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Rezensionen zum Buch
„Im Glauben an Gott und Hitler“
Wie Hitler zum Heiland
gemacht wurde
Eine Spurensuche nach den
„Deutschen Christen“ und zwei fanatischen Pfarrern im Wieratal
Für alle Leser:
Wenn man erst mal dran zupft am Knäuel Geschichte, dann kommt so mancher Faden zum Vorschein, den man nicht unbedingt erwartet hat. Für Joachim Krause, der einst für DDR-Rockgruppen wie Lift, Klaus Lenz, die Puhdys und Panta Rhei Texte schrieb, begann alles mit dem Dachbodenfund des Briefwechsels seiner Eltern aus der Nazi-Zeit, als alle beide jung waren – und ganz anders, als sie der 1946 geborene Sohn später kennenlernte. Und ein Faden der Geschichte führt ins ach so schöne Wieratal.
Die Dörfer heißen hier Hinteruhlmannsdorf (heute Engertsdorf), Niederwiera, Oberwiera und Flemmingen. Dieses Gebiet dicht hinter Altenburg grenzt direkt an Sachsen. Und es wäre Krause auch nicht sonderlich aufgefallen, würde es nicht in der Literatur als Ursprungsort der „Deutschen Christen“ gelten. Was ab 1927 mit zweien der radikalsten Pfarrer der NS-Bewegung zu tun hat, die sich aus Bayern in das schon damals als deutlich rechtsradikalere Thüringen hatten versetzen lassen. Wenig später sollte Thüringen das erste Land im Deutschen Reich werden, in dem die Nationalsozialisten mitregierten. Und diese beiden Pfarrer – Siegfried Leffler in Niederwiera und Julius Leutheuser aus Flemmingen – würden sich zu diesem Zeitpunkt längst einen Namen gemacht haben bei der Radikalisierung ganzer Kirchgemeinden.
Leffler würde sich später auch noch einen Namen machen als Mitgründer des „Instituts zur Erforschung (und Beseitigung) des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, das die evangelischen Landeskirchen auf der Wartburg gründeten. Und Krause fragte sich zu Recht: Was war da los im Wieratal? Warum gibt es dazu keine Literatur? Warum redet niemand darüber?
Und da ist man mitten in einem Teil der ostdeutschen Geschichte, der 40 Jahre lang einfach nicht existierte. Und danach scheint sich auch kaum ein Historiker dafür interessiert zu haben. In der DDR war die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nicht gefragt. Man hatte ja den Antifaschismus zur Staatsdoktrin erkoren. Man hatte auch schon seine eigenen Sauereien auf dem Kerbholz. Aber man tat einfach so, als wären all die neugebackenen Menschen, Genossen und Mitläufer niemals Nazis gewesen, Schuld trugen andere.
Nichts ist in der Geschichtsbewältigung so fatal wie das Schweigen. Denn wer die Geschichte verschweigt, setzt sich auch nicht mit ihren psychologischen Folgen auseinander. Der stellt sich auch nicht seiner Schuld und seinen eigenen Verletzungen. Ergebnis ist immer ein Volk von Duckmäusern und Schein-Heiligen. Gezwungenermaßen. Das deutet sich nur an, wenn Joachim Krause versucht, das zu rekonstruieren, was zwischen 1927 und 1945 im Wieratal passierte, wie zwei radikalisierte Pfarrer (beide erwartbar mit Erfahrung aus dem 1. Weltkrieg) darangingen, das Kirchenleben in den Dörfern radikal umzukrempeln und schon weit vor der offiziellen Gründung der „Deutschen Christen“ die Gottesdienste auf Nationalsozialismus zu trimmen – mitsamt Führerkult und Landsknechtsliedern.
Wirklich erklären kann es natürlich auch Krause nicht, wie ganze Kirchgemeinden es fertigbrachten, ihren protestantischen Glauben in diese seltsame neue Hitlerverehrung umzumünzen. Aber das liegt eher an der kargen Quellenlage. Denn schon mit den frühen Protokollen der Nachkriegszeit begegnet er dem kirchlicherseits geäußerten Willen, sich mit der Schuldfrage nicht zu beschäftigen. Man begegnet einem ganz ähnlichen Phänomen, wie man es aus der frühen „Geschichtsbewältigung“ der BRD kennt: Die Leid- und Opferrolle wurde überbetont – die Schuld wurde ganz offiziell abgewälzt auf die kleine Elite des NS-Staates, die in Nürnberg vor Gericht stand. Alle anderen waren ja nur kleine Befehlsempfänger oder waren einem anonymen Walten unterworfen, das ganz übermächtig Leid und Tod über Deutschland gebracht hatte.
Eine Denkfigur, die bis heute lebendig ist. Denn dass heute wieder die alten nationalistischen Töne hörbar werden, hat genau damit zu tun: Mit einem Überleben der alten Stereotype und Denkweisen eines sich als auserwählt behauptenden Systems. Dieser elitäre Spuk sitzt vielen Enkeln der Täter noch immer im Kopf. Logisch, dass viele, die das damals als Kinder erlebten, lieber nicht drüber reden wollten. Eine Geschichte, mit der man sich nie wirklich auseinandersetzen konnte, wird zur Scham. Es liegt ein falsches Schweigen drüber. Die einen wollen mit den Aktionisten von damals nicht in Verbindung gebracht werden, die anderen empfinden es als unsägliches Familienkapitel. Trotzdem schaffte es Krause, einige Familien doch dazu anzuregen, auf die Dachböden zu steigen und in alten Familienalben zu kramen.
Was sogar manch erstaunliche Entdeckung mit sich brachte. Denn auch unter denen, die dem Nationalsozialismus verfallen waren, gab es einige, die es später zutiefst bereut haben – einer schrieb sogar seine Erinnerungen, die lange im Familienbesitz aufbewahrt wurden. Auch weil er über die Folgekapitel ebenfalls nicht sprechen durfte – die Inhaftierung im nun von den sowjetischen Besatzern betriebenen KZ Buchenwald, die Deportation nach Russland und die Zwangsarbeit in Kasachstan. Was übrigens zum großen Schweigen über die DDR gehörte und ihre letztlich fatale Gründungsgeschichte.
