) „Reinbleiben und Reifwerden.“

Zwei Jahre später ist nur noch von Kameradschaft die Rede. Denn Christian will Pfarrer werden, und Margarete muss feststellen, dass sie einen anderen als Gott verehrt: „Ich bin kein Christ und werde es niemals werden. Ich vertraue fest auf Hitler. Es ist wunderbar, welche Kraft von ihm ausgeht.“ Christian unterbricht sein Theologiestudium und macht ein Freiwilligenjahr bei der Reichswehr. Danach will er ganz hinschmeißen und Förster werden. Briefe der Eltern führen ihn zurück auf den richtigen Weg, an den ihn auch sein Großvater rührselig erinnert: „Mir hast du nach Großmutters Tode, während der Ferien, immer im Bett ins Ohr geflüstert: Großvater, ich möchte gern Pastor werden.“ Der Großvater, der selber Pfarrer war, hatte Christian gleich 1933 ermuntert, in Augustusburg an einem Theologenlehrgang unterm Hakenkreuz teilzunehmen. Christian erwies sich als folgsam, entschied sich später aber eben nicht für die NS-treuen „Deutschen Christen“, sondern für die „Bekennende Kirche“. Zeitweise arbeitet er in einem kirchlichen Heim für Behinderte. Als die Synagogen angezündet wurden, notierte er in sein Tagebuch: „Eine Kulturschande! Mein deutsches Volk!“

Gänzlich anders dachte sein jüngerer Bruder Helmut, der nach dem Abitur Berufssoldat wurde. Von Anfang an mischte er an allen Fronten mit: „Im Westen kämpfen wir gegen die Neger, im Osten gegen die Bolschewisten und Mongolen, und überall gegen die Juden.“ In diesen strammen Offizier, der auf Fotos noch wie der Junge aussieht, den sie einstmals kannte, verliebt sich Margarete. Diesmal sind ihre Gefühle völlig andere: „Mein Herz geht rasend. Lieber heute Kriegstrauung als morgen!“ Sie ist inzwischen Landwirtschaftslehrerin für die deutschstämmigen Zuwanderer im besetzten Polen. Anders als mit Christian fühlt sie sich mit Helmut ganz als Teil der nationalsozialistischen Bewegung. Aber wirkliche Liebesbriefe bekommt sie von ihm nicht. 1941 fällt er in Russland.

Ein halbes Jahr später schreibt Margarete erstmals wieder an Christian, der ebenfalls in Russland ist. Am Ende des Buches sieht man die beiden auf einem Foto von 1993: Der Pfarrer und die Frau Pfarrerin feiern Goldene Hochzeit in Ehrenhain. Margarete und Christian hatten noch während des Krieges geheiratet, und nach 1945 dann ihre Vergangenheit auf dem Dachboden abgestellt. Dort fanden sie nach ihrem Tod die Kinder und entdeckten „Fremde Eltern“. So hatte die Mutter etwa am ersten Tag des Friedens notiert: „Des Führers Ideen waren groß und gut, sein Wollen rein. Hoffentlich benimmt sich der Russe einigermaßen menschlich.“ Der Sohn – Joachim Krause – hat diesen Nachlass jetzt herausgegeben. Zwar wurde in den Briefen und Tagebüchern vieles gekürzt, das Ganze fügt sich aber immer noch zu einem spannenden Briefroman aus der Zeit zwischen 1933 und 1945, der besonders berührt, weil ihn das Leben selber schrieb.

 

 

 

 

 

Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) Kultur, 24. April 2017

 

Verwandte und ihre Verwandlung

Nazi-Nähe: "Fremde Eltern" von Joachim Krause

 

VON TOMAS GÄRTNER

 

"Wenn ich Hitler sprechen höre oder wenn ich an ihn denke, dann wird mir ganz besonders deutlich klar, dass unser Leben, dass persönliches Glück nichts gilt, und dass wir beides hingeben müssen, wenn es um Sein oder Nichtsein unseres Volkes geht." Sätze wie diese sind es, die Joachim Krause verwirren und schockieren. Seine Mutter Margarete hat sie 1935, damals 20 Jahre alt, an seinen ein Jahr älteren Vater Christian geschrieben.                                                                                                     
Der ist Pfarrer gewesen und hat mit seiner Frau den 1946 geborenen Sohn und dessen zwei jüngere Geschwister, erst im sächsischen Meerane, dann auf einem Dorf bei Glauchau, stets in demokratischem Geist erzogen, zu kritischen, selbständig denkenden Menschen. Joachim Krause studierte Chemie, wurde 1982 Beauftragter für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt der evangelisch-lutherischen Landeskirche.

Nun jedoch, in diesen Zeilen aus den Dreißiger und Vierziger Jahren, tönen dem Sohn Stimmen überzeugter Nationalsozialisten entgegen. Nach dem Tod der Eltern hatte er die Sütterlinschrift von rund 1800 Briefen und Tagebucheintragungen, verwahrt in Kisten auf dem Dachboden, entziffert und alles chronologisch geordnet.

Eine Beziehung zwischen drei jungen Menschen nahm Gestalt an: Nach früher Liebe zu Christian wandte sich Margarete dessen 1915 geborenem Bruder Helmut zu. Der wurde Offizier und starb 1941 im Gefecht an der Ostfront. Christian nahm den abgerissenen Faden wieder auf. 1943 heirateten sie.

In ihren Briefen tauschen sie sich über ihre Ansichten zu Nationalsozialismus und christlichem Glauben aus, über Juden, den Sinn des Krieges, über Sexualmoral. "Dies waren wirklich meine Eltern, die wir so ganz anders kannten?", fragt sich Joachim Krause. "Hier spielten sie ein anderes Stück auf einer anderen Bühne." Daher der Titel "Fremde Eltern".

Was die politischen Ansichten betrifft, werden drei Charaktere deutlich. Helmut ist fanatischer Nationalsozialist und begeisterter Soldat. "Wir sind wie Teufel in die russischen Stellungen und Kolonnen gefahren", berichtet er Margarete im September 1941. "Die geballte Faust muss aufgebrochen werden und gegen jene Kulturschänder gelten nur die härtesten Kampfmittel."

Auch Margarete hält Gewalt und Krieg für notwendige "Auslese". An Christus kann sie nicht glauben, bezeichnet sich als überzeugte Nationalsozialistin, setzt "human" in Anführungszeichen. "Das Schwache und Kranke merzt die Natur unerbittlich aus", erklärt sie.

"Was der deutsche Soldat leistet, das ist einfach unfassbar", jubelt sie 1941 über den "großen Kampf im Osten". "Manchmal möchte ich mit dem Schicksal hadern, dass ich nicht als Junge geboren bin." Noch am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, klagt sie, des "Führers Ideen" seien "groß und gut und sein Wollen rein" gewesen. Mit Konzentrationslagern habe er nichts gemein gehabt, "genau wie die große Mehrheit unseres Volkes".

Fortlaufend in innere Kämpfe zwischen Nationalsozialismus und biblischen Geboten hingegen ist der Theologiestudent Christian verstrickt. Als Soldat an der Ostfront zweifelt er am Sinn des Krieges. Nicht das eigene Volk sei die entscheidende Größe, sondern die "Menschheit", schreibt er 1942. "Letzten Endes finde ich es sogar widersinnig, dass die Völker so egoistisch sind." Gleichwohl betrachtet er als notwendig, den "Bolschewismus" zu bekämpfen.

Er empfindet mehr und mehr Schuld, vor allem angesichts der systematischen Judenvernichtung, über die, dies zeigen diese Dokumente, man wohl Bescheid wusste. 1944 kommt er zu der Erkenntnis: "Dieser Krieg ist das Unmenschlichste, was der Mensch je getan hat."

Der Wert einer solch umfangreichen Dokumentensammlung zeigt sich in ihrer Differenziertheit und Authentizität. Dies sind Originaltöne aus dem Mittendrin. "Anders als Zeitzeugenberichte, die durch die Jahrzehnte wie durch einen Filter gegangen und geglättet worden sind", sagt Joachim Krause.

Intensiv haben die drei Geschwister debattiert, ob sie ihre Eltern mit dieser Veröffentlichung einer Kritik aussetzen dürfen, gegen die diese sich nicht mehr wehren können. Trotz aller Bauchschmerzen, meint Joachim Krause: "Es wäre unterlassene Hilfeleistung, wenn wir es nicht getan hätten." Das Buch rechnet nicht ab, es sucht Unfassbares zu verstehen.

Etliche Zuhörer pflichten den Herausgebern bei der Dresdner Buchvorstellung im Haus an der Kreuzkirche bei. "Hier finde ich aufgeschrieben, was auch ich von meinen Eltern gehört habe", sagt einer. Ein anderer fügt hinzu: "Ich sehe in mikroskopischer Aufnahme, wie Verführung funktioniert."

Dass manche der Eltern-Sätze in seinen Ohren heute so bedenklich aktuell klingen, habe ihn ebenfalls von der Notwendigkeit dieses Buches überzeugt, sagt Joachim Krause. Diese Briefe führten einem vor Augen, wie dünn die Haut der Zivilisation sei. Es brauche nur eine Krise. "Es ist irritierend, was so in Menschen steckt und was bestimmte Umstände herauskitzeln. Das wünsche ich meinen Kindern nicht."

 

Joachim Krause (Hg.): Fremde Eltern. Zeitgeschichte in Tagebüchern und Briefen 1933-1945. Sax Verlag. 408 S., 24,80 Euro

 

 

 

 

Leipziger Internetzeitung, 5. September 2016, Ralf Julke

(www.l-iz.de/bildung/buecher/2016/09/die-frames-der-ns-ideologie-liebe-hoffen-und-zweifeln-in-den-briefen-dreier-junger-menschen-150458 )

 

Die Frames der NS-Ideologie, Liebe, Hoffen und Zweifeln in den Briefen dreier junger Menschen

 

Ist es tatsächlich so, dass erst die Enkelgeneration die Lügen und Täuschungen der Großväter entlarvt? Es sieht ganz so aus. Auch wenn es die Kindergeneration war, die in den 1960ern die Aufarbeitung der Nazi-Zeit endlich ins Rollen brachte. Nur hatten die Kinder ein gewaltiges Problem: Sie trauten sich nicht, die eigenen Eltern infrage zu stellen. Vielleicht sollten sie tatsächlich die Kisten auf dem Dachboden mal öffnen.