Die meisten Hinweise fand Krause dann in alten Kirchen- und Gemeindeprotokollen, in Kirchenzeitungen und dem glorifizierenden Erinnerungsbuch, das der Volksschullehrer Kurt Thieme über die Zeit noch im NS-Reich veröffentlichte und dessen Tonfall noch heute all die Selbstüberhöhung, das aufgemotzte Heldentum und die breitbrüstige Kriegerromantik enthüllt, mit der sich die NS-Sprache schmückte. Auch das kommt ja heute wieder – wo kein Inhalt ist, da wird in heroischem Ton drauflosgeschwärmt. Und hätte man nur die NS-Quellen zu der Zeit, man würde sich in einem Deutschland wiederfinden, in dem alle Männer ständig mit irrem Blick in eine lodernde Zukunft marschierten, Bauern seit Jahrhunderten wacker die Scholle beackerten und die Gegner von SPD, KPD und so weiter nur ein kleines, störendes Häuflein …
Erst die Wahlergebnisse entlarven dieses Selbstbild, das Rechtsausleger von sich heute wieder malen – mitsamt ihrer Besessenheit, sich zum Volk und zum Volkswillen hochzustilisieren. Erst der kritische Blick auf die Mitgliederlisten der Gemeinden zeigt Krause, dass ganz und gar nicht alle mitmachten. Auch wenn in diesen kleinen Dörfern der Zwang zur gegenseitigen Kontrolle groß war. Deswegen haben sich ja Nazis auf dem Land immer besonders wohlgefühlt. Hier fiel auf, wer nicht mitmachte. Und man ahnt nur, was für ein Druck es war, als die beiden nationalistischen Pfarrer ausgerechnet die Kirchgemeinde zum Ort der Gleichschaltung machten. Da werden Phrasen wie „abseits stehen“ schnell brandgefährlich, erst recht, wenn diese beiden seltsamen Pfarrer nicht nur die NSDAP salonfähig machen und die Honoratiorenschaft des Ortes zuallererst einbinden, sondern auch gleich noch einen SA-Zug gründen, der bei einigen martialischen Festveranstaltungen zum Einsatz kommt.
Man darf die Selbstbeweihräucherung aus den Schriften der Zeit nicht unhinterfragt lassen. Die Nazis sind ja bis zuletzt nicht heruntergekommen von ihrem pathetischen Wagnerton. Ihre „Weltanschauung“ funktioniert nur als geschlossene Blase. Das ist heute immer noch so. Und dass sie vor allem mit dieser gestiefelten Bedrohung agierten und das Feigste im Menschen herausforderten, wird selbst da sichtbar, wo es um die Zahlen der „Deutschen Christen“ und der ihnen anhängenden Pfarrer geht. In Sachsen war der Anteil sehr hoch – reichsweit aber eher überschaubar. Auch wenn der Rest der Kirche nicht wirklich widerständig war. Das waren nur die wenigsten – solche Aufrechten wie Dietrich Bonhoeffer, die auch bereit waren, für ihre Menschlichkeit mit dem Leben zu bezahlen. Selbst die „Bekennende Kirche“ war keine Widerstandsbewegung. Darauf geht Krause am Ende noch dezidiert ein, wo es um die Frage geht, wie die protestantische Kirche selbst mit ihrer Mitschuld umging. Denn sie war – Martin Niemöller hat es ja auf den Punkt gebracht – eine der wenigen Institutionen, die ab 1933 überhaupt noch widersprechen konnte. Und es nicht tat.
Nicht umsonst bemühten sich die Nationalsozialisten, auch die Kirche gleichzuschalten. Es fiel ihnen viel zu leicht. Und auch deshalb herrschte wohl im Wieratal so lange Schweigen, denn wer sich noch ein Herz bewahrt hat, der war sich seines Mitschuldigwerdens durchaus bewusst. Weder die nahen Außen-KZs mit ihren Zwangsarbeitern waren den Menschen entgangen, noch die Todesmärsche, die die SS noch 1945 veranstaltete. Aber wohin mit den Schuldgefühlen, wenn schon die neuen Machthaber ihre Weltsicht über alles stülpen und nicht mal die Kirche darüber reden will?
Aber was zeigt das Beispiel Wieratal eigentlich? Dass die Menschen hier besonders nazistisch waren? Oder eher doch, wie wichtig es ist, wie Pfarrer, Lehrer und Bürgermeister agieren? Denn sie haben sehr viel Einfluss auf die Stimmung im Dorf. Vielleicht wurden die uniformierten Mai-Umzüge und Lindenpflanzungen ja von den Menschen damals anders empfunden. Heute wirken sie nur noch martialisch, gleichgeschaltet und wie ein Zwang, dem sich niemand entziehen konnte.
Da denkt man natürlich an Krauses Buch „Fremde Eltern“, wo man authentisch miterleben kann, wie das Denken der Nazi-Zeit selbst in den Briefen der Jungverliebten aufscheint. Wie es selbst ihre Lebensentscheidungen beeinflusst und sie eifrigst bemüht sind, den Erwartungen zu genügen, die der uniformierte Staat überall postuliert. Im Grunde zeigt Krauses Spurensuche im Wieratal gerade zwischen 1927 und 1933, wie sich ideologische Gleichschaltung eigentlich abspielt, wie sie sich einpflanzt ins Dorfleben, Denkweisen prägt und Menschen dazu bringt, sich anzupassen.
Noch so eine Schattenseite vom „Volk“. Denn tatsächlich möchten ja Menschen akzeptiert und respektiert sein. Die wenigsten halten es aus, ausgegrenzt und angefeindet zu werden.
Nur so ein Gedanke, der einem kommt, wenn man sich vorstellt, in so einem 1.000-Einwohner-Dorf wie Oberwiera zu leben – und der Pfarrer wird zum Nazi, der Bürgermeister wird zum Nazi, die Lehrer werden zu Nazis und auf einmal werden Kriegslieder gesungen in der Kirche und das Gerede beginnt und das Tuscheln, wer nicht dabei ist …
Und allein schon das 70-jährige Schweigen zeigt Krause noch etwas anderes, nämlich wie lange solche Prägungen durch eine Ideologie nachwirken und wie schwer sich die Betroffenen tun, sich dem Thema zu stellen, wenn das in der „neuen Zeit“ auch wieder nicht opportun ist.