Die Krauses haben es getan. Das machen Kinder eigentlich nicht. Meist wird der Nachlass der Eltern in einem großen Aufwasch entsorgt, das Fotoalbum und die alten Briefe in dieser unlesbaren Sütterlin-Schrift gleich mit. Erst recht, wenn das Haus der Eltern sowieso leer geräumt werden muss. Wer hebt den ganzen alten Krempel auf? Doch so ein paar kleine Skrupel hatten Joachim Krause und seine Geschwister Michael und Ursula schon. So blieb zumindest die alte Kiste mit Briefen und Tagebüchern der Eltern noch jahrelang stehen, bis Joachim Krause begann, die Briefe zu sichten – und sein blaues Wunder erlebte.

Denn seine liebevollen Eltern, die er zeitlebens immer als menschenfreundlich, demokratisch und kritisch erlebt hatte, schrieben sich in einem Tonfall Liebesbriefe, den er so von ihnen nicht kannte. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, war Margarete Liebelt aus Ehrenhain bei Altenburg gerade 18, Karl Christian Krause war ein Jahr älter, ein Alter, von dem man annimmt, dass der Mensch da schon erwachsen ist und nicht mehr anfällig für neue Ideologien. Die in diesem Fall so ganz neu nicht waren. Tatsächlich war es auch in der späten Weimarer Republik ganz ähnlich wie heute: nationalistische Ressentiments waren weit verbreitet und Heilsversprechen für ein wiedererstarktes Deutschland waren in weiten Teilen der Bevölkerung im Schwang. Das war auch den Krauses und Liebelts nicht fremd.

Aber gerade Margarete scheint all das, was sie nun im BDM und im Frauenarbeitsdienst erlebte, regelrecht aufgesogen zu haben in sich. Schon früh begegnet sie dem Leser dieser Briefe als überzeugte Anhängerin des Nazismus. Was diese Briefe natürlich frappierend macht. Denn bislang gibt es so gut wie keine Veröffentlichung, die dieses Übergreifen der NS-Ideologie im Alltag sichtbar macht. Gar in den Aufzeichnungen dreier junger Menschen, die sich brieflich intensiv austauschen über ihrer Leben, ihre Gefühle und ihre Ansprüche an den anderen.

Denn nicht nur Christian taucht als Briefpartner Margaretes auf, sondern auch dessen Bruder Helmut, dem Margarete begegnet, nachdem sie die Verbindung zu Christian komplett gelöst hatte. Während ihr der angehende Pfarrer Christian als nachdenklicher, suchender und den Auswüchsen des NS teils kritisch begegnender Mensch fremd geworden zu sein scheint, begegnete sie in Helmut nicht nur einem jungen Mann, der mit Begeisterung Offizier geworden war, sondern auch ein in diesem Sinne wirklich fanatischer Nazi.

Was es mit diesem Fanatismus auf sich hatte, kann man bei Viktor Klemperer gut nachlesen. Das müssen wir hier nicht auswalzen. Aber was gerade der Austausch zwischen Gretel und Helmut lesbar macht, ist, wie sehr die Ideologie der NS-Zeit eine voller Phrasen, falscher Überhöhungen, aber auch eine mit in sich geschlossener Logik war.

Das verblüfft schon, weil gerade die klugen Analysen der NS-Zeit den Aspekt ja immer wieder beleuchten. Deutlich wurde es jüngst erst mit Thomas Webers „Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde“. Und trotzdem beschäftigt sich kein Forscher wirklich intensiv mit dieser Funktionsweise von Ideologien über Meme und Framing. Gerade das aber würde einige sehr klare Antworten geben zu der ewig gärenden Frage: Wie konnte es ausgerechnet in diesem hochkultivierten Deutschland zu diesem „Sündenfall“ kommen? – Das Mem „Land der Dichter und Denker“ gehört übrigens auch zu den Memen des Nationalsozialismus, kommt auch in den Briefen der drei jungen Leute vor und gehört in den ganzen Kranz von „Kulturvolk“, „kulturelle Überlegenheit“, „höhere Kultur“ und was da noch so alles auftaucht. (Die „Leitkultur“ in der heutigen Diskussion gehört ebenfalls hierhin, auch wenn es ihre Verfechter

abstreiten würden.) Im Grunde ist es sogar die Basis allen Nazismus, der das eigene Volk verherrlicht. „Herrenvolk“ schreibt Christian später als Kommentar zu einigen Zeilen Margaretes, in denen sie wieder beschwor, wie sehr die Kriegsgegner Hitlers doch von Herrschsucht besessen seien, anders als die Deutschen.

Christian war eigentlich klar, auf wen er sich da einließ, als er nach dem Tod seines Bruders Helmut an der Ostfront wieder den Kontakt aufnimmt zu Margarete. Er wusste es ja auch bei seinem Bruder. Und wer Christians Briefe genau liest, der merkt, wie vorsichtig er seine Worte wählt und auch seine Kritik am Nazismus und an Hitlers Kriegen versteckt hinter vorsichtigen Mahnungen an die Menschlichkeit und an die Notwendigkeit eines christlichen Lebens. Gerade gegenüber dem jüngeren Bruder. So sicher, dass der Bruder das auch brüderlich verstehen würde, war er sich augenscheinlich nicht.

Die drei Krause-Kinder haben übrigens im Nachspann des Buches alle drei versucht, den Widerspruch für sich zu erklären, der auftauchte, als sie diese Briefe lasen – zwischen liebenswerten und sehr humanistisch denkenden Eltern und dem, was insbesondere Margarete und Helmut schrieben. Und wie sie schrieben. Irgendwo muss es da einen Bruch gegeben haben. Einen Bruch, den alle Überlebenden des NS-Reiches gehabt haben müssen. Nur dass viele eben einfach nur die angelernte Gesinnung verbargen und vergruben und im Familienkreis weitergaben – bis heute, wie wir wissen. Denn der Grund, auf dem die neuen Rechten tanzen, ist dieses unverdaute alte nazistische Myzel, diese ganze Rosenberg-Mythologie, die den Nationalsozialismus zur neuen Religion machte. Eben dem, was Christian in seinem christlichen Glauben nicht akzeptieren konnte. Ein Christentum ohne Christus war für ihn nicht denkbar – was ihn dann früh zur Bekennenden Kirche brachte.

Aber auch zum Wissen darum, wie sehr Führerkult und die Überhöhung von Volk und Heldentum für Margarete und Helmut zur neuen Religion geworden ist.

Da fragt man sich natürlich: Wie hat er das ausgehalten? War er nur feige und hat versucht, irgendwie mit heiler Haut durchzukommen? Wahrscheinlich nicht. Denn aus Christians Briefen an Bruder und Geliebte spricht auch etwas, was man bei aller Klugheit im Leben nicht ausschalten kann: Er liebte die beiden wirklich. Und das wohl zu Recht, denn jeder Mensch ist immer mehr als die Ideologie, die ihm eingetrichtert wurde. Gerade bei Helmut wird das deutlich – unter dem ganzen Wortballast der in sich kreisenden NS-Logik wird auch immer wieder das Jungenhafte, Herzhafte und menschlich Offene sichtbar. Man ahnt es bei jedem seiner Briefe, dass der junge Offizier sich genauso auch für tausend andere Sachen begeistert hätte, wenn sie mit Feuereifer, Einsatzbereitschaft und Anerkennung in der Gesellschaft verbunden gewesen wären. Gerade diese Begeisterungsfähigkeit hat ihn missbrauchbar gemacht.

All seine ausschweifenden Erklärungen, wie er zu Krieg, Heldentum oder gar Ehe steht, nimmt ihm der späte Leser nicht ab. Zu deutlich sind die Versatzstücke aus NS-Schulungen, Hitlerreden und Nazi-Zeitungen sichtbar. Deutlich wird auch, wie stark die gleichgeschalteten Medien ab 1933 das Denken und Fühlen im ganzen Reich bestimmten. Auch das wird in der historischen Forschung selten bis nie betrachtet, welche Rolle Radio, Kino, Wochenschau und die vielen organisierten Versammlungen und Schulungen spielten. Selbst der eigentlich doch etwas kritischere Christian merkt es, als er ein Semester seines Theologie-Studiums in Zürich absolviert und damit konfrontiert wird, wie sehr sich das Denken in einer selbstbewussten Demokratie von dem unterschied, was er in Deutschland täglich zu hören bekam.

Die „Gleichschaltung“ hatte Folgen. Erst recht, wenn die Elternhäuser der jungen Menschen selbst nicht wirklich kritisch eingestellt waren, sondern eher selbst auf die Verlockungen der NS-Ideologie hereinfielen, diesen ganz auf Heimat, Volk, Boden und kulturelle Überlegenheit fixierten Bombast, der sich in stocksteifen Überhöhungen artikulierte. Und natürlich in einer systematischen Verachtung aller anderen Völker und Kulturen. Gerade Margarete und Helmut tun zwar so, als würden sie sich all das selbst ausdenken, was sie da in ihren Briefen ausbreiten. Aber dazu sind all die Versatzstücke längst zu bekannt. Es ist genau das Baumaterial, aus dem die Glaubensformeln der neuen NS-Kirche bestanden. Und gerade beim Lesen von Gretels Briefen bekommt man das Grausen: Kann man sich mit so einer vom Nazismus regelrecht begeisterten Frau überhaupt abgeben? Immerhin liest man von ihr solches Gedankengut selbst noch nach der Kapitulation am 8. Mai, als die Amerikaner längst in Ehrenhain waren.

Aber gerade das spricht eher von der Wirksamkeit des Framings, mit dem völkisches und nationalistisches Gedankengut ja nicht erst unter den Nazis in die Köpfe gebracht wurde. Ohne dieses Framing ist Faschismus gar nicht denkbar. Nur wer frei ist von dieser Gleichschaltung, begreift das Theatralische und Falsche an dieser Inszenierung von Überlegenheit, Auserwähltheit und Macht. Und auch erst dann begreift man, was passiert, wenn einfache Formeln genügen, ganzen Gruppen von Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen, sie zu UnterMenschen zu machen. Die ganzen abwertenden Bilder gegen Juden, Polen und Russen tauchen in den Briefen wieder auf. Und das oft sogar neben authentischen Schilderungen, die eigentlich davon erzählen, dass die angelernten Frames nichts mit der vorgefundenen Wirklichkeit zu tun haben. Da merkt man, wie sich selbst Helmut und Gretel in ihren Zeilen wieder aufraffen und auf die NS-Formeln zurückgreifen und sich selbst beschwören, dass ja doch der Nazismus Recht haben muss.

Für Leute, die klares Denken leben, sind die Briefe – und die sind allesamt nur in Ausschnitten zitiert – schwer zu verdauen. Selbst dann, wenn man merkt, wie krampfhaft die drei Briefeschreiber versuchen, dem nazistischen Wortgebrauch zu genügen und sich auch in den Briefen als überzeugte Anhänger der NS-Ideologie zu beweisen. Ganz so, als würden sie jederzeit damit rechnen, dass jemand anders diese Texte liest.