Und es bleibt natürlich frappierend, wie leicht es Leuten wie Leffler und Leutheuser fiel, einfach das alte protestantische Selbstverständnis in ihren Gemeinden zu entkernen und anstelle der Christusverehrung den Hitlerkult zu setzen. Am Ende erlosch das Kirchenleben sogar komplett. Einige wichtige Veröffentlichungen im Westen der Republik haben sich durchaus schon mit diesem ziemlich finsteren Kapitel der Evangelischen Kirche beschäftigt. Im Osten gibt es dazu noch nicht wirklich viel Material. Zumindest zeigt Krause hier anhand historischer Dokumente sehr anschaulich, dass Ostdeutschland auch im NS-Reich kein unbeschriebenes Blatt war. Und dass es auch hier Orte und Regionen gab, die sich nicht gegen die Einvernahme durch die Nazis wehrten.
Warum das im Einzelnen genau so war, dazu fehlt noch manche Studie. Auch zur Psychologie der Geschichte, die von vielen Historikern gern als übermächtiges Fatum geschildert wird, ohne wirklich auf Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zu schauen. Im Wieratal wird einiges davon sichtbar. Nicht alles. Aber so viel, dass man ein Gefühl dafür bekommt, wie leicht neue Bevormundungen und Anpassungszwänge eine Dorfgemeinschaft verändern. Erst recht, wenn bombastische Worte wie „Volksgemeinschaft“ und „Heldentum“ fallen. Diese ganzen Verführungsvokabeln, mit denen Menschen zum Mitmachen gedrängt werden, die ohne all die pathetischen Verführer einfach ihre Felder bestellt und das Vieh gefüttert hätten. Ohne den Drang in sich zu verspüren, ihre Knochen gleich wieder im nächsten Krieg hinzuhalten.
Joachim Krause Im Glauben an Gott und Hitler, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2018, 12 Euro.
Leipziger Internetzeitung, 25. März 2018, Ralf Julke
https://www.l-iz.de/tag/ns-zeit
Neuerscheinung: Die ,,Deutschen
Christen“ aus dem Wieratal
FROHNSDORF/FLEMMINGEN. Joachim Krause hat sich eines dunklen Stücks der Geschichte des Wieratals angenommen. Der Autor und Heimatforscher, der 1946 im heutigen Nobitzer Ortsteil Ehrenhain geboren wurde und seine Kindheit größtenteils in Schönberg bei Meerane verbrachte, beschäftigte sich mit den Verstrickungen der Kirche in die Ideologie des Nationalsozialismus. Schauplatz: das Wieratal. Was 1927 mit der Ankunft zweier bayerischer Pfarrer begann, die sich der Synthese zwischen Nationalsozialismus und Christentum verschrieben hatten, führt 1928 zur Gründung des „Nationalsozialistischen Pfarrer- und Lehrerkreises des Wieratals". In den 1930er Jahren wird eine Kirchenpartei mit dem Namen „Deutsche Christen" in Thüringen gegründet, und die beiden Pfarrer aus dem Wieratal machen Karriere, unter anderem als Leiter des kirchlichen „Entjudungsinstituts" in Eisenach. Das Buch „Im Glauben an Gott und Hitler - Die „Deutschen Christen" aus dem Wieratal und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis 1945" berichtet über dieses Stück Lokalgeschichte.
(Osterländer Volkszeitung, Altenburg, 5.3.2018, S.15)
Beitrag von Siegfried Stadler in der Sendung
„Religion und Gesellschaft“ von MDR-Kultur am 22.4.2018
(Hier zum Anhören)
Die Deutschen Christen aus dem Wieratal
„Fremde Eltern“ entdeckte Joachim Krause, als er
vor zwei Jahren die Tagebücher und Briefe seiner verstorbenen Eltern aus der
NS-Zeit veröffentlichte. Gott und Hitler gingen darin eine unheilvolle
Verbindung ein, und auch die „Deutschen Christen“ spielten eine Rolle. Dieser
nazitreuen Kirchenbewegung hat sich Krause jetzt noch einmal gesondert
angenommen, denn ihre Ursprünge lagen gleich in seiner Nachbarschaft:
„Da
war ein Pfarrer Leffler ein wesentlicher Akteur, und der war Pfarrer in Niederwiera gewesen, das lag von meinem Wohnhaus vier
Kilometer entfernt. Und ich hatte nie davon gehört, dass dort die „Deutschen
Christen“ ihren Anfang gehabt hatten, weder in den Kirchgemeinden noch irgendwo
in privaten Gesprächen. Und da habe ich mich auf Spurensuche begeben.“
Herausgekommen ist eine kommentierte Dokumentation
aus Kirchenakten, politischen Zeitzeugnissen und manchmal auch nachträglichen
Erinnerungen, die allerdings nur spärlich flossen:
„Ich
meinte, ich könnte offene Türen einrennen, mir würden die Leute ihre Fotoalben
zeigen, und ich stieß auf eine Wand des Schweigens …“
… im heutigen Wieratal,
dessen Dörfer einst zum nationalsozialistischen Missionsgebiet wurden. Diese
Aufgabe stellten sich zwei evangelische Pfarrer, die aus Bayern nach Thüringen
kamen. Siegfried Leffler und Julius Leutheuser
zählten in der NSDAP zu den sogenannten „Alten Kämpfern“. Auf ihren
benachbarten Pfarrstellen im Wieratal wurden sie
zugleich Kämpfer für einen neuen Glauben, den sie unter dem Namen „Deutsche
Christen“ aus der Taufe hoben, mit Erfolg:
„Die
„Deutschen Christen“ sind ja auch, ich sage es einmal unvorsichtig, die
moderneren Pfarrer, sie sind offen für neue Veranstaltungsformen, neue Räume,
man muss nicht mehr in die Kirche gehen, sondern man kann sich auch im Gasthof
versammeln …“
… auch zu Saalschlachten gegen die Kommunisten und
zu Audienzen beim irdischen Gott:
„Adolf
Hitler wurde in Glauchau besucht, in Weimar, das waren schon Privataudienzen,
die diese Thüringer „Deutschen Christen“, die besonders militant und hartnäckig
waren, schon in eine relativ hohe Kategorie gerückt haben.“
Nach dem Machtantritt stiegen die Nazi-Pfarrer auf
in höhere Posten. Gemeinsam betätigten sie sich im 1939 gegründeten kirchlichen
„Entjudungsinstitut“ in Eisenach, das die Bibel von
jüdischen Einflüssen befreien sollte.
Leutheuser fiel im Krieg, Leffler fiel nach dem Krieg in
amerikanische Gefangenschaft. In Baden-Württemberg bekam er wieder eine
Pfarrstelle und schickte einen offenen Reuebrief ins Wieratal*).
Das Schreiben wurde in den Kirchgemeinden diskutiert und mit einem
Antwortschreiben an das Thüringer Landeskirchenamt gesandt, mit der Bitte,
beides zu veröffentlichen:
„Dahinter
stand die Erwartung: Da ist viel Unerledigtes, das muss noch einmal auf den
Tisch! Und der Bischof - Mitzenheim in Thüringen -
sagt: Wir legen es zu den Akten. Es war politisch nicht gewollt!“
Insofern darf man die kleine Dokumentation von
Joachim Krause als Anregung verstehen, sich doch noch einmal mit dieser
verdrängten Geschichte zu beschäftigen, um sie als Vergangenheit abzuschließen.
*) Richtigstellung: Hier irrt der
Rezensent. Leffler schrieb sein Schuldbekenntnis noch im Internierungslager in
Ludwigsburg, ohne zu wissen, was daraufhin geschehen würde. Eine neue
Pfarrstelle bekam er dann erst Jahre später – in der evangelischen Kirche in
Bayern.
Spuren der Schuld
Völkisch: Ein neues
Buch zeigt die Wurzeln der »Deutschen Christen« – sie liegen im
sächsisch-thüringischen Wieratal. Und sind kaum
bekannt. Die völkische Versuchung war damals groß – und blieb in der Kirche
lange unaufgearbeitet.
Von Matthias Caffier
Im ostthüringischen Wieratal,
nahe Meerane, entstand vor rund 90 Jahren eine kirchenpolitische Bewegung, die
nach 1933 deutschlandweit Bedeutung erlangte: die »Deutschen Christen«. Deren
Spuren hat der sächsische Theologe und frühere Umweltbeauftragte der
Landeskirche, Joachim Krause, sorgfältig verfolgt und recherchiert und in dem
Buch »Im Glauben an Gott und Hitler. Die »Deutschen Christen« aus dem Wieratal und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis 1945«
veröffentlicht.
Er wollte herauszufinden, »wie die Menschen im Wieratal die Zeit von 1933 bis 1945 erlebten (…), wo und
wie sie beteiligt gewesen [waren]«. Dabei nimmt die Wiedergabe von Dokumenten,
die für sich sprechen, breiten Raum ein.
Die Geburt dieser Bewegung ist eng mit zwei
befreundeten jungen Pfarrern aus Bayern verbunden: Siegfried Leffler und Julius
Leutheuser (beide Jahrgang 1900). Sie kamen 1927 nach
Thüringen in die Kirchgemeinden Niederwiera und
Flemmingen, traten zwei Jahre später in die NSDAP ein und verstanden es, die
Jugend, die Lehrer und die Bauern ihrer Dörfer in wenigen Jahren für den
Nationalsozialismus und die von ihnen ins Leben gerufene Bewegung der
»Deutschen Christen« zu begeistern. Ihr Credo: Eine erstrebenswerte »Synthese
zwischen Nationalsozialismus und Christentum« (Leffler).
Anfang der 1930er Jahre entstanden auch an anderen
Orten in Deutschland ähnliche Gruppierungen mit der Bezeichnung »Deutsche
Christen«. Die Thüringer Organisation aber »entwickelte sich in den Jahren 1933
bis 1939 zur reichsweit führenden Kraft«, zitiert Krause einen Historiker und
erinnert daran, dass die »Deutschen Christen« durch die Übernahme des
Arierparagraphen in die Kirchenverfassung den »Kirchenkampf« mit anderen
Gruppierungen innerhalb der evangelischen Kirche auslösten.
In kürzester Zeit änderten sich so die
innerkirchlichen Mehrheitsverhältnisse drastisch zugunsten der »Deutschen
Christen«. Deren beide Vorkämpfer, die Pfarrer aus dem Wieratal,
machen dabei schnell (Partei)-Karriere: Julius Leutheuser
ist seit 1937 stellvertretender Leiter der »Kirchenbewegung Deutsche Christen«
und dort zuständig für Propaganda; 1942 fällt er in Stalingrad. Siegfried
Leffler wird 1939 Leiter des eigens gegründeten »Entjudungsinstitutes«
in der Lutherstadt Eisenach. 1945 wird er verhaftet und für drei Jahre in
Ludwigsburg interniert, legt ein Schuldbekenntnis ab und kehrt danach in den
Dienst der bayerischen evangelischen Kirche zurück.
Joachim Krause hält diese zweite Chance für
problematisch, genau wie bei anderen thüringischen »deutsch-christlichen«
Pfarrern, mit denen ähnlich verfahren wurde.
In Thüringens Kirche gab es während der NS-Zeit
nicht nur die »Deutschen Christen«; das zeigte sich unter anderem bei den
Kirchenwahlen Anfang der 1930er Jahre, bei denen auch andere Kirchenparteien
beziehungsweise Wahllisten antraten. Als innerkirchlicher Gegner dominierend
wurde die »Bekennende Kirche« (BK), von der Krause ein
differenziertes Bild skizziert: Die BK sei bei weitem nicht so einheitlich und
stark gewesen, wie sie bis heute wahrgenommen wird. Um Relationen sichtbar zu
machen, nennt der Autor folgende Zahlen: »Eine Schätzung aus dem Jahr 1935
ergibt bei einem Bestand von 700 (Thüringer) Pfarrern im Amt 300 Mitglieder der
›Deutschen Christen‹, 160 der ›Bekennenden Kirche‹, 150 des ›Wittenberger
Bundes‹, 90 neutral.« Für die Zeit der Kriegsjahre 1939 bis 1945 konstatiert
Joachim Krause ein faktisches Ende des »Kirchenkampfes«, zumal das NS-Regime
damals »an einem Burgfrieden mit den Kirchen interessiert« gewesen sei.
Zu Recht bemängelt er trotz des 1945 gegebenen
kirchlichen Stuttgarter Schuldbekenntnisses eine bis heute weithin fehlende
Aufarbeitung der Mit-Schuld von Kirchen und Christen an den Verbrechen des
Nationalsozialismus. Deren bisher nur bruchstückhafte Aufarbeitung – nicht nur
die der »Deutschen Christen« – ist durch diese äußerst sorgfältige Publikation
um einen wichtigen, lesenswerten Beitrag bereichert worden.
Der Sonntag, Wochenzeitung für die
Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, 1.9.2018 https://www.sonntag-sachsen.de/2018/35/spuren-der-schuld
auch abgedruckt in: Glaube und Heimat, Mitteldeutsche Kirchenzeitung, 16.9.2018
Rezension von Joachim Krause, Im Glauben an Gott und Hitler. Die „Deutschen Christen“ aus
dem Wieratal und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis
1945
(eine kommentierte Dokumentation) (Markkleeberg:
Sax Verlag, 2018). Pp. 128. ISBN: 078-3-86729-212-2.