Was den nächsten Aspekt dieser NS-Zeit zumindest wahrnehmbar macht: Den allgegenwärtigen Druck, sich als „überzeugter NS-Anhänger“ zu beweisen – bis in die Familie hinein. Denn wo nur die absolute Überzeugung gilt, die Linientreue, wie es schon damals hieß, da werden alle humanen Regungen zur Gefahr, ist der Schritt vom Zweifel in den medial permanent beschworenen „Verrat“ nicht weit.

Man geht nicht fehl, wenn man dieselben Wirkungsmechanismen auch im Stalinismus wiederfindet – anders verkleidet, da und dort nicht ganz so brutal. Aber auch das ist nur ein weiteres Kapitel aus mittlerweile immer mehr Kapiteln der um sich greifenden modernen Ideologien.

Eigentlich ist die Geschichte von Christian und Margarete sogar die Geschichte einer späten Wandlung, auch wenn die Kinder nicht wirklich benennen können, wann und wie es geschah. Oder – das erwägen sie auch in ihren Kommentaren nicht – ob es nicht gerade Christians Bemühen um Gretel war, die sie nach vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen geöffnet hat für seine Zweifel und seine christliche Sicht auf die Welt. Das ist das Pech der späten Beschäftigung: Beide Elternteile können nicht mehr gefragt werden. Der Moment für das Gespräch über das nun Gelesene ist ungenutzt vorübergegangen. Auch weil die Kinder ja nicht ahnten, wie tief die Eltern in der nazistischen Ideologie gesteckt hatten.

Der Historiker Christoph Dieckmann geht im Nachwort auf das Problem ein. Denn dieses Gespräch der Kinder mit ihren Eltern über deren wirkliches Leben in der NS-Zeit ist in den meisten Familien vermieden worden. Nicht nur im Westen, auch im Osten. Beide Gesellschaften haben sich emsig darum bemüht, jede Schuld an den Untaten der NS-Zeit von sich zu weisen und ein paar Wenige zu „Schurken“ zu erklären. Was „Hitlers willige Vollstrecker“ (Daniel Goldhagen) zu einer fast mystischen Größe gemacht hat. Am Ende waren nur die paar Spitzennazis schuld, die in Nürnberg verurteilt wurden. Selbst nach dem 8. Mai 1945 zeigte sich Gretel, die ihren Christian noch im Kriegsjahr 1943 heiratete, überzeugt, dass „unser Führer von all dem nichts gewusst haben kann“. Dabei hatte Christian schon in viel früheren Briefen versucht, mit ihr vom christlichen Standpunkt über die Pogrome gegen die Juden zu sprechen.

Die Indoktrination durch die NS-Propaganda wirkte auch im Verschweigen noch fort und über das Kriegsende hinaus.

Insofern verblüfft schon, wie eifrig Christian versucht, seinen christlichen Glauben irgendwie mit der das Land beherrschenden NS-Ideologie in Übereinstimmung zu bringen. Aber immer da, wo es wirklich um menschliche Haltungen geht, scheitert er, hat das, was der „von der Vorhersehung gesandte Führer“ predigte, nichts mit den so einfachen Ansprüchen des Neuen Testaments zu tun.

Die drei Geschwister haben sich nicht leicht getan, die Briefe nun in einem Buch öffentlich zu machen. Aber wie Dieckmann betont, ist auf diese Weise ein einzigartiges Zeugnis öffentlich geworden, wie es in der Aufarbeitung der NS-Zeit sichtlich gefehlt hat. So intensiv in die Beweggründe dreier junger Menschen, die mitten in Zeiten zunehmender Radikalität und eines als „Blitzkrieg“ gestarteten Marathons von Kriegen ihren Weg ins Leben suchten, hat man auch in den vielen Biografien der Zeitzeugen noch nicht gefunden. Wobei gerade die Mitläufer so gut wie nie wirklich über das Erlebte und vor allem über ihre Verführbarkeit berichteten. Gerade das aber würde uns Einiges lehren – nicht nur über die Funktionsweise von Diktaturen, sondern auch die von modernen

Mediengesellschaften. Und das Nazi-Reich war eine. Ohne eine auf die gleichen Frames gepolte Bevölkerung hätte das Nazireich so nicht funktionieren können.

Und gerade der Aspekt wurde noch nicht wirklich beleuchtet. Denn in dieser Macht über die Köpfe steckt auch für die heutige Demokratie dieselbe Gefahr, die auch die Weimarer Republik zerstört hat. Denn an die Macht gekommen sind die Nazis ja nicht mit Gewalt, sondern mit Worten, die in Frames steckten, von denen einige bis heute durch die Bodenschichten unserer Gesellschaft wabern.

 

 

 

Freie Presse Chemnitz, Freitag, 3. Februar 2017, WOCHENENDE S. B1

 

Pandoras Büchse

Briefe, Tagebücher, Notizen - fast vergessen auf einem Dachboden. Bis Joachim Krause sie doch liest: Die Schriftstücke seiner Eltern aus der NS-Zeit verstören ihn bis heute. In einem Buch hat er sie veröffentlicht.

Von Katrin Mädler (Text und Fotos)


Einfache Kisten auf dem Dachboden sind für Joachim Krause zur berühmten Büchse der Pandora geworden: Er öffnete sie und danach war es zu spät, der Inhalt verän­derte alles und ließ sich nicht mehr zurückdrängen. 1800 Briefe fand er, dazu Tage­bücher und andere Schriften, verfasst von drei jungen Deutschen in den Jahren zwi­schen 1933 bis 1945. Sie streiten über das nationalsozialistische Weltbild, berichten über den Krieg - und befürworten Dinge, die Joachim Krause schockieren. "Für meine Frau und mich ist das Gelesene seit vier Jahren ein Dauergespräch", sagt er in seinem früheren Elternhaus in Schönberg im Landkreis Zwickau, in dem er nun selbst lebt. Fragen kann er die Schreiber nichts mehr, sie sind tot, aber keine Unbe­kannten für ihn, sondern sein Vater Christian, seine Mutter Margarete und sein Onkel Helmut. Eine Auswahl aus dem Schriftwechsel hat er im Buch "Fremde Eltern. Zeit­geschichte in Tagebüchern und Briefen 1933 - 1945" veröffentlicht.

Eigentlich wusste der 70-jährige Joachim Krause von den sorgfältig gefalteten Brie­fen auf dem Dachboden, die mit Bändern zusammengeschnürt waren, seit seiner Kindheit. "Aber die Sütterlin-Schrift konnte ich nicht lesen, das alte Zeug hat mich und meine Geschwister nie interessiert." Warum hatten die Eltern die früheren Zeug­nisse ihres Lebens nicht vernichtet? Sollten sie der Nachwelt etwas erklären? Erst nach seinem Arbeitsleben als Beauftragter für die Evangelisch-lutherische Landes­kirche in Sachsen fand Krause die Zeit, sich an die damalige Schreibweise zu ge­wöhnen. "Dann war ich infiziert."

Er legte Ordner an, die in seinem Arbeitszimmer inzwischen ein ganzes Regal aus­machen: "Helmut an Christian" oder "Christian an Margarete" steht an ihnen, darin sind die einzelnen Blätter nach Datum geordnet und mit Bleistiftnotizen versehen. "Das war monatelange Arbeit." Bis ein fertiges Buch aus dem Briefwechsel geworden war, hat Joachim Krause auch mit Zweifeln gerungen: Ist es richtig, die privaten Ge­danken der Eltern zu veröffentlichen - zumal sie sich nicht mehr erklären können? Sollten alle wissen, dass die eigene Mutter und spätere Pfarrfrau früher eine über­zeugte Nationalsozialistin war? "Einige Familienmitglieder sorgten sich um das An­sehen unserer Eltern. Mich aber hat die Geschichte nicht mehr losgelassen."

 

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Alte Schriften Jahrzehnte verschnürt auf einem Dachboden, zurückgedrängt aus den Köpfen und dem Alltag: die Auf­zeichnungen dreier junger Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus.

 

Die Schriften sind tatsächlich ein besonderer Fund: Sie ermöglichen einen Blick in das Seelenleben von früheren Menschen, aufgewachsen in der gebildeten Mittel­schicht und von einer Zeit geprägt, die uns heute unbegreiflich bleibt und noch immer zu Diskussionen anregt. Die Umstände wollten es, dass sich die Eltern in den zwölf Jahren bis zum Kriegsende nur wenige Wochen tatsächlich sehen konnten. "Der Rest lebt von den Briefen. Dadurch haben sie ihre Beziehung lebendig erhalten."

Seit 1933 schreiben sich die Arzttochter Margarete Liebelt (geboren 1915) aus dem thüringischen Ehrenhain und der Lehrersohn Christian Krause (geboren 1914) aus dem sächsischen Meerane. Kennengelernt haben sie sich auf Wanderfahrten des konservativ-nationalistisch geprägten "Vereines für das Deutschtum im Ausland". Margarete schlägt eine Laufbahn als Lehrerin ein und entwickelt schnell Sympathien für den Nationalsozialismus. Interessant sind die zwiespältigen Gefühle von Chris­tian, der schon früh Pfarrer werden wollte. "Für mich ist [...] der Zeitpunkt gekommen, dass ich mich mehr oder weniger freiwillig zum Nationalsozialismus bekenne. Im Dritten Reich kann nur der Nationalsozialist öffentlich wirken. Ich will öffentlich wir­ken", schreibt er am 8. Juli 1933. Im Laufe der Jahre nehmen bei ihm Zweifel zu, die er vor der kriegsbegeisterten Margarete nicht verheimlicht. Im Jahr 1944 schreibt er: "Wenn der Führer vom Allmächtigen redet, dann spüre ich dahinter einen anderen Gott als den christlichen. Und weil ich diesen als den rechten ansehe, kann ich dem anderen nicht mit ganzem Herzen folgen." Und: "Ich halte es für falsch, das Volk als höchsten Wert hinzustellen. Volksegoismus ist von einem höheren Gesichtspunkt aus gesehen nicht besser als Egoismus des Einzelnen." Die Mutter ließ sich nicht beirren, meinte unverblümt: "Ich werde nie, nie Christ sein!"

Für Joachim Krause sind die Zeilen schwer nachvollziehbar. Mit dem liebevollen Ehepaar - er Pfarrer, sie schließlich Hausfrau -, das 30 Jahre in Schönberg wirkte, in der DDR viele politische Aktivitäten ablehnte und den Kindern eher linksorientiert er­schien, haben diese Sätze nichts gemeinsam. Christian und Margarete schienen das Erlebte wie die Kisten auf dem Dachboden in die hinterste Ecke ihrer Gefühlswelt geschoben zu haben. "Es sind wie zwei Bühnen, auf denen unterschiedliche Stücke gespielt werden. Aber ich denke: Das spätere war ihr zweites, ganz anderes Leben." Erstaunt hat Krause die Kritik am NS-System, die möglich war. "Mein Vater war Offi­zier, seine Briefe von der Front, in denen er die Massenmorde kritisiert, sind bemer­kenswert."