(Vierteljahresschrift für zeitgenössische
Kirchengeschichte, Band 24, Nummer 2 (Juni 2018)
Von Dirk Schuster, Universität Potsdam
Der
pensionierte Chemiker und Theologe Joachim Krause stieß, wie er einleitend
schreibt, eher zufällig auf das Thema des vorliegenden Buches. Unter Bezugnahme
auf das bekannte Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen
Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben stellte er fest, dass die
Ursprünge der Deutschen Christlichen Kirchenbewegung und ihres Instituts im
ostthüringischen Wieratal lagen, wo Krause (geb.
1946) aufwuchs. Da er nichts über die deutsch-christliche Kirchengeschichte
seines Heimatlandes wusste, begann er, die Deutsche Christliche Kirchenbewegung
– die mit Abstand radikalste und einflussreichste deutsch-christliche
Organisation während der Zeit des Nationalsozialismus – eingehend zu
erforschen.
Wie
der zweite Untertitel („eine kommentierte Dokumentation“) verrät, ist das Buch
eine beschreibende Darstellung der deutschen christlichen Kirchenbewegung mit
regionalem Schwerpunkt auf deren Ursprüngen im Wieratal
bei Altenburg. Der Autor schildert die Entwicklung chronologisch: Zunächst
beschreibt er, wie die beiden jungen Pfarrer Siegfried Leffler und Julius Leutheuser, vom Nationalsozialismus inspiriert, ab 1927
nach einem kleinen Kreis Gleichgesinnter suchten. Innerhalb weniger Jahre
entwickelte sich dieser Kreis zu einer der einflussreichsten innerkirchlichen
Bewegungen, die während der Zeit des „Dritten Reichs“ mehrere evangelische
Kirchen kontrollierte. Die theologische Weltanschauung der Kirchenbewegung war
eine Symbiose aus (protestantischem) Christentum und Nationalsozialismus, da
sie in Adolf Hitler und seiner Bewegung das direkte Wirken Gottes sah.
Die
von Krause beschriebenen Hauptentwicklungslinien,
insbesondere hinsichtlich der immer wieder zitierten Quellen, sind nicht neu.
Die Frühphase der Kirchenbewegung ist zumindest in ihren groben historischen
Umrissen durch die Veröffentlichungen von Susanne Böhm und Oliver Arnhold
bekannt. Hierin liegt die Einzigartigkeit von Joachim Krauses Buch: Es basiert
auf lokalen Quellen wie den Archiven der verschiedenen Pfarreien, in denen die
deutschen Christen ihre nationale Kirchenbewegung aufbauten. Darüber hinaus
kann er auf persönliche Aufzeichnungen von Einwohnern des Wieratals
aus der Zeit des Nationalsozialismus zurückgreifen. Mithilfe dieses
außergewöhnlichen Materials gelingt es Krause, die missionarischen Erfolge der
Kirchenbewegung unter den Einwohnern des Wieratals in
den ersten Kapiteln lebendig nachzuerzählen.
In
den folgenden Kapiteln über die Zeit des „Dritten Reichs“ unterlaufen Krause
jedoch einige inhaltliche Fehler: Dies beginnt mit falschen Datumsangaben (S.
63) und führt zu der Behauptung, die NSDAP habe 1937 die gleichzeitige
Mitgliedschaft in Partei und Kirche verboten (S. 82). Im Gegenteil: Walter
Grundmann, der wissenschaftliche Leiter des genannten Instituts und einer der
ideologischen Führer der Bewegung der Christlichen Kirche in Deutschland, ist
ein Paradebeispiel für eine Mitgliedschaft sowohl in der NSDAP als auch in der
Kirchenorganisation, die bis Kriegsende problemlos möglich war. Auch der
geheime Newsletter Martin Grundmanns von 1941 war keine Herausforderung der
NSDAP an die Kirchen oder gar das Christentum, sondern vielmehr der Versuch, eine
konsequente Trennung von Partei und Kirche zu erreichen, wie Armin Nolzen eindrucksvoll dargelegt hat. [1]
Im
letzten Kapitel kritisiert Krause überzeugend die Mythenbildung um einen
angeblichen kirchlichen Widerstand nach 1945 und zeigt auf, wie ehemalige
deutsche Christen vor Ort bis heute in guter Erinnerung bleiben. Im Kapitel zur
Kirchenpolitik des Nationalsozialismus nimmt Krause diese kritische Haltung
nicht ein, da er lediglich ältere Interpretationen der
Kirchengeschichtsschreibung wiederholt. Durch die Einbeziehung aktuellerer
Forschung zur Kirchengeschichte im „Dritten Reich“ hätten solche Fehlinterpretationen
vermutlich vermieden werden können. Wer jedoch mehr über die Anfänge der
deutschen christlichen Kirchenbewegung erfahren möchte, dem sei dieses Buch
wärmstens empfohlen, das an verschiedenen Stellen mit sehr interessanten
Quellen überrascht.
[1] Armin Nolzen,
„Nationalsozialismus und Christentum. Konfessionsgeschichtliche Befunde zur
NSDAP“, in Manfred Gailus, Armin Nolzen
(Hrsg.), Zerstrittene »Volksgemeinschaft«. Glaube, Konfession und Religion im
Nationalsozialismus (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011) 151–179.
Ein
Gedanke zu „ Rezension von Joachim Krause, Im Glauben
an Gott und Hitler. Die „Deutschen Christen“ aus dem Wieratal
und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis 1945“ von Kyle Jantzen
25.
Juni 2018 um 15:24 Uhr
Interessante
lokalgeschichtliche Perspektive. Das Verbot der Kirchenmitgliedschaft durch die
NSDAP könnte auf lokales Wissen zurückzuführen sein. Aus meiner Forschung zu
Kirchengemeinden in verschiedenen Teilen des Reiches weiß ich, dass 1937
mehrere Gemeindemitglieder zurücktraten, weil die NSDAP ihnen die Übernahme von
Leitungsämtern in Kirchen untersagte. Möglicherweise spielte sich etwas
Ähnliches auch im Wieratal ab.
REVIEW
OF JOACHIM KRAUSE, IM GLAUBEN AN GOTT UND HITLER. DIE “DEUTSCHEN CHRISTEN“ AUS
DEM WIERATAL UND IHR SIEGESZUG INS REICH VON 1928 BIS 1945
June 1, 2018·by the Editors·in
Reviews, Volume 24 Number 2 (June 2018) Contemporary
Church History Quarterly Volume 24, Number 2 (June 2018)
Strafe fürs Wieratal
Joachim Krauses Buch „Im Glauben an Gott und
Hitler“ erinnert an die Umbenennung von Engertsdorf
ALTENBURG/ENGERTSDORF. Vor 90 Jahren brach im Wieratal eine kirchliche Bewegung auf, die nach 1933
deutschlandweit Bedeutung erlangte – die Deutschen Christen. Dieses Kapitel der
Geschichte dieser Region war bislang unterbelichtet, obwohl es bis in heutige
Tage nachwirkt. Für Aufhellung sorgt ein Buch mit dem Untertitel „Die ,Deutschen Christen’ aus dem Wieratal
und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis 1945“. Autor ist der in Ehrenhain
geborene Joachim Krause. Die Deutschen Christen waren eine rassistische,
antisemitische, am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen
Protestantismus, die diesen von 1932 bis 1945 an die Ideologie des
Nationalsozialismus’ angleichen wollte.
In den Mittelpunkt seines Werkes stellt Krause
Siegfried Leffler und Julius Leutheuser – zwei junge
Pfarrer aus Bayern, die 1927 in die Kirchgemeinden Niederwiera
und Flemmingen kamen. Beiden gelang es in wenigen Jahren, Lehrer, Jugend und
Bauern in ihren Dörfern für den Nationalsozialismus und für die Deutschen
Christen zu begeistern. In den Kirchgemeinden ersetzte eine neue „zeitgemäße
deutsche Gottesfeier“ den herkömmlichen Gottesdienst. Leffler stieg 1939 zum
Leiter des sogenannten Entjudungsinstituts in
Eisenach auf, das die Aufgabe hatte, alles Jüdische aus Theologie, Kirchenmusik
und Gemeindeleben auszutilgen. Während Leutheuser im
Krieg fiel, arbeitete Leffler ab 1951 bis 1970 wieder als Pfarrer bei
Regensburg und bekam von der Stadt Hengersberg sogar die Ehrenbürgerschaft
verliehen.
Der Autor widmet sich allerdings nicht allein den
christlichen Würdenträgern im Wieratal, sondern auch
bekannten Lehrern, die Leffler und Leutheuser und den
Nazis nacheiferten und sich sowohl in der NSDAP als auch bei den Deutschen
Christen engagierten. Ihr Agieren im Hitler-Reich wird ebenso beleuchtet wie
deren Schicksal nach Kriegsende. Dabei fand der Autor heraus, dass einige der
Aktivisten glimpflich davonkamen und zum Teil nach 1945 wieder als Lehrer
arbeiten durften. Nachgegangen wird ebenso, wie die Kirchgemeinden des Wieratals selbst mit ihrer jüngeren Geschichte umgingen. So
wird deutlich, dass auch nach 1945 viele Würdenträger der Kirchgemeinden
belastet waren. In Frohnsdorf zum Beispiel waren von
13 Kirchvorstehern 11 Mitglieder der NSDAP und alle 13 Mitglied der Deutschen
Christen, wie Krause herausfand.
Gern hätte der Autor sich auch intensiver mit dem
Schicksal der Bauern aus dem Wieratal nach 1945
befasst, stieß jedoch auf eine Mauer des Schweigens. „Unsicherheit, Scham und
Angst vor dem Bloßstellen von Verwandten oder Nachbarn sind wohl auch mehr als
70 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur noch zu stark“, vermerkt Krause.
Dennoch gelang ihm, eines der spannendsten Kapitel
dieser Gegend zu beleuchten. Dieses hängt mit dem Bauern Kurt Trenkmann zusammen, der 1933 als Bürgermeister von Hinteruhlmannsdorf veranlasste, Adolf Hitler die
Ehrenbürgerschaft der Gemeinde zu verleihen und als aktives Mitglied der
Deutschen Christen mit dazu beitrug, dass das „braune Hinteruhlmannsdorf“
1950 zur Strafe seinen Namen verlor und in Engertsdorf
umbenannt wurde. Namenspate war der 1945 ermordete Kommunist und
Widerstandskämpfer Otto Engert, der aus Prößdorf im Altenburger Land stammte.
Kurt Trenkmann kam im Oktober 1945 im sowjetischen
Internierungslager „Nr. 2“, dem ehemaligen KZ Buchenwald, um. Sein Besitz wurde
enteignet. Ein Thema, was dessen Familie und den Ort Engertsdorf
selbst bis heute beschäftigt. Trenkmann und drei
anderen Einwohnern ist seit 2006 eine Erinnerungstafel in der Kirche Frohnsdorf gewidmet: „Im Gedenken an die unschuldigen Opfer
des stalinistischen Terrors“.
Jens Rosenkranz, Osterländer Volkszeitung, Altenburg, 13.9.2018, S.14
Info 22, Februar 2919, Zeitschrift des
Sächsischen Pfarrvereins e. V.
Gespräch mit dem Buchautor Joachim Krause aus Schönberg
Joachim Krause war von 1982 bis 2010 Beauftragter für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt der Evangelischen Landeskirche in Sachsen.
Herr Krause, vielen Pfarrern und Gemeindegliedern in der Sächsischen
Landeskirche ist Ihr Name noch aus Ihrer Dienstzeit ein Begriff. Sie waren
aktives Mitglied der kirchlichen Umweltbewegung in der DDR, haben ein
Fernstudium der Theologie absolviert und sind Textdichter für
DDR-Rockmusikgruppen wie z.B. Lift, Panta Rhei und die Puhdys gewesen.
2018 erschien Ihr Buch „Im Glauben an Gott und Hitler – Die ‚Deutschen
Christen‘ aus dem Wieratal und ihr Siegeszug ins
Reich von 1928 bis 1945“. Welche Erfahrungen oder Erlebnisse haben Sie auf
diesen Weg gebracht?
Ich hatte mich zuvor einige Jahre lang intensiv mit einem unerwarteten „Erbe“ meiner Eltern – einem späteren sächsischen Pfarrerehepaar – auseinandergesetzt. Fast zweitausend Briefe, die sie sich ein den Jahren zwischen 1933 und 1945 geschrieben hatten, dazu Tagebücher und Urkunden, erwiesen sich als authentische Zeugnisse zur Zeitgeschichte, augenblicksbezogen im Originalton niedergeschrieben. Ich bin beim Lesen noch einmal tief in das Geschehen, das Erleben, den Alltag in der NS-Zeit eingetaucht, habe die (damals) jungen Leute in ihrer Begeisterung, ihrem Suchen und Zweifeln begleitet. Ich lernte „Fremde Eltern“ kennen (so der Titel des Buches, das ihren Weg dokumentiert).