Die Geschichte der Eltern war eine Dreiecksgeschichte, als dritter Schreiber gehört Christians jüngerer Bruder Helmut dazu. Er war ebenfalls einige Zeit mit Margarete liiert, sie wollte ihn sogar heiraten. Erst nachdem er 1941 in Russland gefallen war, nahm sie den Kontakt mit Christian wieder auf. "Helmut und Margarete haben von der Einstellung her besser zueinander gepasst. Helmut war ein fanatischer Soldat und ein derart überzeugter Nationalsozialist, dass seine ausführlichen Briefe nur schwer erträglich sind", meint der Neffe, der seinen Onkel nie kennengelernt hat. "Wir sind wie Teufel in die russischen Stellungen und Kolonnen gefahren. [...] Die geballte Faust muss aufgebrochen werden und gegen jene Kulturschänder gelten nur die härtesten Kampfmittel", schrieb Helmut am 24. September 1941 an Marga­rete - fünfzehn Tage vor seinem Tod. Traurig macht Joachim Krause, dass es nie zu einem Gespräch über das Thema mit seinen Eltern kam. Einmal versuchte es die Mutter, kurz vor der Wende. "Ich habe es nicht erkannt. Sie kam mit ihrem Bruder unangemeldet zu uns, ich war in Eile und wollte zu einem Vortrag. Sie saß auf dem Sofa und sagte unvermittelt, dass sie in der NS-Zeit in der Partei war. Ich wusste nicht, was ich mit der Information anfangen sollte." Vielleicht wäre das die Möglich­keit gewesen, darüber zu reden, ohne Anschreien und Vorwürfe. Die Mutter starb 1995, fünf Jahre später der Vater. Joachim Krauses Appell: "Achtet auf die Anzei­chen, wenn jemand über seine Vergangenheit reden möchte. Denn irgendwann ist es zu spät dafür."

 

 

9.10.2016

Rezension in „Der Sonntag“, Kirchenzeitung Sachsen

 

Spätes „Gespräch“ mit fremden Eltern

Joachim Krause veröffentlicht Briefe und Tagebücher seiner Eltern aus der NS-Zeit und ermöglicht ein spätes Verstehen

Joachim Krause und seine Geschwister machen die Entdeckung auf dem Dachboden: Fast zweitausend Briefe sowie Tagebücher der Eltern aus den Jahren 1933-1945; dazu Urkunden, Bescheinigungen, Zeugnisse und Fotografien. Es ist ein Glücksfund, auch wenn sich die Auswertung als erschreckend erweist.

Krause (geboren 1946) ist von Beruf Chemiker, Publizist und Theologe – von 1982 bis 2010 war er Beauftragter für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt der sächsischen Landeskirche.

Mit der Veröffentlichung seines brisanten Dachbodenfundes zögerte er zunächst, schließlich handelt es sich um die Hinterlassenschaft seiner Eltern Christian (1914-2000) und Margarete (1915-1995). Beide kannten sich seit 1931 und heirateten

1943. In ihren Briefen geht es um Privates, um ihre Liebe zueinander, um Alttägliches - aber auch um viel mehr.

»Da wurde gerungen und gestritten, über die Stellung zum Nationalsozialismus und zu den Juden, über den Sinn des Krieges, über Sexualmoral und über Glaubensfragen. Und all das im Kontext jener dramatischen Jahre zwischen 1933 und 1945«, schreibt Krause im Vorwort.

Vater Christian schreibt als Oberschüler, als Theologiestudent, Vikar und Pfarrer in der ››Bekennenden Kirche«, als Soldat im »Heimaturlaub« und aus »Feindesland«, später als Kriegsgefangener.

Mutter Margarete schreibt als Mitglied im »Bund deutscher Mädel«, aus dem »Frauenarbeitsdienst« und der »Landfrauenschule«, als Studentin im »Landdienstbetreuungseinsatz«, als »Landwirtschaftliche Lehrerin« im ehemals polnischen Gebiet.

Erst sind am Briefwechsel auch Verwandte beteiligt, zum Beispiel Christians Bruder Helmut (geboren 1915), dem sich Margarete liebend verbunden fühlte – bis zu dessen »Heldentod« 1941.

Dann der Dialog zwischen Margarete und Christian: Manchmal gibt es Kontroversen; sie teilt nicht seine bibelfeste Frömmigkeit, er nicht ihre fanatische Hingabe an den Führer und dessen »Vorsehung«. Doch über die welthistorische Mission Nazideutschlands sind sie sich – von gelegentlichen Zweifeln Christians abgesehen – einig.

Die jungen Leute sind belesen, gebildet, sind stolz auf ihre moralische Gesinnung. Sie sind empfindsam in ihrer Privatsphäre - aber kaum gegenüber dem Verderben, das über die »Feinde« gebracht wird.

Die Lektüre zeigt nicht nur, wie Millionen Menschen, infiziert mit demagogischer Propaganda, damals gedacht und gehandelt haben. Sondern auch, wie darüber millionenfach geschwiegen wurde und wird.

Man liest gespannt, wie die Protagonisten mit dem Untergang des »Tausendjährigen Reiches« zurechtkommen, ob und wie sie die Geschichte und ihr eigenes Verhalten reflektieren und welche Fragen die nachgeborenen Familienmitglieder umtreiben, die in der zweiten deutschen Diktatur aufwuchsen.

 

Christoph Kuhn

Joachim Krause stellt sein Buch »Fremde Eltern am 13. Oktober, 19.30 Uhr,

im »Haus des Buches« Leipzig (Gerichtsweg 28) vor.

 

Brisanter Dachbodenfund:

Der Theologe und Autor Joachim Krause mit Briefen und Tagebüchern seiner Eltern aus der Zeit von1933 bis 1945.

Mit diesen zu dem Buch „Fremde Eltern“ zusammengefassten Dokumenten möchte Krause ein Verstehen der Verblendungen der Elterngeneration ermöglichen.

Foto: Privat

 

 

 

13.10.2016

Buchvorstellung im Literaturcafé im Haus des Buches, Leipzig

 

Fremde Eltern – Zeitgeschichte in Tagebüchern und Briefen 1933-1945

 

Datum:           13.10.2016 19:30–21:00 Uhr

Ort:                 Literaturcafé im Haus des Buches, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig

Buchvorstellung mit dem Herausgeber Joachim Krause sowie Ursula Knepper und Dr. Michael Krause Moderation: Werner Rellecke, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung

Eine Veranstaltung des Literaturhauses Leipzig, der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und des Sax-Verlages

 

Zum Inhalt des Buches:

Brisante Entdeckung auf dem Dachboden: Lange nach dem Tod seiner Eltern (1995/2000) und 70 Jahre nach dem frühen »Heldentod« seines Onkels findet Joachim Krause fast 2000 Briefe, die sie sich in den Jahren 1933 bis 1945 geschrieben haben, dazu einige Tagebücher. Wie beim Zusammensetzen eines Puzzles gewinnt in den Texten nach und nach ihr damaliges Denken, ihr Leben und Handeln Konturen. Die drei jungen Leute suchen Orientierung, und sie streiten – über den Nationalsozialismus und die Juden, über den Sinn von Krieg und Tod, über Sexualmoral und Glaubensfragen. Die Mutter erweist sich als glühende Verehrerin Hitlers, der Onkel als fanatischer Offizier, nur der Vater bewahrt sich eine gewisse kritische Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie. Ihre Briefe werden zu authentischen Zeugnissen der Zeitgeschichte.

»Solch ungeschönte Stimmen aus der Vorzeit lassen uns begreifen, welcher Welt die heutige entstammt. Wir hören, wer unsere Eltern waren, bevor wir sie kannten (Christoph Dieckmann) 

 

(Leider gibt es zu dieser Veranstaltung, die gut besucht war – etwa 60 Teilnehmer – und bei der angeregt und tiefgründig diskutiert wurde, keinen Medien-Bericht.)

 

 

 

Der ZEIT-Kolumnist Christoph Dieckmann im Nachwort zu dem Buch „Fremde Eltern“

 

Christoph Dieckmann

Irrlicht und Sumpf

 

Dieses erregende Buch hätte vor der ostdeutschen Zeitenwende 1989 nicht erschei­nen dürfen. Es enthält faschistische Propaganda. Die DDR war ein antifaschistischer Staat. Er schützte seine Bürger vor nationalsozialistischer Ideologie. Er bestritt jede Kontinuität zum NS-Regime. Er enteignete die kriegsschuldigen Konzerne und ver­folgte die Täter des "Dritten Reichs", die deshalb laut DDR-Schulweisheit in West­deutschland lebten.

   Die junge Bundesrepublik übernahm die Rechtsnachfolge des Hitler-Staats. Das Kapital blieb unangetastet. Flugs "entnazifizierte" Lehrer, Juristen, Journalisten, Mili­tärs propagierten fortan antikommunistische Freiheitswerte. Erst im Streit der Gene­rationen errang die bundesdeutsche Gesellschaft ihren antifaschistischen Konsens. Die DDR hatte den Antifaschismus als Geschenk der Siegermacht Sowjetunion er­halten. Er war Staatsdoktrin. Bewähren mußte er sich nicht, bis in den achtziger Jah­ren geschah, was es doch gar nicht geben konnte: ostdeutsche Neonazis randalier­ten.

   Gedeckelt blieb in der DDR eine simple Wahrheit: Sehr viele ihrer Bürger waren im Nationalsozialismus aufgewachsen, hatten ihm gemäß gehandelt und gedacht und lebten mit dieser biographischen Prägung. Solch mentale Herkunft fand in der "Dik­tatur des Proletariats" schwerlich Buch und Bühne. Sie überdauerte mündlich, als privatsprachliche Familiengeschichte. Den lieben Nazi-Opa, den kernigen SS-Onkel gab es nicht nur im Westen.

   Nach der Jahrtausendwende machten Joachim Krause (geboren 1946) und seine beiden jüngeren Geschwister einen beunruhigenden Fund. Auf dem Dachboden ent­deckten sie frühe Briefe und Tagebücher ihrer Eltern und des väterlichen Bruders. Die Hinterlassenschaft war von doppelter Brisanz. Christian Krause und Margarete Liebelt (geboren 1914 und 1915) kannten sich seit 1931. Sie wurden früh ein Paar, gingen aber wieder auseinander. Margarete begegnete Christians Bruder Helmut (geboren 1915) und begriff ihn als ihre Lebensliebe. Der Erwählte fühlte für sie weni­ger, wenngleich nicht wenig. Nach Helmuts Soldatentod 1941 suchte Margarete abermals den älteren Bruder. Das Paar fand sich erneut und heiratete 1943. Die Ehe­leute lebten nach dem Kriege in der DDR. Christian Krause wurde Pfarrer in Sachsen. Nach 52 Jahren Ehe starb Margarete Krause 1995, ihr Mann fünf Jahre später.