Die Aufarbeitung der familiären Vergangenheit hatte mich sensibilisiert. Auf der Buchmesse blätterte ich in einer Dokumentation, in der Gymnasiasten der Geschichte des (kirchlichen!) sogenannten „Entjudungsinstitus“ in der Lutherstadt Eisenach nachgegangen waren. Nie hatte ich davon gehört. Beim Weiterlesen entdeckte ich, dass der Leiter dieser unsäglichen Einrichtung Siegfried Leffler gewesen war, zuvor tätig als Pfarrer in Niederwiera, wo er schon Anfang der 1930er Jahre die dem Nationalsozialismus nahe stehenden „Deutschen Christen“ (DC) gegründet hatte. Niederwiera aber – das war mein Nachbardorf! In den vielen Jahren, die ich in der Region gelebt hatte, war diese hoch brisante Vergangenheit unserer Dörfer weder in privaten Gesprächen noch in den Kirchgemeinden jemals thematisiert worden – vergessen, verdrängt? Ich ging auf Spurensuche, wollte wissen und verstehen, wie die Menschen hier im verträumten Wieratal diese Jahre erlebt hatten, zwischen Verführung und begeistertem Mittun, Wegsehen und Schweigen.
Die im Buch beschriebene historische Situation greift durch den Weg der
beiden Pfarrer Siegfried Leffler und Julius Leutheuser
die Verflechtung der Thüringer und der Sächsischen Landeskirche auf. Wie
spiegelt sich das in der Kirchengeschichte beider Landeskirchen wider?
Die beiden jungen und charismatischen Pfarrer kamen aus der bayerischen Kirche, wo sie wenig Verständnis für ihr „völkisches Christentum“ gefunden hatten, in Dörfer an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Es gelang ihnen in kurzer Zeit, viele der Kirche entfremdete Menschen (wieder) für Kirche und Christentum zu gewinnen, allerdings in einer „deutsch-nationalistisch-christlich-schwärmerischen“ Variante. Durch ihre „modernen“ und „zeitgemäßen“ Angebote („Volksnähe“, neue Lieder, Veranstaltungen außerhalb kirchlicher Räume) begeisterten sie in systematischer Aufbauarbeit und im Bündnis mit den Volksschul-Lehrern zunächst die Jugendlichen, schnell aber auch die Mehrheit der Gemeindeglieder. Sie gründeten eigene NSDAP-Ortsgruppen, riefen im Wieratal (als erste in Deutschland) die Bewegung der „Deutschen Christen“ ins Leben, und erreichten bei den von Hitler 1933 angeordneten Kirchenwahlen im Thüringer Kirchenparlament fast 90% der Sitze. In den folgenden Jahren entwickelte sich diese Strömung deutschlandweit zur führenden „deutsch-christlichen“ Kraft. Auch in der benachbarten sächsischen Landeskirche wurde 1933 ein DC-Bischof eingesetzt.
In beiden Landeskirchen hat es eine intensive kritische Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der Frage von Schuld und Verstrickung von Kirchenleitungen, Pfarrern und Kirchgemeinden in der NS-Zeit (z. B. Stellung zu den Juden, Leisten des Treueids auf den Führer, Mitmachen und aktives Eintreten für den NS) bis heute nur in Ansätzen gegeben. Zu schnell war von Vergeben und Neuanfang die Rede, wurde Belastendes verdrängt und vergessen.
In vielen Kirchgemeinden gibt es bis heute „Fehlstellen“: Bilder der damals „aktiven“ Pfarrer, Überlieferungen aus den Jahren der NS-Zeit sind nicht vorhanden, Akten verschwunden, noch heute ist die Scheu spürbar, nach den Geschehnissen jener Zeit zu fragen.
Sind Belege zum Verhältnis zwischen den Pfarrern, die sich den
Deutschen Christen (DC) angeschlossen haben und denen der Bekennenden Kirche
(BK) erhalten geblieben?
Vor Ort hat es wohl keine Auseinandersetzungen zwischen Pfarrern der BK und der DC gegeben. Einzelne Familien im Wieratal jedoch haben die mit NS-Symbolen dekorierte Kirche in ihrem Dorf 12 Jahre lang nicht betreten und haben den Gottesdienst beim Altenburger BK-Pfarrer besucht.
Zur „Bekennenden Kirche“, zu der auch mein Vater gehörte, habe ich eine deutlich kritischere Einstellung gewonnen. Sie war keine Bewegung im politischen Widerstand gegen das NS-Regime, zu der sie in der kirchlichen Nachkriegsgeschichtsschreibung gern verklärt wurde, sondern (auch in der Wahrnehmung der Nationalsozialisten) eine inner-kirchliche Gegenbewegung zu der „Irrlehre“ der DC. Die BK war theologisch konservativ ausgerichtet (Orientierung an „Schrift“ und „Bekenntnis“) und trat dem nationalsozialistischen Gedankengut lediglich mit kritischen Argumenten aus Bibel, Kirchengeschichte und Theologie entgegen. Auch viele BK-Pfarrer leisteten den (staatlicherseits nicht verlangten) Treueid auf Adolf Hitler. Die BK äußerte sich erst spät und nicht klar zur Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. In der grundlegenden „Barmer Theologischen Erklärung“ kamen die Stichworte „Rasse“ und „Juden“ nicht vor (hier war die BK keine bekennende, sondern eine schweigende Kirche). Zwischen den DC und BK hat es in der Bejahung der Nazis als Obrigkeit nach Römer 13 keinen Unterschied gegeben. Beide haben den Nationalsozialismus als neue staatliche Ordnung akzeptiert.
Welche Erkenntnisse konnten Sie über die Beziehung der Deutschen Christen zur NSDAP gewinnen?