   Zwei Brüder, eine Braut - dieses Drama müßte nicht öffentlich werden. Anders ver­hält es sich mit der eigentlichen Entdeckung der Kinder. Zu ihrem Erschrecken war ihre Mutter, die Pfarrfrau Margarete Krause, eine fanatische Nationalsozialistin ge­wesen, führergläubig und erfüllt von deutschvölkischer Mission. Ideologisch paßte sie vorzüglich zu Onkel Helmut. Und Christian, nachmals der Vater? Er suchte und schwankte. Vor allem seine Ambivalenz rechtfertigt die Edition dieser Niederschriften und macht sie zum Zeugnis der Zeitgeschichte.

   Vieles, was ich aus Christians Leben erfuhr, schien mir vertraut. Auch mein Vater (Jahrgang 1920) empfing seine jugendliche Prägung zur NS-Zeit. Auch ihn ergriff der Idealismus des Führer-Kults, die nationalpathetische Demagogie, das rhythmisch orgelnde Deutsch. Auch ihm war soldatischer Ehrgeiz fremd, auch er wurde Wehr­macht-Funker. Wie Christian überstand er den Krieg ohne eigenen Mord und wurde Pfarrer in der DDR.

   Der erhebliche Unterschied: Mein Vater erlebte, was er Berufung nannte, nach 1945. Seine Kriegsbewahrung sah er als Gnade Gottes, in dessen Dienst er sich genommen fühlte. Christian, sechs Jahre älter, ringt bereits seit Hitlers "Macht­ergreifung" um eine Fusion von christlichem und nationalsozialistischem Glauben. Er möchte Theologe werden, doch beizeiten spürt er die Christentumsfeindschaft des neuen Staats. Der verlangt von seinen Bürgern keineswegs nur, "was des Kaisers", sondern auch, "was Gottes ist". Er fordert rückhaltlose Gefolgschaft und rassisch-kollektive Identität. "Du bist nichts, dein Volk ist alles."

   Christian gerät an die Deutschen Christen, Hitlers nationalsozialistisch gleich­geschalteten Kirchenapparat. Bedenken führen ihn zur Bekennenden Kirche, die allerdings nicht jene strikte Antithese zum NS-Staat war, als die sie später galt. Der junge Mann sucht Orientierung und autoritären Halt. Irrungen und Wirrungen werden verschriftet und der "lieben Gretel" oder dem Tagebuch zugestellt. An Margarete Liebelt, am 8.7.1933: "Ich liebe es, mir über alles Wichtige Rechenschaft abzulegen, mein Tagebuch wird folgende Sätze empfangen: Im Dritten Reiche kann ich nur als Nationalsozialist öffentlich wirken. Ich will öffentlich wirken, deshalb werde ich Natio­nalsozialist. (...) ich werde aber immer in politischer Kritik meine eigene Meinung sagen."

   1934 empfängt Christians Tagebuch folgendes Credo: "Was ist alle Wissenschaft? Kleiner Zank kleiner Geister um Kleines. Wenn es Euch schlecht geht, sagt Ihr Euch Bibelstellen zu und betet. Ich muß etwas schaffen. Mir genügt mein einfacher Gott in seiner großen Schöpfung. Ich will meinen Weg gehen. Ich will alles können. Ich will der beste Sohn meines Vaterlandes sein auch im Krieg. Ich werde Soldat." An Mar­garete, 20.3.1935: "Heute hat Hitler das Schicksal Deutschlands in seinen Händen, er hat das Ziel klar vor sich und handelt danach. Es ist ein Glück, heute zu leben, und eine Verpflichtung, mit am Werke zu helfen. Wir sind wieder ein freies Volk, wir tun und lassen, was wir wollen. Der Schlußstein ist gesetzt, jeder deutsche Mann darf wieder die Waffe führen, er kann sich wieder selbst verteidigen (...) Ich habe in mei­nem Leben nie jemanden gefunden, der mir Führer geworden ist, keinen der Leben­den und keinen der großen Toten. Der erste, an den ich glaube, ist dieser Hitler, mit seinen klaren Taten. Dieser Glaube geht selbst mir über alle Religion."

   Leider ist die Empfängerin dieser Zeilen religiös unmusikalisch. Christlich glauben kann sie nicht, umso mehr an Führer, Volk und Vaterland. Sie schreibt: "Eines ist auch für mich Gewißheit: die unbedingte Abhängigkeit des Menschen von einer höheren Macht, die wir Gott nennen, die aber ebenso gut auch Schicksal oder Vor­sehung heißen könnte." Einig ist sie mit Christian im sittlichen Hochgefühl. Das Paar beträgt sich, bis auf eine Übertretung, nach dem Gebot des Schriftstellers Walter Flex: "Rein bleiben und reif werden, das ist die schönste und schwerste Lebenskunst." Auch der Leit­stern Nietzsche erleuchtet Margaretes Poesie: "Es gibt in der Welt einen einzigen Weg, welchen niemand gehen kann außer Dir. Wohin er führt, frage nicht, gehe ihn!"

   Der Leser schwankt zwischen Rührung und Ironie ob solch schwülstiger Banalitä­ten. Die Protagonisten sind keine intellektuellen Geister, sondern schwärmende Seelen. Sie drängen immerfort zur erhabenen Empfindung. Sie ziehen mit der neuen Zeit. Als Kinder dieser Zeit wissen sie, daß der Schandfriede von Versailles das gemarterte Deutschland einer Welt von Feinden preisgab, bis der Führer zur völki­schen Auferstehung rief. Noch mag die Neuzeit Mängel haben - die Diktatur wird kei­nesfalls beklagt. Die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik gilt als dunkle Epoche volksgemeinschaftlicher Zersplitterung. Die ist nun überwunden, dank Deutschlands Heiland Hitler.

   Uns Nachgeborenen erscheint das schuldhaft blind. Wir wissen ja, was dann geschah. Die Menschheitskatastrophe des NS-Regimes sehen wir von vorherein in ihm angelegt. Wir projizieren unser heutiges Wissen auf ein hitlerdeutsches Volk, das nach 1945 millionenfach erklärte, es habe "von alldem nichts gewußt". Unsere Vor­würfe sind vielfach berechtigt, aber retrospektiv. Schwerlich nachfühlen lassen sich die Selbstverständlichkeiten der Zeitgenossenschaft. Gleichschaltung, also Totalita­rismus, heißt eben auch Vernichtung kritischer Distanz. Eingeschmolzen werden Erkenntnisinstrumente und Verantwortungsstrukturen, die den  individuellen Men­schen von der Masse unterscheiden.

   Nun kommt der dritte Protagonist zu Wort. Christians Bruder Helmut beschreitet entschlossen die Offizierslaufbahn. Am 22.9.1938 schreibt er  "Lieber Christian, ich weiß, daß auch Du von jeher in Deinem Inneren stärksten Anteil am Wohlergehen Deines Volkes genommen hast. Mit einem feierlichen Eid haben wir das bis zum Ein­satz unseres Lebens geschworen. (...) Glühender Nationalismus und wahrer Sozia­lismus wird wohl auch nur noch von den wenigsten verleugnet. Die Rassenlehre (...) zur Reinerhaltung unseres Blutes und der damit geschaffene Schutz vor weiteren gebrochenen Zwitter-Seelen ist eine Lehre, die wir als göttliches Wollen ebenfalls anerkennen müssen." Gott erklingt, wenn Helmuts Rassenhymnik metaphysischer Obertöne bedarf. Vermutlich ist Gott Germanias Schicksalswalter, gewiß jüdisch unversippt. Auch Margarete schreibt: "Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächti­gen, Schöpfer Himmels und der Erden. Ich glaube nicht an Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn."

   Am 1. September 1939 beginnt der Krieg.

   Am 7.5.1936 hatte Christian geschrieben: "Darf ein Christ im Kriege schießen? Matthäus 5 fordert die Widerstandslosigkeit. Lieber ohne Sünde sterben als mit Sünde leben bleiben. Wer getötet hat, ist kein Christ mehr ..." Nun, am 16.9.1939, bekennt Christian dem Bruder: "Ich glaube, daß die meisten Soldaten gottlos leben und gottlos sterben." Nicht der Krieg wird beklagt, sondern geistloses Landsknechtsgebaren. Helmut jubelt bereits als Sieger: "Das Schicksal Polens hat sich erfüllt." Christian an Helmut am 13.6.1940: "Dieser Krieg soll die Völker Europas glücklich machen."

   Christian besitzt durchaus Eigensinn, Anstand und humane Forderungen an den eigenen Charakter. Sein Gewissen bleibt halbautonom. Er glaubt sich persönlich geführt - vom christlichen Gott, nicht von der Vorsehung. Zeitweilig dringt Christus zu Christian durch. Gottes Wort ist - wie Christian mal erkennt, mal verdrängt - das Gegenteil der NS-Doktrin. Helmut gedeiht vollends zum Ideal-Nazi, in dessen blut­stolzen Kriegsberichten der arische Kämpfer wütet. "Wie Teufel" seien er und seine Kameraden "in die russischen Stellungen und Kolonnen gefahren (...) gegen jene Kulturschänder gelten nur die härtesten Kampfmittel. Im Westen kämpften wir gegen die Neger, im Osten gegen die Bolschewisten und überall gegen die Juden. (...) Wir sind stolz und dankbar, daß Gott uns einen Führer sandte, der die Gefahr rechtzeitig erkannte und sie nun vernichtet."

   Bereits kurz vor Kriegsbeginn hatte Helmut Margarete wissen lassen: "Ein Neger wird (...) nie die Musik eines Beethofens schöpferisch in sich aufnehmen können." Margarete erkennt in Bolschewisten "Tiere in Menschengestalt (...) Deutschland steht für Europa und alle erkennen es an." Christian schreibt der Mutter, er sei auf Helmut neidlos stolz. "Und ich habe lächeln müssen darüber, daß er auch im Kriege so ungeduldig ist." Ihm selbst, meldet er Helmut am 9.9.1941, fehle keineswegs "der aktive Schwung, der ran an den Feind will". Der Oberleutnant Helmut Krause wünscht sein Leben lieber kurz und straff als lang und schlaff. Sein Wunsch erfüllt sich am 10.10.1941, an der Ostfront, bei Orel. Der Leser ist erleichtert, daß dieser Autor verstummt. Helmuts Andenken wird familiär eingeschreint. Vater Krause: "Ein schöner Tod!"

   Das Irrlicht Christian flackert weiter. Auch er kämpft an der Ostfront. Lebhaft schwärmt er der Mutter von Stalingrads Bombardierung: "Ein herrlicher Anblick ..." Am 20.10.1941, zehn Tage nach Helmuts ihm noch unbekanntem Tod, schreibt er an den Bruder: "Es ist doch Tatsache, daß auch wir lieber Tote als Gefangene machen; diese machen viel zu viel Scherereien. Besonders mit den Juden wird es nicht so genau genommen. Und ich sehe ein, daß es nötig ist. (...) Eine objektive Betrachtung führt zu keinem erlösenden Ergebnis." Ein Jahr später konstatiert Christian: "Ich würde besser in die Zeit Bismarcks passen. Da ließ man auch den anderen Völkern Lebensraum. Denn schließlich hat doch jedes Volk sein Recht auf Leben. Wir aber vernichten z.B. die Juden systematisch."

   Am 30.1.1942 spendet Margarete ihrem Tagebuch eine unübertreffliche Nieder­schrift: "Eben hat der Führer gesprochen. Nun spielt das Radio Märsche. Panzer rollen in Afrika vor! Mein Herz schlägt heiß. Ja, tausend Mal ja! Auch ich will mein letztes geben in diesem Kampf, freudig all meine Kräfte. Und aus dem heißen Wunsch wächst stark die Sehnsucht, auch einem Soldaten wieder schenken zu dür­fen, Freude, Verstehen, Kameradschaft, vielleicht auch Liebe! Nein Helmut, ich ver­gesse Dich nicht. Herrgott, aber da liegen Kräfte brach, die zum Leben drängen!"

   Am 21.6.1942 schreibt Margarete an Christian: "Ob du es auch so fühlst, daß zwi­schen uns noch irgendwie eine Spannung besteht, eine Unklarheit, die einmal nach der einen oder anderen Richtung restlos gelöst werden muß?" Christian antwortet Margarete sechzehnmal, ehe ihn ihr zweiter Brief erreicht. Im November 1942 sehen sie sich wieder, nach sieben Jahren. Zwei Tage später sind sie verlobt.

   Diese deutsche Liebe überlebt den völkischen Untergang. Allerdings bleibt Marga­retes spätere Bekehrung zur Pfarrfrau ein Mysterium. Als Christian bereits fand, Deutschland habe Stalingrad verdient, schwadronierte sie noch vom wohlverdienten Schicksal der schmarotzenden Juden. Kein Volk komme dem deutschen gleich, und "nur Reinheit des Blutes ermöglicht dem Gewissen, klar und sicher auszuschwin­gen". Christian sah am 26.9.1943 "unser Volk gerade im Leid als Gottes auserwähl­tes Volk". Später begriff er Deutschlands Niederlage als Sündenstrafe. "Was gibt uns die Berechtigung, die Herren Europas sein zu wollen?" Das Christentum gelte kei­nem Volk, sondern dem einzelnen und der gesamten Welt. "Dieser Krieg ist das Un­menschlichste, was der Mensch je getan hat", schrieb er am 1.11.1944. Am 9. Mai 1945, einen Tag nach Deutschlands Kapitulation, streckte endlich auch Margarete die Waffen: "Hoffentlich benimmt sich der Russe einigermaßen menschlich."

   Wenn "der Russe" sich benommen hätte wie zuvor der deutsche Übermensch in der Sowjetunion, dann gäbe es heute kein deutsches Volk.

   Es begann die nächste neue Zeit, und die Geschichte der Kinder. Im Anhang die­ses Buchs schreiben Joachim, Ursula und Michael Krause, wie sie Vater und Mutter erlebten und mit welchen Gefühlen sie den Nachlaß lasen. Dank und Respekt für den Mut, diesen Fund öffentlich zu machen! Solch ungeschönte Stimmen aus der Vorzeit lassen uns begreifen, welcher Welt die heutige entstammt. Wir hören, wer unsere Eltern waren, bevor wir sie kannten - und sie uns.

(Berlin-Pankow, im Februar 2016)

 

 

(Quelle: http://panzerregiment35.blogspot.de/2016/08/pikra-pionier-krause-der-intime-teil.html )

EINGESTELLT VON HANS-JÜRGEN ZEIS

SAMSTAG, 27. AUGUST 2016

 

PiKra - "Pionier Krause" der intime Teil seines Lebens...

 

PiKra ist der einzige Protagonist des Regimentes, über den wir so viel Intimes aus seinem Privatleben erfahren. Ohne Joachim Krause und seinem Mut wäre das nie­mals möglich gewesen. Mir selbst wurden solche Einblicke niemals gewährt. Selbst im engsten Familienkreis wurden alle wichtigen Unterlagen und sehr privaten Auf­zeichnungen noch als letzte Arbeit eines Todgeweihten vernichtet. Es zeigt den Grad der Verschwiegenheit , auch den engsten Familienmitgliedern gegenüber an. Zu sol­chen herausragenden schriftstellerischen Leistungen wären die meisten meiner Familienmitglieder auch nicht intellektuell in der Lage gewesen. Familie Krause bewegte sich auf einem anderen "Level", einem anderen Bildungsniveau.

Ein Brief, nämlich der von Walter Angst vom 29.12.1933 aus Zürich hat mich gefes­selt und mich sehr nachdenklich gemacht. Glasklar, ohne Verbrämung, ohne patheti­sche Sülze! Es gab sie, die Menschen mit dem scharfen Blick für die Realität. Ver­geblich suchte ich nach weiteren Briefen von diesem Mann. Mit einigen Sätzen ent­larvte er alles Scheinheilige und damit den ganzen Nationalsozialismus.

Persönlich bin ich der Überzeugung, dass alle Briefe mit der Maßgabe geschrieben sind, so scheinen zu wollen, wie es einem Idealbild der Zeit entsprach. Alles wurde idealisiert und verbrämt, einer gigantischen Wagneroper gleich.

So zu sein, so zu denken, so zu sprechen wie ich es mit meinem Vater tat, wie ich mit verschiedenen Veteranen sprach, wäre undenkbar, ordinär und unvorstellbar ge­wesen.

 

Man schwebte gemeinsam auf einem tödlichen Olymp, als Abkömmling der Olympier in allerhöchsten Sphären, in einer Sprache, die eines Thomas Mann würdig gewesen wäre. Welche Abgründe tun sich in meiner Erinnerung mit Zeitgenossen auf, die auf unterster Ebene, in untersten Dienstgraden um ihr Leben, ihre Zukunft und ihr Über­leben kämpften.

 

Einen wirklichen Zugang zu dieser hochintellektuellen Welt hatte ich nie und fand ich nie. Diese Welt wollte mich nicht und ich wiederum auch nicht sie. Mir erzählten die Soldaten andere, intimste Dinge, die ihnen alltäglich waren. Sex, Puffs in Frankreich, Alkoholgelage, Tripper , vollgeschissne Hosen, Blut, Gestank und verweste Körper... Neid, Missgunst, Verrat, Überleben, Karriere, und über allem: Die Götter, die Ehre, der Gehorsam, die Disziplin, die Offiziere! Der Geist und das Rückgrat dieser Zeit.

 

Zur besseren Erklärung möchte ich meinen Vater zitieren, der im Stadtteil Maxfeld in Nürnberg aufwuchs. Er spielte manchmal in einer Seitenstraße am Stadtpark, wo auch Familie Urschlechter wohnte. Wenn Andreas (der spätere Oberbürgermeister) mit ihnen spielte, dauerte es nicht lange und am Fenster erschien seine Mutter, immer hochgeschlossenes Kleid und rief zu ihrem Sohn hinunter: "Andreas! spiele nicht mit den Gassenjungen! Komm herauf!"

 

Die "Gassenjungen" das waren die anderen! Sie gingen nicht auf Oberschulen, Gymnasien, etc. Sie gingen mit vierzehn Jahren in die Lehre und blieben Arbeiter. Sie waren das Proletariat, wohnten in Hinterhöfen mit Plumpsklo, machten abends Heimarbeit und waren meist kinderreich. Gelang ihnen der Aufstieg in den Offiziers­rang, so äfften sie umso eifriger die Lebensgewohnheiten der oberen Gesellschafts­schicht nach und meinten noch konsequenter, noch härter sein zu müssen, um dem neuen Anspruch gerecht zu werden.

 

Dieses Buch schließt eine wichtige Lücke für all diejenigen, welche immer noch ratlos und vollkommen irritiert ihren hochdekorierten Offiziersvätern, Großvätern hinterher starren und niemals eine Antwort fanden, wieso, weshalb, warum?

 

PiKra macht es vor. Er zeigt wie man als guter Christ auch massenhaftes Töten akzeptieren kann, ohne Schuldzuweisung, im festen Glauben, der Menschheit einen großen Dienst zu erweisen. Zwischen diesen Welten liegt die Wahrheit, das Schick­sal der Menschen, ihre Schuld, ihr Unvermögen, ihr totales Versagen, eine friedliche Welt zu gestalten...

 

 

 

https://publik.verdi.de/2016/ausgabe-08/spezial/kulturbeutel/seiten-22-23/A2

ver.di Publik :: / Ausgabe 08 / Spezial / Kulturbeutel / Seiten 22+23 / Briefe vom Dachboden

ähnlich auch in:

MUT –Forum für Kultur, Politik und Geschichte, Nr. 589, Mai 2017, Seite 63

 

Briefe vom Dachboden

Wie viel näher Geschichte durch erzählte Geschichten statt durch Fakten aus Geschichtsbüchern kommt, zeigt das Buch "Fremde Eltern". Ein Buch, in dem zeitgeschichtliche Dokumente durch subjektive Aufzeichnungen aus Tagebüchern und Briefen ergänzt werden. Joachim Krause - Chemiker, Theologe und Publizist - und seine Geschwister entdecken eines Tages ziemlich Verstörendes aus den Jahren 1933 bis 1945 auf dem Dachboden des elterlichen Hauses. Mit der Veröffentlichung zögern sie, schließlich handelt es sich um die Hinterlassenschaft der Eltern Christian und Margarete (geboren 1914 und 1915; gestorben 2000 und 1995). Beide lernten sich 1931 kennen und heirateten 1943. In ihren Briefen geht es um Privates, um ihr Verhältnis, ihre Liebe zueinander, um Alltägliches - aber auch um den Glauben an Gott und an Adolf Hitler, ihre Haltung zum Nationalsozialismus, zum Juden- und Christentum, zur Kirche, zum Krieg.