In der Regel bestand wohl bei den meisten politisch und kirchlich „aktiven“ Männern in den Dörfern eine – als selbstverständlich erlebte – Doppelmitgliedschaft. Jesus wurde von DC-Ideologen zum Arier stilisiert, und im Gegenzug setzten sich die DC – unter Bezugnahme auf Luther! – „für die Beseitigung alles jüdischen und fremdvölkischen Geistes in den kirchlichen Lehr- und Lebensformen“ ein. Das Parteiprogramm der NSDAP sprach sich für ein „positives Christentum“ aus. Leutheuser meinte, dass „der einzige Retter der Sache Christi nur in der Persönlichkeit Adolf Hitlers zu suchen sei“, das deutsche Volk solle „der Hort der himmlischen Mächte auf Erden sein“. Die euphorische Anbiederung der DC an die politischen Machthaber (Übernahme des Führerprinzips, Verwendung von NS-Symbolen) stieß nicht unbedingt auf Gegenliebe und führte ab 1937 zu immer deutlicherer Distanz und Abgrenzung der NSDAP auch gegenüber den DC.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es in den Kirchen viel
Mitschuld aufzuarbeiten. Welchen Weg gab es für Siegfried Leffler und Julius Leutheuser?
Leutheuser war 1942 vor Stalingrad umgekommen. Leffler wurde bei Kriegsende von den Amerikanern in Ludwigsburg interniert. Er wurde zu Arbeitslager und Geldstrafe verurteilt und auch aus dem kirchlichen Dienst entlassen. Im Lager schrieb er 1947 ein Schuldbekenntnis, das in einer kirchlichen Zeitschrift in Süddeutschland veröffentlicht wurde. Darin setzte er sich intensiv mit seiner Schuld auseinander („verhängnisvoller Irrweg“), besonders auch der gegenüber dem jüdischen Volk, er bereute und bat alle, denen er Leid angetan hatte, um Verzeihung. Nach meiner Ansicht sind seine Einsichten nicht dem Opportunismus geschuldet, sondern ein ehrlicher, schonungsloser Versuch für Klärung und Neuanfang, ein bewegendes Dokument, wie vielleicht der Weg frei gemacht werden konnte für eine Aufarbeitung. Leider war eine solche aber seitens der Thüringer Landeskirche nicht gewollt, und der Brief Lefflers wurde nicht, wie vorgeschlagen, in der Thüringer Kirchenzeitung „Glaube und Heimat“ veröffentlicht, sondern verschwand, zusammen mit einer Stellungnahme seiner früheren Kirchgemeinde, in den Akten. Leffler war später, von 1953 bis 1970, wieder Pfarrer, nun in Bayern. Nationalsozialistisch belastete Pfarrer wurden im Regelfall nach milden innerkirchlichen Verfahren „entnazifiziert“, schlimmstenfalls wenige Jahre vom Dienst suspendiert und danach oft weiter beschäftigt.
Gibt es Spuren der beiden im Wieratal und wie
gehen die Gemeinden heute mit diesem historischen Erbe um? Sind noch
Originalpredigten oder andere schriftliche Zeugnisse aus dieser Zeit erhalten?
Den beiden Pfarrern ist es gelungen, dem „Wieratal“, wie sich die Akteure der Bewegung nannten, ein Wir-Gefühl, ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln. Der Stolz, zum „braunen Wieratal“ zu gehören, wich einem schrecklichen Erwachen, als nach 1945 unter sowjetischer Besatzung im Wieratal Bauernhöfe enteignet, örtliche Amtsträger der NSDAP in dem nun sowjetischen Lager Buchenwald interniert wurden oder nach Sibirien kamen. Diese eigenen schlimmen Erfahrungen nach dem Krieg verdrängten schnell die Fragen zur früheren Begeisterung, zu Mitwisserschaft oder Schweigen, zu möglicher Verstrickung und Schuld in der NS-Zeit. In den Familien und in den Kirchgemeinden wurde kaum über diese Jahre gesprochen, es gibt bis heute einfach keine Erinnerungen, tabu. Die nüchternen Protokolle von Kirchenvorstandssitzungen (darin stehen Beschlüsse und Namen), der Blick in Fotoalben oder Lebensberichte von Zeitzeugen eröffnen dennoch manche Erkenntnis.
Kirchengeschichte ist ein andauernder Prozess, weil stets neue
Generationen heranwachsen und die Geschichte weiterschreiben. Wie sehen Sie
Aufgaben für die heutige Pfarrergeneration, dieses Thema zu bearbeiten?
Ich denke, dass es wichtig wäre, aus den Verfehlungen (im Rückblick, die Menschen damals lebten nach vorn und kannten das schlimme Ende nicht!) früherer Generationen Lehren zu ziehen. Man sollte sich der Vergangenheit stellen, zur Kenntnis nehmen, was damals in den Familien und in den Kirchgemeinden geschehen ist, nüchtern, ohne Bewertungen oder (voreilige) Verurteilung der Akteure. Also ran an die Archive, rein in Zeitzeugengespräche! Und den Spagat wagen zwischen Rückbindung an das „Eigentliche“ und Wesentliche des christlichen Glaubens und dem Wahrnehmen und Einmischen in die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit da „draußen“.
An welchen Projekten arbeiten Sie heute? Haben Sie ein weiteres Buch
geplant?
Ich vergrabe mich gerade in die Tiefen von Regional- und Heimatgeschichte, versuche zu verstehen, wie Leben auf dem Lande früher funktioniert hat, mit welchen Problemen die Altvorderen zurechtkommen mussten, was sie als Glück erlebt haben, und wie sie den Weg hin zu uns begehbar gemacht haben. Da bin ich manchmal dankbar dafür, dass uns heute VIEL und VIELES so selbstverständlich zur Verfügung steht, und manchmal beneide ich die Alten um ihr so einfaches, genügsames und in Regeln geführtes Leben.
Ich bedanke mich herzlich für das interessante Gespräch und wünsche
Ihnen weiterhin viele gute Ideen und Gottes Segen bei allen Aufgaben
! (GS)
Das Buch „Im Glauben an Gott und Hitler“ gewann im Oktober 2018 den 2.
Hauptpreis beim „Sächsischen Landespreis für Heimatforschung“.
Das Buch „Fremde Eltern“ (das im Interview erwähnt wird und in dem es
um ein sächsisches Pfarrerehepaar geht) wurde im Dezember 2018 mit dem 1. Preis
beim mitteldeutschen Historikerpreis „Ur-Krostitzer Jahresring“ ausgezeichnet.
Joachim Krause kommt
gern als Referent zum Thema der „Deutschen Christen“ in Kirchgemeinden und
Pfarrkonvente. Ausführlichere Informationen finden Sie über dieses und weitere
seiner Arbeitsthemen unter: www.krause-schoenberg.de