Vater Christian schreibt als Oberschüler, als Theologiestudent, Vikar und Pfarrer in der "Bekennenden Kirche", als Soldat niederen bis höheren Grades im "Heimaturlaub" und aus "Feindesland", später als Kriegsgefangener. Mutter Margarete schreibt anfangs als Mitglied im "Bund deutscher Mädel", später aus dem "Frauenarbeitsdienst" und der "Landfrauenschule", von Lehrjahren auf norddeutschen Bauernhöfen, als Studentin im "Landdienstbetreuungseinsatz", als "Landwirtschaftliche Lehrerin und Wirtschaftsberaterin" im ehemals polnischen Gebiet. Zunächst sind am Briefwechsel auch Verwandte beteiligt, so Christians Bruder Helmut (geboren 1915), dem sich Margarete liebend verbunden fühlt - bis zu seinem "Heldentod" 1941.

Im Dialog zwischen Margarete und Christian gibt es manchmal Kontroversen; sie teilt nicht seine bibelfeste Frömmigkeit, er nicht ihre fanatische Hingabe an den Führer und seine "Vorsehung". Doch über die vermeintlich welthistorische Mission Nazideutschlands sind sie sich einig - von gelegentlichen Zweifeln Christians abgesehen. Sie sind belesen, gebildet, bilden sich etwas ein auf ihre moralische Gesinnung. Sie sind empfindsam in ihrer Privatsphäre - aber kaum gegenüber dem Verderben, das über die "Feinde" gebracht wird.

Die Lektüre der verschiedenen Briefwechsel zeigt nicht nur, wie offensichtlich Millionen Menschen, infiziert mit demagogischer Propaganda, gedacht und gehandelt haben. Sondern auch, wie darüber millionenfach geschwiegen wurde und wird. Man liest gespannt, wie die Protagonisten mit dem Untergang des "Tausendjährigen Reiches" zurecht- und in der Neuzeit ankommen, ob und wie sie die Geschichte und ihr eigenes Verhalten reflektieren und welche Fragen schließlich die nachgeborenen Familienmitglieder umtreiben. 

Christoph Kuhn

 

 

6.10.2016

Buchvorstellung in der Stadtbibliothek in Meerane

(Bericht, Quelle: Freie Presse Chemnitz, Regionalteil Glauchau 8.10.2016)

 

Autor lernte seine Eltern neu kennen

VON JULIA LAPPERT

 

Aus Briefwechseln und Tagebüchern ist ein Buch entstanden, das der Schönberger Autor Joachim Krause nun in Meerane vorgestellt hat.

MEERANE/SCHÖNBERG - Mit Herzklopfen in der Brust hat der Schönberger Autor Joachim Krause vorgestern sein neues Buch „Fremde Eltern - Zeitgeschichte in Tagebüchern und Briefen 193 3-1945“ in der Meeraner Bibliothek vorgestellt. „Es ist nicht einfach über die eigene Familiengeschichte in der Öffentlichkeit zu sprechen“, sagt der Autor. Vor vier Jahren hat der 1946 geborene Schönberger fast 2000 Briefe sowie Tagebücher in Kisten auf dem Dachboden gefunden. Darin befand sich vor allem der Briefwechsel zwischen seinen Eltern, aber auch zwischen seiner Mutter und dem Bruder seines Vaters. Krauses Eltern waren zwischen 1933 und 1945 zwischen 17 und 29 Jahren alt und schrieben über den Nationalsozialismus und Juden, über den Sinn von Krieg und Tod, Glaubensfragen und Sexualmoral. Besonders die Haltung seiner Mutter als junge Frau überraschte und erschreckte Krause zutiefst.

„Ich habe zwei Mütter“, sagt der Autor heute. „Diese Entdeckung hat eine junge Frau gezeigt, die wir Kinder so nie kennen gelernt haben.“ Seine Mutter habe er als eine sehr sozial denkende Frau erlebt, die die drei Kinder zur eigenen kritischen Meinungsbildung erzogen hat.

In den Briefen zwischen 1933 und 1945 schreibt seine Mutter allerdings als überzeugte Nationalsozialistin, der Vater hingegen wahrte eine kritische Distanz zur Ideologie und versuchte sie auf die Verbrechen hinzuweisen. „Es ist gut zu wissen, dass Menschen sich ändern“, sagt Krause. Weshalb seine Eltern nie über diese Zeit gesprochen haben, weiß der Autor nicht. Seine Eltern starben 1995 und 2000.

 

Nächste Woche Donnerstag stellt Joachim Krause sein Buch in Leipzig um 19.30 Uhr im „Haus des Buches“ vor.

DAS BUCH „Fremde Eltern“ kostet 24,80 Euro und ist in den Shops der „Freien

Presse“ bestellbar.

 

Autor Joachim Krause las gemeinsam mit seiner Schwester Ursula Knepper aus seinem Buch „Fremde Eltern“ in der Meeraner Bibliothek. Foto: W. STURM

 

 

6.10.2016

Buchvorstellung in der Stadtbibliothek in Meerane

(Bericht, Quelle: Website der Stadt Meerane, Aktuelles 13.10.2016, http://www.meerane.de/meerane/meerane_news/2016/2016_10/aktuelles_2016_10/krause_fremde_eltern_bericht.htm  )

Der gleiche Text erschien auch am 26.10.2016 in der Meeraner Zeitung, Amtliche Bekanntmachungen und Mitteilungen der Stadt Meerane, Seite VIII.

 

Joachim Krause: „Wie hätte ich mich wohl verhalten?“

 

Dachbodenfund versetzt Schönberger Autor unter Spannung

 

http://www.meerane.de/meerane/meerane_news/2016/2016_10/fotos_2016_10/krause_3_fremde_eltern.jpg

 

Die Bibliothek war wieder gut besucht zur Buchvorstellung mit Joachim Krause. Kein Wunder: Zum einen ist der Schönberger Autor bekannt für seine interessanten Berichte und Erzählungen, und zum anderen ging es diesmal um eine Buchvorstellung, die es in sich hatte. Sein neues Buch mit dem Titel „Fremde Eltern – Zeitgeschichte in Tagebüchern und Briefen 1933–1945" stellte er Anfang Oktober zusammen mit seiner Schwester und seinem Schwager vor. Vielleicht stocken Sie jetzt beim Lesen der Jahreszahlen und vermuten eine für Geschichtsstunden typische Berichterstattung. Weit gefehlt! Was die zahlreichen Besucher an diesem Abend zu Gehör bekamen, ist wahrlich eine Seltenheit und spannend noch dazu. Warum? Joachim Krause machte eine brisante Dachbodenentdeckung – Dokumente, Briefe und Tagebücher. Nur waren es nicht irgendwelche, sondern die seiner Eltern nebst Onkel.

Damals gab es kein Internet, und man musste sich noch mit Stift und Papier hinsetzen, seine Gedanken niederschreiben, zur Post bringen und warten – durchaus lange, denn so manche Post ging in diesem Falle bis an die Front nach Stalingrad. Fast 1800 derartige Dokumente sind über die Jahre entstanden, wurden bewahrt und nun wiederentdeckt.

Diese Wiederentdeckung versetzte Joachim Krause allerdings in ein Wechselbad der Gefühle. „Wie beim Zusammensetzen eines Puzzles gewinnt in den Texten nach und nach ihr damaliges Denken, ihr Leben und Handeln Konturen“, beschreibt er diese Situation und umreißt in nur einem Satz die gesamte Tragkraft: „Die drei jungen Leute suchten Orientierung, und sie stritten über den Nationalsozialismus und die Juden, über den Sinn von Krieg und Tod, über Sexualmoral und Glaubensfragen.“ Denn je mehr er in die Geschehnisse damaliger Zeit vordringt, um so mehr muss er feststellen, dass seine Mutter eine glühende Verehrerin Hitlers war und der Onkel ein fanatischer Offizier, und dass nur der Vater eine gewisse kritische Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie erkennen ließ. „Das waren also meine Eltern damals“, stellte er nachdenklich fest, „völlig fremd, denn so kannte ich sie ja nicht, als ich in die Nachkriegswelt hineingeboren wurde.“

Dennoch war ihm wichtig, diese Dokumente zu einem authentischen Zeugnis der Zeitgeschichte zusammenzufassen, und der Titel des Buches lag schon fast logisch auf der Hand – „Fremde Eltern“!

Auch das Publikum ist von der Lesung der in Buchform gebündelten Briefe gefesselt und interessiert zugleich, so dass sich im Anschluss noch weitere rege Diskussionen ergaben. Viele dankten Joachim Krause für seine Offenheit und seinen Mut, dies aufzuarbeiten. Denn schließlich gibt es nicht alle Tage solche Funde, geschweige, dass diese in solcher Ehrlichkeit veröffentlicht würden.

Im Anschluss erwarben viele das im Sax-Verlag Markkleeberg erschienene Buch (408 Seiten) und ließen es sich signieren.

 

 

Zur Vorstellung seines neuen Buches wurde Joachim Krause (2.v.l.) von seiner Schwester Ursula Knepper (li.) und seinem Schwager Joachim Knepper begleitet. Rechts die Leiterin der Stadtbibliothek Meerane, Angelika Albrecht.

 

 

Die Buchvorstellung mit Joachim Krause „Fremde Eltern“ in der Meeraner Stadtbibliothek stieß auf großes Interesse.

 

 

 

 

CyberSAX – das Dresdner Stadtmagazin online, April 2017

http://www.cybersax.de/literatur/details/article/ein-beredtes-lehrstueck-fuer-die-gegenwart/

 

EIN BEREDTES LEHRSTÜCK FÜR DIE GEGENWART

(Gespräch von Bernd Gürtler mit dem Autor Joachim Krause)

 

Wie konnte es geschehen, dass gebildete, von christlichen Werten geprägte Bürgerkinder dem Nationalsozialismus verfallen? Nach wie vor eine Frage, die nach Antworten sucht. Besonders im Moment gerade wieder, da krude Weltanschauungen erneut regen Zuspruch verzeichnen. Joachim Krause war von 1982 bis 2010 Beauftragter für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, darüber hinaus Songtextschreiber für Ostrockbands wie Lift oder Panta Rhei. Im Nachlass seiner Eltern fanden sich Tagebücher und fast 2.000 Briefe, die Auskunft geben über die ideologische Verführbarkeit gewöhnlicher Alltagsmenschen. Unter dem Titel "Fremde Eltern" (Sax Verlag, nicht verbunden mit dem Stadtmagazin SAX) liegt das Material seit Herbst 2016 in einem Buch vor, das weder nach Entschuldigungen sucht noch verurteilen will, jedoch ein beredtes Lehrstück für die Gegenwart bietet.

 

Die Vorgeschichte liest sich, als sei ein gewiefter Marketingstratege zu Hochform aufgelaufen: Mehrere Kisten, die Jahrzehnte unbeachtet auf dem Dachboden des Elternhauses lagern, geben bei genauerem Hinsehen einen zeitgeschichtlichen Schatz preis. Vermutlich ist es aber tatsächlich so gewesen. Das musste sich gar niemand erst ausdenken, die Wirklichkeit war spannend genug.

 

Die Kisten gab es, und vieles spricht dafür, dass meine Eltern von ihrer Existenz noch wussten. Für uns als Kinder ist das auch kein großes Geheimnis gewesen, aber nichts, dem wir nennenswerte Beachtung geschenkt hätten. Das war Papierkram, Liebesbriefe, altes Zeug. Erst bei einer letzten Sichtung kurz vorm Wegwerfen zeigte sich, welche brisanten und verstörenden Dinge da drin stecken.

 

Weshalb glaubst du, dass die Kisten bei deinen Eltern noch nicht ganz in Vergessenheit geraten waren?

 

Zur Vorbereitung ihrer Goldenen Hochzeit hatten sie offenbar Briefe aus der Zeit vor ihrer Eheschließung hervorgeholt und gelesen. Wohl mehr aber, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie sie den jeweils anderen damals als Persönlichkeit erlebt hatten. Dass sie nebenher ein Stück Zeitgeschichte mitliefern und welchen Umfang das hat, das ahnten sie sicher nicht. Wahrscheinlich weiß ich jetzt weitaus mehr, als sie noch aus der Erinnerung hätten erzählen können.

 

Was, wenn es den Eltern gar nicht darum ging, die Kisten zu vergessen? War ihnen womöglich eher daran gelegen, dass der Inhalt für die Nachwelt erhalten bleibt.

 

Es kann sein, dass sie sich selbst noch mal in Ruhe damit beschäftigen wollten, wenn sie alt sind. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen. Mein Vater behielt einen ausgewählten Jahrgang der Briefe bis zuletzt bei sich an seinem Alterswohnsitz. Was er nicht getan hätte, wenn ihm das nichts mehr bedeutet hätte. Bei meiner Mutter findet sich 1945 die Notiz, dass sie wieder Tagebuch schreiben will, damit ihr Sohn erfährt, in welch bewegten Zeiten sie gelebt hat. Das war an mich gerichtet. Mich gab es damals noch gar nicht, aber das lässt vermuten, dass die Tagebücher und Briefe für mich und meine beiden Geschwister bestimmt gewesen sein könnten. Dass das in Buchform für die Ewigkeit aufgehoben bleiben sollte, war bestimmt nicht vorgesehen. So eitel sind meine Eltern nicht gewesen. Sie schreiben zwar druckreif, Nachbesserungen sind kaum notwendig gewesen. Aber das war privat, und das sollte es bleiben. Hätten wir unsere Eltern fragen können, sie hätten sich mit Händen und Füßen gegen eine Veröffentlichung gewehrt.

 

Nun gibt es das Buch, was lehrt es uns?

 

Dass die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 kein Zufall gewesen ist. Mehrheitlich empfand die deutsche Bevölkerung den Versailler Vertrag als Schmach und wollte dessen Korrektur. Nationalistisches Denken war weit verbreitet damals, überall in Europa. Judenfeindlichkeit, auch christlich untersetzt, galt seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts als salonfähig. In diesem gesellschaftlichen Umfeld wittern Hitler und die Nationalsozialisten ihre Chance und ergreifen sie. Bekannt ist das natürlich, man weiß das alles. Trotzdem bin ich nochmals auf eine Art und Weise eingetaucht in diese Zeit, wie ich mir das hätte nie vorstellen können. Aber dann ist es doch erschreckend gewesen, wie selbst bürgerliche Kreise diesen Ideen verfallen sind. Mein Vater zum Beispiel. Bei der Abschlussfeier seines Abiturjahrgangs an der Fürstenschule in Meißen wird noch im April 1933 Felix Mendelssohn Bartholdy, ein jüdischer Komponist, gespielt. Es wird ein Psalm auf Hebräisch gelesen. In den folgenden Monaten aber wird mein Vater zurechtgeschliffen. Ende des Jahres ist er, zum Glück nur vorübergehend, ein begeisterter Nationalsozialist.

 

Ein Rätsel bleibt es dennoch, wie das ideologische Gift derart wirken konnte. Deine Mutter, die Tochter eines Arztes, hatte Abitur. Dein Vater, Sohn eines Gymnasiallehrers, studiert Theologie, um Pfarrer zu werden!

 

Deutschland hatte zweifellos leidvolle Jahre hinter sich, und dann kommt jemand, der verspricht, dass es besser wird. Wenn auch auf Pump, der wirtschaftliche Aufschwung war kreditfinanziert beziehungsweise der militärischen Aufrüstung geschuldet. Und wer nicht zu den Opfern gehörte, wer kein Jude, kein standhafter SPD-Anhänger, kein Kommunist war, dem ging es wirklich besser. Die Niederschriften meiner Eltern belegen eine enorme Aufbruchsstimmung. Zunächst jedenfalls, bei meinem Vater ändert sich das, als er zur Wehrmacht eingezogen und zum Feldzug gegen die Sowjetunion abkommandiert wird. In seinen Briefen von der Front berichtet er unter anderem von Gräueltaten gegen Juden, an denen er hoffentlich nicht beteiligt war. Von meiner Mutter wird das in den erhaltenen Briefen nie aufgegriffen. Sie schreibt noch am 8. Mai 1945 in ihrem Tagebuch, von den schlimmen Dinge, die jetzt bekannt werden, hätte Hitler nichts gewusst, hätten die meisten Deutschen nicht gewusst.

 

Denkst du, Menschen reagieren einfach so, wenn entsprechende Rahmenbedingungen vorliegen?

 

Ja, und man darf nie vergessen, wie Donald Trump jetzt in den USA oder ähnlich beim Brexit-Votum der Briten, ist auch Hitler das Ergebnis demokratischer Wahlen gewesen. Mit um die vierzig Prozent befand er sich in einer komfortablen Situation, errang aber bei keiner Gelegenheit eine absolute Mehrheit. Es bedurfte jeweils der Steigbügelhalter, die dachten, den bändigen wir schon. Auch das Ermächtigungsgesetz wurde mit Zustimmung von anderen Parteien installiert. Die parlamentarische Demokratie entmachtete sich damit selbst. Viele glaubten, das wird schon nicht so schlimm, bis es zu spät war. Aber das sind Situationen, da bin ich vorsichtiger geworden. Ich habe in dieser Zeit nicht gelebt und frage mich manchmal, worauf ich mich eingelassen hätte. Als mein Großvater 1933 notgedrungen in die NSDAP eintritt, waren gerade eben zwei seiner Lehrerkollegen mit Nähe zur SPD aus dem Schuldienst entlassen worden. Der Mann hatte einfach Angst, dass er seine Familie nicht mehr ernähren kann und seinen geliebten Lehrerberuf aufgeben muss. Wer sich nicht von Anfang an verweigert hat, für den war es ungleich schwieriger, zwischendrin auszusteigen.

 

Würdest du sagen, die Geschichte könnte sich doch wiederholen?

 

Mich irritiert schon sehr, dass schon wieder Parolen verfangen, von denen man annahm, mit einigermaßen Schulbildung wären wir gewappnet dagegen. Bis ich in die Briefe und Tagebücher meiner Eltern eingestiegen bin, war ich fest davon überzeugt, dass wir dazugelernt haben: Wir wollen nie wieder Krieg, wir sind tolerant, wir sind weltoffen. Wir akzeptieren andere Meinungen. Differenzen klären wir im Gespräch. Das kann hart sein, aber man muss das nicht mit Gewalt auf der Straße austragen. Und zunehmend merke ich, dass das eine trügerische Hoffnung war. Es bedarf bloß einer Situation, die von breiten Bevölkerungsschichten als kritisch empfunden wird. Wobei das, was wir derzeit erleben, bei weitem nicht vergleichbar ist mit dem, was sich vor 1933 in Deutschland abgespielt hat.

 

Das Erstaunliche ist, dass du, aufgewachsen in der DDR, stets auf kritischer Distanz zum Arbeiter- und Bauernstaat geblieben bist. Du und deine Familie, ihr habt euch eben nicht vom politischen System vereinnahmen lassen. Das wäre nicht unbedingt zu erwarten gewesen bei der Biographie deiner Eltern.

 

Ich bin 1946 geboren und habe meine Eltern ganz anders erlebt. Als misstrauisch gegenüber staatlicher Autorität. Nach wie vor sind sie keine Widerstandskämpfer gewesen, aber deutlich in Opposition zur DDR gegangen. Sie verboten uns Kindern, Mitglied bei den Jungen Pionieren und bei der FDJ zu werden, was auch damit zu tun hatte, dass mein Vater Pfarrer war. Bei uns zu Hause wurde offen politisch diskutiert, es gab keine Tabus, von wegen, das lassen wir lieber, darüber reden wir nicht. Wir bekamen Toleranz vorgelebt, ich kann mich an keinen irgendwie fragwürdigen Halbsatz gegen Juden oder Ausländer erinnern. Meine Geschwister und ich sind von unseren Eltern zu mündigen Bürgern erzogen worden. Hätte ich mit siebzehn um den Inhalt ihrer Tagebücher und Briefe gewusst, ich hätte vielleicht die Türe zugeknallt und wäre ausgezogen. Den Enkelkindern, von denen sich meine Eltern auch kritische Fragen gefallen lassen mussten, hätte meine Mutter wohl nicht offenbaren wollen, wie sie früher gedacht und geschrieben hatte.

 

Auch deine Songtexte wie das "Am Abend mancher Tage" für Lift oder "Über mich" für Panta Rhei, sind zutiefst humanistisch!

 

In meinen Texten beschreibe ich eine Welt, die ich mir gewünscht hätte. Ich denke, das darf man, und vermute, meine Eltern wünschten sich 1933 auch bloß eine bessere Welt. Sie kannten das Ende nicht. Wir betrachten das immer von heute aus und geben uns furchtbar gescheit. Man kann nur hoffen, dass Aufklärung doch etwas bringt. Es steht nicht alles zum Guten, gar keine Frage. Aber die Demokratie ist die beste Gesellschaftsform, die wir derzeit haben.

 

Bernd Gürtler

 

 

Veranstaltungs-Tipp:
Fremde Eltern –– Lesung mit Joachim Krause, Ursula Knepper und Dr. Michael Krause, 21. April 2017, 19 Uhr, Haus an der Kreuzkirche 6, Mauersbergersaal